5. In Bezug auf die sechste Wahrnehmung.

[446] Diese betraf die überwiegende Sinnlichkeit der Menschen. Wir haben angemerkt, daß Keiner, wer er auch sein mag, völlig frei davon sei; daß sie sich in alle unsere Vorstellungen dränge, in alle unsere Berathschlagungen mische, auf alle unsere Entschließungen Einfluß habe, und daß sie, je nachdem sie befriediget oder nicht befriediget wird, uns den Verstand und das Herz der Menschen zu öffnen oder zu verschließen pflege. Hieraus fließen denn abermahls folgende Klugheitsregeln:


1. Bei allem, was du den Menschen zumuthest, besonders wenn es von der Art ist, daß es Anstrengung oder Aufopferungen erfodert, wozu sie entweder nicht eigentlich verpflichtet sind, oder nicht gezwungen werden können, sorge ja dafür, daß ihre Sinnlichkeit, d.i., ihre Begierde nach[446] angenehmen sinnlichen Empfindungen, entweder zuerst befriediget werde, oder daß sie die gewünschte Befriedigung am Ziele erblicken mögen. Bei gemeinen Leuten kann ein Glas Branntewein, eine Flasche Bier und dergleichen, in Fällen, wo sie ihre Kräfte ungewöhnlich stark anstrengen sollen, zu rechter Zeit gespendet, Wunder thun; dahingegen es nicht halb die Wirkung haben würde, wenn man ihnen den doppelten Werth dieser Erquickung in Gelde geben wollte. Gebildeten Leuten kann man nun freilich keinen Branntewein anbieten, ihnen überhaupt nicht mit Erbietungen so geradezu auf den Leib gehen: aber es gibt der Mittel, wie der Arten, unschuldiges sinnliches Vergnügen zu gewähren, mehr; nur daß man bei der Auswahl derselben klug genug sein muß, Personen und Umstände gehörig zu unterscheiden.

Da ich zu dir, mein Kind, dem ich bekannt bin, und welches mir bekannt ist, in diesem Buche rede: so glaube ich kaum nöthig zu haben, die Bedingung hinzuzufügen, unter der ich die Anwendung dieser, wie aller ähnlichen Klugheitsregeln für rechtmäßig halte und dir empfehle. Indeß um Derer willen, welche uns beide nicht so gut, als wir einander kennen, und welche Mißbrauch davon machen könnten, stehe sie hier! Ich setze dabei voraus, daß man keine[447] andere, als rechtmäßige und gute Zwecke, ohne irgend eines Menschen Schaden erreichen wolle, und daß die Art, wie wir die Schwächen unserer Nebenmenschen zur Erreichung solcher Zwecke benutzen, in jedem Betrachte unschuldig und unschädlich sei. Nur unter dieser Bedingung ist es erlaubt und weise, aus den Schwachheiten der Menschen Vortheil zu ziehen; in jedem andern Falle würde es unedle Arglist und schändlicher Betrug sein. Dis zur Warnung für Mißbrauch; und nun wieder zurück zu unserm Gegenstande!


2. So oft du unangenehme Dinge mit jemand zu verhandeln haben wirst, wähle dazu, sofern es in deiner Macht steht, allemahl solche Augenblicke, wo das Gemüth des Andern durch irgend einen angenehmen sinnlichen Genuß zur Heiterkeit und Freude gestimmt ist. Auf einem Spatziergange bei lieblichem Wetter, kurz nach Anhörung einer entzückenden Musik, oder unter andern das Herz erfreuenden sinnlichen Genüssen, zeigen sich uns die Dinge in ganz anderer Gestalt und unter ganz andern Farben, als wenn unangenehme Eindrücke die Seele verdüstert, das Herz zusammen gezogen haben. Jenes sind also die Zeiten, die man klüglich wählen muß, wenn es darauf[448] ankommt, Mißverständnisse aufzuklären, Feindschaften vorzubeugen oder sie zu beendigen, unangenehmen Rath zu ertheilen, verdrießliche Geschäfte jeder Art auseinander zu setzen und abzuthun. Wer diese Vorsicht nicht anwendet, nicht die Zeiten unterscheidet, da die Menschen mehr oder weniger auflegt sind, unangenehme Vorstellungen zu ertragen, der wird oft den Verdruß erleben, nicht bloß seinen Zweck bei ihnen zu verfehlen, sondern auch aus kleinen glimmenden Funken von Mißverständnissen oder Mißhelligkeiten eine fürchterliche Feuersbrunst auflodern zu sehn. Dis er innert mich an eine andere Klugheitsregel, welche mir der obigen genau zusammenhängt. Sie ist folgende.


3. Hast du das Unglück, daß zwischen dir und Andern Mißverständnisse entstehn, – welches im menschlichen Leben, auch unter den besten Menschen, nun einmahl unvermeidlich ist – – hüte dich, wenn du es ändern kannst, sie schriftlich aufklären und beilegen zu wollen; sondern wähle dazu, so oft du zu wählen hast, allemahl eine persönliche Zusammenkunft und die mündliche Unterredung. Wer diese aus vielfältigen Erfahrungen abgezogene Regel vernachlässiget, mit dem kann man zehn gegen eins wetten, daß es ihm gereuen werde. Der gute[449] Grund, worauf sie beruhet, ist folgender. Vermöge der sinnlichen Denkungsart der Menschen, sehen sie eine Sache nie bloß mit dem Verstande an, und beurtheilen sie nie nach reinen Vernunftgründen. Ihr sinnliches Vorstellungsvermögen und besonders ihre immer rege Einbildungskraft mischen sich in alles. Bei Lesung eines Briefes denken wir daher nie bloß an den Inhalt desselben, sondern die abwesende Person, die ihn schrieb, schwebt uns dabei zugleich, und zwar in derjenigen Gestalt vor, die mit den Empfindungen und Gesinnungen übereinkommt, von denen wir uns gerade gegen sie beseelt fühlen. Waltet nun irgend ein Mißverständniß zwischen ihr und uns ob; fühlen wir also beim Empfange eines Briefes von ihr schon irgend etwas Unangenehmes: so ermangelt unsere Einbildungskraft nie, dieses Unangenehme auf das Bild der abwesenden Person, welches sie uns vorspiegelt, überzutragen. Wir sehen sie daher im Geiste mit Mienen, Blicken und Geberden, und hören im Geiste einen Ton ihrer Stimme, wodurch das, was wir nun von ihr lesen, einen ganz andern Sinn und einen ganz andern Nachdruck erhält, also auch eine ganz andere Wirkung auf uns macht, als die nämlichen Worte, mündlich ausgesprochen, gehabt haben würden. Daher kommt es denn auch, daß dergleichen schriftliche Auseinandersetzungen ihren Zweck gemeiniglich ganz verfehlen, statt zu berichtigen gemeiniglich nur noch mehr verwirren, statt zu besänftigen gemeiniglich[450] nur noch mehr erbittern. Wie viel sicherer ist in solchen Fällen der Weg der mündlichen Verhandlung! Wie viel vortheilhafter der Eindruck, den unsere Vorstellungen machen, wenn sie von einer freundlichen, gutmüthigen Miene, von einem sanften Tone der Stimme und von einem freundschaftlichen Drucke der Hand begleitet werden! Wenn wir dem Andern dabei nicht Zeit lassen, irgend einer unangenehmen Nebenvorstellung nach zu hangen oder mit seiner Einbildungskraft von den Gründen, die wir ihm vorlegen, abzuschweifen! Wenn wir diesen Gründen selbst, durch unverstellte Aeußerungen unsers wahren Gefühls, Kraft und Leben einhauchen, die der todte Buchstab nicht gehabt haben würde! O es ist für Jeden, der es noch nicht versucht hat, unglaublich, wie viel mehr man auf diese Weise zur Besänftigung der menschlichen Gemüther vermöge, als durch die lichtvollsten schriftlichen Auseinandersetzungen! – Laß mich hermit folgende noch allgemeinere Regel vebinden, welche auf die Sinnlichkeit der Menschen gleichfalls eine nahe Beziehung hat.


4. Wende dich überhaupt, so oft du die Menschen zu überzeugen und zu bewegen wünschest, mehr an ihre sinnliche, als an ihre geistige Natur, mehr an ihr sogenannte Herz – Empfindungsvermögen[451] und Einbildungskraft – als an ihre höheren Seelenkräfte – Verstand und Vernunft. Der Mensch ist nun einmahl – sei er übrigens wer er welle, und strotze er übrigens von angeblicher Weisheit noch so sehr – ein sinnliches und empfindendes Wesen, und will daher auch als ein solches behandelt sein. Wer ihn kennt, rechnet daher auf alle höhere Bewegungsgründe, welche nur von der Vernunft gefaßt werden können, in den meisten Fällen so viel als nichts, und bauet seine stärksten Hoffnungen vielmehr auf solche Vorstellungsarten, welche unmittelbar an die Empfindungen und an die Einbildungskraft gehen. Jene braucht er in den meisten Fällen nur, um die Eitelkeit der Menschen auf seine Seite zu bringen, und sie glauben zu machen, daß sie das Gute, wozu man sie zu bewegen sucht, nicht aus niedrigen, sondern aus lauter erhabenen und edlen Bewegungsgründen wollen. Der Mensch täuscht sich hierüber selbst so gern! Man gönne ihm diese Freude; denn sie ist wohlthätig für seine sittliche Natur: nur blicke man dabei tiefer in sein Herz, als er es selbst vermag, und unterscheide darin die wirklich wirksamen Triebfedern, von denen, welche den Namen dazu hergeben müssen.


5. Vermeide in dem Umgange mit Menschen, besonders aus den höhern und feinern Klassen,[452] sorgfältig alles, was auf eine unangenehme oder gar ekelhafte Weise in die Sinne fällt. Denn man sei von Geist und Herzen noch so liebenswürdig, und lasse sich dabei etwas Widerliches und Ekelhaftes in seinem Aeußerlichen zu Schulden kommen: so wird um uns fliehen oder unsere Gegenwart, wie alles, was wir sagen oder thun, mit Widerwillen ertragen. Ich will hier zur Erläuterung nur einer einzigen höchst unangenehmen Nachlässigkeit erwähnen, deren sich viele Menschen, sogar in feinern Gesellschaften, häufig schuldig machen, und wodurch sie Jedem, dem sie sich nähern, äußerst beschwerlich fallen. Das ist die vernachlässigte Reinigung des Mundes und der Zähne. Ich sage dir nicht, wie oft mir dieser Umstand, wenn ich ihm nicht ausweichen konnte und das Widerliche davon auf mich wirken lassen mußte, den klaren Angstschweiß ausgepreßt hat; aber ich bitte dich, auf dein eigenes Gefühl in einer so peinvollen Lage zu achten, und dann, wo nicht aus christlicher Liebe und Barmherzigkeit, doch um deines eigenen Vortheils willen, zu verhüten, daß in diesem Stücke Andern nie das Vergeltungsrecht von dir widerfahre. Genug von einer Sache, in die man, ohne Ekel, nicht einmahl denken kann.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 446-453.
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