4. In Bezug auf die vierte und fünfte Wahrnehmung.

[435] Nach der ersten haben wir uns überzeugt, daß die Menschen höchstselten aus Grundsätzen, sondern vielmehr gewöhnlich theils aus Temperament, theils aus Trägheit, theils aus Gewohnheit, theils endlich und vornehmlich aus Bedürfnissen handeln, welche durch die Lage und Umstände, worin sie sich befinden, dringend gemacht werden. Nach der andern haben wir erkannt, daß die Menschen einerseits nach ihren besondern Vorstellungsarten urtheilen, und daß andrerseits jene Vorstellungsarten, mithin auch die daraus entspringenden Urtheile, Neigungen, Abneigungen und Handlungen ursprünglich nicht von ihrer eigenen Wahl, sondern von den Lagen und Umständen abhängen, worin sie sich, von ihrer Geburt an bis auf den gegenwärtigen Augenblick, befunden haben. Hieraus ergeben sich nun folgende Weisheitsregeln, die, nach dem, was bei obigen Wahrnehmungen schon umständlich genug auseinandergesetzt worden ist, nur angezeigt, nicht bewiesen zu werden brauchen:


1. Sei nachsichtsvoll bei den Fehlern und Irrthümern deiner Nebenmenschen. Um dir die Ausübung dieser so menschlichen Pflicht zu erleichtern, sage oft zu dir selbst: wenn ich von eben den Eltern und unter eben den Umständen geboren wäre, wie dieser,[436] wenn ich also einerlei körperliche Beschaffenheit, einerlei Erziehung, einerlei Schicksale mit ihm gemein gehabt hätte, und wenn ich dem zufolge auch jetzt mit ihm mich in völlig einerlei Lage befände: so ist nichts wahrscheinlicher, als daß ich auch völlig eben so denken und eben so handeln würde, als er. Ist es mein Verdienst, daß mir in Ansehung aller der genannten Stücke etwas Besseres ward, als ihm; oder ist es seine Schuld, daß es ihm nicht eben so gut, als mir, geworden ist? Dieser wahre Gedanke wird, so oft du ihn recht lebhaft in dir wirst werden lassen, gleich einem niederschlagenden Pulver, die plötzlichen Aufwallungen deines Unwillens dämpfen, und dir sanfte, schonende und milde Gesinnungen einflößen.


2. Suche, was dich selbst betrifft, Herr deines Temperaments und der allen Menschen eigenen Trägheitskraft zu werden; wache über dich selbst, daß du keine Gewohnheiten annehmest, welche dich hindern können, deinen Grundsätzen gemäß zu handeln, und, vor allen Dingen, mache dich so bedürfnißfrei, als deine Mitmenschen es dir nur immer erlauben wollen. Daß man es in allen diesen tugendhaften Bestrebungen bis zu einem hohen Grade von Vollkommenheit bringen könne, sobald man es nur früh genug und ernstlich[437] genug darauf anlegt, lehrt die Erfahrung; weil es wirklich von Zeit zu Zeit Menschen, wiewol nur in geringer Anzahl, gegeben hat, welche durch unablässige Aufmerksamkeit auf sich selbst diese Höhe von Tugend und Glückseligkeit wirklich erreichten. Dir aber, mein Kind, möchte ich gern den schönen Stolz, oder besser, das edle Gefühl deiner selbst zutrauen, daß du nie an deinen Kräften verzweifeltest, wenn es darauf ankommt, einen Grad von Vollkommenheit zu erreichen, welcher gewöhnlichen Menschenkräften, nur von ungewöhnlichem Willen angefeuert, erreichbar ist. Schande über die kleine furchtsame Seele, welche an dem, was ihres Gleichen möglich war, verzweifelt, noch ehe sie einen herzhaften Versuch zur Nachahmung gewagt hat!


3. Schließe nie aus dem, was jemand für seine Grundsätze ausgibt, auf die Art, wie er sich bei dieser oder jener Gelegenheit nehmen werde; sondern ziehe dabei allemahl theils die allgemeine menschliche Natur, theils den besondern Karakter des Menschen, theils die Art und Weise zu Rathe, wie er bei ähnlichen Gelegenheiten sich zu nehmen pflegte. Diesen letztgenannten Beobachtungen traue du allemahl mehr, als dem, was Jemand von seiner Denkungs- und Empfindungsart selbst zu[438] rühmen oder zu bekennen für gut finden wird: du würdest dich sonst oft ganz ausnehmend betrogen finden. Sagt dir, z.B., Jemand: er könne Scherz, Spott und Tadel jeder Art ertragen, weil er den Grundsatz habe, daß man so etwas nie übel nehmen müsse: hüte dich, ihn beim Wort zu fassen-, um dich auf der Stelle über ihn lustig machen zu wollen: Zwar kann es manche Saite des Lächerlichen geben, die du ohne Gefahr, ihn zu erzürnen, berühren darfst; aber triffst du unglücklicher Weise die rechte, die, wo er wirklich Spott und Tadel verdient: so will ich alles verloren haben, wenn sein angeblicher Grundsatz dich nur einen Augenblick vor seinem Unwillen sichern wird. Sagt ein Anderer: er sei gewohnt, mehr für seine Freunde als für sich selbst zu sorgen, und er habe den Grundsatz, daß man seinen eigenen Vortheil dem Vortheile seines Freundes nachsetzen müsse: hüte dich, auf diese schöne Gesinnung in Ernst zu rechnen und bei Gelegenheit Gebrauch davon machen zu wollen! Du würdest dich sicher gröblich getäuscht finden.

Merke dir hierüber folgende allgemeine Erfahrung, die ohne Ausnahme gilt:


Je erhabener die Gesinnungen und Grundsätze sind, die jemand für die seinigen ausgibt, desto weniger muß man sie ihm zutrauen.
[439]

Denn, glaube mir, liebe Tochter, wer sich wirklich durch Grundsätze und Handlungsweisen über die gemeine Menschen-art erhebt, der ist der Letzte von Allen, die davon reden, ich möchte sagen, er ist der Letzte, der dis an sich selbst bemerket. Wahrer Edelmuth ist nicht nur immer bescheiden, sondern glaubt auch nie, schon etwas Vorzügliches erreicht oder gethan zu haben, ungeachtet er sich des unablässigen Bestrebens nach etwas Vorzüglichem gar wohl bewußt ist. Von diesem wird man also niemahls, sicher niemahls, wahrnehmen, daß er schöne oder erhabene Gesinnungen zur Schau auslegt. Er wird es, und zwar ohne geheuchelte Bescheidenheit, nicht einmahl an sich kommen lassen, daß er sie besitze, wenn Andere sie an ihm zu bemerken glauben. So weit ist er von allem Dünkel, so weit von allem, was Pralerei heißt, entfernt! Also überall, wo dergleichen edle und großmüthige Grundsätze und Gesinnungen öffentlich ausgehängt werden, da vermuthe, wo nicht gar das Gegentheil – welches häufig genug zutrifft – doch wenigstens eine erbärmliche Leere.


4. Am wenigsten rechne bei dem größten Theile der Menschen auf die Wirksamkeit ihrer religiösen und sittlichen Grundsätze. Dis klingt hart; ich fühle es: aber es ist nichts destoweniger in der Erfahrung[440] nur zu gut gegründet. Wie könnte es auch anders sein? So lange, vermöge eines höchstfehlerhaften Unterrichts, Religion und Tugendlehre in den Köpfen der Menschen von einander getrennt bleiben werden; so lange man nur jene für etwas Göttliches und Unentbehrliches, diese für etwas Menschliches und allenfalls Entbehrliches halten wird; so lange man jene nur in gewisse unfruchtbare, oft gar nicht verstandene und verstehbare Glaubenssätze (Dogmen) und in leere Gebräuche ohne Sinn und Kraft zu setzen fortfahren wird; so lange man unverständig genug sein wird, das Glauben vom Thun zu trennen, und jenem eine seligmachende Kraft beizumessen, die es doch nur erst durch dieses erhalten kann; so lange Religion und Tugendlehre in einem Alter, wo die meisten Wörter, die nichts Sinnliches darbieten, noch fast gar keine oder eine falsche Bedeutung für uns haben, nicht durchs Beispiel und durch gelegentliche Belehrungen, eingeflößt, sondern gleich den verhaßten Vokabeln und andern unvernünftigen Gedächtnißmartern, aus dem traurigen Buche, in festgesetzten Stunden, unter Zwang und Widerwillen in das Gedächtniß hineingequält werden müssen; so lange unerleuchtete und herrschsüchtige Geistliche dieses ganze Unwesen nicht nur begünstigen, sondern auch mit allen ihnen noch zu Gebote stehenden Waffen dafür streiten und kämpfen werden; und so lange endlich die Regenten, bald durch Staatsverfassung, bald durch jesuitische Beförderer[441] des Aberglaubens und der Dummheit sich noch werden gehindert sehen, diesem Unfuge durch Verleihung einer uneingeschränkten Glaubens- und Preßfreiheit zu steuern: so lange wird das allerkräftigste Mittel zur Vervollkommnung und Veredelung der Menschen, die Religion, für Viele ein unnützer Wörterkram und leerer Tand, für Viele sogar ein Deckmantel der Bosheit und menschenfeindlicher Gesinnungen, und für die Meisten nur ein besänftigendes Einschläferungsmittel sein, welches sie dazu gebrauchen werden, ihr Gewissen zu beschwichtigen, und feine natürliche Empfindlichkeit für Gutes und Böses, für Recht und Unrecht, stumpf zu machen. Diese Verkennung des wahren Wesens und Zwecks der Religion, und dieser grobe und schändliche Mißbrauch derselben, der leider! noch in allen Ländern und in allen Glaubensinnungen herrscht, ist der traurigste und fürchterlichste Krebsschaden der Menschheit, der an der sittlichen Natur derselben unaufhörlich nagt, ihre Entwickelung und ihr Wachsthum hindert, und allen andern Stärkungsmitteln ihre gedeihliche Kraft und Wirksamkeit raubt. Wäre dieses nicht; wäre man vielmehr schon dahin gekommen, den unfruchtbaren, aber durch alte Vorurtheile geheiligten Wörterkram von der so einfachen, in ihrer Einfachheit so erhabenen und durchaus anwendbaren Lehre Jesu zu trennen; diese Lehre nicht, wie bisher, als eine Angelegenheit Gottes und der Kirche, sondern als die[442] eigene Sache eines jeden einzelnen Menschen anzusehen, und sie, nicht bloß in das Gedächtniß, sondern vielmehr in das Herz, in die Gesinnungen und in die Handlungsweisen der Menschen zu prägen: o wie sicher könnte man dann auf ihre religiösen Grundsätze und deren Wirksamkeit rechnen! Wie sicher dürfte man dann schließen: Dieser ist ein Christ: also ist er auch gerecht, treu, redlich, friedfertig, sanft, bescheiden, billig, dienstfertig, mitleidig uns menschenfreundlich! Dieser ist ein Christ; also ist er auch ein ordentlicher, ruhiger, arbeitsamer und von Gemeingeist beseelter Staatsbürger! Dieser ist ein Christ; also ist er auch vertraulich, liebreich und duldsam gegen diejenigen, die nicht das Glück haben, seines Glaubens zu sein, weil er von Petrus gelernt hat, daß Gott die Person nicht ansiehet, ob jemand von diesem oder jenem Volk und von dieser oder jener Glaubenszunft sei, sondern daß in allerlei Volk wer ihn fürchtet und recht thut, wer aus Liebe und Ehrfurcht gegen ihn sich der Tugend und Rechtschaffenheit befleißiget, ihm angenehm sei.

Bis dahin rechne auf die religiösen und sittlichen Grundsätze der Menschen nicht mehr, als mit deinen Beobachtungen über ihre Handlungsweise übereinstimmt, und, wofern du diese zu beobachten noch nicht Gelegenheit gehabt hast, nicht mehr, als mit[443] ihrer Bequemlichkeit und mit ihrem Vortheile bestehen kann. Ihre angeblichen Grundsätze laß dabei, um sicher zu gehn, nur ganz aus der Rechnung.


5. Behandle Jeden, so weit es dir möglich ist, nach den ihm eigenen Vorstellungsarten, d.i., verlange nicht, daß die Menschen, mit denen du zu thun haben wirst, sich in deine Art zu empfinden, zu denken und zu urtheilen versetzen sollen: sondern bemühe du dich vielmehr selbst, so sehr du kannst, in ihre Art zu empfinden, zu denken und zu urtheilen einzugehn, um ihnen die Sache, von welcher jedesmahl die Rede sein wird, gerade in solchen Ausdrücken, unter solchen Bildern und von solchen Seiten vorzustellen, als erfodert werden, wenn sie das, was du ihnen sagst, verstehen, das Verstandene billigen, und dem Gebilligtem gemäße Entschließungen fassen sollen. Dis erfodert freilich sehr viel Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Arten zu denken und sich auszudrucken, worin nicht nur die Hauptklassen der Menschen, sondern auch ihre mannigfaltigen Unterabtheilungen, ja sogar einzelne Menschen aus einer und eben derselben besondern Klasse, oft sehr weit von einander abgehen; und du darfst dir keinesweges schmeicheln, daß du dieses große Beobachtungsgeschäft jemahls ganz, geschweige denn in kurzer Zeit, erschöpfen werdest. Aber je weiter du darin kommen wirst, desto mehr wirst du über die Gemüther[444] der Menschen vermögen, desto friedlicher und freundschaftlicher mit ihnen leben, desto mehr Gutes und Gemeinnützliches mit ihnen und durch sie ausrichten und zu Stande bringen können. Ich könnte dir hier Manches von meinen eigenen Beobachtungen darüber mittheilen; allein theils würde mich das zu einer Weitläuftigkeit verleiten, die meinen jetzigen Zwecken nicht gemäß wäre; theils würden diese Beobachtungen, weil sie auf die feineren Unterschiede in den menschlichen Vorstellungsarten und deren Aeußerungen hinauslaufen, dir doch nicht eher recht verständlich und faßlich werden können, bis du selbst sie zu machen Gelegenheit haben würdest. Statt dessen begnüge ich mich also, dir den Rath zu geben, jeden Menschen, der dir vorkommt, er sei von welchem Stande er wolle, deiner geschärften Aufmerksamkeit werth zu halten: dich mit jedem gern zu unterhalten, und dabei nicht bloß auf seine Reden, sondern auch auf den Gang seiner Vorstellungen und deren Verbindung unter einander genau zu achten, und das, was jeder darin Eigenthümliches hat, kennen zu lernen. Achte es sogar nicht unter deiner Würde, dich in dieses Eigenthümliche, so gut du können wirst, selbst zu versetzen, und, z.B., mit dem ehrlichen Landmanne wie ein wackeres Bauermädchen, mit dem Handwerksmanne wie eine ehrbare Bürgerstochter u.s.w. zu reden. Je natürlicher du die Sprache, den Ton, die Denkungsart und das Benehmen eines Jeden, insofern nichts Unsittliches[445] darin ist, nachahmen wirst: desto größer wird deine Fähigkeit werden, das Unterscheidende, was die besondern Klassen, und in denselben die einzelnen Menschen in diesem Betrachte haben, wahrzunehmen und zu benutzen.

Quelle:
Campe, Joachim Heinrich: Vaeterlicher Rath für meine Tochter. Braunschweig 1796 [Nachdruck Paderborn 1988], S. 435-446.
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