III.
Reise nach Berlin. – Freisprechung. – Schriftstellerische Arbeiten.

[149] Beim Buchhändler Rommerskirchen, der meine Vertheidigungsschrift für Ernst Moritz Arndt hatte drucken lassen, hielt ich mich am 24. Februar auf, um meinen Reisewagen zu erwarten. Ich hatte meine Freunde und Bekannte dorthin beschieden, um Abschied von ihnen zu nehmen; ich weinte heiß, unaufhaltsam; meine treue Babet, die ich zurücklassen mußte, war nicht minder als ich erschüttert und angegriffen, sie begleitete mich bis Düsseldorf, von wo sie mein Wagen am andern Morgen nach Köln zurückbrachte. Wir hatten statt des Nachtessens sowie am andern Morgen Thee getrunken, und dafür und für drei Betten in einem kleinen Hinterzimmer mußte ich zwölf Francs zahlen; dies erschien mir etwas viel für ein bischen warmes Wasser und ein knappes Stückchen Butterbrot. Die Nacht durch war kein Schlaf in meine Augen gekommen, denn mein Herz war zu bewegt, zu voll, um Ruhe zu finden; dabei fühlte ich mich zu matt, um vor dem Zubettlegen noch einige werthe Familien in Düsseldorf aufzusuchen; auch war mein Reisegeld sehr knapp, die[150] Witterung feindselig und die Etappenstraße, die ich wegen meiner Marschroute nehmen mußte, durch die häufigen Durchmärsche bodenlos. In Elberfeld suchte ich den damaligen Prediger Strauß auf, der dort mit seiner liebenswürdigen Schwester zusammenwohnte. Er war mir durch die Mittheilungen seines Freundes, des Grafen von Loeben, und durch seine »Glockentöne« unendlich werth. Die Geschichte meiner Verfolgung ergriff ihn tief. Ich verlebte einen entzückenden Abend dort, einen Vorläufer der vielen Vergeltungen, die mir nach so vielen unbeschreiblichen Leiden zu theil werden sollten. Nicht aller Ruhepunkte meiner Reise kann ich hier erwähnen. Einer der erquickendsten und beseligendsten war bei der Witwe Majorin von Blomberg und deren Söhnen. Die theure Frau schrieb mir noch einigemal nach Berlin. In Lippstadt erkrankte ich nach einer entsetzlichen Nacht voll Drangsale und Gefahr. Alle Fuhrwerke waren so sehr in Anspruch genommen worden, daß ich Extrapost nehmen mußte. Der Weg ging durch Wasser, welches den Pferden bald bis an den Bauch ging; sie waren heut über Gebühr in Anspruch genommen, legten sich ungefähr drei Stunden vor Lippstadt nieder und konnten trotz aller Bemühungen des Postillons nicht zum Aufstehen gebracht werden. Er erklärte, daß er Vorspann suchen müßte und versprach, bald wiederzukommen. Sowie er die Pferde abspannte und diese sich von der Last des Wagens frei fühlten, machten sie sich vom Eise los. Das Handpferd nahm den Postillon auf den Rücken und enteilte mit ihm wohlgemuth nach Lippstadt. Ich blieb in unbeschreiblichen Aengsten zurück. Wir hatten keine Erquickung, keine Stärkung, keine Decke, uns vor dem Frost zu schützen, der bei heftigem Sturm immer schärfer wurde; uns selbst überlassen, waren wir in einem Korbwagen jedem Unfall ausgesetzt. Ich blies die Hände[151] meiner Kinder warm und umschlang sie fest, befahl mich Gott und seinem Schutze, des festen Glaubens, hier in tiefer Nacht umzukommen. Mit einem mal war es, als durchdränge mich eine sanfte Glut, als flüstere mir eine Stimme zu: die Gefahr ist vorüber, und nach einer Viertelstunde vernahm ich Pferdetrappen im Eise, ich betete und dankte Gott. Zwei riesenhafte Reiter in Fuhrmannskitteln kamen auf den Wagen zu, hieben nicht ohne Anstrengung die Räder aus dem Eise, spannten ihre Renner ein und jagten durch das Gewässer nach Lippstadt. Die Bäume auf dem Wege standen beinahe bis an die Wipfel im Wasser, doch wir kamen glücklich an und hielten vor dem Rathhause, wo wir nach einigem Besinnen einen Einquartierungszettel zu einer Familie Richard bekamen. Ich belohnte meine guten hülfreichen Bauern nach meinen Kräften. Mein Reisegeld war beinah eingeschmolzen, doch ich war nicht mehr weit von Detmold, wo die Nichte der großen Katharina lebte und ich der Hülfe gewiß sein konnte. Die Familie Richard empfing mich, wie sie nur eine nahe geliebte Verwandte hätte empfangen können. Mich schüttelte ein heftiges Fieber; die ganze Nacht hindurch wurde ich gepflegt, mir war zu Muthe, als wäre ich mit Engeln umgeben. Andern Tags, wo ich noch sehr matt war, jedoch meine Reise hätte fortsetzen können, mußte ich den stürmischen Bitten der Familie nachgeben und mich noch einige Tage erholen. Meine Söhne fühlten sich dort sehr glücklich, denn man beschäftigte sich unablässig mit ihnen. Der Herr Postmeister hatte mir am dritten Tage nach meiner Ankunft geschrieben, er müsse auf Gehorsam für das Gesetz bestehen, welches vorschriftsmäßig bestimme, daß kein Reisender mir Extrapost länger als zwei Tage in dem Ort bleiben dürfe, von welchem aus[152] er weiter wolle. Ich erklärte ihm unsere überstandene Gefahr. Er sah nun ein, daß ich für den Augenblick nicht weiter könne, und die Sache war beigelegt. Der Abschied von Richard wurde mir und ihnen schwer. Ich habe unzählige mal liebend und sehnend an sie gedacht und doch nicht ein einzig mal an sie geschrieben, gewiß haben sie mich für undankbar gehalten. Wir langten andern Tags in Detmold an. Vor mir glänzte die angenehme Hoffnung, eine Fürstin kennen zu lernen, die mit starkem männlichen Geiste ein gefühlvolles Herz verband. Ich suchte den Geheimen Oberconsistorialrath Werth auf und wurde noch den selben Abend, begleitet von meinen Kindern, bei der Fürstin zum Thee eingeführt. Der Abend verging auf Flügeln; die hohe Frau hatte ausgebreitete Kenntniß der Literatur, ein reiches und reines Gefühl für Poesie und dichtete selbst sehr lieblich, doch lenkte sie bald das Gespräch auf die Begebenheiten meines Lebens, auf meine Familienschicksale, auf meine Erfahrungen in den Lazarethen und zuletzt auf den Krieg gegen Napoleon. »Die Zukunft wird beweisen«, rief sie feurig aus, »daß der große Mann recht hatte, daß ihm die Menschen unrecht gethan. Die Deutschheit ist ein Unding. Der letzte Krieg war eine Gewaltthätigkeit, die durch nichts zu rechtfertigen ist.« Die Fürstin sagte noch mehreres in diesem Sinne, doch ich werde vielleicht nicht die Zeit erleben, wo man unbedenklich ihre Worte wiederholen dürfte.

Andern Morgens besuchte ich noch den würdigen Generalsuperintendenten Werth. Er verhieß mir seinen Abschiedsbesuch und kam in etwa einer Stunde, mir im Namen seiner Gebieterin einen ansehnlichen Beitrag zu meiner Reise nach Berlin zu überreichen. Dies geschah[153] unter der Bezeichnung einer Pränumeration auf meine angekündigten auserlesenen Schriften.

Da unser Weg durch Hamm ging, entsann ich mich dort, daß die Familie des Freiherrn Klencke daselbst nahe wohnte, und ich hoffte, gütig aufgenommen zu werden. Den Abend brachten wir sehr angenehm bei der Familie von Reden zu. Philippine, Freifrau von Reden, Tochter des bekannten Schriftstellers Freiherrn Knigge und Schwester des Oberschenks dieses Namens, selbst eine bekannte Schriftstellerin, bezeigte mir warmes Wohlwollen und herzlichen Antheil, und munterte mich auf, die liebenswürdig Familie Klencke zu besuchen, mit welcher sie durch Elise geb. Knigge nahe verwandt war. Ich fuhr am andern Morgen hin.

Schloß Hämelsche Burg prangt ernst und großartig auf einer bewaldeten Anhöhe, umschwebt von großen Erinnerungen. Hier wurde die Macht der Römer vernichtet, hier fielen Augustus' Legionen, besiegt von den Deutschen, weil die rohe Gewalt der wahren Tapferkeit oft weichen muß.

Ich und meine Söhne wurden herzlich empfangen. Bei dem abenteuerlichen Leben der Frau von Klencke waren über die nunmehrige Rechtschreibung des Namens, daß ihr Gemahl ein Klencke sei und das uralte Familienwappen führe, nähere Nachrichten nicht vorhanden. In den Briefen an uns hatte sich seine Mutter von Klenk geschrieben und meiner Mutter ein Phantasiewappen geschickt. Meinem Vater war der Betrug zu verzeihen, er war noch sehr jung, liebte unbeschreiblich, zappelte in den Netzen einer ränkevollen Mutter und einer schlauen heuchlerischen Schwester. Sein braver älterer Bruder, der noch in seiner Jugend der väterlichen Leitung eines würdigen Mannes, des Majors von Klencke,[154] Commandanten von Bremen, genossen, starb an der Auszehrung. Karl Friedrich's Erziehung war unreif geblieben. Er ließ sich blindlings von der Mutter leiten und von der Schwester beherrschen.

Die Familie von Hämelsche Burg mehrte den Glauben, daß wir aus demselben Stamme entsprossen seien; allein vom Zweige der Klencke Oynhausen herrührten. Ich wurde liebevoll als Verwandtin begrüßt und herzlich ersucht, meinen Namen so zu schreiben, wie die übrige Familie, weil man sich wahrhaft freue, mich unter ihre Mitglieder zu zählen, die nicht blos ihr Wappen adelte, sondern ihr edler Sinn und ihr ruhmvolles Leben.

Ich war sehr kränkelnd auf Hämelsche Burg angekommen, doch ich erholte mich dort vollkommen bei der zärtlichen Pflege und in der liebenswürdigsten Umgebung. Oberst Georg von Klencke war ein geistvoller Mann, der sich sehr verdient gemacht hatte und gern sein Bewußtsein als die einzige Belohnung, die ihm zu theil wurde, aus Kämpfen und Gefahren davontrug. Seine Augen hatten im Felde sehr gelitten, fein kräftiger Körperbau schützte ihn nicht gegen die Nachwehen seiner rücksichtslosen Anstrengungen. Er erzähle mir umständlich, aber mit Gelassenheit, von erlittenem Unrecht; doch ich weiß die rechten Data nicht mehr und kann nur sagen, daß ich aus seinen Berichten die zärtlichste Verehrung für ihn schöpfte.

Ich habe noch von einem Klencke gehört, der diesem Namen, wie ich vernehme, durch wissenschaftliche Bildung, Kenntnisse und Schriften Ehre macht. Er führt mit einigen Abänderungen dasselbe Wappen, jedoch kein »von« und kein Prädicat als Freiherr. Ein solcher Mann kann einen adelichen Titel leicht entbehren, nur historische Romane soll er nicht schreiben, welche nur ein[155] leihbibliothekarisches Dasein kümmerlich fristen, in die Klasse der Eintagsfliegen gehören, und nicht einmal in die der reinlichsten Gattung. Ich würde die Sache ganz auf sich beruhen lassen, denn die öffentliche Stimme hat sich durch mehrere ihrer geschätzten Organe scharf und vollgenügend über diese Machwerke ausgesprochen. Allein ich halte es für Pflicht, als Enkelin meiner Großmutter und Wohlthäterin, der Karschin, hier öffentlich auszusprechen, daß Herr Dr. Hermann Klencke in seinem historischen Roman »Anna Luise Karschin« ein Lügengewebe von armseliger Ausführung über sie aufgestellt hat. Ihr Betragen war streng sittlich, ihr Wandel tadellos, ihr Charakter rein. Sie litt Noth. Allein gleichwol gingen ihre Dichtungen nur aus innerer Nothwendigkeit hervor. Den großen Friedrich feierte sie, weil die poetische Natur viel Aehnliches mit der Epheuranke hat, die sich gern an einer Säule emporschlingt. Sie feierte ihren Helden aus innerm Drang. Ich glaube, sie lebte wie der Kolibri, vom Thau; denn ich habe sie nie Geld zählen sehen. Wenn welches kam, legte sie es unten in das Schreibzeug, und kümmerte sich nicht darum, was damit geschah. Ihr Leben und Wesen war rein poetisch in jeder Beziehung. Sie lebte in einem harmlosen Selbstvergessen hin, war frei von aller Absichtlichkeit. Eine so edle Todte, die schutzlos im Grabe liegt, anfallen, und wie der Schakal an ihren Gebeinen zehren, ist nicht die That eines Ehrenmannes.

Baron Leopold Klencke, Gatte Elisens, und Vater zweier hoffnungsvoller Söhne, waltete auf Schloß Hämel'sche Burg als Vater und Freund seiner Untergebenen, unaufhörlich auf ihr Wohl bedacht. Ich verlebte schöne Tage der Ruhe und Erholung auf diesem altertthümlichen Sitz, den ich nie hätte verlassen mögen, da[156] Geist und Herzensgüte hier in so reinem und vollem Einklang standen. Doch ich mußte ja wieder in den Kampf. Es galt ja nicht allein meine Rechtfertigung gegen hämische öffentliche Angriffe, es galt die Rechte der Menschheit, die so bitter gekränkt wurden.

Nachdem meine Kräfte wieder etwas hergestellt waren, eilte ich nach Potsdam, wo mich die edle Adelheid von Bassewitz mit wehmuthsvoller Freude empfing, und zweckmäßigen Rath gab, wie meine Sache einzuleiten sei, auch mehrere ausgezeichnete Männer zum Rechtsbeistand vorschlug.

Schon am ersten Tage nach meiner Ankunft in Berlin begegnete mir unter den Linden eine Freundin der Königin Luise, Verfasserin eines Werkes voll Würde und Wahrheit über die unvergleichliche Frau. Ich eilte auf sie zu, doch sie empfing mich kalt, und sagte mir mit schneidendem Tone: »Unsere Wege sind getrennt, der Ihrige ist dunkel, es thut mir um das Andenken und das ihrer herrlichen Mutter weh!« Dies war nun der erste wahrhaft bittere Kelch, den ich zu leeren hatte. Ich sah die edle Frau ruhig und liebevoll an. »Sie werden«, sagte ich, »anders sprechen, wenn mein Rechtshandel erst im Gang sein wird.« Sie stutzte und schwieg. Ein zweiter Sturm wartete meiner an demselben Tage. Ich war zu meiner Muhme Thielemann gegangen, die mich liebevoll aufnahm. Nachmittags suchte ich die Wohnung meines geliebten Bruders auf. Ich traf ihn mit seiner Gattin und seinen drei Kindern, die mich sehr wohl empfingen. Er aber gab mir harte Worte. »Du trittst unter dies Dach!« rief er mir zu, »du bist öffentlich angeklagt! Ich will voraussetzen, daß du unschuldig bist, denn ich habe mir gedacht: die Schwester hat zwei Richtungen vor sich; ist sie schuldig, so flüchtet sie[157] nach Paris; ist sie es nicht, so kommt sie furchtlos hierher und rechtfertigt sich. Du bist hier, und dies spricht für deine Sache. Doch ich ersuche dich, komme mir nicht vor Augen, bis über eine Straflosigkeit entschieden ist.« Somit eilte der Bruder aus dem Wohnzimmer hinaus, ohne nur den Blick auf mich zu richten. Ich saß wie erstarrt, bittere Thränen rollten über meine blassen Wangen. Meine Schwägerin suchte mich aufzurichten, aber vergebens. Ich fühle noch heute, wie mir zu Muthe war. War es denn möglich, schwerer gekränkt zu werden? Jedes Wortes unfähig, küßte ich die Kinder, drückte der Schwägerin die Hand, und enteilte.

Bei meiner guten Muhme fing ich an mich zu beruhigen, suchte am andern Tag nach einer kleinen Wohnung, die ich auf dem Döhnhof'schen Platz fand, und sann nun auf das, was ich zu thun hätte, um meine Sache zu fördern; denn ich war rein auf die Defensive angewiesen; an einen Angriff von meiner Seite war gar nicht zu denken. Ich suchte zuerst meinen Rechtsfreund auf, einen Mann von Geist, Gefühl und Ehre. Er rieth mir, damit anzufangen: eine Erklärung in die Zeitungen zu setzen, und sie ihm vorläufig mitzutheilen. Ich that es, sie fiel ganz zu seiner Befriedigung aus.

Ein junger vortrefflicher Mann Namens Lange, den ich schon in den Niederlanden kennen gelernt hatte, und der einen werthen Verwandten in Berlin besaß, wo er auf Universität war, hatte mir geschrieben, daß dieser würdige Mann mir mit einsichtsvollem Rath beistehen würde. Ich begab mich zu ihm, und fand glühende Theilnahme, weise Beurtheilung meiner Sache. Ich empfing zugleich das Versprechen, meine bündige und[158] gemäßigte Erklärung sofort in die öffentlichen Blätter einrücken zu lassen. Von dort begab ich mich zum Justizminister von Kircheisen, der mich mit den Worten empfing: »Scheren Sie mir man nicht, gnädige Frau!« Mein Kinder erschraken und weinten. Der Minister wurde in wenigen Augenblicken freundlich, und sagte nicht ohne Milde: »Auf Ihnen lastet eine schwere Beschuldigung!« »Ich weiß es«, antwortete ich gelassen, »ich bin gekommen mich zu rechtfertigen.« »Wenn Sie das nicht können«, sagte der Minister mit strengem Blick, »so wird man ein Exempel statuiren.« »Ich hoffe das selbst«, rief ich aus, »die Schuldigen werden der gerechten Strafe nicht entgehen. Ich verlange keine Gnade, ich verlange nichts als strenge Gerechtigkeit, ich bin das meinem Manne, meinem eigenen Namen und Pflichten gegen mich selbst schuldig!« Minister Kircheisen erglühte vor Zorn bei diesen Worten, und fragte nicht ohne Hohn: »Sie sind also nicht von Ihrem Manne verstoßen? Sie irren also nicht auf Gerathewohl in der Welt umher, verbreiten Lügen und stiften Unfrieden, klagen nicht die rechtschaffenen Männer an?« Ich zog ganz stillschweigend einen Brief aus Paris hervor, den ich erst diesen Morgen bekommen hatte, und es fügte sich, daß er meine vollkommene Rechtfertigung von allen diesen aus der Luft gegriffenen Beschuldigungen enthielt.

Der Minister las ihn aufmerksam durch, gab ihn mir dann zurück und sagte: »Gerechtigkeit soll ihnen werden, das verspreche ich Ihnen! Doch glauben Sie mir, auch wir haben einen schweren Stand. Die exaltirten Gemüther verursachen uns großen Kummer, sie wollen die Welt und die Verhältnisse nicht nehmen wie sie sind. Sie heißen den sicher geebneten Gang der[159] Dinge den ›alten Schlendrian‹. Das geht doch nun einmal nicht, wir verlangen Recht und Ordnung! Wir kämpfen gegen das Schwanken. Nur das Wohlbegründete, auf sichern Stützen Festgestellte hat Werth und Dauer. Wir müssen das Wohl der Massen im Auge behalten, und können die einzelnen Fälle nicht berücksichtigen.«

Der Justizminister entließ mich, noch einmal betheuernd, daß mir volle Gerechtigkeit werden sollte. Ich gestehe, daß ich ihm nicht glaubte.

Ich suchte eine Jugendfreundin, die Frau Präsidentin von Heydebreck, geb. von Brand, auf. Sie bewohnte ein schönes Haus im Thiergarten. Nach einem schmerzerfüllten Jugendgeschick schuf sie sich Trost an der echten Quelle aller Erquickung, in Handlungen der Menschenfreundlichkeit und Milde. Sie besaß drei herrliche Kinder, Minna, Friedrich und Jettchen. Die beiden letztern waren, man begriff nicht weshalb, im Wachsthum zurückgeblieben; doch ihr Geist hatte sich überraschend entwickelt. Fritz war ein gediegener Mensch voll Kenntnisse und Herzensgüte. Jettchen vereinigte die schönsten und seltensten Eigenschaften: sie glich einem wohlgebildeten Kinde von zehn Jahren; ihre regelmäßigen Züge sprachen von Anmuth und Geist; ihr sanfter Blick drang in das Herz; ihr ganzes Wesen war lieblich, ernst und heiter; ihr Herz hatte nie eine andere Regung gekannt, als die der innigsten Menschenliebe; es ging alles innerlich in ihr vor, was sie empfand, nicht daß sie verschlossen gewesen wäre, nur daß sie niemals prunken wollte. Das Gute, Schöne und Rechte war ihr angeboren, sie übte es ohne Vorsatz und Nachdenken, wie die Rose duftet und die Nachtigall singt.

Frau von Heydebreck empfing mich mit aufrichtiger[160] Herzlichkeit. Ich mußte ihr meine ganze Lage schildern, um zu wissen, wie mir zu helfen sei. Da ich meine kleine Einnahme schon drei Monate voraus hatte, rieth sie mir an, Stunden zu geben. Sie schaffte mir zuvörderst eine bei ihrer Nichte Fräulein Antonie von Kamecke, und deren Bruder Eugen, dann beim englischen Gesandten von Rose, endlich einen Freitisch bei einer liebenswürdigen Schwägerin. Sie billigte meine ganze Handlungsweise. Von einer so erprüften herrlichen Frau that mir das unendlich wohl.

Ich suchte noch meine alten Freunde auf. Keine und keinen hatte der Tod weggerafft. Ich ging nach dem Luisenkirchhof, der damals einem Walde glich. Ich blickte die Bäume an, als könnten sie mir sagen, unter welchem sie ruht! Ach die Armuth hat zuweilen recht bittere Stunden! Meine selige Mutter drückte in ihrem Testamente den Wunsch aus, auf ihrer Gruft ein schwarzes Kreuz zu haben, in dessen Mitte ein weißes eingelegtes sei, mit der Inschrift: »Es drückt nicht mehr!« Ich hatte diesen Wunsch nicht erfüllen können.

Meine Wohnung am Döhnhof'schen Platz vertauschte ich mit einigen Zimmern in der Taubenstraße, in dem Hause, wo Graf Georg von Blankensee wohnte, und der sich beeilte, unsere Bekanntschaft anzuknüpfen.

Graf Kalkreuth, sein Freund Wilhelm Müller, der vortreffliche Hellenist und ausgezeichnete Dichter, schlossen sich dem Bund der früher Genannten an. Sie hatten mit noch zwei Freunden einen Band gefühlvoller Lieder unter dem Namen »Bundesblüten« herausgegeben. Alle fünf hatten den Feldzug gegen Napoleon mitgemacht und wurden mir sehr werthe Freunde.

Mein Proceß hatte begonnen. Man hatte mich angeklagt, die Invalidenprüfungscommission verleumdet zu[161] haben. Ich hatte nicht einmal ihren Namen gewußt, als ich dem Grafen Gneisenau der Wahrheit gemäß berichtete, wie sie mit unsern Invaliden umgingen.

Graf Gneisenau hatte meinen Brief Punkt für Punkt mit rothen Strichen begleitet und zu strengster Untersuchung anempfohlen. Die Beschuldigten selbst führten diese Untersuchung, wahrscheinlich weil man in Köln voraussetzte, daß sie am besten wissen müßten, was an der Sache sei. Das war ganz richtige Logik! Die Herren gaben Punkt für Punkt eine Auskunft nach ihrer Art, und beschlossen damit, mich als Calumniantin zu verklagen und, wie schon erwähnt, auf Gefängnißstrafe und Geldbuße anzutragen. Abbitte und Ehrenerklärung vergaßen sie zu verlangen. Von Delinquenten, als welche sie mich stempeln wollten, verlangt man freilich in der Regel keine. Zum Inquirenten wurde Theodor Amadeus Hoffmann ernannt. Diese Wahl machte mich stolz und froh. So viel gewichtige Stimmen waren bei diesem Rechtshandel laut geworden, daß die Meinung des Publikums sich bereits ganz zu meinen Gunsten ausgesprochen.

Eines Morgens empfing ich ein Packetchen von meinem Bruder. In einige Zeilen gewickelt war das krystallne Petschaft meiner Großmutter Karschin. Mein Bruder beglückwünschte mich, indem er hinzufügte, »er habe mir die Inlage selbst bringen wollen; dies Petschaft gehöre mir zu, weil denn doch einmal in unserer Familie die Krone des Genius ein Kunkellehen sei«. Ich küßte Brief und Petschaft. Seit 1801 hatte ich es nicht wieder gesehen. Ich eilte zum Bruder, von meinen Kindern begleitet. Wir freuten uns innig, und blieben für diesen Tag beisammen; er war heiter, die Rosen waren in Fülle aufgegangen, die Herzen beseligt.[162]

Eine Frau von Rieden wurde uns zugeführt, die uns ihre Wohnung anzutragen kam, welche sie wegen unvermutheter Abreise verlassen mußte. Man wurde bald einig über die Bedingungen, und in wenigen Tagen waren wir unter demselben Dache vereinigt.

Mich und meinen Bruder hatte das Wiederfinden des Petschafts der Großmutter, welches seit September 1802 verschwunden war, freudig bewegt. Es war ein Geschenk des edeln Domdechanten Freiherrn Spiegel von Diesenberg aus den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts, geschmückt mit poetischen Sinnbildern und aus der ersten Krystallstufe gehauen worden, welche dieser Freund aus Diesenberg gewann. Nach dem Tode der Mutter fand es sich nicht in ihrem Nachlasse vor. Mein Bruder glaubte, ich hätte es nach Paris mitgenommen. Ich dagegen meinte, mein Bruder besitze es selber. Der es in Händen hatte, Namens Bratsch, sprach nicht davon. Jetzt, im Mai 1816, als ein neues Dienstmädchen zu meinem Bruder kam und er ihr Attest durchsah, fiel ihm das Siegel auf. Er wußte es sich in einer halben Stunde verschaffen und brachte es mir. Dies Wiederfinden eines Familienkleinods rührte uns freudig und mutherhebend.

In ruhiger Erwartung des Ausgangs meines Processes setzte ich meine Geschichte »Emma« fort. Ich war von meinen Papieren in Heidelberg getrennt; wollte ich »auserlesene Schriften« haben, so mußte ich geschwind welche schreiben.

Die gute liebenswürdige Pastorswitwe Hensel, Mutter Wilhelm Hensel's und seiner Schwestern Luise und Minna, bewohnte ein Häuschen in Schöneberg. Dorthin ging ich jeden Morgen mit meinen Kindern. Mein Essen wurde mit dem der Familie zugleich bereitet. Mir[163] war zu Muth, als könnte ich nur dort schreiben. Das Zimmer lag hoch und freundlich; die Wipfel der Bäume säuselten, reine Lüfte wehten mit Düften vom botanischen Garten her. Luise und Minna kamen oft an meinen Schreibtisch und freuten sich meiner Arbeit. Mittags gingen wir in das Zimmer der Pastorin, wo uns unser einfaches Mahl einladend entgegendampfte. Gegen Abend ging es in ein Wäldchen, welches mir Luise Hensel als den liebsten Spaziergang unsers Freundes Adalbert von Chamisso bezeichnete. Hier sprachen wir viel und mit Liebe von ihm. Er war eben auf seiner Fahrt in die Welt begriffen, und begleitete Otto von Kotzebue. Diese Reise wurde stark durch Misverständnisse gestört, doch ging sie im ganzen glücklich von statten.

Chamisso brachte eine große Ausbeute von Blumen und Pflanzen heim. Als er sie auspackte, sagte er zu seiner Köchin mit seinem französischen Accent, der sehr artig in seinem Munde klang: »See–en Sie, dies Eu ist Gold, und dies Papier ist auch Gold, da darf nichts von abkommen.«

Luise Hensel gehörte zu den Zierden des anmuthigen Kreises, den das Stegemann'sche Haus in sich vereinte. Laura Gedicke, späterhin dem liebenswürdigen Friedrich Förster verlobt, und andere holde Mädchen, umblühten Hedwig von Stegemann wie ein duftender Kranz. Unter den männlichen Gestalten der Abendgesellschaft war Clemens Brentano der älteste und merkwürdigste. Ein noch nicht ausgeglühtes Herz, eine noch nicht verstummte Aeolsharfe, ein noch flammendes dunkles Augenpaar! Er war unter vielen Menschen schweigsam, in der heitern Umgebung seines Kreises zuckte zuweilen seine Rede wie ein gewaltiger Blitz durch eine laue Sommernacht. Ich wußte von ihm durch entzückende Briefe, die mir Görres[164] vorgelesen hatte. Sein Wesen kam mir darin vor wie eine Epheuranke, die hoch und einsam in den Lüften umher nach einem Felsen sucht. Er kokettirte mit Witz und Spott wie ein Edelstein mit Farbenstrahlen, die ein heiteres Spiel mit der Sonne treiben. Er lebte in den Zauberkreisen der Phantasie, verschmähte die Welt und ihre Bedingnisse, und konnte doch von ihr nicht lassen. Seine erste Gattin, Sophie Moreau, bekanntlich eine unserer lieblichsten Dichterinnen und ganz Poesie und Innigkeit, blieb unverstanden an seiner Seite. Sie starb im Harm dahin. Vielleicht hatte er nie erfüllt, was er hingerissen von Leidenschaft verhieß, weil er lange Zeit hindurch in dem Gegenstand seiner Leidenschaften nur ein Traumbild erblickte, das seine Phantasie geschaffen hatte, wenn es gleich in Wahrheit viel schöner war als seine Einbildung. Er nahm dann Rache an dem armen Herzen, daß sich ihm hingegeben, und zerriß es in unauslöschlicher Wuth. Er war jung geblieben, bis er starb Er glühte für die Religion mit verzehrender Flamme, wie ehemals für die Liebe. Nur wenige Jahre vor seinem Tode hatte er ihr entsagt, nachdem sein oft so schwankendes Herz sich zu ihr emporgerungen und in ihren Süßigkeiten geschwelgt hatte. Der Gegenstand seiner Liebe war die Verwirklichung seines Traumbildes. Die Seinige konnte sie nicht werden. Beide trennten sich, um in der Religion die Verschmelzung ihres Wesens zu suchen.

Durch die umsichtige Führung Hoffmann's behielt meine Rechtssache ihren festen Gang. Die Verhöre, welche ich zu bestehen hatte, wurden in einem rechtlichen Sinne geleitet. Die Protokolle, höchst geistvoll aufgesetzt, sollten gedruckt werden. Ich fürchte, sie sind vernichtet. Hoffmann war ganz vom Ernst und der Würde[165] seiner Mission durchdrungen. Eine unschuldig peinlich angeklagte, unbescholtene Frau, die sich allen Gemächlichkeiten einer bescheidenen aber ruhigen Lage entrissen hatte, um arme Leidende wie eine Mutter zu versorgen, und fern von jeder Nebenabsicht, ihre Gesundheit daran gewagt, mußte aus einem höllischen Gewebe herausgezogen werden, um nicht durch Schmach und Gefängniß ihre Bestrebung für eine gute heilige Sache zu zahlen.

Das erste der Verhöre, die ich zu bestehen hatte, ging auf dem Kammergericht vor. Ein Referendarius war zugegen. Es wäre gescheidt gewesen, wenn ich seinen Namen aufgeschrieben hätte, denn ich weiß ihn nicht mehr. Es war ein geistvoller Mann von Ehre und Gefühl. Es leuchtete mir ein, daß Hoffmann sowol als der Referendarius, in der peinlichen Empfindung, die sich ihrer bemächtigte, als sie auf Anordnung des Justizministers die Schuldigen unbeunruhigt lassen mußten, statt die Schuldlose sogleich in ihr Recht als Klägerin einzusetzen, nun alles aufbieten wollten, um mich dafür zu entschädigen, daß ich gewissermaßen als Delinquentin behandelt wurde.

Das zweite und dritte Verhör wurde bei Hoffmann abgehalten. Ich hatte seine Wohnung noch nicht gesehen, er hatte die Wände selbst ausgemalt. Das schönste Zimmer war auf überraschend sinnreiche Art mit den Zierathen ausgeschmückt, die auf seine Oper »Undine« Beziehung hatten. Mit zwei wunderkleinen zarten Händchen, und einer Gestalt vom regelmäßigsten Knochenbau, mit seinen zwei Funkelaugen, deren Augäpfel so unbeweglich waren, daß gewiß niemand erfahren hat, ob diese Augen groß oder klein, mit seinen feinen Lippen, die man niemals lächeln sah, glich Hoffmann einem gespenstischen Wesen, an welches die Natur nur das unentbehrlichste[166] Quantum von Fleisch und Bein gewendet hatte, um es unter die Körper reihen zu können. Glut und Beweglichkeit war alles, was man von ihm wahrnahm. Manche höchst geistvolle Männer stehen unabgesondert durch ihr Aeußeres zwischen den übrigen Menschen da. Hoffmann war von innen und außen ein Wesen für sich, wie man noch nie eines gesehen. In manchen Beziehungen erinnerte jedoch die Erscheinung des französischen Ministers Thiers an Hoffmann. Auf die übrigen Analogien dieser zwei genialen Männer, wenn es welche gab, kann ich mich hier nicht einlassen.

Als ich bei Hoffmann angelangt war, sahen wir uns lange stillschweigend an. Ich wagte einige Scherze, die ihm das erste und einzige Lächeln entlockten, welches ich auf seinen Lippen schweben gesehen. Wir beide empfanden die Ironie des Geschicks, das zwei Dichter wie wir in einer solchen Lage einander gegenüberstehen, ich hätte beinahe gesagt, miteinander caramboliren ließ.

Als eine durchaus lyrische Natur, will sagen eine träge, habe ich wenig von den merkwürdigen Worten behalten, die mir im Leben gesagt worden sind. Ich wüßte kein einziges mehr, wenn ich mir nicht viel aufgeschrieben hätte; sie gingen sogleich in mein Wesen über, streiften sich von ihrem Sinne ab wie eine Hülse, oder besser gesagt eine Schlacke, das gediegene Gold blieb zurück in meinem Innern, glänzte und glühte dort, mein ganzes Sein bereichernd. Ich wünschte gleichwol, ich hätte die Worte auswendig behalten, welche mir Hoffmann zu meiner Vertheidigung in den Mund legte, als er das dritte Protokoll seiner Verhöre aufsetzte. Es war nämlich die am meisten incriminirende Stelle in dem als Corpus delicti angewendeten Briefe an Gneisenau: »die an Wilke und Tiede verübte Elendigkeit!« So hießen[167] die Worte, auf welche sich die Invalidenprüfungscommission bezog, um mich als Injuriantin zu belangen.

Hierauf ließ mich Hoffmann ungefähr folgende Worte sagen: »Dies sei nicht als eine Injurie anzusehen. Denn es sei nicht möglich, eine That die man rügen wolle, mit andern Worten zu bezeichnen, als mit solchen, die den Begriff davon gäben, wie man sie empfunden.« Ich sah wol ein, daß diese Art, sich über die Sache auszusprechen, ziemlich spitzfindig war. Vielleicht wäre sie auch nicht durchgegangen, allein man hatte Lust, wie es im Sprichwort heißt: den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen, und nahm von dieser Ausrede dadurch, daß man sie stillschweigend gelten ließ, den Anlaß zu einer unerwarteten Wendung der Sache, die ich später berichten werde. Nach beendetem Geschäft kam ich noch viel mit Hoffmann zusammen. Er fand sich nirgend behaglich als in der Welt seiner Ideen, Phantasien, Entwürfe und Thätigkeit. Wenn er nicht arbeitete, so wollte er das Leben würzen. Er arbeitete mit Aufbietung aller seiner Lebenskräfte, aber ohne sich seiner Anstrengung bewußt zu sein; dann war er abgespannt. In ihm und um ihn war dann alles stumm und öde. Mit erschlafften Kräften rang er sich aus diesem Zustand heraus, und beging irgend etwas Barockes, Widersinniges, wobei er sich einbildete, die Gesellschaft zu ergötzen.

Bei Hitzig waren einmal nebst seinen Kindern mehrere andere schöne und lieblichblühende junge Mädchen. Hoffmann hatte sich aus irgendeinem ihm bekannten Winkel Weingeist, aus der Küche ein paar Hände voll Salz und eine tiefe Schüssel geholt. Nachdem er die gehörige Mischung zu Stande gebracht, blies er die Kerzen aus. Bekanntlich sehen die hochgefärbtesten Gesichter wie die Leichen aus,[168] wenn man sie mit dieser Mischung beleuchtet. Ich schrie laut auf vor Entsetzen, und rief mit erstickter Stimme: »Die Kinder weg, die Kinder weg!« Denn diese Lüge der Verwesung zermalmte mich, und ich konnte lange nicht aus meiner Vorstellung los werden, was ich gesehen. Bei alledem wußte sich niemand bei den Kindern so angenehm zu machen als er, und es schien als habe Natur und Genius ihm ihre lieblichsten Schätze gespendet, um Kinder damit zu erfreuen. Er liebkoste keines, er suchte nichts in ihrer Nähe, es kam alles von selbst, ohne Vorbereitung, ohne Zwang. Wir andern lauschten umher, und wurden dabei selbst zu Kindern.

Seine Bildnisse waren meisterhaft, jeder Strich Glut und zuckendes Leben; man würde sich davor entsetzt haben, wenn nicht Liebe und ungesuchte Anmuth hervorgestrahlt hätten. Von seinen Musikwerken habe ich nichts gehört als die »Undine«, sie machte gewaltigen Eindruck auf mich. Eines Morgens brannte das berliner Hof- und Nationaltheater ab; nicht zu retten waren die daselbst aufgehäuften Meisterwerke, sowie die herrlichen Decorationen zur »Undine« von Schinkel's Meisterhand. Wer eine gelungenere Beschreibung von ihm zu lesen wünscht, findet sie in der geistreichen Novelle der Baronin de la Motte Fouqué, die, wenn ich mich recht erinnere, im »Frauentaschenbuch«, doch weiß ich nicht, in welchem Jahrgange steht.

Julius Eduard Hitzig, dem ich meine Uebersetzung oder vielmehr Nachbildung von Calderon's geistfunkelndem Schauspiel »Der Geliebte ein Gespenst« las, meinte, diese Dichtung würde einen dankbaren Opernstoff geben, und Hoffmann suchte eben nach einem. Er hätte es mir sagen sollen, ich würde dann mein Stück nicht eingereicht haben. Doch er schwieg von seinem Plan, und verursachte[169] dadurch eine Art Spannung zwischen Hoffmann und mir. Hitzig hätte mich mit Hoffmann allein zu sich einladen, mir seinen Plan eröffnen sollen, und wir würden die Sache unter uns abgemacht haben.

Bei einer dramatischen Arbeit dieser Art ist es eine Hauptbedingung, daß nichts ausdufte. Hitzig hatte eine große auserlesene Gesellschaft geladen; auch General Ernst von Pfuel war dabei. Ich stand im Wahne, daß es bei dieser Vorlesung einzig und allein darauf abgesehen sei, die schöne Dichtung des großen Spaniers und zugleich meine Arbeit zu feiern. Dies war ein gewaltiger Irrthum. Hoffmann sollte die Dichtung hören, um zu sehen, ob sich der Plan zu einem Opernstoff eigne. Gleich anfangs in der Scene, wo Carlos den unterirdischen Gang schildert, den Adolf betreten soll, um zu seiner Julia zu gelangen, rollten Hoffmann's Augen wie Feuerräder; ich bemerkte das, und las weiter. Es waren schöne Kränze, die dieser Abend mir brachte. Ernst von Pfuel's Gespräch nahm mich sehr hin, denn es enthüllte mir den großsinnigen Krieger und staatsklugen Denker, dem der Mensch als Mensch galt.

Einige Tage nach diesem Gastmahl bat mich Hitzig in einem kleinen Billet, ihm das vollständige Scenarium des spanischen Stückes zu schicken. Ich merkte nun wohl, worauf es abgesehen sei, konnte aber doch nichts anderes denken, als daß die Umgestaltung des Schauspiels zu einer Oper mir selbst übertragen werden solle; um so schmerzlicher war es mir, als ich erfuhr, daß Hoffmann diese Arbeit mit Contessa machen wollte. Denn bei aller Fähigkeit, das Stück bühnenrecht zu gestalten, konnte ich doch Contessa die Tiefe und Großartigkeit nicht zutrauen, die für eine solche Dichtung gehörte. Doch Hitzig war mir sehr theuer; es war mir lieb, daß[170] er mein Wesen verstand, und so ohne weiteres voraussetzte, ich würde ihm gern ein Opfer bringen. Ich schickte ihm also sofort das verlangte Scenarium, und erst lange nachher erfuhr ich mehr vom Verlauf dieser Sache.

Endlich erschien das Erkenntniß in meiner Angelegenheit. Der Justizminister von Kircheisen hatte eigenmächtig das erste Gutachten des Kammergerichts verworfen. Nicht um ihn zu tadeln, führe ich diesen Umstand an. Kircheisen handelte einmal nach dem beliebten Grundsatz, »keine Einmischung einer Frau in Männersachen zu dulden.« Hatte doch St. Ambrosius der Jungfrau Maria zugerufen: »In der Kirche schweige das Weib!« Dies ließ sich zwar in diesem Falle nicht anwenden, denn das Weib gesprochen und ihre Stimme ein vieltausendfaches Echo gefunden.

Das Gutachten des Kammergerichts besagte:

»Auf allen Punkten habe sich Frau von Chézy gerechtfertigt, eine Menge gültiger Zeugen aufgeführt, um ihre Anklagen an Graf von Gneisenau zu bewahrheiten! Es bleibe nichts übrig als sie ehrenvoll freizusprechen, und ihr selbst zu überlassen, in welcher Art sie eine Genugthuung für die Unbilden verlange, die ihr von der Invalidenprüfunscommission zugefügt worden.«

Der Minister von Kircheisen verwarf dies Gutachten, ohne einen Grund anzugeben, und verfügte: daß man die Angeklagte befragen solle, ob sie nicht im Sinne gehabt, die Invalidenprüfungscommission zu beleidigen.

Hoffmann mußte mich noch einmal über diesen Punkt verhönen, und nun schritt man zum Erkenntniß, welches in den »Zeiten« von Daniel Voß abgedruckt steht, und welches Herr Joseph Engelmann, der sich noch eine[171] Menge Willkürlichkeiten gegen mich erlaubte, nicht abdruckte, als ich es ihm für die »Auserlesenen Schriften« zum Besten der verwundeten Vaterlandsvertheidiger, deren Kosten ganz auf mich fielen, sandte. Er, der mir soviel zu verdanken hatte, ergriff jede Gelegenheit, mir zu schaden und mich zu übervortheilen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß er, der zwar sehr schlau und eigennützig, aber dennoch beschränkten Verstandes war, sich auf irgendeine Weise gegen mich hatte einnehmen lassen. Rühmlicher und einträglicher wäre es für ihn gewesen, wenn er meinen Vortheil und mein Bestes im Auge behalten hätte. Ich würde über das unverantwortliche Unrecht schweigen, welches er mir angethan, wenn es nicht in jeder Beziehung gerügt zu werden verdiente.

Ein Werk, welches ich ihm versprochen hatte: »Das Rundgemälde von Heidelberg, Manheim, dem Neckarthal, dem Odenwald u.s.w.«, konnte ich nicht vollenden, weil ich nach den Niederlanden mußte. Ich schenkte ihm das, was davon fertig war. Er bat mich ihm zu erlauben, eine zweite Auflage davon herausgeben zu dürfen, ich willigte ein. Das Werk erschien. Einige Jahre später gab er ohne mein Vorwissen, mithin ohne meine Bewilligung, eine sogenannte dritte Auflage von diesem Werke heraus. Es war ein dünnes Buch, ein saftloser unverständlicher Auszug von dem gediegenen Werke meiner schätzbaren Mitarbeiter. Dies war ein Betrug, nicht allein an diesen und an mir verübt, sondern am ganzen Publikum.

Er hatte mich dringend eingeladen, einen Text zu zehn colorirten Kupfertafeln, die Heidelbergs schönste Umgebungen vorstellten, zu schreiben. Ich glaubte ihm dies nicht abschlagen zu dürfen, weil ich ihm den Druck der »Auserlesenen Schriften« schuldig war, und versprochen[172] hatte, meine Schuld durch Arbeiten abzutragen. Ich schrieb das Werk, und er ließ es als Manuscript ohne meinen Namen drucken, wahrscheinlich um nicht die Ehrengeschenke, die auf die Zusendung seiner Prachtausgabe folgten, mit mir theilen zu dürfen.

Ich könnte noch ein ganzes Register ähnlicher Handlungen aufzählen, aber es ist mir zuwider, mehr davon zu sagen. Nur will ich noch erwähnen, daß er eigenmächtig, ohne mein Vorwissen, den Titel »Emma, eine Geschichte« in die romanhafte Benennung »Emma's Prüfungen« umwandelte. Ich hatte durch den Titel »Emma, eine Geschichte« bezeichnen wollen, daß ich ganz einfach eine wahre Begebenheit geschrieben, und daß der Leser nicht ein Kunstwerk, sondern eine treue Abbildung nach der Natur finden sollte. Ich hatte den stolzen Gedanken gehegt, Deutschland zu schildern, wie die unsterbliche Staël Italien geschildert hatte. Das erste Buch der Emma war, wenn nicht mit dieser Genialität, dennoch in diesem Sinne geschrieben. Ich hatte meine »Emma« eigentlich heißen wollen: »Emma, oder Deutschland«. Meine Rechtssache unterbrach die Studien, die zu machen waren. Ich mußte mir in Berlin durch Stundengeben Brot verdienen. In solcher Lage kann man nicht daran denken, mit einem Meisterwerke zu wetteifern. Ich hatte so viele und schwere Opfer gebracht, daß mir diese neue Entsagung nicht schwer wurde, wählte also den bescheidenen Titel: »Emma, eine Geschichte«, und zum Motto Hippel's sinnvolles Wort: »Die Welt ist ein großer Garten im Norden, wo wenig reif wird!« Ich flocht viel Erlebnisse in dies Werk. Ludwig Tieck erklärte es für das Beste, was ich geschrieben. Manche prophetische Stelle der Emma fiel auf und wurde in gediegnen Zeitschriften herausgehoben. Ich mußte mich begnügen,[173] vieles zur Sprache gebracht zu haben, was mir im Herzen glühte. Engelmann erhielt noch, außer 19 Jahre lang ihm übersendete Beiträge für das Taschenbuch »Cornelia« und oben benanntes Prachtwerk über Heidelberg, 100 Thlr. vom Fürsten-Staatskanzler als Beitrag zu meinen Druckkosten; über die alles, und über den Verkauf von 500 Exemplaren der »Emma«, hat er nie Rechenschaft abgelegt, dagegen dreist behauptet: ich, die durch seine eigenen Briefe bewahrheiten kann, was ich hier schreibe, sei ihm für die Druckkosten noch vieles Geld schuldig!

Ich lasse hier das Erkenntniß des Kammergerichts in meiner Rechtssache folgen:


»Erkenntniß des Kammergerichts.

Copia Vidimata.

Auf die von dem Kammergerichtsrath Hoffmann wider die verehelichte von Chézy geb. von Klencke geführte Untersuchung.

Erkennt der Criminalsenat des königl. Kammergerichts vermöge besonderen Auftrags den Acten gemäß für Recht, daß

Denunciantin, Wilhelmine Christiane verehelichte von Chézy geb. von Klencke, von dem Vorwurfe, die Invalidenprüfungscommission zu Köln beleidigt zu haben, völlig frei zu sprechen, und die Kosten der Untersuchung niederzuschlagen.

Von Rechtswegen.

Erkenntniß des Criminalsenats des königl. preuß. Kammergerichts in der Untersuchungssache wider die verehelichte von Chézy geb. Freiin Klencke.«


Dr. Cristian Daniel Voß theilte in seiner Monatsschrift »Die Zeiten« (Juli 1817) dieses Erkenntniß mit, und schrieb dazu folgendes Vorwort:
[174]

»Frau von Chézy hat uns, infolge ihrer neulich mitgetheilten vorläufigen Anzeige, das Erkenntniß des Kammergerichts in ihrer, den Lesern aus frühern Anzeigen im allgemeinen bekannten Rechtssache mitgetheilt, und es folgt hier in extenso. Wir haben diese Angelegenheit bisher unter historischen Personalitäten rubricirt, und wenn sie nichts anderes als die Persönlichkeit der Frau von Chézy beträfe, würde sie ferner dahin gehören. Aber sie erhält durch diesen Urtheilsspruch ein doppeltes höheres und allgemeineres Interesse zunächst insofern dasselbe als ein Beitrag zur Geschichte und Charakteristik der Gerechtigkeitspflege in den preußischen Staaten zu betrachten ist, sodann insofern es auch auf den Gegenstand, weshalb Frau von Chézy gerichtlich in Anspruch genommen worden, Beziehung hat.

Nach dem französischen Recht, und von einem Gerichtshofe, welcher im Geiste desselben verfuhr, wurde Frau von Chézy für schuldig erkannt und zur Strafe condemnirt; nach dem preußischen Recht, und von einem im Geiste dieses verfahrenden Gericht wird sie freigesprochen.

Freilich die einzige Genugthuung, die dasselbe der Gekränkten, Mishandelten zu gewähren vermochte. Es verdient öffentlich anerkannt, und laut ausgesprochen zu werden: das Kammergericht in Berlin hat seinen alten, stets behaupteten Ruhm einer unerschütterlichen Rechtsstütze auch hier wieder bewährt. Den Zusammenhang der Sache erkennt man klar aus der dem Urtheil beigefügten actenmäßigen Geschichtserklärung. Wer mag an dem reinen, ja heiligen Eifer zweifeln, der die Frau von Chézy in der in Frage stehenden Angelegenheit leitete; wer die Motive derer verkennen, welche sie als eine[175] Calumniantin behandelten, und statt Lohn Schmach über sie zu bringen trachteten? Jene ist nun von der ihr gemachten Beschuldigung freigesprochen, aber sind denn diese wegen ihres Verfahrens gegen sie zur Verantwortung gezogen? War es genug, das Urtheil des kölner Gerichtshof zu kassiren? Sollte nicht eine Untersuchung verhängt werden, wie es dazu kam dasselbe zu fällen? Soll für den Zweck der edeln Frau nichts geschehen, und es ohne gründliche Untersuchung bleiben: ob der Invalidencommission denn wirklich nichts von dem zu Lasten komme, was sie als Fürsprecherin der unglücklichen Opfer des Vaterlandes in ihrer Beschwerdeschrift an den General Grafen von Gneisenau angezeigt hatte?

Das Erkenntniß selbst enthält darüber sehr bedeutsame Winke; sollen diese unbeachtet bleiben? Hat nicht Anzeigerin, haben nicht auch jene unglücklichen Opfer ein Recht, zu fordern, daß sie beachtet werden? Und gesetzt, daß sich auswiese, die Commission habe völlig vorschriftsmäßig gehandelt, wären denn nicht die untersuchend zu berücksichtigen, welche diese Vorschriften zunächst ertheilt hatten? Bedürfen nicht diese Reglements selbst einer Revision, um für die Zukunft zu verhüten, daß infolge derselben nicht ähnliches wieder geschehe?

Man hat es Napoleon oft vorgeworfen, und ihm mit vollem Grunde als einen Hauptbeweis seiner Herzenshärtigkeit angerechnet, daß er die verwundeten und invalid gewordenen Krieger als unbrauchbar gewordene Werkzeuge betrachtete und behandelte, die man wegwirft und ihrem Schicksal überläßt. Wie die Nacht von dem Tage verschieden ist, so ist diese Denkungsart verschieden von der unsers frommen, gerechten und menschenfreundlichen Königs.[176]

Wie kann es nun in seinem Geiste und nach seinem Willen gehandelt sein, wenn man so verfährt, als in dem Schreiben der Frau von Chézy angezeigt ist? Und selbst, wenn es aus Gründen geschah, wie die, welche in den Urtelsmotiven vorausgesetzt werden? Können Befehle zu solchen Knickereien bei der letzten Ausstattung der invalid gewordenen Krieger, wie die: daß ihnen nur die Oberröcke gegeben werden sollten, welche für die im Dienst befindlichen Soldaten nicht mehr brauchbar befunden worden, von diesen abgetragen worden sind; daß ihnen an ihrem Reisegelde abgezogen werden solle, was ein freier unabhängiger, wohlthätiger Verein ihnen verehrte – von dem Könige ausgegangen oder gebilligt worden sein? Wie sehr verkannte man seine Denkungsart und seinen Willen, wenn und indem man solche Vorschriften ertheilte!

Gewiß waren sie dem würdigen hochverehrten Feldherrn ebenso fremd, an den die Frau von Chézy ihr Beschwerdeschreiben richtete. Das beweisen die darin von ihm unterstrichenen Stellen; es bedarf aber auch dieses Beweises nicht für jeden, der diesen mit Recht hochverehrten Helden kennt. Auch geschah es wol gewiß nicht mit seinem Willen, und nach seiner Anweisung, daß die Untersuchung wegen jener Anzeige so oberflächlich geführt, und daß ihr die Wendung gegeben wurde, die Anzeigerin als eine Verleumderin vor Gericht zu belangen und condemniren zu lassen. Von ihm darf dagegen nun wol erwartet werden, da ihre Unschuld klar und sein Urtheil an dieser Sache zur öffentlichen Kunde gebracht worden, daß er eine gründliche Untersuchung veranlasse; denn wenn es auch für ihn der Rechtfertigung nicht bedarf, warum er diese so hochwichtige Sache damals scheinbar außer weiterer Acht gelassen, so bedarf[177] es doch für Frau von Chézy der Genugthuung, so bedarf es für die verkrüppelten, für die siechgewordenen Krieger besserer Unterstützung, und für die Zukunft für ähnliche Fälle vorkehrende Einrichtungen und Verfügungen; und dies erwarten diese Krieger, und die Nation, die sie kräftig und gesund hergab, und ungesund und verstümmelt wiedererhielt, und der sie nun, anstatt ihr nützlich zu werden, zur Last fallen, hauptsächlich von ihm, und können in seinem Geiste und seinem Herzen, sowie in seinem damaligen und jetzigen Wirkungskreise allerdings wol Berechtigung zu diesem Anspruche zu finden erachten.

Welche Sorge kann dem Staate heiliger sein, als die Pflege der kranken und verwundeten Krieger und die Versorgung der invalid gewordenen? Der Staat macht es jedem Bürger zur ersten unerläßlichsten Pflicht Kriegsdienste zu leisten, soll er es nicht als seine erste unerläßlichste Pflicht anerkennen, für ihn angemessene Sorge zu tragen, wenn er ein Opfer jener Pflichterfüllung geworden ist? Dies fordert nicht blos die Gerechtigkeit und die Humanität, es fordert es auch die Politik, denn es hängt daran der Erfolg der kriegerischen Unternehmungen und sonach die Sicherheit des Staates. Wie mag man erwarten, daß ein Krieger willig und freudig ins Treffen gehe, wenn er befürchten muß, in den Lazarethen, wie Dr. Frohwein geschildert, behandelt und aus denselben verkrüppelnd und siechend, wie Frau von Chézy angezeigt, entlassen zu werden?

Der gemishandelten und rechtfertigten Krankenverpflegerin und Invalidenvertreterin möge das nachstehende Erkenntniß zur Aufmunterung gereichen, in ihrem Eifer für Vaterland und Menschheit nicht zu ermüden. Sie wird gewiß überall, wo es für sie Werth haben[178] kann, auch noch Anerkennung erhalten, und da sie gewiß nie um äußern Lohn wirkte, so wird sie sich durch den innern vollständig befriedigt finden, daß, wir vertrauen, es wird gewiß noch geschehen, die gute Sache vollständig siegt.

Professor Daniel Voß.«


Während ich in Köln war, und voraussehen konnte, was mir die Behörden zudachten, setzte ich meinen Briefwechsel mit den hohen Frauen fort, die gleich im Anfang meines Unternehmens innige Theilnahme dafür gezeigt hatten. Zu diesen gehörten vor allen die unübertrefflichen Fürstinnen, Marianna Prinzessin von Preußen königl. Hoheit und Charlotte Großherzogin von Sachsen-Hildburghausen königl. Hoheit, die Schwester der Königin Luise von Preußen Majestät, eine der vier Geschwister, welche Jean Paul so begeistert gefeiert. Ich enthüllte der Prinzessin Wilhelm und der Großherzogin Charlotte das Gewebe gegen mich, soweit man es damals durchschauen konnte. Ich zweifle nicht, daß die großsinnigen Frauen dem Könige meine Briefe mitgetheilt haben, und daß diese vorläufigen Aufschlüsse über die Sache dem Monarchen über die Umtriebe der Chirurgen Licht gegeben.

Als ich späterhin in Berlin der Prinzessin Wilhelm einige Actenstücke vorlegte, rief sie aus: »Wundern Sie sich nicht über das, was Ihnen geschehen ist, wenn ich Ihnen versichere, daß man mir kaum besser mitgespielt hat als Ihnen; daß mir, die von Betten der Kranken selten wich, der stille Hohn der Chirurgen, Inspectoren, Dirigenten u.s.w. aus ihren Mienen entgegenfunkelte; sie wollten keine Controle; wäre es ihnen möglich gewesen mir etwas anzuhaben, es wäre geschehen.«

Ich schweige von den Annehmlichkeiten des Sommers[179] 1817, den ich im Thiergarten mit meinen Söhnen zubrachte. Ich schrieb dort Beiträge für den »Freimüthigen«, für den »Gesellschafter« des Professors F.W. Gubitz, machte Auszüge aus englischen Zeitschriften dafür, schrieb Erinnerungen für meine »Aurikeln«, sowie den Aufsatz »Sein und Schein in christlichem Wandel«. Wenn ich etwas fertig hatte, brachte ich es der Prinzessin Wilhelm, traf dann auch wol bei ihr die Kurfürstin von Hessen, dies Kunstwerk des Misgeschicks, wie Chateaubriand die Herzogin von Angoulème nannte, und auch die Kurfürstin Auguste genannt haben würde, wenn er sie gekannt hätte.

Das Beisammensein mit diesen zwei höchsten Frauen war ein beglückendes; sie waren so herzig und so einfach zugleich, ohne den leisesten Schatten von dem, was man Sentimentalität zu heißen pflegt, sondern voll lieblicher Natürlichkeit, die sich gerade dadurch nichts vergibt, daß sie jedes für das, was es wirklich gilt, gelten läßt. Je höher solche Frauen eine Privatperson stellen, destomehr fühlt diese sich verpflichtet, ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Wie anmuthig war es, wenn man in den Garten von Schönhausen eintrat und vom Säuseln seiner hohen Wipfel gleichsam begrüßt wurde. Die Fenster des Lustschlosses standen offen, keine Thür war verschlossen. Unweit des Schlosses zwischen Baumstämmen stand eine Wiege, ein einfacher geflochtener Korb grün behangen. Ein süßathmendes Kind lag darin, schlummernd wie die Knospe in ihrer grünen Hülle. Nicht weit davon lag Waldemar, mit Blumen im Grase spielend. Adalbert saß wohl neben ihm und blätterte in einem Buche. Prinz Wilhelm kam aus einer Laube, begrüßte uns, rief seiner Gemahlin durch das Fenster zu: »Du hast Besuch, Marianna!« und sprach dann mit mir und den Kindern,[180] bis die Prinzessin kam. Sie führte uns in ihr Zimmer zeigte uns Prachtausgaben von neuen Werken, und Familiengemälde, auch wol seltene Blumen und Vögel. Dann kam das Frühstück, und dann ging es ins Gartenzelt. Man vernahm den heitern Tumult, den Prinz Adalbert's Spielgenossen machten. Er hatte ein stattliches Heer, die ganze Dorfjugend, welche er exercirte; der Stock war dabei überflüssig. Auch Wilhelm und Max spielten mit. Lebendige Soldaten sind allerdings angenehmer als bleierne. Prinz Adalbert war sehr liebenswürdig. Die Lesestunden waren oft von Gesprächen unterbrochen, zuweilen auch durch den Kammerdiener, der gravitätisch einen großen Präsentirteller mit Früchten brachte. Die lebhafte Prinzessin sprang ihm entgegen, nahm ihm den Teller ab, setzte ihn auf den Tisch, und rief selbst die Kinder herbei, damit sie sich satt naschten, dann sprangen sie wieder davon und wir lasen wieder.

Die Kurfürstin Auguste von Hessen war eine von der des Prinzen Wilhelm ganz verschiedene Natur, nur in den schönen Grundelementen ihres Wesens waren sich beide gleich. Prinzessin Wilhelm war idealisch schön; selbst im Prachtkleide wußte sie Einfachheit zu behaupten. Am schönsten stand ihr die violette Farbe zu ihren vollen braunen Locken und dem Schmelz ihrer frischen Gesichtsfarbe. Sie war hoch und schlank, und hatte die liebliche Fülle einer frischaufgeblühten Rose. Ihr Blick war unbeschreiblich süß und glänzend, er brannte nicht, er stach nicht, er lockte nicht, ihre ganze Seele war darin. Ihre Schönheit war so eigenthümlich und ganz ihr eigen, daß sie an keine andere erinnerte, keinen Anlaß zu Vergleichungen bot. Sie war ganz sie selbst, als wenn die Natur, welche sie geschaffen, gewußt hätte, sie könnte nichts Schöneres sein. Die Kurfürstin Auguste war eine[181] hohe Gestalt, schlank, beinahe mager. Ihre ganze Erscheinung war einfach und anspruchslos, und sie hatte so sanfte Augen, ein so mildes Lächeln, daß man die Schönheit nicht bei ihr vermißte. Ihre Bildung war keine moderne; allein, dank der vortrefflichen Erziehung, welche sie genossen, sie war eine ganz andere als die, welche die Prinzessinnen jener Zeit empfangen hatten. Die letzte Hand an ihre Erziehung hatte das Schicksal gelegt. Ihr Gemahl paßte nicht zu ihr; er war ein Prinz aus der Rococozeit. Sie, die bei ihrem guten Vater nur zart behandelt worden, konnte sich in sein Wesen nicht finden. Ihr Schwiegervater, der gleichfalls wenig Bildung genossen, aber einen gesunden Kern hatte, sagte ihr zuweilen: »Frau Tochter, Ew. Liebden stellen Ihre Sache nicht recht an; sehn Sie auf Ihre Frau Schwester von York, die hat es los wie man mit einem Mann umgehn soll. Nur um Gottes willen nicht weinen, wenn er unwirrsch ist; da könnte ein tüchtiger Kerl gleich aus der Haut fahren; und ihm die Kinder vom Halse lassen, er wird sie schon verlangen! Ueberhaupt, Frau Tochter, fein auf die Etikette gehalten, die verhindert Ausgelassenheiten. Das ›Du‹ ist plebeje; das ›Sie‹ ist wie der Buchsbaum um ein Gartenbeet her, es hindert, daß man nicht hineintritt.«

Vielleicht hat der alte Kurfürst seiner lieben Schwiegertochter noch andere gute Lehren gegeben, und vielleicht weiß ich sie noch auswendig. Aber das indische Sprichwort sagt: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!«

Von Prinzessinnen der frühern Zeit, welche Muster der Liebenswürdigkeit waren, und mit Geschmack und Bildung, Geist und Sinn für alles Schöne in sich vereinigten, könnte man nebst Luise Ferdinand vermählte Prinzessin von Radziwill noch manche andere nennen.[182] Auch die Mutter der königlichen Prinzessin Luise war in vieler Hinsicht von ausgezeichneter Liebenswürdigkeit, die sich durch die frühere Form nicht hatte unterdrücken lassen. Diese Formen würden nie aufgekommen sein, wenn der schönen Zeit, welche fromme, zarte und leutselige Prinzessinnen erzog, nicht die Zopfzeit gefolgt wäre, und mit ihr zugleich die Ausgelassenheit des französischen Hofes unter dem Regenten und Ludwig XV. nicht die Nothwendigkeit herbeigeführt hätte, strenge, steife Etikette einzuführen, und die jungen Prinzessinnen sowie auch den Hofadel auf das strengste und vorsichtigste von der übrigen Menschheit abzusondern. Man suchte sie noch sorgfältig davor zu hüten, daß sie deutsch lernten, und dies gelang bei vielen. Doch in dem Maße, wie die höchsten Frauen und Prinzessinnen vor jedem schädlichen Eindruck gehütet wurden, übten die Männer und Jünglinge ein Recht der Zügellosigkeit der Sitten, weil ihnen strenge Moral, Tugend, innere Würde und Religion lächerlich und verächtlich vorkamen.

Die Schriften der sogenannten Philosophen, der Materialismus den sie athmeten, wirkten auf diese verkehrte Richtung.

Dem nichtigen Menschen ist die Gottesleugnerei eine Nahrung für seine Eitelkeit; er ist über das, was er zerstört hat, so stolz und entzückt, als ob er es geschaffen hätte. Der Begriff eines höchsten Wesens, welches allgütig und allweise die Schöpfung regiert, ist ihm lästig. Er denkt nicht an Lohn und Strafe, ohne sie als Tyrannin zu bezeichnen. Nach seinen Ideen haben sich die Dinge von selbst in eine ewige Ordnung gefügt, nach Naturgesetzen entfaltet, und ein höheres Wesen, dessen ewigen Gesetzen die Massen gehorchen, ist eine Erfindung, die den höhern Menschen nicht imponiren kann.[183] Wenn dies System befolgt werden könnte, so käme dabei kein Hühnerhof zu Stande.

Geistvolle Menschen haben schon gesagt, daß es keinen Atheisten gibt, sondern diese Gottesleugnerei nur in der Einbildung kranker Gehirne läge. Wie dem auch sein mag, unsere großen und üppigen Herren brüteten darüber, und wußten sich damit nicht wenig. Der große Astronom Lalande, der sich als Astronom am wenigsten etwas darauf zugute hätte thun sollen, daß er Gott leugnete, konnte wähnen, daß sich die geschaffenen Dinge so recht tausendkünstlerisch geschickt, von selbst gemacht. Wahrscheinlich gehörten auch die Erdbeben, Schiffbrüche, Ungewitter in die Ordnung der Dinge hinein, und die Jahreszeiten folgten einander nach dem Gesetz der Naturnothwendigkeit. Mehrere Jahrzehnde waltete der Wahn, dann fing der trostbedürftige Mensch wieder an, Gott zu suchen. Die ewige Liebe täuscht nicht die Hoffnung des Geschöpfes, sie offenbart sich in der Liebe selbst.

Als die Revolution mit ihren Greueln auftauchte, sah sich Robespierre genöthigt, um nur aus dem Wirrwarr sich herauszufinden, Gott zu decretiren. Das Volk gehorchte. Glaube, Hoffnung, Liebe waren ihm lieber wie was anderes, und waren zugleich etwas anderes, als was man bisher gehabt. Die langverschlossenen Kirchenthüren thaten sich auf. Die lange verscheuchten Priester erschienen wieder; nur sollten sie zur Constitution schwören. Dagegen sträubte sich ihr Rechtsgefühl; sie meinten: wer den König vom Thron gestoßen, und sein Haupt in den Sand gerollt, könne nun nicht Gott einführen, wie eine Maschine, deren man eben bedarf. Doch wer kennt nicht die grausenerregendste und blutigste aller Geschichten; sie, die nur das Ei ist, aus welchem die Unterwelt das Verderbniß der Zukunft ausbrütet?[184] Die Völker werden immer erfindungsreicher und immer gemüthsärmer. Wer weiß, ob sich nicht aus den jetzigen Zuständen das Unheil der Zukunft unheilbar entwickelt. Soviel ist wahrscheinlich, daß eine bedeutende Entscheidung sich unabwendbar nahe.

Ich hatte vorhin von dem allen nicht sprechen wollen, es ergötzte mich, darüber nachzudenken, wie denn unsere Aeltermütter von der schönen geschmackvollen Kleidertracht früherer Zeiten (man gehe nur zu denen Ludwig's XIII. zurück) zu den scheußlichen Trachten gelangt sind, die seit Ludwig XV. und seit der Regentschaft grassirt, und der ich jetzt nothwendig erwähnen muß, nicht allein, wie sie jetzt sind und waren, sondern wie sie noch werden können. Ungeschmack herrscht in allem, Unzweckmäßigkeit nicht minder. Zu oft bleibt das Gute auf halbem Wege stehen, doch das Ueble nie. Unsre Enkelinnen wird man ohne allen Zweifel in den barockesten Trachten erblicken, von denen ich viele schon selbst erlebt, den Leib mit zwei Händen zu umspannen. Der breite steife Reifrock um die Hüften her, damit die Taille feiner erscheine! Der Kopfputz eine halbe Elle hoch, um Größe zu gewinnen! So viel Tand und nutzlose Schnörkel um und an den Damen, daß eine Fremde wie zu Lady Montague's Zeiten untersuchend fragen wird: »Bist du selbst das alles?«

Ich selbst lief noch am Gängelbande umher, als ich junge und alte Damen im damaligen Aufputz sah: das Haar über hohe Wulsten gezogen, stark gepudert und auftoupirt. Da man der damaligen Dauphine Maria Antoinette gern eine Schmeichelei bezeigen wollte, und da es fälschlich hieß, sie habe rothes Haar, so bestreute man sich mit rothem Pulver. Rund um die Frisur her wurden wurstähnliche Locken gesteckt; hinter[185] den Ohren hingen, den Hals bekleidend, zwei lange Locken, gleichfalls mit einer Wurst endend, auf den Busen herab. Von den übrigen Zierathen des Anzugs und Kopfputzes will ich schweigen, meine schönen Leserinnen haben dergleichen gewiß schon auf alten Familiengemälden gesehen. Nur muß ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß Herr Dr. Klencke an der Beschreibung des Aufputzes meiner Großmutter Karschin ohne Noth Puder und Zitternadeln verschwendet hat. Kein Körnchen Puder hat jemals ihr Haupt berührt. Wenn ihre Freundinnen sie baten, sich doch zu pudern, weil es ja Mode und mithin anständig sei, so rief sie entrüstet aus: »Was, ich soll mir Mehl auf den Kopf streuen? Nimmermehr!« Sie trug ihr feines braunes Haar ganz natürlich aufgeschlagen, und setzte ein Kopfzeug auf, dem oben am Scheitel ein Veilchenstrauß nicht fehlen durfte; denn etwas mußte sie für die Mode thun, um nicht zu arg verketzert zu werden.

Ich kann mich rühmen, Läufer und Haiducken gesehen zu haben, die scharlachroth gekleidet waren. Der Fackeltanz wurde bei Vermählungen aufgeführt. Die Damen bemühten sich sehr um Doppelkinne und um eine etwas schiefe Haltung des Kopfes. Selten sah man eine ohne einen kleinen Papagai und Bologneserhündchen, oder einen schnarchenden Mops, dem zur Verschönerung der Schweif abgehauen war, die Nase eingeknickt, auch die Ohren kurz abgeschnitten. Die armen Thiere jammerten mich; doch kamen sie zum Glück aus der Mode. Am liebsten sah ich die schneeweißen seidenhaarigen Bologneserhündchen mit ihren rosenfarbenen Halsbändchen, ihren umlockten Augen und ihren hängenden purpurnen Zünglein. Auch sie verschwanden nach und nach, und die Wachtelhunde, minder klein, von vermindert zerbrechlichem[186] Knochenbau und zierlichen Bewegungen, kamen an ihre Stelle. Sie fangen an den Vorzug der Seltenheit einzubüßen, wunderkleine Windspiele werden sie verdrängen. Man muß damals die Hunde sorgfältiger gehalten haben, denn man hörte selten etwas von einem tollen Hunde. Karl Theodor's erste Gemahlin, Elisabeth, die sich gern in phantastischen, besonders in mythologischen Costümen malen ließ, und die so, wie ihr Gemahl, das oftgemalteste Fürstenhaupt der Erde war, besaß das angenehmste Wachtelhündchen, das man sehen konnte. Es war weiß, mit schöner weißer krauser Brust und glänzendem schwarzen Ohrgehenk; und was an ihm sehr geschätzt wurde, es hatte die linke Seite ganz weiß. Seine großen schwarzen Augen und sein Korallenschnäuzchen gereichten ihm zur größten Zierde. Der Künstler, der es auf dem Arm einer schönen Dienerin dargestellt, hatte es mit solcher Wahrheit aufgefaßt, daß es schien, als ob es von diesem schneeweißen Arm herunterzugleiten im Begriff stehe. Die Dienerin, ein Fräulein von St. George, wahrscheinlich eine Großtante meines geistreichen Vetters, des Ritters von St. George, war schön, und es wird von ihr gerühmt, daß sie den leidenschaftlichsten und lockendsten Bewerbungen Karl Theodor's widerstand.

Die vielen meist anziehendsten Bildnisse Karl Theodor's und seiner Gemahlin in Graf Graimberg's Galerie machen beinahe den Eindruck einer Biographie, denn wenige Momente in seiner Lebensgeschichte sind unverzeichnet geblieben; es befindet sich darunter sogar einer, wo er als Geldempfänger dargestellt ist. Seine Gemahlin, Schwester des Kurfürsten von Baiern, die ihr eben nicht hold war, ließ sich als Diana malen, um dadurch anzudeuten, daß sie von nun an immer darauf entsagt, das Lager ihres Gemahls zu theilen, und ihm carte blanche für alle erdenklichen Abenteuer gäbe.[187]

Bei großen Gelegenheiten, wenn es unmöglich war den Friseur frühmorgens zu bekommen, wurde er für den Abend vorher geholt. Er baute die Frisur mit der größten Sorgfalt auf, und brachte wenigstens zwei Stunden damit zu; dann nahm er vom feinsten Postpapier einige lange Bogen und umsteckte die Frisur mit vielleicht hundert feinen Nadeln. Die gemarterte Dame setzte sich auf ein Sofa, unterstützte ihren Nacken, behing ihre Füße mit warmen Tüchern, und blieb schwebend angelehnt im beschriebenen Zustande die ganze Nacht. Ihre Augenlider waren roth und geschwollen vom festen Anziehen der Haare.

Es wurde mir vergönnt noch in meinen frühesten Jahren die Umwandelung zu bewundern, die plötzlich eingetreten war. Meine Mutter nahm mich zur Vermählungsfeier der Prinzessin Friederike und Wilhelmine von Preußen auf das Schloß mit. Unsern Augen bot sich das überraschendste Schauspiel dar. Die Königin Mutter und die junge Königin erschienen, sowie der übrige Hof, noch mit gepuderter Frisur und im Reifrock; allein zuletzt erschienen die Bräute des Herzogs von York und des Statthalters der Niederlande, Friederike und Wilhelmine von Preußen, mit ihrem Nymphenwuchs, ihren sanft gerötheten Wangen und ihren lieben hellen Augen. Sie trugen die strahlenden Brautkronen mit blühenden Myrtenzweigen durchflochten, das schöne Haar leicht gelockt um den blendenden Nacken her, eine griechische Chemise, die anschmiegend die Formen ihrer lieblichen Gestalt begleitete, und eine breite goldene Arabeske in dem brillanten Leibgürtel. Ein allgemeiner Schrei der Ueberraschung und Freude ließ sich nicht unterdrücken, aber die Blicke der hohen Neuvermählten zeigten, daß ihnen dieser Ausbruch auch nicht gleichgültig war.[188]

Von nun an griff die griechische Tracht in das Leben ein; das Publikum fühlte, welchen glänzenden Sieg die Sache des guten Geschmacks und der Schönheit davon getragen habe. Wenige dachten noch an den Zusammenhang der Umwandelung der Tracht mit der Umwandelung der Sitten und Gebräuche, die ihr auf dem Fuße nachfolgte. Im Jahre 1817, als ich in Berlin war, hatte sich wieder eine Veränderung in den Costümen gezeigt: sie waren minder ungezwungen, minder leicht, faltenreicher, den Formen des Körpers nicht so angeschmiegt; allein im Benehmen der Töchter und Söhne des Thrones blieb der eingetretene Wechsel bemerkbar, sowol in Preußen als im benachbarten Sachsen, wo lange die größte Steifheit geherrscht hatte. Prinzessin Auguste, die Tochter Friedrich August's, verbarg nicht, wie sie ehemals gethan haben würde, die Strahlen ihres Geistes. Einige Anekdoten aus ihren frühesten Kindheitstagen mögen hier eine Stelle finden, obgleich sie nicht eigentlich hierher gehören.

Die Prinzessin saß einmal auf dem Boden und spielte, der König hob sie in seinen Armen auf; das mochte ihr nicht recht sein, im Spiel unterbrochen zu werden, und sie rief ihm zu: »Hundsfott!«

Der König schellte das ganze Haus zusammen, und rief mit erstickter Stimme: »Wer hat der Prinzessin das Schimpfwort beigebracht?« Als alle schwiegen, sprach er: »Gut, es mag für diesmal hingehen; wenn aber meine Tochter noch ein einzig mal ein Schimpfwort sagt, so kommt alles fort was hier im Schlosse ist, darnach richtet euch!«

Der König wurde unbeschreiblich geliebt. Niemand wollte ungehorsam sein. Kein Mislaut erklang ferner vor den Ohren des Kindes. Da ließ sich die zweite Gouvernante irgendein Versehen zu Schulden kommen,[189] worüber die kleine Hoheit aufgebracht wurde. Das dem Menschen angeborene Bedürfniß, ein zürnendes Wort auszusprechen, wurde mächtig rege, aber die Kleine fand keines und brach in die Worte aus: »Sie sind, Sie sind ein rechter zinnerner Teller!« Denn Schnöderes kannte sie nicht. Ich glaube nicht, daß der König um die Sache erfuhr, weiß aber, daß die Prinzessin ihr Wort gern zurückgehabt hätte, und sich schämte.

Auch die Erziehung der Prinzen wurde mit großer Sorgfalt geleitet. Der König sah es nicht gern, wenn sie ohne Gefolge über die Straße gingen, oder im Walde umherstreiften. »Ihr werdet schon sehen«, rief er ihnen zu, »was das auf sich hat, und wozu es führt.« Die Prinzen glaubten ihm nicht, sie blieben auf den eingeschlagenen Wegen. Dies würde gut gegangen sein, wenn der Oheim, der Herzog Anton, welcher kinderlos war, nicht auf die Thronfolge bestanden hätte, auf welche er allerdings das Recht durch die Geburtsfolge hatte, dem aber der Herzog Max zu Gunsten seiner Söhne entsagte. Herzog Anton ersehnte den Thron für die Zeit, wo sein Bruder ihn leer lassen würde. Bei diesem Wunsch kam weder Ehrgeiz noch irgendein persönlicher Beweggrund in Anschlag. Der Herzog konnte und wollte nicht Dynast werden. Er liebte zärtlich seine Neffen. Allein der König, sein Bruder, war nach seinem Sinne noch nicht genug darauf bedacht, das Land der Römischen Kirche zuzuwenden, und räumte der Augsburgischen Confession noch immer zu große und zu viele Rechte ein. Herzog Anton glaubte größeres Heil für seine Unterthanen zu erzielen, wenn er sowol Rechte als Pflichten der Katholiken auf das möglichste ausdehnte, und ihnen soviel Begünstigungen zuwendete, als nur immer statthaft sein konnten. Bei der Aufzählung derselben, will[190] ich nur bei dem ganz allgemein Bekannten stehen bleiben.

Für jedes Kind von evangelischen Aeltern mußte für den Schulunterricht gezahlt werden. Es gab viele Familien, besonders im Erzgebirge, welche nicht genug verdienten, um Brot für ihre Kinder zu kaufen. Dem Schulmeister trug seine kleine Besoldung nicht genug ein, um Schulgeld für seine Kinder zu entbehren. Nun wurde den Aeltern vorgestellt, daß sie ihre Kinder nur in die katholische Schule zu schicken brauchten, dort würden sie umsonst unterrichtet und brauchten nicht den katholischen Glauben anzunehmen. Viele schlugen freudig ein, und sahen in dieser Begünstigung nur eine Handlung der Menschenliebe. Vielleicht war sie es auch ursprünglich, allein man sah nichtsdestoweniger die meisten dieser Kinder zum katholischen Glauben übergehen. Eine andere Hauptursache, daß viele Evangelische übertraten, ging wahrscheinlich nur aus der Lage der Dinge im allgemeinen hervor. Es gab viele Witwen und Jungfrauen reifen Alters, die sehr eifrige Katholiken waren und sich zu verheirathen wünschten. Sie wurden mit jungen evangelischen Bürgern bekannt, die man darauf aufmerksam machte, daß manche nicht unbedeutende Vortheile durch eine eheliche Verbindung mit diesen Matronen und abgeblühten Mädchen zu ermitteln seien; allein die Hauptbedingung sei die Heimkehr in den Mutterschos der Kirche. Dies alles ging geräuschlos zu.

Herzog Anton war kein ganz theilnahmloser Zuschauer bei diesen Vorgängen. Seine edle Gemahlin, ein Musterbild von Güte und Menschenfreundlichkeit, eine jüngere Tochter von Maria Theresia, that überhaupt viel Gutes, und vergaß nicht, den Neubekehrten Wohlthaten[191] zu erzeigen. Sie hatte Maria Theresia's Eifer für das Seelenheil ihrer Unterthanen, doch es war Milde in diesem Eifer, weshalb er um destomehr wirkte.

Herzog Anton und seine Gemahlin träumten von einer seligen Zeit, wo das schöne Land Sachsen nur ein Hirt und eine Heerde sein würde. Herzog Anton sehnte sich nach einer Wallfahrt nach Rom, konnte aber keine bewerkstelligen. Er ließ mithin die Zahl der Schritte und das Maß der Zeit berechnen, welches erforderlich wäre, zu Fuß nach Rom zu gehen. Man belehrte ihn, daß er sein Ziel in drei Jahren erreichen könnte, wenn er täglich einige Stunden damit zubrächte. Weil nun der Herzog darauf verzichten mußte, nach Rom zu wandeln und dort den Segen des heiligen Vaters zu empfangen, unternahm und vollendete er seine Wallfahrt auf den Knien rutschend in seinem Zimmer. Sie war nun kaum beendet, als Friedrich August in das Jenseits hinüberging und sein frommer Bruder das Scepter ergriff, das jener über ein halbes Jahrhundert rühmlich geführt hatte.

Quelle:
Chézy, Helmina von: Unvergessenes. Leipzig 1858, Band 2, S. 149-192.
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