Von dem Betragen in Gesellschaft, und wenn man zu Gaste gebeten worden ist.

[121] Bist du in eine Gesellschaft gebeten worden, so sey nicht gern und vorsätzlich der Allerletzte; lasse nie die Gesellschaft zu lange auf dich warten. Das ist nie feiner Ton, wie Viele glauben. Sehr oft wetteifern Mehrere in diesem feinen Ton, und die Gesellschaft muß Stundenlang warten, ehe sie vollzählig wird. Die Begrüßungs-Complimente hören dann nie auf, und das ist beschwerlich. Wie kann man doch eine solche Unhöflichkeit zur Artigkeit machen! Und wir selbst schaden uns ja dabey am meisten, denn wir setzen uns alsdann manchen schiefen Urtheilen aus, und geben nicht selten zu einer scharfen Kritik Anlaß. Selbst wenn du der Vornehmste einer solchen Gesellschaft wärest, würde dir die Pünktlichkeit, zur gesetzten Zeit, ohne auf dich warten zu lassen, gewiß[122] sehr wohl anstehen. Durch solche Kleinigkeiten wird wahrlich niemand vornehmer, als er ist.

Wirst du gebeten, so frage entweder sogleich, wenn du gebeten wirst, um welche Zeit du erscheinen sollst. Wäre das der Person und ihres Ranges wegen, wenn sie dich selbst bitten sollte, unmöglich, so mußt du anderwärts Erkundigung einziehen, wenn man allda zu speisen, Coffee zu trinken, u.s.w. gewohnt ist. Wirst du aber von den Domestiken der Herrschaft eingeladen, so erkundige dich bey ihnen, und vergiß dieses nie.

Von den sogenannten Coffeevisiten sagen sich gewönlicher Weise die Mannspersonen gerne los. Auch spielen eine einzige, oder auch nur wenige Mannspersonen unter mehreren Damen bey Coffeevisiten selten eine ganz köstliche Rolle. Die Damen haben das Präsidium gleichsam, und ihre Unterhaltungen, ihr ganzes Betragen haben dabey eine so eigene originelle Art, daß auch der beste Gesellschafter[123] im Schatten stehen bleibt. Es gehört ein eigenes Talent dazu, diesen ihren großen Kleinigkeiten Genüge zu leisten. Wer nicht ganz mit ihnen sich einzustimmen verstehet, kann in Gefahr gerathen, von ihnen lächerlich gemacht zu werden. Sie wollen öfters dieses zwar nicht geradezu thun, aber ihre Bemerkungen laufen doch immer gewöhnlich da hinaus, daß sie uns zum Besten zu haben versuchen.

Wird der Coffee gleich nach anfgehobener Tafel gereicht, so präsentiren gemeiniglich, in Häusern von gutem Ton, die Domestiken die Tassen. Präsentirte sie aber doch die Dame des Hauses, so mache man keine Umstände, wenn sie fragt: ob wir schwarz oder weiß trinken wollen? – und sage mit bescheidener Miene und artiger Verbeugung, was man beliebt. Das häßliche: wie sie befehlen u. dergl. ist den Damen lästig, und nöthiget sie zu Complimentirereyen und Umwegen, die man gar nicht braucht. Darum wird man gefragt, daß man antworten soll.[124]

Ueberhaupt glaube man ja nicht, daß man höflicher scheint, wenn sich die Leute beynahe todt nöthigen müssen, uns zu bereden, dieses oder jenes anzunehmen, dieses oder jenes zu genießen. Die Zeiten sind vorüber, wo solch ein Betragen für Artigkeit galt. Jetzt sind wir in diesem Falle ein gutes Theil natürlicher geworden. Den Ort, den man dir an der Tafel anweiset, wenn man sich zu Tische setzet, den nimm an, und weigere dich nicht weiter. Eine hartnäckigere Weigerung könnte bey Empfindlichen den Gedanken in ihnen rege machen, du verstündest es nicht, wo er hingehöre.

Wird dir bey Tische der Teller gereicht, so nimm ihn ohne große Ceremonien an. Gemeiniglich ist dieses Darreichen des Bedienten Geschäft, und er ist unterrichtet, wem er den Teller reichen solle.

Du hast alles gethan, im Fall, daß Frauenzimmer an deiner Seite sitzen, wenn du ihnen den gereichten Teller giebst. Tönt das Losungswort einmal: es bleibt in der Reihe –[125] so mache weiter keine Umständlichkeiten, besonders wenn es etwas enge am Tische zugehen sollte, denn wie leicht verschüttet man etwas vom Teller, und macht die Sache schlimmer, als vorher. Die Damen besonders verzeihen eher einen kleinen Fehler wider die Etikette, als daß sie sich Flecke in ihre Kleider kommen lassen. Entschuldige dich mit deiner guten Absicht, wären sie nicht gutgesinnt genug, sie von selbst bemerken zu können, oder wären sie unbescheiden genug, sie nicht bemerken zu wollen.

Erhebt dich dein Rang über die übrigen Gesellschafter, die mit dir am Tische sitzen, und hat man darauf nur Rücksicht genommen, den Teller dir zuvor zu reichen, so wird es artig seyn, wenn du deinen Rang vergißt, und den gereichten Teller den neben dir sitzenden Damen reichst. Die zur rechten Seite hat dann den Vorzug, dann folgt die Dame zu deiner linken Seite. Manche glauben, wenn es die eine der Damen verbeten habe, so müßten sie den Teller der andern anbieten. Ich bitte aber,[126] wohl zu überlegen, ob solch ein Anerbieten diese Dame nicht in Verlegenheit setzen könnte? Will man nicht damit sagen: laß sehen, ob diese zweyte Dame auch so artig seyn wird. – Nimmt sie nun den Teller – ist sie dann nicht in Gefahr, für unartig gehalten zu werden? – Schlägt sie ihn aus, so hat man abermals eine vergebliche Umständlichkeit gemacht. Vielleicht wendet man ein, daß man diese doppelte Ceremonie nur deshalb mache, um keiner von beyden einen Vorzug zu geben; ich will also darüber keine bestimmte Vorschrift machen.

Den Damen die möglichste Aufmerksamkeit, Achtung und Artigkeit zu bezeigen, ist auch noch des vornehmen Mannes Pflicht, wenn auch diese geringern Ranges wären. Die Herren müssen die Damen bey Tische bedienen – ist eine allgemeine Tischregel. Ist eine der Damen schnell genug, dir selbst zuvorzukommen, so nimm ihr dieses freywillig erwählte Aemtchen mit einem artigen Compliment im Augenblick ihres Vollziehens wieder ab; könntest[127] du aber durch diese Störung eine Ungelegenheit bewirken, so bleibe ruhig, und danke ihr auf das Artigste dafür. Hast du Geschmack, Witz, so wirst du ihr etwas Verbindliches, oder sonst etwas Schönes dafür zu sagen wissen.

Wenn bey Tische, so wie überhaupt der Vornehmere einem Greise, stände er auch tief unter dessen Rang, gewisse Vorzüge mit Artigkeit giebt, so gewährt das einen edeln Anblick, und er gewinnt unendlich mehr dabey, als er verliert.

Wem zuerst der Teller gereicht worden, der fange an zu essen; glaubt er, daß dieses unbescheiden sey – so warte er ohngefähr, bis eine dritte oder vierte Person ebenfalls versorgt ist; denn einer muß den Anfang machen, sonst möchte wohl am Ende das Essen stehen bleiben müssen. Nur esse man Anfangs nicht zu jach, denn das giebt ein unanständiges Schauspiel für Andere, und wir selbst geben dadurch zu verstehen, daß uns der Heißhunger plage.[128]

Ich kenne eine Familie, die ihre Gäste für grobe Menschen hielt, wenn sie nicht lang erst warteten, sondern zu essen anfiengen, sobald es ihnen gereicht worden war. Bey ihr herrscht folgende Sitte: der Erste darf nicht eher zu essen beginnen, als bis der Letzte versorgt worden ist. Ist allen vorgelegt, dann stehen sie auf, wünschen gesegnete Mahlzeit, und das ist denn, nach vorhergegangenen Zunöthigungen und Bitten, vorlieb zu nehmen, das Signal, einen gesegneten Anfang machen zu dürfen. Haben sie sechs Schüsseln, so gilt bey jeder einzelnen die nämliche Ceremonie. Ich läugne es nicht, diese Ceremonie hat für mich so ziemlich das Gesicht eines – militairischen Exercitiums.

Indessen rathe ich es jedem jungen Menschen sehr ernstlich, sich über dergleichen Erscheinungen nie lustig zu machen, oder sich sein Befremden darüber merken zu lassen; noch weniger sich Bemerkungen über steifes Ceremoniel u. dergl. zu erlauben, und einem natürlichern[129] den Vorzug dagegen einzuräumen. Es ist nicht nur unartig, sondern sogar ungerecht, Menschen, die uns eine Ehre zu erzeigen, ein Vergnügen uns zu machen suchten, durch Seitenblicke, spitzfindige Anmerkungen u.s.w. unzufrieden, und sind sie geringer, als wir, schüchtern und niedergeschlagen zu machen. Ländlich, sittlich, das sey auch hier die Maxime jedes Gefellschafters, der den guten Ton nicht beleidigen will.

Bisweilen verirrt sich die gesellschaftliche Freude mancher Zirkel bey Tische in eine Art Muthwillen, man wirft sich zum Dessert einander Servietten, Nußschalen, Stiele von Obst, Korkstöpsel u. dergl. zu; arten wohl gar noch weiter aus, und formen sich von Brod und Semmelkrumen kleine Kügelchen, und bombardiren damit einander. Artig ist das auf keinen Fall; indessen wer unter Wölfen ist, thut am besten, wenn er mit heult. So sehr dir das zuwider seyn muß, so laß dir doch deinen Unwillen nicht abmerken; denn du änderst es nicht,[130] und ziehst dir wenigstens nicht angenehme Bemerkungen zu. Kannst du dich nicht enrschließen, Theilnehmer zu werden, und man schließt dich doch nicht aus, wirft dir, wie jedem Andern, zu, so werde nicht empfindlich, selbst wenn dir der Wurf Schmerz verursacht hätte. Zwinge dich zu lächeln, wenn du gleich lieber zürnen möchtest.

Kommen dergleichen Unanständigkeiten in den Zirkeln älterer oder vornehmerer Männer und Weiber, denn du bist, vor, so mische dich, als junger Mensch, nicht mit hinein. Man wird es dir für Artigkeit auslegen, wenn du dagegen mit frischen oder aufgehaschten Materialien dieses Bombardement zu unterhalten, besorgt bist. Nur vertheile sie mit Anstand, und reiche dann Jedem etwas davon.

Uebst du aber selbst in einer dir gleichen Gesellschaft diesen kleinen Muthwillen, so wähle nur solche Materialien, die, wenn sie fallen, keine Flecke machen, und bey dem Wurf selbst sey bescheiden, vorsichtig, und vergiß dabey[131] nicht, daß ein solcher Spaß nicht Stunden lang dauern dürfe.

Folgende Regeln dürfen während der Zeit des Essens eben so wenig hintangesetzt werden:

Man setze sich nicht eher an den Tisch nieder, bis die Damen sitzen. Ist der Raum enge, so füge man sich, und sorge nur, daß die Damen gemächlich sitzen, und einen freyern Spielraum haben. Wer sich erst setzen soll, weiß sich besser zu fügen, als wer bereits sitzt.

Man bemühe sich vorzüglich, seine Dame zu unterhalten. Sie vertragen weit eher einen nicht ganz witzigen, als einen stummen Nachbar. Lieber von den alltäglichsten Dingen gesprochen, als gar nichts gesprochen. Sey jedoch äußerst bescheiden, am allerwenigsten zudringlich. – Bisweilen erröthen sie über eine unvermuthete Frage, schlagen die Augen nieder. – Sey schlau genug, es dieser Röthe abzulauschen, ob du fortfahren oder schweigen sollst. Ich habe zu jedem wohlgebildeten[132] jungen Menschen das gute Zutrauen, daß er nie schamlose Gegenstände zu seiner Unterhaltung, besonders mit jungen Frauenzimmern, wählen wird. Aber auch ganz unschuldige Gegenstände können Frauenzimmern eine angenehme Röthe ins Gesicht treiben, wenn man eine Saite berührt, deren Schwingung ihnen angenehme Erinnernngen, Wünsche entgegen tönt.

Eine Tischgesellschaft, wo nur die Eßlust regiert, kein theilnehmendes Gespräch geführt wird, ist wirklich ein trauriges Schauspiel. Es giebt Menschen, die nicht ein Wort sprechen können, bevor nicht ihr Appetit gestillt, ihr Hunger befriediget worden ist. Eine schlimme, sehr schlimme Angewohnheit. Es wäre am besten, man ließe sie daheim, und schickte ihnen ihre Schüsseln nach Hause. Was nützen sie uns? Man ladet die Menschen nicht zu einem Gastmahl bloß des Essens wegen ein, man will ihre Gesellschaft, ihre Unterhaltung genießen. Ein munteres, angenehmes Gespräch, allen, wenigstens doch dem größesten[133] Theil der Gesellschaft interessant, was oft ein sehr alltäglicher Gegenstand hervorbringen kann, ist die Würze der Speisen, und giebt dem Weine Feuer und Leben.

Nie mache einer den Sprecher allein, ausgenommen, er verstünde den Kunstgriff, daß er nur den Gegenstand in Anregung bringe, um nach seinem Solo – die ganze Gesellschaft zu einem vollständigen Chor anführen zu können.

Lustige, angenehme, witzige Anekdoten sind zur Unterhaltung eines Tischgesprächs sehr zu empfehlen, nur dürfen sie keinen der Anwesenden sehr nahe angehen, müssen mehr aus der vergangenen Zeit hergenommen seyn, dürfen nicht den Stempel des Alltäglichen, allgemein Bekannten an sich tragen, und müssen kurz und mit Laune vorgetragen werden. Wer einen gewöhnlichen Senf, um die Erzählung zu verlängern, darüber hergießt, macht sie oft erst durch diesen seinen Senf unschmackhaft. Einige glückliche Köpfe haben das zauberische Talent, den bekanntesten Dingen den Reitz der[134] Neuheit zu geben, ihre Bemerkungen ergötzen, ihre Schilderungen sind so lebhaft, daß sich alles, was sie nur wollen, unserer Seele vergegenwärtiget. Solche Talente sind selten. Ihre Seltenheit macht es uns wünschen, daß auch wir es besitzen möchten. Aber lasse man es ja nur bey diesem Wunsche, und wende nicht etwann sogar die entgegengesetzten Mittel dazu an. Der beste Wille bleibt schwach, und wem die Natur es nicht verlieh, der wird es durch kein Studium erlangen können. Man genüge sich, Andre zu bewundern, und sie werden uns Gelegenheit geben, daß auch wir uns, wenn auch gleich in einer andern Sphäre, zu unserm Vortheil zeigen können. Wer aber diese Gabe eines brillanten Vortrags nicht hat, der traure nicht, und glaube, daß er sich von diesem Vergnügen ganz ausschließen dürfe, er sey nicht schüchtern, und ziehe sich nicht muthlos zurück. Man wird ihn gern hören, wenn er sich nur bestimmt, in guter Ordnung auszudrücken weiß.[135]

Ganz unschicklich für Tischgespräche sind die ewigen Complimentirereyen. Bieten sich Gelegenheiten ganz freywillig, ganz von sich selbst an, so sey man nur kurz darinnen. Eine artige Wendung, eine gewisse Pomtie ist dann weit wirksamer, als jene altfränkischen Perioden, denen man die ängstliche Drechseley ansieht.


Sich einander ins Ohr flüstern, ist in jeder andern Art Gesellschaft unschicklich; dreymal unschicklicher wird es aber bey einer Tischgesellschaft.


Traurige Vorfälle erzähle man bey einer fröhlichen Tischgesellschaft nicht eher, als bis sie unvermeidlich sind, und uns gleichsam abgedrungen werden. Wer aber so lüstern nach solchen Geschichten ist, Andere um sie zu detailliren reitzet, der zeigt wenigstens bey dieser Gelegenheit einen Mangel an dem Gefühl des Schicklichen. Bey Trauergelagen sind sie würdige Gegenstände der Unterhaltung, und da[136] würde es wieder unschicklich seyn, Lustigkeit durch kurzweilige Gespräche befördern zu wollen.


Nie erlaube dir es, durch Blicke, wohl gar durch wörtliche Bemerkungen deine Unzufriedenheit an den Tag zu legen, daß dieses oder jenes Gericht nicht nach deinem Geschmack sey.


Auch ist es nicht artig, daß du mit der Serviette deinen Teller abwischest, man könnte leicht vermuthen, dein Teller sey nicht reinlich. Dieses könnte der Wirthin des Gastmahls ein heimlicher Vorwurf zu seyn scheinen.


Spiele nicht mit dem Messer oder der Gabel. Brauchst du sie nicht, so lege sie nieder.


Lasse keine besondere Vorliebe zu irgend einem Gericht blicken, und eben so wenig erwähne, wie gut du da oder dort gegessen habest; man schließt daraus, daß dir gegenwärtige Speisen nicht schmecken, und daß du jenen den Vorzug zugestehest.[137]

Wird dir der Teller gereicht, so suche nicht nach den leckersten Bissen, sondern nimm schnell davon, wenn du nehmen willst.

Welche von den Speisen dir nicht behagen, die laß überhin gehen. Denn legst du sie auf deinen Teller, nimmst nur einen Bissen davon, so glaubt man, du findest einen Tadel an der Zurichtung der Speise.

Manche Gattungen von Speisen verlangen, um sie essen zu können, eine eigene Behandlung. Machen sie sich mit den kleinen Vortheilen bekannt, die dazu gehören, als wie bey Krebsen, Austern, Wassernüssen etc., damit sie sich nicht ungeschickt benehmen, wenn solche Speisen gegeben werden.

Ich wünschte, daß alle junge Leute aus den gebildetern Ständen die Kunst des Transchirens lernten, um in vorkommenden Fällen davon Gebrauch zu machen. Wer es nicht gut kann, befasse sich nicht damit; denn wer nicht gut transchiret, dem sieht sichs ängstlich und eckelhaft zu.[138]

Werden Saucieren herumgegeben, so richte den Henkel derselben, wie er dem, der nun nehmen soll, am besten zu langen ist; liegt ein Löffel darinnen, so mache man es eben so damit. Den Damen legt man die Saucen vor. Bleibt die Sauciere bey dir, so setze sie auf einen schicklichen Platz des Tisches nieder. Fehlt es an Platz, wie das sehr häufig geschieht, weil auf die Besetzung des Tisches mit diesem Geschirr nicht gerechnet ist, so winke man dem Bedienten, oder stehe auf, und setze sie auf ein schickliches Plätzchen des Neben- oder Speisetisches.

In Gesellschaften, wo du nicht ganz bekannt bist, bitte dir nicht leicht zum zweytenmale aus. Auch unterlasse es, wärest du noch so bekannt, wenn Vornehmere oder dir Unbekannte zugegen sind. Wo es aber statt findet, so wird man sich freuen, daß es dir schmeckt, und willst du dich nicht satt essen, um die Höflichkeit nicht zu beleidigen, so ist das kleinliche Ziererey. Wo ein Bedienter die Aufwartung[139] hat, da wendest du dich an ihn, jedoch ohne das geringste Geräusch.


Gefälligkeit, ein gewisser scharfer, aufmerksamer Blick, ein gelassenes, bedachtsames Zuvorkommen stehet einem jungen Menschen auch bey Tische sehr wohl an. Er entdeckt leicht, wo etwas fehlt, und ist auf eine schickliche Weise behülflich, daß das, woran es etwann fehlen könnte, nicht zuvor einer allgemeinen Bemerkung preisgegeben werde. Doch muß man dabey weder in das Bedientenmäßige fallen, noch in das Geckenartige übergehen. Uebel verstanden würde dieser Satz worden seyn, wenn man glaubte, z.E., wenn es an einem Löffel fehlte, den seinigen reichen zu müssen, womit man kurz zuvor gegessen hatte. Eben so mit andern Dingen. Glaubte man, dieses gebrauchte Geschirr dadurch annehmbarer zu machen, wenn man es mit seiner Serviette reinigte, so möchte man den Uebelstand dadurch noch mehr erhöhen.[140]

Präsentirt man einem ein Glas, oder sonst ein Eß- oder Trinkgeschirr, woraus man noch nicht getrunken hat, so setze man es auf einen Teller, und reiche es nicht mit der Hand.

So präsentirt man öfters bey der Tafel Zahnstocher. Es geschehe aber eben so wenig mit der Hand, man lege sie auf einen reinen Teller. Steht nicht gleich ein reiner Teller zu deinen Diensten da, so reiche dein Etui – wenn es anständig genug ist – das wird dir auch die strengste Etikette nicht verübeln können.

Das sey dir immer Gesetz, was du nur Andern zu übergeben hast, brauche dazu nicht die bloße Hand. Mußt du ja, weil du gezwungen bist, nicht anders handeln zu können, von dieser Regel eine Ausnahme machen, so rathe ich dir, darum nicht in eine solche ängstliche Verlegenheit zu gerathen, daß sie ins Lächerliche, oder was ebenfalls auch geschehen kann, weil man es allzugut machen will, in das Gezierte, wohl gar – in das Plumpe fallen könnte. Manchen jungen Menschen ist[141] das eigen, daß sie leicht in den entgegengesetzten Fehler gerathen, ob es gleich ihre Meynung ist, ihn zu vermeiden.


Besonders benehmen sich manche Menschen sehr linkisch, wenn der Platz die zu Tischesitzenden etwas genirt. Sie wollen nicht an ihre Nachbaren anstoßen, und um dieses zu vermeiden, benehmen sie sich auf einer andern Seite um so ungeschickter, bald fällt ihnen Messer oder Gabel unter den Tisch, bald verrücken sie den Teller. Allen diesen unangenehmen Dingen entgehen diejenigen, die beym Essen der linken Hand sich eben so geschickt zu bedienen wissen, wie der rechten.


Unter vertrautern Freunden kann dir es erlaubt seyn, etwas von Obst, wenn dir es Vergnügen macht, einzustecken; aber wenn du erst um eine Emballage bitten mußt, so versage dir dieses Gelüst. An vornehmern Tafeln ist dieses nie Sitte.[142]

So sey auch artig genug, wenn irgend ein seltenes Dessert (das gilt auch bey andern Speisen, z.E. Gurken, andere Salate, wenn sie noch sehr rar sind, und beynahe nur als Schauessen offerirt werden) auf den Tisch kömmt, es bey dir vorübergehen zu lassen, ohne etwas davon zu nehmen. Leute von feiner Lebensart nehmen, wenn sie ja davon genießen wollen, so äußerst wenig, daß wohl ihrer zehn und mehrere daran genüglich haben, was zu einer andrn Zeit kaum für zwey genug seyn würde. Ja sie sind so bescheiden dabey, daß wohl gar noch etwas davon übrig bleibt – denn eine ausgeleerte Schüssel macht bey einem Familienessen in unserer gewöhnlichen häuslichen Einrichtung dem Wirth das Compliment, daß es Allen trefflich geschmeckt habe; aber bey einem vornehmen Gastgebote macht sie eine beschämende Miene. Am ärgerlichsten ist es, wenn das Wenige, das die Salatiere faßte, und seiner Wenigkeit wegen gleichsam um bescheidene Schonung bat, so stark gestraft worden ist,[143] daß es nicht einmal für alle Gäste ausreicht, und der Wirth sich deshalb bey seinen Gästen entschuldigen muß.

Lege die Messer, während du issest, oder gegessen hast, so, daß sie auf den Rand des Tellers zu liegen kommen, damit das Tischtuch nicht befleckt werde. Die Knochen, besonders die des Hühnerviehs, zutsche nicht aus, knaupele sie nicht mit den Zähnen ab; sollten diese Knochen das Fleisch noch zu fest an sich halten, so schabe es mit einer leisen Bewegung des Messers ab, was sich so nicht loslösen läßt, lasse lieber liegen. Diese Knöchelchen laß aber nicht in Unordnung liegen, sondern garnire die eine Hälfte des Tellers damit; aber treibe dieses Garniren nicht mit der läppischen Ziererey, daß fast ein Knöchelchen, wie das andere, daliegen müsse. Das Nämliche beobachte mit den Kräten bey den Fischspeisen. Auch bedienst du dich der nämlichen Weise mit den Kernen vom Obst und Gartenfrüchten. Wird Obst zum Dessert herumgegeben, so pflegt man frische Teller zu[144] reichen. Die Schalen des Obstes werden auf die Fläche des Tellers gelegt. – Wider die Gesetze des Anständigen läuft auch Folgendes: wenn man während der Tischzeit sich mit seiner Frisur oder einem niedrigen Kleidungsstück etwas zu schaffen macht; wenn man über den Teller der Nachbaren hinweg mit einem Dritten spricht, sich ihm entgegen bückt, und so vielleicht mit seinen Haaren – dem Munde Andrer zu nahe kömmt, wenigstens sie dazu zwingt, sich zurück zu beugen. Man muß nie geniren.

So viel von den Speisen. Nun auch etwas über das Trinken.

Wird dir es übertragen, den Wein einzuschenken, so öffne mit Geschicklichkeit den Stöpsel, wenn er nicht vorher gelüftet worden, daß du ihn mit leichter Mühe und mit deiner bloßen Hand herausnehmen kannst. Bediene dich des Flaschenziehers, und steckt der Kork zu fest, daß du fürchten müßtest, deine Nachbaren durch eine gewaltsame Behandlung desselben zu belästigen, oder zu geniren, so reiche[145] dem Bedienten die Bouteille, daß er sie öffne. Stehe beym Oeffnen der Bouteille nicht die Längelang in die Höhe, und schiebe den Stuhl hinter dich zurück, noch weniger nimm die Bouteille zwischen die Beine.

Wenn du einschenkst, so schenke die ersten Tropfen in dein Glas. Das geschieht meistentheils aus der Absicht, daß man sehen könne, ob sich nicht vielleicht einige lockere Theile des Korkes abgelöset, und sich auf den Wein gesetzt haben könnten.

Schenke das Glas nie zu voll ein; wer ein zu volles Glas anfaßt, kann sich auch bey aller Behutsamkeit immer noch beflecken.

Gesundheiten, wo man sich Einer dem Andern Wohlseyn zutrinkt, ist bey gebildeten Tischgesellschaften und in Häusern von gutem Tone nicht mehr in der Mode. Es war lästig, und setzte manchen in Verlegenheit. Diese noch obendrein durch das Ceremoniel der Rangordnung um ein vieles lästiger gemachte Gewohnheit erzeugte öfters ganz schuldlose Beleidigungen.[146] Indessen solltest du noch auf Zirkel von diesem alten deutschen Schrot und Korne treffen, so gieb zuvor auf Andere genau Achtung, wie sie es zu halten pflegen, und du wirst dich wenigstens keinen ganz groben Fehlern aussetzen.

Werden Trinksprüche ausgebracht, so sey man aufmerksam, merke sich solche genau, damit man sich nicht durch Zusätze oder Hinweglassungen lächerlich mache. Sind diese Trinksprüche mit einem Kuß verbunden, so küsse man bescheiden und artig die holde Nachbarin. Ist sie vornehmer, denn du, so benimm dich nicht albern. Zeige aber, indem du sie küssen willst, eine stille und doch durch dein Betragen laut werdende Ehrfurcht. Sie wird dir, um dich in keine Verlegenheit zu setzen, so ziemlich entgegen kommen, küsse ihre Wange alsdenn, nie aber ihren Mund. Fürchtetest du aber aus gerechten Ursachen, wenn du etwann ihren Charakter näher kennen solltest, daß sie einen Kuß auf ihre Wange dir sehr übel deuten möchte, so erhebe dich, und schiebe langsam[147] deinen Stuhl, doch nur etwas, zurück, fasse sanft ihre Hand, und küsse diese statt der Wange. Kömmst du als Subaltern in eine solche kritische Lage, so rathe ich dir, dir lieber einen Bewerb zu machen, um dich mit Anstand auf einige Zeit vom Tisch entfernen zu dürfen. In vornehmeren Gesellschaften dürfte dich solch ein Fall wohl schwerlich in Verlegenheit setzen; aber bey Ehrengelagen, als Hochzeiten u. dgl., möchtest du nicht allemal sicher davor seyn dürfen.

Sind beym Ausbringen von Trinksprüchen und Gesundheiten ältere und vornehmere Leute in der Gesellschaft, so würde es sehr unverständig von einem ganz jungen Menschen seyn, wenn er vorlaut werden wollte.

Reiche nie, selbst einem vornehmern Manne, der dich weit am Range übersteigt, wohl gar dein Oberer ist, das Glas zum Anstoßen, es wird dir als Mangel an Respekt ausgelegt werden. Fordert er sich selbst dazu auf, so ist es ein Anderes.[148]

Trinke mit der größesten Mäßigkeit, wenn du in vornehmer, gebildeter Gesellschaft bist. Das zu viel trinken läuft wider die Sittlichkeit, und zeigt von einem rohen Wesen.

Wenn ein Vornehmerer die Tafel aufhebt, so folge ihm gleich nach, und lasse dich nicht ein Gläschen Wein, das du noch nicht ausgetrunken hast, zu der Unart verleiten, es gierig hinunter zu schlucken, oder wohl gar noch sitzen zu bleiben. Wenn du dann die sogenannte gesegnete Mahlzeit wünschest, so hast du dich lediglich nach dem Charakter der Person zu richten, der du solche wünschen willst.

Quelle:
Claudius, G[eorg] C[arl]: Kurze Anweisung zur wahren feinen Lebensart. Leipzig 1800, S. 121-149.
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