Das zartfühlende Benehmen im Brautstand.

[140] »Du Ring an meinem Finger,

Mein goldnes Ringelein,

Ich drücke dich fromm an die Lippen,

Dich fromm an das Herze mein«

Chamisso.


Und nun glänzt er an eurem Finger, der goldene, der bedeutungsschwere Ring, nun ist mit der Verlobung die Scheidewand gefallen, welche euch, meine Jungfrauen, bisher äußerlich von dem Manne eurer Wahl trennte, ihr werdet mit dem süßen Wort »Braut« benannt, welches einem jeden aufblühenden jungen Mädchen als ein so begehrenswertes erscheint; es sind in dem neuen Stande auch neue Pflichten für euch aufgegangen, auch äußere Lebens- und Schicklichkeitsregeln, welche euren seinen Bildungsstand bekunden sollen, habt ihr in ihm zu befolgen.

Die Verlobung selbst, wenn sie festlich begangen werden soll, ist ein ausschließliches Familienfest. Nachdem der Bewerber mit den Eltern der jungen Dame Rücksprache genommen und ihre Einwilligung erhalten hat, nachdem er sich mit ihr selbst verständigt, falls dies nicht schon früher geschehen ist, kann er sie ja als seine Braut ansehen, und hängt es ganz von den Verhältnissen ab, ob man dieser eigentlichen Verlobung noch ein sie bestätigendes Fest folgen läßt. Sobald es jedoch im Hause der Braut stattfindet,[140] nimmt auch die Familie des Bräutigams, falls sie an dem Ort anwesend ist, daran teil. Es kann das Brautpaar sich entweder den eintretenden Gästen sogleich als ein solches vorstellen, oder es wird an der Tafel bei einem Glase Wein von dem Vater oder Vaterstelle vertretenden Verwandten (Vormund) die Verlobung der jungen Dame mit dem Herrn N. N. publiziert. Die Braut hat dann in jungfräulicher Haltung die Glückwünsche der versammelten Gesellschaft entgegenzunehmen.

Wohnen die Eltern oder die nächsten Verwandten des Bräutigams nicht am Ort, ist es schicklich, daß die Braut sich recht bald und zuerst, ehe diese sie begrüßen, schriftlich an sie wendet. Es sei ein einfach gehaltener, inniger Brief, den die Liebe zu dem Verlobten, den die Ehrfurcht für seine nächsten und fortan auch ihre Verwandten ihr in die Feder diktieren muß. Sie bittet die Eltern kindlich herzlich, sie als Tochter an ihr Herz zu schließen, sie verspricht ihnen ihre töchterliche Liebe und gibt das Versprechen, dem erwählten Bräutigam in treuer Liebe zu gehören und als seine einstige Lebensgefährtin in Glück und Unglück ihm zur Seite zu stehen und auch letzteres mit ihm zu teilen, wenn es Gott schickt.

Sollte die junge Dame sich bisher im Briefschreiben wenig geübt haben und gerade bei dieser so wichtigen Veranlassung gern den richtigen Ton treffen wollen, der zu dem Herzen der neuen Verwandten spricht, so verweise ich sie auf ein Buch: »Musterbriefe für junge Damen aus dem Mädchen,- Braut,-Liebes- und Familienleben. Eine Anleitung zur Abfassung aller im weiblichen Leben vorkommenden Briefe und Aufsätze, mit einem Vorwort von Clara Ernst,« Verlag von Julius Bagel in Mülheim a.d. Ruhr, welches ich selbst zu diesem Zweck herausgegeben habe. Sie soll die darin enthaltenen Briefe ja nicht abschreiben, sondern sie nur aufmerksam durchlesen, ihren Stil danach richten und die darin enthaltenen Gedanken benutzen, um ähnliche in ihrem Herzen vorhandene Gefühle, wenn auch in anderen Worten, schriftlich auszusprechen.

Nach der offiziellen Verlobung werden die gedruckten Verlobungskarten oder Briefe herumgesandt, nach deren Empfang Freunde und Verwandte der Braut ihr ihre Besuche[141] machen oder ihr schriftlich durch Karte oder einen Brief Glück wünschen. Die junge Dame empfängt diese Visiten in sauberer, aber einfach häuslicher Toilette. Darauf hat sie selbst mit dem Bräutigam Visiten zu machen, sowohl bei ihren eigenen Familienmitgliedern, als auch bei den Verwandten des Bräutigams und den Freunden, auch etwaigen Vorgesetzten, denen er sie vorzustellen wünscht. Begegnet sie aber mit ihrem Bräutigam auf der Straße, der Promenade oder an einem öffentlichen Vergnügungsort jemand, der ihr allein bekannt ist, so ist es schicklich, daß sie demselben ihren Bräutigam vorstellt, falls derselbe der betreffenden Person noch unbekannt ist.

Ein kleidsamer Anzug ist zu diesen sogenannten »Brautvisiten« erforderlich. Er wird sich nach den Verhältnissen, auch nach der Jahreszeit, in der man sich befindet, zu richten haben. Ein seidenes Kleid ist immer schön, doch kann auch ein seines wollenes, im Sommer ein leichteres, als passend erscheinen. Hut, Umhang und Handschuhe sollen mit demselben in den Farbentönen harmonieren, elegant und tadellos sein.

Was den Anzug bei der Verlobungsfeier betrifft, so wähle die junge Braut dazu helle Farben, rosa oder lichtblaue Seide, auch weiße oder hellfarbige, duftige Stoffe sind schön. Dazu werden im Haar und an der Schulter frische Blumen kleidsam sein.

Es ist schicklich, daß die Braut dem Verlobten nach der Verlobung ein Geschenk macht. Sie thue dies schon einige Wochen nach derselben und erwarte nicht erst seinen etwa noch in der Zeit sehr fernen Geburtstag oder das spätere Weihnachtsfest. Gewöhnlich beschenkt er sie schon am Verlobungstage selbst mit einem Schmuckgegenstand, einem schönen Dichterwerk oder frischen Blumen. Was sie ihm spendet, das braucht keine Kostbarkeit zu sein, nur eine Aufmerksamkeit, welche ihm sagt, daß sie ihm gern eine Freude bereiten will. Die Liebe ist ja erfinderisch; sie wird schon darauf achten, was ihm fehlt, was ihm angenehm oder nützlich sein könnte. Eine selbstverfertigte Arbeit ist für ihn das schönste Angebinde. Er hat dadurch Gelegenheit, den Fleiß und die Sauberkeit zu bewundern, welche sie in weiblichen Arbeiten erlangt hat, und wird glücklich und[142] dankbar in dem Bewußtsein sich fühlen, daß sie für ihn sich bemüht.

Der Brautstand selbst, sobald er längere Zeit währt, hat neben seinen vielgepriesenen, von den Poeten besungenen Freuden und seinem stillen, nur den beiden liebenden Herzen bekannten Glück auch manche Klippe zu umschiffen, auch wie ein jedes Verhältnis manches Schwere zu besiegen.

Wo die rechte Liebe vorhanden ist, wird sich der Weg schon finden lassen, welcher glücklich hindurchführt in den Ehestandshafen. Vor allem soll ein unumstößliches Vertrauen zwischen Brautleuten herrschen, ihre Liebe auf gegenseitige Achtung fest gegründet sein; beide kommen sie aus verschiedenen Verhältnissen zueinander, ihre Charaktere sind oft verschieden, der eine vielleicht lebhaft und heftig, der andere phlegmatisch; der Bräutigam hat Eigenheiten, in welche die Braut sich schwer zu finden weiß, wie leicht ist es da, daß Verstimmungen, ja, daß sogar ernste Zwistigkeiten vorkommen. Es ist alsdann für die Braut maßgebend, dieselben durch sanfte Weiblichkeit zu lösen; ihr vor allem steht Heftigkeit nicht wohl an, sie schweige zur rechten Zeit, sie vermeide mit kluger Einsicht dasjenige, was den Bräutigam reizen könnte, und führe mit leiser Bitte ihm sein Unrecht vor, falls sie sich von ihm gekränkt glaubt. Zur Versöhnung biete sie stets die Hand, weise dieselbe niemals in starrer Schroffheit ab und vereinige sich mit dem Geliebten in dem Versprechen, niemals die Sonne untergehen zu lassen über ihrem Zorn. Ein Zwiespalt muß sofort durch ruhiges Erwägen und Aussprechen darüber beseitigt werden, nie darf eine lange andauernde Verstimmung oder wohl gar eine gegenseitige Entfremdung dadurch eintreten.

Glaubt es ja nicht, meine jungen Damen, daß der Bräutigam in blinder Liebe alles an euch übersieht, was ihm störend oder unschön in eurem Wesen entgegentritt; er ist vielleicht so zartfühlend, euch unangenehme Eindrücke, die er durch euch erhält, nicht sogleich merken zu lassen, dieselben bleiben aber sehr wahrscheinlich in seinem Herzen stehen, und es kostet euch im Ehestande vielleicht viel Mühe, sie wieder daraus zu entfernen.

Der Brautstand soll die Vorbereitung, soll die Vorbereitung des Ehestandes sein. Vertändelt ihn nicht ganz[143] und gar, vergöttert euch nicht gegenseitig! habt Einblick in eure beiderseitigen, eure menschlichen Schwächen, macht euch liebevoll darauf aufmerksam, bereitet euch vor auch, für die schweren Tage eines kommenden, vereint zu tragenden Lebens.

Die Braut erbittere den Bräutigam nicht durch grundlose Eifersucht, von der sie fälschlich behauptet, daß sie nur aus reiner, echter Liebe entspringt. Die Liebe hat aber kein Mißtrauen, und Eifersucht ist ein häßlich wucherndes Unkraut, das die frischen Rosen eures Glückes mit giftigem Mehltau überhaucht und sie dadurch welken läßt.


»Das Mißtrau'n ist die schwarze Sucht der Seele,

Und alles, auch das schuldlos Reine, zieht

Fürs kranke Aug' die Tracht der Hölle an.«

Heinrich von Kleist.


Kränkt den Geliebten nicht durch Launen, durch ein ungleiches, bald freundliches, bald verstimmtes Benehmen, ihr jungen Damen.

Ueberschüttet ihn ja nicht mit allzu großer Zärtlichkeit; im Gegenteil, seid sparsam mit euren Liebkosungen, ihr werdet dadurch viel höher in seiner Achtung steigen, als wenn ihr in allzu freier Vertraulichkeit ihm nicht die geziemenden Schranken setzt.

Und wie ihr innerlich euch rein, zart und sittsam vor ihm zeigen sollt, so tretet auch äußerlich ihm stets mädchenhaft und sauber entgegen. Erlaubt es euch nie, ihn im Morgenkleide oder mit ungeordnetem Haar zu empfangen, vermeidet vor ihm jede Unordnung. Sucht auch in der Wahl eurer Toilette ihm gefällig zu sein, kleidet euch gern in die Farben, die er liebt, vermeidet dasjenige an eurem Anzug, was ihm mißfällt.

Sollte er einmal ein Wort zu euch sprechen, das euch hart erscheint, so habe euer weibliches Gemüt dafür ein mildes Verzeihen. Beherzigt Friedrichs Rückerts schöne Worte:


»Und kränkt die Liebe dich, sei's zu der Lieb' ein Sporn,

Daß du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn;«


und denkt stets:


»Das ist der Liebe schönstes Rech,

Daß sie verzeihet und vergißt;

Der liebt nicht treu, der liebt nicht echt,

Der diese Tiefe nicht ermißt.
[144]

Und schmerzt die Wunde noch so sehr,

Die des Geliebten Hand dir schlug,

Von dem Geliebten kommt sie her,

Das sei des Trostes dir genug.«

Robert Prutz.


Sind Braut und Bräutigam an verschiedenen Orten, wird der briefliche Verkehr zwischen ihnen diese Trennung überbrücken. Möge die Braut es dann schon gelernt haben, ihre Gedanken und Gefühle auch schriftlich klar auszudrücken und ihren Briefen auch durch eine gute Handschrift ein sauberes und korrektes Ansehen zu geben. Ost ist in dem bräutlichen Verhältnis gerade der briefliche Verkehr sehr geeignet dazu, zwei Herzen für einander aufzuschließen, da in ihm jede die Sinne zerstreuende Aeußerlichkeit fortfällt und nur die geistige Mitteilung stattfindet. Namentlich in der Gesellschaft vermeide es die Braut, sich ausschließlich mit dem Verlobten zu beschäftigen. Es ist dies eine unschickliche Rücksichtslosigkeit und verstößt sehr gegen die gute Sitte. Weil gerade in diesem Punkt so oft verstoßen wird, heißt es im allgemeinen, daß es nichts Langweiligeres gibt als die Anwesenheit eines Brautpaares im geselligen Kreise; wie schön klingt es aber, wenn man von demselben sagt: es ist der Mittelpunkt der geselligen Freuden, der Sonnenschein des bräutlichen Glücks teilt sich allen Mitgliedern derselben mit, da Braut und Bräutigam es verstehen, sie alle teilnehmen zu lassen an ihrer Seligkeit. –

Wir wollen hier noch eine sehr ernste Begebenheit erwähnen, welche nach eingetretener Verlobung sich ereignen kann, ich meine das Auflösen, das Zurücktreten eines schon längere Zeit öffentlich bekannt gemachten Brautstandes.

Es ist dies für beide Teile, namentlich aber für die Braut, eine sehr schmerzliche, unangenehme Thatsache, aber dennoch immer besser, als wenn die schon im Brautstand eingetretenen Differenzen so ernster Art sind, daß sie durchaus zu dem Resultat führen, die beiden Verlobten können nicht in der Ehe glücklich miteinander werden.

Laß dich, meine teure Jungfrau, sobald du diese Ueberzeugung erlangt und sie mit allem sittlichen Ernst vor Gott geprüft hast, dann nicht durch weltliche Rücksichten abhalten, ertrage lieber das Urteil, ertrage sogar die Mißdeutungen[145] der Welt, ehe du dich einem Manne zu eigen gibst, der dir bei näherem Kennenlernen als unwürdig erscheint, oder der dir durch den Brautstand nicht näher, sondern ferner getreten ist.

Vertraue dich, wenn Gott sie dir zur Seite gestellt hat, in solch schwerer Schickung einer liebenden Mutter, einer erfahrenen mütterlichen Freundin, laß aber außer dem Kreise der engsten Familie, in der dieselbe natürlich erörtert werden muß, so wenig wie möglich andere daran teilnehmen und vermeide es, viel darüber zu sprechen. Trage vor fremden, neugierigen, oft sogar hämischen Blicken weder eine gezwungene laute Fröhlichkeit zur Schau, von der doch jeder glauben muß, daß sie etwas Gemachtes ist, noch zeige deinen Trübsinn der Welt und hoffe, daß sie Teilnahme für denselben hat. Wie wenig wahres, herzliches Mitleid kannst du in ihren Kreisen erwarten!

Offenbare einen festen Mut, eine sittlich ernste Haltung in solcher Angelegenheit, so daß ein jeder Fremde sieht, dein Inneres sei von der Notwendigkeit und dem Ernst derselben überzeugt. Nur durch diese wirst du am besten vor den belästigenden Blicken müßiger Neugier bewahrt sein; indiskreten Fragen weiche durch ernst gehaltene, bestimmt abweisende Antworten aus.

Nach aufgelöster Verlobung ist es schicklich, alle vom Bräutigam in der Brautzeit erhaltenen Geschenke und Briefe ihm zurückzusenden. Sollte die junge Dame dann zum zweitenmal vor dem wichtigen Entschluß stehen, sich zu verloben, so sei sie bei der Schließung solches Bündnisses vorsichtig und kürze, wenn es irgend geht, den Brautstand bis zur Hochzeit möglichst ab, um jeden Argwohn, der sie dann in der um so strenger beobachtenden und prüfenden Gesellschaft treffen könnte, gänzlich zu unterdrücken.

Zum zweitenmal ein Verlöbnis aufzulösen, das ist schon ein sehr dunkler Punkt in einem Mädchenleben, und nicht so leicht wird sich der dritte Freier finden, um sie heimzuholen.

Die Ausstattung oder Aussteuer ist von den Eltern der Braut, fehlen ihr diese jedoch, von den sie vertretenden Pflegeeltern, Verwandten oder, im Fall sie ganz allein stehen sollte, von der Braut selbst zu besorgen. Es ist immer zu loben, wenn ein unbemitteltes Mädchen schon beizeiten[146] daran denkt, sich einige Ersparnisse für solchen Fall zu sammeln, und wenn er eintritt, sich davon das Notwendige anzuschaffen. Der verständige Bräutigam wird diesen Sinn für erlaubte Sparsamkeit an ihr zu würdigen wissen, und es ist viel lobenswerter, mit guter selbstbeschaffter Wäsche und dem nötigen Hausgerät in den Ehestand zu treten, als im Mädchenleben das dafür anzuwendende Geld für elegante Kleider und zerstreuende Vergnügungen ausgegeben zu haben. Nur in Ausnahmefällen, wenn der Bräutigam wohlhabend, die Braut ganz unbemittelt ist, überläßt nach vorher genommener Rücksprache sie ihm die alleinige Besorgung der Aussteuer oder teilt die Ausgaben derselben mit ihm so, daß er die Beschaffung der Möbel übernimmt, sie für ihre Wäsche und Kleidung Sorge trägt. Es ist immer ein Ehrenpunkt für die Braut, nicht ganz ohne das dazu gehörende Notwendige ihre neue Häuslichkeit zu beziehen.

Es war in früheren Zeiten die schöne Sitte und in einer länger dauernden Brautzeit auch die größte Freude der fleißigen jungen Damen, sich alles, was in den Wäscheschrank gehörte, selbst anzufertigen. Jetzt ersetzen die Nähmaschinen den Fleiß der Hände, das »Fertigkaufen« ist an die Stelle der Selbstanfertigung getreten, es ist ja auch im allgemeinen eine Zeitersparnis und erscheint als viel bequemer.

Ob die stillen, beschaulichen Stunden bei dem Nähzeug, das Herz voll lieber, sonniger Zukunftsträume, dabei die Hände voll fleißiger Beschäftigung, aber nicht eine schöne, ernstere Vorbereitung waren für die Pflichten des darauffolgenden Ehestandes? Freilich, auch später in ihm werden ja die gemütlichen weiblichen Arbeiten immer mehr beiseite geschoben von den jungen Frauen, und an ihre Stelle treten Zerstreuungen und Vergnügen in und außer dem Hause.

Laßt es euch also nicht ganz nehmen, liebe Bräute, mit eigener Hand zu helfen und zu schaffen an dem, was euch künftig im Ehestand nötig und nützlich ist. Es ist eine gar herzliche Freude und eine liebe Erinnerung, wenn ihr als junge Frauen den Schrank öffnen und unter der blütenweißen Wäsche, sauber gefaltet und mit blauem oder rotem Band nach den Nummern sorglich geordnet, euch diejenigen Stücke heraussuchen könnt, an denen ihr selbst geholfen, deren[147] saubere Nähte und den Besatz seiner gehäkelter Spitzen ihr noch daheim im Elternhause, im lieben, sonnenhellen Mädchenstübchen, angefertigt habt. Selbstgearbeitete Sachen halten noch einmal so lange als die gekauften, glaubt mir das, und es thut dem Herzen wohl (ich spreche hier aus eigener Erfahrung), wenn noch nach dreißig Jahren die Großmutter dem Enkel dieses oder jenes Wäschestück zeigt und ihm erzählt: »Sieh, das habe ich selbst noch mit jugendleichter Hand gearbeitet, als ich noch rote Backen und volles Haar hatte, als ich noch ein frisches, fröhliches Mädchen war!«

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 140-148.
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