Der gute Ton im schriftlichen Verkehr.

[120] Ein Brief muß stets Adresse haben

Mit Adressat und Ortsangaben.

Die Ungewißheit schließt du aus,

Benennst die Straße du, das Haus,

Ob rechts, ob links, und wieviel Stigen,

Das muß dir recht am Herzen liegen.


Nicht viele junge Damen finden wir in der gegenwärtigen Zeit, welche gern Briefe schreiben, und unter ihnen wenige, welche es verstehen, einen guten Brief zu schreiben.

Noch im Anfang dieses Jahrhunderts schrieb man bogenlange Freundschafts- und Liebesbriefe und tauschte im schriftlichen Verkehr alle Gefühle und Gedanken des Herzens und Kopfes aus. Es war damals noch die Zeit der Sentimentalität, es gab noch keine Eisenbahnen, die schnell zu einander führen, man trennte sich für Jahre, auch lebten die Menschen ruhiger, hatten also auch mehr Zeit zum Schreiben.

Ein junges Mädchen setzte sich in stillen Stunden gern hin zum Schreiben, daß Gefühls- und Phantasieleben in ihr angeregt waren, sprach sich auch in ihren Briefen aus, jetzt sucht selbst der Schulunterricht schon beides mehr zu unterdrücken und dafür Verstand und ruhige Ueberlegung mehr auszubilden.

Es läßt sich manches Wort des Tadels über jene Epoche der Jean Paulschen Gefühlsschwärmerei sagen, es ist viel über sie gespöttelt worden, dennoch behaupte ich, daß namentlich das weibliche Gemüt dadurch sich tief und innig entfaltet, wenn es ein beschaulich innerliches Leben führt, und ich höre es stets mit Bedauern, wenn ein junges Mädchen mir sagt: »ich schreibe so ungern einen Brief«, oder: »ich kann keinen guten Brief schreiben.«

In jener Zeit, als das Postgeld noch teuer war, bestrebte man sich, daß der Brief auch der Ausgabe würdig sei, er sollte nicht bloß Phrasen enthalten und oberflächliche Erlebnisse, sondern Gedanken, man fühlte, wenn man jahrelang getrennt war, das Bedürfnis, miteinander fortzuleben. Jetzt, wo es einem so leicht gemacht wird, an geliebte[120] Personen zu schreiben, setzt sich die Schreiberin hin, ohne viel nachzudenken, und der Brief, seinem Inhalt nach wie auch äußerlich, zeigt sich dann als das Erzeugnis solcher Flüchtigkeit, selbst eine Korrespondenzkarte, die jeder andere auch lesen kann, muß sehr oft genügen. Und doch, denkt einmal nach, ihr jungen Damen, welch ein Glück kann für euch darin liegen, wenn ihr, von teuren Eltern, von Freunden, vom Geliebten getrennt, es versteht, im brieflichen Verkehr ihnen nahe zu bleiben wie im Zusammenleben, ja, vielleicht durch denselben ihnen innerlich noch näher zu treten, denn es sind ja Gedanken des Herzens, die ihr schriftlich aussprecht.

Betrachtet das Schreiben nicht als lästige, schwere Pflichterfüllung, thut es gern, übt es fleißig, und es wird wesentlich dazu beitragen, eure Bildung zu fördern.

Auch der Brief, sowohl äußerlich, als auch was seinen Inhalt betrifft, gibt Zeugnis davon, ob sein Schreiber zu den Feingebildeten gehört oder nicht.

Selbst unter befreundeten Personen, die es so genau miteinander gar nicht nehmen, hat der Brief, hat das geschriebene Wort größere Wichtigkeit als die mündliche Aussprache. In der letzteren kann widerlegt, kann ein nicht richtig ausgesprochener Gedanke berichtigt werden; was aber geschrieben ist, das bleibt stehen; durch eine Unklarheit im Ausdruck, ja sogar nur durch an die falsche Stelle gesetzte Interpunktionen können sehr unangenehme Mißverständnisse und Verwirrungen entstehen.

Will eine junge Dame mir hier einwenden, daß Geschäfts- und wichtige Briefe doch meistenteils von Männern verlangt und geschrieben werden, so irrt sie sich hierin. Auch sie kann in ganz unvorhergesehene Lebenslagen versetzt sein, wo dieselben von ihr verlangt werden, wie wichtig ist es daher, daß sie sich früh übt, einen guten Brief zu schreiben. Es gibt für jeden nicht nur freundschaftliche, sondern auch Wohlanstands- und Geschäftsbriefe, es gibt Verhältnisse, wo ein gut stilisierter und durchdachter Brief von größtem Einfluß für das ganze Leben sein kann. Korrektheit und Klarheit werden von solchen Briefen verlangt.

Wie alles im Leben, so muß auch das Briefschreiben früh gelernt, dauernd geübt werden; es gibt auch hierin[121] talentvolle Persönlichkeiten, denen die Feder fast zu langsam ist für die Gedankenfülle, die sich ihnen aufdrängt, aber es gibt auch viele mit ganz klarem Verstande ausgerüstete Persönlichkeiten, welche denselben dennoch in ihren Briefen keineswegs verraten.

Lesen fördert sehr den guten brieflichen Stil, natürlich nur das Lesen guter Bücher, der Gedankenkreis erweitert sich dadurch, es bildet sich Gewandtheit für die eigenen Gedanken aus. Die Orthographie, die Rechtschreibung, ist durch das Lesen zu erlangen, falls man es in der Schule versäumt hat, sich ihre für die Jugend so sehr uninteressanten Regeln einzuprägen.

Man sagt, daß die Redeweise eines Menschen seinen Gedankengang kennzeichne.

Der Pflegmatische wird langsam, der Lebhafte schnell in seiner Rede sein; es gibt innerlich zerstreute Menschen, die auch beim Sprechen von einem ins andere springen, den andern kaum ausreden, noch viel weniger antworten lassen.

So muß also der Lebhafte, der es nicht nötig hat, die Gedanken zu sammeln, sich nur vor zu großer Langsamkeit im Niederschreiben derselben hüten, so muß der Unklare sich vorher klar machen, was er zu schreiben hat, was er schreiben will, denn ein konfuser Brief ist noch viel schlimmer als eine ungeordnete Mitteilung.

Wer also ungeübt ist im Briefschreiben, wem die Klarheit des schnellen Denkens versagt ist, der mache sich vorher einen schriftlichen Entwurf von dem, was er schreiben will; dieser schützt ihn auch äußerlich vor der Verlegenheit, den Brief unsauber fortzusenden, denn das viele Aendern, Ausstreichen, zwischen den Zeilen Schreiben steht keinem Brief und keiner jungen Schreiberin desselben wohl an.

Der Inhalt eines Briefes richtet sich ganz danach, für wen er bestimmt ist.

Freundschaftsbriefe werden einfach in der Sprache geschrieben, welche das Herz diktiert. Man gibt sich den Verwandten, den Freunden hin, wie man empfindet, man spricht seine Gefühle für sie aus; diese Briefe sind also für die Schreiberin derselben die leichtesten.[122]

Briefe an fremdere, an unbekannte Personen erfordern viel mehr Vorsicht und Ueberlegung. Es hängt oft von einem solchen Briefe sehr Wichtiges ab für uns selbst, für unsere Nächsten, wir müssen uns daher in ihm der möglichst klaren Sprachweise befleißigen, der Brief muß einen guten, einen empfehlenden Eindruck machen auf den Empfänger.

Man übertreibe nicht in solchem Briefe die Regeln der Höflichkeit, man hebe nicht die Vorzüge desjenigen, an den man schreibt, zu schmeichlerisch hervor, dadurch erreicht man oft gerade das Gegenteil von dem, was man bezweckt, denn jener »merkt die Absicht und wird verstimmt.«

Die junge Dame, wenn sie sich an den Schreibtisch setzt, überlege vorher den Inhalt desjenigen, was sie zu schreiben hat, sie bedenke, an wen sie schreibt; nur den Nächsten kann sie ausführlich von ihrer Person und ihren persönlichen Verhältnissen mitteilen, denn nur diese werden Teilnahme dafür haben; wie man auch mündlich sich beim Erzählen nie selbst in den Vordergrund stellen darf, so schriftlich noch viel weniger, sobald man an weniger Befreundete schreibt. Hat man den Nächsten einmal recht viel von seinen Verhältnissen vorgeplaudert, ist es schicklich, ein »Entschuldige freundlichst, daß ich zuerst so viel von mir gesprochen habe,« hinzuzufügen. Nie darf der Brief mit einem »Ich« beginnen.

Schreibt man an diejenigen, denen man Respekt schuldig ist, muß der Stil des Briefes ein ernster, würdig gehaltener sein, auch äußerlich beachte man bei solchen und allen Briefen, besonders aber bei Briefen an fremdere Personen, die Regeln des äußeren Anstandes. Man nehme gutes, sauberes Papier, hüte sich vor Tintenflecken, beginne mit der Anrede nicht oben am Rande; man lasse einen gehörigen Platz zur Unterschrift und einen respektvollen Seitenrand. Nur in Freundschaftsbriefen ist es erlaubt, auch an den Rand noch Mitteilungen zu schreiben.

Besonders junge Leute dürfen sich in ihren Briefen an Personen höherer Stände keine Aeußerungen, welche genaue Vertraulichkeiten voraussetzen, keine Erzählung von ihren Familienverhältnissen erlauben. Nur etwa bei dem Gesuch um eine Stelle oder bei einem Bittschreiben kann eine kurze Darstellung dieser Angelegenheiten nötig sein.[123]

Wie der Anstand verletzt wird, wenn wir vor jemand in unsauberer, unordentlicher Kleidung uns sehen lassen, so ist dies ebenso der Fall, wenn wir ihm einen durch Flecke entstellten, nachlässig geschriebenen Brief schicken wollten.

Durch unleserliche Schriftzüge wird der Anstand verletzt, sie machen einen unangenehmen Eindruck und beanspruchen, daß das Erraten derselben dem Leser Zeit und Mühe kostet, die junge Dame befleißige sich also einer sauberen, deutlichen Handschrift und bringe dieselbe bei ihren Briefen in Anwendung; sie falte das geschriebene Blatt genau nach der Größe des Couverts, in welches sie es legen will, zusammen. Die Adresse besonders soll stets klar, deutlich und ausführlich geschrieben sein.

Eine Einladung, eine briefliche Anzeige wird nicht in viel unnützen Worten ausgesprochen, man fasse sich möglichst kurz dabei.

Bei Trauernachrichten, Todesfällen u.s.w. suche man ebenso, wie es der gute Ton bei mündlichen Vorbereitungen in solchen Ereignissen verlangt, erst allmählich auf schonende Weise das Betrübende mitteilen. Hat man eine Todesnachricht zu schreiben und steht der Empfänger des Briefes dem Gestorbenen nahe, erfordert es die zarte Rücksicht des Gebildeten, daß er demselben über die letzten Tage und Stunden des Dahingeschiedenen mitteilt.

Briefe an jemand zu schreiben, der uns beleidigt hat, und die Thatsachen der Beleidigung zu erwähnen ist sehr schwer; denn das mündliche Wort, wenn es vielleicht einmal ungerecht wird und zu viel sagt, verhallt wieder, das geschriebene steht da, der Empfänger liest es wieder und wieder, und die Trennung verstärkt den Eindruck desselben. Man sei bei solchen Briefen sehr vorsichtig. Anderseits ist bei lebhaften und heftigen Naturen auch oft die schriftliche Aussprache nötig; in der Heftigkeit sagt man manches unbedachte, den Gegner schmerzende Wort, schriftlich aber denkt man erst dasselbe und schreibt es dann vielleicht gemildert nieder.

Auch wenn man kürzere Mitteilungen macht, verlangt es der gute Anstand, daß man einen ganzen Briefbogen dazu nimmt, nur bei sehr nahestehenden Freunden darf man sich eine Papierersparnis erlauben. Oben am Briefe wird[124] der Ort und das Datum geschrieben, etwa drei bis vier Finger breit darunter setze man die Anrede und ein Ausrufungszeichen dahinter.

Die verschiedenen Titulaturen richten sich nach der Persönlichkeit, an welche man schreibt. Einen Prediger redet man »Ew. Hochehrwürden«, einen noch höhergestellten Geistlichen, etwa Superintendent oder Bischof, »Ew. Hochwürden« an. Bei der Anrede hat man sich vor allen nur zu oft gebräuchlichen Floskeln zu hüten, denn diese bekunden den um einen Anfang verlegenen, ungeübten Briefsteller; z.B. die übliche Redensart: »Mit Vergnügen ergreife ich die Feder« muß vermieden werden. Es ist nicht schwer, anstatt zu schreiben: »Ich bin so frei, Ihnen zu melden«, »Es ist mir eine Freude« oder: »Es ist meinem Herzen Bedürfnis, Ihnen zu melden«; anstatt: »Ich bitte um die gütige Erlaubnis«, z.B. »Erlauben Sie gütigst mir die Bitte« u.s.w.

In formellen Briefen hat man am Schluß den Empfänger nochmals anzureden, z.B. »Ihnen, geehrte Frau, mein Gesuch nochmals ans Herz legend, zeichne ich als

Ihre ganz ergebene

. . . . .«


Auch in freundschaftlichen Briefen soll der Schluß nicht ganz unvermittelt sein, z.B.: »Für heute laß mich von Dir scheiden« oder: »Nun also ein herzliches Lebewohl, liebe Freundin« u.s.w.

In Dankesbriefen kann es am Schluß heißen: »Noch einmal also, hochverehrte Freundin, nehmen Sie die Gefühle aufrichtiger Dankbarkeit entgegen

von

Ihrer Sie hochschätzenden

. . . . .«


Man vergesse nicht, seine Briefe zu frankieren, nur dann geschieht es nicht, wenn man mit der Person, an die man schreibt, besondere Rücksprache darüber genommen hat.

Gefühlsäußerungen und Gratulationen auf Postkarten zu schreiben ist gegen den guten Ton. Verlangt man von jemand eine sofortige Antwort, ist es unter Umständen rücksichtsvoll, eine Korrespondenzkarte mit Rückantwort zu[125] wählen und auf letztere Karte sogleich seine eigene Adresse, Wohnung und Hausnummer zu schreiben.

Geldscheine, wertvolle Gegenstände lege man niemals in einen Brief, ohne auf der Adresse desselben den Wert derselben anzugeben. Nur in diesem Fall ist, wenn sie verloren gehen, die Post dafür verantwortlich.

Junge Mädchen sollen die Wohlanstandsbriefe nicht versäumen. Entfernten Verwandten ihre Glückwünsche darzubringen, an Geburtstagen und bei dem Jahreswechsel an einen Vormund zu schreiben, sich für ein Geschenk zu bedanken, sich nach dem Gesundheitszustand einer alten Dame zu erkundigen, dies sind Pflichten, die wie jede respektvolle Höflichkeit der Jugend gut stehen, sie bei dem Alter beliebt machen. Und wenn solche Briefe dann nicht nur aus steifen Redensarten bestehen, wenn sie wohlgesetzt sind und das warme kindlich ergebene Herz der Schreiberin einen passenden Ausdruck darin findet, wie sehr erfüllen sie dann ihren Zweck. Sie erfreuen den Empfänger und zeigen den auch im schriftlichen Verkehr taktvollen Bildungsstand der Absenderin.

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 120-126.
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