Das taktvolle Benehmen der jungen Dame auf der Reise.

[113] »Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freund',

O, was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.«

Spitta.


Einen längeren Ausflug in die Natur, ein Leben in einem Bade, im Gebirge oder am Meer kann eine Dame nur dann allein unternehmen, wenn sie nicht mehr in der ersten Jugend steht, für ein junges Mädchen aber ist an solchen Orten das Alleinsein durchaus unschicklich. Es werden und müssen sich, wenn sie die schützende Obhut der Eltern oder Verwandten entbehren sollte, ältere, achtbare Damen, oder es muß sich eine Familie finden, der sie sich anschließen, unter deren Schutz sie sich begeben kann.

Das Leben am dritten Ort bietet manche Freiheiten, welche in der Gesellschaft zu Hause nicht stattfinden; die Menschen, welche sich dort für Wochen und Monate zusammenfinden, werden schneller miteinander bekannt, weil sie gleichsam aufeinander angewiesen sind; sie sehen sich täglich, sie vereinigen sich zu gemeinschaftlichen Ausflügen, stehen einander ratend und helfend in tausend Kleinigkeiten gegenüber. Die Stimmung ist eine gehobene; aus den engen Schranken der Häuslichkeit, aus des täglichen Lebens pflichtenvollen Sorgen sind sie hineinversetzt in die Natur, in ein Leben in ihr; tausend Schönheiten umgeben sie, Wald, Berge und Meer üben ihren zaubervollen Einfluß auf das Gemüt aus, auch[113] das bringt die Herzen schnell zu einander und knüpft die Bekanntschaften des Bade- und Touristenlebens, wenn auch nicht immer zu nachhaltiger, so doch oft zu augenblicklich recht herzlicher Freundschaft.

Darum aber, meine jungen Damen, ist auch gerade auf Reisen und am fremden Ort die größte Vorsicht Ihnen zu empfehlen. Die Klugheit erfordert es, sich von näherem Umgang fern zu halten, bis man die Personen, denen man in ihm begegnet, geprüft, bis man z.B. gehört hat, in welchen Verhältnissen sie leben, woher sie kommen, bis man selbst ihr Auftreten und ihren Bildungsstand ein wenig kennen lernt und etwas beurteilen kann. Sehr oft trügt der Schein, trügt ein elegantes, sicheres Auftreten, und will man sich später, durch beides getäuscht, zurückhalten, ist das plötzliche Abbrechen mit Unannehmlichkeiten verbunden. Eine Dame, die in ihrem Thun und Benehmen sich mißfällig zeigt oder sich an Damen anschließt, welche Ursache zum Mißfallen geben, wird im Badeort oder überhaupt am dritten Ort viel schärfer als zu Hause beobachtet und kommt viel schneller in einen üblen Ruf dadurch. Sie ist dort eine Fremde, ist ein Gast wie jede andere und muß sich durch ein schickliches, tadelloses Benehmen erst eine Stellung verschaffen.

Hat indes eine Täuschung stattgefunden, hat man sich voreilig an Personen angeschlossen, welche für die Dauer des Aufenthaltes als unpassend erscheinen, so ist es dennoch schicklicher, sich allmählich und möglichst vorsichtig zurückzuziehen, als durch plötzlichen Bruch auch die anderen an dem Ort Weilenden aufmerksam darauf zu machen. Ein augenblickliches schroffes Zurücktreten verwundet den andern, und das muß der zartfühlende Gebildete zu vermeiden suchen; im schlimmsten Fall kann sich auch der durch das Zurückziehen der angeknüpften Bekanntschaft sehr Beleidigte so gekränkt fühlen, daß sein Haß den andern verfolgt, und oft ist derselbe schlimmer und hat unangenehmere Folgen als der kurze, nur für die Dauer des Aufenthaltes bleibende Verkehr mit ihm selbst.

Die Wahl der Toilette zu einer Bade- oder Vergnügungsreise richtet sich nach den Ansprüchen des Ortes selbst, an den man sich begibt.[114]

Auch dort wie überall wird die junge Dame jedes Auffallende, Ueberladene am Anzug zu vermeiden suchen; auf der Promenade und im Kursaal kann sie ja, wenn ihre Verhältnisse es erlauben, im eleganten Kostüm erscheinen, auf größeren Partieen jedoch sorge sie besonders für zweckmäßige und nicht behindernde Kleidung. Sie wird gut thun, in ihren Reisekoffer ein wollenes Kleid, das den Regen verträgt, ein Paar wollene Strümpfe und vor allem festes Schuhwerk zu legen. Regentage bleiben bei längerem Aufenthalt in der Natur selten aus, kühle Tage gibt es am Strande sowohl als im Gebirge, und feste Schuhe nützen nicht nur vor Nässe, als sie auch die auf dem Weg liegenden Steine weniger fühlbar machen und deshalb das Gehen bedeutend erleichtern. Auch der Regenmantel und ein Regenschirm sind auf größeren Partieen sehr notwendige Begleiter.

Auch die Eisenbahnfahrt selbst zu einer größeren Reise sollte eine junge Dame, wenn es nicht unumgänglich nötig ist, nicht allein unternehmen, denn auch gerade auf ihr können so viel unvorhergesehene Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten für sie entstehen, daß sie davon auf das empfindlichste getroffen wird. Veranlassen sie jedoch bestimmende Verhältnisse dazu, ist es ratsam, daß sie zuerst bei ihrer Abreise nicht allein den Bahnhof betritt, sondern von älteren Personen bis zum Coupé begleitet und dem Kondukteur besonders empfohlen wird. Er fühlt sich dadurch veranlaßt, ihr in einer irgendwie eintretenden Bedrängnis hilfreich beizustehen.

Ein Damencoupé ist für sie das geeignete, sie hat in demselben, wenn sie zuerst einsteigt, auch das Alleinrecht für den besten Platz, denn für die Reise gelten nur die allgemeinen Gesetze des guten Tones. Ein jeder ist auf Reisen sich selbst der nächste, doch schließt dies eine höfliche Rücksichtnahme auf andere nicht aus. Es empfiehlt ein junges Mädchen sehr, wenn sie einer andern im Coupé sitzenden, vielleicht augenschwachen Dame ihren Platz anbietet, sobald derselbe den Sonnenstrahlen weniger ausgesetzt ist; sieht sie eine alte Dame z.B. durch Zugluft oder durch das Rückwärtssitzen leiden, kann es sie vor dieser und den übrigen Mitreisenden nur als sein Gebildete kennzeichnen, wenn sie derselben anbietet, den Sitz mit ihr zu tauschen. Auch wo sie einer[115] plötzlich Erkrankten Hilfe leisten, einer ratlos Dastehenden Trost gewähren kann, wende sie sich nicht ab.

Im Anknüpfen und Fortsetzen eines Gesprächs beobachte sie jedoch immer Vorsicht. Nicht sie selbst soll es beginnen, nicht mit älteren Damen, am allerwenigsten mit Herren. Es gibt Personen, welche die Schüchternheit und Unerfahrenheit eines jungen Mädchens benutzen und dreist genug sind, sie über ihre Verhältnisse, den Zweck der Reise u.s.w. auszufragen; sie muß solcher Neugier durch geschickte Wendungen auszuweichen suchen, und es ist ein plötzliches Stummwerden hier jedenfalls geratener als ein allzu freies Sichhingeben und Bloßlegen seiner Lage. Leute, die dergleichen Erkundigungen auf der Reise lieben, sind indiskret; nur allgemeine Bemerkungen, etwa durch die wechselnden Eindrücke der Reise veranlaßt, sollen den Gesprächsstoff bilden, die junge Dame krame weder, um damit zu prahlen, ihre häuslichen Verhältnisse aus oder suche durch Gelehrsamkeit prunken zu wollen, noch belästige sie andere mit Fragen oder gar mit weitläufigen Erzählungen, welche nur ihre Persönlichkeit betreffen. Dies wäre alles taktlos.

Da es auf den Stationen sehr schwer für eine Dame ist, in das Restaurant zu gelangen, kann sie es dankbar annehmen, wenn ein Herr, vorausgesetzt, daß er sie bisher durch keine Zudringlichkeit belästigte, sich erbietet, ihr Speise oder Trank herbeizuholen. Sie muß ihm aber sogleich das dafür ausgelegte Geld entrichten und in keinem Fall sich von ihm freihalten lassen. Will er letzteres, hat sie ihm in ernster Bestimmung zu versichern, daß sie darauf nicht eingehen könne. Ist sie durch solche ihr erwiesene Aufmerksamkeit mit dem Herrn in ein Gespräch geraten, wird es schicklich sein, daß sie dasselbe wieder abbricht, sobald er es lebhaft fortsetzen will. Entdeckt sie mit zartfühlendem Sinn in dem Benehmen eines Reisegefährten taktlose Zudringlichkeit, kann sie sich, sobald ihr dieselbe unerträglich wird, auf einer Station an den Schaffner wenden und ihn, ohne, wenn es irgend geht, die betreffende Person dadurch bloßzustellen, um einen anderen Platz für die Weiterreise bitten. Er wird diesem Gesuch Folge leisten, sobald er an ihrem gesetzten Benehmen sieht, daß sie einen triftigen Grund[116] dazu hat und es nicht Laune oder Umständlichkeit ist, die sie dazu verleitet, solche Bitte zu thun.

Hat man sich auf längerer Reise selbst mit Lebensmitteln versehen, wähle man zum Herausnehmen und Verspeisen derselben eine geeignete Zeit, z.B. während der Zug anhält und sich die Mitreisenden vielleicht augenblicklich entfernt haben.

Im Fahren bei der starken schüttelnden Bewegung des Wagens ist das Essen nicht angenehm, das anständige Trinken fast unmöglich, und es ist für sich selbst und für die anderen Passagiere unangenehm, wenn man ihnen durch Ueberschütten beim Eingießen und Trinken lästig wird. Aus der Flasche selbst zu trinken, dazu lasse sich eine wohlanständige Dame aber niemals verführen.

Im Portemonnaie oder der Börse ist nur das zur Fahrt nötige Geld zu bewahren, ihre andere Barschaft trage die Reisende in einem mit einem Band zum Umhängen versehenen Täschchen auf der Brust. Auf Reisen, wo der Mensch nur mit Hilfe seines Geldes etwas verlangen und vorwärts kommen kann, gibt es wohl keine unangenehmere Situation, als bestohlen zu werden und plötzlich seiner Hilfsmittel beraubt zu sein. Wie leicht ist aber eine kleine Geldtasche im Gedränge auf den Bahnhöfen entwendet oder aus der Hand verloren. Etwas Eau de Cologne bei sich zu haben und sich, z.B. wenn es sehr heiß ist, daran zu erfrischen ist angenehm.

In der Wahl ihrer Reiseeffekten falle die Jugend nicht schon in den Fehler so vieler älterer Damen, ihre ganze Garderobe einzupacken und, ohne oft nur den dritten Teil anzuziehen, dafür Ueberfracht geben zu müssen. Macht die junge Dame eine Besuchsreise und hält sich längere Zeit bei Freunden auf, so ist dagegen das Mitnehmen gehörig ausreichender Wäsche eine Rücksicht, denn sie kann nicht verlangen, daß in fremder Familie auch für sie gewaschen wird; besucht sie jedoch ein Bad oder befindet sich zum Vergnügen an einem Ort, belaste sie sich nicht mit unnötigem Wäschevorrat; sie findet dort überall bezahlbare Wäscherinnen und ist es gar eine Reise von Ort zu Ort, auf welche sie sich begibt, ist das Mitnehmen schwerer Sachen sehr unbequem. In jedem Hotel kann man schnell etwas Nötiges waschen lassen.[117]

Staubgraue, leichtwollene Reisekleider sind in letzterem Fall die praktischen und dem schwarzen Anzug sehr vorzuziehen, da der Staub eine der größten Unannehmlichkeiten einer Eisenbahnreise ist. Ein leichter Schleier schützt Hut und Gesicht am besten vor diesem argen Feinde, halbe Handschuhe sind bequemer und nicht so heiß, Regenmantel und Plaid schnallt man, wenn man es nicht trägt, in einen Lederriemen (eine zierlich gestickte Tasche von grauer Leinwand, mit rotem oder blauem Garn benäht, kann sich die junge Dame vorher dazu anfertigen) und legt das Paket auf das Brett oder Gitter im Coupé, nachts wird es dann ein gutes Kopfkissen sein. Beim Aus-und Einsteigen Ruhe und Umsicht zu behalten ist durchaus nötig. Man merke sich beim kurzen Verlassen des Coupés die Nummer desselben, um es schnell wieder zu finden.

Auf kurzer Tour ist es ebensowenig wie in einem Pferdebahnwagen oder Omnibus am Platz, ein Gespräch zu führen; will die junge Dame indes über etwas unterrichtet sein, was sich auf die Fahrt bezieht, so ist eine bescheiden gehaltene Frage ihr erlaubt.

Junge Mädchen, welche sich auf der Reise längere Zeit in einem fremden Hause aufhalten, haben dort keinerlei Ansprüche zu machen, sie müssen sich in die Gewohnheiten, die in demselben herrschen, in die Einrichtungen des dortigen Familienlebens fügen; kein unbescheidener Wunsch darf laut werden, keine Aeußerung soll von ihnen ausgehen, daß sie dieses oder jenes gern sehen möchten, sondern sie müssen es der Güte ihrer Wirte überlassen, wohin diese sie führen wollen.

Die Besuchende biete ihnen bescheiden ihre Dienste an, sie bemühe sich, hie und dort an den Beschäftigungen des Hauses teilzunehmen, und es ist wohl selbstverständlich, daß sie ihren Dank ausspreche für jedes ihr geleistete Vergnügen. Beim Abschied hat sie denselben noch ganz besonders zu wiederholen.

Ein taktvolles Benehmen im fremden Hause sichert ihr eine freundliche Nachrede, ihre Wirte werden nur in diesem Fall wünschen, sie bald einmal wieder bei sich zu sehen, während man die Unbescheidene gern gehen sieht.[118]

Hat sie es versäumt, bei ihrer Ankunft durch ein kleines Geschenk, am besten ein selbstgearbeitetes, ihre Wirte zu erfreuen, wird es schicklich sein, daß sie einige Zeit nach der Abreise ihnen eine derartige Aufmerksamkeit erweise und in einem hinzugefügten Briefe noch einmal die frohen Stunden erwähne, welche sie durch die große Güte ihrer Freunde in deren Hause genossen hat. Auch erfordert es der gute Ton, daß sie nach der Abreise nicht zu lange auf briefliche Nachricht warten läßt, in der sie ihre Ankunft zu Hause meldet und den Dank wiederholt für die ihr gewährte Gastfreundschaft.

Fühlt sie während ihres Fernseins von der Heimat Heimweh, suche sie es zu unterdrücken und ertrage lieber eine für sie selbst langweilige oder freudenlose Zeit, ehe sie dadurch ihre Gastgeber kränkt und sie in die unangenehme Lage versetzt, glauben zu müssen, daß es ihr bei ihnen nicht gefällt. Denn es ist oft bei den redlichsten Bemühungen doch nicht möglich, jemand die Heimat und ihr Glück zu ersetzen. Ebenso nehme sie aber auch Rücksicht darauf, wenn es ihr am fremden Ort sehr gut gefällt, ihren Besuch dort nicht über die Gebühr lange auszudehnen. Der Wunsch, sie noch länger zu behalten, muß von dem Wirt, niemals aber vom Gast ausgehen.

Bei der Abreise jedem Familienmitglied die herzliche Dankbarkeit für alle Güte und Liebe, die man empfangen, wiederholt auszusprechen, ist ein Zeichen seines Gefühls. Die Dienstboten erhalten alsdann ein größeres oder geringeres Trinkgeld, das sich nach der Länge oder Kürze des Aufenthaltes in dem Hause richtet.[119]

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 113-120.
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