Der Ball und das feine Benehmen auf demselben.

[100] »Von Tönen umwoben die Pulse sich heben,

Dem Staube entrückend das irdisches Leben,

Kaum haftet die Sohle, die Seele allein

Nur schwebet noch über den wogenden Reih'n!


Da ist auch dem Sterblichen wieder gegeben

Der Himmlischen rosenumflochtenes Leben,

Es atmet, entwunden den Raum und der Zeit,

Die Seele gottrunkne Glückseligkeit.«

F. Engel.


Zu den Hauptfreuden der Jugend gehört der Tanz, und fast keine junge Dame wird es versäumen, in den Tanzstunden, die sie gewöhnlich an der Grenze des Kindeszum Jungfrauenalter erhält, sich Geschicklichkeit und Uebung darin zu verschaffen.[100]

Schon diese ersten Tanzstunden sind oft eine Quelle großen Vergnügens und gewähren mit ihren halb noch kindlichen Beziehungen und Erlebnissen oft noch im späten Alter dem Herzen eine heitere, wohlthuende Rückerinnerung.

Wieviel mehr aber tritt das Vergnügen des Tanzes erst bei der Jungfrau in seine vollen Rechte und umgibt sie mit einem Zauber, dem fast keine andere jugendliche Belustigung an die Seite zu stellen ist.

Sobald dieselbe mit Maß und Vorsicht genossen wird, soll es auch also sein, gönnen wir dir, du junges, noch von keiner Sorge des Lebens beschwertes Mädchenherz, mit innigem Wohlgefallen diesen Genuß, und wie liebende Eltern und Verwandte ihre herzliche Freude daran haben, dich in den Ballsaal zu begleiten, ruht auch der Blick des Fremden voll Teilnahme und Wohlgefallen auf einer leicht und graziös im Tanze dahinschwebenden Mädchengestalt.

Eine junge Dame, die sich, ohne einen bestimmten triftigen Grund dazu zu haben, vom Tanzen zurückzieht und eine gewisse ernste Blasiertheit zur Schau trägt, indem sie es ausspricht, daß der Tanz ihr kein Vergnügen macht, können wir nur aufrichtig bedauern.

Alle Völker, alle Nationen haben ihre Tänze, wer wollte es der Jungfrau verdenken, wenn sie gern tanzt, wenn ein Ball ihr als die Krone aller Vergnügungen erscheint, wer sollte sich nicht darüber freuen, wenn sie sich anmutig schmückt, um bei den berauschenden Klängen heiterer Töne sich einem Frohsinn hinzugeben, dessen rosiger Schimmer, leuchtend wie das Morgenrot der Jugend, noch freundlich hineinstrahlt in des späteren Lebens oft so ernste Schickungen. Ja, freut euch nur, ihr jungen Mädchen, auch an diesem euch so wohlanständigen Vergnügen, schlingt des Tanzes duftige Blüten in den Strauß eurer Jugendgenüsse; wie bald eilen sie vorüber, diese flüchtigen Jahre, wo die Wange noch glüht, das Auge leuchtet im Strahl der Hoffnung und Jugendlust.

Die sittige Jungfrau hält aber auch hier das rechte Maß; sie darf sich nicht mit Leidenschaft dem Tanz hingeben, darf weder zu oft einen Ball oder eine Tanzgesellschaft besuchen, noch im Tanzen auf derselben maßlos sein. Durch beides verliert sie nicht nur in den Augen anderer, sondern sie[101] gefährdet auch dadurch das köstlichste Gut, das ihr Gott gegeben, die Gesundheit.


Von Vergnügen zu Vergnügen

Rastlos eilen hin und her

Ist ein eitles Selbstbetrügen

Und bald kein Vergnügen mehr.


Wenn wir vorhin sagten, daß es einer jungen Dame nicht gut steht, sich aus Blasiertheit vom Tanz zurückzuziehen, ist es noch viel tadelnswerter, wenn sie seine Freuden im Uebermaß genießt. Gar bald scheucht sie dadurch die Rosen von ihren Wangen, die Jugendfrische von ihrem Antlitz und bereut erst das nicht wieder gut zu Machende in einem siechen frühen Altern. Gar manche junge Gattin und Mutter hat schon mit bitteren Thränen die Sünden des Tanzes, welche sie sich zu schulden kommen ließ, beweint, indem sie nun durch beständiges Kränkeln ihre schönsten und heiligsten Pflichten versäumen muß.

Es gibt Fälle, in denen der richtige Takt einer Dame sagen muß, daß sie keine at mutige Erscheinung für den Ballsaal ist, und wir können sie nur loben, wenn sie sich alsdann davon fern hält. Gerade beim Tanzen, wo eine jede Bewegung graziös sein soll, gerade im Ballsaal, wo es darauf ankommt, im duftigen Schmuck einen durchaus tadellosen Eindruck zu machen, treten körperliche Mängel, welche sich sonst vielleicht verdecken lassen, am auffallendsten und unschönsten hervor. Eine durch allzu große Stärke ungeschickt aussehende Figur, ein nicht ebenmäßiger Wuchs u.s.w. sind äußerliche Mängel, die, mit richtigem Tagktgesühl empfunden, von einem öffentlichen Ball fern halten sollen, dahingegen möge sich die junge Dame im kleinen Familienkreise unter guten Freunden immer einmal harmlos den Freuden des Tanzes hingeben, sobald sie danach Verlangen trägt: man kennt und liebt sie dort, und sie hat nicht zu fürchten, daß spöttische und lieblos tadelnde Blicke der fremden Beobachter auf ihr ruhen.

Der Tanz gehört vorzugsweise der Jugend an, und die jugendlich frische Gestalt wird sich dabei am schönsten entfalten. Wie lange eine Dame diese Jugend beansprucht, wie lange sie Bälle besucht, möge gleichfalls das richtige Taktgefühl ihr sagen. Vielen Damen wird das Entsagen[102] dieser Freuden sehr schwer, sie tanzen jahraus, jahrein, neue jugendlichere Gestalten und Generationen treten neben ihnen im Ballsaal auf, es wäre jedenfalls vorteilhafter für sie, daß sie sich vom Tanzen fernhielten, als daß sie dem Vergleich mit den Jüngeren sich aussetzten und den kritisierenden Beobachtern.

Bei dem Eintritt in den Ballsaal, den eine junge Dame, wenn der Ball in einem öffentlichen Lokal stattfindet, nie allein, sondern stets im Anschluß an eine bekannte Familie oder verheiratete Freundin betreten soll, wenn die Eltern sie nicht begleiten können, hüte sie sich, sobald sie Platz genommen, es durch Mienen und Gebärden allzusehr zu verraten, daß sie gern tanzen will, gern aufgefordert werden möchte, sondern erwarte, wenn das Herz ihr auch ungestüm klopft, äußerlich scheinbar ruhig den Zeitpunkt, wo sie von den Herren zum Tanz engagiert wird.

Ist das Ballfest in einer ihr bekannten befreundeten Familie, verstößt es nicht gegen die seine Sitte, wenn sie demselben allein beiwohnt, doch ist es schicklich, wenn sie sich dann gleichsam unter den Schutz der Dame des Hauses oder den einer andern anwesenden, ihr bekannten Dame stellt.

Auf die Aufforderung eines Herrn zu einem Tanz wird ihre Antwort bejahend:

»Mit Vergnügen!« oder »Sehr gern!« lauten, will sie jedoch nicht mit ihm tanzen:

»Ich bedauere, ich bin für diesen Tanz schon versagt.«

»Ich bedauere sehr, will aber diesen Tanz überschlagen.«

Im letzten Fall hüte sie sich ja, sobald sie diese Antwort gegeben, noch einem andern Herrn, mit dem sie vielleicht lieber tanzt, denselben Tanz nachher zuzusagen, sie würde sich dadurch große Unannehmlichkeiten zuziehen. Sie muß dann wirklich ihr Wort halten und dem Tanz zusehen, denn es verstößt gegen den guten Ton und jeder Herr ist empfindlich gekränkt dadurch, wenn ihm ein Tanz abgeschlagen wird und die Dame sich nachher von einem andern Herrn für denselben engagieren läßt. Sollte sie einmal die Aufforderung eines Herrn vergessen haben, (damit ihr dies nicht so leicht vorkommt, verzeichnet sie auf ihre Tanzkarte die Namen ihrer Tänzer), will sie den Tanz mit einem andern Herrn beginnen und wird durch den andern an ihren Irrtum und[103] ihre Zusage an ihn erinnert, so muß sie sich bei letzterem sehr zu entschuldigen suchen, und es ist am höflichsten, wenn sie in diesem Fall auf den betreffenden Tanz ganz verzichtet.

Während des Tanzens mit dem Herrn zu sprechen ist nicht schicklich, auch in den Zwischenpausen mit ihm zu flüstern und zu lachen schickt sich nicht. Die gebildete Dame wird sich von ihrem Tänzer unterhalten lassen und in geeigneter Weise auf seine Unterhaltung eingehen; faden Schmeicheleien gegenüber wird sie ein gesetztes Benehmen zeigen und dadurch ausdrücken, daß dieselben ihr nicht angenehm sind, jede allzu dreiste, taktlose Annäherung von seiten des Herrn hat sie ernst und bestimmt abzuweisen.

Das Tanzen selbst soll alle Grazie entfalten, deren die Jugend fähig ist, es sei weder zu stürmisch, noch steif und eckig, sondern die jugendliche Gestalt sei dabei von dem sittigen Liebreiz der Anmut umflossen, der ihr die Herzen viel eher gewinnt als wirkliche Schönheit.

Ist während des Tanzes an der Toilette der jungen Dame etwas in Unordnung gekommen, wie das bei den leider auch in den Ballsälen lang getragenen Schleppen und unseren schnellen Tänzen so leicht vorkommt, warte sie nicht, bis sie erst von anderen darauf aufmerksam gemacht wird, sondern entschuldige sich sofort bei ihrem Herrn, eile in die Garderobe oder ein Nebenzimmer und suche den Schaden möglichst auszubessern, damit sie ja nicht den Eindruck der Unordnung oder Vernachlässigung in ihrem Anzug hervorbringe. Da nicht jede Wirtin für ein zu solchem Zweck bereitstehendes Nähzeug gesorgt hat, auf öffentlichen Bällen ein solches gewiß nicht vorhanden, ist die Vorsicht einer jungen Dame sehr zu loben, wenn sie selbst Nähnadel und Faden mitbringt. Wie schnell ist dann ein abgetrenntes Volant wieder angesetzt, und sie verstößt nicht gegen die Schicklichkeit, indem sie in einem Kleide, an dem die Fetzen herabhängen, zum neuen Tanze antritt.

Der Ballanzug ist so duftig wie möglich zu wählen, leichte Stoffe, wie Mull, Tarlatan, Krepp, eignen sich dazu, auch helle Seide ist elegant, doch darf sie ein ganz junges Mädchen nur in rosa oder hellblau wählen. Stets das rechte Maß zu halten, das Kleid nicht mit zu vielen Schleifen[104] und Blumen, das zierliche Köpfchen nicht mit einem zu vollen Kranz zu überladen, sage der sein gebildete Geschmack der jungen Dame.

Sollte sie auf einem Ball das Mißgeschick haben, nicht immer und zu jedem Tanz aufgefordert zu werden und als sogenanntes »Mauerblümchen« den Tänzen zusehen zu müssen, bestrebe sie sich, ja äußerlich keine Unruhe und Enttäuschung darüber zu verraten, nicht etwa mit Mißstimmung und unfreundlicher Miene auf die Tanzenden zu blicken; der gute Ton fordert es, daß sie mit Teilnahme ihnen folgt, sich nicht etwa gelangweilt und übelgelaunt in eine Ecke zurückzieht. Es ist dies gewiß für ein Mädchenherz eine schwere Prüfung, doch verlangen Schicklichkeit und Anstand sie von ihr.

Mit einem Herrn zu tanzen, der ihr nicht vorgestellt worden ist, schickt sich für die Dame nicht; wenn er sie auffordert, ohne sich dabei von einem andern Herrn ihr vorstellen zu lassen, muß sie ihn abweisen.

In der Regel versäumt auch der aufmerksame Wirt nicht die so unerläßliche Pflicht des Vorstellens.

Mag sie beim Tanz auch stets daran denken, in den Schranken der Sittsamkeit sich zu bewegen, nicht durch hastige Gebärden die verhaltene Leidenschaft zu verraten, mit welcher sie sich dem Vergnügen des Tanzes hingibt, sich nicht zu fest an den Tänzer anzulehnen, namentlich gilt dies vom Galopp, der gewöhnlich in so schnellem Tempo stürmisch getanzt wird. Eine sittige Jungfrau soll weder mit zerdrückten Blumen im Haar, noch mit zerrissenem Kleide den Ballsaal verlassen, sie büßt dadurch den Eindruck zarter Mädchenhaftigkeit ein, welche sich nicht in der Rolle einer Bacchantin wohl fühlt, sondern ihre edle Sittsamkeit nie verliert.

Der Contretanz gilt einer Dame, welche nicht bloß am Tanzen allein, sondern auch an der Unterhaltung Geschmack findet, für sehr anziehend; doch sei sie vorsichtig, sich der letzteren nicht so ausschließlich hinzugeben, daß sie dadurch die Pflichten des Tanzes verabsäumt und durch Zerstreutheit Verwirrung und Unordnung für alle Mittanzenden hervorbringt. Was die Unterhaltung in den Zwischenpausen betrifft,[105] so soll der Herr das Gespräch beginnen, die Dame wende sich nicht zuerst sprechend zu ihm hin.

Auch der Cotillon, der gewöhnlich nach dem Abendessen, gegen den Schluß des Balles, getanzt wird, bietet vielfach Gelegenheit, sich in den Zwischenpausen angenehm zu unterhalten, und gerade dieser Tanz, der wohl auf keinem Balle fehlt, ist für die Jugend durch seine wechselnden Touren und eingestreuten kleinen Ueberraschungen ein besonders begehrenswerter, in ihm können sich kleine und große Sympathieen und Herzensneigungen am ersten offenbaren. Die junge Dame sei also sehr vorsichtig dabei, weder durch allzu große Auszeichnung eines Herrn dieselben für ihn sehr bemerkbar zu machen, noch durch absichtliches Zurücksetzen jemand zu beleidigen.

Wie es bei dem Sitzenbleiben, dem Nichtaufgefordertwerden zu einem Tanz, erforderlich ist, daß sie eine gute Miene zum bösen Spiel mache, so blicke sie auch, wenn die so beliebte Tour der zu verteilenden Blumensträuße getanzt wird, nicht mit scheelen Augen auf ihre vielleicht mehr dabei begünstigten Genossinnen, sondern zeige durch ein frei von jeder Mißstimmung gehaltenes, freundliches Wesen, daß ihre Teilnahme an der allgemeinen Festlichkeit eine harmlose ist.

Diese kleine Verstellung fordert nun einmal der gute Ton, fordert die Pflicht von ihr, welche sie durch denselben für die Gastgeber, für alle Teilnehmer des Festes hat.

Der Maskenball ist es, der noch auf eine ganz besondere Weise ein Mädchenherz in Erwartung und Aufregung versetzt, denn es liegt im Menschenherzen ein Zug für das Geheimnisvolle, Rätselhafte, und dieses wird ja auf ihm zur Geltung kommen. Fast bei allen Völkern findet sich eine Faschingszeit, Karnevalsvergnügen, der Italiener feiert sie laut auf Plätzen, in den Straßen durch bunte Aufzüge und schalkhafte Mummereien, der ruhigere Nordländer verlegt dieselben in eine den anderen Bällen gleichende Gesellschaft, welche von jenen sich nur darin unterscheidet, daß man nicht in der üblichen Balltoilette, sondern in selbstgewählten, teils phantastischen, teils nationalen Kostümen erscheint, das Gesicht durch eine schwarze Halbmaske verhüllt. Sollte ein junges Mädchen nicht die Gelegenheit mit besonderem Herzklopfen ergreifen, sich auch einmal in ein[106] den anderen äußerlich unbekanntes Kleid zu stecken, sich suchen und finden zu lassen, selbst zu suchen und zu finden und in rätselvoller Umgebung selbst für die anderen ein Rätsel zu sein?

Es liegt ein ganz eigener Zauber in solcher Lustbarkeit. Schon die Vorbereitungen dazu erfordern mehr Nachdenken, es handelt sich dabei nicht allein um den modischen Ballanzug, die sinnige junge Dame wählt aus der Fülle phantastischer oder geschichtlicher Gestalten diejenige heraus, welche ihrem Charakter, ihrer persönlichen Erscheinung nicht widerstrebt.

Sie hüte sich ja, dabei etwas darstellen zu wollen, was nicht nur für ihre Figur unpassend erscheint, sondern sie auch in den Augen anderer lächerlich machen kann. Will sie z.B. eine berühmte Persönlichkeit aus der Geschichte oder der Dichtung sein, so gehört dazu eine tadellos schöne und imponierende Gestalt. Nur in solcher darf z.B. eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart auftreten, dahingegen wäre eine kleine oder sehr starke Iphigenia oder Dorothea ein sehr lächerlicher Mißgriff. – Besser ist es immer für ein junges Mädchen, ein bescheideneres Kostüm sich auszusuchen. Es gibt so hübsche Nationaltrachten, eine Elsässerin, Italienerin, Spanierin, auch ein Zigeuneranzug ist reich und geschmackvoll und bietet der geschickten Hand manch bunten, daran angebrachten Zierat. Die stets gern gesehenen Märchengestalten stellen sich leicht und lieblich her, z.B. Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenbrödel, auch liefert das französische Werk »Les fleurs animées«, dessen reizende Blumengestalten auf Kästchen und Bonbonnieren in Farbendruck so tausendfach vervielfältigt sind, gar reizende Anzüge.

In großen Städten sind es Maskengarderoben, welche den bunten Kram vielfacher Kostüme vorrätig haben, es ist indes nicht jedermanns Sache, Kleider zu tragen, die vorher schon ein anderer Unbekannter gebraucht hat, und in der kleinen Stadt oder auf dem Lande ist es sehr schwierig, sich dergleichen von weit her kommen zu lassen. Mit einiger Geschicklichkeit und Lust dazu wird es daher einer jungen Dame gewiß nicht schwer werden, sich selbst das sinnig Erdachte sauber herzustellen; es erfordert ja wenig haltbare, mühsame Näherei, nur das rechte Verständnis zur Wahl solcher Farben und Stoffe, welche ihren Glanz bei dem[107] abendlichen Kerzenlicht nicht einbüßen. Die Stoffe selbst nehme man ganz leicht und billig, und es wird sich auf diese Weise ein viel wohlfeilerer Anzug zurechtstellen lassen, als man ihn in der Maskengarderobe erhält, ja, er wird außerdem noch den Vorteil der Sauberkeit haben.

Die Darstellerin des Rotkäppchen hat nur einen ländlichen Anzug zu tragen, das Käppchen von scharlachrotem Kaschmir ist sehr kleidsam, am Arm darf ein Körbchen, darin Moos, Blümchen, eine Flasche Wein und Eßwaren, nicht fehlen.

Die vorher erwähnten Blumengestalten verlangen schon etwas mehr Geschicklichkeit. Die Mohnblume trägt ein aus scharlachrotem Seidenpapier mohnblumenartig geschnittenes und geknifftes Mützchen auf dem Kopf, die Winde gleichfalls ein Hütchen, das die Form einer Winde hat, doch ist letzteres aus hellblauem Seidenpapier ausgeschnitten, und die einzelnen Blätter dann zusammengefügt. Das weiße Kleid ist mit grünen Blattranken, roten Mohnblumenknospen oder blauen Windenknospen verziert. Man zeichne sich die Blätter und Knospen vorher auf das Papier auf und schneide sie dann aus. Will man ein Maßliebchen (Margaretenblümchen) vorstellen, forme man es aus einzeln geschnittenen weißen Blättern, in der Mitte einen Kelch von hellgelber Wolle, so groß, daß es auch wie eine Art Mützchen an der Seite des Kopfes angebracht wird. Die anderen Blümchen, Blätter und Knospen werden dann in natürlicher Größe ausgeschnitten und Kleid und Schürzchen damit garniert.

Die schwarze Halbmaske ist am kleidsamsten aus Samt oder Atlas zu wählen.

Es ist schicklich für die Dame, sich im Sinne des Kostüms zu bewegen und sich darauf vorzubereiten, daß sie jede Frage in Bezugnahme auf das, was sie vorstellt, beantwortet. Als Zigeunerin muß sie wahrsagen, die Karten legen u.s.w., als Blume von dem Garten sprechen, aus dem sie gekommen, um sich das bunte Treiben in der Stadt auch einmal anzusehen.

Der Maskenball ganz besonders gibt die Veranlassung zu vielfachen Neckereien und Scherzen; diese, sobald sie nicht die Grenze des Schicklichen übertreten, zu verstehen, zu erwidern und in Harmlosigkeit aufzunehmen ist Pflicht jeder[108] Besucherin desselben, falls sie den guten Ton nicht verletzen will.

Es ist in den letzten Jahrzehnten auch bei uns in Deutschland die gute Sitte des Schlittschuhlaufens für die junge Damenwelt eingeführt worden, und wie sehr dieselbe ihr zu einem der angenehmsten und gesundesten Vergnügen wird, darüber kann meine freundliche Leserin vielleicht aus eigener Erfahrung antworten.

Der glatte Fußboden des Eises ist wie der Tanzsaal ein geeigneter Boden, um pfeilschnell in graziösen Bewegungen darüber hinzufliegen, nicht der erhitzende Dunst der Gasflammen und Kronleuchter breitet sich darüber aus, kein Staub, keine ungesunde Luft beengt die Lungen. Die Sonne selbst ist es, welche mit ihren Strahlen die weite Fläche in goldigen Schimmer hüllt, und die freie, frische Gotteslust weht darüber hin.

Vorsicht auch bei diesem mehr als alle anderen gesunden Vergnügen ist aber dennoch geboten.

Ein Ablegen wärmerer Kleidungsstücke möge vor dem Anlegen der Schlittschuhe nicht vergessen werden, und nach beendigtem Laufen suche man sich sofort wieder einzuhüllen.

Zum Laufen selbst ist es kleidsam, einen zierlichen Anzug zu tragen; keine weite, sondern eine eng sich anschmiegende kurze Jacke, ein anschließender Paletot, Pelzbarett und Pelzbesatz stehen dazu am schönsten. Das Kleid sei möglichst kurz, ein Schlepprock ist ganz unstatthaft und die etwa aufgeraffte und befestigte Schleppe würde die ganze Gestalt verunzieren und die schnellen Bewegungen beim Laufen hemmen. Feste, aber recht zierliche Lederstiefel sind als Fußbekleidung zu wählen.

Das Laufen in Rollschuhen auf dem Skating-Rink, ein beliebtes Vergnügen unserer Jetztzeit, erfordert gleiche Toilette. Weder dort, noch auf dem Eise darf die anständige seine Dame ohne Herrenbegleitung erscheinen. Es gelten auch hier die Regeln des Tanzsaales, die Dame läuft nur mit einem bekannten oder von einem Bekannten ihr vorgestellten Herrn. Die Aufforderung eines fremden Herrn hat sie sofort abzuschlagen.

Auch auf öffentlichen Promenaden darf die seine junge Dame niemals allein erscheinen. Kann sie es nicht vermeiden,[109] ohne Begleitung auf ihren Wegen dieselben zu kreuzen, geschehe dies alsdann nicht im langsamen Promenadenschritt, sondern sie zeige durch schnelleres Gehen und durch ihre ganze Haltuna, daß sie nicht des Vergnügens wegen sich daselbst aufhält.

Ausflüge in die Natur, sogenannte Landpartieen, bieten für jung und alt mannigfache Freuden, die junge Dame soll sich denselben fröhlich hingeben, wenn sich ihr die passende Gelegenheit dazu bietet. Besonders im erwachenden Frühling, dem heißen Sommer, auch in schönen Herbsttagen, wo der Himmel so blau, die Luft so klar, ist es dem Großstädter das größte Bedürfnis, sich aus dem Lärm und Dunst der engen Straßen hinauszuflüchten in die frische, freie Natur; ein empfängliches junges Herz kann durch den Umgang mit ihr, durch die Beobachtung ihrer Schönheiten sich nur erheben, bilden und Schätze sammeln für das innere Leben.

Der taufunkelnde Morgen erfrischt den Sinn, die sinkende Sonne spricht mit ernster Mahnung von der Vergänglichkeit eines jeden Lebenstages; in das lustige Vogelkonzert mischt sich die fröhliche Menschenstimme und lobt mit den kleinen gefiederten Sängern den Schöpfer und seine herrliche Erde; Moose und Blumen, das murmelnde Bächlein und die purpurschwellende Beere sind uns Zeichen der zarten Sorgfalt, mit der Gott die Natur geschmückt hat.

Denke eine junge Dame nicht, daß, wenn sie sich den Betrachtungen der Natur hingibt und auf ihre den Augen anderer oft so kleinen und scheinbar geringfügigen Wunder achtet, sie dadurch den Schein der Sentimentalität auf sich nimmt; sie wird dadurch nur ein tiefes Gefühl für das Religiöse bekunden, wenn sie Gottes Allmacht auch im kleinsten sucht und findet; ein gebildetes Verständnis für die Schönheit der Blumen am Wege wird sie dazu führen, auch an den kleinen Freuden des Lebens, welche Blumen gleich unsern Lebensweg schmücken, nicht achtlos vorüber zu gehen, und wie sie die Blumen nicht mit rauhem Fuß zertritt, wird sie auch die geringste Freude dankbar erkennen. Die sinnige Jungfrau wird durch die Natur unwillkürlich dazu aufgefordert, tiefere Blicke in ihr Herz zu thun, wie es ein Dichterwort so treffend ausspricht:
[110]

Hin zur Blume trete,

Doch zerknick' sie nie,

Schau' sie an und bete:

»Wär' ich schön wie sie!«


In krystallne Quellen

Schleud're keinen Stein,

Bete zu den Wellen:

»Wär' ich auch so rein!«


Ueberall dir günstig,

Weht ein Gott dir zu.

Darum liebebrünstig

Handle, wandle du! –


Die allgemeine Stimmung auf Landpartieen ist eine heitere, ungezwungene, daher ist auch jungen Damen auf ihnen größere Freiheit erlaubt, doch sollen sie nie über die Grenzen des Anstandes hinausgehen und, indem sie zur Erhöhung der frohen Laune durch ihren Frohsinn beitragen, doch niemals ausgelassen sein. Fröhlichkeit ist von der Ausgelassenheit sehr weit entfernt, erstere wirkt belebend auf andere, letztere, wenn sie sich im schnellen Laufen, im Jagen, lauten Schreien oder wohl gar Kreischen bei gesellschaftlichen Spielen äußert, ist geradezu widerwärtig.

Pünktlich zu erscheinen, nicht die anderen durch langes Warten zu verstimmen, sei auch bei dem Zusammenkommen zur Landpartie die erste Aufgabe, welche die junge Dame rücksichtsvoll zu befolgen hat; die Höflichkeit fordert es, daß die ganze Gesellschaft nicht auf Einzelne zu warten braucht, namentlich wenn diese Einzelne ein junges Mädchen ist.

Spiele im Freien, im frischen Walde, auf grünem Rasenplatz können viel Anmut und Lieblichkeit entfalten, es ist hier nicht so schlimm wie im Ballsaal, wenn das Kleid ein wenig beschädigt wird, es bleibt wohl einmal an einer Dornenhecke hängen, doch soll sich dennoch die junge Dame durch Gewandtheit und Vorsicht vor dergleichen kleinen Unfällen hüten und, wenn es irgend geht, den Schaden sogleich ausbessern, denn zerrissene Kleider an ihr sind immer ein nicht wohlanständiger Anblick.

Sie schließe sich, wenn sie Vergnügen daran findet, weder vom fröhlichen, gemeinsamen Spiel, noch von anderen Lustbarkeiten, welche man in öffentlichen Lokalen, die ja fast immer das Ziel einer Sommerpartie sind, findet, aus, z.B. Schaukel, Karussell u.s.w., doch muß sie darin das rechte Maß zu halten wissen und ihre Natur kennen, ob dieselbe dergleichen Schwindel erregende Belustigungen auch verträgt und[111] sie nicht durch plötzlich bei ihr eintretendes Unwohlsein den anderen Teilnehmern einen verstimmenden, unangenehmen Eindruck bereitet.

Die ungezwungene, natürliche Art solcher ländlichen Partieen, das Blumenpflücken, Wasserfahren, das Wandern durch den Wald im Mondenschein, dienen viel mehr dazu als die Winterfreuden, die Jugend einander näher zu führen. Aber durch das längere und weniger steife Beisammensein treten auch äußere Mängel, sowie kleine Charakterschwächen stärker hervor. Das Licht der Kronleuchter überstrahlt manches Antlitz mit einem Zauber, den es im Licht des Tages nicht hat, und es ist sehr gut, wenn ein junges Mädchen es versteht, dies auszugleichen durch ein anmutiges, gefälliges Benehmen.

Bei Wasserpartieen im Kahne ungestüm zu schaukeln, um etwa ängstliche Gefährtinnen zu necken, ist ebenso rücksichtslos, als es lästig ist, bei jedem Schwanken des Kahnes aufzufahren oder um Hilfe zu rufen. Uebergroße Aengstlichkeit verdirbt überhaupt sich selbst und den anderen jedes harmlose Vergnügen, und wer in jedem schnelllaufenden Pferde ein durchgehendes vermutet, wer bei jedem ländlichen Hundegebell die Flucht ergreift, wer aus Furcht vor den Mücken oder dem Stich einer Wespe nicht im Freien sitzen mag, der sollte lieber zu Hause bleiben und wird sich dadurch nur unbeliebt und lächerlich machen. Kleine unvermeidliche Leiden und Unbequemlichkeiten, unvorhergesehene Zwischenfälle, welche fast eine jede größere Partie im Freien aufzuweisen hat, still zu ertragen, vielleicht sogar einen Scherz daraus zu machen und dadurch bei anderen und sich selbst die gute Laune zu erhalten, das ist liebenswürdig, und eine solche Teilnehmerin ist immer gern gesehen und wohlgelitten.

Es ist gewiß keiner jungen Dame angenehm, wenn ein plötzlich eintretender Regen ihr das neue Kleid oder den Sommerhut verdirbt, aber sobald das Mißgeschick ein unvermeidliches ist und alle unter der Ungunst des Wetters leiden, darf der Einzelne sich nicht in Wehklagen darüber erschöpfen, darf sie nicht durch immer wiederholte Lamentationen die andern verstimmen.

Eine gänzlich verregnete Landpartie kann nur dann zu einer erträglichen, ja sogar noch zu einer ganz fröhlichen[112] werden, wenn ein jedes Mitglied derselben sich in sein Schicksal ohne Klage findet und doppelt dazu beiträgt, die frohe Laune sich selbst und den anderen nicht zu verscheuchen.

Bei Wagenpartieen gehören die besten Plätze im Fond des Wagens den älteren Damen, auch ist es rücksichtsvoll und höflich, wenn ein junges Mädchen den Rücksitz einnimmt und einen alten Herren bittet, sich bequemer auf dem Vordersitz zu placieren.

Quelle:
Ernst, Clara: Der Jungfrau feines und taktvolles Benehmen im häuslichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Mülheim 3[o.J.]., S. 100-113.
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