August Hermann Francke

Lebenslauf [1690/91]

[H.M. August Hermann Franckens vormahls Diaconi zu Erffurt, und nach dem er daselbst höchst unrechtmäßigst dimittiret, zu Hall in Sachsen Churf. Brandenburg. Prof. Hebraeae Lingvae, und in der Vorstadt Glaucha Pastoris Lebenslauff.]

Gott hat mich an diese welt lassen gebohren werden in der Stadt Lübeck Anno 1663 den 12 Martii. Mein Vater ist gewesen Johannes Francke, Beyder Rechten Doctor, und weyland J. Fürstl. Durchl. zu Sachsen Gotha, Ernesti Pii, Hoff- und Justitien Raht, eines Beckers von Lübeck, Johann Franckens, eheleiblicher Sohn. Meine Mutter, welche mir Gott bißanhero erhalten, ist Anna Franckin, [5] gebohrne Gloxinin, David Gloxins Kays. Rahts und ält. Bürgermeisters zu Lübeck, eheleibliche Tochter. Diese meine liebe Eltern haben mich bald nach meiner leiblichen Gebuhrt zur h. Tauffe als zum Bad der wiedergebuhrt befordert, auch da ich im dritten Jahr meines alters mit Ihnen und den übrigen Geschwistern von Lübeck nacher Gotha kommen, mich gar zeitig zur Schulen gehalten, und da anfänglich wegen zarter Kindheit, und darnach wegen anderer Umstände es sich mit der öffentlichen Schule nicht schicken wollen, mir mehrentheils zu Hause, theils aber auch ausserhalb Hauses privat Praeceptores gehalten. Gott hat mir eine Liebe zum wort Gottes, und insonderheit zum h. Predig amt von Kindes Beinen an ins Hertz gesencket, daß sich solches in äusserlichen Bezeigungen vielfältig herfürgethan, und also auch meine Eltern beyderseits, so viel mir wissend, nie einen andern Sinn gefasset, als mich dem studio Theologico zu widmen. Von meinem vater wurde ich auch in solchem Sinn fleissig erhalten, dazu die genaue auffsicht bey seinen Lebzeiten nicht wenig thäte. Da er aber Anno 1670 Todes verblichen, wurde ich zugleich mit andern Kindern von privat Praeceptoribus einige Jahre unterrichtet, welche ob wol kleine Gesellschafft und tägliche conversation ausserhalb Hauses, meinem Gemüthe, wie ich nach der zeit wol erkant, nicht wenig Schaden verursachte, und es durch die vermeynte zulässige, aber ohne genaue auffsicht nie in den Schrancken bleibende, Kinder Lust, gar sehr von Gott abgewendet, biß ich in meinem 11ten biß 12 Jahr, so viel ich mich erinnere, da ich wieder unter eigener Praeceptorum privat auffsicht lebte, auffs neue erwecket ward durch ein gar schönes exempel meiner recht christlichen und Gottliebenden nunmehr in Gott ruhenden und seeligen Schwester Anna Franckin, welches ich täglich für augen hatte, und ihre ungeheuchelte Furcht Gottes, Glauben, Liebe, Demuht, Lust und Liebe zum wort Gottes, [6] verlangen nach dem ewigen Leben und viel ander gutes an ihr erkante, auch über dieses von eben derselben durch gute erbauliche reden zu allem guten gereitzet ward. Solches war bey mir so durchdringend, daß ich bald anfinge das eitele wesen der Jugend, in welches ich mich schon durch das böse Exempel anderer Kinder ziemlich verliebet und vertieffet hatte, daß es von mir (weil man es an mir als einem Kinde, wie der welt Lauff ist, ohne großen wiederspruch eine Zeitlang erduldet hatte) fast vor keine Sünde mehr geachtet ward, ernstlich zu hassen, mich der unnützen Gesellschafft, Spielens und andern Zeit Verderbs zu entschlagen, und etwas nützlichers und bessers zu suchen. Daher mir auch von den meinigen ein Zimmer eingereumet ward, darinnen ich täglich meiner andacht und Gebets zu Gott hertzlich pflegte, und Gott bereits zu der zeit gelobete ihm mein gantzes Leben zu seinem Dienst und zu seinen h. Ehren auffzuopffern.

Ob nun wohl auff diesen guten anfang einer wahren Gottseligkeit von meinen damahligen anführern nicht gnugsam acht gegeben ward, so segnete doch der getreue Gott, der die Fehler der Kindheit aus Gnaden übersahe, dazumahl sonderlich meine studia, daß ich auch im 13ten Jahr meines alters in classem Selectam des Gothischen Gymnasii gesetzet, und daraus im 14ten Jahr öffentliche Vergünstigung der Oberen erlangete, die Academien zu besuchen, welches aber von den meinigen noch fast auff 2 Jahr, wegen meines alzu geringen alters, ausgesetzet ward. Dieses muß ich Gott zum preiß von meinem gantzen Leben bekennen. Je mehr ich mich zu Gott gehalten, und je weniger ich mein Gemüth mit Liebe der welt beflecket, je mehr hat mir Gott seine Gnade und Seegen wie in allem, also auch absonderl. in meinen studiis wiederfahren und mercken lassen. Hingegen je mehr ich mein Hertz von Gott abgewendet, und weltlich gesinnet worden, je mehr bin ich auch in der irre herumgeführet worden, und habe wol mit großer arbeit wenig ausgerichtet, welches ich mehrentheils nach der Zeit erst erkant, da ich wol vorhin gemeynet, daß ich gar herrlich geführet würde, und treffliche profectus hätte. Also ist mirs recht in die Hände kommen: Die Furcht des Herrn ist der weißheit anfang. [...] daß es nicht gnug sey, die Jugend zur wahren Gottseligkeit anzuweisen, sondern man müsse sie [7] auch bey zeiten für die listige verführung der welt warnen. Wie es denn die tägliche Erfahrung bezeuget, daß stille und sittsame Gemüther, die zu aller Erbarkeit erzogen sind, wenn sie in die welt kommen, und unter große Gesellschafft auff hohen oder niedrigen Schulen gerahten, sich durch böse Exempel leicht verleiten, und gleichsam mit dem vollen Strom hinweg reissen lassen. Insonderheit ist solches alter von 13, 14, 15 p. Jahren der Gefahr der verführung wol am meisten unterworffen, und daher in der aufferziehung am fleissigsten und sorgfältigsten in acht zu nehmen. Denn wol mancher nicht mit der welt so rohe dahin leben würde, wenn er zu solcher Zeit, da die Lüste der Jugend, und die verliebung in den äusserlichen Schein dieser welt sich zu erst bey ihm herfürgethan, in gebührenden Schrancken wäre gehalten worden. An meinem Ort halte gewiß darvor, wenn man nicht allein durch G.w. einen wahren Grund der Gottseeligkeit in mein Hertz zu pflantzen gesucht hätte, sondern mich auch für zukünfftige verführung gewarnet, und mir die listigen anläuffe der welt mit lebendigen Farben abgemahlet hätte, es würde das öffentliche Schulgehen, welches an sich keines weges zu verwerffen, mir nicht eine Gelegenheit zu meiner abermahligen verführung gewesen seyn. Denn da ich erst in das Gymnasium gesetzet ward, suchte ich noch in fleissigem Gebet das angesicht des Herrn, und erinnere mich, daß ich Gott mit großem ernst angeruffen und gebeten, daß er mir solche gute Freunde geben wolte, die mit mir eines Sinnes währen, ihm zu dienen, aber da ich so viel böse Exempel sahe, und mit einigen auch allmählich in Bekantschafft gerieth, verlohre sich nach und nach der vorige Eyffer, hingegen begunte ich mich der welt gleichzustellen, Ehre bey der welt groß zu achten, und um des willen nach Gelehrsamkeit zu streben, und es andern zuvor zuthun. Das Beste für mich war, daß ich anfänglich von den meisten wegen meiner geringen Jahre, da sie fast noch einmahl so alt waren als ich, verachtet ward, welches mir Gott nicht wenig zu meiner Demüthigung dienen lassen. Je mehr aber die verachtung von mir wegfiel, insonderheit da ich aus dem Gymnasio dimittiret war, je mehr war auch die Thür zu meiner verführung geöffnet, daß ich auch schon damahls wol erfahren, daß einem die welt vielweniger schadet, wenn sie einen verachtet und verschmähet, als wenn sie einen liebkoset und schmeichelt. In den studiis ließ ich mich wohl nichts hindern, sondern suchte immer mehr darinnen zuzunehmen. Aber solches geschahe schon nicht mehr aus einer reinen absicht, zur Ehre Gottes, und zum Dienst des Nechsten, sondern vielmehr um eigener Ehre und Nutzens halber. Daher ich auch in der lateinischen Sprache mich mit einer leichten und natürlich fliessenden Schreibart nicht behelffen wolte, sondern diejenigen Auctores am meisten liebte, die fein hochtrabend schrieben, und solche mit Fleiß imitirte, absonderlich da ich von andern drinnen [8] gelobet und also noch weiter auffgeblehet ward, biß mir endlich von einem dieser Fehler entdecket, und an statt anderer Auctorum, des Ciceronis Scripta wieder in die Hände gegeben worden, aus dessen Laelio, Tusculanis quaestionibus, Epistolis p. ich mich einer fliessenden und ungezwungenen Schreib art befliesse. Wiewol auch darinnen dem bereits verdorbenen Gemühte gar sehr geschadet ward, daß ich die heydnischen Dinge ohne unterscheid ergriffen und also mehr einen heydnischen als christlichen stylum führen lernete, in dem heydnische Reden und heydnische Laster so wol aus meinem als aus der Heyden schrifften, welche ich mir zur regel fürgestellet herfür blicketen. Welchen Fehler ich wol dazumahl gar nicht erkant, noch von andern deswegen erinnert ward, biß ich darnach solchen Greuel nach erlangter Erkentniß des rechtschaffenen wesens, dß in Ch. ist, [...] erkant. Wie denn die Jugend insgemein in solchem Fehler stecket, welches doch leichtlich könte verhütet werden, wenn der informator selbst die reden, welche aus dem Glauben fliessen oder zum wenigsten damit bestehen können, von den andern, welche aus dem Unglauben fliessen, unterscheiden könte, und darinnen dem Lernenden gebührende anweisung thäte. Eben diese Eitelkeit und Begierde bald gelehrt zu werden, triebe mich auch, daß ich gerne einen guten Vorschmack von denen studiis Academicis haben wolte, da ich doch noch wol nöthigere dinge hätte excoliren können, z.e. da ich in der Hebräischen Sprache noch unerfahren war, und diese ja als für allen Dingen zum studio theologico nöthig hätte treiben sollen, fiel ich auff das studium philosophicum, und wante viel zeit drauff, ja auff das theologicum selbst, und weil man mich also gehen ließ, ja es auch noch an mir lobete, und mir Bücher dazu recommendirete, meynete ich es wäre recht wol gethan, und verwickelte mich immer weiter, und kam also mit großer arbeit und Mühe von dem rechten Grund und zweck des studii theologici immer weiter ab. Das beste war daß der Grund in Latinis und Graecis so geleget war, daß ich mich damit behelffen kunte.

Indessen wurde ich im 16ten Jahr meines alters auff universitaeten geschicket, und ward Erffurt erwehlet, weil es in der Nähe war, und man einen guten Freund daselbst hatte, dessen als eines alten Academici auffsicht und information ich solte anvertrauet werden. Derselbe hielte mir nun ein Collegium hebraicum über des Schikardi horologium, dabey ich auch den hebraeischen text lernete analysiren, desgleichen ein Collegium Logicum, und Metaphysicum, in welchen ich mich ziemlich in diesen studiis vertieffete, und die besten Logicken und metaphysiken zusammen schlepte, unter welchen ich nebst D. Bechmanni Log. und Stahlii Metaph. [9] rechnete Hoepfneri commentarium in organon Aristotelis, Corneli Martini de analysi materiae et formae, P. Musaei Metaphys. pp. welche ich dann auch mit allem Fleiß tractirte. Ferner hielte ich auch bey eben demselben ein Collegium Geographicum, und weil er Bosii Jenensis discipulus privatissimus gewesen war, ein Collegium de Notitia Auctorum theologicorum, welches ihm, seinem Bericht nach, privatissime von Bosio communiciret war. Dieses war mein anfang der Academischen studien, dabey aber wol des rechten Zwecks am wenigsten gedacht ward. Vielmehr ward mein Gemüht immer mehr in die welt und deren Eitelkeit verwickelt, daß ich mich andern studiosis, mit welchen ich conversirte, gleich stellete, und große Beforderung, ansehen für der welt, zeitliche Ehre, hohe wissenschafft und gute Tage zu meinen Zweck setzte, welches allezeit bey mir zunahm, je mehr ich in den studiis zu proficiren schiene. Indessen fand ich auch in meinem Gemüht wenig Ruhe und vergnügung, weil ich wol erkante, daß ich von dem ehemaligen guten anfang eines wahren Christenthums, den ich in der Kindheit gehabt, weit abgewichen.

In eben demselbigen Jahre welches war Anno 1679 ward ich noch von den meinigen nach Kiel gesant, auff anforderung meiner Mutter Bruder Ant. Henr. Gloxins S.A. als Patroni des stipendii Schabbeliani, welches mir als nechsten anverwanten des Schabbelischen Stammes solte gereichet werden. Also begab ich mich auff dessen [10] Befehl daselbst am Tisch und ins Hauß zu Hn. D. Kortholt, ietzigen Procancellario und Prof. Prim. daselbst, dessen information und inspection zugleich ich und die übrigen Alumni des stipendii fürnehmlich recommendiret waren. Daher ich auch daselbst fast völlig 3 Jahr nemlich von Michaelis 1679 biß Pfingsten oder Trinit. 1682 blieben. Hier habe nun meine studia continuiret, erstlich philosophica, welche ich nun gar ernstlich vermeynte zu excoliren, und derowegen Collegia disputatoria und andere darüber anstellete, insonderheit suchte ich metaphysicam und Ethicam aus dem Grunde zu tractiren, und war fürnehmlich um deren usum in theologia bekümmert. Physica triebe bey Hn. D. Morhoffio, und tractirte zu dem Ende sein collegium de historia naturali. Sonst suchte fürnehmlich bey erwehnten Hn. D. Morhoffio in latinitate mich besser zu üben, und solidiora fundamenta eloquentiae tum sacrae tum profanae zu untersuchen, darinnen ich denn auch privatissime bey ihm informiret ward. Dazu kam bald, daß ich mich in das studium polyhistoricum oder cognitionis Auctorum sehr verliebte, als wozu der in Erffurt gemachte anfang gute Gelegenheit gab. Daher ich das ietzo gedruckte collegium polyhistoricum, so damahls gehalten ward fleissig mit besuchte. Mein Vetter zu Lübeck erkante wohl, daß ich mich mehr darinnen vertieffte als mir zu meinem studio theologico nöthig[11] wäre, und riehte mir davon abzustehen, aber mein Gemüht war bereits so sehr drinnen verstricket, daß ich auch wol meynte, man riehte mir nicht treulich, und hielte dasjenige für absolute notwendig, was doch auch nur von seinen Liebhabern für eine Zierde der übrigen wissenschafften angegeben wird, und nach dem elenden zustand meines Gemühts nur ad pompam von mir gerichtet war. Das studium theologicum setzte ich fort bey Hn. D. Kortholt. Hielte bey demselben Collegia Thetica, Polemica, und Exegetica, so wol publice als privatim, laß darneben seine Schrifften und welche er mir sonst recommendiret fleissig. Daneben wolte ich auch predigen lernen, und gerieth über den von einigen so genannten methodum Helmstadiensem, lase zu dem Ende fleissig Rhetoricam Aristotelis cum Commentario Schraderi, machte auch secundum methodum Schraderi locos communes Biblicos, und getrauete mich auch in öffentlicher Gemeine in der Stadt und auff dem Land zu predigen, welches aber wol nicht aus dem Grunde geschehen, wie Paulus erfordert 2. Cor. IV. Ich gläube, darum rede ich, wie wol ich damahls meiner meynung nach gar recht dran thäte. Uber dieses hielte auch fleissig mit Hn. D. Kortholti collegia, die er in historia Ecclesiastica publice und privatim hielte, unter denen auch eines über Eusebii historicam [!] Ecclesiasticam publice gehöret. So hielte auch bey ihm ein Collegium de Officio ministrorum Ecclesiae. In welchen, wie auch in seinen übrigen lectionibus, ich dem wehrten Mann das zeugniß geben kan, daß er die studiosos fleissig und ernstlich Von dem ärgerlichen weltwesen abgemahnet, und die schwere verantwortung eines Predigers ihnen wol fürgestellet. Wodurch denn auch geschehen, daß der gute Funcke, der noch in meinem Hertzen war, ziemlich und offt auffgeblasen ward. Daher ich wol mannichmal einen vorsatz faste mich von der welt und ihrer Eitelkeit zu entreissen, sahe und erkante wol, daß das Leben der studiosorum, wie es gemeiniglich geführet ward, und wie ichs selber mit führete, nicht mit dem worte Gottes übereinstimmete, und daß es unmüglich also bestehen könte, finge auch wol dann und wann an mich zu ändern. Aber der große Hauffe risse mich bald wieder dahin, daß es dann hieß, daß das letzte mit mir ärger ward, denn das [12] erste. Also war ich bey allen meinen studiis nichts als ein grober Heuchler, der zwar mit zur Kirchen, zur Beicht, und zum H. Abendmahl ginge, sunge und betete, auch wol gute discurse führete und gute Bücher lase, aber in der Taht von dem allen die wahre Krafft nicht hatte, nemlich zu verleugnen das ungöttliche wesen, und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig zu leben, nicht allein äusserlich, sondern auch innerlich. Meine theologiam faste ich in den Kopff, und nicht ins Hertz, und war vielmehr eine todte wissenschafft als eine lebendige Erkentniß. Ich wuste zwar wol zu sagen, was Glaube, wiedergebuhrt, Rechtfertigung, Erneurung p. sey, wuste auch wol eins vom andern zu unterscheiden, und es mit den Sprüchen der Schrifft zu beweisen, aber von dem allen fand ich nichts in meinem Hertzen, und hatte nichts mehr als was im Gedechtnis und phantasie schwebte. Ja ich hatte keinen andern concept vom studio theologico, als daß es darinnen bestehe, daß man die collegia theologica und theologische Bücher wol im Kopffe hätte, und davon erudite discouriren könte. Ich wuste wohl, daß Theologia ein habitus practicus definiret würde, aber ich war in meinen collegiis, welche ich hielte nur um die theoriam bekümmert. Wenn ich die H. Schrifft lase, war es mehr, daß ich gelehrt werden möchte, oder damit ich der guten Gewohnheit ein gnügen thäte, als zur Erkentniß des göttlichen wesens und willens zu meiner Seeligkeit. Ich setzte darauff sehr viel, daß ich alles auffs Papier schriebe, wie ich denn deswegen etliche ziemliche volumina zusammen geschrieben von Collegiis, aber ich suchte es nicht, wie Paulus will 2. Cor. III, durch den Geist Gottes auff die Taffeln des Hertzens zu schreiben.

In solchen zustande war ich, da mir mein Vetter als Patronus stipendii Schabbeliani vergönnete von Kiel wegzureisen, in dem es, wie er berichtete, damahls mit dem stipendio schabbeliano auff eine Zeitlang ins stocken gerieht. Darauff reisete ich nach Hamburg, weil es in Kiel mit dem Hebräischen nicht recht mit mir fort gewolt, da ich zwar etliche mahl einen neuen anfang gemacht hatte, aber zu keiner gründlichen wissenschafft darinnen durch den gemeinen methodum hatte gelangen mügen, da man erst sich mit der Grammatica und dem analysiren sehr lange auffhält, ehe man die Bibel selbst durchzulesen sich getrauet. Daher suchte ich bey dem Hn. L. Etzardo in Hamburg diesen Fehler zu ersetzen, begab mich an seinen Tisch, und nahm die Stube in seiner Nachbarschafft, und wante alle Zeit drauff nach seinem methodo so gut ich könte, linguam hebraeam zu tractiren. Ich rühme auch hierinnen des lieben Mannes treue und Fleiß von grund des Hertzens, [13] als der sich auch die Mühe nicht verdrießen lassen, ohne leiblichen Entgelt viel zeit auff mich zu wenden, und mir in meinen dubiis welche mir in Lesung der Schrifft, oder auch quoad methodum vorkamen, zu helffen. Ich kam also bey ihme mit Lesung des A.T. biß in den Propheten Esaiam, so viel ich mich erinnern kan, und da ich nach zwey Monahten von den meinigen nach Hause gefordert ward, nahm ich von erwehntem Hn. L. Etzardo weitere instruction, wie ich das studium continuiren möchte. Da mir denn gerahten ward, erstlich lectionem cursoriam zu absolviren, und dann in secunda lectione grammaticam gründlicher zu erlernen, in tertia lectione den Glassium, in 4ta das Chaldaeische in 5ta das Michlal Jophi, in 6ta die biblia Buxtorfii zu tractiren. Welchem methodo ich auch nachzukommen bedacht war, weil ich aber mich auff die 11/2 Jahr bey den meinigen zu Gotha auffhalten muste, fehlte es mir an Gelegenheit zu einem und dem andern. Daher ich in wehrender zeit die Ebraeische Bibel an sich selbst nebst der Philologia Sacra Glassii desto fleissiger durch tractirte, und, so viel ich mich erinnere, Biblia hebraea wol sechsmahl absolvirete.

Der Zustand meines Gemühts da ich von Hamburg kam war sehr schlecht und mit Liebe der welt durch und durch beflecket. Gott gab mir auch zu erkennen, daß er seine Hand immer mehr von mir abgezogen, weil ich seine[r] kräfftigen Vater Hand, die mich so nachtrücklich zur Bekehrung so mannichmal gereitzet, nicht platz gegeben, sondern mich immer tieffer in die Liebe der welt versencket. Da fienge ich nun gleichsam auffs neue an Gott mit Ernst zu suchen. Aber es bestand mein Suchen dennoch mehr im äusserlichen als im innerlichen. Ich sunge und betete viel, laß viel in der Schrifft, und andern geistlichen Büchern, ging viel zur Kirchen, bereuete auch äusserliche Sünden und kam wol mit Thränen zur Beichte, aber das blieb noch alle zeit in meinem Hertzen stecken, daß Ehre, Reichthum und nach guten Tagen trachten keine Sünde sey. Da doch Johannes ausdrücklich schreibet. 1. Joh. II. Habt nicht lieb die welt, noch was in der welt ist. So iemand die welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der welt ist, nemlich Fleisches Lust, augen Lust, und hoffärtiges Leben ist nicht vom Vater sondern von der Welt. Wenn ich auch alle Sünden bereuete, so bereuete ich den Unglauben nicht, der doch tieffe wurtzeln hatte in meinem Hertzen. Denn wo die Früchte des Glaubens nicht sind, als Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanfftmuth, Keuschheit, da ist auch nicht glaube, sondern eine bloße Einbildung [14] vom glauben, und in der That nichts als Unglauben. Doch war in solchen 11/2 Jahren, da ich zu Hause war, dem äusserlichen nach, mein Zustand besser als vorhin. Denn ich lag dem studieren ob mit großen Fleiß, und suchte auch im übrigen ein äusserliches erbares Leben zu führen, mein Hertz kam aber nicht zur rechten ruhe. Meine studia faste ich inzwischen in bessere Ordnung wiederholete guten theils die dinge die ich auff universitaeten und sonsten gefasset, tractirte fleissig V. et N.T. in Hebräischer und griechischer Sprache, daneben lernete ich auch die Frantzöische Sprache, und übete mich in der Englischen Sprache, die ich zu Kiel gelernet. Für der welt ward ich wol für einen frommen und fleissigen studenten gehalten, der seine Zeit nicht übel angewant, ward auch von vielen lieb und wehrt gehalten, aber in der that war ich nichts als ein bloßer natürlicher mensch, der viel im Kopff hatte, aber vom rechtschaffenen wesen, das in Jesu Christo ist weit genug entfernet war.

Nach verflossener solcher Zeit fand sich ein studiosus zu Leipzig, der gefallen truge einen auff die Stube zu sich zu nehmen, der ihn in Hebraicis privatissime anwiese. Demselben ward ich fürgeschlagen, und kam also zu ihm nach Leipzig Anno 1684 vor ostern, da ich also gelegenheit funde meine studia weiter zu continuiren. Ließ mich also informiren in studio Rabbinico von Hn. Christiani, Lectore Rabbinico zu Leipzig, und von einem discipulo Etzardiano, der sich in Leipzig auffhielt ietzo Adjuncto Philosophiae in Wittenberg, Hn. M. Gerh. Meyern, welcher viel zeit, so ich ihm noch von Hertzen dancke, auff mich wante. Daneben hielte ich auch einige andere collegia, als ein disputatorium über libros Symbolicos, ein Anti-Syncretisticum, item ein Collegium historicum unter Hn. L. Rechenbergio. it. ein examinatorium über distinctiones theologicas unter Hn. Lic. Cypriano, it. ein disputatorium über dicta Script. S. unter H.D. Oleario, it. ein examinatorium über [15] Königs theol. positivam, welches zugleich disputatorium war, und sein absehen auff die gantze theologiam systematicam hatte; desgleichen hielte ich auch mich zu dem so genanten Großen-Prediger collegio und Collegio Oratorio, so unter denen Magistris von vielen Jahren her in Leipzig gehalten werden. Ich hielte auch Collegia Concionatoria bey Hn. D. Joh. Benedicto Carpzovio, erstlich welches er des Mitwochens vielen andern hielte, darnach selb 4te des Freytags, da allemahl einer predigte, und H.D. Carpzovius die Predigt nach denen Praeceptis homileticis censirte. Theoriam praeceptorum hatte in einem Collegio homiletico bey Hn. M. Dornfeld, Diacono an der Niclas Kirchen daselbst, meinen damaligen Hn. Tischwirth, gehöret, ohne was ich privatim wante auff lectionem Hulsemanni und anderer, deren praecepta ich mir bekant machte. Daneben excolirte ich die Frantzöische und Englische Sprache, wie auch die Italiaenische, als zu welchen allen ich daselbst sehr beqveme und gute Gelegenheit fand, solche auch fast in täglicher conversation zu gebrauchen. Dieses geschahe also successive. Inzwischen nahm ich Anno 1685 daselbst Gradum Magistri an und habilitirte mich auch im selb. J. praesidendo, dabey ich wol keinen andern zweck hatte als desto besser Geld mit Collegiis zu verdienen, und dadurch desto besser befordert zu werden. Daß ich die Ehre Gottes solte dabey gesuchet haben, kan ich mich nicht erinnern, ob ich wol damahls, wenn ich darnach wäre gefraget worden, würde geantwortet haben, daß ich diesen Hauptzweck praesupponirte. Den äusserlichen zweck aber, den ich gesuchet hatte, erhielte ich auch leichtlich. Denn ich bald drauff gnug zu thun kriegte, und ein Collegium [16] nach dem andern anfieng und endete. Daneben ward mir auch ein anderer privatim zu informiren anvertrauet, welches ich also fort triebe biß ich von dannen reisete.

Das beste unter allem ist gewesen das Collegium Philobiblicum, von dessen anfang und Fortgang ich nöthig erachte weitleufftiger Bericht abzustatten. M. Paulus Antonius ietzo Theol. Lic. und Superintend. zu Rochlitz fiel einmahl mit mir auff den discours, daß das studium der beyden fundamental Sprachen, nemlich der griechischen und Hebraeischen so wenig excoliret würde, welches wir beyde also miteinander beklagten, biß endlich gedachter H. Antonius wünschete, daß die magistri selbst untereinander sich darinnen üben möchten, welches mir so fort wolgefiel, und auch mit dazu rieth, daß wir dergleichen je eher je lieber anfangen möchten, und da wir es also untereinander abgeredet, sprachen wir unseumig einige gute Freunde unter denen Magistris drum an, daß sie mit uns zusammen treten, und dergleichen collegium anfangen möchten. Welches von ihnen auch gleich beliebet, und der anfang dazu des nechsten Sontags gemachet war. Die erste abrede war diese daß wir alle Sontage 2 Stunden, von 4 biß 6. Uhr, nemlich nach geendeter Predigt, wolten beysammen seyn, da dann erstlich einer ein Capitel aus dem A. und dann einer ein Capitel aus dem N.T. kürtzlich expliciren und appliciren solte, und zwar nach der Ordnung der Biblischen Bücher, wie ich denn also in der ersten lection explicirte Cap. 1. Geneseos und H. Antonius in derselben lection Cap. 1. Matthaei. Solches war nun nicht etwan was neues oder ungewöhnliches auff der Universitaet Leipzig. Denn man wol uber funfftzig Jahr zurück solche collegia zehlen kan, welche die Magistri unter sich angefangen, sich über gewisse leges darinnen vereiniget, und dieselben unter sich fortgesetzet, wie dessen Zeugniß geben können das obenerwehnte große Prediger collegium, welches sich darnach auch getheilet in 2 collegia, da in einem des Montags im andern des Donnerst. in der Pauliner Kirchen einer aufftritt und prediget, die andern zusammentreten und die Predigt censiren, haben auch dabey ihren fiscum daraus die erforderte unkosten pflegen genommen zu werden. [17] Desgleichen das collegium oratorium, Collegium Anthologicum, darinnen excerpta, so viel mir wissend ist, gemachet werden, desgleichen das Collegium Gellianum, so noch einige von ietzo lebenden Herrn Professoribus mitgehalten, und welches des Sontags nachmittag gehalten worden. Welches alles um deß willen erinnere, weil die welt über die so genanten collegia philo-biblica und pietatis so viel schreyens machet, als wärens neuerungen, und conventicula, aus welchen man nichts als Unordnung zu erwarten. Da nun obenerwehntes collegium angefangen war, kam bald drauff H.D. Spener als Churf. Oberhoffprediger nach Dreßden, welches Hn. L. Antonio gelegenheit gab, eine disputationem welche er gehalten, in Erinnerung der in Franckf. an den selben gesuchten Kundschafft, ihm zuzusenden, und einen kleinen Bericht qo. obiter von diesem unserm instituto anbey zufügen. Den theuren Mann hatte nicht wenig erfreuet, daß er gleich bey seiner ankunfft von einer unter denen studiosis entstehenden Liebe zum worte Gottes vernehmen solte, und ob er wol erkante, daß wir noch mehrentheils vom rechten zweck ziemlich möchten entfernet seyn, suchte er dennoch durch guten Raht und zu Gottes Ehre reifflicher zielende Vorschläge unserm geringen anfange auffzuhelffen. Welches wir auch mit allem Danck annahmen, und uns darüber vereinigten, daß wir nicht so[18] große texte auff einmahl, und dieselbe zu unserer mehren Erbauung tractiren wolten. Die praxis selbst gab uns auch immer ein mehrers an die Hand, daß wir also immer eifferiger wurden, dieses collegium mit Ernst zu treiben, auch gewisse leges, wie in oben erwehnten andern collegiis bräuchlich, unter uns zu Bestetigung und fortpflantzung des collegii auffzurichten, welche den zweck des Collegii und die Ordnung so darinnen solte observiret werden, vor augen legten. Da ward nun das Collegium immer stärcker, und funden sich auch von denen studiosis, welche baten als Auditores mit zugelassen zu werden. Daher uns bald die Stube zu klein ward, und wir uns nach einem größerem platz umzusehen genöthiget waren. Insonderheit da dazumahl selbiges collegium von vielen auch von denen Hn. Professoribus gar wol auffgenommen, und als gar nützlich angesehen ward, so daß sie uns auch ihrer Gegenwart würdigten, und zu fernerem Fleiß anmahneten. Hierzu kam, daß erwehnter H.L. Antonius, auff dessen Stube es gehalten ward, nach weniger zeit zum Reiseprediger von J. Hochf. Durchl. [...] bestellet ward, daß wir auch daher eine änderung zu machen genöthiget wurden. Begrüsten demnach Hn. D. Val. Alberti, Theol. Prof. Extraord. zu Leipzig, daß er das Directorium des erwehnten Collegii Philobiblici auff sich nehmen, und in seiner wohnung uns einen platz dazu einreumen möchte. Beydes wurde von Ihm mit allem willen eingereumet, daß er nicht allein selbst ordentlicher weise unserm collegio als Director beywohnete, sondern auch nach geendigter lection uns seiner censur und anmerckung über den tractirten text würdigte. Solches erweckte die studiosos so sehr, daß sie sich damahls in sehr großer Frequentz bey dem Collegio als Auditores einfunden, auch da sie vor dem Beschluß des Collegii vom fiscali Collegii ordentlich dazu gebeten wurden, ihre observationes auch mit beytrugen. So ward auch die zahl der magistrorum als membrorum Collegii immer stärcker, daß also damahls solches collegium so wol mit großem Eiffer als vieler vergnügung und nicht ohne Nutzen fortgesetzet ward, daß auch so wol einige von den Hn. Professoren, als von fremden Orten kommen de angesehene Männer ihre hertzliche vergnügung, so sie darüber hatten, durch ihre offtmalige [19] Besuchung an den Tag legten. In solchem Zustande hatte ich das Collegium gelassen, da ich von Leipzig weggereiset. Ich kan versichern, daß ich solches collegium für das nützlichste und beste rechnen muß, welches ich ie auff universitaeten gehalten, wenn ich den Nutzen ansehe, welcher mir daraus erwachsen. Denn mich dieses erst recht in das studium textuale hineingebracht, daß ich die großen Schätze, welche uns in der H. Sch. dargereichet worden besser erkennen, und aus der H. Sch. selbst herfürsuchen lernete, da ich zwar vorhin auch die Bibel fleissig tractiret, aber mehr um die Schale als um den Kern und die Sache selbst war bekümmert gewesen. Wolffg. Frantzius de interpretatione Scripturae S. Lutheri Comm. in Genesin und andere Schrifften welche ich dabey gebrauchte, zeigten mir nun besser wie ich mit der H. Schrifft umgehen, sie recht verstehen, und zu nutzen anwenden solte, und da die vielfältige praxis dazu kam, wurde mirs immer leichter, absonderlich da ich dem guten Raht, welcher mir gegeben ward, treulich folgete, nicht nur bloß auff frembde gedancken, welche ich etwa in Büchern fünde, zu sehen, sondern auch selbst zuzusehen, was ich aus einem ieglichen text für einen deutl. verstand fassen, und für Lehren, Ermahnungen und Trost schöpffen könte.

Mitler weile geschahe es, daß eine disputatio de Quietismo contra Molinosum öffentlich daselbst gehalten ward, da der Autor disputationis öffentlich bekante, daß er bey verfertigung der disputation das scriptum des Autoris selbst nicht gesehen, sondern daß er seine disputation theils auff die Advisen, theils auff den extract, welcher in denen Actis Eruditorum Lipsiensibus aus dem Segnerio dem Adversario des Molinosi, gründete. Hievon ward nicht allein in der publica oppositione sondern auch darnach vielfältig geredet, und daher von vielen gewünschet, daß man doch den Autorem selbst lesen möchte, biß mir endlich von einem fürnehmen Mann daselbst an die Hand gegeben ward, den Autorem an die Hand zu schaffen, und aus der Italiaenischen Sprache ins Lateinische zu übersetzen, nur zu dem Ende, damit man historice wissen könne, was doch der Mann für Lehre führe. Ich überlegte [20] solches noch mit einem andern von den Hn. Professoren, welcher es mir gleichfalls riehte. Folgete also ihrem Raht und Gutdüncken, conferirte 2 exemplaria, welche mir communiciret wurden, und übersetzte die beyden tractaetlein des Molinosi nemlich seine Guida Spirituale und della communione cotidiana, schlug darneben die Autores mysticos, auff welche er sich beziehet, in bibliotheca Paulina selbst auff, und unterliesse mit meinem willen nichts des Autoris meynung klar und deutlich an den Tag zu legen. H.D.J. Ben. Carpzovius riehte mir auch mit allem Ernst dazu, nebst Hn. Prof. Fellero, (in dessen Gegenwart auff der Bibliotheca Paulina es geschahe) erbothe sich, mir einen verleger dazu zu schaffen, (da ich mich aber bereits gegen einen verbindlich gemachet hatte) und nahm es auch nachgehends als Decanus Fac. Theol. in seine Censuram. Welches um des willen nach der warheit anführe, weil mir nach der zeit solche übersetzung von einem und dem andern übel gedeutet worden, da ich doch mit öffentlicher Genehmhaltung solches gethan, ohne den allergeringsten wiederspruch, auch mit vorsetzung meines Namens und einer kurtzen praefation meine intention zur gnüge bezeuget. So ist mir auch nach der Zeit von meinen wiederwärtigen, welche ihren Schmähungen gern einen Schein anstreichen wollen, fälschlich beygemessen worden, ich hätte des Molinosi irrige principia gefasset, mich dadurch verleiten lassen, und darnach andern wieder eben dieselbigen beygebracht. Da doch erstl. dieses nicht der anfang meiner ernstlichen Bekehrung zu Gott gewesen, wie ich darnach ausführlicher erzehlen werde, zum andern ich niemals weder besonders noch öffentlich gesaget, daß ich alles was im Molinos stehet billichen oder behaupten könne, sondern vielmehr (3) gerahten die H. Schrifft und andere zur Erbauung durch einen lautern Grund der H. Schrifft führende Schrifften zu lesen. Dabey ich aber nicht leugne, daß mir allezeit sehr mißfallen, daß viele so blind über diesen Autorem hergefallen, und ihn verdammet, darinnen sie ihn nicht verstanden, ja nicht einmahl gelesen, und ihm daher opiniones beygemessen, die dem Autori wol Lebenslang nicht in den Sinn kommen, ja daß ich auch im Gegentheil wol gesaget, daß viel nützliches und zur Erbauung höchst vorträgliches in dem Buche enthalten, welches ich in Ewigkeit nicht verwerffen oder verdammen könte. Denn man ja die warheit allezeit lieben sol, sie finde sich bey einem freunde oder Feinde; ja man soll alles prüffen, und das Beste behalten 1. Thess. V. Zum Ex. was erwehnter Autor in seinem 3. B. von der Demuth[21] schreibet, hat mich allezeit hertzlich vergnüget, ingleichen giebt er auch im 2. B. für die Beichtväter einige Erinnerungen, welche guten theils wol wehrt sind beobachtet zu werden; desgleichen ist es gut und nicht zu verwerffen, daß er ausdrücklich lehret, daß Christus der einige weg, und die einige pforte sey, dadurch wir zu Gott gelangen können, und in dessen Blut wir müssen gereiniget und abgewaschen seyn, wenn wir Gott gefallen wollen; desgleichen sind die reden welche hin und wieder darinnen von geistlichen anfechtungen geführet werden, in der Erfahrung gegründet, davon der natürliche und weltlich gesinnete Mensch nicht geschickt ist zu urtheilen, wer aber dergleichen selbst erfahren hat, wird bald finden, was mit seiner Erfahrung übereinstimmet, und was ihm darinnen dienlich seyn könne; dergleichen Dinge würden sich noch mehr finden, welche ich nicht verwerffen kan, auch kein rechtgläubiger in Ewigkeit verwerffen wird, weil sie in der H. Sch. gegründet sind, und unsern libris Symbolicis keines weges entgegen stehen. So aber iemand darinnen etwas wieder die H. Schrifft zu seyn recht erkennet, der wisse, daß ich mich dessen nicht begehre theilhafftig zu machen, werde aber auch nie Menschen zu gefallen dasjenige, was ich nicht verstehe, beurtheilen, oder was ich der Schrifft gemäß zu seyn erkenne, um des willen verwerffen oder geringer achten, weil es einer der nicht unser religion verwandt ist, gesaget hat. So wäre es auch sehr unchristlich gehandelt, wenn man einem der in einem Buche das was gut und recht ist, billiget, zugleich auch alles was irrig in demselben Buch ist, beymessen wolte. Sonst müste man einen für einen Heyden halten, der sagte, daß in Officiis Ciceronis etwas gutes stehe; für einen Römisch-Catholischen der aus dem Estio, Cornelio a Lapide und andern dergleichen commentatoribus eine gute Erklärung eines biblischen Spruchs entlehnete; für einen reformirten, der sagte, daß ihm durch Dikens Selbst-Betrug sein Sünden Elend entdecket, durch Sontoms güldnes Kleinod sein Gewissen gerühret, und daß er sonst durch andere dergleichen der reformirten Schrifften erbauet sey. So wird sich auch befinden, daß diejenigen welche mit ihren Beschuldigungen so fertig heraus sind, gemeiniglich keinen bessern Grund als ihren bösen argwohn davon zu geben wissen, welches unzeitige richten ihnen der gerechte richter nicht gut sprechen wird. Mit einem wort: Ich habe des Molinosi Schrifften ohne intention mich deren theilhafftig zu machen gelesen und übersetzet, und habe sie nie weiter gebillichet, als sie der göttlichen warheit der H. Schrifft gemäß sind; habe sie [22] zum grund des Christenthums nie recommendiret, und nie also davon geredet, daß iemand solte aufftreten können, der sich an meiner rede zu stossen ursach gefunden hätte. Ob nun von einem warheit liebenden und gewissenhafften menschen ein mehrers könne erfordert werden, mag ein ieder urtheilen? Für dem aber, der da recht richtet, wil ich dißfalls wol mit Freudigkeit stehen.

Was mein Christenthum betrifft, ist dasselbe, sonderlich in den ersten Jahren da ich in Leipzig gewesen, gar schlecht und laulicht gewesen. Meine intention war ein vornehmer und gelehrter Mann zu werden, reich zu werden und in guten Tagen zu leben wäre mir auch nicht unangenehm gewesen, ob ich wol das ansehn nicht hätte haben wollen, als wenn ich darnach trachtete. Die anschläge meines Hertzens waren eitel, und gingen auffs zukünfftige, welches ich nicht in meinen Händen hatte. Ich war mehr bemühet Men schen zu gefallen, und mich in ihre Gunst zu setzen, als dem lebendigen Gott im Himmel. Auch im äusserlichen stellete ich mich der welt gleich, in überflüssiger Kleidung und andern Eitelkeiten. In Summa: ich war innerlich und äusserlich ein welt Mensch, und hatte im Bösen nicht ab, sondern zugenommen. Das wissen hatte ich wohl vermehret, aber dadurch war ich immer mehr auffgeblehet. Uber Gott hab ich wol keine Ursache mich dißfalls zu beklagen. Denn Gott unterliesse nicht mein Gewissen offtmahls gar kräfftig zu rühren, und mich durch sein wort zur Busse zu ruffen. Ich war wol überzeuget, daß ich nicht im rechten zustande wäre. Ich warff mich auch offt nieder auff meine Knie, und gelobete Gott eine Besserung. Aber der ausgang bewieß, daß es nur eine fliegende Hitze gewesen. Ich wuste mich wohl zu rechtfertigen für den Menschen, aber der Herr erkante mein Hertz. Ich war wol in großer Unruhe und in großem Elend, doch gab ich Gott die Ehre nicht, den Grund solches Unfriedens zu bekennen, und bey ihm allein den warhafftigen Frieden zu suchen. Ich sahe wol, daß ich in solchen principiis, darauff ich mein thun setzte, nicht acquiesciren könte, doch ließ ich mich durch die verderbte Natur immer mehr einschläffern, meine Busse auffzuschieben von einem tage zum andern. Demnach kan ich anders nicht sagen als daß ich wol vier und zwantzig Jahr nicht viel besser gewesen als ein unfruchtbarer Baum, der zwar viel Laub aber mehrentheils faule Früchte getragen. Aber in solchem Zustande hat mein Leben der welt gar wol gefallen, daß wir uns miteinander wol vertragen können, dß ich liebete die welt, und die welt mich liebete. Ich bin da gar frey von verfolgungen gewesen, weil ich bey den frommen dem Schein nach fromm, und mit den bösen in der warheit böß zu seyn, und den Mantel nach dem wind zu hengen gelernet hatte. Man hat mich da der warheit wegen nicht angefeindet, weil ich mir nicht gern die Leut zum Feinde machte, Sie auch mit rechtem Ernst nicht sagen konte, weil ich selbst nicht darnach lebte. Doch hat solcher Friede mit der welt meinem Hertzen keine ruhe bringen können. Sondern die Sorge für das zukünfftige, Ehrsucht, Begierde alles zu wissen, Gesuch menschlicher Gunst und Freundschafft, und andere dergleichen aus der welt Liebe fliessende Laster, insonderheit aber der immer heimlich nagende wurm eines bösen Gewissens, daß ich nicht im rechten zustande wäre, trieben mein Hertz als ein ungestümes Meer bald auff die eine bald auff die andere Seite, ob zwar solches sich öffters gleichsam versteckte, daß ichs in äusserlicher Fröligkeit offt andern zuvorthate. In solchem zustande habe ich die meiste zeit zu Leipzig zubracht, und kan mich biß Anno 1687 nicht erinnern, daß ich eine recht ernstliche und gründliche Besserung vorgenommen hätte.

Aber gegen das 24 Jahr meines alters fienge ich an in mich zu schlagen, meinen Elenden zustand tieffer zu erkennen, und mit größerem Ernst mich zu sehnen, daß meine Seele davon möchte befreyet werden. Solte ich sagen, was mir zu erst gelegenheit dazu gegeben, wüste ich ausser der allezeit zuvorkommenden Gnade Gottes, von [23] äusserlichen nichts gewisser anzuzeigen, als mein Studium theologicum, welches ich so gar nur ins wissen und in die bloße vernunfft gefasset, daß ich vermeynete ich könte die Leute unmüglich damit betriegen, noch mich in ein öffentl. amt stecken lassen, den Leuten vorzusagen, was ich selbst nicht in meinem Hertz überzeuget wäre. Ich lebte noch mitten unter weltlicher Gesellschafft war mit Anlockungen zur Sünde um und um begeben. Darzu kam die lange Gewohnheit, aber des alles ungeachtet, war mein Hertz von dem allerhöchsten Gott gerühret, mich für ihm zu demütigen, ihn um Gnade zu bitten, und offtmahls auff meinen Knien anzuflehen, daß er mich in eine andere Lebensbeschaffenheit setzen, und zu einem rechtschaffenen Kinde Gottes machen wolte. Es hiesse nun bey mir (aus Ebr. V, 12 p.) die ihr soltet längst meister seyn, bedürfft ihr wiederumb, daß man euch die ersten Buchstaben der göttlichen wort lehre, und daß man euch milch gebe und nicht starcke Speise. Denn ich hatte ungefehr 7 Jahr theologiam studiret, wuste ja wol was unsere thesis war, wie sie zu behaupten, was die Adversarii dagegen einwanten, hatte die Schrifft durch und wieder durch gelesen, ja auch von andern libris practicis nicht wenig, aber weil dieses alles nur in die vernunfft und ins Gedächtniß von mir gefasset, und das wort Gottes nicht bey mir ins Leben verwandelt war, sondern ich hatte den lebendigen Saamen des worts Gottes bey mir ersticket und unfruchtbar seyn lassen, so muste ich nun gleichsam auffs neue den anfang machen ein Christ zu werden. Ich fand aber dabey meinen Zustand so verstrickt, und war mit so mancherley Hindernissen und abhaltungen von der welt umgeben, daß es mir gienge als einem der in einem tieffen Schlamm stecket, und etwa einen Arm herfürstrecket, aber die Krafft nicht findet, sich gar loß zu reissen oder wie einem der mit Banden und Fesseln an Händen und Füssen und am gantzen Leibe gebunden ist, und einen Strick zerreisset, aber sich hertzlich sehnet, daß er von den andern auch möchte befreyet werden. Gott aber der getreue und warhafftige kam mir mit seiner Gnade allezeit zu vor, und bereitete mir gleichsam den weg ihm von Tage zu Tage gefälliger zu leben. Er hube bald durch seine starcke Hand die schwersten äusserlichen Hinderungen, daß ich deren auch ohne vermuthen entladen wurde, und weil er zugleich mein Hertz änderte, ergriff ich mit Begierde alle Gelegenheit ihm eifferiger zu dienen. In solchem zustande war ich gleichsam in der Demmerung, und als hätte ich einen Flor für den augen. Ich hatte gleichsam einen Fuß auff die Schwelle des Tempels gesetzet, und ward dennoch von der so tieff eingewurtzelten welt Liebe zurücke gehalten, nicht vollends hinein zu gehen. Die überzeugung war sehr groß in meinem Hertzen, aber die alte Gewohnheit brachte so vielfältige übereilungen in worten und wercken, daß ich daher sehr geängstet war. Hiebey war dennoch ein solcher Grund in meinem Hertzen, daß ich die Gottseeligkeit sehr liebte, und ohne falsch gar ernstlich davon redete, und guten Freunden meine intention hinfüro Gott zu Ehren zu leben ernstl. bezeugte, so daß ich auch wol von einigen für einen Eiffrigen Christen gehalten ward, und mir nach der Zeit gute Freunde bekennet, daß sie eine merckliche änderung bereits in solcher zeit an mir gespüret hätten. Ich aber weiß wol, und ist Gott dem Herrn nicht unbekannt, daß der Sinn dieser welt damahls noch die Oberhand bey mir gehabt, und daß das Böse so starck bey mir worden als ein Riese, dagegen sich etwa ein Kind aufflehnete. Wer wäre elender gewesen als ich, wenn ich in solchem zustande blieben wäre, da ich mit der einen Hand den Himmel mit der andern die Erde ergriffe, Gottes und der welt Freundschafft zugleich geniessen wolte, oder doch bald dem einem, bald dem andern wiederstrebete, und es also mit keinem recht hielte. Aber o wie groß ist die Liebe Gottes die er in Christo Jesu dem menschlichen Geschlecht erzeiget [24] hat! Gott warff mich nicht weg um meines tieffen verderbens willen, darinnen ich gestecket hatte, sondern hatte Geduld mit mir und halff meiner Schwachheit auff, daß ich dennoch den Muht nicht sincken ließ, sondern noch immer hoffte ich würde besser durchbrechen zu einem warhafftigen Leben das aus Gott ist. Ich habe an mir recht erfahren, daß man nicht Ursache habe, sich über Gott zu beklagen sondern daß er bereit sey Thür und Thor auffzuthun, wo er ein Hertz findet, daß es redlich mit ihm meynet, und sein angesicht ernstlich suchet. Gott ist mir allemahl gleichsam vorgegangen, und hat die Klötzer und plöcke aus dem wege gehoben, damit ich überzeuget wurde, daß meine Bekehrung nicht mein, sondern sein werck wäre. Gott nahm mich gleichsam bey der Hand und leitete mich wie eine Mutter ihr schwaches Kind leitet, und so groß und überschwenglich war seine Liebe, daß er mich auch wieder ergriffe, wenn ich mich von seiner Hand loß gerissen hatte, und ließ mich dafür die ruthe seiner züchtigung wol fühlen.

Er erhörete auch endlich mein Gebeth darinnen, daß er mich in einen freyen und ungebundenen zustand setzte, da ich mit der welt nichts oder doch so wenig zu schaffen hatte, daß ich mit gröstem Unrecht über äusserliche Hindernisse und abhaltungen meines Christenthums würde geklaget haben. Denn Gott fügte es, daß ich Leipzig, da mich noch immer diese und jene Hindernissen gefangen hielten, verlassen muste, in dem er meines Vettern D. Gloxini Hertz dahin gelencket, daß er mir das stipendium Schabbelianum wieder reichete, und, weil er mit allem Ernst verlangete, daß ich das studium exegeticum für allen Dingen prosequiren solte, mir nach Lüneburg zu reisen aufftruge, umb daselbst mich Hn. Sandhagens damahls Superint. zu Lüneburg, ietzo General-Superint. in Holstein, information in solchem studio mich zu bedienen. Dahin reisete ich also um Mich. 1687. und zwar mit desto größerer Freudigkeit, weil ich hoffete, durch solchen weg mich meines Haupt-Zwecks, nemlich ein rechtschaffener Christ zu werden, völliger zu versichern. Hier waren nun die äusserlichen Hindernisse vom lieben Gott gleichsam auff einmahl weggenommen. Ich hatte mein Stübchen allein, darinnen ich nicht verunruhiget, oder von iemanden in guten Gedancken gestöret ward, dazu speisete ich bey christlichen und gottseligen Leuten.

Ich war kaum hinkommen, so ward ich um eine predigt in der Johannis Kirchen daselbst abzulegen, angesprochen, und zwar eine geraume zeit vorher ehe die predigt sollen abgeleget werden. Nun war doch bereits mein Gemüth in solchem Stande, daß ich nicht die bloße Übung im predigen, sondern fürnemlich die Erbauung der Zuhörer abzielete. In dem ich nun drauff bedacht war, gerieth ich über den Text: Dieses ist geschrieben, daß ihr gläubet, Jesus sey Christ, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen. Joh. XX, 31. Bey diesem Text gedachte [25] sonderlich gelegenheit zu nehmen von einem wahren lebendigen glauben zu handlen, und wie solcher von einem bloßen menschlichen und eingebildeten wahn-Glauben unterschieden sey. Indem ich nun mit allem Ernst hierauff bedacht war, kam mir zu Gemüth, daß ich selbst einen solchen Glauben, wie ich ihn erfordern würde in der predigt, bey mir nicht fünde. Ich kam also von der meditation der predigt ab, und fand gnug mit mir selbst zu thun. Denn solches, nemlich, daß ich noch keinen wahren Glauben hätte, kam mir immer tieffer zu Hertzen. Ich wolte mich hier und damit auffrichten, und gleichsam die traurigen gedancken damit verjagen, aber es wolte nichts hinlänglich seyn. Ich war bißhero nur gewohnet meine vernunfft mit guten gründen zu überzeugen, weil ich im Hertzen von dem neuen wesen des Geistes wenig erfahren hatte. Darum meynte ich mir nun auch durch solchen weg zu helffen, aber je mehr ich mir helffen wolte, je tieffer stürtzte ich mich in unruhe und zweiffel. Ich nahm zur Hand Hn. Joh. Musaei collegium Systematicum MS. welches ich mir bißhero für andern bekant gemachet hatte, aber ich muste es wieder weg legen, und fand nicht woran ich mich hätte halten mügen. Ich meynte, an die H. Schrifft würde ich mich doch halten, aber bald kam mir in den Sinn, wer weiß ob auch die H. Schrifft Gottes wort ist, die Türcken geben ihren Alcoran, und die Juden ihren Talmud auch dafür aus, wer wil nun sagen, wer recht habe. Solches nahm immer mehr die überhand, biß ich endlich von dem allen was ich mein Lebenlang, insonderheit aber in dem über acht Jahr getriebenen studio theologico von Gott und seinem geoffenbahrten wesen und willen gelernet, nicht das geringste mehr übrig war, das ich von Hertzen geglaubet hätte. Denn ich glaubte auch keinen Gott im Himmel mehr, und damit war alles aus, daß ich mich weder an Gottes noch an menschen wort mehr halten kunte, und ich fand auch damahls in einem so wenig Krafft als in dem andern. Es war nicht etwa bey mir eine solche ruchlosigkeit, daß ich aus weltlich gesinnetem Hertzen die warheit Gottes in den wind geschlagen hätte. Wie gerne hätte ich alles geglaubet, aber ich konte nicht. Ich suchte auff diese und jene weise mir selbst zu helffen, aber es reichte nichts hin. Inzwischen ließ sich Gott meinem Gewissen nicht unbezeuget. Denn bey solcher würcklichen verleugnung Gottes, welche in meinem Hertzen war, kam mir dennoch mein gantzes bißheriges Leben vor augen, als einem der auff einem hohen Turm die gantze Stadt übersiehet. Erstlich konte ich gleichsam die Sünden zehlen, aber bald öffnete sich auch die Haupt-qvelle, nemlich der Unglaube, oder bloße Wahn-Glaube, damit ich mich selbst so lange betrogen. Und da ward mir mein gantzes Leben, und alles was ich gethan, geredt, und gedacht hatte als sünde, und ein großer greuel für Gott fürgestellet. Das Hertz war hart beängstiget, daß es den zum Feinde hatte, welchen es doch verleugnete, und nicht glauben kunte. Dieser Jammer pressete mir viel thränen aus den augen, dazu ich sonst nicht geneiget bin. Bald saß ich an einem Ort und weynete, bald ging ich in großem Unmuth hin und wieder, bald fiel ich nieder auff meine Knie, und ruffte den an, den ich doch nicht kante. Doch sagte ich, wenn ein Gott warhafftig wäre, so möchte er sich mein erbarmen. Und solches trieb ich offt und vielfältig. Wenn ich bey Leuten war, verstellete ich mein innerliches Elend, so gut ich immer konte.

Einsmahls, da ich abgespeiset hatte, verlangete ich zu einem in der nähe wohnenden Superintend. mit meinem Tischwirth zu gehen, welcher es auch einwilligte. [26] Ich nahm inzwischen, für dem Tische stehend, das griechische N.T. in die Hand, drinnen zu lesen. Als ichs auffschlug, sagte mein Tischwirth, Ja wir haben wol hieran einen großen Schatz. Ich sahe mich um und fragte ihn, ob er sehe, was ich auffgeschlagen hätte. Er sagte nein. So, sagte ich, sehe er die antwort: wir haben aber den Schatz in irdischen gefässen etc. 2. Cor. IV. Solche worte mir gleich als er solches gesaget, ins Gesichte fielen. Dieses gieng mir zwar ein wenig zu Hertzen, und gedachte, daß es wol nicht ungefehr also kommen möchte, es schiene auch gleichsam ein verborgener Trost dadurch sich in mein Hertz zu sencken, aber mein Atheistischer Sinn brauchte bald die verdorbene vernunfft zu seinem werckzeuge, mir die Krafft des göttl. worts wieder aus dem Hertzen zu reissen. Ich setzte nebst meinem Tischwirthe den fürgenommenen weg fort, traffen auch erwehnten Superintendentem zu Hause an, welcher uns in die Stube führete, und niedersitzen liesse. Kaum hatten wir uns niedergesetzet, fieng erwehnter H. Superintendens an zu discouriren, woraus der Mensch erkennen solte, ob er Glauben habe oder nicht? über solche Frage ward unterschiedliches unter ihnen geredet, so wol einen gläubigen hätte stärcken mügen. Ich saß aber dabey, verwunderte mich anfänglich, und gedachte, ob sie auch von ungefehr auff einen solchen mir höchst nöthigen discours kommen könten, da doch keiner von meinem zustande, wie auch sonst kein Mensch in der gantzen welt, das geringste wuste. Ich hörete ihnen auch fleissig zu, aber mein Hertz wolte sich dadurch nicht stillen, sondern ich ward vielmehr dadurch überzeuget, daß ich keinen Gl. hätte, weil ich gerade das Gegentheil von denen Kennzeichen des Glaubens, so sie aus dem Grunde der Schrifft anführeten, an mir erkante. Da wir abschied genommen hatten, und ich mit meinem Hn. Tischwirth wieder zurück in die Stadt gienge, offenbahrete ich demselben mein Hertz, sagend: wenn er wüste, in welchem zustande ich wäre, würde er sich wundern wie sie eben auff einen solchen discours kommen wären. Und da er fragte: in welchem? antwortete ich: Ich hätte keinen Glauben. Er erschrack dessen, und suchte alles herfür, mich auffzurichten. Ich legte mich dagegen mit meiner Vernunfft, und sagte endlich zum Beschluß: was er angeführet, möchte ihn wol stärcken, aber mir könte es nicht helffen. Nun hätte ich auch wünschen mögen, daß ichs bey mir behalten hätte.

Inzwischen fuhr ich in meinem vorigen thun fort, und hielte an mit fleissigem Gebeth auch in der grösten verleugnung meines eigenen Hertzens. Folgenden Tages, welches war an einem Sontage, gedachte ich mich gleich also in voriger Unruhe zu Bette zu legen, war auch drauff bedacht, daß ich, wenn keine änderung sich ereignete, die Predigt wieder absagen wolte, weil ich im Unglauben und wieder mein eigen Hertz nicht predigen, und die Leute also betriegen könte. Ich weiß auch nicht, ob es mir würde müglich gewesen seyn. Denn ich fühlete es gar zu hart, was es sey, keinen Gott haben, an den sich das Hertz halten könne; Seine Sünden beweynen, und nicht wissen warum, oder wer der sey, der solche thränen auspresset, und ob warhafftig ein Gott sey, den man damit erzürnet habe; sein Elend und großen Jammer täglich sehen, und doch keinen Heyland und keine zuflucht wissen oder kennen. In solcher großen angst legte ich mich nochmals an erwehntem Sontag abend nieder auff meine Knie, und rieffe an den Gott, den ich noch nicht kante, noch Glaubte, um Rettung aus solchem Elenden zustande, wenn anders warhafftig ein Gott wäre. Da erhörete mich der Herr, der lebendige Gott, von seinem h. Thron, da ich noch auff meinen Knien lag. So groß war seine Vater-Liebe, daß er mir nicht nach und nach solchen zweiffel und unruhe des Hertzens wieder benehmen wolte, daran mir wol hätte genügen können, sondern damit ich desto mehr überzeuget würde, und [27] meiner verirreten Vernunfft ein zaum angeleget würde, gegen seine Krafft und Treue nichts einzuwenden, so erhörete er mich plötzlich. Denn wie man eine Hand umwendet, so war alle mein Zweiffel hinweg, ich war versichert in meinem Hertzen der Gnade Gottes in Christo Jesu, ich kunte Gott nicht allein Gott sondern meinen Vater nennen, alle Traurigkeit und unruhe des Hertzens ward auff einmahl weggenommen, hingegen ward ich als mit einem Strom der Freuden plötzlich überschüttet, daß ich aus vollem Muth Gott lobete und preisete, der mir solche große Gnade erzeiget hatte. Ich stund gar anders gesinnet wieder auff, als ich mich niedergeleget hatte. Denn mit großem Kummer und zweiffel hatte ich meine Knie gebogen, aber mit unaußsprechlicher Freude und großer Gewißheit stand ich wieder auff. Da ich mich niederlegte glaubte ich nicht, daß ein Gott wäre, da ich auffstand hätte ichs wol ohne Furcht und zweiffel mit vergiessung meines Bluts bekräfftiget. Ich begab mich drauff zu Bette, aber ich konte für großen Freuden nicht schlaffen, und wenn sich etwa die augen ein wenig zuschlossen, erwachte ich bald wieder, und fieng auffs neue an den lebendigen Gott, der sich meiner Seele zu erkennen gegeben, zu loben und zu preisen. Denn es war mir, als hätte ich in meinem gantzen Leben gleichsam in einem tieffen Schlaff gelegen, und als wenn ich alles nur im Traum gethan hätte, und wäre nun erstlich davon auffgewachet. Es durffte mir niemand sagen was zwischen dem natürlichen Leben eines natürlichen menschen, und zwischen dem Leben, das aus Gott ist, für ein unterscheid sey. Denn mir war zu muht als wenn ich todt gewesen wäre, und siehe ich war lebendig worden. Ich kunte mich nicht die Nacht über in meinem Bette halten, sondern ich sprang für freuden herauß und lobete den Herrn meinen Gott. Ja es war mir viel zu wenig, daß ich nur Gott loben solte, ich wünschte daß alles mit mir den Namen des Herrn loben möchte. Ihr Engel im Himmel, rieff ich, lobet mit mir den Namen des Herrn, der mir solche Barmhertzigkeit erzeiget hat. Meine vernunfft stand nun gleichsam von ferne, der Sieg war ihr aus den Händen gerissen, denn die Krafft Gottes hatte sie dem Glauben unterthänig gemachet. Doch gab sie mir zuweilen in den Sinn, solte es auch wol natürlich seyn können, solte man nicht auch von natur solche große Freude empfinden können; aber ich war gleich dagegen gantz und gar überzeuget, daß alle welt mit aller ihrer Lust und Herrligkeit solche Süssigkeit im menschlichen Hertzen nicht erwecken könte, als diese war, und sahe wol im Glauben, daß nach solchen Vorschmack der Gnade und Güte Gottes die welt mit ihren reitzungen zu einer weltlichen Lust wenig mehr bey mir ausrichten würde. Denn die Ströme des lebendigen wassers waren mir nun alzu lieblich worden, daß ich leicht vergessen konte der stinckenden mistpfützen dieser welt. O wie angenehm war mir diese erste milch, damit Gott seine schwachen Kinder speiset! Nun hieß es, aus dem 36. Psalm: Wie theuer ist deine güte Gott, daß Menschen Kinder unter dem Schatten deiner Flügel trauen. Sie werden truncken von den reichen gütern deines Hauses, und du tränckest sie mit wollust als mit einem Strom. Denn bey dir ist die lebendige qvelle, und in deinem Liecht sehen wir das Liecht. Nun erfuhre ich, war zu seyn, was Lutherus saget in der Vorrede über die Epistel an die Römer: Glaube ist ein göttlich werck in uns, das uns wandelt und neugebieret aus Gott Joh. 1,12. und tödtet den alten adam, machet uns gantz andere Menschen, von Hertzen, Muht, Sinn und allen Kräfften, und bringet den H. Geist mit sich pp. Und: Glaube ist eine lebendige, erwegene Zuversicht auff Gottes Gnade, so gewiß daß er tausend mahl drüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkentniß göttlicher Gnade machet [28] frölich, trotzig, und lustig gegen Gott und alle Creaturen, welches der H.G. thut im glauben pp. Gott hatte nun mein Hertz mit Liebe gegen ihn erfüllet, die weil er sich mir als das allerhöchste und allein unschätzbare Guth zu erkennen gegeben. Daher konte ich auch des folgenden tages meinem Hn. Tischwirth, der um meinen vorigen elenden zustand gewust hatte, diese meine Erlösung nicht ohne thränen erzehlen, darüber er sich mit mir erfreuete. Des mittewochens drauff verrichtete ich nun auch die mir auffgetragene predigt mit großer Freudigkeit des Hertzens, und aus wahrer göttlicher überzeugung über den oben angeführten 21 vers. des XX Cap. Johannis, und kunte da mit warheit sagen aus 2. Cor. IV. Dieweil wir nun eben denselbigen Geist des Glaubens haben, nachdem geschrieben stehet, ich gläube darum rede ich, so glauben wir auch, darum reden wir auch.

Und daß ist also die zeit, dahin ich eigentlich meine warhafftige Bekehrung rechnen kan. Denn von der zeit her hat es mit meinen Christenthum einen Bestand gehabt, und von da an ist mirs leicht worden zu verleugnen das ungöttliche wesen, und die weltliche Lüste, und züchtig, gerecht und gottseelig zu leben in dieser welt, von da an habe mich beständig zu Gott gehalten, Beforderung, Ehre und ansehen für der welt, Reichthum, gute Tage und äusserliche weltliche Ergetzligkeit, für nichts geachtet, und da ich vorhin mir einen götzen aus der Gelehrsamkeit gemachet, sahe ich nun daß Glaube wie ein Senffkorn mehr gelte als hundert Säcke voll Gelehrsamkeit, und daß alle zu den Füssen Gamalielis erlernete wissenschafft als dreck zu achten sey gegen die überschwengliche Erkentniß Jesu Christi unsers Herrn. Von da an habe auch erst recht erkant, was Welt sey, und worinnen sie von den Kindern Gottes unterschieden sey. Denn die welt fienge auch bald an mich zu hassen und anzufeinden, oder einen wiederwillen und verdruß über mein thun spüren zu lassen, auch sich zu beschweren oder mit worten mich anzustechen, daß ich auff ein ernstliches Christenthum mehr, als sie etwa nöthig vermeynten, drunge. Aber ich muß auch hierinnen die große treue und weißheit Gottes rühmen, welche nicht zulässet, daß ein schwaches Kind durch alzu starcke speise, eine zarte pflantze durch einen alzu rauhen wind verderbet werde, sondern er weiß am besten wenn und in welcher maaß er seinen Kindern etwas aufflegen, und dadurch ihren Glauben prüffen und leutern soll. Also hat mir es auch nie an prüffungen gefehlet, aber Gott hat dabey meiner Schwachheit allezeit geschonet, und mir erst ein gar geringes, und dann nach und nach immer ein größeres maaß des Leidens zugetheilet, da mir aber allezeit nach der von ihm ertheilten Göttlichen Krafft das letztere und größere viel leichter worden zu tragen, als das erste und geringere.

Quelle:
Francke, August Hermann: August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]. In: Werke in Auswahl, [Berlin] 1969, S. 1–29, S. 5-30.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Die Betschwester. Lustspiel

Die Betschwester. Lustspiel

Simon lernt Lorchen kennen als er um ihre Freundin Christianchen wirbt, deren Mutter - eine heuchlerische Frömmlerin - sie zu einem weltfremden Einfaltspinsel erzogen hat. Simon schwankt zwischen den Freundinnen bis schließlich alles doch ganz anders kommt.

52 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon