Der erste Eintritt in die Welt.

[36] Es giebt junge Leute, welche durch besondere Verhältnisse so begünstigt sind, daß sie schon von früher Jugend an im elterlichen Hause durch tägliche Uebung alle die Lehren des guten Tones und der Lebensart practisch empfangen, welche Andern kaum theoretisch zu Theil werden, und die so spielend eine Kenntniß erlangen, welche den minder Begünstigten erst viel später und mit viel größerer Anstrengung zu erwerben vergönnt ist.

Aber diese Glückskinder bilden nur die Ausnahme von der Regel; für sie ertheilen wir daher nicht unsere Lehren und Anweisungen, sondern für die, welche aus dem engen Kreise des Universitäts- oder Familienlebens ohne die nöthige practische Vorbereitung auf das weite Feld der großen Welt versetzt werden.

Da liegt sie vor ihnen, diese Welt, von der sie schon so viel hörten und doch so wenig sahen; nach der sie sich sehnten, während sie sich doch bei dem Gedanken, sie kennen zu lernen, eines Gefühles der Bangigkeit, oft sogar der Furcht, nicht zu erwehren vermochten.

Da liegt es vor ihnen, das klippenreiche Meer, und ehe sie sich auf dessen gefahrdrohende Wogen wagen, hegen sie eine instinctmäßige Scheu vor den vielen Klippen, von denen man ihnen zwar gesagt hat, die aber ihr eingeschüchterter Blick noch nicht zu entdecken vermag.

Sie zittern unwillkürlich, wie der junge Soldat an einem ersten Schlachttage, und es ist auch in der That eine Art von Schlacht, der sie entgegengehen. Aber sie mögen sich beruhigen, denn alle die Dinge, die ihnen eine so große Furcht einflößen, sind der Mehrzahl nach im Grunde nichts, als die Flügel der Windmühle, welche Don Quixote für Riesenarme hielt. Nicht alle die Fürsten der Mode, welche so viel Lärmens von sich machen und[37] einen Kreis um sich sammeln, sind in der That das, als was sie den Neulingen erscheinen. Man trete ihnen nur kühn nahe und man wird leicht mit ihnen fertig werden.

Dann lasse man ohne Zeitverlust alle die kleinen Lächerlichkeiten die Revue passiren, die kleinen Sünden der großen Welt, welche die Auswüchse des guten Tones sind, während sie als der Schmuck desselben gelten möchten.

Man halte sich fern von jeder Uebertreibung oder Unnatur; besonders aber vermeide man die Blödigkeit. Diese lähmt den Geist, den man besitzt, und verhindert die Erwerbung dessen, den man noch nicht besitzt. Die Blödigkeit schadet der Beobachtung, und diese ist die Grundlage jeder Wissenschaft.

Der in die Welt Eintretende hält sich, in der Regel, für unwissend, und er ist dieß vielleicht auch wirklich; deßhalb sei er vorsichtig und zurückhaltend bei Allem, was er spricht. Niemand wird es einem jungen Manne, der eben erst in die Welt eintritt, übel nehmen, wenn er sich nicht sehr gesprächig zeigt und keinen reichen Theil zu der allgemeinen Unterhaltung beiträgt; im Gegentheile wird man ihm dieß nur als eine sehr lobenswerthe Bescheidenheit auslegen. Was man aber nicht verzeihen würde, das wäre, wenn man eine mürrische, oder gar keine Antwort gäbe. Das eine Versehen würde man für Dummheit, das andere für Grobheit halten; man darf sich aber bei seinem Eintritt in die Welt weder unhöflich, noch albern zeigen. Dadurch ladete man einen kaum vertilgbaren Flecken auf sich, brächte man sich in einen üblen Geruch, der nicht leicht wieder zu vertreiben wäre.

Schon die Ungeschicklichkeit wird als ein großes Unrecht betrachtet, aber die Ungeschicklichkeit verzeiht man noch allenfalls, die Unschicklichkeit dagegen nur sehr schwer und erst nach längerer Zeit.

Welche Folgen übrigens die Blödigkeit haben könne, möge die nachfolgende kleine Schilderung beweisen, der man noch manches ähnliche Beispiel hinzufügen könnte.[38]

Alfred von D** war zweiundzwanzig Jahre alt. Nachdem er mit wahrer Auszeichnung seine Studien beendigt hatte, bereis'te er einen großen Theil von Europa, um seine Erziehung zu vollenden. Er war ein sehr unterrichteter junger Mann und besaß viel Verstand; außerdem vereinigte er in sich alle die Eigenschaften, welche einen ausgezeichneten Menschen bilden; aber seine außerordentliche Blödigkeit stellte alle diese reichen Mittel in den Schatten.

Als Alfred von seinen Reisen zurückkehrte, wollte sein Vater, der eine hohe Stellung einnahm, ihn in die Welt einführen, indem er hoffte, daß dadurch jene beklagenswerthe Schwäche bald verschwinden würde; doch schon binnen kurzer Zeit erkannte er, daß die Cur sehr schwierig sein würde.

Indeß ließ Herr von D** sich nicht entmuthigen. Er folgte seinem Sohne in jeder Gesellschaft mit den Augen; er war gewissermaßen durch Blicke sein Pilot, und er beeilte sich, ihm zu Hülfe zu kommen, sobald dieß nöthig wurde.

»Alfred,« sagte er ihm eines Tages, »wir essen heute bei dem Baron von T***, meinem intimen Freunde, zu Mittag. Er wünscht Dich kennen zu lernen, und Du wirst Dich bei dem thé dansant, der auf das Diner folgt, in der ausgesuchtesten Gesellschaft befinden. Hoffentlich legst Du da Deine gewöhnliche schülerhafte Blödigkeit ab. Du hast Verstand, Du besitzest Kenntnisse und ein gefälliges Aeußere, ich bin reich, und es ist oft viel weniger hinreichend, um überall eine gute Figur zu spielen. – Uebrigens wollen wir, um die Zeit bis zu dem Diner hinzubringen, noch das Atelier des Professor K., unseres ausgezeichneten und genialen Malers, besuchen. Wahrscheinlich finden wir dort mehre jener Künstler, deren geistreiche Unterhaltung und glückliche Einfälle Du Dir zum Muster nehmen kannst.«

Eben diese geistreiche Unterhaltung, diese glücklichen Einfälle, waren es, die der arme Alfred mit am Meisten[39] fürchtete; aber er durfte sich das kaum merken lassen, geschweige denn eingestehen, und mußte sich daher in das Unvermeidliche ergeben.

Um zwei Uhr betraten sie das Atelier des Professor K. Dieser hatte nur einen seiner jungen Schüler bei sich und Alfred war darüber herzlich froh.

Dreist gemacht durch den wohlwollenden Empfang des berühmten Künstlers, welcher eben die letzte Hand an eines seiner vorzüglichsten Gemälde legte, das ein kunstliebender Fürst schon im Voraus gekauft hatte, zeigte Alfred sich als gebildeter, aufgeklärter Kunstliebhaber. Sein Vater hatte ihn sich noch nie mit solcher Leichtigkeit und Sicherheit ausdrücken hören, und er war entzückt über ihn.

Ach, mehr als je, lag der tarpejische Felsen dem Capitol nahe!

Die Thür öffnete sich. Man meldete den Fürsten ***, welcher kam, das neueste Kunstwerk des berühmten Meisters zu sehen.

Der Fürst trat ein. Herr von D**, welcher demselben sehr gut bekannt war, beeilte sich, diese günstige Gelegenheit zu ergreifen, um ihm seinen Sohn vorzustellen. Alfred verneigte sich tief. Der Fürst sagte ihm einige verbindliche Worte; Alfred verneigte sich abermals, indem er verlegen zurücktrat, und in seiner Verwirrung stieß er mit dem Ellenbogen und der Schulter an das Gemälde, das der berühmte Künstler, der die Pallette noch in der Hand hält, so eben an mehren Puncten retouchirt hatte.

»Großer Gott! – Mein Bild!« rief der Professor K. erschrocken aus. Darüber verlor Alfred vollends den Kopf. Er hatte gewünscht, daß die Erde sich vor ihm öffnen und ihn verschlingen möchte, und über der Angst seines Herzens vergaß er, daß sein Frack zahlreiche Oelflecke von allerhand Farben trug.

Herr von D** litt unbeschreiblich; gleichwohl enthielt er sich, seinem Sohne Vorwürfe zu machen, und war vielmehr bemüht, ihn zu beruhigen, und um ihm[40] wieder einige Haltung zu geben, beeilte er sich, das Atelier mit ihm zu verlassen.

Vater und Sohn begaben sich hierauf zu dem Baron von T***. Das Diner bei demselben ging ohne den geringsten Unfall für Alfred vorüber, und auch der darauf folgende thé dansant begann sehr glücklich. Aber Alfred ließ es sich einfallen, zu tanzen, und plötzlich ertönten von mehren Seiten Angst- und Schreckenrufe. – Abscheulich! Entsetzlich! Welch' ein Greuel! – Man fragte, man drängte sich, man sah – und erblickte zwei reizende Tänzerinnen, deren hellfarbige Kleider die bunten Oelflecken zeigten, welche Alfred mit dem Ellenbogen seines Fracks von dem Gemälde des Professor K. auf sie übertragen hatte. – – –

Wenn man aber die Blödigkeit vermeidet, welche, wie aus vorstehender Anecdote sich ergiebt, mehrfache Lächerlichkeiten zur Folge haben kann, nehme man sich wohl in Acht, in das entgegenstehende Extrem, d.h., in den Fehler der Unverschämtheit oder der Dummdreistigkeit zu verfallen, denn diese werden einem jungen Manne, welcher in der Welt debütirt, noch weniger verziehen, als die Blödigkeit, die trotz ihrer Lächerlichkeit doch wenigstens Zeugniß für eine lobenswerthe Bescheidenheit ablegt.

Die Welt ist voll alberner oder anmaßender Gecken, welche Andere jeden Augenblick unterbrechen, und dabei so laut sprechen, als verdienten sie allein gehört zu werden! Dabei sprechen sie oft über die wichtigsten Dinge mit der größten Entschiedenheit und nicht selten mit einem einzigen Worte ab, ohne davon eine gründliche, zuweilen sogar nur eine oberflächliche Kenntniß zu besitzen.

Im Theater sieht man zuweilen Leute, die sich für sehr wichtige oder große Personen halten, während der Vorstellung so laut sich unterhalten, daß man darüber die Schauspieler nicht hören, oder wenigstens nicht verstehen kann, und daß das Publicum sie durch Aeußerungen des Mißfallens darauf aufmerksam machen muß, wie unanständig[41] ihr Benehmen ist, wie sehr ihnen folglich auch Erziehung und Lebensart mangeln, mögen sie sich auch anderwärts noch so sehr damit brüsten.

Eines Tages sagte ein anmaßender Mensch, daß ein neuerschienenes Werk, welches allgemein ausgezeichnet und geistreich gefunden wurde, nichts als ein fades Machwerk sei.

»Haben Sie es ganz gelesen?« fragte ihn einer der Anwesenden etwas spitzig.

»Ich?!« rief er fast beleidigt aus. Und sehr vornehm fügte er dann hinzu: »Ich lese niemals dergleichen albernes Zeug!«

»Aber woher wissen Sie denn, daß es so albern und fade ist?« fragte der Erste wieder mit unverhohlenem Spott.

In diesen einfallend, sagte ein Nebenstehender: »Herr N.N. hört das Urtheil Anderer, und das ist vollkommen hinreichend, um es nachzusprechen.« – – – –

Würde eine Unverschämtheit, eine Impertinenz, auch mit noch so viel Geist ausgeübt, so bliebe sie deßhalb doch nicht minder unverzeihlich. – Davon eine Anecdote als Beispiel:

An einem der ersten Tage des Carneval forderte die Prinzeß von Burgund nach ihrer ersten Menuette den Herzog von Brissac auf. Es war damals Sitte, daß der Herr die Dame, welche ihn gewählt hatte, zur nächsten Menuette wieder engagirte. Als indeß der Tanz beendigt war, verließ der Herzog von Brissac die Prinzeß von Burgund, um eine andere Dame zu wählen. Die Unartigkeit wurde von aller Welt bemerkt. Die Prinzeß, welche bereits aufgestanden gewesen war, mußte sich wieder setzen und dieß veranlaßte eine Art von Gemurmel. Der Herzog fuhr in dem Tanze mit seiner Dame fort, welche die nächste Menuette mit dem Herzog von Richelieu tanzte. Als diese beendigt war, wählte der Herzog von Richelieu nicht die Dame, welche er eigentlich hätte wählen sollen, sondern statt derselben die Prinzeß von Burgund.[42]

Er gab dadurch dem Herzog von Brissac eine Lehre, und der ganze Hof zollte ihm Beifall; indeß beging er selbst dadurch ebenfalls eine Impertinenz, denn während er den Herzog von Brissac auf eine geistreiche Weise strafte, machte er sich einer Beleidigung gegen seine eigene Dame schuldig. Freilich muß man zu seiner Entschuldigung sagen, daß der geistreiche Neffe des berühmten Richelieu damals noch sehr jung war. Später wurde er der liebenswürdigste Cavalier seiner Zeit, und das wahre Muster eines feinen und galanten Benehmens.

Um sich als würdiges Mitglied der guten Gesellschaft zu zeigen, genügt es indeß nicht, die nicht zu entschuldigenden Impertinenzen zu vermeiden. Man muß es auch verstehen, zur rechten Zeit zu sprechen, und in allen Dingen zuverlässig zu sein. Man hat gesagt, die Pünktlichkeit sei die Lebensart der Könige. Mag sie aber auch die aller Welt sein, so darf man nicht glauben, daß man dadurch allein auch Allen gefallen werde. Es giebt Lagen, in denen die vollkommenste Weltkenntniß nicht aus der Verlegenheit zu ziehen vermag. Indeß giebt es ein beinahe ganz unfehlbares Mittel, immer zu gefallen. Jeder hat seine schwache Seite; es handelt sich nur darum, sie zu entdecken. Ist dieß gelungen, so müßte man weder Lebensart noch Weltkenntniß besitzen, wenn man es nicht verstände, Die für sich einzunehmen, bei denen man sich die Mühe dazu geben will.

Ein anderes, stets liebenswürdiges Mittel ist, die Menschen, mit denen man in Berührung kömmt, als geistreich erscheinen zu lassen; dazu ist es erforderlich, ihren Geschmack, ihre Gewohnheiten, die Künste, mit denen sie vertraut sind, zu kennen. Man dränge sie nicht über diese Kreise hinaus, und man wird von ihnen mit der besten Laune für den geistreichsten Menschen erklärt werden und ihnen bald ganz unentbehrlich erscheinen.

Man würde gar nicht durch die Welt kommen können, wollte man über Musik mit einem Agronomen sprechen, oder über die Classiker des Alterthums mit einem[43] alten Soldaten. Dennoch giebt es in der Welt eine Menge Menschen, welche von nichts zu sprechen wissen, als von ihren Kanonen, ihren Schiffen, oder was sonst den Gegenstand ihrer eigenen Beschäftigung bildet. Anfangs hört man dergleichen Menschen neugierig an, wenn man aber dieselbe Unterhaltung beständig wiederholt, wird sie langweilig und man gähnt darüber. Ein solches Gähnen vermag die beste Lebensart nicht zu unterdrücken, wenn sie es auch allenfalls nicht sichtbar macht.

Die Langweiligen beschränken sich indeß nicht bloß auf die, welche ewig nur bei einem und demselben Gegenstande in ihrer Unterhaltung stehen bleiben. Nicht minder langweilig ist es, wenn ein Mensch beständig nur allein das Wort führen will. Mag er auch wirklich interessant zu sprechen verstehen, so wird er doch den Salon verödet erblicken, wenn er eine ganze Stunde lang allein gesprochen hat und sich dann umsieht.

Eine andere Art der Langweiligen oder Lästigen sind Die, welche einen bei dem Knopfe erfassen, während sie sprechen oder ihr Gesicht dem unsrigen so nahe bringen, daß man ihren Athem fühlt, und die ihre Zuhörer erst loslassen, nachdem sie sie eine ganze Viertelstunde lang gezwungen haben, sich Dinge erzählen zu lassen, die ihnen vielleicht durchaus gleichgültig sind; dabei dürfen die so Gepreßten sich noch glücklich schätzen, wenn der Sprechende nicht sprudelt und sie dadurch mit seinem Speichel überschüttet, oder sie auf die Hühneraugen tritt, indem er mit dem Fuße stampft, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben.

Der Geck steht an der Spitze der Unverschämten oder Impertinenten. Auf der Straße trägt er seinen Stock auf der Schulter und stößt damit den Vorübergehenden den Hut vom Kopfe, oder er deutet mit der Spitze dieses Stockes auf den Herrn oder die Dame, über welche er sich lustig machen will.

Er wiegt sich voll Ziererei hin und her, indem er die Spitzen seines Bartes kräuselt, oder indem er eine[44] junge Dame keck durch die Lorgnette ansieht. Das Alles gehört entschieden zu dem allerschlechtesten Tone. Der Geck sieht aus, als wäre er dem Auslagefenster eines Friseurs entnommen. Er ist auch in seiner Unterhaltung höchst interessant. Er spricht von der Livrée seines Groom, – von dem letzten Pferde, das er auf der Jagd todtgeritten hat, – von seinen Heldenthaten auf einem Felde, auf das zu folgen der Anstand uns verbietet, – von dem Smaragd seines Stockknopfes, und von dergleichen geistreichen Dingen mehr.

Tritt man bei ihm ein, so nimmt er das Wesen eines Eroberers an; er legt seinen Schlafrock mit einer Grandezza ab, als wäre es die Purpur-Toga eines römischen Kaisers; dann ruft er, indem er in sein Ankleidecabinet tritt:

»Ich bin in Verzweiflung, mein Lieber, daß ich Ihnen nicht Gesellschaft leisten kann; aber ich werde von der kleinen Prinzeß C** erwartet.«

Dann kleidet er sich auf das Zierlichste, zieht weiße Handschuh an und pfeift seinem Groom. Folgt man ihm aber unbemerkt von Ferne nach, so sieht man ihn in irgend eine Kneipe gehen.

Gegen die Damen wollen wir weniger streng sein; sie verdienen übrigens auch eine bessere Behandlung. Ginge der gute Ton eines Tages verloren, so würde er ganz zuverlässig von dem schönern Geschlechte bald wiedergefunden.

Der Geschmack der Frauen hat etwas außerordentlich Feines, etwas Ausgezeichnetes, Anmuthiges, Anständiges, was das nämliche Geschlecht durchaus nicht besitzt. Die Frauen von Geschmack bilden die Mehrzahl ihres Geschlechtes, ja, eine geschmacklose Frau ist sogar eine große Seltenheit. Sie besitzen einen vorzüglichen Tact und spielend erlernen sie die Gebräuche der Welt. Eine Frau findet sich ungleich leichter als ein Mann in ungewohnte Verhältnisse und weiß sich denselben gemäß zu benehmen, hätte sie auch früher nicht den entferntesten Begriff davon[45] gehabt. Mit zwanzig Jahren, dem Alter, in welchem der junge Mann kaum noch in die Welt eintritt, sind sie bereits so erfahren, daß man sie dreist als Lehrmeister annehmen kann. Sie werden dieß Amt besser verrichten, als der feinste und erfahrenste Weltmann. Uebrigens sind sie zwar ganz vortreffliche Lehrerinnen, dabei aber oft wahre kleine Kobolde, welche den Anfang damit machen, ihren Schülern den Kopf zu verdrehen.

Ein kluger Mann wird es seiner Frau überlassen, die Gäste zu empfangen und die Honneurs seines Hauses, seiner Gesellschaften zu machen; sie wird dieß stets besser können, als er. Ein Salon ist ihr wahres Element; in ihm thront und herrscht sie, indem sie ihren Sclaven goldene Fesseln anlegt. Sie erräth unsere Schwächen und weiß alle Töne der Ueberredung anzuschlagen. Man lerne daher von ihr den Umgang der Welt.

Es giebt indeß auch Frauen von schlechtem Ton. Waren doch nicht alle goldenen Aepfel im Garten der Hesperiden fleckenlos. Zu diesen gehören die Prüden und die gelehrten Blaustrümpfe. Im Allgemeinen aber sind die Frauen gegen die Schlingen, welche der schlechte Geschmack ihnen legt, so sehr auf ihrer Hut, daß sie nicht hineinfallen. Sie fühlen, daß eine Frau von ordinärem Wesen noch weniger auf Verzeihung rechnen kann, als ein Mann von schlechtem Ton.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 36-46.
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