Von Briefen und dem Briefwechsel.

[141] Der Mann von Bildung weiß natürlich nicht nur richtig, sondern auch gut zu schreiben, und sollte er in dieser Beziehung ja etwa in frühern Zeiten etwas versäumt haben, so muß er es erkennen und es nachzuholen wissen.

Nichts kann lächerlicher sein, als ein Mensch, der nach seinem Anzuge und sogar nach seinem Benehmen ein Mann von Welt zu sein scheint, seinen Mangel an Lebensart jedoch verräth, sobald er eine Feder in die Hand nimmt, und nicht nur in der Form und in den Ausdrücken Fehler macht, sondern vielleicht sogar in der Logik, oder – was vollends unverzeihlich wäre – in der Orthographie. Das Wenigste, was man von einem Menschen verlangen kann, welcher Anspruch auf Bildung macht, ist die Kenntniß seiner Muttersprache; Bildung aber ist natürlich die erste und unerläßlichste Grundlage der Lebensart.

Eine Hauptregel bei der Correspondenz ist, keinen Brief ohne hinreichende Veranlassung zu schreiben; nur Briefe an einen Freund dürfen eine Ausnahme von dieser Regel machen.

Hat man einen Brief zu schreiben, so sind dabei mehre wesentliche Punkte zu beobachten.[141]

Zunächst muß man darauf achten, an wen man schreibt. Es giebt eine Menge verschiedenartiger Formen, die man kennen und beobachten muß, wenn man nicht beständig in Gefahr schweben will, lächerlich zu erscheinen, anzustoßen oder wohl gar durch offenbare Grobheit – denn eine solche liegt immer in einem Mangel an Lebensart, wo man dieselbe voraussetzen darf, – zu beleidigen. Wer z.B. ein Recht hat, auf ein feineres Papier, auf größeres (gewöhnlich Quart) Format, auf ein besonderes Couvert und auf eine Versiegelung mit Siegellack Anspruch zu machen, – denn dieß Alles sind vorschriftsmäßige Regeln größerer Höflichkeit oder Achtung, – der hätte alle Ursache, eine absichtliche Vernachlässigung dieser Höflichkeit oder Achtung, oder mangelnde Bildung und Lebensart bei dem Schreiber vorauszusetzen, wenn er einen Brief empfinge, der auf grobem Papier oder auf einem Bogen von kleinerem Format geschrieben, ohne besonderes Couvert adressirt und nur mit einer Oblate zugesiegelt wäre.

Das Papier, dessen man sich zu Briefen bedient, muß von jener feineren Sorte und von jenem Formate sein, welches in jeder Papierhandlung unter dem Namen des Briefpapieres bekannt ist. Die Masse muß fein sein, das Blatt aber kann stark sein und es dient sogar stärkeres Papier als ein Beweis größerer Achtung, vielleicht deßhalb, weil es bedeutend theurer ist, als leichteres (da das Papier bekanntlich nicht nur nach der Feinheit, sondern außer dieser auch nach der Schwere bezahlt wird).

Es ist zu Respectsbriefen keine andere Farbe zulässig, als die weiße, entweder mit einem bläulichen oder mit einem gelblichen Scheine, am Besten aber ganz weiß.

Gefärbtes Papier oder Papier mit Bildern und Randverzierungen irgend einer Art ist nur bei freundschaftlichen Briefen zulässig. Die einzige Verzierung, welche der gute Geschmack gestattet, ist ein kleiner Stempel in der oberen linken Ecke des Bogens, entweder das Wappen oder die Initialen des Schreibers zeigend, oder das Zeichen der[142] Fabrik, obgleich das Bath-Papier, dessen man sich bei uns häufig bedient, wohl gewiß nur zum allergeringsten Theile über den Canal zu uns gekommen, sondern vielmehr gutes deutsches Fabricat ist, das sich seines Geburtslandes nicht schämen sollte.

Verzierte Papiere bilden zwar einen nicht unbedeutenden Handelsartikel und kommen sogar aus dem tonangebenden Lande und Orte der Mode, aus Paris, in großen Quantitäten zu uns; aber dennoch zeugt es selbst bei Billet-doux nicht von feinem Geschmack, dergleichen illustrirte oder gefärbte Briefpapiere zu benutzen. Wohl sind sie dagegen bei scherzhaften Veranlassungen gestattet, auf Reisen bei freundschaftlichen Briefen mit einer Darstellung des Ortes, von wo man den Brief schreibt, oder bei galanten Briefen an Frauenzimmer, gegen die man sich einen freieren oder vertrauteren Ton gestatten zu dürfen glaubt.

Verhältnisse der Freundschaft oder der Verwandtschaft entbinden natürlich von allen diesen Vorschriften der Etikette mehr oder minder. Auf diese Gattung der Correspondenz bezieht sich daher im Allgemeinen das nicht, was wir hier als Regeln aufstellen, oder es sind dabei wenigstens zahlreiche Ausnahmen aller Art gestattet.

Rücksichtlich der verschiedenen Titulaturen, die bei der lächerlichen Titelsucht der Deutschen eine Unmasse verschiedener Vorschriften und Unterschiede in der Form zur Folge haben, verweisen wir auf einen der zahllosen Briefsteller, welche der Markt des deutschen Buchhandels in Umlauf gesetzt hat; doch möchten wir als Muster des Inhalts nur sehr wenige derselben als vollkommen gültig erkennen. Wollten wir indeß dieß Capitel hier vollkommen erschöpfen, so müßten wir unserer kleinen Schrift einen neuen Briefsteller einverleiben. Da dieß aber unsere Absicht natürlich nicht sein kann, beschränken wir uns hier auf einige allgemeine Regeln und Andeutungen und geben nur von einer Gattung Briefe eine Reihe von Mustern an, nämlich von Gratulationsbriefen,[143] da diese ganz besonders in das Capitel der Höflichkeit und Lebensart einschlagen, also mehr als alle andere Arten dem von uns behandelten Gebiete angehören. Dem Manne von Verstand werden diese Winke vollkommen genügen, der Dummkopf aber wird selbst durch den vorzüglichsten und ausführlichsten Briefsteller nicht befähigt werden, einen guten oder eleganten Brief zu schreiben. Dieß ist überhaupt keineswegs so leicht, als es auf den ersten Blick erscheinen dürfte.

Bei dem Briefstyle ist vor allen Dingen Natürlichkeit zu empfehlen. Die beste Regel, die man in dieser Beziehung aufstellen kann, ist: So zu schreiben, wie man in dem gegebenen Falle sprechen würde. Denn ein Brief ist seinem eigentlichsten Wesen nach nichts Anderes, als ein Ersatzmittel für eine mündliche Mittheilung. Wie im Gespräche ein unnützer Schwätzer lästig und langweilig wird, so ist das noch mehr bei Briefen der Fall. Daher sei man besonders kurz, deutlich und verständlich, beschränke sich auf das Nothwendigste und mische die Gegenstände nicht untereinander, wenn man deren mehre in einem Briefe zu behandeln hat.

Mag der Brief nun theilnehmend oder achtungsvoll, herzlich oder kalt sein, so muß er stets passend geschrieben sein und der Schreiber muß sich immer bewußt bleiben, wem er schreibt, deßhalb also den Ton seines Briefes danach einrichten.

Man muß – wenn nicht besondere Umstände eine Abweichung von dieser Regel herbeiführen – seine Briefe eigenhändig schreiben, und wenn man eine unleserliche Handschrift hat, diesen Fehler um so mehr zu verbessern suchen, je höher der Rang oder die Stellung der Person ist, an welche man schreibt.

Auf einen Brief, welchen man empfängt, darf man die etwa erforderliche Antwort nicht verschieben, sondern muß sie in der Regel gleich ertheilen, es sei denn, daß man vielleicht über Dieses oder Jenes zuvor Auskunst einholen müßte. Ein Brief ist einer empfangenen Visite[144] ähnlich und erheischt, gleich dieser, eine baldige Erwiederung. Ebenso schreibt man auch bei solchen Veranlassungen, welche eine Visite erfordern würden. Man schreibt zu Gratulationen, zu Einladungen, zur Mittheilung von Familienereignissen (Verlobungen, Vermählungen, Todesfällen) und zu Danksagungen.

Man darf in den Respectsbriefen weder etwas corrigiren, noch radiren, noch abkürzen, noch sich eines halben Bogens bedienen.

Zahlen sind in den Briefen zu vermeiden, außer Datum und Jahreszahl, oder bei solchen Gegenständen, welche sich eben um Zahlen handeln.

Die Nachschrift, welche, wie man zu sagen pflegt, die Quintessenz des Briefes ist und oft sogar eigentlich der ganze Brief, muß bei jedem Respectsbriefe streng vermieden werden. Es hieße die Achtung gegen den Empfänger, gegen welchen man Rücksicht zu nehmen hat, verletzen, machte man eine Nachschrift.

Briefe, welche bloße Anzeigen enthalten, läßt man entweder drucken oder lithographiren.

Auf beleidigende Briefe antwortet man am Besten gar nicht, oder man thut dieß auf eine ruhige, würdevolle Weise.

Anonyme Briefe sind ein Beweis gemeiner Gesinnungen; ein Mensch, der Lebensart besitzt, wird sich daher dieser Gemeinheit nie schuldig machen, selbst nicht in der besten Absicht.

Wenn man einen Brief empfängt, dessen Handschrift man nicht kennt, sieht man zunächst nach der Unterschrift; fehlt diese, so ist das Beste, was man thun kann, den Brief ungelesen zu verbrennen.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 141-145.
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