Von dem Spiel.

[173] Wem es an Verstand, an Lebensart, an Leichtigkeit, an gutem Ton mangelt, mit einem Worte, wer so ziemlich ein Tropf oder ein Einfältiger ist, kann dennoch Aufnahme in der Welt finden, wenn es ihm gefällt. Ein solcher Fall ist von allen Personen vorausgesehen, welche Gesellschaften geben. Deßhalb ist überall ein Spielzimmer eingerichtet, wohin Die verwiesen werden, welche sich weniger für den geselligen Umgang eignen, oder wohin sich Die selbst verweisen, welche sich dem oft lästigen Zwange der geselligen Unterhaltungspflichten entziehen wollen.[173]

In einigen Häusern ist sogar ein Spielzimmer nicht nur bei gebetenen Gesellschaften geöffnet, sondern für beständig auch bei dem Empfange von Visiten, und in einem solchen Falle ist nichts leichter, wie sich auf passende Weise in einer Gesellschaft zu benehmen.

Man läßt sich melden, wird angenommen, begrüßt die Frau und den Herrn vom Hause, was man füglich thun kann, ohne ein einziges Wort zu sprechen, und ist dann vollkommen frei, vorzunehmen, was man will. Hat man nun diese kleine Pflicht der Höflichkeit erfüllt, so zieht man sich in das Spielzimmer zurück, engagirt sich hier zu irgend einer Partie, und man hat nicht weiter nöthig, sich zur Unterhaltung anzustrengen, wenn man dazu nicht aufgelegt ist.

»Das Spiel!« so werden manche Eiferer ausrufen »das Spiel, für einen Wahnsinnigen erfunden und von den Betrügern ausgebeutet! Das Spiel, welches allein im Stande war, die Salons auf eine Stufe mit den Kneipen zu bringen! Das Spiel, die Schmach der Civilisation, die widerlichste Stelle unserer gesellschaftlichen Zustände, das Verderben vieler Familien, die Demoralisation der Jugend, die Immoralität des guten Tones!«

»Das Spiel!« so rufen andere Moralisten, »ist eine furchtbare und gefährliche Leidenschaft, welche alle andern Fähigkeiten aufreibt, den Verstand betäubt und oft sogar zum Wahnsinn führt! – Man fliehe den grünen Tisch, wie man einen bodenlosen Abgrund fliehen würde, denn der ehrenwerthe Mensch, der ein Spielzimmer betritt, läßt darin nur allzuoft nicht bloß sein Geld zurück, sondern er verliert zugleich mit diesem auch seine Gesundheit und sein Leben und – was noch viel schlimmer ist – seine Ehre.«

»Das im Spiel gewonnene Geld«, fahren diese Moralisten fort, »ist ein Unglücksgeld, welches nicht einmal bei Werken der Wohlthätigkeit heilsame Früchte bringen und Glück begründen kann, denn es stammt aus einer unlautern, unheiligen Quelle.«[174]

»Wer verliert, hofft, indem er weiter spielt, wieder zu seinem Verluste zu gelangen und verliert darüber noch mehr. Wer gewinnt, möchte seinen Gewinnst verdoppeln, denn er ist im Zuge; aber der Zug reißt plötzlich ab und der ganze Gewinnst nicht nur geht wieder verloren, sondern es leert sich auch die Börse; eine leere Börse aber ist gar oft ein tiefer Abgrund, in den man nur zu leicht hinabstürzen kann. – Fliehet daher die Spielzimmer, denn sie sind sämmtlich Orte des Verderbens!«

Gemach! Gemach, Ihr Schreier und Moralisten! Verschüttet nicht das Kind mit dem Bade! Sprecht nicht das Verdammungsurtheil über eine Sache, von der Ihr offenbar nur eine Seite kennt, und zwar die allerschlimmste.

Wie! Sollte man den Wein verschmähen, weil es Säufer giebt, die sich durch den über- oder unmäßigen Genuß dieser Gottesgabe um den Verstand trinken? Sollte man kein Pferd besteigen, weil es tollkühne Reiter gegeben hat, die sich das Genick brachen? Sollte man kein weibliches Wesen mit Wohlgefallen betrachten, weil mancher Wollüstling sich durch Ausschweifungen auf dem Gebiete der Liebe körperlich, geistig und moralisch zu Grunde richtet?

Nein; das heißt offenbar zu weit gehen! Jedes Uebermaß ist tadelnswerth an und für sich und kann durch seine Folgen verderblich werden, und was hier im Allgemeinen gilt, das findet seine Anwendung ganz besonders auf die Leidenschaften, aber auf alle Leidenschaften, wenn sie bis zum Extrem getrieben werden, und nicht bloß auf die des Spieles allein.

Und muß denn das Spiel überhaupt mit Leidenschaft betrieben werden?

Keineswegs! lautet die Antwort des ruhigen Beurtheilers, vielmehr findet Alles, was Eiferer und Moralisten gegen das Spiel aufstellen, seine Anwendung beinahe nur auf die Glücksspiele, bei denen Gewinn und Verlust außerhalb aller Berechnung liegen, und die[175] allein es ihrer Natur nach möglich machen, der Leidenschaft rückhaltslos den Zügel schießen zu lassen.

Die gesellschaftlichen Kartenspiele dagegen, bei denen sich jeder Spieler nach seinen Kräften richten kann, indem sich mit ziemlicher Genauigkeit und Gewißheit berechnen läßt, was im Falle des größten Unglücks verloren wird, – diese Spiele gewähren nicht nur eine harmlose Unterhaltung, welche dem Geiste nach den anstrengenden Geschäften des Tages Ruhe und Erholung gewährt, sondern sie sind sogar für unsere gesellschaftlichen Zustände zu einem unabweisbaren Bedürfnisse geworden. Dafür liefert den überzeugenden Beleg der Umstand, daß viele der geistreichsten und gelehrtesten Männer und Frauen die Unterhaltung und Zerstreuung des Spieles nicht verschmähen, während Alle, die dagegen eifern, ganz unumwunden und mit einer wirklich bewundernswerthen Naivetät eingestehen:

»Ich begreife nicht, wie man an der geisttödtenden Unterhaltung des Spieles Gefallen finden kann!«

Wenn sie das nicht begreifen, urtheilen sie aber ganz, wie der Blinde von der Farbe, und es ist folglich auch auf ihr Urtheil durchaus kein Gewicht zu legen.

Gehen wir nach dieser Apologie des Spieles nun zu den Anstandsregeln über, welche bei demselben und in Beziehung auf dasselbe zu beobachten sind.

Man vermeide, wenn man irgend kann, – und dieß wird bei einiger Gewandtheit in den meisten Fällen möglich sein, – sich zu einer Partie zu engagiren, welche um einen Preis gespielt wird, der unsere Kräfte übersteigt; denn daraus entstehen mehre zum Theil sehr ernste Uebelstände. Erstlich macht die Besorgniß, mehr zu verlieren, als man im schlimmsten Falle zu bezahlen vermöchte, unruhig und ängstlich bei dem Spiel selbst; man gefährdet dadurch die Aufmerksamkeit, welche bei jedem Commerce-Spiele nöthig ist, um es gut zu spielen, und man begeht darüber Fehler, die den Mitspieler unwillig[176] stimmen, weil er durch unsere Schuld mit verspielt, während wir selbst Verluste erleiden, wo wir bei größerer Ruhe und Aufmerksamkeit oft sogar Gewinn gemacht hätten.

Wird man zu einer Partie mit irgend Jemand aufgefordert, so kann man ihm kaum eine größere Beleidigung zufügen, als indem man sich weigert, die Partie anzunehmen. Die Artigkeit und der gute Ton verlangen daher gebieterisch, ein solches Anerbieten anzunehmen, so sehr es einem auch zuwider sein mag.

Dagegen hat jeder Hauswirth bei dem Arrangement von Partieen die Verpflichtung, darauf zu achten, daß die verschiedenen Theilnehmer zu einander passen, sowohl was den Rang und den Character anbetrifft, als auch in Beziehung auf die im Spiele erlangte Fertigkeit, denn für einen guten Spieler ist nichts unangenehmer und dadurch zugleich geeigneter, die gute Laune zu trüben, als mit einem schlechten oder unaufmerksamen Spieler spielen zu müssen.

Junge Leute, welche ihren Weg in der Welt machen wollen, thun daher gut, selbst wenn sie am Spiele keinen Gefallen finden, sich mit den gangbarsten Gesellschaftsspielen nicht nur bekannt zu machen, sondern auch in denselben die möglichste Fertigkeit zu erlangen; denn dadurch können sie sich in der Gesellschaft oft sehr gefällig zeigen, wenn es an einem Partner fehlt, um eine Partie vollständig zu machen.

Wer zuerst giebt, – und man muß sich darin üben, dieß mit möglichster Schnelligkeit und Eleganz zu thun, – der macht, wenn er das letzte Blatt ausgegeben hat, den Mitspielenden ein Compliment, womit er gewissermaßen das Spiel einleitet.

Es beweist einen großen Mangel an Lebensart und gutem Ton, über den Verlust übellaunig und über den Gewinn lustig oder gar übermüthig zu werden; vielmehr muß man sich bei Verlust und Gewinn im Aeußern und Benehmen vollkommen gleich bleiben, sollte man auch[177] den erstern noch so schmerzlich empfinden und den letztern sogar nöthig bedürfen.

Wer in einer Gesellschaft eine Partie annimmt, der muß hinlänglich mit Geld versehen sein, um selbst den größtmöglichen Verlust baar bezahlen zu können; reicht aber das Geld ja einmal nicht hin, so gilt eine Spielschuld als eine Ehrenschuld, welche unausbleiblich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden bezahlt werden muß.

Es ist unanständig, ein Spiel, sobald es vorbei ist, noch zu besprechen, die gemachten Fehler zu rügen oder hin und her auszulegen, wie es anders hätte gespielt werden können oder sollen. Auch ist es überhaupt nicht passend, während des Spieles viel zu sprechen, weil dadurch leicht die Aufmerksamkeit der Mitspieler gestört und dieselben zu Fehlern veranlaßt werden können.

Fehler, welche der Mitspieler macht, ignorirt man am Besten ganz; auf keinen Fall aber darf man sie auf unhöfliche Weise rügen, oder sich darüber empfindlich zeigen. Den höchsten Grad von Ungebildetheit aber würde es verrathen, wollte man sich gar mit den Mitspielern in einen Streit einlassen.

Man muß sich mit allen Regeln des Spieles vertraut machen und dieselben pünctlich befolgen; kennt man sie aber nicht genau, so hat man sich der Entscheidung erfahrenerer Spieler zu fügen.

Als Zuschauer an einem Spieltische darf man durchaus nicht in das Spiel hineinreden, über schlechtes oder gutes Spiel Glossen machen, oder durch irgend eine Aeußerung die Karten verrathen, in welche man sehen kann. Nur wenn man vielleicht als bekannter ausgezeichneter Spieler aufgefordert wird, ein Urtheil zu fällen, darf man seine Meinung sagen.

Ein nobler Spieler, d.h., ein solcher, der mit Anstand und einer scheinbar oder wirklich vollkommenen Gleichgültigkeit sein Geld verliert, sich wegen einer kleinen Rechnungsdifferenz nie streitet, niemals Argwohn zeigt, erweckt[178] eine sehr vortheilhafte Meinung und wird überall ein gerngesehener Mitspieler sein.

Der noble Spieler zeigt sich auch darin, daß er sich nicht den kleinsten unerlaubten Vortheil gestattet, wie z.B. das unterste Blatt anzusehen, wenn er giebt, sich markirte Karten zu merken, den Nebensitzenden in die Karten zu sehen etc.

Ist man in einem Spiele unter Zweien im Gewinn, so muß man stets bereit sein, Revanche zu gewähren; diese mit Ungestüm oder Empfindlichkeit zu fordern, wenn der Gewinnende sie nicht anbietet oder gar verweigert, – wozu er unter Umständen seine triftigen Gründe haben kann, – ist ein großer Mangel an Tact.

Man darf sich bei dem Spiel nie lange besinnen, wenn man auszuspielen oder ein Blatt zuzugeben hat.

Die Karten heftig auf den Tisch zu werfen oder gar dazu mit der Hand aufzuschlagen, wie man dieß in Schänken sieht, würde einen Menschen ohne alle Bildung verrathen; vielmehr muß man die Karten leicht und elegant zugeben und auch nicht so werfen, daß sie von dem Tische herabgleiten, was bei einem sehr glatten Tische und neuen Karten, wie man dieß stets in der guten Gesellschaft findet, sehr leicht geschieht.

Bei Spielen, bei denen man Points markirt, muß man diese mit der größten Gewissenhaftigkeit anlegen, selbst wenn die Gegner vielleicht irrthümlich mehr zugestehen sollten. Markiren die Gegner aus Irrthum zu wenig, so ist es galant und nobel, sie darauf aufmerksam zu machen, aus diesem Versehen keinen Vortheil zu ziehen und sie aus eigenem Antriebe zu veranlassen, die höhern Augen anzulegen.

Gewinnt man, so hüte man sich, die üble Laune der Mitspieler dadurch zu reizen, daß man sie mit ihrem Verluste aufzieht.

Man gehe sauber und behutsam mit den Karten um und gewöhne sich besonders daran, sie mit Eleganz in freier Hand zu mischen, nicht aber bei dem Mischen[179] auf den Tisch zu stützen und mit Gewalt zwischeneinander zu stoßen, wie man dies häufig in Wirthslocalen von Leuten ohne Bildung sehen kann.

Man bediene sich nicht der trivialen Ausdrücke Daus, Monarch etc. statt der eigentlichen Bezeichnung der Kartenblätter mit Aß, König etc.

Man hüte sich sorgfältig vor der Leidenschaft des Spieles, sowie vor leidenschaftlichen Ausbrüchen oder Aeußerungen während desselben, denn diese verrathen stets einen Mangel an Lebensart.

Man spiele – im Allgemeinen nur, um sich eure Zerstreuung, einen Zeitvertreib, eine erlaubte Erholung nach gehabter Anstrengung, zu verschaffen, oder aber, sich gefällig zu bezeigen, indem man die Stelle eines fehlenden Spielers einnimmt.

Spielt man wirklich mit dem Wunsche und in der Absicht, zu gewinnen, so darf man sich dieß doch nicht merken lassen.

Man will zwar behaupten, selbst die reizendste Frau verzichte auf jede Anmuth, indem sie die Karten in die Hand nimmt. Das heißt aber jedenfalls zu weit gehen, wenigstens greifen viele Damen, sobald sie auf das Vergnügen des Tanzes zufolge vorrückenden Alters verzichten müssen, zu den Karten, ohne daß sie deßhalb auf jede Liebenswürdigkeit verzichten müßten. Wie dem aber auch sein mag, so hat man dennoch gegen Damen, mit denen man in einer Partie zusammengeführt wird, jederzeit die Galanterie zu beobachten, die man dem weiblichen Geschlecht überall schuldig ist.

In vielen vornehmen Häusern ist es üblich, daß nicht die Herrschaft für die Karten zu sorgen hat, sondern der Kammerdiener, der dadurch sogar einer gewissen, oft nicht unansehnlichen Revenüe genießt, da die Mitspieler bei Beendigung der Partie ein Kartengeld auf den Tisch legen. Wo dieser Gebrauch herrscht, – welcher, beiläufig gesagt, für minder bemittelte Gäste eine lästige Contribution ist, sobald sie ehrenhalber spielen müssen,[180] da suche man nicht etwa eine Befriedigung der Eitelkeit oder eine Prahlerei darin, daß man ein größeres Kartengeld giebt, als die übrigen Mitspieler; vielmehr verabrede man sich mit diesen über den auf den Tisch zu legenden Betrag, für welchen übrigens in der Regel ein bestimmter Satz Statt zu finden pflegt, je nachdem das Haus und dessen Besucher vornehmeren oder minder vornehmeren Standes sind.

Die Partieen werden entweder, wie wir dieß bereits erwähnten, mit besonderer Auswahl der Mitspieler von dem Wirthe geordnet, oder man überläßt es den Gästen, sich ihre Mitspieler selbst zu wählen.

Personen, die man besonders ehren will, fragt man auch wohl, wen sie zu ihrer Partie engagirt zu sehen wünschen.

Es ist nicht passend, die zum Abheben hingelegten Karten auf der langen Seite zu coupiren.

Man muß die – verschiedenen Verrichtungen bei dem Spiele mit möglichster Geschicklichkeit und Eleganz vornehmen und sich deßhalb auch hüten, die Karten zu blättern, indem man sie abhebt.

Man legt die abgehobenen Karten nicht nach sich zu, sondern nach der Seite des Gebenden. Dieß ist eine Galanterie, um ihm die Mühe, das untere Häufchen aufzusetzen, zu erleichtern, indem man ihm das abgehobene näher rückt.

Es ist durchaus unschicklich und kann sogar für einen beabsichtigten Betrug gehalten werden, wenn man bei dem Abheben das unterste Blatt zu sehen sucht.

Wie man über das Unglück der Mitspieler nicht scherzen darf, so muß man auch über das eigene keine Späße machen, vielmehr dasselbe mit dem größten Gleichmuth ertragen, sollte dieser auch nur scheinbar und sogar mühsam erzwungen sein.

Man zähle nie das Geld, welches man neben sich liegen hat, und zwar ebensowenig, wenn man verliert, als wenn man gewinnt.[181]

Man trete nie plötzlich aus einer Partie, vielmehr bitte man, wenn man aufzuhören Lust hat, nach einer bestimmten Anzahl von Spielen oder Touren das Spiel zu beendigen. Wünschen indeß die sämmtlichen Mitglieder, die Partie zu verlängern, so ist es der Artigkeit angemessen, sich ihnen zu fügen. Dieser Höflichkeitspflicht kann man sich nur dann entziehen, wenn man einen Stellvertreter zu gewinnen vermag.

Während des Spieles Geld in die Tasche zu stecken, ist durchaus unanständig. Ganz besonders gilt dieß für die Gewinner.

Es würde lächerlich und albern zugleich erscheinen, wollte man nach beendigter Partie ein schmollendes Wesen gegen Den zeigen, an welchen man verloren hat.

Spielt man mit einer Dame, an deren Gunst einem gelegen ist, so hat man dazu kein sichereres Mittel, als sie gewinnen zu lassen; denn in der Regel sind die Frauen im Spiele ungleich gewinnsüchtiger, als die Männer. Dieß rührt wahrscheinlich daher, weil sie den Werth des Geldes besser zu schätzen wissen.

Man hüte sich, das vielfach wahre Sprüchwort zu bestätigen: Im Spiele fängt man damit an, betrogen zu werden, und endet damit, zu betrügen.

Es giebt viele Leute, d.h. solche, die an dem Spiele keinen Gefallen finden, welche behaupten, man spiele nur in der Hoffnung zu gewinnen, denn wenn man im Voraus gewiß wüßte, daß man verlieren würde, so würde man nicht spielen.

Diese Behauptung ist durchaus falsch, denn es giebt viele Spieler, denen es vollkommen gleichgültig ist, ob sie im Ganzen gewinnen oder verlieren, und die sogar bei gewissem Verlust spielen würden, weil das Spiel an und für sich ihnen Vergnügen macht und sie dafür bezahlen, wie Andere für andere, ihnen liebere Arten des Vergnügens und der Zerstreuung oder des Genusses, wie z.B. Theater, Jagd, Reisen, Näschereien etc.[182]

Es wäre nach alle dem Gesagten lächerlich, wollte man das Spiel aus den Kreisen der Welt und des Umganges verbannen, und selbst wenn man dabei beharrt, es ein nothwendiges Uebel zu nennen, gesteht man doch eben dadurch ein, daß es ein nothwendiges Bedürfniß der geselligen Unterhaltung ist.

Es geht mit dem Spiele in gewisser Beziehung ebenso, wie mit dem Tabak: Alles Eiferns dagegen nimmt der Verbrauch desselben fortwährend zu, und selbst drakonische Gesetze älterer Zeiten haben seine weitere Verbreitung wohl in Etwas zu hemmen, nicht aber ganz zu verhindern vermocht.

Gegen das Spiel zu eifern, können wir nur Dem ein Recht zugestehen, der Vergnügen daran findet, wohl gar selbst leidenschaftlich dafür eingenommen ist, und es dennoch ohne allen äußern Zwang, nur aus eigenem Antriebe aus Gründen der Moral unterläßt. Aber Stoiker der Art sind in unsern Zeiten schwerlich zu finden.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 173-183.
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