Von der Conversation.

[102] Einen der allerwichtigsten Theile dessen, was man unter dem allgemeinen Titel der Lebensart zu begreifen pflegt, bildet ohne alle Widerrede die Conversation. Wer die Gabe der Unterhaltung in höherem Grade besitzt, wird sich in jeder Gesellschaft willkommen und gesucht sehen und schon durch diese Gabe allein auf den Titel eines gebildeten Mannes Anspruch machen. Auch findet man es gewiß höchst selten, daß Jemand, der bei der Conversation alle Regeln des Anstandes beobachtet, sie bei irgend einer andern Gelegenheit verletzt.

Was die gewöhnliche Höflichkeit betrifft, so besitzt jede Nation die ihrige. Wenn ein Esquimo seine Nase an der unserigen reibt; wenn der Lappländer hinter dem Ohre das Prümchen Tabak hervorzieht, das er dort aufbewahrte, nachdem er es gekaut hatte, und es nun uns bietet, um es ebenfalls zu kauen, so ist das eine höfliche Art, mit uns eine Unterhaltung anzuknüpfen, etwa so wie bei uns, wenn man Jemand eine Prise Tabak oder eine Cigarre bietet.

Jede Nation hat also ihre eigene Höflichkeit und hält diese nicht nur für gut, sondern sogar für die beste Art. Ebenso ist es auch mit der Conversation; wenn man indeß irgend ein Volk fragt, welches andere, nach ihm, sich am Meisten in der Conversation auszeichnet, so wird es antworten, daß dieß die französische Nation sei. Und in der That besitzen die Franzosen dazu alle die erforderlichen Eigenschaften: Lebhaftigkeit, Klarheit, Leichtigkeit, Heiterkeit, Gewandtheit und die Geschmeidigkeit des Ausdrucks; deßhalb haben auch alle civilisirten Völker bereitwillig den Franzosen in dieser Beziehung den Vorrang eingeräumt und sind bemüht, dem gegebenen Muster nachzuahmen.[103]

»Die Pointen der französischen Conversation« – hat irgend ein geistreicher Schriftsteller gesagt – »dringen ein, wie die Spitze einer Nadel, um den Faden der Unterhaltung daran nachziehen zu können.«

Wir sagen: Der Geist der französischen Conversation, und mit dieser der Conversation aller feiner gebildeten Kreise, ist der des Funken-sprühenden Verstandes. Die folgende Anecdote liefert dafür den Beweis.

Während der wildesten Tage der Revolution wollte ein wüthender Pöbelhaufen den Abbé Maury an einem Laternenpfahl aufhängen.

»An die Laterne mit dem Abbé! An die Laterne!« schrieen die Kannibalen.

»Meine Freunde«, sagte Maury mit großer Ruhe und Geistesgegenwart, »wenn Ihr mich an der Laterne aufhängt, werdet Ihr deßhalb heller sehen?«

Dieser ächt französische Witz rettete ihn, denn er erweckte ein lautes Gelächter, und mit diesem war die Wuth verschwunden.

Man darf sich nicht wundern, daß die Couversation, d.h., die wahre, leichte, gefällige und liebenswürdige Unterhaltung in Frankreich geboren ist.

Die Alten stritten sich, aber sie unterhielten sich nicht. Die Conversation hat erst nach dem Mittelalter, mit der modernen Zeit, begonnen.

Es ist allgemein bekannt, daß bei den Alten die Frauen ganz für sich lebten, auf ihr Haus beschränkt, wenn auch nicht gerade in demselben eingesperrt, wie noch in unsern Tagen die Türkinnen, obgleich auch diese es in der That weniger sind, als man im Allgemeinen glaubt.

So lange aber die Frauen in der Gesellschaft fehlten, gab es das nicht, was man heutzutage mit dem Namen: die Welt – bezeichnet.

In ältern Zeiten konnte man höchstens bei den Courtisanen eine Spur oder einen Anfang der Conversation finden. Ihnen allein war es gestattet, mit der Literatur[104] vertraut zu sein und Talente nicht nur zu besitzen, sondern sie auch zu zeigen. Sie allein genossen der Freiheit und der Gelegenheit, sich in das Leben der Männer zu mischen; sie allein konnten durch ihren Umgang eine angenehme Unterhaltung gewähren, bei sich Finanzmänner, Dichter, Künstler, Redner, Staatsmänner sehen und einigen Einfluß auf die öffentliche Meinung, und sogar auf die öffentlichen Angelegenheiten, ausüben.

Außer bei den Courtisanen kamen die Männer in ältern Zeiten nur unter sich zusammen, entweder in den Schulen, oder in den Bädern, den Gärten, unter den Portiken. Da aber, wo nur Männer sind und gar keine Frauen, kann es eine Conversation im eigentlichen Sinne des Wortes nicht geben.

Was an diesen Orten gesprochen wurde, – wenn man darüber nach dem urtheilt, was die ausgezeichnetsten Geister des Alterthums, Plato und Cicero, uns in ihren Dialogen hinterlassen haben, – kann in der That nicht eine Conversation genannt werden, wenigstens nicht in dem Sinne, den wir mit diesem Worte verbinden.

Man nehme z. B. das Gastmahl Plato's, dieß ausgezeichnete Werk der Phantasie.

»Agathon hat durch seine erste Tragödie den Preis bei den Festen des Bacchus errungen; er giebt seinen Freunden ein Fest, um seinen Sieg zu feiern. Sokrates ist mit von der Gesellschaft; der geistreiche komische Dichter Aristophanes ebenfalls, und außerdem der Mediciner Eryximachus, Pausanias, Phädrus und Aristodemus. Es ist eine Flötenspielerin zugegen, aber sie zählt nicht mit zu den Gästen und man schickt sie fort, als die Unterhaltung beginnen soll. Erst nach dem Abendessen beginnt man zu trinken, man kömmt überein, mäßig zu sein.

Man beschloß, keine Excesse zu begehen und nur des Vergnügens wegen zu trinken. – Da man Niemand zwingen wird, sagte Eryximachus, und Jeder trinken kann, wie es ihm gefällt, bin ich der Meinung, daß zuerst diese[105] Flötenspielerin fortgeschickt werde; daß sie für sich spiele, oder, wenn sie will, für die Frauen im Innern des Hauses. Was uns betrifft, so knüpfen wir, wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, unter uns eine Unterhaltung an. Ich werde Euch sogar den Stoff dazu vorschlagen, wenn Ihr wollt.«

Jeder dieser Umstände ist characteristisch, um die alte Welt von der neuen zu unterscheiden.

Zuerst die Männer auf der einen Seite und die Frauen auf der anderen; die Männer bei der Tafel und die Frauen im Innern des Hauses.

Zweitens ißt man zuerst, ohne zu trinken und zu sprechen! Die Musik der Flötenspielerin vertritt die Stelle der Conversation, und erst nach Beendigung der Tafel beginnt man zu trinken.

Endlich macht einer der Gäste den Vorschlag, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Er erbietet sich sogar, den Stoff dazu vorzuschlagen, wenn man will. Also ist es keine Conversation, kein Gespräch, sondern eine Besprechung eines bestimmten, gegebenen Gegenstandes.

Ist nicht jeder dieser Gebräuche Griechenlands das Gegentheil der unsrigen? Und müssen wir, nach unsern jetzigen Begriffen, uns nicht darüber wundern?

Der gebotene Stoff ist das Lob der Liebe, und alle Gäste behandeln denselben der Reihe nach. In dem Augenblicke, als Sokrates seine Abhandlung beendigt, hört man lauten Lärm an der äußern Thür. Es sind junge Männer, vom Wein erhitzt und in Begleitung einer Flötenspielerin. Sie treten ein, Alcibiades an ihrer Spitze. Diesem wird sein Platz auf dem Lager zwischen Agathon und Sokrates angewiesen; man beginnt wieder zu trinken, macht Alcibiades mit dem Gegenstande der Unterhaltung bekannt und fordert ihn dann auf, auch seinerseits das Lob der Liebe auszusprechen. »Wenn Du fertig bist,« sagt ihm Eryximachus, »wirst Du Sokrates[106] irgend einen Gegenstand aufgeben, dieser dann wieder seinem Nachbar rechts, und so fort die Reihe herum.«

Alcibiades aber spricht statt des Lobes der Liebe das des Sokrates aus, und entledigt sich dieser selbstgestellten Aufgabe mit eben so viel Geist, als Witz und Würde. Eben als er endet, kommen wieder neue Gäste hinzu, und von diesem Augenblick an entsteht ein großer Tumult; es herrscht keine Ordnung mehr und Jeder ist gezwungen, übermäßig zu trinken, – ausgenommen Sokrates, welcher sich die ganze Nacht hindurch mit Agathon über die Tragödie und mit Aristophanes über die Komödie unterhält.

So schildert uns also Plato eine Unterhaltung der Geistreichsten unter den Atheniensern, und die Athenienser waren wieder die Geistreichsten unter den Griechen.

So schön, geistreich und witzig nun aber auch dergleichen Gespräche sein mochten, hatten sie doch nicht einmal eine entfernte Aehnlichkeit mit unserer heutigen Conversation. Eben so wenig ist dieß bei den Dialogen Cicero's der Fall.

Geht man nun von dem Alterthume zu dem Mittelalter über, so findet man in den Liebeshöfen, den Wettstreiten der Troubadours etc. kaum etwas Anderes, als abermals Abhandlungen, deren Gegenstand beinahe ausschließlich die Liebe war. Aus dem Keim der Liebeshöfe wird zwar später die Conversation entstehen, aber noch ist sie nicht geboren. Ihre Geburt ist nur unter der Form des geselligen Lebens möglich, welche vorzugsweise die Gesellschaft heißt, als ob bis dahin die menschliche Gesellschaft noch nicht wirklich existirt hätte. Und in der That kann man nicht mit Recht von einer Gesellschaft sprechen, solange die Frauen entweder in ihren Schlössern oder in den Klöstern eingesperrt blieben, auf ähnliche Weise, wie in den Gyneceen des Alterthums. Das Ritterthum muß den Anfang mit ihrer Befreiung machen und die Ritterromane müssen das Werk des Ritterthumes fortsetzen.[107]

Doch so lange die politischen und religiösen Kriege fortdauerten, welche beinahe das ganze Mittelalter ausfüllten, konnte weder von der Gesellschaft, noch von der Conversation die Rede sein.

Indeß sah mit dem fünfzehnten Jahrhundert, dem Anfang der neuen Zeit, Italien die convesazioni entstehen, in denen man den eigentlichen Beginn der Conversation erblicken darf, denn an ihnen nahmen auch die Frauen Theil, und so war die Gesellschaft begründet. Doch erst dem siebenzehnten Jahrhundert sollte man die Conversation in ihrer gegenwärtigen Gestalt verdanken.

Asträa, von Honoré d'Urfé, ein seiner Zeit so berühmter Roman, wie es in der unsrigen keiner geworden ist, selbst nicht die »Ritter vom Geist« und »Soll und Haben« – trug mächtig dazu bei, die Welt, d.h., die vornehme Gesellschaft, zu schaffen, in welcher das männliche und das weibliche Geschlecht nicht nur gleichberechtigt nebeneinander stehen, sondern in der das stärkere sich für verpflichtet hält, gegen das schwächere jede Art der Rücksicht zu üben.

Diese Rücksichtnahme kann man denn auch als das Grundgesetz jeder Conversation betrachten, und zwar muß man die zartesten Rücksichten nicht nur gegen das weibliche Geschlecht beobachten, sondern gegen alle Theilnehmer eines gesellschaftlichen Kreises, und sogar nicht bloß gegen die Personen selbst, sondern auch gegen deren Ansichten, Meinungen und Gefühle, kurz, gegen Alles, was irgend einen unangenehmen, peinlichen oder gar schmerzlichen Eindruck hervorbringen könnte.

»In dem Hause des Gehängten muß man nicht von dem Strick sprechen!« sagt das Sprüchwort; und so muß man in der Conversation Alles vermeiden, was auch nur als die entfernteste Anspielung auf Ereignisse erscheinen könnte, durch deren Erwähnung bei irgend einem der Anwesenden trübe Erinnerungen erweckt werden könnten. Das höchste Zartgefühl muß daher bei jeder Conversation den Vorsitz führen, und folglich ist jede Zweideutigkeit[108] zu vermeiden, durch welche auf irgend einer Wange die Röthe der Scham oder des Unwillens hervorgerufen werden könnte, jedes Wort, durch welches religiöses oder politisches Vorurtheil sich verletzt oder gekränkt fühlen möchten.

Der Roman Astrea rief die Bildung einer Academie der wahrhaft Liebenden hervor, deren Stiftung die Begründer derselben, neunundzwanzig Prinzen und Prinzessinnen, sowie neunzehn Grafen und Gräfinnen Deutschlands, sämmtlich den angesehensten Familien angehörend, dem Verfasser in einem für denselben höchst schmeichelhaften Briefe anzeigten.

Diese Academie war der eigentlichste Keim, aus welchem in Deutschland die Conversation entsprungen ist, die aber doch fortwährend die Augen auf Frankreich gerichtet hielt, um von dort die Vorschriften der Mode zu empfangen, die auch über dieses Gebiet ihre Herrschaft ausübt.

Nach diesen Voraussendungen verweisen wir nun hier auf die Charactere, welche man in der Gesellschaft nur allzuhäufig trifft, und die wir als Warnungstafeln bereits in dem vorhergehenden Abschnitt aufstellten, um zu zeigen, was vermieden werden muß, wenn man den Kreisen, in denen man sich bewegt, nicht lästig fallen will.

Hiernach nun gehen wir zu den weitern Bedürfnissen über, die bei feinerer Lebensart in Betracht kommen.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 102-109.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Klein Zaches

Klein Zaches

Nachdem im Reich die Aufklärung eingeführt wurde ist die Poesie verboten und die Feen sind des Landes verwiesen. Darum versteckt sich die Fee Rosabelverde in einem Damenstift. Als sie dem häßlichen, mißgestalteten Bauernkind Zaches über das Haar streicht verleiht sie ihm damit die Eigenschaft, stets für einen hübschen und klugen Menschen gehalten zu werden, dem die Taten, die seine Zeitgenossen in seiner Gegenwart vollbringen, als seine eigenen angerechnet werden.

88 Seiten, 4.20 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon