Massenmörder Hugo Schenk und Genossen vor einem Wiener Ausnahmegerichtshof

[135] Die Zeiten der Räuberromantik sind längst vorüber. Die modernen Verkehrsverhältnisse machen die Bildung von Räuberbanden, die in einer einsam belegenen versteckten Burg oder im Waldesdickicht ihr Lager aufgeschlagen und von dort aus Raubzüge unternommen haben, unmöglich. Trotzdem sind die Verbrecher vom Schlage der Räuberhauptleute der vergangenen Jahrhunderte wie Cartouche und Schinderhannes keineswegs ausgestorben. Die Räuber der Neuzeit sind nur raffinierter und grausamer als ihre Vorgänger. Die Greueltaten des Verbrecherpaares Erbe-Buntrock, das im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts in den Wäldern von Neuhaldensleben und Eschede zwei junge Mädchen abschlachtete und beraubte (siehe Band 1), und die Greueltaten des in jüngster Zeit verhafteten Massenmörders Sternickel sind nur ein kleiner Beweis von der ungeheuren Raffiniertheit und Grausamkeit, mit der die Verbrecher der Jetztzeit zu Werke gehen. Die bestorganisierte Polizei ist auch nicht annähernd imstande, das Publikum vor den Verbrechern aller Art, die im Lärm der Weltstädte ihre Opfer suchen, zu schützen. Trotz aller Warnungen der Presse ist das große Publikum in einer Weise vertrauensselig, daß die Gerichtsberichterstatter oftmals nicht wissen, ob die Frechheit der Gauner oder die Dummheit der Begaunerten größer ist. Noch immer blüht in Berlin und anderen Großstädten das Gewerbe der Bauernfänger. In Berlin haben sich die Bauernfänger in der Hauptsache die Bahnhöfe, die abseits vom weltstädtischen Verkehr liegen, wie den Schlesischen, den Stettiner und den Lehrter Bahnhof als Operationsfeld erkoren. Vor[135] einiger Zeit kam ein junger Schlossergeselle aus Westfalen auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin an. Er war im Begriff, nach Danzig zu fahren, da er dort »auf Verschreibung« Arbeit erhalten hatte. Er fuhr mit seinen Habseligkeiten nach dem Schlesischen Bahnhof und wartete dort im Wartesaal vierter Klasse auf den nächsten, nach Danzig fahrenden Personenzug.

Plötzlich wurde der junge Schlosser von einem fremden Mann auf die Schulter geklopft. Wo fährst du hin, Landsmann, fragte der Fremde. Ich will mit dem nächsten Zuge nach Danzig fahren, da ich dort »auf Verschreibung« Arbeit bekommen habe. Was bist du, forschte der Fremde weiter. Ich bin Schlosser, versetzte recht treuherzig der biedere Weltfale. Das trifft sich ja großartig, sagte der fremde Mann. Ich bin nämlich Monteur und muß nach Langfuhr fahren, um dort in der Wohnung des Kronprinzen die elektrische Leitung zu reparieren. Ich wollte eigentlich erst heute abend fahren. Da ich aber gern in Gesellschaft reise, so werde ich auch mit dem nächsten Zuge fahren. Ich werde mir sofort meinen Koffer holen. Komm mit in meine Wohnung, du kannst mir den Koffer tragen helfen und dir bei dieser Gelegenheit noch das Dienstmannsgeld verdienen. Ich wohne ganz in der Nähe. Der vertrauensvolle Provinziale folgte sofort der Aufforderung. Nachdem er mit dem fremden Mann etwa fünf Minuten gegangen war, nahm letzterer sein Portemonnaie aus der Tasche und ließ einige Hundertmarkscheine, die wahrscheinlich Blüten waren, sehen. Kannst du mir einen Hundertmarkschein wechseln, fragte der Fremde. Ich habe 82 Mark bei meiner Wirtin zu zahlen und die wird jedenfalls nicht wechseln können. Ich bedaure, meine ganze Barschaft beträgt 85 M., erwiderte der Schlosser. Da pump mir einmal 82 Mark, ich werde am Billettschalter wechseln und dir alsdann das Geld sofort wiedergeben. Der Schlosser händigte dem Fremden arglos 82 Mark ein. Nun warte einige Minuten, ich hole mir nur schnell meinen Koffer, versetzte der angebliche Monteur. In demselben Augenblick war er in einem Hause der Andreasstraße verschwunden. Der Schlosser wartete volle zwei Stunden, der neue Freund ließ[136] sich aber nicht mehr sehen. Schließlich trat der Schlosser an einen Schutzmann heran und erzählte diesem das Vorkommnis. Der Schutzmann stellte sofort fest, daß das Haus, in das sich der angebliche Monteur begeben, noch einen Ausgang nach einer anderen Straße hatte. Der arme Schlosser war um eine Erfahrung reicher und um 82 Mark ärmer. Er besaß nur noch drei Mark, die selbstverständlich nicht reichten, um nach Danzig zu fahren. Wenige Tage darauf ging der junge Schlosser tiefbetrübt durch die Breslauer Straße. Da begegnete er plötzlich dem angeblichen Monteur. Dieser wollte sich wahrscheinlich nach dem Schlesischen Bahnhof begeben, um sich ein neues Opfer zu suchen. Der Schlosser wandte sich an einen Schutzmann, der den frechen Gauner verhaftete. Letzterer war ein der Polizei längst bekannter, mehrfach mit Gefängnis und Zuchthaus bestrafter, gemeingefährlicher Bauernfänger. Der junge Schlosser war nur eins von vielen Opfern, die er in jüngster Zeit in ähnlicher Weise gerupft hatte. Der Gauner war nicht Monteur, sondern Pferdehändler. Er hatte die Frechheit, als er sich Ende Juli 1912 vor der zehnten Ferienstrafkammer des Landgerichts Berlin I wegen einer ganzen Reihe solcher Gaunereien zu verantworten hatte, zu behaupten: Die Zeugen müssen sich in seiner Person irren, denn er sei, als die Gaunereien passierten, in Gnesen auf dem Pferdemarkt gewesen. Einen Beweis konnte der Mann aber nicht führen. Außerdem erkannten ihn fünfzehn Leute, die er in ganz ähnlicher Weise wie den Schlosser gerupft hatte, mit vollster Bestimmtheit wieder. Er wurde zu mehrjährigem Zuchthaus, Ehrverlust und Polizeiaufsicht verurteilt.

Es wäre ein großer Irrtum, wenn man annehmen wollte, daß dieser Fall vereinzelt dasteht. Nur allzuhäufig haben sich die Strafgerichte mit derartigen Gaunern zu beschäftigen. Es sind auch keineswegs bloß die Provinzialen, die ähnlichen Verbrechern ins Garn gehen. Anfang Oktober 1912 erschien auf der Anklagebank der siebenten Strafkammer des Landgerichts Berlin I ein etwa 30jähriger Mann, der eine Anzahl junger Berliner in geradezu unglaublicher Weise begaunert hatte. Der Mann näherte sich[137] am hellen Tage auf offener Straße jungen Handlungsgehilfen, Handwerkern und Schülern höherer Klassen im Alter von 17 bis 21 Jahren. Diesen stellte er sich als Tierbändiger im Zirkus Hagenbeck mit der Erzählung vor: Er sei soeben im Begriff, auf dem Güterbahnhof des Lehrter Bahnhofs eine große Karawane wilder Tiere abzuholen. Es fehlen ihm aber noch 20 bis 50 Mark, die ihm die jungen Leute gütigst leihen mögen, da er nicht gern den weiten Weg nach dem Zirkus zurückfahren möchte. Die jungen Leute, sämtlich Söhne nicht unvermögender Eltern, fühlten sich ungemein geschmeichelt, daß ein Tierbändiger aus dem Zirkus Hagenbeck sie seiner Freundschaft würdigte. Sie erklärten sich sämtlich nicht nur sofort bereit, das gewünschte Darlehn zu geben, sie luden den Mann zumeist meist noch zu einem Diner ein, zumal ihnen der Tierbändiger sogleich ein Passepartout, gültig für zwei Logenplätze im Zirkus Hagenbeck, ausschrieb. Als der Mann eines Tages einem 17jährigen Goldschmiedelehrling auf der Straße begegnete, sagte er zu diesem: Junger Mann, Sie haben ein Paar wunderschöne Galoschen an Ihren Füßen. Können Sie mir diese nicht für den heutigen Abend leihen. Ich bin Tierbändiger im Zirkus Hagenbeck und muß heute abend einen großen Löwen reiten. Da würden mir Ihre Galoschen einen guten Dienst tun. Der junge Mann fühlte sich ungemein geschmeichelt über die ihm und seinen Galoschen erwiesene Ehre. Er folgte dem Mann hocherfreut in ein Restaurant, in dem der Tierbändiger ihm ein Passepartoutbillett für den Zirkus ausschrieb. Der junge Mann übergab dem Tierbändiger nicht bloß seine Galoschen, sondern bezahlte auch die nicht unbeträchtliche Zeche für den Tierbändiger.

Ein junger Handlungsgehilfe unternahm mit dem Tierbändiger einen Nachtbummel. Als sie das in der Friedrich- und Kronenstraßen-Ecke gelegene Kronen-Café betreten wollten, sagte der »Tierbändiger«: In dies Café kann ich nicht gehen, es sei denn, daß Sie mir Ihre Uhr und Kette leihen. Ich habe Uhr und Kette, als ich heute abend zu den Löwen ging, einem Zirkusdiener zum Aufheben gegeben und vergessen, sie zurück zu verlangen. Ohne Uhr und[138] Kette kann ich aber unmöglich in das Café gehen, da in diesem Herr Hagenbeck verkehrt. Der junge Mann hatte keinerlei Bedenken, dem Hagenbeckschen Tierbändiger seine goldene Uhr und schwere goldene Kette, im Werte von 250 Mark, zu leihen. Am folgenden Abend nach Schluß der Zirkusvorstellung sollte er Uhr und Kette bestimmt wieder bekommen. All den jungen Leuten wurde jedoch an der Billettkasse bedeutet, daß die Passepartoutbillette gefälscht seien und daß der geschilderte Tierbändiger im Zirkus Hagenbeck nicht existiere. Einige Zeit darauf gelang es, den frechen Gauner Unter den Linden zu verhaften. Es war ein bereits mehrfach wegen ähnlicher Gaunerstückchen bestrafter Hausdiener, ein geborener Holländer. Als die gerupften jungen Leute als Zeugen ihre erlebten Abenteuer den Richtern erzählten, fing der Angeklagte plötzlich ganz laut an zu lachen. Weshalb lachen Sie in dieser unmanierlichen Weise, fragte der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Splettstoesser. Ich muß über die furchtbare Dummheit der jungen Leute lachen, die sich derartig von mir beschwindeln ließen, versetzte der Angeklagte höhnisch. Der Gerichtshof verurteilte den Mann zu mehrjährigem Zuchthaus.

Daß aber auch in anderen Weltstädten kein Mangel an gemeingefährlichen Verbrechern ist, haben die vielen Strafprozesse bewiesen, die nicht nur die Bewohner des Donaureichs, sondern die ganze Kulturwelt aufs höchste erregten. Vor genau dreißig Jahren, im Frühjahr 1883 wurden mehrere, durchaus anständige Dienstmädchen von vornehmen Herrschaften Wiens der Polizei als vermißt gemeldet. Auch eine Anzahl Diener und bessere Handwerker wurden als vermißt gemeldet. In dem Koffer eines der vermißten Mädchen wurde ein Liebesbrief mit der Unterschrift

Hugo Schenk

gefunden. Es bestand schon seit langer Zeit der Verdacht, daß die vermißten Personen einem oder mehreren Raubmördern zum Opfer gefallen waren. Hugo Schenk war der Sicherheitsbehörde als gefährlicher Hochstapler und Heiratsschwindler bekannt. Er war 1849 als Sohn eines Kreisgerichtsrats[139] in Mähren geboren. Er bezeichnete sich als Ingenieur und Chemiker. Er schrieb auch kleine Nachrichten und lyrische Gedichte für Zeitungen. Nachdem er in Olmütz das Gymnasium absolviert hatte, trat er in die dortige Artillerieschulkompagnie ein und kam 1866 zum Regiment. 1875 nahm er seinen Abschied und betrieb darauf mehrere Geschäfte. Er bezeichnete sich auch als Fabrikdirektor, Bergwerksunternehmer und frönte in hohem Grade dem Glücksspiel. Er soll zumeist mit gezeichneten Karten gespielt haben. Eines Tages wurde er von einem Offizier als Falschspieler entlarvt. Der Offizier nannte ihn Betrüger und forderte ihn zum Duell. Schenk verschwand jedoch und schrieb an den Herausforderer: »Ich hätte meinen Gegner ohne weiteres töten können. Die Sache ist mir aber zu unwichtig. Ich bin der Vollzieher höherer Missionen, mein Leben gehört einem höheren Wesen.« Hugo Schenk war eine selten schöne, stattliche Erscheinung. Schon im Alter von 21 Jahren nannte er sich Fürst Wilopolski und trug mit Vorliebe polnische Tracht. Zu jener Zeit stellte er sich der sehr vermögenden Witwe Krcek vor mit dem Bemerken: Er sei wohl ein Fürst Wilopolski, reise aber in Österreich unter dem Namen Hugo Schenk. Gleichzeitig hielt er um die Hand der 17jährigen Tochter dieser Frau an. Er erklärte: Er wolle dem Mädchen zuliebe auf seine hohe Stellung und seine Güter in Rußland verzichten und bei der Englischen Bank in Wien eine Stellung annehmen. Um diese Stellung zu erhalten, sei er allerdings genötigt, eine hohe Kaution zu stellen. Frau Krcek gab ihm auch 500 Gulden bar und 1600 Gulden in Wertpapieren. Mit diesem Gelde reiste Schenk nach Wien und ließ lange Zeit nichts von sich hören. Die Familie Krcek wurde infolgedessen mißtrauisch. Schenk schrieb jedoch an Frau Krcek: »Ich will mir alle Mühe geben, meinem geliebten Mariechen ein sorgenloses Leben zu gründen. Mein Ehrgefühl, gute Mutter, geht mir über alle Schätze der Welt.« Gleichzeitig schrieb er an Marie: »Ich liebe Sie mit jener Liebe, mit welcher unser unvergeßlicher Schiller es in seinem besten Stücke: »Kabale und Liebe« zeigt. O, fachen Sie die Glut meines Herzens an, und machen Sie mein aller Hoffnung[140] scheiterndes Herz glücklich.« Frau Krcek traute aber diesen Liebesbeteuerungen nicht, sondern drohte Schenk mit Anzeige. Schenk schrieb ihr darauf. Ich werde Ihnen das Geld binnen vier Tagen senden, da ich ein Mädchen, dem ich meinen Lebensunterhalt zu danken haben müßte, nie heiraten würde; dazu bin ich zu stolz. Schenk fuhr hierauf nach Wiesbaden, Karlsruhe und schließlich nach Paris. Dort soll er sich in der Hauptsache durch Falschspiel ernährt haben. Aus Paris schrieb Schenk an Frau Krcek: Er werde in nächster Zeit zurückkommen und alles begleichen. In einem späteren Briefe schrieb er: »Ich werde mich erschießen. Vor meinem Tode werde ich ausrufen: Marie war eine gute Seele.« Zu derselben Zeit knüpfte Schenk mit der Schauspielerin Anna Lammer, die er bei einer Wallfahrt nach Maria-Taferl kennengelernt hatte, ein Liebesverhältnis an. Der Vater des Mädchens machte jedoch, nachdem er in Olmütz über Schenk Erkundigungen eingezogen hatte, dem Verhältnis ein Ende. Inzwischen war Schenk nach Olmütz zurückgekehrt. Hier wurde er auf Anzeige der Frau Krcek verhaftet und vom Kreisgericht zu Olmütz wegen Betruges zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Nach zweijähriger Strafverbüßung wurde er begnadigt.

Im August 1879 war Schenk Direktor einer Papierfabrik. Er heiratete am 26. August 1879 und wohnte mit seiner Frau in Prag. Dort betrieb er eine Zeitlang ein Kohlengeschäft. Er hatte mit seiner Gattin, einer sehr braven Person, zwei Kinder, die jedoch beide sehr bald starben. Im Juli 1881 reiste Schenk nach Wien. Dort wurde er wegen Heiratsschwindeleien nach einiger Zeit verhaftet und zu zwei Jahren Kerker verurteilt. Frau Schenk nahm eine Stelle im Hause des Prager Hopfenhändlers Heinrich Holm an. Schenk wurde am 11. März 1883 aus dem Kerker entlassen. Obwohl ihm seine Frau die zärtlichsten Briefe schrieb und ihn bestürmte, wieder nach Prag zu kommen und ein ordentliches Leben zu beginnen, beantwortete Schenk die Briefe nicht, sondern lebte in der Hauptstadt Österreichs als Grandseigneur vom Falschspiel, Betrug und von – Massenmorden. Er erließ in Zeitungen[141] Annoncen, in denen er angab, daß er in der Lage sei, kautionsfähigen Leuten gute Stellungen zu verschaffen. Daraufhin meldeten sich Kutscher, Diener, bessere Handwerker und Dienstmädchen. Er sagte diesen, er könne ihnen sehr einträgliche Stellungen in großen Fabriken, auf Grafen- und Fürstenschlössern verschaffen, sie sollen aber ihre Kautionen sofort mitbringen. Auf dem Wege zu den angeblichen Stellungen wurde im Walde Rast gemacht. Dort wurde den Leuten Wein oder Schnaps, der mit Betäubungsmitteln gemischt war, gereicht. Wenn die Opfer daraufhin eingeschlafen waren, wurden sie, teils mit Hilfe seines zwei Jahre jüngeren Bruders, des Bureaudieners Karl Schenk, und des Schlossers Karl Schlossarek erdrosselt und die Leichen nach geschehener Beraubung in die Donau geworfen. Den Dienstmädchen versprach er zumeist die Heirat. Da unterwegs auch gleichzeitig die Verlobung gefeiert werden sollte, so wußte er die jungen Mädchen, die sämtlich sterblich in den

»schönen Hugo Schenk«

verliebt waren, zu überreden, alle ihre Schmucksachen mitzunehmen. Wenn sich Schenk mit einem Mädchen im Walde gelagert hatte, fragte er, ob das Mädchen sich auch ihm zuliebe erschießen könnte. Die Antwort fiel stets bejahend aus. Schenk drückte alsdann dem Mädchen einen ungeladenen Revolver in die Hand. Das Mädchen setzte den Revolver an die Schläfe, das Losdrücken hatte aber keine Folgen. Nach kurzer Zeit gelang es Schenk, den Revolver unbemerkt zu laden. Wiederum forderte er das Mädchen auf, ihm zu beweisen, daß es ihm mit voller Inbrunst zugetan und auch bereit sei, für ihn zu sterben. Das Mädchen setzte von neuem den Revolver an die Schläfe, drückte ab und – war sofort tot. Alsdann wurde die Leiche beraubt und in die Donau versenkt. Zur selben Zeit lernte Schenk die 24jährige Emilie Höchsmann, ein auffallend schönes, hochanständiges Mädchen, Tochter sehr achtbarer Eltern, kennen. In diese war Schenk sterblich verliebt. Er sagte der Höchsmann, daß er eine sehr erträgliche Stellung als Ingeniuer bei der Arlbergbahn habe. Das Mädchen[142] drang schließlich in ihn, es zu heiraten. Schenk sagte jedoch: Er könne das nicht tun, denn er sei Mitglied einer nihilistischen Gesellschaft, die in Zürich ihren Sitz habe. Er selbst sei ein russischer Fürst, namens Wilopolski. Deshalb könne er sie nicht heiraten, weil er nur unter dem Namen Schenk vor den Traualtar treten könne. Alsdann wäre aber die Ehe ungültig. Er könne außerdem schon deshalb eine eheliche Verbindung nicht eingehen, weil sein Leben gefährdet wäre. Er erzählte dem Mädchen weiter: Er habe einen alten Oheim, einen ungemein reichen Grundbesitzer in Cincinnati, der dort ausgedehnte Ländereien besitze und mindestens sieben Millionen Dollars im Vermögen habe. Auf Veranlassung Schenks schrieb das Mädchen an diesen Onkel und bat ihn, er möge fünftausend Dollars für sie bei der Bank von England deponieren. Schenk sandte diesen Brief »rekommandiert« an »Marquis Wilopolski, Grundbesitzer in Cincinnati.« Den Postaufgabeschein übergab Schenk der Höchsmann.

Diese war infolgedessen von der Existenz des »reichen chen Onkels in Amerika« felsenfest überzeugt. Kurze Zeit darauf sagte Schenk, er müsse nach London reisen, um dort von der Bank von England Geld abzuholen. Emilie Höchsmann, die aus gewissen Andeutungen ersehen hatte, daß Schenk nicht das erforderliche Reisegeld besitze, gab ihm unaufgefordert 200 Gulden. Nach einigen Tagen erhielt die Höchsmann von Schenk einen Brief aus Prerau und bald darauf einen zweiten aus Mährisch-Weißkirchen. Zur selben Zeit waren zwei Wiener Dienstmädchen verschwunden. Schenk kehrte nach einigen Tagen nach Wien zurück und sagte der Höchsmann: Er habe das Geld in London nicht bekommen können, weil er sich nicht hinreichend als Fürst Wilopolski legitimieren konnte, er habe sich aber anderweitig Geld beschafft. Schenk gab der Höchsmann nicht nur die ihm geliehenen 200 Gulden zurück, sondern noch außerdem eine größere Summe Geldes. Schenk verreiste noch einige Male und kam stets nach wenigen Tagen mit Geld zurück. Als er am 5. August 1885 abends von einer Reise zurückkam, übergab er der Höchsmann ein Paket Wertpapiere, eine goldene Damenuhr, einen Brillantring,[143] ein goldenes Kollier und die dazu gehörigen Ohrgehänge. Diese Schmucksachen hatte er am selben Tage einem von ihm ermordeten Dienstmädchen geraubt. Schenk reiste darauf, angeblich in geschäftlichen Angelegenheiten, nach Stettin. Von dort telegraphierte phierte er der Höchsmann: »Reise sofort, ich erwarte Dich in Breslau.«

Die Höchsmann fuhr nach Breslau. Dort erzählte ihr Schenk: Er werde unablässig von Nihilisten verfolgt. Er sei seines Lebens nicht sicher, weil er sich von den Nihilisten losgesagt habe. Die Nihilisten könnten den Schmuck, den die Höchsmann trage, erkennen und daraus schließen, daß sie mit ihm in Verbindung stehe. Es sei deshalb erforderlich, den Schmuck einer Umänderung zu unterziehen. Daraufhin nahm Schenk dem Mädchen den bereits angelegten Schmuck ab, nahm ihr die kleine goldene Uhr gänzlich weg und kaufte ihr eine andere für 100 Mark. Aus den Steinen des Kolliers ließ er einen Ring montieren; die anderen Schmuckgegenstände verkaufte er in Breslau.

Die Verhaftung der Mörder.

Die Wiener Polizei, die nicht mehr zweifelte, daß die vielen vermißten Personen Massenmördern zum Opfer gefallen waren, entfaltete eine geradezu fieberhafte Tätigkeit zwecks Ergreifung der Mörder. Den unablässigen Bemühungen des Polizeirats Breitenfeld und des Polizeikommissars Stuckart (Wien) gelang es, festzustellen, daß Hugo Schenk all die Massenmorde ausführt habe und daß sein Bruder Karl und der Schlosser Karl Schlossarek ihm dabei behilflich gewesen seien. In der Nacht vom 9. zum 10. Dezember ber 1883 wurde Hugo Schenk in Wien in der Stourzgasse 1 von einer Anzahl Polizisten aus dem Bett herausgeholt, gefesselt und in Sicherheitsgewahrsam abgeführt. Zwei Stunden später wurden Karl Schenk und Schlossarek verhaftet.

Am 13. März 1884 begann vor einem Ausnahmegerichtshof in dem in der Alserstraße zu Wien belegenen Schwurgerichtssaal die Hauptverhandlung gegen die drei verruchten Mordbuben. Der Andrang des Publikums nach dem Zuhörerraum war geradezu lebensgefährlich. Den[144] zahlreichen, auch aus dem Auslande, insbesondere aus Deutschland erschienenen Zeitungsberichterstattern wurde mit der größten Zuvorkommenheit begegnet und ihnen sehr gute Plätze eingeräumt. Den Vorsitz des Ausnahmegerichtshofes führte Landesgerichtsvizepräsident Graf Lamezan. Die Staatsanwaltschaft vertrat Oberstaatsanwalt Dr. v. Pelser. Die Verteidigung führten Rechtsanwalt Dr.Swoboda (für Hugo Schenk), Rechtsanwalt Dr. Lichtenstein (für Schlossarek), Rechtsanwalt Dr. Steger (für Karl Schenk). Die Blicke des zahlreichen Publikums, insbesondere der Damen, richteten sich fast ausschließlich auf den Hauptangeklagten Hugo Schenk. Sein schönes Gesicht, seine stattliche Figur, die intelligenten Gesichtszüge, die weltmännischen Manieren, das sonore Organ und der schmachtende Aufschlag seiner schwärmerischen Augen ließen es wohl begreiflich erscheinen, daß er auf Frauenherzen einen geradezu überwätigenden Eindruck machte.

Schlossarek war ein finster dreinschauender Mann mit unangenehmen, abstoßenden Gesichtszügen. Karl Schenk war von schmächtiger Gestalt. Er hatte einen ins Rötliche schimmernden Schnurr- und Backenbart. Man sah es ihm an, daß er im höchsten Grade lungenleidend war.

Nach Verlesung der Anklageschrift begann das Verhör des Hugo Schenk.

Vors.: Ich ersehe aus ihrer ganzen Vergangenheit, daß Sie nie ein ernstliches Bestreben hatten, einen ehrlichen Erwerb zu suchen?

Angekl.: O ja, ich habe mich viel mit Fabrikswesen befaßt.

Vors.: Ihr Militärführungszeugnis weist keine kriminellen Bestrafungen auf, Sie sind aber damals schon »als zu lügenhaften Angaben und zum Schuldenmachen geneigt« bezeichnet worden. Im Jahre 1870 sind Sie mit der Familie Krcek bekannt geworden. Der Verkehr mit der Familie hat zu Ihrer Verurteilung wegen Betrugs zu fünf Jahren schweren Kerkers geführt. Sie gaben sich als Mitglied eines Eisenbahnkomitees in Warschau aus. Sie ließen durchblicken, daß Sie der Fürst Wilopolski, wegen politischer Umtriebe aus Rußland flüchtig, seien und sich unter dem falschen Namen Hugo Schenk verbergen müssen? sen?

Angekl.: Das ist richtig.

Vors.: Sie sind auch in polnischer Nationaltracht aufgetreten?

[145] Angekl.: Ja.

Vors.: Nach Verbüßung Ihrer Strafe in Olmütz waren Sie 22 Jahre alt. Was haben Sie alsdann gemacht?

Angekl.: Ich ging nach Passau und habe mich versuchsweise mit dem Fabriksbetriebe beschäftigt. Ich war hauptsächlich in der Papierbranche tätig.

Vors.: Sie haben sich auch später noch mit einer Persönlichkeit verlobt, wobei Sie sich Fürst Wilopolski nannten. Die betreffende Dame lebt noch?

Angekl.: Ja.

Vors.: Am 25. August 1879 haben Sie sich mit Ihrer Gattin Wanda verheiratet. Ihre Gattin war damals Erzieherin und lebt jetzt in Böhmen. Ich stelle zu Ehren dieser bedauernswerten Frau fest, daß sie sich sehr korrekt, ja mehr als korrekt benommen hat. Sie hat von dem Augenblick Ihrer zweiten Verurteilung – die erste war ihr nicht bekannt – nicht mehr mit Ihnen zusammen gelebt. Aus dieser Ehe sind zwei Kinder entsprossen, die beide im zarten Alter gestorben sind. Es zeugt für Ihre sinnliche Disposition, daß Sie neben Ihrer Frau zu gleicher Zeit ein Verhältnis mit einer Frauensperson, namens Magdalena Wimmer, mer, unterhielten. Die Wimmer wurde als ganz gewöhnliche Landdirne geschildert?

Angekl. schwieg.

Vors.: Sie haben das Verhältnis ohne Wissen Ihrer Frau fortgesetzt. Die Wimmer ist schließlich spurlos verschwunden. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) Das ist nicht Gegenstand der Anklage, ich muß das aber erwähnen. Bei Ihrem zweiten Heiratsschwindel, den Sie 1881 an der Therese Berger verübten, haben Sie dieser mit einer Anzeige wegen Erpressung gedroht. Die Anklage folgert, daß, weil Sie damals verurteilt wurden, Sie beschlossen hatten, dafür zu sorgen, daß Ihnen in Zukunft so etwas nicht mehr passieren sollte. Es sollte kein Mädchen mehr in die Lage kommen, gegen Sie auszusagen. Der Angeklagte schwieg.

Vors.: Mit Schlossarek wurden Sie in der Strafhaft bekannt?

Angekl.: Nein, schon früher. Ich wurde mit Schlossarek schon in meiner ersten Wiener Untersuchungshaft bekannt.

Der Vorsitzende hielt dem Angeklagten weiter vor, daß er schon früher mit einem bereits verstorbenen Individuum, namens Franz Zacherl, einen Raubmordversuch auf einen Mann namens Skala verübt habe. Skala hatte angegeben:[146] Er sei von Zacherl und Hugo Schenk, der ihm unter falschem Namen vorgestellt wurde, veranlaßt worden, mit beiden nach Trebitsch zu fahren. Dort angekommen, haben sie in einer einsamen Gegend Rast gemacht. Er (Skala) sei, von Ermüdung übermannt, eingeschlafen. Als er erwachte, bemerkte er, daß einer der beiden Männer mit einem Revolver hinter ihm stand. Unter allerlei Vorspiegelungen seien dem Skala 70 Gulden entlockt worden. Er (Skala) habe das Geld ohne weiteres hergegeben. Er war froh, daß er den Mordgesellen so leichten Kaufs entkommen konnte. Danach scheint es, so fuhr der Vorsitzende fort, daß Zacherl zu wenig Routine hatte. Dies Vorkommnis haben Sie dem Schlossarek erzählt?

Angekl. Hugo Schenk: Jawohl.

Vors.: Sie haben sich mit Schlossarek in der Haft verabredet, nach der Entlassung gemeinsam Raubanfälle zu begehen?

Angekl: Ja.

Vors.: Ist Ihnen bekannt, daß Schlossarek nach seiner Entlassung aus der Haft einen Brief an Ihre Frau geschrieben hat, in dem er drohte, er könnte gegen Sie eine Anzeige wegen geplanter Verbrechen erstatten?

Angekl.: Das ist mir bekannt.

Vors.: Es wurde bei Ihnen ein Permanenz-Zertifikat für alle Strecken der Bahn für Staatsbahnbetrieb und zwei Anweisungen auf Freikarten mit der Unterschrift des betreffenden Beamten gefunden. Alle diese Karlen hat Ihnen Ihr Bruder Karl verschafft?

Angekl.: Jawohl, aber unausgefüllt.

Vors.: Ihr Bruder hat die Karten im Bureau entwendet. Weshalb haben Sie der Höchsmann gegenüber soviel romanhafte Angaben gemacht. Das war doch gar nicht notwendig, die Höchsmann war Ihnen doch ohnedies zugetan?

Angekl.: Ich habe es aber doch für notwendig gehalten.

Vors.: Sie haben mit der Höchsmann gerade verkehrt, während Sie die Mordtaten vollführten. Sie haben der Höchsmann einmal versprochen, in roten Handschuhen und grünen Strümpfen zu kommen. Wenn der Höchsmann etwas unglaubwürdig erschien, dann sagten Sie: die Nihilisten verfolgen mich, ich muß so handeln.

Auf weiteres Befragen des Vorsitzenden erzählte darauf der Angeklagte: »Der Müllergehilfe Franz Podbera war im März 1883 nach Wien gekommen, um hier eine Stellung zu[147] suchen. Er annoncierte im »Wiener Tageblatt«, daß er in einer Mehlhandlung als Verkäufer gegen Kaution eine Anstellung suche. Da Schlossarek und ich ebenfalls in Zeitungen inserierten, daß wir kautionsfähigen Personen Stellung verschaffen können, so luden wir Podbera schriftlich ein, nach einem Gasthause zu kommen. Schlossarek erzählte dem Podbera: Er sei Maschinist in einer Dampfmühle bei Sternberg in Mähren. Er wolle ihm dort eine Stellung als Geschäftsführer mit einem Monatslohn von 50 Gulden nebst freier Wohnung, Licht und Heizung verschaffen. Er müsse aber 500 Gulden Kaution stellen. Podbera fragte, ob die Kaution in einem Sparkassenbuch hinterlegt werden könne. Schlossarek erwiderte: Das wisse er nicht, da müsse er erst telegraphisch anfragen. Nachmittags kamen wir wieder mit Podbera zusammen. Schlossarek beauftragte den Müllergehilfen, die Kaution von 500 Gulden poste restante nach Sterrberg zu schicken. Wir hatten verabredet, den Müllergehilfen auf der Reise nach Sternberg in einen einsamen Wald zu locken und ihn dort zu erschießen. Alsdann wollten wir ihn ausrauben und die postlagernde Kaution in Sternberg holen. Ich gab dem Schlossarek einen geladenen Revolver und zwei Flaschen Schnaps; eine Flasche Schnaps war mit einem Betäubungsmittel versetzt. Schlossarek fuhr nun mit Podbera am Morgen des 3. April 1883 vom Wiener Nordbahnhof ab. Mich kannte Podbera nicht; ich fuhr in einem anderen Kupee. Wir fuhren bis Rohatec. Schlossarek sagte dem Podbera: Er habe mit einem Müller in Rohatec geschäftlich zu verhandeln; der Weg nach Bisenz könne zu Fuß zurückgelegt werden. Schlossarek führte den Podbera nach Kreuz- und Querzügen in den Wratzenwernwald, ich folgte in größerer Entfernung. In der Mitte des Waldes machte Schlossarek den Versuch, Podbera zu erschießen. Letzterer setzte sich aber zur Wehr. Es kam zu einem heftigen Ringen, Schlossarek mußte schließlich, im Gesicht verwundet, blutüberströmt unverrichteter Sache aus dem Walde flüchten.

Vors.: Sowohl Sie als auch Schlossarek haben behauptet: Nachdem der Mordplan derartig mißlungen war, seien Sie beide so niedergedrückt gewesen, daß Sie sich erschießen[148] wollten. Sie haben auch behauptet, Sie hatten absichtlich einen schlechten Revolver gekauft, damit er nicht losgeht. Den Erfolg hatten Sie nur von dem Betäubungsmittel erhofft.

Angekl.: Ich habe den Revolver selbst geladen und bin alsdann einige Schritte abseits gegangen. Als ich zurückkehrte, sagte ich zu Schlossarek: Ich habe Podbera mit zwei Männern gesehen, es ist höchste Zeit, daß wir davoneilen.

Vors.: Es war auch tatsächlich die höchste Zeit, denn Podbera kam wirklich mit zwei Männern.

Wollten Sie sich nun erschießen?

Angekl.: Wenn mir nicht eine andere Idee gekommen wäre, gewiß.

Vors.: Und Schlossarek?

Angekl.: Dieser sagte, das beste ist, ich schieße mich nieder. Der Angeklagte Hugo Schenk erzählte alsdann, wie er nach stundenlangem Umherirren mit Schlossarek zur Bahn gegangen und nach Wien gefahren fahren sei. Er habe Schlossarek die Kugel aus der Wunde gezogen und ihn chirurgisch behandelt. Der Frau Schlossarek habe er verboten, einen Arzt zu holen. Er habe der Frau gesagt: er habe aus Unvorsichtigkeit Schlossarek verletzt. Wenn ein Arzt zugezogen würde, dann könnte er wegen fahrlässiger Körperverletzung bestraft werden.

Staatsanwalt: Wie wollten Sie es denn anstellen, um das Geld zu erhalten, das sich Podbera nach Sternberg hatte nachschicken lassen. Sie mußten sich doch als Podbera legitimieren?

Angekl.: Wir hatten uns vergewissert, daß Podbera einen Ausweis bei sich hatte.

Staatsanwalt: Sie sagen, Schlossarek sollte die Tat ausführen, weshalb sind Sie alsdann mitgefahren?

Angekl.: Ich wollte, nachdem Podbera betäubt war, zur Post gehen und auf Grund des Ausweises das Geld abheben.

Staatsanwalt: Sie waren sehr verwundert, als Schlossarek blutüberströmt zurückkam?

Angekl.: Jawohl, und zwar um so mehr, da Schlossarek überhaupt nicht schießen, sondern den Podbera bloß betäuben sollte.

Staatsanwalt: Das Schlossareksche Attentat war also verfrüht?

Angeklagter: Jawohl.

Es begann alsdann die Vernehmung des Angeklagten ten Schlossarek. Dieser gab auf Befragen des Vorsitzenden an: Er sei seit September 1883 verheiratet und Vater eines Kindes. Er habe beim Militär 22 Disziplinarstrafen erlitten. Er[149] sei außerdem zweimal nach seiner Entlassung vom Militär wegen Einbruchsdiebstahls bestraft. Er habe Hugo Schenk in der Transportzelle kennengelernt. Hugo Schenk sagte: er sei Ingenieur, er werde ihm auch einen Posten verschaffen. Er (Schlossarek) solle sich nur an seinen Bruder Karl wenden. Er erzählte auch den verunglückten Anfall des Zacherl.

Vors.: Hat er Ihnen gesagt, Sie sollen es besser machen wie Zacherl?

Schlossarek: Nein.

Vors.: Sie haben an Frau Schenk einen Brief geschrieben, in welchem Sie die Geschäfte mit Zacherl mitgeteilt haben, was wollten Sie damit?

Angekl.: Ich wollte halt die Anzeige machen.

Im weiteren Verlauf beklagte sich Schlossarek, daß Hugo Schenk nichts für ihn getan habe, obwohl er ihm einen Posten versprochen hatte. Eines Tages sei er auf Veranlassung des Karl Schenk nach dem Bahnhof gegangen. Er traf dort Hugo Schenk, der soeben von seiner Frau Geld bekommen hatte. Hugo Schenk habe ihm aber weder einen Posten verschafft, noch ihm Geld gegeben. Er sei zu seiner Frau nach Saaz gefahren und habe ihn ohne Geld gelassen.

Vors.: Wann hat Hugo Schenk Sie aufgefordert, sich an den Massenmorden zu beteiligen?

Angekl.: Als er aus Saaz zurückkam, da hat er Annoncen geschrieben, wonach er kautionsfähige Personen suchte. Ich habe die Annoncen in die Zeitungen gegeben. Im weiteren Verlauf erzählte Schlossarek: Ich habe Podbera in seiner Wohnung aufgesucht, jedoch nicht zu Hause getroffen; ich habe einen von Hugo Schenk geschriebenen Zettel, in dem eine Zusammenkunft angegeben wurde, zurückgelassen. Vor der Abreise nach Bisenz hat mir Hugo Schenk einen Revolver gegeben.

Vors.: Wozu gab Ihnen Schenk den Revolver?

Schlossarek: Um Podbera zu erschießen oder ihn anzuschießen. Ich sollte alsdann dem Podbera den Postschein wegnehmen, um das Geld von der Post zu holen.

Vors.: Hat Ihnen Hugo Schenk außerdem etwas mitgegeben?

Schlossarek: Jawohl, er gab mir zwei Fläschchen, das eine war mit Branntwein gefüllt, das andere mit einer gemischten Flüssigkeit, von dem Gemischten habe ich dem Podbera zu trinken gegeben, um ihn zu betäuben.

Vors.: Mit diesen Fläschchen ausgerüstet, sind[150] Sie mit Podbera abgereist?

Schlossarek: Jawohl.

Vors.: Fuhr Hugo Schenk in demselben Kupee?

Schlossarek: Nein. Hugo Schenk fuhr im Nebenkupee. Er hatte mir genaue Informationen gegeben, wie ich mich im Kupee verhalten solle. Wir fuhren bis Rohatec. Dort stiegen wir aus, indem ich vorgab, bei einem Müller noch ein Geschäft machen zu wollen. Ich führte den Podbera endlich nach dem Wratzenwernwald. Dort sollte der Raubmord vorgenommen werden. In größerer Entfernung folgte uns Hugo Schenk. Podbera wurde aber schließlich mißtrauisch, als er Hugo Schenk sah. Mit dem vergifteten Branntwein ließ sich nichts machen. Ich wollte deshalb Podbera erschießen. Dieser ergriff aber den Revolver. Es entspann sich ein heftiger Kampf, wobei wir beide arg verwundet wurden.

Vors.: Angeklagter Karl Schenk, hat es Sie nicht mit Abscheu erfüllt, als Sie von einem so schweren Verbrechen erfuhren?

Karl Schenk: Ich erschrak wohl, ich brauchte aber von meinem Bruder Unterstützung.

Vors.: Von einem Bruder, der ein Verbrechen begangen hat, würde ich keine Unterstützung annehmen. Im übrigen haben Sie den verbrecherischen Verkehr mit Ihrem Bruder eifrig fortgesetzt. Sie haben von allem Kenntnis gehabt. Die bescheidene Rolle, welche die Anklage Ihnen zuweist, ist noch lange nicht erschöpfend für all das, was Sie in Wirklichkeit getan haben.

Karl Schenk gab darauf auf Befragen des Vorsitzenden an: Er habe 1877 geheiratet und habe sich bereits damals in mißlichen Verhältnissen befunden. Als er bei der Westbahn angestellt war, habe er ein Monatsgehalt von 25 Gulden und 125 Gulden Quartiergeld bezogen.

Es begann darauf die

Zeugenvernehmung.

Frau Mikola, bei der Podbera im März 1884 gewohnt hatte, erkannte mit vollster Bestimmtheit Schlossarek wieder, der Podbera in seiner Wohnung, Simondenkgasse, aufgesucht hatte.

Darauf wurde unter allgemeiner Spannung Müllergeselle Podbera als Zeuge in den Saal gerufen. Er erzählte, in welcher Weise er die Bekanntschaft des Schlossarek gemacht, und welche Versprechungen ihm gegeben[151] worden seien und schilderte alsdann seine Reise mit Schlossarek nach Bisenz. »Ehe wir in den Wald gingen,« so erzählte der Zeuge in böhmischem Dialekt, »gingen wir in ein Gasthaus. Also er wollt mir Schnaps geben und Luxusbäckerei.«

Vors.: Sie meinen wohl Kuchen?

Zeuge: O nein, Luxusbäckerei, meine Herrschaften, der war sehr fein, der Luxusbäckerei. Schnaps trink ich nicht. Das war Schlossarek nicht recht. Will er mir Luxusbäckerei geben, sag' ich, dank'. Ich war sehr mißtrauisch, weil er hat selber nicht gessen. Scheint gut gewesen zu sein mit Mohn, war sehr fein.

Vors.: Mit dem Schnaps scheint er wohl gewußt zu haben, wie er dran ist, aber bei der Bäckerei scheint er sich nicht ausgekannt zu haben. Er hat aber nicht gewußt, welches der vergiftete Schnaps ist.

Podbera erzählte alsdann weiter auf Befragen des Vorsitzenden: Schlossarek hat so lange in mich gedrungen, bis ich endlich von dem roten Schnaps ein paar Tropfen trank. Ich sah, daß er selber Schnaps ausgeschüttet hatte. Die Flasche war drei Viertel, sehr bald aber nur ein Viertel voll. Als wir in den Wald kamen, fühlte ich plötzlich etwas Kühles auf dem Nacken. Ich griff nach hinten und hatte einen Revolver in der Hand. Es entstand ein Ringen. Ich schoß Schlossarek in den Bauch. Obwohl Schlossarek schwer verwundet war, entwand er mir den Revolver und schoß mich in den Bauch, in die Schulter und in die Brust. Wenn ich nur einen Stock gehabt hätte, dann würde ich Schlossarek sofort totgeschlagen haben.

Hugo Schenk behauptete, an der versuchten Ermordung des Podbera in keiner Weise beteiligt gewesen zu sein.

Staatsanwalt: Allzuweit waren Sie von dem Schauplatz des Verbrechens nicht entfernt.

Es begann darauf das Verhör bezüglich des Attentats tats an Bauer im Walde von Weidlingen.

Auf Befragen des Vorsitzenden gab Hugo Schenk an: Wir haben gewartet, bis Schlossarek gesund war. Wir veröffentlichten eine Annonce, auf die sich Bauer meldete.

Vors.: Da haben Sie wieder zwei Flaschen vergifteten Branntwein angewendet?

Hugo Schenk: Es war nur eine Flasche. Schlossarek wollte für den Fall des Mißlingens[152] auch eine Waffe mitnehmen.

Vors.: Was für eine Waffe?

Hugo Schenk: Blausäure, damit er sich im Falle des Mißlingens vergiften konnte.

Vors.: Von wem ist der Gedanke zu diesem Verbrechen ausgegangen?

Hugo Schenk: Es war zwischen uns beiden gemeinschaftlich verabredet, es war gewissermaßen eine Fortsetzung.

Vors.: Bei dem Untersuchungsrichter haben Sie gesagt: Schlossarek habe Sie zu diesem Raube gedrängt; Sie hätten ihm, weil das Attentat auf Podbera mißlungen war, ein neues Verbrechen völlig versprechen müssen?

Hugo Schenk: Das ist richtig.

Der Angeklagte erzählte alsdann auf Befragen des Vorsitzenden: Auf eine Annonce meldete sich Kutscher Franz Bauer. Da er angab, kautionsfähig zu sein, so versprach ihm Schlossarek eine Geschäftsgängerstelle bei einem Wäschegeschäft in Wien, dessen Inhaber eine Villa in Weidlingen besitze, zu verschaffen. Ich sollte dem Bauer als Dienstgeber in Weidlingen vorgestellt werden. Schlossarek veranlaßte den Bauer, die Kaution sogleich mitzunehmen, damit das Dienstverhältnis sofort abgeschlossen werden konnte. Ich gab Schlossarek zwei Flaschen Schnaps mit, eine war mit Chloralhydrat gemischt. Außerdem gab ich dem Schlossarek ein; Fläschchen mit Blausäure mit. Im Weidlingauer Walde angelangt, gab Schlossarek dem Bauer vom Chloralhydral zu trinken. Als sehr bald darauf die Betäubung eintrat, trat ich hinzu. Darauf beraubten wir den Mann seiner Barschaft. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors.: Schlossarek behauptet, daß Sie von den 110 Gulden, die Sie dem Bauer geraubt, Ihrem Bruder Karl 30 Gulden geschenkt haben?

Angekl.: Das ist entschieden nicht richtig.

Schlossarek äußerte sich auf Befragen des Vorsitzenden: Im Weidlingauer Walde habe ich dem Bauer von dem Schnaps zu trinken gegeben. Bald darauf kam Hugo Schenk. Ich stellte ihn dem Bauer vor mit den Worten: »Das ist der Herr.« Nachdem Hugo Schenk mehrere Minuten mit Bauer, der schon ein bißchen betäubt war, gesprochen hatte, entfernte er sich auf etwa 30 Schritt. Dann brach Bauer bewußtlos zusammen. Ich habe schnell nach seiner Tasche gegriffen, habe ihm die Brieftasche herausgezogen und das Geld genommen.

Vors.: Wo war[153] während dieser Zeit Hugo Schenk?

Schlossarek: Er war etwa 30 Schritt von mir entfernt. Ich gab ihm die 110 Gulden. Schenk äußerte ärgerlich: Bei einer solch geringen Summe kommt man nicht einmal auf die Spesen. (Große Heiterkeit im Zuhörerraum.)

Schlossarek bemerkte im weiteren auf Befragen: In der geraubten Brieftasche des Bauer haben sich im ganzen 120 Gulden befunden. Zehn Gulden habe er an sich genommen und die übrigen 110 Gulden Hugo Schenk gegeben.

Nach längerem Zögern gab Karl Schenk zu, daß er von dem Überfall auf Bauer unterrichtet gewesen und nach dem Attentat auf Bauer bemüht gewesen sei, Schlossarek den Nachforschungen der Polizei zu entziehen.

Hierauf wurde Aufseher Franz Bauer als Zeuge vernommen. Er bekundete: Ahnungslos folgte ich dem Schlossarek nach Weidlingen, um meinem neuen Dienstherrn vorgestellt zu werden. Während der Eisenbahnfahrt zog Schlossarek eine Flasche heraus und gab einigen Herren zu trinken. Die Herren sagten: »Der Schnaps ist gut.« Da hab ich halt auch getrunken, ken, und der Schnaps war wirklich gut. Als wir schließlich ausstiegen und in den Wald gingen, da begann Schlossarek plötzlich zu pfeifen. »Was pfeifen's denn,« frag i. Weil's hallt, sagte er. Trinken's den Schnaps aus, wird Ihnen gut tun. Es war dasselbe Flascherl, oder hat wenigstens so ausg'schaut. I ziag an und habe gleich g'spürt, das is nöt derselbige Schnaps! Aber es war schon zu spät.

Vors.: Wieviel haben Sie denn getrunken?

Zeuge: Ein Maul voll. Wir gehn gar nicht lang, kommt uns der Herr Hugo Schenk entgegen. Ich hab' mich noch vielmals entschuldigt bei ihm. Er hat gesagt, er hat keine Zeit und is weitergegangen. Ich geh auch noch vier oder fünf Schritt weiter, so wird mir auf einmal schwindlig und zum Brechen. Ich bin zusammengefallen, von allem anderen weiß ich nichts. Den Verlust meiner Barschaft habe ich erst zu Hause entdeckt.

Der Zeuge bekundete im weiteren: In der Brieftasche waren 320 Gulden. 150 Gulden, die in einem anderen Fache waren, haben die Räuber nicht[154] gefunden. Er hatte einen Verlust von 170 Gulden.

Im weiteren Verlaufe erzählte Schlossarek: Hugo Schenk habe ihm in der Strafanstalt Stein geraten, den Schubführer bei dem Transport zu betäuben.

Es folgte das Verhör

wegen Ermordung der Josefine Timal.

Im Mai 1883 machte Hugo Schenk die Bekanntschaft des Stubenmädchens Josefine Timal, die in Wien in der Fürstenstraße in Dienst stand. Hugo Schenk, in den das hübsche Mädchen sofort bis über die Ohren verliebt war, überredete das Mädchen, den Dienst zu kündigen, da er sich sofort mit ihm verloben und es nach kurzer Zeit heiraten wolle. Das Mädchen gab, trotz energischen Widerratens ihrer Herrschaft, sofort ihre Stellung auf und folgte Hugo Schenk, ihrem angeblichen Bräutigam, nach Mährisch-Weißkirchen. Vorher hatte sich Hugo Schenk überzeugt, daß das Mädchen 500 Gulden im Vermögen habe. Schenk veranlaßte das Mädchen, das Geld mitzunehmen; er sagte dem Mädchen: er müsse in Weißkirchen Gelder einkassieren. Das Sparkassenbuch der Timal in Höhe von 236 fl. 34 kr. und ihre goldene Uhr nahm Hugo Schenk schon vorher in Ausbewahrung. Schlossarek schloß sich bei der Reise nach Weißkirchen an. Dort angelangt, sagten die beiden Männer dem Mädchen: sie müssen einen Gang nach Zernodin unternehmen. Dieser Ort war eine Stunde entfernt; der Rückweg führte bei dem »Gevatterloch« vorüber. Letzteres war von den Unholden bereits

als Grab der Timal

bestimmt Hugo Schenk und Schlossarek, die von Weißkirchen eine Flasche Wein und aus Wien einen Strick mitgenommen hatten, um damit der Timal einen Stein um den Leib zu binden, begaben sich in Zernodin in ein Gasthaus. Sie kehrten aber sehr bald nach Weißkirchen zurück. Hugo Schenk und die Timal ließen sich im Walde in unmittelbarer Nähe des »Gevatterlochs« an einem Baume nieder. Hugo Schenk gab der Timal Wein, der stark mit Chloralhydrat vermischt war, zu trinken. Das Mädchen wurde sehr bald[155] bewußtlos. Darauf kam Schlossarek hinzu, band dem bewußtlosen Mädchen mit dem Strick einen Stein um den Leib und stürzte es in das Gevatterloch. Die beiden Mörder fuhren darauf nach Wien zurück. Nachdem Hugo Schenk den Befrag des Sparkassenbuches abgehoben und die goldene Uhr des Mädchens verkauft hatte, wurde die Beute unter den beiden Mordbuben geteilt.

Der Vorsitzende stellte fest, daß die Ermordung der Josefine Timal am 21. Mai 1883, also genau einen Monat nach dem Attentat auf den Kutscher Bauer geschehen sei.

Hugo Schenk bemerkte auf Befragen des Vorsitzenden: Als er Schlossarek aufgefordert hatte, ihm bei der Ausraubung der Timal behilflich zu sein, habe Schlossarek gesagt: Er lasse sich auf bloße Ausraubungen nicht mehr ein, das sei ihm zu gefahrvoll. Er wolle sich nur beteiligen, wenn die zu beraubende Person ermordet werden solle. Im weiteren äußerte Hugo Schenk: Die Timal sagte mir: sie habe 1500 Gulden im Vermögen. Ich teilte das Schlossarek mit. Wir beschlossen: die Timal nach einem von Wien entfernt liegenden Walde zu führen, sie dort zu ermorden und zu berauben. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors.: Es war also zwischen Ihnen und Schlossarek verabredet, das Mädchen zu ermorden?

Angekl.: Ich bemerkte dem Schlossarek ausdrücklich: Wenn er Hand anlegen wolle, dann habe ich nichts dagegen. Ich ziehe mich aber von jeder Handanlegung zurück. Schlossarek erklärte sich damit einverstanden.

Vors.: Schlossarek hatte also den manuellen Teil übernommen.

Angekl.: Jawohl, es ergab sich aber, daß Josefine Timal nur 200 fl. und nicht 1000 fl. hatte. Das Mädchen hatte bar bei sich 200 fl. und 200 fl. hatte es in der Sparkasse.

Vors.: Josefine Timal schrieb ihrer Tante: Sie habe ihrem Bräutigam (das waren Sie) gesagt: sie habe 500 fl. und nun geniere sie sich, daß sie nur 200 fl. habe. Um die Summe auf 500 fl. zu ergänzen, entlieh sie sich von der Tante 200 fl.

Hugo Schenk bemerkte auf Befragen des Vorsitzenden: Er habe der Josefine Timal von vornherein seinen richtigen Namen angegeben.

Vors.: Wie kommt es denn, daß die Timal in ihren Briefen an Verwandte sich Josefine Siegel, geborene Timal genannt hat.[156]

Daraus geht hervor, daß Sie sich dem Mädchen unter dem Namen Siegel vorgestellt haben.

Hugo Schenk: Ich bleibe dabei, daß ich mich der Timal gegenüber Hugo Schenk genannt habe.

Auf weiteres Befragen des Vorsitzenden bestritt Hugo Schenk, die Gegend des Gevatterloches vorher ausgekundschaftet zu haben; das habe allerdings Schlossarek, aber nicht in seinem Auftrage, getan. Die Timal habe die Nachricht von ihrer Vermählung mit ihm (Hugo Schenk) an ihre Tante von Wien aus geschrieben.

Vors.: Wann geschah das?

Hugo Schenk: Am letzten Tage in Wien.

Vors.: In welcher Sprache?

Hugo Schenk: Nun deutsch.

Vors.: Aber einen Brief schrieb sie böhmisch?

Angekl.: Das kann sein.

Vors.: Und der Inhalt des Briefes war, daß Sie sich in Krakau verehelichen werden, das Datum aber hat das Mädchen weggelassen. Weshalb mag das geschehen sein?

Hugo Schenk: Auf meine Veranlassung, ich wollte es später anfügen.

Vors.: Das heißt, nach dem Tode der Timal.

Hugo Schenk: Ja. (Große, anhaltende Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors.: Die Adressaten sollten also glauben, Josefine sei noch am Leben und glücklich verheiratet. Es ist sehr eigentümlich, daß die Verwandten der Timal den Brief, in welchem Sie nach dem Tode der Timal das Datum »Krakau« eingefügt haben, nicht bemerkten und auch nicht, daß dieser Krakauer Brief in Wien aufgegeben worden ist.

Auf ferneres Befragen des Vorsitzenden erzählte Hugo Schenk: Die Timal trank soviel Wein, daß sie berauscht war. Wir gingen mit ihr eine Zeitlang. Alsdann ging Schlossarek einen Stein suchen, um ihn dem Mädchen um den Leib zu binden. Ich saß während dieser Zeit mit der Timal auf dem Rasen.

Vors.: Woher wollten Sie wohl den Strick nehmen?

Hugo Schenk: Wir hatten eine Zuckerschnur mitgenommen.

Vors.: Ist Ihnen nicht bekannt, daß ursprünglich die Absicht bestand, einen Aktengurt aus der Bahnkanzlei zu entwenden?

Hugo Schenk: Schlossarek hatte ursprünglich eine solche Absicht, ich war aber dagegen, weil der Gurt leicht erkannt werden konnte.

Vors.: Nun, was geschah weiter?

Hugo Schenk: Wir gingen noch 60 bis 70 Schritte mit der betrunkenen Timal.

[157] Alsdann schritt Schlossarek mit ihr noch fünf bis sechs Schritte beiseite. Dort hat er ihr den Stein um den Leib gebunden und sie in das Gevatterloch gestoßen, so daß das Mädchen ertrinken mußte. Ich habe aber bei dem ganzen Vorgang keine Hand gerührt.

Vors.: Schlossarek behauptet, daß Sie beide das Mädchen in das Gevatterloch gestoßen haben?

Hugo Schenk: Das ist schon deshalb unmöglich, weil auf diesem Platze eine dritte Person nicht stehen konnte.

Im weiteren erzählte Hugo Schenk auf Befragen des Vorsitzenden: Nach der Tat ging ich mit Schlossarek ins Gasthaus zurück. Wir übernachteten dort und fuhren am nächsten Morgen nach Wien. Das geraubte Geld hatten wir geteilt. Meinem Bruder habe ich später 30 Gulden von dem geraubten Gelde gegeben, aber nur als Rückzahlung eines Darlehns.

Staatsanwalt: Sie sagten, Josefine Timal war, als Sie sie zu Schlossarek führten, schon sehr betrunken, wie haben Sie ihr denn den Stein an den Leib gebracht?

Angekl.: Das weiß ich nicht. Stein und Strick waren von Schlossarek schon an eine bestimmte Stelle geschafft worden. Wir haben die Timal bloß hingeführt, so daß ihr Schlossarek sofort den Strick, an dem der Stein befestigt war, um den Leib binden konnte.

Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Lichtenstein: Sie sagten, Sie wären geflohen, wenn die Timal 1500 Gulden gehabt hätte?

Angekl.: Jawohl. Schlossarek hatte geäußert: Jede Person, mit der ich ein Verhältnis habe, muß den Tod erleiden. Diese Behauptung wollte ich widerlegen.

Staatsanwalt: Wenn also die Timal mehr Geld gehabt hätte, würden Sie sie nicht ermordet haben?

Angekl.: Nein, dann hätte ich lediglich mit dem geraubten Gelde die Flucht ergriffen.

Vors.: Schlossarek, ist es richtig, daß Sie gesagt haben, Sie beteiligen sich nur dann, wenn die ausgeraubten Personen beseitigt werden?

Schlossarek: Das ist frei erfunden. Hugo Schenk sagte mir: Er habe schon einmal ein Mädchen ausgeraubt und sei alsdann von dieser angezeigt worden. Er werde es jetzt so machen, daß er nicht mehr angezeigt werden könne, d.h. er werde die ausgeraubte Person sofort beseitigen. Hugo Schenk spekulierte damals schon auf die[158] Ausraubung der Timal.

Vors.: War das zwischen Ihnen verabredet?

Schlossarek: Jawohl. Deshalb schickte Karl Schenk seine Frau und ich meine Frau weg, weil wir über den Raubmord doch nur unter uns beraten konnten.

Vors.: Haben Sie den Strick, den Sie zur Ermordung der Timal brauchten, gekauft?

Schenk hat mich zwar aufgefordert, einen Strick zu beschaffen, ich kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, wer ihn gekauft hat.

Auf weiteres Befragen erzählte Schlossarek in ausführlicher Weise, wie die Timal in den Wald geführt worden sei: Zuerst wurde das Mädchen in ein Wirtshaus geführt und ihr Wein zugetrunken. Die Timal war, als das Wirtshaus verlassen wurde, sehr aufgeregt. Sie sagte: Sie habe wohl einen »Schwips«, sie sei aber nicht so betrunken, daß sie nicht wisse, was sie tue. Schenk hatte mich inzwischen beauftragt, einen Stein zu holen und alsdann die Timal an Ort und Stelle zu führen. Als ich mit dem Stein zurückkam, lag die Timal besinnungslos am Boden. Ich fragte Schenk: Was hast du mit dem Mädchen gemacht? Er antwortete: Das Mädchen hat es verlangt. Wir hoben nun gemeinschaftlich das Mädchen auf und schleppten es weiter. Unterwegs sagte Schenk: ich solle das Mädchen untersuchen, ob es Pretiosen bei sich habe. Schenk äußerte außerdem die Befürchtung, daß der Stein abreißen könnte. Als er das Mädchen fallen ließ, ist es die Böschung hinuntergerutscht.

Vors.: Schenk hatte also das Mädchen im entscheidenden Moment fallen lassen?

Schlossarek: Er hat es gehalten, damit ich den Stein um den Leib binden konnte.

Vors.: Eines Stoßes hat es nicht bedurft?

Schlossarek: Nein.

Vors.: War Ihnen bekannt, daß der Abhang so steil war?

Schlossarek: Nein, Schenk schien das auch nicht zu wissen, denn er schlug vor, das Hinunterwerfen bis zum folgenden Tage zu verschieben. Ich war aber dagegen. Ich hielt es für gleichgültig, ob der Körper ins Wasser fällt oder nicht, da der Körper doch später aufgefunden würde.

Vors.: Hat Schenk, bevor er den Körper die Böschung hinunterstieß, dem Leichnam den Schmuck abgenommen?

Schlossarek: Das ist mir nicht erinnerlich. Als wir nach Wien zurückfuhren, sind wir im Kupee mit einigen Herren[159] zusammengetroffen, die Schenk für Detektivs hielt. Wir sind deshalb in Florisdorf ausgestiegen.

Auf Befragen des Vorsitzenden äußerte der Angekl. Karl Schenk: Schlossarek erzählte mir, daß ein Mädchen beseitigt werden solle. Schlossarek hatte für die Timal einen Koffer in Verwahrung. Diesem entnahm er ein Kleid und schenkte es seiner Frau.

Vors.: Den Koffer hatten Sie in Ihr Bahnmagazin eingestellt?

Karl Schenk: Das war der Koffer der Ferenczy.

Vors.: Geben Sie zu, 50 Gulden von dem der Timal geraubten Gelde erhalten und gewußt zu haben, daß das Geld der ermordeten Timal geraubt worden war?

Karl Schenk: Ja, aber 30 Gulden schuldete mir mein Bruder Hugo.

Vors.: Das ist eine sehr platonische Abwehr.

Auf weiteres Befragen erzählte Karl Schenk: Schlossarek habe ihm erzählt, er allein habe die Timal hinabgestoßen. Er habe dem Schlossarek eine Gurte zwecks Ermordung der Timal verweigert, weil er befürchtete, er könnte dadurch hineingezogen werden.

Am zweiten Verhandlungstage verlas der Vorsitzende folgenden Brief:

»Liebe Schwester!

»Heute war mein Ehrentag und ich bin so glücklich. Ich bedauere nur, daß ich Dich jetzt lange nicht sehen werde. Ich wünsche Dir von Herzen ein gleiches Los und küsse und grüße Dich Deine Josefine.« (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors. (mit erhobener Stimme) zu Schenk: Diesen Brief haben Sie, nachdem Sie mit Schlossarek das arme Mädchen ermordet hatten, mit verstellter Hand geschrieben?

Hugo Schenk: Jawohl. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Alsdann wurde Katharina Timal, Schwester der Ermordeten, als Zeugin aufgerufen. Sie betrat, heftig weinend, den Gerichtssaal. Sie bekundete auf Befragen des Vorsitzenden: Hugo Schenk habe sie eines Tages in Böslau besucht und, ohne sich vorzustellen, nach der Adresse der Tante Katharina gefragt. Er sagte: Soviel ihm bekannt sei, habe Josefine eine sehr gute Stellung.

Vors.: Haben Sie nachher von der Josefine noch ein Lebenszeichen erhalten?

Zeugin:[160] Niemals mehr.

Vors.: Wann haben Sie nachher von dem Verschwinden der Josefine Anzeige erstattet?

Zeugin: Noch im Sommer. Es wurde mir aber bedeutet, es sei davon der Behörde nichts bekannt. Im Dezember machte ich wiederum Anzeige.

Die folgende Zeugin war Franziska Timal, eine Schwester der ermordeten Katharina Timal und eine Tante der ermordeten Josefine. Sie sei von der Josefine eingeladen worden, ihr nachzukommen. Ihr Bräutigam (Hugo Schenk) habe ein Gut geerbt, dessen Wirtschaft die ebenfalls ermordete Katharina Timal übernehmen sollte.

Christine Timal, ebenfalls eine Schwester der ermordeten Josefine, bekundete als Zeugin: Sie habe ihre Schwester Josefine zum letzten Male am Pfingstmontag gesehen. Josefine habe ihr erzählt: Sie werde einen Ingenieur heiraten, der Vermögen besitze, sie wolle mit dem Bräutigam nach Bayern fahren. Sie habe den Bräutigam (Hugo Schenk) nicht gesehen.

Vors.: Hat Ihnen Ihre Schwester Josefine erzählt, daß ein uniformierter Diener Schenks ihr öfters Briefe bringt?

Zeugin: Jawohl.

Vors.: Hatte Ihre Schwester Josefine Vermögen?

Zeugin: 500 Gulden.

Vors.: Haben Sie nach dem Verschwinden Ihrer Schwester Nachforschungen angestellt?

Zeugin: Ich habe mich bei einem ehemaligen Freunde der Josefine erkundigt.

Vors.: Die Nachforschungen ergaben, daß Hugo Schenk in Fünfhaus wohnte und als ein sehr ordentlicher Mensch bezeichnet wurde. Was haben Sie von Ihrer ermordeten Tante, Katharina Timal, gehört?

Zeugin: Daß sie Hugo Schenk nachgereist und alsdann ebenfalls verschwunden war. Lange Zeit habe ich von beiden nichts gehört, bis im Dezember nachgeforscht wurde. (Die Zeugin brach hierbei in heftiges Weinen aus.)

Vors.: Ich habe noch zu erwähnen, daß ein Fräulein Therese Schlesinger bekundet hat: Josefine Timal habe ihr erzählt, sie habe die Bekanntschaft eines Ingenieurs, namens Hugo Schenk gemacht, der sie heiraten wolle. Hugo Schenk führe in Ungarn selbständig Bahnbauten aus. Er verlange, daß sie sofort den Dienst kündige, damit sie polizeilich als Private gemeldet werden könne, denn seine Verwandten[161] würden es nicht zugeben, daß er sich mit einem Dienstmädchen chen verheirate. Fräulein Schlesinger hat die Josefine Timal vor Hugo Schenk gewarnt, weil es ihr eigentümlich vorgekommen war, daß Schenk nicht einmal seinen Wohnort angegeben hatte. Die Timal hat ferner dem Fräulein Schlesinger erzählt: Schenk sei ein fescher Mann mit einem schönen dunklen Vollbart. Trugen Sie damals einen Vollbart, Hugo Schenk?

Angekl: Nein.

Vors.: Aber auch bei der Ermordung der Theresia Ketterl wird des Vollbarts erwähnt. Wie kamen Sie auf den Gedanken, auch die Tante der Josefine, die Katharina Timal zu ermorden?

Hugo Schenk: Bald nach der Ermordung der Josefine erzählte ich dem Schlossarek, daß die Katharina Timal von der geplanten Vermählung mit Josefine Kenntnis hatte. Darauf machte mir Schlossarek den Vorschlag, auch die Katharina zu beseitigen.

Vors.: Also Sie behaupten, Schlossarek habe die Ermordung der Katharina Timal zuerst vorgeschlagen?

Hugo Schenk: Jawohl, ich wollte aber anfänglich nicht darauf eingehen.

Vors.: Warum nicht?

Hugo Schenk: Weil ich weitere Morde nicht begehen wollte.

Vors.: Sie haben aber später außerdem noch zwei Personen ermordet?

Hugo Schenk: Wenn ich die Katharina Timal hätte ermorden wollen, dann wäre mir das jeden Augenblick möglich gewesen; ich brauchte nicht noch zwei Monate zu warten.

Vors.: Weshalb Sie die Katharina Timal nicht früher umgebracht haben, kann ich nicht beurteilen. Es ist aber charakteristisch, daß Sie, nachdem Sie der Josefine Timal das Geld geraubt hatten, sofort einen neuen Mord planten?

Hugo Schenk: Das stimmt nicht, Herr Präsident, ich habe nur einen Raub an einem Postboten unternehmen wollen.

Auf Befragen des Vorsitzenden erzählte Hugo Schenk, daß er dem Schlossarek vorgeschlagen hatte, einen Postboten zu berauben. »Ich schlug vor, den Mann auf einsamem Wege einzuladen, ein Glas mit uns zu trinken. In das Glas des Postboten sollte vorher Chloralhydrat geschüttet werden; auf diese Weise sollte er betäubt werden.

Der Vorsitzende teilte mit: Hugo Schenk und Schlossarek haben unter Mißbrauch der Namen des Oberförsters Franz Hauser und des Pfarrers Dorn in Arstetten[162] zwei Wiener Bankfirmen um Übersendung größerer Summen ersucht. Diese Bemühungen hatten auch Erfolg. Allein das geplante Raubattentat auf den Postboten mißglückte, da in Begleitung des Postboten sich ein strammer Bauernbursche befand. Dieses geplante plante Attentat war nicht Gegenstand der Anklage, weil ein Versuch nicht unternommen war. Jedenfalls bestand die Absicht, den Postboten mit Blausäure zu vergiften?

Hugo Schenk: Das gebe ich zu.

Vors.: Sie haben sich, als Schlossarek dem Postboten auflauerte, in ziemlicher Entfernung gehalten?

Hugo Schenk: Jawohl.

Vors.: Weshalb taten Sie das?

Hugo Schenk: Meine Anwesenheit war unnötig.

Vors.: Sie halten sich, soweit als möglich in weiter Entfernung, damit, wenn die Sache schief geht, Sie nicht erwischt werden. (Heiterkeit im Zuhörerraum.) Das geschieht aus kluger Berechnung, nicht aber aus sittlichen Gründen. Sie schickten am liebsten andere ins Feuer.

Hugo Schenk: Allein hätte ich den Überfall nicht ausführen können.

Vors.: Sie hatten wohl nicht Mut genug. Sie haben ferner angegeben: Schlossarek habe nach diesem mißglückten Attentat nicht allein nach Hause gehen wollen. Sie haben deshalb beschlossen, im Postamt selbst einen Einbruch zu verüben. Schlossarek habe sich auch dazu sofort bereit erklärt. Ihr Bruder Karl hatte Stemmeisen und ähnliche Werkzeuge besorgt und die Lage des Postamts einer Prüfung unterworfen. Karl Schenk sagte darauf: Das Postamt sei für einen Einbruch bruch ungeeignet, weil das Familienzimmer des Postbeamten dicht neben dem Amtszimmer liegt, in dem die Postgelder aufbewahrt sind. Ein Einbruch war deshalb nicht gut möglich. Schlossarek geriet aber, wie Sie behaupten, in großen Zorn. Er wollte durchaus auf einem Einbruch beharren.

Hugo Schenk: Das ist richtig. Schlossarek sagte: Er müsse einbrechen und wenn er genötigt wäre, die ganze Postfamilie umzubringen. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors.: Und was geschah?

Hugo Schenk: Ich mußte dem Schlossarek die Sache ausreden und ihn auf die Katharina Timal vertrösten.

Schlossarek: Die Angaben Schenks sind falsch. Nachdem ich ohne Erfolg aus dem Posthause kam, suchte ich nach Schenk. Dieser saß, etwa[163] eine Stunde weit auf einem Felsen und wartete auf mich. Nunmehr überzeugte sich Hugo Schenk selbst von der Unmöglichkeit des Einbruchs.

Hugo Schenk: Ich erkläre wiederholt, Schlossarek wollte den Einbruch begehen und wenn die ganze Familie ermordet werden müßte. Ich wandte jedoch ein: Wir wollen das lassen, ich beabsichtige die Katharina Timal zu ermorden und zu berauben.

Vors.: Also aus Schonung für die Postbeamtenfamilie wurde die Ermordung der Katharina Timal geplant? plant?

Hugo Schenk schwieg.

Hugo Schenk erzählte hierauf auf Befragen des Vorsitzenden: Nachdem ich mit Schlossarek beschlossen hatte, die Katharina Timal zu ermorden, erkundigten wir uns in ihrer Heimat nach ihr. Es wurde uns mitgeteilt: Sie sei nach Wien zu ihrer Schwester gereist. Letztere stand in der Nowarragasse bei einer Schauspielerin in Stellung. Dort erfuhren wir, daß die Herrschaft und auch die beiden Timal in Böslau seien. Wir fuhren dorthin. Schlossarek hatte bei der Polizei die Adresse der Herrschaft erfahren. Er begab sich zum Hausmeister und sagte diesem, der Mann der Josefine Timal möchte gern Fräulein Katharina Timal sprechen.

Vors.: Sagten Sie der Katharina Timal, daß Sie ihr Hab und Gut mitnehmen sollte?

Hugo Schenk: Nein.

Vors.: Da aber diese Leute in ihrem Sparkassenbuch ihren einzigen Schatz besitzen, so konnten Sie hoffen, daß Katharina Timal das Sparkassenbuch mitnehmen werde?

Hugo Schenk: Allerdings. Ich erwartete Katharina Timal am Franz-Josefs-Bahnhof und sagte ihr: Wir werden nach Pöchlara fahren.

Vors.: War Katharina Timal eine so leichtgläubige Person, daß es ihr nicht auffiel, daß Briefe der Josefine ne Timal aus Krakau kamen, während Sie sie nach Pöchlara führten?

Hugo Schenk: Ich sagte ihr, daß wir dort ein kleines Gut gekauft haben. Wir fuhren nun vom Bahnhof nach dem Hotel Fuchs. Schlossarek und mein Bruder Karl waren schon unterrichtet. Es war verabredet, daß diese beiden vorausfahren sollten, um dort auszukundschaften, wo die Katharina Timal unauffällig ins Wasser versenkt werden könne. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) Schlossarek und mein Bruder Karl fuhren[164] mit dem Mittagszuge, ich und Katharina Timal abends ab. Mein Bruder sollte links, ich von der rechten Seite aufpassen und Schlossarek sollte Katharina Timal erwürgen. Ich kam nun mit Katharina Timal gegen 12 Uhr nachts in Krummnusbaum an. Schlossarek und mein Bruder kamen uns entgegen; ich gab ihnen sofort ein Zeichen. Als ich und die Timal allein weitergingen, kam uns Schlossarek als Fremder entgegen mit der Frage, ob wir einen Fuhrmann brauchen.

Vors.: War das das verabredete Zeichen?

Hugo Schenk: Jawohl.

Vors.: Welcher Zweck war damit verbunden?

Hugo Schenk: Damit ich ihm folgen konnte, ich kannte den Ort nicht. Mein Bruder war weiter vorn an der Straße. Schlossarek zeigte uns nun den Weg etwa hundert Schritte. Plötzlich hörte ich einen Schlag und den Schlossarek sagen: Ich bin zu schwach. Halten Sie die Hände, geben Sie mir ein Messer! Gesehen habe ich nichts, aber ein Geräusch vernommen, als wenn jemandem die Kehle durchschnitten wird. (Ausrufe des Entsetzens im Zuhörerraum.)

Vors.: Bei Ihrer Vernehmung vor der Polizei haben Sie angegeben, Sie haben 10 bis 15 Schritt von der Stelle gestanden, auf der Schlossarek die Katharina Timal ermordet hat. Später haben Sie sogar gesagt: Sie waren nur fünf Schritt entfernt.

Hugo Schenk: Als Schlossarek die Katharina Timal faßte und zu Boden schleuderte, war ich allerdings nur fünf Schritte entfernt.

Vors.: Sie wollen durchaus den Anschein erwecken, daß Sie an keines Ihrer Opfer Hand angelegt haben?

Hugo Schenk: Das habe ich auch nicht getan.

Vors.: Aus Ihren Briefen geht hervor, daß Sie hierauf sehr viel Gewicht legen, da Sie den angedeuteten Folgen entgehen können, wenn Sie daran festhalten. Ich erkläre Ihnen, daß das ein Irrtum ist.

Hugo Schenk: Ich weiß genau, was mir bevorsteht; angesichts dessen spreche ich.

Vors.: Sie sprechen nicht im Angesichte dessen. Wir können die Leiche der Katharina Timal nicht herbeischaffen, allein, daß Ihre Angaben wahrheitswidrig sind, wird Ihnen bewiesen werden. Es besteht nun die Vermutung, Sie haben dem Schlossarek zur Ermordung der Katharina[165] Timal Ihr Taschenmesser geliehen?

Hugo Schenk: Das bestreite ich ganz entschieden.

Vors.: Ich mute Ihnen sogar zu, daß Sie mit diesem Messer wieder Brot geschnitten haben?

Hugo Schenk: Das ist ausgeschlossen.

Vors.: Weshalb wehren Sie sich denn so dagegen? Sind Sie denn so ekelig?

Hugo Schenk: In dieser Beziehung allerdings.

Auf ferneres Befragen des Vorsitzenden äußerte Hugo Schenk: Ich hörte einen gurgelnden Ton, als wenn jemandem die Kehle durchschnitten wird. Dann sah ich im Dunkeln zwei Personen, die einen Körper zum Wasser schleiften.

Vors. (erregt): Da hört aber alles auf. Tun Sie doch nicht, als ob Sie nicht dabei gewesen wären. Halten Sie den Gerichtshof nicht zum Narren.

Der Angeklagte schwieg.

Vors.: Ist bei dem Leichnam der Katharina Timal nach Geld gesucht worden?

Hugo Schenk: Allerdings.

Vors.: Dann haben Sie aber den Schlossarek schlecht instruiert, denn bei Auffindung des Leichnams der Katharina Timal ist noch ein Geldbetrag gefunden worden.

Hugo Schenk: Schlossarek wußte das, er hat aber in der Eile daran vergessen.

Auf ferneres Befragen des Vorsitzenden äußerte Hugo Schenk: Nach geschehener Tat habe er den Koffer der Katharina Timal versetzen müssen, um eine Fahrkarte kaufen zu können. Sein Bruder und Schlossarek seien durch die Gefälligkeit eines Bahnbediensteten unentgeltlich nach Wien zurückgefahren. Das der Katharina Timal geraubte Sparkassenbuch lautete auf 1200 Gulden, 60 Kreuzer. Es wurde in Wien behoben. Den größeren Teil habe er (Hugo Schenk) erhalten.

Vors.: Das Geschäft war also nicht schlecht. (Heiterkeit.) Warum haben Sie alsdann nicht den lange gehegten Entschluß, nach Amerika zu gehen, ausgeführt? Sie hatten beschlossen, das nächste Mal die Sache allein zu besorgen, um den Raub nicht mit anderen teilen zu müssen?

Hugo Schenk schwieg.

Staatsanwalt: Sie sagten, Schlossarek habe, nachdem er die Katharina Timal zu Boden geworfen und sie nicht mehr halten konnte, Sie gerufen und ein Messer verlangt?

Vors.: Wie kam Schlossarek dazu, von Ihnen ein Messer zu verlangen, da er doch selbst eins hatte?

Hugo Schenk:[166] Ich habe nur den Fall auf den Boden gesehen. Schlossarek erzählte mir nach geschehener Tat, er konnte die Katharina Timal, die sich sehr gesträubt sträubt hat, nicht mehr halten, er verlangte deshalb ein Messer. Da ich ihm aber das meinige nicht geben wollte, hat er sein eigenes herausgenommen.

Staatsanwalt: Das ist ein Widerspruch.

Vors.: Schlossarek, wann ist der Gedanke entstanden, die Katharina Timal zu ermorden?

Schlossarek: Der Gedanke ist von Hugo Schenk ausgegangen, und zwar erst nach dem Mißlingen der Tat an dem Postboten.

Hierauf erzählte Schlossarek in eingehender Weise, wie Hugo Schenk nach dem Aufenthalt der Katharina Timal geforscht habe. Zur Fahrt nach Pöchlara habe er (Schlossarek) sich 25 Gulden geliehen. Auf Veranlassung Schenks wurde ein Stein und eine Stange mitgenommen, um die Katharina Timal ins Wasser zu werfen. Nach der Ankunft auf dem Bahnhof ging Karl Schenk voraus, dann kam Hugo Schenk mit der Timal und etwa 20 Schritt dahinter er (Schlossarek). »Als wir an Ort und Stelle angekommen waren, da fragte Hugo Schenk: Könnten wir mit einem Fährmann hinüberkommen? In demselben Augenblick fiel Karl Schenk von vorne, ich von rückwärts über die Timal her, warfen sie zu Boden und erwürgten sie. Als die Timal auf der Erde lag und sich wehrte, sagte Karl Schenk: Ich halte es nicht mehr aus. Hugo Schenk stand dabei.

Vors.: Was bezweckten Sie, daß Sie die Katharina Timal niederdrückten, damit war sie doch noch nicht unschädlich gemacht?

Schlossarek: Hugo Schenk sagte: Wir sollten sie tüchtig würgen, damit sie ohnmächtig werde, so daß wir sie schnell ins Wasser hineinkriegen. Da sich aber die Timal sehr heftig sträubte, trat Hugo Schenk auf sie zu und schnitt ihr den Hals mit einem großen Schlachtmesser durch. (Große anhaltende Bewegung im Zuhörerraum.) Ich habe ihr dabei die rechte, Karl Schenk die linke Hand gehalten. Alsdann sagte Hugo Schenk: Wir sollen die Kleider untersuchen. Er übergab mir das Schlachtmesser mit dem Auftrage, es ins Wasser zu werfen. Das habe ich auch getan. Das Messer hatte Hugo Schenk, als er sich nach dem Aufenthalt der Katharina Timal erkundigte, für 60 kr. gekauft. Als die Timal[167] tot war – sie zappelte noch lange, nachdem ihr der Hals durchschnitten war – habe ich und Karl Schenk dem Leichnam einen Stein um den Leib gebunden und ihn ins Wasser geworfen.

Vors.: Hugo Schenk behauptete, er habe erst von Ihnen gehört, daß Sie Ihr Messer ins Wasser geworfen haben?

Schlossarek: Ich habe gar kein Messer gehabt.

Vors.: Ihre Angaben und die des Hugo Schenk sind in den Punkten, welche ihn betreffen, in vollem Widerspruch. Hugo Schenk, beharren Sie bei Ihren Angaben?

Hugo Schenk: Jawohl.

Vors.: Sie behaupten also, die Angaben Schlossareks sind unwahr?

Hugo Schenk: Ganz bestimmt.

Schlossarek gab ferner auf Befragen des Vorsitzenden an, sie hatten nach geschehener Tat kein Geld zur Rückreise. Da sie auch kein Geld zur Bezahlung der Zeche hatten, mußte Hugo Schenk seinen kleinen Reisekoffer versetzen. Es wurde alsdann vereinbart, daß das der Katharina Timal geraubte Sparkassenbuch bis auf zehn Gulden behoben werden sollte. Hugo Schenk verlangte bald darauf, daß er (Schlossarek) später nochmals das Sparkassenbuch zur Behebung der ganzen Summe präsentieren solle. Er habe dies abgelehnt, zumal er die Überzeugung hatte, daß Hugo Schenk ihn dadurch nur in die Hände der Polizei liefern wollte.

Im weiteren Verlauf äußerte Schlossarek: Hugo Schenk machte einmal den Vorschlag, daß wir ein Mädchen an einen Baum binden, es mit Petroleum begießen und alsdann in Brand stecken. (Große, langandauernde Bewegung, Ausrufe des Entsetzens im Zuhörerraum.) Das Publikum drohte dem Hugo Schenk mit Fäusten. Hugo Schenk lächelte.

Vors. (in großer Erregung): Lächeln Sie nicht, Hugo Schenk, Sie haben doch hierzu keine Veranlassung. Einem Manne, wie Schlossarek, obwohl er ein schrecklicher Verbrecher ist, glaube ich, Sie aber dürfen nicht lächeln. Wenn ich die Akten durchblättere, dann finde ich geradezu empörende Beweise Ihrer Grausamkeit, ja, Ihrer tierischen Verrohung. Sie haben am 21. Juli Josefine Timal ermordet, am 22. Juli haben Sie das Sparkassenbuch der Ermordeten behoben, sind darauf sofort mit Emilie Höchsmann[168] nach Melk gefahren und abends ins Theater gegangen. Ihre moralische Verworfenheit übersteigt alle Grenzen. Ein Mann, der mit drei anständigen Mädchen gleichzeitig Liebesverhältnisse anknüpft, um sie zu ermorden, der in grausamster Weise ein Mädchen im Walde abschlachtet und beraubt und am folgenden Tage ein anderes Mädchen seiner weiblichen Ehre beraubt und abends mit diesem Mädchen ins Theater geht, beweist eine Gesinnung, der das Ärgste zuzutrauen ist. Ich gestehe, daß ich meine Aufregung kaum noch meistern kann.

Schlossarek: Herr Präsident, dieser verruchte Verbrecher (auf Hugo Schenk weisend) hat Karl Schenk verleiten wollen, meine Frau zu ermorden. Schlossarek brach hierbei in lautes Weinen aus.

Vors. (in großer Erregung, mit heftig zitternder Stimme): Ja, so ein verworfener Mensch dieser Schlossarek ist, ich erkläre, ich muß ihm glauben. Sie aber (zu Hugo Schenk gewendet) lügen. Sie können nicht anders als lügen. Ich muß Sie als einen Lügner bis in das innerste Mark der Knochen bezeichnen. Sie haben monatelang in der furchtbarsten Weise gelogen. Jedes Ihrer bedauernswerten Opfer haben Sie getäuscht, betrogen. Und sobald Ihr Zweck erreicht war, haben Sie sich sofort nach einem neuen Opfer umgesehen. (Große anhaltende Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors. (zu Karl Schenk): Waren Sie ihrem Bruder Hugo behilflich, den Aufenthaltsort der Katharina Timal zu ermitteln?

Karl Schenk: Ja, ich habe auf der Landstraße nachgefragt.

Vors.: Was wissen Sie von den Telegrammen, die Hugo Schenk nach Budweis geschickt hat?

Karl Schenk: Es wurden zwei Telegramme nach Budweis gesandt. Eins war unterschrieben: Josefine Siegel, das andere Josefine Siegel, geborene Timal.

Vors.: Kam aus Budweis eine Nachricht, daß Katharina Timal der Aufforderung nachkommen werde?

Karl Schenk: Aus Budweis kam unter der Adresse: »Hermann Siegel, poste restante Fünfhaus« ein Brief, in dem die Ankunft der Katharina Timal angezeigt wurde.

Karl Schenk, der über die Ankunft der Katharina Timal und deren Ermordung eine eingehende Schilderung gab, äußerte: Er habe sich die Hände gewaschen.

Vors.: Weshalb taten Sie das?

Karl[169] Schenk: Weil sie von der Erde schmutzig waren.

Vors.: Waren denn Ihre Hände nicht blutig? Sie leisteten doch Ihrem Bruder Hilfe, als er der Katharina Timal den Hals durchschnitt?

Karl Schenk: Ich habe keine blutigen Hände bekommen. Denn als ich in die Nähe der Mordtat kam, fiel ich zur Erde.

Vors. (erregt): Sie sind und bleiben ein Mitmörder der Katharina Timal, wie Sie die Tat auch darstellen mögen.

Karl Schenk: Ich war in keiner Weise an der Ermordung der Katharina Timal beteiligt. Ich habe weder selbst Hand angelegt, noch die Ermordung mit angesehen.

Staatsanwalt Dr. v. Pelser: Sie haben früher zugegeben, daß Sie dabei waren, als der Katharina Timal der Hals durchschnitten wurde?

Karl Schenk (mit leiser Stimme): Schlossarek sagte mir, ich solle das Mädchen halten.

Staatsanwalt: Na also. Und wann haben Sie das Mädchen gehalten?

Karl Schenk: Da hat mein Bruder Hugo schon einen Schnitt gemacht gehabt und hat mich gerufen.

Staatsanwalt: Und was geschah alsdann?

Karl Schenk: Da hat er noch einmal geschnitten, so daß der Hals des Mädchens bis auf die Wirbelsäule durchschnitten war. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Auf Befragen des Verteidigers R.-A. Dr. Steger gab Karl Schenk an, daß seine Notlage ihn veranlaßt habe, sich an den Mordtaten seines Bruders zu beteiligen.

Vors.: Notlage ist ein Grund, wenn man einen Laib Brot stiehlt, aber nicht ein Grund zu einem Morde. Sie haben jedenfalls mehr gehabt, als mancher ehrliche Kerl, der mit hungrigem Magen herumläuft.

Karl Schenk: Ich habe täglich 30 bis 40 Kreuzer gehabt und mußte mir von 1877 ab monatlich 25 Kreuzer für Dekretstempel abziehen lassen.

Vors. (heftig): Sie wollen uns einen Dunst vormachen. Das empört mich, denn das ist ein Versuch, uns auf listige Weise irrezuführen. Einen Mord begehen, weil man seit 1877 einen Dekretstempel zu zahlen hat, das ist unerhört. Der Vorsitzende verlas alsdann das Telegramm, das Hugo Schenk an die Katharina Timal am 7. Juli 1883 abgesandt hatte. Es lautete: »Ich anzeige Trauung, Josefine Siegel.«

Vors.: Es ist eine Eigentümlichkeit von Ihnen, Hugo Schenk, daß Sie immer: »Ich anzeige, ich mitteile« schreiben,[170] anstatt: »ich teile mit.« Das deutet darauf hin, daß Sie der Verlasser der Telegramme sind.

Alsdann wurde ein Kleid der Josefine Timal vorgezeigt, zeigt, das fast vollständig zerweicht war und eigentlich nur noch einen Haufen Lumpen bildete.

Hierauf gelangte der

Raubmord an Therese Ketterl

zur Verhandlung. Therese Ketterl, ein bildschönes, junges Mädchen, war Stubenmädchen bei dem Baron v. Buschmann in Wien. Hugo Schenk, der von den Mädchen in Wien

der schöne Hugo

genannt wurde, eroberte, wie fast immer, das Herz der Therese Ketterl im Sturm. Es war Hugo Schenk bekannt, daß die Herrschaft der Ketterl verreist war. Er schlug deshalb vor, eine Landpartie zu unternehmen. Die Ketterl erklärte sich sogleich mit Freuden damit einverstanden, zumal ihr Hugo Schenk geschworen halte, daß er sie heiraten werde. Sie erklärte, sie werde alle ihre Wertsachen mitnehmen, weil sie sie nicht in der unbewachten Wohnung lassen wolle. Hugo Schenk war über diesen Entschluß selbstverständlich hocherfreut; er hatte bereits den Plan gefaßt, auch dieses liebreizende Mädchen zu beseitigen. Am 4. August 1883 reiste Hugo Schenk mit der Ketterl von Wien ab. Die Ketterl hatte einen Koffer mit Kleidern, Wäsche, Pretiosen, Wertpapieren und Sparkassenbüchern mitgenommen. In einem Hundekoffer wurde das Hündchen das Barons Buschmann, das der Ketterl zur Obhut und Pflege anvertraut war, mitgenommen. nommen. In St. Völten, im Hotel »Kaiserin von Österreich« übernachteten Hugo Schenk und die Ketterl. Am 5. August fuhren sie nach Lilienfeld und unternahmen alsdann eine Fußpartie über die Klosterebene auf die Riesalpe. Schenk bewog die Ketterl, vom gewöhnlichen Touristenweg abzubiegen. Er führte sie in eine einsame Gebirgsschlucht, die sogenannte »Sternleiter«, um sie dort zu ermorden.

Vors.: Hugo Schenk, wie sind Sie mit Theresia Ketterl bekannt geworden?

Hugo Schenk: Herr Präsident, da[171] Sie mir nichts glauben, sondern mich als einen verlogenen Menschen bezeichnen, so ist es schade, wenn ich etwas spreche.

Vors.: Antworten Sie auf meine Frage. Ich habe für meine Person nichts zu entscheiden, sondern die Herren vom Gerichtshof.

Hugo Schenk gab eine nichtverständliche Antwort, in welcher die Worte: »physisch und moralisch gequält« vorkamen.

Vors. (mit erhobener Stimme): Spielen Sie hier keine Komödie. Sie werden gesehen haben, daß ich Energie besitze. Ich lasse hier keine Schauspielerei von Ihnen treiben. Es ist nicht wahr, daß man Sie gequält hat. Wenn Sie keine Antwort geben wollen, dann werde ich Ihre Aussage aus der Voruntersuchung verlesen. Ich sehe allerdings ein, daß es eine große Verlegenheit für Sie ist, hier am hellichten Tage, in Gegenwart so vieler Menschen eine von Ihnen begangene verruchte Mordtat zu erzählen. Sie möchten das gern vermeiden, daher die Komödie, daß Sie infolge physischer Mißhandlungen und aus Anlaß meines Vorgehens zu dem Entschlusse gekommen sind, mir nicht zu antworten. Also überlegen Sie sich, was Sie tun wollen.

Hugo Schenk: Ich werde nicht sprechen, Herr Präsident! Verurteilen werden Sie mich ja sowieso. Ich weiß, daß ich mein Leben verwirkt habe. Ich werde weder rekurrieren noch ein Gnadengesuch einreichen. Also verurteilen Sie mich, ich habe mit dem Schicksal abgeschlossen, aber ich lasse mich nicht quälen.

Vors.: Es scheint, daß Sie nicht so sehr durchdrungen sind von Ihrem Schicksal, sonst hätten Sie nicht versucht, der Wahrheit ein Paroli zu bieten. Also, Sie gedenken auf meine Frage keine Antwort zu geben, ich erlaube Ihnen daher, sich niederzusetzen.

Der Vorsitzende begann darauf mit der Verlesung der in der Untersuchung gemachten Aussage des Hugo Schenk, die mit den Worten anfing: »Noch ehe ich mit den beiden Timal zu Ende war, machte Ich infolge einer Annonce die Bekanntschaft mit Theresia Ketterl.«

Vors.: Sie behaupten, daß Sie im Landgericht physisch und moralisch gequält worden sind? Worin bestanden standen diese Qualen?

Hugo Schenk: Schon bei meinem ersten Verhör im Polizeigebäude hat mir Polizeirat Breitenfeld auf Ehrenwort versprochen, daß er mir zwei bescheidene[172] Wünsche erfüllen werde. Er hat mir, wie gesagt, sein Ehrenwort gegeben, es aber schon am folgenden Tage gebrochen. Im Landgericht wiederholte ich diese Bitten, zwei kleine Bitten, die mich so sehr drückten.

Vors.: Was waren das für Bitten?

Hugo Schenk: Die eine war Verzeihung von den Personen zu bitten, die ich geschädigt habe; ich habe deshalb viele Nächte nicht geschlafen. Diese Bitte wurde mir aber nicht erfüllt, nicht einmal eine schriftliche Abbitte durfte ich machen.

Vors.: Und was war die zweite Bitte?

Hugo Schenk: Daß ich meine Biographie zum Besten meiner Frau herausgeben dürfe, damit sie meine Schulden bezahlen kann. Ich habe wochenlang die Nächte durchwacht, und jetzt hat man mir auch verboten, meine Biographie zu Ende zu schreiben. Gestern hat man mich sogar in eine Narrenzelle gesteckt.

Vors.: Wir haben hier keine Narrenzellen.

Hugo Schenk: O ja, die Zelle ist vollständig mit Strohsäcken ausgelegt.

Vors.: Damit die Mitglieder des Gerichtshofes nicht im unklaren bleiben, so erkläre ich: Die Verantwortung für die Qualen, die der Angeklagte erleidet, habe ich. Der Angeklagte hat sich angeblich bestrebt, Verzeihungen von den Personen zu erbitten, welche er geschädigt hat. Damit ist die überlebende Josefine Eder gemeint. Das ist eines derjenigen Mädchen, mit dem er mehrere Monate unter dem Vorgeben, daß er es heiraten wolle, gelebt hat. Dieses Mädchen hat er verleitet, die Dienstherrin zu bestehlen und das Gestohlene ihm zu geben. Josefine Eder wurde deshalb zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt. Hugo Schenk hat mich gebeten, mit dieser Eder verkehren zu dürfen. Ich habe erklärt und wiederhole: Ich gestatte einen Verkehr des Angeklagten mit der Eder unter keiner Bedingung. Hugo Schenk hat alsdann gebeten, der Eder schreiben zu dürfen. Ich habe darauf erwidert, daß eine Korrespondenz zwischen Personen, die sich in Haft befinden, unzulässig ist. Ich bin überzeugt, daß der Beweggrund des Angeklagten, er wollte die Eder um Verzeihung bitten, Heuchelei ist. Ich habe deshalb den Verkehr nicht gestattet. Die zweite Bitte, die Hugo Schenk bei seiner Einlieferung ins Landesgefängnis gestellt hat, war, ihm zu erlauben, seine[173] Memoiren zu schreiben. Diese Erlaubnis ist ihm erteilt worden, und zwar ganz ausnahmsweise, obwohl es sonst Sträflingen nicht gestattet ist, in der Zelle Schreibzeug zu besitzen. Hugo Schenk hat nun längere Zeit an seinen Memoiren gearbeitet und ungefähr vierzehn Bogen einer solchen angeblichen Biographie graphie geschrieben. Bei Erteilung dieser Erlaubnis wurde ihm von mir bzw. dem Chef dieses Hauses die Warnung zuteil, daß ihm, sobald er den geringsten Mißbrauch mit dem Schreibzeug treibe und irgendeinen Unterschleif nach außen begehe, die Begünstigung, Schreibzeug und Papier zu haben, entzogen werden wird. Hugo Schenk erklärte darauf auf Ehrenwort (Große Heiterkeit im Zuhörerraum), daß er von der Erlaubnis des Präsidiums dankbaren Gebrauch mache und sich verpflichte, keinen Versuch zu unternehmen, diese Erlaubnis zu umgehen. Das dauerte einige Wochen. Kurz vor der jetzigen Verhandlung wurde aber festgestellt, daß Hugo Schenk den Versuch unternommen hat, einen sehr langen Brief an die Emilie Höchsmann hinauszuschmuggeln. In diesem Briefe hatte er die Höchsmann gebeten, ihm Gift zu verschaffen, damit er sich dem irdischen Richter entziehen könne. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) Hier ist dieser Brief. Es ist unwahr, Angeklagter, daß Sie bestrebt waren, durch Ihre Memoiren Ihrer Frau einen Vorteil zuzuwenden. Diese Ihre Behauptung ist um so kühner, da Sie zu jeder Zeit bestrebt gewesen sind, nicht für Ihre Frau, sondern für Ihre letzte Geliebte, die Höchsmann, zu sorgen. Sie schreiben ausdrücklich, daß ein Teil des vermeintlichen Erlöses aus der Biographie der Höchsmann und ein Bruchteil Ihrer Frau gegeben werden soll.

Hugo Schenk: Die Hälfte meiner Frau, die Hälfte der Höchsmann.

Vors.: Warum geben Sie sich den Anschein, daß Sie in edelmütiger Weise für Ihre Frau sorgen wollen, das ist doch erlogen.

Hugo Schenk: Das steht doch aber hier.

Vors.: Sie haben über Ihre Memoiren disponiert, wie über einen Wertgegenstand, um den sich die Welt reißen wird. Ich erlaube mir mein Urteil über den literarischen Wert solcher Memoiren. Sie bilden sich ein, daß die Menschheit außerordentlich begierig sein wird, Ihre Memoiren[174] zu lesen – sie wird nicht in die Lage kommen, es zu sein, das kann ich Ihnen sagen. In diesem Briefe – ich würde von diesem schändlichen Schriftstück keinen Gebrauch gemacht haben, wenn Sie mich nicht hierzu genötigt hätten – in diesem Briefe schreiben Sie, daß Sie von dem Gift erst unmittelbar vor Ihrer angeblich erwarteten

Hinrichtung

Gebrauch machen werden. Sie fügen hinzu: »Welch ein Nimbus, wenn ich dem Henker entrinne und bis zum letzten Augenblick aushalten würde.« Also nicht Reue über Ihre Verbrechen, nicht der mindeste Grad von sittlicher Umkehr, sondern Sie sind bestrebt, sich vor der Welt als ein Mensch darzustellen, der von einem Nimbus umgeben ist. Sie sind so schlecht, daß Sie noch heute nichts anderes als Ihre grenzenlose Eitelkeit telkeit im Sinne haben. Noch heute haben Sie keine Spur von Reue über Ihre gräßlichen Verbrechen. Der Schmuggel, der mit diesem Briefe vollzogen wurde, und zwar durch einen Zellengenossen, dieser Mißbrauch der Ihnen erteilten Erlaubnis hatte zur Folge, daß Ihnen die weitere Benützung von Schreibmaterial untersagt und Ihren Memoiren in gründlicher Weise ein Ende gemacht wurde. Wenn Sie das als Grund angeben, um über den Fall Ketterl zu schweigen, so wird sich die Welt schon eine Meinung darüber bilden.

Es wurden alsdann die Angaben des Hugo Schenk, die er über die Ermordung der Ketterl beim Untersuchungsrichter gemacht hatte, verlesen.

Danach hatte Schenk erzählt:

Obwohl er die Ketterl in den Wald gelockt hatte, um sie zu ermorden, hatte er plötzlich den Mut verloren. Er habe daher die Ketterl veranlassen wollen, sich selbst zu erschießen. Er spielte ihr den ungeladenen Revolver in die Hände und veranlaßte sie, diesen gegen ihren Kopf abzudrücken. Das Mädchen überzeugte sich, daß das gefahrlos sei. Darauf entfernte sich Hugo Schenk auf einen Augenblick, lud schnell den Revolver und brachte, zu der Ketterl zurückgekehrt, das Gespräch wieder auf die Schießversuche. Er veranlaßte die Ketterl, den Revolver noch einmal an die Schläfe zu setzen und loszudrücken. Der Schuß ging los[175] und – Theresia Ketterl sank tot nieder. Der verruchte Mörder raubte darauf der Leiche alles, selbst das Hemd, und senkte den vollständig entkleideten Leichnam in einen nahebelegenen Fluß. Schenk hatte bei dem Untersuchungsrichter ferner erzählt: Ehe Theresia Ketterl tot war, geriet ich auf einen einsam gelegenen Weg. Als ich mich umwendete, wurde ich von einem Manne, der eine drohende Haltung gegen mich einnahm und mit einem dicken Stocke bewaffnet war, um Geld angesprochen. Ich sagte dem Mann: »Seien Sie ruhig, ich bin ebenfalls vom Geschäft.« Ich forderte den Mann auf, mit mir zu gehen«. Wir besprachen uns, gemeinsam ein Unternehmen auszuführen. Dieser Mann, mit Namen Karl oder Richard Wagner, wurde von mir zur Ermordung der Ketterl angeleitet.

Der Vorsitzende bemerkte hierbei: Hugo Schenk hat später auch diese Aussage als unrichtig bezeichnet. Die Erfindung des Namens Wagner sei offenbar dadurch zu erklären, daß Schenk damals in den Zeitungen gelesen hatte, ein Mann namens Wagner sei des Mordes an der Ketterl verdächtig. Der Angeklagte habe bei dem Untersuchungsrichter noch sehr viel von der Tätigkeit des Wagner berichtet, es ist aber nicht ein Wort davon wahr.

Vors.: Nun, Karl Schenk, wann haben Sie von der Ermordung der Ketterl erfahren?

Karl Schenk: Am 22. August.

Vors.: Von wem?

Karl Schenk: Von meinem Bruder.

Vors.: Er hat Ihnen von dem Morde erzählt, früher hatten Sie keinen Verdacht?

Karl Schenk (zögernd): Ja, als ich die Kundmachung gelesen hatte von dem verschwundenen Mädchen, die an den Straßenecken plakatiert war. Als ich aber las, daß der Mann, mit dem das Mädchen gesehen wurde, einen blonden Vollbart hatte, da sagte ich, das kann Hugo nicht gewesen sein.

Vors.: Und was hatte Ihnen Hugo am 22. August erzählt?

Karl Schenk: Ich erinnere mich nicht.

Vors.: Ich will Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Bei dem Untersuchungsrichter haben Sie angegeben – nun, wissen Sie es noch nicht –?

Karl Schenk: Nein.

Vors.: Hören Sie, Karl Schenk, Sie sind nicht nur sehr verschmitzt, sondern auch ganz unverständlich. Sie haben bei dem Untersuchungsrichter gesagt: Ihr Bruder[176] Hugo hat Ihnen erzählt: Er habe die Ketterl aufgefordert, mit dem Revolver zu spielen. Er habe alsdann den Revolver im geheimen geladen und darauf habe sie sich selbst erschossen.

Karl Schenk: Jawohl, das hat er mir erzählt.

Auf weiteres Befragen gab Karl Schenk zu, daß ihm sein Bruder Hugo bei diesem Zusammentreffen 30 Gulden, die, wie ihm sein Bruder sagte, er der Ketterl geraubt, gegeben habe.

Vors.: Hugo Schenk, sind Sie vielleicht jetzt geneigt, zu antworten?

Hugo Schenk: Ja.

Vors.: Das ist jedenfalls besser für Sie.

Rosa Keilwerth bekundete darauf als Zeugin: Sie habe die Ketterl oftmals mit einem Mann, der einen Vollbart trug, gesehen.

Vors.: Der Vollbart spielte bereits bei der Ermordung der Josefine Timal eine Rolle. Es ist daher anzunehmen, daß Hugo Schenk einen falschen Bart getragen hat.

Die folgende Zeugin, Frau Nader, bekundete: Sie habe die Ketterl oftmals mit Hugo Schenk zusammen gesehen. Eine innere Stimme sagte ihr, der Mann habe die Absicht, die Ketterl zu ermorden. Sie habe deshalb die Ketterl oftmals vor ihrem Liebhaber gewarnt.

Unter der größten Spannung der zahlreichen Zuhörer wurde alsdann Emilie Höchsmann, ein auffallend hübsches Mädchen, als Zeugin in den Saal gerufen. Hugo Schenk verriet nicht die mindeste Bewegung bei ihrem Eintritt.

Vors.: Wann haben Sie Hugo Schenk kennengelernt?

Zeugin: Am 26. April 1883.

Vors.: Auch durch eine Zeitungsannonce?

Zeugin: Jawohl.

Vors.: Als was hat er sich Ihnen vorgestellt?

Zeugin: Anfänglich als Ingenieur.

Vors.: Hat er sich Hugo Schenk genannt?

Zeugin: Ja.

Vors.: Was geschah dann?

Die Zeugin schwieg.

Vors.: Es ist mir peinlich, daß ich darauf zu sprechen kommen muß, wir werden uns aber wohl in geeigneter Weise verständigen. Nicht wahr, er hat Ihnen schon im Beginn Ihres Verkehrs gewisse Zumutungen gestellt. Er wollte Ihnen sogar einmal in einem Hotelzimmer Gewalt antun. Er hat dabei auch eine Mischung von Flüssigkeiten vorgenommen und gedroht, er werde mit dem Getränk, das er als Gift bezeichnete, sich das Leben nehmen, wenn Sie[177] nicht augenblicklich auf seine Wünsche eingehen?

Zeugin: Das ist richtig.

Vors.: Sie haben ihm trotzdem Widerstand geleistet und sind gegen vier Uhr morgens aus dem Hotel geflohen, ohne daß es Hugo Schenk gelungen war, Ihren Widerstand zu brechen. Sie begaben sich nach Hause. Ihre Eltern haben Ihr nächtliches Ausbleiben sehr auffällig gefunden?

Zeugin: Das ist alles richtig.

Vors.: Einige Tage darauf erhielten Sie einen Brief von einem angeblichen Professor Johann Schenk. In diesem zeigte Ihnen der angebliche Professor an: Sein Bruder Hugo habe sich in seinem Laboratorium durch Einatmen von giftigen Dämpfen verletzt. Dies sei aus Verzweiflung wegen des von Ihnen geleisteten Widerstandes geschehen?

Zeugin: Jawohl.

Vors.: Bald darauf erhielten Sie eine Karte von Hugo Schenk. Auf dieser stand: Ich hätte mir beinahe eine Karte ins Jenseits gelöst. Es ist mir aber gelungen, mich wieder aufzuraffen. Ich werde hoffentlich in kurzer Zeit wieder gesund werden.

Der Vorsitzende zeigte Hugo Schenk einen Brief, der an die Höchsmann gerichtet war und äußerte: Sehen Sie, Hugo Schenk, Sie waren in Weißkirchen, um die Josefine Timal in das Gevatterloch zu werfen. Währenddessen schrieben Sie an die Höchsmann, daß Sie morgen das Vergnügen haben werden, sie wiederzusehen. Am nächsten Tage besuchten Sie mit der Höchsmann das Theater an der Wien und am darauffolgenden Tage fuhren Sie mit der Höchsmann nach Melk. Auf dieser Reise haben sich Ihre Beziehungen zu der Höchsmann inniger gestaltet. Sie haben der Höchsmann erzählt: Sie seien

der Fürst Wilopolski, ein Nihilist,

auf dessen Kopf 20000 Gulden gesetzt seien. Sie haben einen reichen Onkel in Cincinnati, den Sie besuchen müssen, um 20000 Gulden zu beheben. Sie haben alsdann eine Reise unternommen, angeblich zu Ihrem Onkel, tatsächlich aber, um die Katharina Timal, die Tante der Josefine Timal, zu ermorden. (Zur Zeugin): Hat Hugo Schenk damals Geld mitgebracht?

Zeugin: Er brachte 500 Gulden, sagte aber, der Onkel habe nichts gegeben.

Vors.: Haben Sie selbst auch einiges Vermögen besessen?

[178] Zeugin: Nicht ganz 600 Gulden.

Vors.: Davon haben Sie Schenk einmal 200 Gulden gegeben?

Zeugin: Ja.

Vors.: Am Abende des Tages, an dem die Ketterl ermordet wurde, soll Hugo Schenk zurückgekommen sein und gesagt haben: er habe den Tag über schwer gearbeitet und habe großen Hunger. Hugo Schenk hat auch an jenem Abend das Doppelte gegessen, was sonst ein Mensch zu essen pflegt, nämlich zwei Lungenbraten.

Zeugin: Jawohl.

Vors.: Hugo Schenk packte Juwelen aus, schenkte Ihnen einige und sagte Ihnen: Sie seien vom Prinzen Reuß?

Zeugin: Jawohl.

Auf weiteres Befragen erzählte die Zeugin: Sie sei mit Schenk nach Stettin gefahren. Später sei sie nach Breslau bestellt worden. Dort habe ihr Schenk unter allerlei Vorspiegelungen die Pretiosen der Ketterl weggenommen. Sie (Zeugin) sei alsdann nach Salzburg übergesiedelt, dort habe sie Schenk zweimal besucht.

Vors.: Während Hugo Schenk dieses Fräulein in Salzburg sitzen hatte, saß die Josefine Eder mit ihm in Linz und die Ferenczy ebenfalls irgendwo, er mußte daher jeder Geschäftsreisen vorschwindeln. Nun sagen Sie, Zeugin: Wann sagte Hugo Schenk:

Der Kaiser von Rußland

wäre froh, wenn er das besäße, was er in der Tasche habe? (Heiterkeit im Zuhörerraum.)

Zeugin: Ende Oktober 1883.

Vors.: Er zeigte nämlich auf die Tasche. Da er gesagt hatte, daß er Nihilist sei, so konnte man glauben, er meinte: der Kaiser von Rußland sei froh, die geheimen Papiere zu haben, die in der Tasche sind.

Der Vorsitzende zeigte darauf Schmuckgegenstände, die Hugo Schenk seiner Familie geschenkt hatte. Darunter befanden sich Pretiosen, die der ermordeten Ketterl geraubt waren, vier Dukaten, die er der Josefine Eder gestohlen hatte und ein falscher Trauring, den er der Höchsmann geschenkt hatte.

Der Vorsitzende erklärte darauf, daß die Vernehmung mung der Höchsmann beendet sei und forderte sie auf, den Saal wieder zu verlassen.

Die Höchsmann erhob sich vom Stuhle und wankte auf Hugo Schenk zu, um ihm die Hand zum Abschied zu reichen.

Vors. (mit erhobener[179] Stimme): Treten Sie ihm nicht näher, hüten Sie sich vor der Berührung mit diesem Manne.

Die Höchsmann begann zu weinen, sie stürzte mehr als sie ging aus dem Saale.

Die Zuhörer waren aufs äußerste erregt. Der Vorsitzende unterbrach auf kurze Zeit die Sitzung.

Nach Wiedereröffnung der Verhandlung erbat sich Hugo Schenk das Wort: Herr Präsident, ich muß erklären, daß meine Angabe bezüglich des Selbstmordes der Ketterl falsch ist. Wagner hat die Ketterl ermordet. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Vors.: Sie wußten aber, daß Wagner die Ketterl ermorden wollte?

Hugo Schenk: Nein, ich wußte nichts davon.

Der Vorsitzende hielt Hugo Schenk eine Anzahl Widersprüche vor, woraus die Unglaubwürdigkeit dieser veränderten Angabe hervorging.

Es wurde alsdann zur Verhandlung des Falles

Josefine Eder

geschritten. Im Oktober 1883 wurde Hugo Schenk durch eine Zeitungsannonce mit dem Stubenmädchen Josefine Eder und Rosa Ferenczy bekannt. Es gelang ihm, die Eder zur Begehung von Diebstählen anzuhalten. Er spiegelte der Eder vor, er wolle sie heiraten. Er habe eine Fabrik gekauft, er brauche aber zum Betrieb der Fabrik Geld, dies wolle er sich durch Diebstähle beschaffen. Die Eder, ein sehr hübsches Mädchen – sie war Stubenmädchen bei einer sehr reichen, alleinstehenden adligen Dame – war in Hugo Schenk sterblich verliebt. Sie ließ sich sehr bald bewegen, ihre Herrin zu bestehlen und noch mehrere andere Diebstähle auszuführen. Sie wurde geradezu ein willenloses Werkzeug in den Händen Hugo Schenks. Diesem Umstande hatte sie es aber zweifellos zu verdanken, daß sie nicht ebenfalls auf die Proskriptionsliste der zu Ermordenden gesetzt wurde. Eines Tages wurde Josefine Eder bei einem Diebstahl ertappt und zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Unter großer Spannung des Publikums wurde Josefine Eder als Zeugin in den Saal geführt. Der Vorsitzende ließ ihr, mit Rücksicht auf ihren leidenden Zustand, einen Sessel bringen. Sie erzählte auf Befragen des Vorsitzenden, in welcher Weise sie mit Hugo[180] Schenk bekannt geworden sei und wie dieser sie zu den Diebstählen verleitet habe. Der Vorsitzende machte der Zeugin in milden Worten den Vorwurf, daß sie nicht rechtzeitig ein volles Geständnis abgelegt habe.

Die Zeugin erzählte darauf mit weinender Stimme: Sie sei grundehrlich gewesen, ihr Unglück war, daß sie Hugo Schenk kennengelernt hatte, da sie in ihn sterblich verliebt gewesen sei. Hugo Schenk habe ihr die Ehe versprochen und sie bestürmt, ihm Geld zu verschaffen, da er das zur Fortführung einer Fabrik benötige. Deshalb habe sie sich zu den Diebstählen verleiten lassen, wofür sie jetzt drei Jahre schwere Kerkerstrafe verbüßen müsse.

Alsdann wurde die

Ermordung der Rosa Ferenczy

erörtert. Hugo Schenk äußerte auf Befragen des Vorsitzenden: Die Ferenczy habe in der Nibelungengasse in Diensten gestanden, sie sei aber ihm zuliebe aus dem Dienst getreten. Er habe die Ferenczy in Altmannsdorf bei Frau Hotze eingemietet und sie als seine Schwester ausgegeben. Er hatte anfänglich nicht den Plan, die Ferenczy zu ermorden. Schlossarek habe jedoch sehr bald gedroht, er werde Anzeige erstatten, so daß alle drei am Galgen werden sterben müssen, wenn nicht sehr bald wieder etwas unternommen werde. Das »Geschäft« habe sich aber verzögert, da die Ferenczy ein Dokument, das zur Behebung des Sparkassenbuches notwendig war, verloren hatte und die Amortisation mehrere Monate in Anspruch nahm. Er gelangte erst am 21. Dezember 1883 in den Besitz des Dokuments. Die Empfangsbestätigung beim Notar unterschrieb er mit »Franz Richter«.

Vors.: Wann faßten Sie den Entschluß, die Ferenczy zu ermorden?

Hugo Schenk: Ich hatte der Ferenczy gesagt, daß ich sie im Dezember heiraten werde. Schließlich erklärte sie: Sie wolle nicht mehr länger warten. Ich wußte infolgedessen nicht mehr recht aus, deshalb reifte in mir der Plan, das Mädchen zu ermorden.

Vors.: Hatte Ihr Bruder Karl davon Kenntnis?

Hugo Schenk: Jawohl, wir hatten vorher gemeinschaftlich nach einer geeigneten Mordstätte gesucht.

[181] Wir fuhren zunächst nach Olmütz und Prerau. Karl sagte aber: In Preßburg gibt es Wasser in Hülle und Fülle, deshalb beschlossen wir nach Preßburg zu fahren und dort die Mordtat auszuführen. Ich fuhr nach Wien zurück. Kaufte mir eine Hacke und Draht, veranlaßte die Ferenczy, ihre Koffer zu packen und mit mir zu fahren.

In Preßburg angekommen, begaben wir uns in ein Gasthaus. Sehr bald entfernte ich mich mit meinem Bruder; wir ließen die Ferenczy allein. Nach etwa einer Stunde kamen wir zurück. Ich speiste mit dem Mädchen. Alsdann begaben wir uns alle drei auf den Weg. Es war schon finster. Ich hatte in meiner Tasche einen Revolver und eine kleine Laterne. Inzwischen hatte sich auch Schlossarek uns angeschlossen. Ich ging voraus, die Ferenczy in der Mitte. So kamen wir zu der Stelle, die wir uns als Mordstätte ausgesucht hatten.

Vors.: Am rechten Donauufer?

Hugo Schenk: Jawohl. Der Weg führte weit vom Ufer dahin. Bis zum Wasser hätten wir ohnehin wegen der steilen Böschung nicht gelangen können. Die Sache mußte deshalb auf dem Wege abgemacht werden. Das Gebüsch zog sich bis zum Ufer hin. Ich ging voraus. Plötzlich hörte ich einen Schlag und sah die Ferenczy zur Erde fallen. Schlossarek hatte ihr mit der Hacke einen Schlag auf den Kopf gegeben. Darauf zog ich meinen Revolver aus der Tasche, spannte den Hahn und stellte mich unter einen Baum.

Vors.: Wozu taten Sie das?

Hugo Schenk: Wir mußten auf eine Überraschung gefaßt sein, deshalb bereitete ich mich zur Verteidigung vor. Ich sah, daß Schlossarek dem Mädchen mit Gewalt die Kleider aufriß und die Taschen durchsuchte, denn – ja ich hatte vergessen, zu sagen, ich hatte Schlossarek den Auftrag gegeben, die goldene Uhr und das Geld der Ferenczy zu rauben. Schlossarek versetzte der Ferenczy noch mehrere Schläge auf den Kopf. Alsdann zog er sie über die Böschung. Ich glaube, ich hörte da auch noch Schläge. Darauf brachte mir Schlossarek das Kleid der Ermordeten mit den Worten: Überzeuge dich, in dem Kleide ist keine Uhr. Ich versetzte: Die Uhr muß doch aber da sein. Schlossarek sarek lief hinunter, ich hörte wiederum Schläge, Schlossarek[182] kam jedoch mit leeren Händen zurück. Da Schlossarek die Leiche nicht ins Wasser stoßen konnte, so hieb er einen jungen Baum ab und stieß damit die Leiche ins Wasser. Er hatte der Leiche zuvor noch die goldenen Ohrgehänge abgenommen. Ich hatte ihm gesagt: Die Ohrgehänge mußt du mir zum mindesten bringen. Ich zündete darauf die kleine Laterne an; damit suchten wir hundert Schritt zurück den Weg ab, ob die Ferenczy nicht vielleicht im Gehen etwas verloren habe. Wir fanden aber nichts.

(Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Am dritten Verhandlungstage stierte Hugo Schenk fast unaufhörlich auf einen Punkt der Estrade vor dem Gerichtstisch.

Es wurde nunmehr Schlossarek über die Ermordung der Ferenczy vernommen. Vors.: Ist es richtig, Schlossarek, daß Sie Hugo Schenk von neuem gedrängt haben, Geld zu verschaffen?

Schlossarek: Ich suchte Arbeit und fand keine. Ich brauchte aber Geld, um einen versetzten Koffer auszulösen. Deshalb bat ich Hugo Schenk in einem Briefe, mir Geld zu schicken. Ich habe allerdings Hugo Schenk zunächst ersucht, mir Arbeit zu verschaffen. Ich konnte aber keine Arbeit bekommen, weil mein letztes Zeugnis nicht in Ordnung war. Da schrieb ich an Karl Schenk, ich könne seines Bruders Hugo wegen keine Arbeit bekommen; es wäre deshalb besser gewesen, ich hätte Anzeige bei der Polizei gemacht.

Vors.: Das ist allerdings eine kleine Erpressung, wenn Sie mit der Anzeige drohen.

Schlossarek: Ich wollte nur Arbeit haben.

Im weiteren Verlauf bemerkte Schlossarek: Zwischen Hugo und Karl Schenk habe eine

Geheimschrift

bestanden.

Vors.: Spuren einer solchen Geheimschrift kommen allerdings im Notizbuch Hugo Schenks vor.

Ferner erzählte Schlossarek auf Befragen des Vorsitzenden: Hugo Schenk habe ihm von der Bekanntschaft mit der Rosa Ferenczy Mitteilung gemacht und gesagt: Es sei ein Geschäft zu machen, bei dem 450 Gulden herausschauen. Später habe Hugo Schenk erzählt: Die Ferenczy sei bis über die Ohren in ihn verliebt und dränge ihn zur[183] Heirat. Er müsse das Mädchen deshalb »beseitigen«. Es empfehle sich aber, zu warten, bis das Mädchen ihre Ersparnisse ausgezahlt erhalte, damit sich der Mord wenigstens lohne. (Große Bewegung im Zuhörerraum.)

Im weiteren schilderte Schlossarek die Auskundschaftung der Örtlichkeit, auf der der Mord vorgenommen werden sollte. Sie seien von Preßburg aus am linken Donauufer entlang gegangen, bis sie in die Nähe eines alten Schlosses kamen. Dort ließen sie sich von einem Kahnführer übersetzen. Alsdann seien sie am rechten Donauufer abwärts gegangen bis zu einem Platze, den Hugo Schenk als zur Mordtat geeignet bezeichnete. In derselben Weise hatten sie einige Zeit vorher in Melk einen Platz bestimmt, sie gaben ihn aber schließlich auf, weil Hugo Schenk ihn nicht für geeignet hielt.

Vors.: Ganz richtig. Hugo Schenk hat dem Juwelier Latzinger in Melk einen Diamantring übergeben, damit er für den echten Stein einen unechten einsetze. Das fiel dem Juwelier auf. Er benachrichtigte den Adjunkten Ullrich. Letzterer verlangte von Hugo Schenk einen Ausweis. Da Schenk eine Dauerkarte auf »Ingenieur Schenk« lautend vorzeigte, so hatte der Adjunkt keine Veranlassung zu einem amtlichen Vorgehen.

Schlossarek erzählte ferner auf Befragen des Vorsitzenden: Wir haben alsdann am folgenden Tage frühzeitig die Ferenczy abgeholt und sind mit ihr gegen Mittag nach Preßburg gefahren.

Vors.: Als was wurden Sie von Hugo Schenk der Ferenczy vorgestellt?

Schlossarek: Als guter Bekannter.

Vors.: Sie trugen die Hacke während der ganzen Fahrt im Sacke?

Schlossarek: Jawohl. Wir kamen gegen fünf Uhr nachmittags im Gemeindeposthaus zu Wolfsthal an. Hugo Schenk rief mich hinaus und gab mir Anweisungen. Er war der Ansicht, er werde mit dem Revolver nicht schießen können, weil ein Jägerhaus in der Nähe war.

Vors.: Man hätte also im Jägerhaus den Schuß hören können?

Schlossarek: Jawohl.

Vors.: Es soll im übrigen in einem nahe belegenen Privathaus zur Zeit des Mordes ein langandauerndes Hilfegeschrei gehört worden sein. Die Hunde bellten, und es war eine große Unruhe. Die Leute trauten sich[184] aber nicht, nachzuschauen.

Schlossarek: Wir brauchten eine volle Stunde, um den Platz zu finden, den wir uns zur Mordtat ausgesucht hatten. Die Ferenczy ging etwa zehn Schritt vor uns. Hugo Schenk fuchtelte mit dem Revolver herum und gab mir alsdann das Zeichen. Ich versetzte dem Mädchen mit der Hacke einen heftigen Schlag auf den Kopf. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) Das Mädchen fiel auf seine Hände. Ich warf die Hacke weg, um einen Stein zu suchen. Währenddessen ergriff Hugo Schenk die Hacke und schlug das Mädchen einige Male heftig auf den Kopf.

Vors.: Und als Sie vom Steinsuchen zurückkamen?

Schlossarek: Da war das Mädchen bereits tot. Hugo Schenk und ich untersuchten die Leiche; wir wollten ganz besonders die goldene Uhr haben, wir konnten sie aber nicht finden.

Der Vorsitzende ließ ein Bündel Sachen öffnen und zeigte, unter großer Bewegung des Publikums, das schwarze Kleid der ermordeten Ferenczy mit dem Bemerken vor: Schlossarek, Sie müssen an der Leiche stark gerissen haben, denn es fehlen an diesem Kleide alle Knöpfe und Heftel. Diese Kleider wurden in der Nähe des Tatortes im Wasser gefunden, eigentümlicherweise aber nicht die Leiche.

Schlossarek: Hugo Schenk hat mir sehr zugeredet, die Ohrgehänge der Ferenczy an mich zu nehmen. Er beauftragte mich auch, das Tuch der Ferenczy zu nehmen, und es beim Abhobeln der Blutspuren auszubreiten. Hugo Schenk sagte weiter: Er werde die Ohrgehänge der Ferenczy seiner Frau zum Andenken geben. Morgens gegen drei Uhr fuhren wir nach Wien zurück. Wir stiegen bei der Mariahilfer-Linie ab und begaben uns direkt in die Wohnung des Karl Schenk.

Staatsanwalt: Hat die Ferenczy, als Sie ihr den ersten Schlag versetzten, geschrien?

Schlossarek: Nein, sie gab keinen Laut von sich.

Staatsanwalt: Schrie die Ferenczy, als sie von Hugo Schenk auf den Kopf geschlagen wurde?

Schlossarek: Ich habe nichts gehört.

Staatsanwalt: War die Ferenczy nach dem ersten Schlage tot?

Schlossarek: Sie rührte sich nicht mehr, wahrscheinlich scheinlich hatte der erste Schlag mit der Hacke auf den Kopf bereits tödlich gewirkt.

[185] Staatsanwalt: Hugo Schenk, halten Sie Ihre Behauptung aufrecht, daß Sie die Ferenczy nicht geschlagen haben?

Hugo Schenk: Jawohl, das behaupte ich, ich habe die Ferenczy nicht im geringsten geschlagen.

Staatsanwalt: Wo war die Hacke?

Schlossarek: Ich trug sie in der Rocktasche. Nach der Tat warf ich die Hacke ins Wasser.

Karl Schenk bestritt auf Befragen des Vorsitzenden, daß er an dem Mord der Ferenczy beteiligt gewesen sei, er gab aber schließlich nach längerem Zögern zu, daß er in der Voruntersuchung gesagt, er habe auf Befragen seines Bruders Hugo zu diesem geäußert: Es gibt in Preßburg eine Anzahl geeigneter Plätze und auch viel Wasser. Nachdem ihm sein Bruder mitgeteilt hatte, daß die Ferenczy ermordet worden sei, habe er im Auftrage seines Bruders die Sachen der Ferenczy versetzt.

Darauf wurde Kaufmann Franz Posar als Zeuge vernommen: Die ermordete Rosa Ferenczy sei längere Zeit bei ihm Stubenmädchen gewesen. Eines Tages habe ihm das Mädchen mit freudigem Gesicht erzählt: Sie habe einen Zivilingenieur, namens Hugo Schenk, kennengelernt, dieser wolle sie heiraten. Auf Wunsch des Mädchens habe er über den Ingenieur Erkundigungen gungen eingezogen. Er habe sowohl von einem Auskunftsbureau als auch von privater Seite die beste Auskunft erhalten. Gesehen habe er den Bräutigam nicht. Die Ferenczy habe ihn geschildert als einen Mann mit Augengläsern und rötlich-blondem Bart.

Staatsanwalt: Hugo Schenk, haben Sie Augengläser getragen?

Hugo Schenk: Bisweilen.

Vors.: Sie haben vorzügliche Augen, Sie haben also die Gläser nicht getragen, um Ihre Augen zu schärfen?

Hugo Schenk: Nein.

Dienstmädchen Leopoldine Poporie, die mit der Ferenczy zusammen bei Posar gedient hatte, bekundete: Die Ferenczy war ein sehr melancholisches und leicht aufgeregtes Mädchen. Sie erzählte ihr freudigen Gemüts von ihrem Bräutigam, dem »hübschen Ingenieur«.

Frau Hotze: Hugo Schenk hatte, angeblich für seine Schwester, bei ihr ein Zimmer gemietet und sie ersucht, seine Schwester soviel als möglich zu erheitern, weil sie trauriger Gemütsstimmung sei. Diese angebliche Schwester[186] war die ermordete Ferenczy. Diese erzählte ihr: Schenk sei Direktor einer Eisenbahn und werde sie sehr bald heiraten. Das Mädchen schien Schenk ungemein zu lieben. Als er einmal längere Zeit ausblieb, war das Mädchen ganz verzweifelt. felt. Am 25. Dezember 1883 erhielt das Mädchen von Schenk ein Telegramm aus Urfahr. In diesem teilte Schenk mit, daß er wegen Zugverspätung erst am nächsten Tage nach Wien kommen könne. Am 26. Dezember kam auch Schenk und brachte dem Mädchen ein Armband aus weißen Perlen mit.

Vors.: Hugo Schenk, dies Armband hatte die Eder auf Ihre Veranlassung dem Fräulein Malfatti entwendet?

Hugo Schenk: Jawohl.

Vors.: Vier Tage nach der Ermordung der Ferenczy hatten Passanten an der Mordstelle Blutspuren bemerkt. Es wurde infolgedessen von einer Gerichtskommission ein Augenschein vorgenommen. Es wurden Knöpfe von Frauenkleidern, Korallen, ein Schleier, ein brauner Stoffregenschirm und andere Dinge mehr aufgefunden. Später wurde der Rock und die Tunika der Rosa Ferenczy aus der Donau gefischt. Ich muß noch erwähnen, daß Hugo Schenk noch mit vielen anderen Mädchen in Korrespondenz getreten ist. Es liegen dem Gericht Briefe von acht Mädchen vor. Eine Generalswitwe wollte einem bekannten Mädchen einen Bräutigam verschaffen. Infolge einer Annonce meldete sich Hugo Schenk. Dieser unterschrieb die meisten seiner Liebesbriefe mit »Karl Schlossarek, Ingenieur«. Im September 1883 korrespondierte Hugo Schenk mit einem Fräulein Therese Zimmermann. Dieser hatte er sich als Ingenieur Jenik vorgestellt. Als Chiffre gab Hugo Schenk an: »O.K. 35. Salzburg, poste restante.«

Ich will diese Briefe, die fast alle vom Dezember 1883 datieren, nicht vorlesen, denn das Publikum müßte dabei zuviel lachen. Ein von Hugo Schenk an Maria Spitaler gerichteter Brief beginnt mit den Worten: »Sehr verehrtes Fräulein! Ich anfrage hiermit, ob es Ihnen möglich sei« usw.

Vors.: Hugo Schenk, ist es richtig, daß Sie am Tage nach der Ermordung der Ferenczy mit Franziska Heider im Hotel Fuchs in Fünfhaus übernachtet haben?

Hugo Schenk: Jawohl.

Vors.: Sie haben oftmals unmittelbar[187] nach vollführten Morden mit Mädchen übernachtet?

Hugo Schenk: Ja. Ich muß hierbei bemerken, ich habe viele Mädchen kennengelernt und hätte noch viele beseitigen können. Franziska Heider hätte ich mit größter Leichtigkeit beseitigen können. Ich habe mich aber zu Ermordungen nur entschlossen auf ausdrückliches Drängen Schlossareks.

Verteidiger R.-A. Dr. Swoboda beantragte, ein Schriftstück zu verlesen, aus dem sich die erbliche Belastung Hugo Schenks ergeben werde.

Der Gerichtshof beschloß nach kurzer Beratung, den Antrag abzulehnen, da es sich lediglich um den Bericht eines Gendarmeriewachtmeisters über von diesem gemachte Wahrnehmungen handle. Das sei aber für die Beurteilung der Sache vollständig gleichgültig.

Der Vorsitzende erklärte darauf die Beweisaufnahme für geschlossen und erteilte das Wort dem Staatsanwalt Dr. v. Pelser: Hoher Gerichtshof! Die Stimme des Gewissens, die ein gütiger Schöpfer in jedes Menschen Brust gelegt, sie soll zugleich der Schutzgeist sein, der ihn begleitet auf allen seinen Lebenswegen von der Wiege bis zum Grabe. Glücklich derjenige, der stets williges Gehör der Stimme des Gewissens geschenkt hat, denn er kann sein Haupt zur Ruhe legen mit dem Bewußtsein, kein Unrecht verübt zu haben. Traurig das Los desjenigen, der die Stimme des Gewissens früher oder später übertäubt, und unaufhaltsam rollt er weiter auf der Bahn des Lasters und Verderbens. Nur selten geschieht es, daß in einer solchen Situation sich eine rettende Hand findet, welche ein derartiges Geschöpf zurückreißt von dem Rande des Abgrundes. Zu diesen selten bevorzugten, ja, ich möchte sagen, begnadeten Menschen zählt der Angeklagte Hugo Schenk. Vor kaum Jahresfrist hat er die Strafhaft verlassen, und als ein zweiter Schutzgeist ist seine Frau hervorgetreten und hat mit einer Großmut, die ihresgleichen sucht, Opfer gebracht, um ihm den Weg zur ehrlichen Existenz zu bieten. Mit dem gröbsten Undank hat der Angeklagte diesen Edelsinn vergolten. In wenigen Stunden wird zweifellos der Gerichtshof es aussprechen, daß die unglückliche Wanda Schenk nicht bloß die Gattin eines Verbrechers, sondern die Gattin eines[188] vierfachen Raubmörders geworden ist. Deshalb aber ist es Pflicht, es an diesem Platze auszusprechen, daß dieses bedauernswerte Weib nicht die mindeste moralische Schuld für die Verkommenheit ihres Mannes trifft, daß ihr Dank und Anerkennung von seiten der menschlichen Gesellschaft dafür gezollt werden sollte, daß sie durch ihre Großmut die Gesellschaft vor einer verbrecherischen Tätigkeit ihres Mannes bewahren wollte. Es schien wie eine Blasphemie, als gestern der Angeklagte erklärte, er habe von dem Erträgnisse seiner Biographie seine Gattin schadlos halten wollen. Er möge seine Hände vom Blut reinigen, wenn es ihm gelingt.

Wanda Schenk verzichtet heute durch meinen Mund auf einen solchen Ersatz. Noch ehe Schenk die Strafanstalt verlassen, hatte er seinen Bruder Karl und Schlossarek von seiner Ankunft signalisiert. Ich glaube, Hugo Schenk ist zur Genüge gekennzeichnet, daß er sich mit Schlossarek zu gemeinsamer Arbeit verband, daß er seine verbrecherischen Unternehmen nach dem Einkommen und den Spesen abschätzte, insbesondere, daß er seine Befriedigung ausdrückte, daß das erste blutige Opfer seiner Tat bei der Abschlachtung nur geringe Spesen verursacht hatte. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) Wenn ich nun zur Charakterisierung des Angeklagten Schlossarek übergehe, so muß ich sagen: der ist der Mann, der zu allem fähig ist. Er verließ einen Erwerb mit einem Wochenlohn von 7 Gulden und verband sich mit Hugo Schenk zur Begehung von Raubmorden. Um das Maß des Verschuldens vom moralischen Gesichtspunkte aus noch voller zu machen, streckte er seine blutbefleckte Hand der zukünftigen Lebensgefährtin entgegen. Die menschliche Gesellschaft wird es das arme Weib nicht entgelten lassen, daß es die Frau eines blutbefleckten Mörders ist, zumal sie ihren Gatten auf einen besseren Weg leiten wollte. Da sie ihm deshalb unbequem wurde, faßte dieser herzlose Mensch den ruchlosen Plan, sein Weib mit dem Kinde unter dem Herzen zugleich aus dem Leben zu schaffen. Bezüglich des dritten Angeklagten steht es fest, daß seine ehrliche Existenz, sein redlicher Erwerb ihn nicht abzuhalten vermochten, in so grauenhafter Weise die Bahn des Verbrechens[189] zu betreten. Wir haben wiederholt von der Notlage des Karl Schenk sprechen hören. Dieser Mann hat seinen Unterhalt von dem Gelde bestritten, das von der gräßlichen Ermordung der Katharina Timal herrührte. Die menschliche Gesellschaft kann sich glücklich preisen, daß sie durch rechtzeitige Festnahme der drei Angeklagten bewahrt wurde von der Fortsetzung der verbrecherischen Tätigkeit dieser drei Unholde.

Der Staatsanwalt behandelte alsdann die einzelnen Anklagefälle. Er äußerte sein Bedauern, daß der überfallene Podbera nicht eine Waffe bei sich hatte, mittels deren es ihm vielleicht gelungen wäre, Schlossarek zu töten. Das wäre zweifellos zum Wohle der menschlichen Gesellschaft und zum Wohle des Schlossarek selbst geschehen. Hugo Schenk hatte auf dem Gebiete der Heiratsschwindeleien traurige Erfahrungen gemacht. Er beschloß deshalb, seinen Opfern Geld und Leben zu rauben. Vom Standpunkt der Anklage ist es gleichgültig, ob Hugo Schenk nicht selbst Hand angelegt hat. Es ist doch jedenfalls tätige Mitwirkung, wenn er ein Opfer zur Nachtzeit eskortiert an eine einsame Stelle und dies alsdann auf seine ausdrückliche Veranlassung erwürgt wird. Ohne Hugo Schenk wären derartige Verbrechen überhaupt nicht durchführbar gewesen. Die Hauptrolle in allen diesen Fällen, abgesehen von den direkten brutalen Gewalttaten, hat immer Hugo Schenk gespielt. Ich erachte es als zweifellos festgestellt, daß Hugo Schenk selbst mit einem Messer der Katharina Timal den Hals durchschnitten hat. Karl Schenk hat bei diesem allerschrecklichsten Morde selbst mit Hand angelegt. Während dem bedauernswerten Mädchen der Hals durchschnitten wurde, hat Karl Schenk es an Händen und Füßen festgehalten und es alsdann zum Absturz geschleift. Wenn nicht schon die beiden schrecklichen Morde am Gevatterloch und bei Pöchlara vorausgegangen wären, dann könnte man sagen: es ist vielleicht doch möglich, daß die Ketterl den Revolver auf sich selbst angelegt hat. Allein es entsteht die Frage: Woher kam bei Hugo Schenk plötzlich die Scheu vor eigener Tat? Warum gerade gegenüber der Theresia Ketterl diese Rücksicht? Weshalb an ihr der Mord in Glacéhandschuhen? Nehmen[190] wir an, die Ketterl hat wirklich mit dem Revolver gespielt und Hugo Schenk hat ihr die Anleitung gegeben, wie man sich am besten erschießt, daß er den Revolver heimlich geladen und ihn alsdann wieder der Ketterl übergeben, so daß sie im tödlichen Spiele sich das Leben genommen hat, so ist das doch nichts anderes als ein meuchlerischer Raubmord. Theresia Ketterl war alsdann das unbewußte Werkzeug seines Willens, Hugo Schenk aber war der Täter. Daß ein fremder Mann, namens Karl Wagner, die Ketterl ermordet hat, ist absolut unwahr. Vier Zeugen haben gesehen, daß Hugo Schenk mit der Ketterl auf die »Sternleiter« ging. Hugo Schenk war bestrebt, sich die Bahnkarte Wörgl – Wien zu verschaffen. Diese Karte sollte in der Tasche des ermordeten Opfers gefunden werden, damit der Anschein erweckt werde, die Ketterl sei aus anderer Gegend gend gekommen und habe einen Selbstmord verübt. Am Tage nach der Ermordung der Ketterl hatte Hugo Schenk alle Habseligkeiten des unglücklichen Opfers im Besitz. Er schmückte damit sein lebendes Opfer, die Emilie Höchsmann. Hugo Schenk wollte alsdann nach Amerika auswandern, um dort ein – schlechteres war nicht möglich – aber vielleicht ein besseres Leben zu beginnen. Wenn er 500 Gulden dem angeblichen Wagner gegeben hätte, dann wären ihm noch 16-1700 Gulden für Gründung einer anderen Existenz geblieben. Das ist jedoch unwahr. Er hat, stolz auf das letzte Gelingen, sofort neue Bekanntschaft mit Josefine Eder und Rosa Ferenczy angeknüpft.

Die Eder hat diese Bekanntschaft mit Freiheit und Ehre, die Ferenczy mit dem Leben gebüßt. Hugo Schenk ist geständig, daß er die Eder verleitet hat, ihre Dienstgeberin. Freiin v. Malfatti, zu bestehlen. Schlossarek behauptet, Hugo Schenk habe die Ferenczy durch Schläge mit der eisernen Hacke auf den Kopf getötet, Hugo Schenk behauptet dagegen, das habe Schlossarek getan. Ich bin der Ansicht, daß diesen Mord beide gemeinsam begangen haben. Der Staatsanwalt schloß: Ich habe alles erwähnt, was zur Beurteilung der Sachlage dienen konnte. Ich habe nicht länger bei den düsteren Bildern verweilt, als notwendig war. Können wir doch die bedauernswerten Opfer nicht[191] wieder zum Leben zurückrufen, die heute aus lichten Himmelshöhen auf uns herabschauen. Wir können auch die lebenden Opfer nicht schadlos halten für die Verluste an Ehre, Freiheit und Vermögen, die sie durch die Verbindung mit den Angeklagten erlitten haben. Wir müssen auch darauf verzichten, die Stimme des Gewissens wachzurufen in der Brust dieser Männer mit Tigerherzen. Aber eins können und müssen wir tun. Wir müssen die Angeklagten richten nach der vollen Größe ihrer Schuld, sie strafen nach der vollen Strenge des Gesetzes. Meine Herrn Richter! Sprechen Sie die Angeklagten in vollem Umfange der Anklage schuldig und sprechen Sie es aus, daß die Angeklagten als Sühne für ihre verbrecherische Tätigkeit das verwirkt, was sie bei ihren Mitmenschen so gering geachtet haben, das Leben.

Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Swoboda (für Hugo Schenk): Ich bin in der Lage, mich sehr kurz fassen zu können, zumal mein Klient, Hugo Schenk, schon vor Beginn der Verhandlung von der öffentlichen Meinung gerichtet war. Hugo Schenk ist zweifellos ein arger Verbrecher, allein der Beweis, daß er eigenhändig gemordet hat, ist ihm nicht bewiesen worden. Ein so verruchter Verbrecher wie Schlossarek kann unmöglich für glaubwürdig erachtet werden. Hugo Schenk hatte im Alter von zehn Jahren den Vater verloren, die Mutter hatte für neun unerwachsene Kinder zu sorgen. Es fehlte dem Angeklagten wohl nicht an Unterricht, wohl aber an Erziehung. Er ist zweifellos ein psychologisches Rätsel. Heute macht er Gedichte, morgen mordet er. Schon im Kerker träumte er von einem Nimbus, mit dem seine Person umgeben sei. Der Angeklagte ist jedenfalls ein ganz sonderbarer Charakter. Seine verbrecherischen Taten können Kriminalpsychologen Anlaß zu einer Untersuchung geben. Ich bin der Ansicht, so verrucht auch die Taten Hugo Schenks waren, so sind alle mildernden Umstände doch noch nicht ausgeschlossen, denn ich behaupte, ohne Schlossarek hätte es keinen Hugo Schenk gegeben.

Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Lichtenstein (für Schlossarek: Die Anklageschrift schildert treffend, wie Hugo[192] Schenk seine Opfer, bevor er sie ermordete, zu willenlosen Geschöpfen machte, die ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit vertrauensvoll folgten. Zu einem blindgefügigen Werkzeug hat Hugo Schenk auch Schlossarek gemacht, einen Menschen, in dem der Keim zum Bösen schon gelegt war. Diesen Keim hat Hugo Schenk zur blutigen Saat aufgehen lassen. Er hat Schlossarek mit einem Arsenal von mörderischen Waffen versehen, um die zu beraubenden Opfer zu beseitigen. Schlossarek befand sich allerdings schon auf der Verbrecherlaufbahn, bevor er sich mit Hugo Schenk verbunden hatte, er war aber noch kein Raubmörder. Nachdem er im November 1882 aus der Strafhaft entlassen war, hat er vier Monate lang redlich gearbeitet. Im März 1883 wurde Hugo Schenk aus der Strafhaft entlassen. Sehr bald verstand er es, sich Schlossarek dienstbar zu machen. Der Verteidiger erwähnte alsdann der begangenen Verbrechen und fuhr darauf fort: Hoher Gerichtshof! Angesichts der Größe der strafbaren Handlungen, die Schlossarek begangen hat, angesichts der Sühne, welche die hierdurch schwer beleidigte Menschheit erheischt, ist meine Aufgabe, zu der mich meine Pflicht ruft, eine sehr beschränkte. Schlossarek hat ein reumütiges Geständnis abgelegt, das ist der einzige Lichtpunkt in diesem gerichtlichen Drama. Ich muß es dem hohen Gerichtshof überlassen, ob das reuevolle Geständnis und der Umstand, daß Schlossarek von Hugo Schenk angestiftet worden ist, genügt, um nach Fällung eines gerechten Urteils einen Antrag auf Begnadigung zu stellen. Ich sage das in dem Bewußtsein, daß, wenn meine Stimme verhallt ist, es niemanden mehr gibt, der berechtigt ist, für Schlossarek ein fürbittendes Wort einzulegen.

Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Heinrich Steger (für Karl Schenk): Hoher Gerichtshof! Wenn es sonst dem Verteidiger vergönnt ist, für ein mit Unrecht verfolgtes Glied der menschlichen Gesellschaft rühmlich zu kämpfen, wenn ihm das Bewußtsein, für Tugend und Sittlichkeit zu streiten, heilige Begeisterung verleiht, so empfinde ich es als Verteidiger des Karl Schenk schmerzlich, sagen zu müssen: Mein Klient ist schuldig; er ist mit Blutschuld beladen, keine Macht der Erde vermag ihn zu entlasten. Und[193] trotz alledem: Versöhnend dringt das Wort des Gesetzes zu mir, welches gebietet, daß auch dem schwersten Verbrecher eine Verteidigung zur Seite zu stehen hat. Wie sehr auch dieser Prozeß die Leidenschaften aufgeregt und die öffentliche Meinung mit Entsetzen erfüllt hat, ich werde mit dem Mute freier Überzeugung meines Amtes walten, in der bestimmten Erwartung, daß Einflüsse des Tages, Vorurteile, Strömungen, die mit dem Rechte nichts zu tun haben, Ihre Auffassung, verehrte Herren, nicht erschüttern werden und daß die Gerechtigkeit niemals dem Rachetriebe die Herrschaft abtreten wird. Die Hauptfrage, die sich mir aufdrängt, ist: Wie war es möglich, daß Karl Schenk, der bis zum vorigen Jahre, obwohl stets im bittersten Kampfe um ein erbärmliches Dasein begriffen, niemals um Haaresbreite von dem Wege rechtschaffener Arbeit abgewichen ist, der lieber mit seiner Familie hungerte, als daß er sich an fremdem Eigentum vergriff, der bis vor Jahresfrist vor keinem Ehrenmann zu erröten brauchte, wie war es möglich, daß dieser Karl Schenk plötzlich mit so furchtbaren Mordgesellen gemeinschaftliche Sache machte und zum Raubmörder werden konnte? Tief in das Innere des Angeklagten muß man schauen, um zu begreifen, daß übermächtige Einflüsse ihn auf die Bahn des Verbrechens gedrängt haben. Ist man aber davon überzeugt, dann erscheint Karl Schenk einer mitleidigen, milden, ja gnädigen Beurteilung würdig. Ich kenne, meine Herren Richter, den grausen Spruch, den das strenge Recht Sie anweist, über Karl Schenk zu sprechen. Nichts wäre geschmackloser, als das Gesetz über die Todesstrafe im Augenblick, da es angewendet werden soll, zu kritisieren, oder gar alle theoretischen Gründe anzuführen, aus denen dieses schwerste Strafmittel seit einem Jahrhundert von den edelsten und beredtesten Vorkämpfern für Humanität und Fortschritt bekämpft wird. Allein, ich kenne auch das schöne Recht, das im § 341 des Strafverfahrens begründet ist, zugleich eine Pflicht der Menschenliebe, vermöge welcher Sie nach der Verkündigung des Todesurteils die Frage in Erwägung ziehen werden, ob Karl Schenk der Begnadigung würdig erscheint. Wenn es richtig ist, daß in keinem Menschen[194] der sittliche Wille erstorben, daß niemand absolut schlecht ist, d.h. allen sittlichen Wert verloren hat, wenn die größten Übel und Verbrechen den Glauben an den Genius der Menschheit nicht zu verwirren imstande sind, so darf ich mit vollem Rechte um Gnade für Karl Schenk bitten, zumal eine große Anzahl Milderungsgründe für ihn spricht. Ich erachte es für meine heilige Pflicht, noch auf die schuldlose Familie des Angeklagten hinzuweisen, dessen Verwandte überall geachtete und ehrenvolle Stellungen in der bürgerlichen Gesellschaft einnehmen. Ich weise auf den namenlosen Schmerz seiner Frau und seiner vier unglücklichen Kinder hin, die für immer dem bittersten Elend preisgegeben sind. Um der unglücklichen Kinder des Angeklagten willen bitte ich Sie ganz besonders, meine Herren Richter, um Ihre Milde. Ich gebe der Überzeugung Ausdruck, daß der bejammernswerte Verirrte, so furchtbar auch seine Taten sind, den die Gesellschaft mit Recht von sich stößt, in den Armen der Gnade noch einst geraten könnte.

Die Angeklagten erklärten auf Befragen des Vorsitzenden, daß sie nichts mehr zu sagen haben.

Nach mehrstündiger Beratung des Gerichtshofes verkündete der Vorsitzende, Landesgerichtspräsident Graf Lamezan folgendes

Urteil:

Im Namen Sr. Majestät des Kaisers.

Das k.k. Landesgericht in Wien als Strafgericht hat für Recht erkannt: Es sind Hugo Schenk und Karl Schlossarek des Verbrechens des meuchlerischen Raubmordes, des Verbrechens des versuchten meuchlerischen Raubmordes und des Verbrechens des Raubes, Hugo Schenk auch des Verbrechens der Mitschuld am Diebstahl, Karl Schenk des Verbrechens des meuchlerischen Raubmordes, der Mitschuld am Raube und der Teilnahme am meuchlerischen Raubmorde schuldig und werden auf Grund des § 136 des Strafgesetzbuches verurteilt

zum Tode durch den Strang.

Auch hat der Gerichtshof, gemäß der gesetzlichen Bestimmung, folgende Reihenfolge in der Vollstreckung des[195] Urteils angeordnet: 1. Karl Schenk, 2. Karl Schlossarek und zuletzt Hugo Schenk. Die Verurteilten werden, und zwar Hugo Schenk und Schlossarek zu gleichen Teilen zum Ersatz von 77 fl. an Franz Podbera, von 170 fl. an Franz Bauer, von 476 fl. an die Erben der Josefine Timal – alle drei Verurteilte zum Ersatz von 1260 fl., 60 kr. an die Verlassenschaftsinstanz nach Katharina Timal, von 1177 fl., 1189 fl. und 25 fl. an den Kurator der Theresia Ketterl verurteilt. Die Kosten des Verfahrens und des Strafvollzuges haben die Verurteilten zu tragen.

Auf Befragen des Vorsitzenden erklärten die Verurteilten, daß sie keine Rechtsmittel einlegen werden.

Die Verurteilten, die das Urteil sämtlich mit ziemlicher Ruhe angehört hatten, wurden darauf, unter lauten Verwünschungen des Publikums, abgeführt und einige Wochen später hingerichtet.[196]

Quelle:
Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung. 1911-1921, Band 9, S. 135-197.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis ist eine freigelassene Sklavin, die von den Attentatsplänen auf Kaiser Nero wusste. Sie wird gefasst und soll unter der Folter die Namen der Täter nennen. Sie widersteht und tötet sich selbst. Nach Agrippina das zweite Nero-Drama des Autors.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon