Patriotismus und Sozialdemokratie.

[13] Aber auch noch ein Drittes hat meinen Entschluß bestimmt: die Vaterlandsliebe. Das darf wohl gesagt werden: wir alle lieben das Land unserer Väter, darin wir geboren sind, dessen Sprache wir sprechen, dessen Luft wir athmen, dessen Theil wir sind wie Baum und Strauch, Wald und Wiese, Vogel und Fisch. Wir lieben das Volk, dessen Blut auch in uns, unseren Frauen und Kindern rollt, das denkt wie wir, das empfindet wie wir, von dem wir uns nur in der Noth lösen lassen, und nach dem wir auch dann immer und immer Heimweh haben. Was mich persönlich betrifft, so darf auch ich für mein ganzes bisheriges Leben echte nationale Besinnung, echten Patriotismus in Anspruch nehmen. Schon die Erziehung hat auch bei mir dafür gesorgt. Und in der Harmlosigkeit der Jugend läßt man gerade dies Stück Erziehung zum Patriotismus gern und freudig an sich vollziehen. Es war freilich nur ein Kinderpatriotismus. In rosigem Licht, groß, schlachtenfroh und ruhmreich wurde da die Vergangenheit unseres Volkes vorgeführt, ruhmreicher als die aller andern, fehlerlos, makellos seine Gegenwart, au Ruhm überreich seine Zukunft. Was Wunder, daß man erfüllt ward von lockender Liebe zu Volk und Vaterland, daß man sein Glück, seinen Ruhm, seine Herrlichkeit mit aller Kraft mit mehren zu helfen gelobte? Freilich: dann kam das Leben mit seinen langsam, aber sicher ernüchternden Erkenntnissen; kritischer Sinn und vorurtheillosere Forschung [13] thaten ihre Pflicht. Da verflog allerdings jene schülerhafte Geschichtsauffassung; ihre letzten Reste hat schließlich Karl Marx auch mir gründlich zerstört. Aber was blieb, bis auf den heutigen Tag, ist die treue Liebe zum deutschen Volk, ohne Chauvinismus, die Bereitschaft ihm zu dienen, ehrlicher Patriotismus. Und eben dieser Patriotismus, auch er hat mich heute in die Reihen der Sozialdemokratie hineintrieben.


Es giebt in unserem heutigen Deutschland eine doppelte Art von Patriotismus: den der herrschenden Klassen und den der Sozialdemokratie. Der erste findet vielleicht seinen charakteristischsten, jedenfalls augenfälligsten und einseitigsten Ausdruck in den Kreisen der sogenannten Alldeutschen. Ihnen erscheint ganz Deutschland im Grunde als ein stehendes Heerlager. In ihren Augen hat Deutschland schließlich nur eine wahre Aufgabe: unter allen Umständen sich auszudehnen an Länderbesitz, an Kolonien und Handelsemporien; nur einen Beruf: Großmacht, Weltmacht, die erste Großmacht der Welt zu werden. Alle wahre Politik ist ihnen schließlich auswärtige Politik, die immer mit Kriegen rechnen muß, die nicht zaudert, Kriege zu beginnen, wo immer ein üblicher Anlaß und eine Aussicht auf Erfolg sich bietet. Innere Politik dagegen gilt ihnen mehr oder weniger als Nebensache, gilt nur unter dem Gesichtspunkt der äußeren, nur als Instrument zur Stärkung der Machtmittel nach Außen. Demgegenüber steht der andere, in meinen Augen der höhere, der einzig richtige und wirkliche Patriotismus der, den auch ich meine und heute allein noch für mich gelten lassen kann. Dieser steht nicht nach Außen, sondern vor Allem nach Innen, in den Volksorganismus hinein. Nicht die äußere, sondern die innere Politik ist ihm die Hauptsache. Ihm gilt als oberste Pflicht, im Vaterland selbst Alles in Ordnung zu bringen und zu halten, durchgreifende Hilfe zu schaffen. Er sieht mit großem ehrlichen Auge die Verwirrung, die das wirtschaftliche Leben bei uns anrichtet, den steigenden Reichthum dort, die bleibende soziale Engigkeit und Gebundenheit hier, die Zerreibung des Mittelstandes, die sozialen Verschiebungen aller einzelnen Schichten, das Versinken Ungezählter in das Proletariat. Er sieht, wie die so neugeschichteten Massen ruhelos vorwärts, nach oben drängen, er sieht ihre Organisationsbestrebungen, ihre Zähigkeit, ihre Treue im Kampf, er sieht mit ihnen das schöne Ziel, das ihnen vorschwebt, um dessen Verwirklichung ihr Dichten und Trachten geht: endlich, endlich einmal ein in allen seinen Gliedern freies, gesundes, starkes, aufrechtes, glückliches Volk zu schaffen. Und er setzt alle Kraft darein, dies Ziel auch zu erreichen. Er weiß, dann ist auch der Schutz des Vaterlandes nach Außen gesichert; alle auswärtigen Beziehungen ergeben sich dann ganz von selber, wenn auch ganz andersartig als heute, aus der Frucht seiner ersten und höchsten Arbeit im Innern, als deren selbstverständliche, aber doch nur als deren Begleiterscheinungen.

Und eben diesen Patriotismus hat wieder vor Allem die Sozialdemokratie. Ihre gesamte Geschichte, ihr Programm, ihre Arbeit zeugt davon. Auf die innere Politik vor Allem hat sie sich konzentrirt, auf die innere Politik auch alle anderen Parteien stets zu drängen versucht. Sie hat nie [14] ein anders Ziel gehabt als die gedrückten, die abhängigen, die lohnarbeitenden Massen, das eigentliche Volk, ökonomisch, politisch, geistig zu heben, frei und stark zu machen. Ja, ihr Marxismus, ihr Endziel, die Sozialistrung der Gesellschaft und die Demokratisirung des Staates ist nichts Anderes als der planmäßig und wissenschaftlich formulirte Ausdruck dieses Patriotismus. Für dieses Ziel, in diesem Patriotismus hat die Partei seit Jahrzehnten rastlos geschafft, gekämpft, geduldet. In diesem Patriotismus haben Hunderttausende von ihrer Kärglichkeit gewaltige Opfer gebracht, haben Tausende ihr Bestes, ihre bürgerliche Ehre, ihren Frieden, ihre Behaglichkeit eingesetzt, sind Hunderte zu Märtyrern geworden. Das Höchste aber und Größte an solchem echten Patriotismus leistet die Partei wohl damit, daß sie, gerade um ihn endlich zur dauernden Geltung und Herrschaft zu bringen, unerbittlich alle Ausgaben für auswärtige Nachtpolitik, für Heer und Marine ablehnt, und ruhig alle Angriffe, alle Verdächtigungen und Schmähungen darob hinnimmt. So finde ich mich auch von meinem patriotischen und nationalen Standpunkte aus heute in den Reihen der sozialdemokratischen Partei wieder; auch meine Vaterlandsliebe hat mich in sie hineingedrängt.

Quelle:
Göhre, Paul: Wie ein Pfarrer Sozialdemokrat wurde. Eine Rede von Paul Göhre, Pfarrer a.D., Berlin 1900, S. 13-15.
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