Achtes Kapitel.
[105] Heimkehr der Krieger. – Singproben bei Goethe. – »Die Schuld«. – Siegesfeier in Halle. – Schill'sche Husaren. – Ein gefährlicher Räuber.

Mit »Don Juan« (italienisch) war also die Bühne in Weimar wieder eröffnet worden, aber die Teilnahme des Publikums an theatralischen Vorstellungen war nur gering, denn alle Gemüter waren mit den großen Ereignissen, die auf der Weltbühne dargestellt wurden, beschäftigt. Jeden Tag kamen neue Nachrichten vom Kriegsschauplatz, und um sie drehte sich das allgemeine Gespräch. Die Preußen und deren Verbündete waren am 22. Oktober 1813 als Sieger in Weimar eingezogen, die Stadt wimmelte von Militär der verschiedensten Nationen. Zum Empfang der tapferen Krieger wurde im Theater am 24. Oktober »Wallensteins Lager« gegeben; das Haus war zum Brechen gefüllt, man sah fast nichts als Uniformen. Jede bezügliche Stelle nahm das militärische Publikum mit Akklamation auf; als aber der erste Jäger (Unzelmann) die Worte sprach: »Denn seit der Leipziger Fatalität« – brach ein stürmischer Jubel los.

Unser erster Tenor (Moltke), der den Rekruten spielte, hatte rasch, auf Veranlassung Goethes, das Lied: »Ich will ins Feld, ich muß dich meiden,« komponiert und sang dasselbe zur Guitarre. Goethe hatte zwar dies Intermezzo mit einigen Worten eingeleitet, aber es paßte doch in »Wallensteins Lager« wie die Faust aufs Auge. Der allgemeine Freudentaumel jedoch setzte sich über das Drollige dieser Einlage hinweg, und reicher Beifall wurde dem Sänger zu teil.

Bis zum Schluß des Jahres kamen fast lauter klassische Stücke und Opern aufs Repertoire. Eine Masse Militär blieb in Weimar und dessen Umgegend liegen, darum war[105] man bedacht, lauter gute Sachen zu geben, wobei sich die Kasse vortrefflich stand. Von den Einwohnern wurden Feste auf Feste für die Freiheitskämpfer veranstaltet.

In diesem jubelnden Treiben vernachlässigte ich aber meine Studien nicht. Nach jeder Oper, wo Stromeyer eine bedeutende Partie gesungen hatte, setzte ich mich noch an das Klavier und übte bis in die Nacht hinein, um seine Art und Weise nachzuahmen.

Eines Tages hatte ich im Auftrag meines Vaters eine Bestellung an Goethe zu machen. In seinem Hause wurde ich in den Salon, wo der alte Flügel stand, geführt; Goethe kam. Als mein Botendienst zu Ende war, wollte ich mich untertänigst empfehlen, er aber hielt mich zurück und sagte: »Dein Vater hat mir mitgeteilt, daß du bei Eberwein Singstunde hättest und dich sehr fleißig zeigtest, er ist aber mit deiner Neigung nicht einverstanden, und du sollst Konditor bleiben!« – »Ja, Exzellenz, das will er, aber ich habe zu große Lust zum Theater,« erwiderte ich. – »Was singst du und was hast du bis jetzt studiert?« – »Verschiedene Lieder, von Ew. Exzellenz, von Ehlers, Moltke und Reichardt komponiert; dann habe ich auch den Osmin und Mafferu eingeübt.« – »Nun so sing mir etwas vor, daß ich deine Stimme höre!« Keck genug sang ich ihm das Lied »Willkommen und Abschied« und »Wer ein Liebchen hat gefunden«. »Das letztere war nicht ohne Humor, und deine Stimme ist für deine Jahre gut, aber zu dem ersteren fehlt dir bis jetzt noch das Verständnis, das mit der Zeit wohl kommen dürfte,« sagte er. Freundlich entließ er mich, und überglücklich eilte ich nach Hause. Als ich zum Vater kam und ihm Goethes Antwort überbracht hatte, sagte ich voller Freude, daß ich Goethe etwas hätte vorsingen müssen. Lauernd fragte der Herr Papa: »Na, was sagte er denn?« Ich referierte seinen Ausspruch. Höchst respektwidrig sprudelte der Herr Papa:[106] »Ach! der Alte wird mir noch meinen ganzen Plan über den Haufen werfen!« Allerdings hatte Papachen ein sehr hübsches Plänchen mit seinem Söhnchen.

Sein alter Freund, der Konditor Richter in Lauchstädt, besaß eine Nichte in Magdeburg, deren Vater Pfefferküchler und sehr wohlhabend war. Diese Jungfrau sollte ich, wenn die Zeit des Heiratens gekommen wäre, in den Stand der heiligen Ehe führen, um dem Konditor noch den Pfefferküchler beizufügen; so hatten es vor Jahren schon die alten Herren in ihrem weisen Rat mit dem Magdeburger Honigmann und dessen Ehehälfte beschlossen, aber Eduardchen, wie man mich, selbst als ich schon ein langer Bengel war, zu nennen liebte, war nicht ihrer Meinung, und Goethe, als mein guter Engel, machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Goethes Zufriedenheit steigerte meinen Eifer für die dramatische Kunst, und von nun an wurde vollends kein Theater mehr versäumt.

Einen gewaltigen Eindruck machte auf mich Müllners »Schuld«, die den 31. Januar 1814 in Weimar zum erstenmal zur Aufführung kam. Das Stück erschien zuerst in Wien auf dem Burgtheater und war dort mit ungeheurem Beifall aufgenommen worden. Trotzdem konnte Goethe sich nicht entschließen, es auf die Weimarsche Bühne zu verpflanzen, obgleich Müllner ein Prachtexemplar davon ihm gesandt hatte. Goethe war ein Feind von allen Schicksalstragödien, nur bei dem »Vierundzwanzigsten Februar« hatte er bis jetzt eine Ausnahme gemacht. Mein Vater wurde von Goethe beauftragt, dem Verfasser mit aller Freundlichkeit zu bemerken, daß die Hoftheaterkasse nicht die Mittel besäße, solche Werke würdig zu honorieren; Müllner antwortete, daß es ihm um ein Honorar für sein Werk gar nicht zu tun sei und er es als eine besondere Ehre betrachte, dasselbe auf der Weimarschen Hofbühne unter des Meisters Leitung aufgeführt[107] zu sehen. Auf Zureden Riemers, Wolffs und meines Vaters fügte sich endlich Goethe, und so wurde die »Schuld« an dem obengenannten Tage unter allgemeinem Beifall zur Aufführung gebracht.

Goethe spricht seine Ansicht über das Stück in seinen »Tages- und Jahresheften« der Öffentlichkeit gegenüber sehr diplomatisch aus. Er sagt: »Auf dem Theater sahen wir Müllners »Schuld«. Ein solches Stück, man denke übrigens davon, wie man wolle, bringt der Bühne den großen Vorteil, daß jedes Mitglied sich zusammennehmen, sein möglichstes tun muß, seiner Rolle nur einigermaßen gemäß zu erscheinen. Die Lösung dieser Aufgabe bewirkte mehrere treffliche Vorstellungen von »Romeo und Julia«, »Egmont« usw.«

Obwohl Müllner auf jedes Honorar verzichtet und die Aufführung der »Schuld« unter Goethes Leitung als Ehrensache betrachtet hatte, bewog demungeachtet mein Vater Goethe, Müllner eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Infolgedessen sandte Goethe Müllner in Prachteinband »Die natürliche Tochter« nebst einem freundlichen Schreiben.

Später, als Goethe bereits von der Leitung des Theaters zurückgetreten war, erschien in der »Mitternachtszeitung«, die von Müllner redigiert wurde, ein Verzeichnis der Bühnen, welche seine »Schuld« gegeben hatten, und der Honorare, welche er dafür erhalten; obenan Wien mit 100 Dukaten, Berlin mit 40 Louisdor usw. Am Schluß stand groß gedruckt: »Von Weimar? – Goethes »Natürliche Tochter« und ein artiges Handbillet vom Verfasser.«


*


Die Einnahme von Paris war erfolgt, und Stromeyer mit dem Professor Jagemann dahin abgereist, sonach war das Theater ohne ersten Bassisten. Da Stromeyer fast in[108] allen großen Opern beschäftigt war, so mußten natürlich im Repertoire Verlegenheiten entstehen, denen man zu entgehen glaubte, wenn man mit mir einen Versuch machte, der gewiß viel länger hinausgeschoben worden wäre, wenn Stromeyers Abwesenheit ihn nicht beschleunigt hätte. Am 23. April 1814 betrat ich unter Goethes spezieller Leitung zum erstenmal die Bühne als Osmin in der »Entführung aus dem Serail«. Noch heute, wenn ich daran denke, muß ich über meine Keckheit erstaunen. Mein Vater und meine Schwester, welche die Konstanze sang, gingen den ganzen Tag herum, als ob ihnen die Petersilie verhagelt wäre, und mit der Mutter war gar kein Auskommen; ich aber war ganz unbefangen und freute mich wie ein Kind auf Weihnachten. Denn für mich war es wirklich ein Christabend. Die Sache lief auch ohne Blamage ab, und Mutter und Schwester waren voller Freude. Sogar der Papa schmunzelte, und obgleich er mehrfachen Tadel aussprach, so überreichte er mir doch schließlich eine goldene Repetieruhr, die mir anzeigte, daß die Stunde nun geschlagen habe, wo vom Konditor und Pfefferküchler nicht mehr die Rede sein könne. Das Beste sollte aber noch kommen. Den andern Tag wurde ich aufs Hofamt zitiert, wo mir der Chef des Kassenwesens, der Geheime Hofrat Kirms, eröffnete, daß ich von nun an in Gage treten und wöchentlich sieben Taler erhalten solle. Ja, nun war die ganze Welt mein. Mein nächster Weg war zu Goethe, um ihm ebenfalls meinen Dank auszusprechen, denn ohne seine Zustimmung wären mir ja diese Unsummen nicht zu teil geworden; nebenbei wollte ich auch erlauschen, ob er mit meiner Darstellung zufrieden gewesen sei, aber er war bereits nach Berka, seinem gewöhnlichen Frühlingsaufenthalt, abgereist.

Acht Tage ungefähr nach meinem ersten Auftreten überraschte mich mein Papa mit der angenehmen Nachricht, daß[109] Goethe ihn, den Kammersänger Moltke und mich zum Mittagessen nach Berka eingeladen habe.

Goethe liebte es, die erwachende Natur zu beobachten, wozu er in dem kleinen Badeorte, der von bewaldeten Bergen eingeschlossen und nur zwei Stunden von Weimar gelegen ist, die beste Gelegenheit hatte. Im Jahre 1811 war auf Veranlassung und unter Leitung des damaligen Landschafts-Vizepräsidenten von Müffling, des nachmaligen berühmten preußischen Generals, eine Chaussee entstanden, auf welcher man ohne Gefahr, den Hals zu brechen, den letzten Berg vor Berka hinab gelangen konnte. Auf der Spitze desselben stand ein Stein, der aus dankbarer Erinnerung an den Schöpfer dieser Straße von allen Kutschern und Fuhrleuten der Müffling genannt wurde. Von diesem Stein aus hatte man einen reizenden Blick in das Tal, durch welches sich die Ilm wie eine silberne Schlange windet. So oft Goethe nach Berka fuhr, pflegte er hier halten zu lassen und einen Imbiß zu sich zu nehmen. Darum nannten wir Schauspieler den Stein Goethes »Tischlein decke dich«.

Bei unserer Ankunft fanden wir Goethe mit dem Inspektor Schütz vor seiner Wohnung jenseits der Ilm lustwandelnd. Er war zu jener Zeit 65 Jahre alt, und wie ein Jüngling schritt er, mit bloßem Hals und Kopf, in seinem langen blauen Überrock einher. Nachdem er mit meinem Vater und Moltke einige Zeit gesprochen, sagte er zu mir: »Du hast bei deinem ersten Auftreten viel Lebendigkeit entwickelt, hier und da etwas übers Maß und nicht ganz passend für den Charakter des Osmin; indessen sehe ich das Zuviel nicht ungern bei einem Anfänger, allzuviel Feuer läßt sich dämpfen, das Gegenteil schwer erwecken. Hierbei muß ich dir aber doch bemerken, daß deine Stimme noch nicht reif zu solchen Partien ist.«

Bei Tische war außer dem Inspektor Schütz und uns nur[110] noch sein Sekretär John anwesend. Die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um das Theater; Goethe rühmte die Musik Eberweins zur »Proserpina« und erwartete viel Gutes von der Aufführung dieses Monodrams. Nach Tische spielte Schütz einige Fugen von Sebastian Bach, an denen Goethe großes Gefallen fand und sie mit illuminierten mathematischen Aufgaben verglich, deren Themata so einfach wären und doch so großartige poetische Resultate hervorbrächten. Dann sang Moltke ihm einige Lieder vor, die er kürzlich komponiert hatte und von denen das Lied »Die Lustigen von Weimar« Goethes ganze Zufriedenheit erwarb. Gegen sechs Uhr fuhren wir nach Weimar zurück.

Dem Osmin folgte als zweite Rolle der Utobal in »Jakob und seine Söhne«; dann wurde mir der Rittmeister Neumann in »Wallensteins Tod« zugeteilt. Ich fand es sehr sonderbar von meinem Papa, daß er mir dabei sagte, ich möchte mich zusammennehmen, denn solche wichtige Meldung auf der Bühne sei eine sehr kitzliche Sache. Ich lachte in meinem Herzen und dachte: »Mein lieber Papa, du schlägst mein Talent doch etwas gering an, es wäre ja eine Schande, wenn ich die paar Worte nicht nach dreimaligem Überlesen auswendig wüßte.« Mit großem Selbstgefühl trat ich in der Probe heraus, aber kaum hatte ich gesagt: »Die Pappenheimischen sind abgesessen«, da saß ich fest. »Noch einmal! und paß auf!« donnerte mir der Herr Vater zu. Ich kam abermals, und der Souffleur, der es gut machen wollte, schrie wie ein Zahnbrecher. Dies sowohl wie auch das Lächeln meiner Kollegen verwirrte mich immer mehr, und ich blieb wieder stecken. Voller Zorn über mich selbst schrie ich dem Souffleur zu, er sollte schweigen. Wie ein Automat, die Augen ins Wesenlose gerichtet, fing ich die Rede von vorn an, und nun ging es. Von dieser Zeit an stellte sich auch die Angst beim Auftreten ein.

Am 13. Juni reiste die Gesellschaft nach Halle ab. Mit[111] wie ganz anderen Gefühlen betrat ich diesmal die Musenstadt und welche ganz andere Stimmung herrschte dieses Jahr dort! Jubel und Freude hatten im Palaste wie in der Hütte ihren Wohnsitz aufgeschlagen, denn der Unterdrücker war ja besiegt; Deutschland konnte wieder frei aufatmen, da das Joch der Tyrannei abgeworfen war.

In der ganzen Stadt war großer Jubel! Alt und jung war auf den Beinen; alle Fenster waren mit geschmückten Damen besetzt, um ein aus Frankreich heimkehrendes Kürassierregiment mit Jauchzen, Blumen und Kränzen zu empfangen, und die Jungfrauen warfen die Kränze so geschickt, daß fast jeder Kürassier einen solchen mit seinem Säbel fangen konnte. Drei Tage dauerten die Feste, aber eins von ihnen wurde durch einen traurigen Eindruck getrübt. Es war ein Fest im Salon des Fürstentals, das der Kanzler Niemeyer, hauptsächlich zu Ehren der Weimarschen Hofschauspieler, gab. Da kamen, als die Gesellschaft den Kaffee vor dem Salon einnahm, zehn bis zwölf Männer in dem ärmlichsten Kostüm die Straße dahergezogen, die, als wir sie befragten, sich als Schillsche Husaren dokumentierten, welche von den Galeeren zurückkehrten. Es war ein erschütternder Anblick, und tiefes Mitleid ergriff uns alle, als wir diese Armen in abgeschabten, verschiedenen Uniformen und teilweise zerrissenem Schuhwerk, mit abgezehrten, sonnverbrannten und vernarbten Gesichtern vor uns sahen. Das also waren die Helden, die ihrem Führer, als er sie und sich in Stralsund nach England hatte einschiffen wollen, zugerufen hatten: »Soweit die Erde fest und der deutsche Himmel über uns ist, wollen wir ziehen, aber nie zu Schiffe!« Das waren die Männer, deren Mut ganz Europa in Erstaunen gesetzt und den korsischen Tyrannen auf seinem Thron zittern gemacht hatte; das waren die Helden, die, obgleich von ihrem König geächtet, dennoch ihr Blut für die Befreiung[112] ihres Vaterlandes mit Freuden hingegeben, und die der große Napoleon, als er die wenigen übrig Gebliebenen – von denen keiner sich, ohne vom Blutverlust erschöpft zu sein, ergeben hatte – in seine Gewalt bekam, wie Räuber und Mordbrenner auf die Galeeren schmieden ließ. Wie aber kam es denn, fragte sich jeder, daß diese Leute in solchem Zustande den weiten Weg von Frankreich nach Deutschland zurückgelegt hatten? Lastete noch immer die Acht, die ihr König gezwungen über sie hatte verhängen müssen, auf ihnen? Für uns wenigstens war sie nicht mehr da und war nie dagewesen. Alle Börsen waren sogleich geöffnet, und jeder gab, was er eben bei sich hatte.

Eine der letzten Vorstellungen in Halle waren »Die Räuber«. Dabei fand noch ein kleines Intermezzo statt, das uns junge Schauspieler höchlich belustigte. Haide, unser Karl Moor, war zuweilen von einer ausnehmenden Ungeschicklichkeit. Bald trat er einer Mitspielerin auf den Fuß, daß sie hätte in Ohnmacht fallen mögen, bald drückte er einer anderen die Hand, daß sie einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken konnte. An diesem Abend nun, im fünften Akt, wie Moor die Amalie ersticht, lag die Wolff in seinem Arm, und während er sprach, bohrte er ihr, gewiß ganz unbewußt, die Finger seiner linken Hand in die Seite. Wir Umstehenden hörten, ohne uns die Ursache erklären zu können, wie die Wolff ihm leise zuflüsterte: »Haide! um Gotteswillen! hören Sie auf! Ich halt' es nicht aus!« – Aber mein Haide sah und hörte nicht, wenn er im Affekt des Spiels war. In ihrer Verzweiflung faßte sie seinen rechten fleischigen Arm, der nur mit einem seinen Lederkoller bekleidet war, und drückte tief ihre Nägel in denselben. Mitten im Redefluß entströmte seinen Lippen ein hoher Schmerzenston, der dem Schrei eines kranken Papageis nicht unähnlich war, und sofort ließ er seine Amalie zur Erde niedergleiten. Kaum[113] war der Vorhang gefallen, so sprang mit unserer Hilfe die Wolff wütend auf und schrie: »Nein, Haide! Sie sind doch der ungeschickteste Mensch, den es unter Gottes Sonne geben kann.« – »Madame,« erwiderte er mit vollem Pathos, »danken Sie Gott, daß ich Sie nicht wirklich erstochen habe.«

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 105-114.
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