Zwölftes Kapitel.
[304] Roger. – Bogumil Dawison. – Johanna Wagner. – Marie Seebach. – Festtage und Erinnerungen: Karl August, Goethe, Schiller, Wieland. – Tod meiner Frau. – Königin Augusta von Preußen. – Mein fünfzigjähriges Jubiläum.

Im Juni 1854 sollte mir ein musikalisch-dramatischer Genuß werden, wie ich ihn nur selten empfangen habe. Der mit Recht berühmte Roger aus Paris gastierte auf unserer Bühne als George Brown in der »Weißen Dame«, Edgar in »Lucia di Lammermoor« und Fernando in der »Favoritin«.

Außer bei der Schröder-Devrient und der Jagemann hatte ich, namentlich in diesem Fache, niemals den Sänger mit dem Schauspieler so eng verbunden gesehen. Die Hauptmomente seiner Leistungen stehen jetzt noch lebendig vor meiner Seele. Unvergeßlich ist mir die Charakteristik des George Brown. Das war der junge fröhliche Soldat, der[304] voller Naivität und mit Humor in dem Genießen der Gegenwart sich wiegt und heiter und wohlgemut der Zukunft entgegenschreitet. Ein ebenso psychologisch richtig entwickeltes Bild war sein Fernando, wo sein Spiel und sein herrlicher Vortrag alles zur Begeisterung hinriß. Da war nichts von französischer Gefühlsübertreibung, alles war Wahrheit, die erschütternd mir in die Brust drang. Hatte ich mich in seiner ersten Darstellung an dem jugendfrischen, naiven Menschen, dem Hans Ohnesorgen, ergötzt, so mußte ich hier den großen Tragöden bewundern. Ich konnte dem Verlangen, diesem seltenen Künstler persönlich meinen Dank auszusprechen, nicht widerstehen, ging auf die Bühne, und mein Chef, Herr von Beaulieu-Marconnay, war so freundlich, mich ihm vorzustellen. Mein Name war ihm nicht unbekannt, da ihm mein Gönner Berlioz, wie er mir sagte, manches Gute über meine Darstellung des Vampyr mitgeteilt hatte.

Ich fand Roger im gewöhnlichen Leben ebenso liebenswürdig, heiter und fröhlich, wie ich ihn auf der Bühne als George Brown gefunden hatte. Ein längeres Zusammenleben mit diesem herrlichen Menschen hätte gewiß aus der flüchtigen Bekanntschaft ein Freundschaftsbündnis entstehen lassen, da unsere Ansichten über dramatische Kunst übereinstimmten, und gern hätte ich meinerseits die Worte des Tempelherrn im »Nathan« ihm zugerufen: »Wir müssen Freunde sein!« Er hatte als Künstler und Mensch mein ganzes Herz gewonnen.

Wenn ich mich nicht irre, war es in dem eben angeführten Jahre, als Bogumil Dawison das Bad Kösen bei Naumburg durch seine Anwesenheit erfreute. Ich rüstete mich schon, ihn an den Ufern der Saale aufzusuchen, um seine persönliche Bekanntschaft zu machen, als er meinem Wunsche zuvorkam und mich durch einen Besuch in Weimar überraschte. Hatte schon des Künstlers großer Ruf mein[305] Interesse an ihm erweckt, so tat es nicht minder seine markige Persönlichkeit. Die hohe Stirn, die lebhaften Augen wie seine Unterhaltung bekundeten den geistreichen, scharfdenkenden Mann; letztere bewegte sich hauptsächlich im Gebiete der dramatischen Kunst, über deren Aufgabe und Ziel er seine Ansichten klar und umfassend aussprach. Auch Dawison hielt fest an dem Wege der ideellen Natur und Wahrheit, der nach Goethes Ansicht allein zum schönen Ziele führen kann.

Erst im Jahr 1856 gelang es der Intendanz, Dawison für ein Gastspiel an der Weimarischen Hofbühne zu gewinnen. Er trat am 9. Januar als Hamlet auf. Der außerordentliche Ruf, der ihm vorangegangen, hatte alle Räume des Theaters gefüllt, und der Beifall des Publikums war enorm. Obgleich ich neben ihm den Polonius zu spielen hatte, verfolgte ich doch, soweit es mir möglich war, sein Spiel. Allerdings traten mir neue Seiten dieses unerschöpflichen Charakters in Dawisons Darstellung entgegen, mit denen ich mich nicht ganz befreunden konnte. Zunächst, als Horatio ihm die Kunde bringt, daß seines Vaters Geist ihm erschienen sei, war seine Erschütterung so furchtbar mächtig, daß eine Steigerung, als dieses Mirakel Hamlet selbst entgegentritt, nicht mehr möglich war. Ein Gleiches nahm ich in der Szene mit der Mutter wahr. Dagegen war die Szene im zweiten Akte mit Rosenkranz und Güldenstern vollendet schön zu nennen, und so brachte er vieles Vortreffliche zur Anschauung, was gewiß noch tiefern Eingang bei mir gefunden hätte, wären nicht die großartigen Zeichnungen eines Wolff und Emil Devrient meinem Gedächtnis eingeprägt gewesen und hätte ich in den Reihen der Zuschauer sitzen dürfen, anstatt auf der Bühne selbst mit zu agieren.

Die zweite Darstellung Dawisons war der Carlos in »Clavigo«. Hier wurde mir nun ein vollkommener Totaleindruck des großen Künstlers. Seydelmann gab diesen Charakter,[306] wie ihn Goethe sich gedacht hatte; nicht minder tat das Dawison, nur daß ersterer nach Effekten haschte, während letzterer sich davon fern hielt. Darum gab ich ihm den Vorrang. Sonst waren sie beide in ihrer Auffassung geistige Zwillingsbrüder. Nach dieser Meisterleistung gab Dawison uns noch ein kleines Genrebild: »Die Wiener in Paris«, worin er den Bonjour spielte, zum großen Ergötzen des Publikums. Ein bezeichnendes Urteil hörte ich von einem Landmanne, als ich aus dem Theater ging: »Na, das ist ein Mordkerl! Erst möchte man den Racker vor Wut zerreißen und dann möchte man ihn vor Liebe auffressen.«

Dawisons dritte Gastrolle war der Mephistopheles im »Faust«, mit dem er ebenfalls vielen Beifall beim Publikum fand. Ich für meinen Teil konnte mich mit seiner Auffassung nicht einverstanden erklären; ich hatte ein anderes Bild dieses Charakters empfangen, als sich Goethe einst seinen Schülern gegenüber über diesen Charakter aussprach. Laroche, der Goethes Intentionen von Riemer sich berichten ließ, hat sie meiner Ansicht nach am besten auf der Bühne verkörpert. Dawison kehrte mehr den lustigen, humoristischen Teufel heraus, der unsere Lachmuskeln in Bewegung setzt, statt uns das böse Prinzip vorzuführen, bei dessen Humor uns zugleich ein unheimlicher Schauder durchdringt.

Seine letzte Darstellung war der Shylock im »Kaufmann von Venedig«. Die Frage, ob der Darsteller des Shylock sich des jüdischen Dialekts bedienen dürfe, da Shakespeare es nicht vorschreibt, ist unter den Ästhetikern schon vor langer Zeit debattiert worden. Tieck war durchaus dagegen und hat deshalb Ludwig Devrient, der es tat, hart angegriffen. Aber Iffland und alle andern Darsteller, die ich in dieser Rolle gesehen habe, taten es auch. Im Shylock ist ja nicht etwa bloß eine von der Leidenschaft schmutziger Hab- und Rachsucht erfüllte Persönlichkeit hingestellt, er ist nicht bloß zufällig und[307] nebenbei ein Jude, sondern es ist gerade der Jude als solcher, der in seinem Gebaren den Christen gegenüber gezeichnet wird, und er kann und darf daher seinen Dialekt nicht verleugnen. Darum bin ich nicht Tiecks Ansicht und schließe mich der Devrientschen an. Sie ist die gebräuchliche und gewiß auch die richtige. In gleicher Weise führte uns Dawison den Shylock vor und fand mit Recht allgemeinen Beifall.

Auch zwei große weibliche Talente lernte ich zu meiner Freude noch im vorgerückten Alter kennen. Johanna Wagner trat in dem obengenannten Jahre im Mai als Orpheus, Romeo in »Montecchi und Capuletti«, Lucrezia Borgia und Klytämnestra in »Iphigenia auf Aulis« auf unserer Bühne als Gast auf. Diese ausgezeichnete Künstlerin war zu dieser Zeit unbedingt die würdigste Nachfolgerin der Schröder-Devrient, denn sie stand in plastischer und mimischer Hinsicht mit jener Unvergeßlichen auf einer Stufe, wovon sie mich namentlich in ihrer Darstellung des Orpheus und der Klytämnestra überzeugte. Diese Eigenschaften im Verein mit einem trefflichen, seelenvollen Vortrag und einer herrlichen, wohltönenden Altstimme erzielten ein so vollendetes Kunstgebilde, wie ich es in meinem Leben nur selten empfangen habe. Wohl konnte man zu dem Glauben gelangen, daß dieser Orpheus mit der Macht seines Gesangs selbst den allgewaltigen Tod besiegen würde.

Marie Seebach, dieses urwüchsige Talent der deutschen Bühne, trat am 4. Januar 1857 als Gretchen im »Faust« auf. Ihre Darstellung war einfach und natürlich, und doch strahlte daraus das mächtige Licht der Poesie, aber so gemildert, wohltuend und bezaubernd wie der Glanz des Mondes. Eine Analyse ihrer größtenteils vollendeten Darstellung mit all den überraschenden Nüancierungen zu geben, würde fast ins Reich der Unmöglichkeit gehören. Darum beschränke ich mich nur auf die Momente, wo sich der Charakter Gretchens[308] ganz entfaltet, und dazu gehören vor allen die Gartenszenen, in denen sie das Erwachen der Liebe in Ton und Miene mit solcher Natur, solch herzlich-schüchterner Innigkeit zur Anschauung brachte, wie ich es bisher bei keiner Darstellerin gefunden. Neu und überraschend war für mich, wie sie die Worte sprach: »Er liebt mich!« Gewöhnlich begleiten die Darstellerinnen diesen Orakelspruch mit einem lauten Jubelruf. Die Seebach hingegen flüsterte diese Worte, wobei ein freudiges Beben ihren Körper erfaßte, schüchtern, als wolle sie die innere Seligkeit sich selbst nicht verraten. Solche Stellen, dem Leben und der Natur solch unschuldigen Wesens entnommen, die das Herz so mächtig ergreifen, wären noch viele anzuführen. Sie war und wird es bleiben für mich, das Urbild von Goethes Schöpfung, die verkörperte Poesie in das schlichte bürgerliche Gewand gekleidet. Nur mit ihrer Auffassung der letzten Szene konnte ich mich nicht befreunden. Da trat sie aus dem Seelenleben heraus und wurde fast zur Heroine, ihrem mächtigen Organ freien Lauf lassend. Dadurch wurde für mich das sonst so harmonische Ganze beinahe zerstört.

Ich nahm Gelegenheit, ihr gegenüber mich über den dramatisierten Faust auszusprechen, der meiner Ansicht nach nun und nimmer in ein folgerechtes Theaterstück verwandelt werden könnte, da so vieles darin der Bühnenform widerstrebte, und führte als Beispiel zunächst die Stimme des bösen Geistes an. »Was kann die ganze Szene,« sagte ich, »anders als ein Zwiegespräch Gretchens zwischen ihrem sonst so reinen Herzen und dem nun erwachten bösen Gewissen sein? Ist es nicht höchst störend, wenn eine fremde Stimme uns Gretchens Gedanken kund gibt, oder gar, wie es anfänglich in Weimar der Fall war, die Anklagen des bösen Geistes von Mephistopheles gesprochen werden? Wie kommt der Teufel in die Kirche? Es ist nur eine Möglichkeit, den Übelstand zu vermeiden und Goethes Intentionen bei einer dramatischen[309] Aufführung nachzukommen, wenn der böse Geist von Gretchen selbst gesprochen würde.« Sie war erfreut, von mir das aussprechen zu hören, was sie selbst längst bei sich bedacht hatte; wie aber ausführen, das sei die Frage. Ich erlaubte mir, ihr meine Ansicht darüber mitzuteilen. »Das Betpult,« sagte ich, »woran Gretchen kniet, muß nicht an der Seite, sondern dem Publikum gerade gegenüber stehen, damit das Mienenspiel der Darstellerin, das eine Hauptsache bei diesem Vorgange ist, nicht verloren geht. Der Ton, worin das böse Gewissen spricht, muß geisterhaft flüsternd wie aus Grabestiefe hervortönen, das Auge glanzlos nach innen gekehrt, das Antlitz starr und von Grauen und Schrecken paralysiert sein, und nur so oft Gretchen selbst spricht, muß Leben in ihre Gestalt kommen. Ich fühle wohl, daß manchem der Gedanke barock erscheinen mag, und daß es eine riesige Aufgabe ist, die sich eine Schauspielerin stellen würde, doch solch eine Künstlerin wie Sie, die ihr Auge wie ihr Organ in so seltener Vollendung zu beherrschen weiß, kann den Versuch schon wagen, und wenn er glückt, woran ich nicht zweifle, muß die Wirkung eine außerordentliche sein.« Später sah ich sie zu Wiesbaden in dieser Rolle wieder, wo sie die Szene in der besprochenen Weise vortrefflich ausführte; nur die Färbung des Geistertons war etwas zu kräftig.

Ihre zweite Rolle war die Julia in »Romeo und Julia«, und obgleich ich selbst in dieser Vorstellung den Lorenzo darzustellen hatte, so war ich doch so viel als möglich bemüht, ihrem Spiel zu folgen, denn dieses große Talent interessierte mich mächtig. Auch hier leistete sie Vortreffliches. Der Monolog im dritten Akt: »Hinab, du flammenhufiges Gespann« und die Balkonszene erinnerten mich lebhaft an die mir unvergeßliche Darstellung der Stich-Crelinger. Um so mehr bedauerte ich, bei einigen Stellen sie den Weg der Wahrheit verlassen zu sehen. Zunächst gehören dahin die Worte Julias Akt I, Szene 5:[310]


O Wunderwerk! Ich fühle mich getrieben,

Den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben.


Sie sprach dieselben mit dem höchsten Pathos und setzte dann auf die Frage der Amme in schüchtern-naivem Konversationstone hinzu: »Es ist ein Reim, den ich von einem Tänzer soeben lernte.« Mit solchen Sprüngen der Rhetorik, wenn sie nicht durch die Situation bedingt werden, habe ich mich nie befreunden können; sie kommen mir vor wie zwei widerstrebende Farben, die man ohne alle Vermittelung nebeneinander stellt.

Dagegen war ihre Maria Stuart eine fleckenlose Darstellung ohne allen Beigeschmack von theatralischer Effekthascherei. Der rhetorische wie der plastisch-mimische Teil waren ausgezeichnet und die charakteristische Auffassung schloß sich würdig an. Ich gestehe, daß ich in der Neuzeit keine bessere Repräsentantin dieser Rolle gesehen habe. –

Das Jahr 1857 bildete abermals eine Epoche in Weimars Kunstannalen. Die Statue Wielands und die Goethe- und Schillergruppe, zu deren Ausführung die ganze deutsche Nation beigetragen hatte, wurden am 4. September enthüllt und der Öffentlichkeit übergeben.

Schon am 2. September durchwogte eine große Zahl Fremder die Straßen der Stadt, und man hätte mit Schiller sagen dürfen: »Es war, als ob die Menschheit auf der Wanderung wäre.« Als Vorfeier wurde abends im Theater Goethes »Iphigenie auf Tauris« gegeben.

Der Tag des 3. September, an dem Karl August vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, brach an; die Glocken verkündeten die Stunde seiner Geburt. Ein Zug alter Männer, Zeitgenossen des Verewigten, nebst einer Anzahl Jungfrauen bewegte sich nach der Fürstengruft und bekränzte nach einer erhebenden Weihrede des Oberhofpredigers Dittenberger den Sarkophag, der die sterblichen Reste des[311] unsterblichen Fürsten birgt, mit einer Lorbeerkrone. Auch der Sarg der Großherzogin Louise, die in der schlimmsten Zeit Weimars (1806) ihre Bürger in böser Not nicht verlassen und standhaft alle Trübsal mit ihnen geteilt hatte, sowie derjenige Karl Friedrichs wurden mit Blumenkränzen geschmückt.

Um elf Uhr riefen die Glocken zur Feier der Grundsteinlegung zum Denkmal Karl Augusts. Der Platz war gut gewählt; man erblickt von hier aus den alten Turm, dessen Unterbau aus dem elften Jahrhundert stammt, das Schloß und einen Teil des Parks. Er ist von den stattlichen Gebäuden der Bibliothek, des Fürstenhauses und der Kaufhalle umgeben. Die Zeremonie wurde nach üblicher Weise im Beisein des Großherzogs, der den ersten Hammerschlag tat, der Fürsten des Hauses und sämtlicher Behörden vollzogen. Die Weihrede sprach der Superintendent Stier und feierte darin in warmer, eingehender Schilderung das Ehrengedächtnis des unvergeßlichen Fürsten, dem heute das Land eine lange verfallene Schuld abtrage.

Abends wurde im Theater der »Erntekranz«, Festspiel in einem Akt von Franz Dingelstedt, gegeben; diesem folgte »Paläophron und Neoterpe«, und den Schluß der Vorstellung bildete der dritte Akt von »Don Carlos«, worin Emil Devrient den Posa und Dawison den König Philipp spielte. Nicht leicht wird man ein zweites Festspiel außer Schillers »Huldigung der Künste« finden, das, so innig erfunden und so poetisch ausgeführt, dem Zwecke des Tages so vollkommen entspräche, wie diese Schöpfung Dingelstedts.

Das Ganze war szenisch vortrefflich geordnet, und Franz Dingelstedt, der kurze Zeit darauf unter dem Titel eines Generalintendanten die Leitung des großherzoglichen Hoftheaters und der Hofkapelle übernahm, hätte wahrlich kein besseres Debüt wählen können, um sich dem Publikum als sinnigen Dichter und tüchtigen Regisseur vorzustellen. So[312] war der erste Festtag durch die Kunst auf würdige Weise geschlossen. Aber auch für diejenigen, die keinen Platz im Theater hatten gewinnen können, war gesorgt, denn während noch die Lampen in diesem brannten, hatte sich die Stadt in ein Lichtmeer verwandelt. Auch der breite Weg des Parks mit seinen nächsten Umgebungen, der nach dem römischen Haus, dem gewöhnlichen Sommersitz Karl Augusts, führt, war mit unzähligen Flammen erleuchtet. An dieses Haus knüpften sich die liebsten Erinnerungen der alten Weimaraner. Wer den geliebten Herrn sehen wollte oder ein Anliegen an ihn hatte, brauchte nur mit Tagesanbruch in den Park zu gehen, da wandelte der Fürst gewiß schon in den Gängen herum und revidierte selbst die neuen Anpflanzungen. Für jeden Vorübergehenden hatte er einen freundlichen »Guten Morgen!« Seine Bürger wußte er alle bei Namen zu nennen und kannte ihr Gewerbe. Kam nun ein solcher und blieb stehen, dann fragte er: »Hast du etwas anzubringen?« oder er stellte ihn und sagte: »Hast du von der neuen Erfindung in deinem Geschäfte gelesen? Was hältst du davon? Ist sie praktisch?« Entweder der Gefragte war nicht damit einverstanden, oder er erwiderte: »Gewiß ist sie praktisch, gnädigster Herr! Ich machte gleich den Versuch, wenn meine Mittel es mir erlaubten.« – »Na, dann komm morgen früh zu mir und setze mir die Sache auseinander. Leuchtet sie mir ein, dann will ich die Summe, die du brauchst, vorstrecken. Glückt es, dann ist's ja gut, wenn nicht, dann wollen wir schon miteinander fertig werden.« So war der Fürst, der jede neue Erfindung förderte, wenn sie einigermaßen stichhaltig war und seinen Untertanen Vorteil bringen konnte. Er war es auch, der die veredelte Schafzucht mit schweren Kosten in Thüringen einführte und, als der erste Wollmarkt in Weimar abgehalten wurde, wobei sich nur fünf Wagen einfanden, zu seinen Ökonomen sagte: »Na, Kinder, trösten wir uns, es[313] ist doch wenigstens ein Anfang! Gott wird weiter helfen!«

An dem einfachen römischen Hause hatten sich am 3. September 1825 Tausende von Bürgern und Landleuten früh um fünf Uhr versammelt, um die ersten zu sein, dem geliebten Landesvater zum Feste seiner fünfzigjährigen Regierung entgegen zu jubeln. Das war ein Freudentag für das ganze Land. Lautlose Stille herrschte unter der unübersehbaren Menge und aller Augen waren voll Erwartung auf die Tür gerichtet, vor welcher ein achtzigjähriger Greis im Silberhaar in der Uniform eines Weimarischen Soldaten aus dem Jahre 1757 Schildwache stand; den gleichen Dienst hatte er im Schloß bei der Geburt Karl Augusts versehen. Endlich erschien der Allgeliebte; der Soldat machte nach damaliger Weise die militärischen Honneurs, die von endlosen Freudenrufen des Volks begleitet wurden. Mit sichtlicher Rührung betrachtete Karl August den greifen Kriegsmann, legte dann die Hände auf die Schultern des Alten und nötigte ihn, auf der nebenstehenden Bank Platz zu nehmen, was aber der alte Soldat durchaus nicht tun wollte, bis ihn der liebevolle Fürst mit freundlicher Gewalt dazu zwang. Dann trat er bis an die vorderste Stufe vor und dankte, sich nach allen Seiten wendend, seinem Volke für seine Liebe und Treue. Hier schalte ich eine Episode ein, die zu der Charakteristik des unvergeßlichen Fürsten beiträgt und die mir der Major von Germar, Karl Augusts Flügeladjutant, mitgeteilt hat, da ich zu jener Zeit in Leipzig engagiert war und diesem vaterländischen Fest nicht beiwohnen konnte. Wie Karl August so im Kreise herumblickte, sagte er: »Germar! Da drüben steht ein Mann mit einer grünen Mütze und Pikesche, der meinem alten Freunde Bloß in Leipzig (Kompagnon von Frege) ähnlich sieht wie ein Ei dem andern. Gehen Sie doch hin und fragen Sie nach seinem Namen.« Er war es wirklich! Der Fürst eilte die Stufen hinab, und in wenig[314] Augenblicken liegen sie sich wie Brüder in den Armen. Der siebzigjährige Greis war in der Nacht von Leipzig herübergefahren, um am frühen Morgen seinem fürstlichen Freund unter dem versammelten Volke mit entgegen zu jauchzen. Dieser Akt der Humanität gab dem Volke das beste Zeugnis, daß Karl August den verdienstvollen, wackern Mann zu schätzen wußte, gleichviel, welchem Stande er angehörte.

Noch eine treffende Äußerung von ihm füge ich hier bei.

Zufällig hatte Karl August erfahren, daß ein alter Lieblingsdiener von ihm, der nachherige Wildmeister S., ein echt deutscher Mann, aus einer der ältesten Adelsfamilien der Schweiz stamme. Der Großherzog fragte ihn, ob es ihm Freude machen würde, in seiner jetzigen Stellung seine Rechte geltend zu machen und den Adel wieder anzunehmen. »Nein, Königliche Hoheit! Ich danke untertänigst für die hohe Gnade. Meine Kinder haben was Tüchtiges gelernt, aber ich kann ihnen kein großes Vermögen hinterlassen, und Königliche Hoheit wissen wohl, ein pauverer Adliger –« – »Hast recht, Alter! Die Sorte ist am schlimmsten dran, die gern etwas gelten möchte und doch öfters nicht weiß, was sie vor Hunger anfangen soll.« – –

Der Tag des 4. September war angebrochen und sollte zugleich für mich ein Tag der Auszeichnung werden. Schon am frühen Morgen sandte mir der Großherzog die goldene Zivil-Verdienst-Medaille zu. Nicht minder erfreute mich die große, silberne Denkmünze, die der geniale Loos in Berlin auf Goethes Tod entworfen hatte. Die Vorderseite zeigt Goethes wohlgetroffenes Bildnis; auf der Rückseite befindet sich ein nach den Sternen emporschwebender Schwan, worauf Goethe in ganzer Gestalt, die Lyra im Arme, ruht, mit der Umschrift: Ad astra rediit. Dieses mir so teure Andenken empfing ich von der Familie Goethe nebst einem meinen seligen Vater und mich ehrenden Handschreiben.[315]

Nach zehn Uhr ordnete sich auf dem großen Markte ein unabsehbarer Festzug, der aus den Vertretern der Wissenschaft und Kunst, aus den Deputationen deutscher Städte und aus den bürgerlichen Gewerken bestand. Er bewegte sich unter dem Geläute der Glocken über den Fürstenplatz, die Ackerwand dem Frauenplatz zu, wo früher Wielands Haus stand und nicht weit davon nun sein Denkmal enthüllt werden sollte. Hofrat Schöll, der uns schon bei der Enthüllung der Herderstatue durch seinen geistreichen Vortrag erhoben hatte, hielt die Weihrede.

Wie wurde ich aber enttäuscht, als das Erzbild nun enthüllt vor meinen Augen stand. Das war nicht der Wieland, wie er so unauslöschlich in meiner Erinnerung lebte! Weder Gestalt noch Haupt rief eine Ähnlichkeit in mir wach, und so erging es allen alten Weimaranern. Wie oft hatte ich ihn gesehen, als ich in den Jahren 1811 und 1812 noch wohlbestallter Lehrbursche in der Hofkonditorei war und an den sonntäglichen Courtagen als Ganymed die hohen Herrschaften mit Punsch, Bischof, Limonade usw. erquickte. Selten versäumte Wieland diese Abende, verweilte aber nur so lange, bis er die fürstlichen Personen begrüßt und gesprochen hatte; dann verließ er die Gesellschaft und trat zuweilen im Vorzimmer an meinen Schenktisch, um ein Glas Punsch oder Bischof zu trinken. Da stand er nun, wie er mir jetzt noch vor Augen steht, in seinem schwarzen Hofkleide, mit dem schwarzen seidenen Mäntelchen und dem Samtkäppchen auf seinem ehrwürdigen Haupte, das er auch in Gegenwart der höchsten Herrschaften und selbst vor Napoleon nicht ablegte. Hatte er sein Gläschen langsam ausgetrunken, so sah er sich nach seinem Diener um. Einmal war dieser nicht da; sogleich bot ich ihm meinen Arm, und lächelnd sagte er: »Komm, mein Söhnchen! Du hast junge Beine und wirst mich sicher hinabführen.« Vorsichtig geleitete ich ihn und wich nicht eher von[316] seiner Seite, als bis er in seiner Portechaise Platz genommen, aus der er mir noch zurief: »Ich danke dir! Grüße mir deinen Vater, den ich lange nicht gesehen habe.« Überglücklich sprang ich mit Riesenschritten wieder die Treppe hinauf an meinen Platz.

Von dem Denkmal aus nahm der Zug seinen Weg über den Goetheplatz, durch die Schillerstraße nach dem Theater, vor welchem die Doppelstatue von Goethe und Schiller aufgestellt war und ihrer Enthüllung harrte. Dem Standbilde gegenüber war eine mächtige Tribüne, mit Teppichen und Blumen geschmückt, errichtet, zu der acht Stufen führten und auf welcher die verwitwete Großherzogin Maria Paulowna, der regierende Großherzog und seine Gemahlin, Herzog Bernhard mit seinen Söhnen, die Prinzeß Heinrich der Niederlande und die Nachkommen Goethes, Schillers und Wielands Platz nahmen. Gymnasialdirektor Heylend hielt eine herrliche, oft von lautem Beifall unterbrochene Weihrede. Auf die Doppelstatue hinweisend schloß der Redner mit den Worten: »Der Kranz, der sie verbunden hält, ist zugleich dein Kranz, mein deutsches Volk, der Kranz, mit dem sie dich königlich geschmückt haben vor allen Völkern der Erde. Schau es selbst und kränze deine Dichter mit neuer Verehrung und neuer Liebe!«

Bei diesen Schlußworten enthüllte sich das Meisterwerk von Rietschel und Miller. Die Totenstille wurde zunächst durch ein staunendes, leises »Ah!« unterbrochen, dann aber brach ein endloser Jubel aus, womit man den Redner und die Meister ehrte. Gleich darauf rief der Großherzog von der Tribüne herab: »Rietschel! Rietschel! Kommen Sie zu mir!« Rietschel, der bisher ziemlich verborgen in seiner angeborenen Bescheidenheit unter den Künstlern, Dichtern und Literaten gestanden hatte, bestieg die Stufen der Tribüne, auf denen ihm Karl Alexander mit ausgebreiteten Armen entgegenkam[317] und ihn begeistert an das Herz drückte. Diese wahrhaft rührende Szene wurde von unbeschreiblichem Jubel begleitet, der sowohl dem hochherzigen Fürsten wie dem großen Künstler galt. Sofort wandte der Großherzog Rietschel, der mit der Kehrseite dem Publikum gegenüberstand, diesem zu, und sein freudiges Antlitz schien die Worte auszusprechen: »Da! Seht ihn Euch recht an! Das ist der Mann, der mich und meine gute Stadt Weimar mit diesem Meisterwerke beglückt hat!« Ähnliche Ehre wurde dem Direktor der Münchener Erzgießerei, von Miller, der den Guß geleitet hatte, zu teil.

Den würdigen Schluß dieses Tages bildete eine wohlgelungene Vorstellung im Theater, die aus folgenden Werken Goethes und Schillers zusammengesetzt war:

»Tasso«, Akt II (Leonore von Este – Fräulein Fuhr; Tasso – Emil Devrient; Antonio – Dawison);

»Götz von Berlichingen«, Akt I (Weimarisches Personal);

»Egmont«, Akt III (Egmont – Emil Devrient; Klärchen – Marie Seebach);

»Wallenstein«, Schlußszene des vierten Aktes (Thekla – Fräulein Fuhr);

»Faust«, Akt IV (Gretchen – Marie Seebach; Mephistopheles – Dawison);

»Die Glocke« und »Epilog« (Weimarisches Personal).

Die Feier wird jedem Teilnehmer unvergeßlich geblieben sein. Nicht nur aus allen deutschen Gauen waren Fremde herbeigeströmt, auch England, Frankreich, ja selbst Amerika war vertreten. – – –

Das Jahr 1860 brachte einen unheilbaren Riß in mein Leben und meine Häuslichkeit; mein geliebtes Weib, das vierzig Jahre das Glück meines Lebens gefördert hatte, starb am 15. April. In ihr verlor ich eine sorgsame, treue Gattin, meine Kinder eine zärtlich liebende Mutter, die Stadt eine hochgeachtete edle Mitbürgerin. Die Teilnahme an meinem[318] Verluste war allgemein; die Armen weinten viele Tränen auf das Grab der Entschlafenen. Wie Bedeutendes sie im Bereiche ihrer Kunst erstrebt und erreicht hat, konnten diejenigen bezeugen, die ihre Leistungen kennen lernten. Ihr Dahinscheiden raubte mir alle Kraft und allen Mut. Leidend an Körper und Seele, fühlte ich mich unfähig, meinem Berufe ferner anzugehören; mit einem wahren Schauder dachte ich daran, die Bühne wieder zu betreten, auf der ich über dreißig Jahre mit ihr zusammen gewirkt hatte. Darum kam ich um meine Pensionierung ein, die mir auch unter der Bedingung, mit dem Titel eines Ehrenmitglieds des Weimarischen Hoftheaters zuweilen noch aufzutreten, huldvoll bewilligt wurde.

Meine Nerven waren so zerrüttet und mein Körper so geschwächt, daß ich auf Anordnung des Arztes Weimar, wo mich alles an meinen unersetzlichen Verlust erinnerte, auf einige Zeit verlassen mußte. Er bestimmte zu meinem Aufenthalte den Chrysopras, ein einsam gelegenes Wirtshaus am Eingang des Schwarzatals, nahe bei Blankenburg im Fürstentum Rudolstadt. In diese reizende Gegend mit ihrer balsamischen Fichtennadelluft wandte ich mich mit dreien meiner Töchter, die ihrer trefflichen Mutter bis zum letzten Atemzuge mit kindlicher Liebe treu beigestanden hatten und wie ich der Stärkung des Gemüts und der Körpers bedurften. Wohl ist es ein Ort, den Gott geschaffen hat, kranke Herzen wieder aufzurichten. So machte auch bei mir der wilde Schmerz, der mein Inneres durchwühlte, allmählich einer mildern Schwermut Platz.

Liszt überraschte mich in meiner Einsamkeit durch einen Besuch und verweilte einige Tage. Seine Gegenwart brachte Leben und Bewegung unter die stillen Bewohner des Chrysopras. Da das Wetter günstig war, so wurde eine gemeinschaftliche Partie nach Schwarzburg, dem Juwel des Tals, gemacht. Nachdem wir alle Schönheiten der Natur in Augenschein[319] genommen, begab sich unsere Gesellschaft in den eleganten Speisesaal, wo noch einige Fremde anwesend waren; der größere Teil befand sich auf der Terrasse, von wo aus man den herrlichen Wiesengrund überblickt, auf dem das Wild in großer Zahl des Morgens und Abends aus den prachtvollen Buchenwäldern erscheint, um hier zu äsen. Im Speisesaal befand sich auch ein leidliches Piano. Als Liszt es sah, rief er: »Da ist ja auch ein Klavier! – Kommen Sie, Fräulein Emilie,« sagte er zu meiner Tochter, »nachdem wir die Natur bewundert, wollen wir auch der Kunst huldigen. Ich akkompagniere Ihnen einige Schubertsche Lieder und will mich dann revanchieren.« Kaum hatte die Musik begonnen, so füllten sich die geöffneten Fenster und Türen, die nach der Straße und Terrasse gingen, mit Zuhörern. Liszt bemerkte, als er die aufmerksam zuhörenden Menschen gewahrte: »Was wollen Sie mehr! Wir haben ja auch ein Publikum. Wie wär's, wenn wir nachher als Bänkelsänger mit dem Teller herumgingen? Wir können dann eine Forelle mehr essen.« Er war an diesem Tage in der liebenswürdigsten Laune und Fröhlichkeit, und nicht nur der große Künstler, auch der heitere, geistreiche Mann entzückte alle Anwesenden.

Das folgende Jahr führte mich zu meinen Töchtern nach Wiesbaden und Karlsruhe, von dort auch nach Baden-Baden. Da die regierende Königin von Preußen wie jedes Jahr in Baden anwesend war, so nahm ich, da ich mich seit langen Jahren ihrer hohen Protektion zu erfreuen hatte, den Zeitpunkt wahr, mich der königlichen Frau melden zu lassen, um ihr mein »Tagebuch«, dessen erster Teil kürzlich im Druck erschienen war, zu überreichen. Die gütige Fürstin empfing mich wie immer mit hoher Huld, und da ihr der Zweck meines Kommens bereits gemeldet worden, begrüßte sie mich mit[320] den Worten: »Ich habe zwar die Ankündigung Ihres Werkes gelesen, wußte aber nicht, daß es schon im Druck erschienen sei; umsomehr erfreut es mich, daß Sie mir es selbst bringen, was ich, nebenbei gesagt, auch erwartet habe.« Sie fragte mich über den Inhalt; unter anderm, ob ich der großen Zeit Weimars und welcher Persönlichkeiten ich gedacht. Mein Herz drängte mich zu sagen, daß ich mich auch über die Segnungen, die Maria Paulowna über ihr Land verbreitet, ausgesprochen hätte. Mit Tränen im Auge erwiderte die zärtliche Tochter: »Ja! Sie war eine treffliche Mutter ihrer Kinder und ihrer Untertanen!« – »Mehr, Ew. Majestät!« fügte ich hinzu; »die Unvergeßliche war der Schutzengel des ganzen Landes!« Ferner nannte ich die Dichter, mit denen ich in Berührung gekommen war. »Nun,« rief sie plötzlich, »und meines und Ihres Freundes Raupach haben Sie nicht gedacht?« Ich bemerkte, daß ich erst nach Goethes Tod mit Raupach in engern Verkehr getreten sei und mein Zweck nur gewesen wäre, die Erinnerungen meines Vaters und Mitteilungen über meine eigene Stellung zu Goethe der Öffentlichkeit zu übergeben. »Unsern trefflichen Raupach dürfen Sie nicht unerwähnt lassen, darum müssen Sie Ihr Tagebuch weiter fortführen!« So wurde die hohe Frau die Veranlasserin der späteren Aufzeichnungen meiner Erlebnisse. Nach einigen Monaten empfing ich von ihr folgendes gnädige Handschreiben.


Ich wünsche Ihnen durch das beifolgende Andenken einen Beweis meiner vollen Anerkennung für Ihre Bestrebungen und Ihre Tätigkeit zu geben, der wir ein Werk verdanken, welches den Erinnerungen einer großen Vergangenheit gewidmet ist und dem Verfasser einen ehrenvollen Platz in der deutschen Literatur sichern wird.

Koblenz, den 21. Oktober 1862.

Augusta.


Dieses mir so teure Andenken bestand aus der goldenen Krönungsmedaille.[321]

So kam das Jahr 1864 und der Tag heran, an welchem ich vor fünfzig Jahren in Weimar meine Theaterlaufbahn begonnen hatte. Da aber an diesem Tage (23. April) die Feier von Shakespeares dreihundertjährigem Geburtstage stattfand, so verlegte mein freundlicher Chef die Feier meines Ehrentags auf den 17. April, und ich betrat als Odoardo Galotti, vom Publikum herzlichst begrüßt und gefeiert, noch einmal die Bühne, auf der ich so lange gewirkt hatte.

Er war für mich ein Tag der Freude, aber er rief auch meinen Schmerz wieder wach, denn mein geliebtes dahingeschiedenes Weib hätte ja alle die Ehren geteilt, die sich auf mich häuften, da auch sie im Jahre 1814 am 2. Mai in Frankfurt a. M. zum erstenmal die Bühne betreten hatte.

Die Auszeichnungen, die mir von so vielen Seiten wurden, hier anzuführen, widerstrebt meinem Gefühle; nur das will ich erwähnen, daß mir die Königin Augusta von Preußen mit huldvollem Handschreiben eine wertvolle Tuchnadel übersandte, und daß neben meinem langjährigen Freunde Gutzkow auch meine Kinder mir einen poetischen Gruß widmeten. Diesem war eine Zeichnung von Wislicenus beigefügt, die Götz von Berlichingen, sein Leben niederschreibend, darstellte. Wie er habe ja auch ich mein Dasein aufgezeichnet, und diese Ähnlichkeit mit dem alten Ritter, den ich auf der Bühne so oft verkörpert hatte, war in dem Gedicht so hübsch betont, daß ich wenigstens einen Teil davon hierhersetzen will:


Wenn alles still um das Gemach

Und nur die Sonne scheint herein,

Dann bleibt er bald nicht mehr allein,

Vergangenheit wird in ihm wach.

Da steigt lebendig vor ihm auf

Der Jugend Spiel, der Mannheit Streben,

So launisch wechselvoll sein Leben

Als wie des Stroms verschlung'ner Lauf.

Und wie das klar und sprudelnd quillt,

So schreibt er treulich Bild um Bild,[322]

Mit wem, um was er sich gestritten,

Was er vollbracht, verfehlt, gelitten,

Der Abenteuer bunte Menge

Offen und ehrlich, ohn' Gepränge,

Ohn' Haß und Groll, männlich bescheiden,

Auf seines schlichten Büchleins Seiten.

Es wird ihm über der Schilderei

Sein redlich Herz noch eins so frei.

Als wüßt' er die noch hinter sich,

Die alle Zeit still emsiglich

Nicht ruhen ließ die fleiß'ge Hand,

Nach der wie oft den Kopf er wandt',

Und die ihm liebreich zugenickt,

So oft er nach ihr hingeblickt.

Die auch verklärt noch um ihn webt,

Nach der sein Herze sehnlich strebt,

Zu deren Lob und höchstem Preis

Er dankbar nur zu sagen weiß,

Daß dem, den unser Herrgott liebt,

Er solch ein Weib zur Seite gibt.


Und mit diesen Worten mag denn auch mein Tagebuch seinen Abschluß finden.[323]

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 304-324.
Lizenz:
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Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit
Aus Weimars Klassischer Und Nachklassischer Zeit: Erinnerungen Eines Alten Schauspielers (German Edition)

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