Elftes Kapitel.
[299] Regierungsjubiläum Karl Friedrichs. – Sein Tod und Begräbnis. – Die Großherzogin-Witwe Maria Paulowna.

Der Tag war herangekommen, an welchem vor fünfundzwanzig Jahren der Großherzog Karl Friedrich den Thron seiner Väter bestiegen hatte; das ganze Land sah freudig dem 15. Juni des Jahres 1853 entgegen, dankbar eingedenk der Liebe und Güte, mit der der edle Fürst zu allen Zeiten seinem Volke entgegengekommen war und, wo er nur konnte, ohne selbst Opfer zu scheuen, geholfen hatte, eingedenk der wahrhaft fürstlichen Worte, die er einst zu seinem Säckelmeister gesprochen: »Ich will nicht der Vater meiner Untertanen nur heißen, ich will es in der Tat und Wahrheit auch sein.« Und[299] wahrlich, dieser Ausspruch war keine leere Phrase gewesen, sondern die Worte wurden bei jeder Gelegenheit durch lebendige Taten bestätigt.

Zu früher Stunde verließ ich meine Wohnung, um mich unter das Fremdengewühl zu mischen und mir die geschmückte Stadt anzusehen. Da stand der Obrist von M. aus Meiningen, der Vater meines Hausgenossen, in gleicher Absicht auf der Straße, aber sein Antlitz war ernst und trübe. »Ei, ei, Herr Obrist!« redete ich ihn an, »das ist kein Festtagsgesicht.« – »Mag sein,« erwiderte er. »Nachdem ich gestern den gnädigsten Herrn gesehen und gesprochen, zieht eine trübe Ahnung durch mein Gemüt und, Gott verzeih' mir! das Ganze kommt mir vor wie eine Leichenfeier, so fahl erscheinen mir Blätter und Blumen.« Diese trüben Gedanken ergriffen auch mich, denn allerdings war in der letzten Zeit in dem Aussehen des geliebten Fürsten eine sichtbare Veränderung vorgegangen, und nicht so freudigen Herzens, wie ich aus dem Hause getreten, durchwanderte ich die Straßen. Da riefen die Glocken zur Kirche, und ich eilte auf den Platz, von wo aus ich meinen gütigen Herrn in nächster Nähe sehen und ihm ebenfalls zujauchzen konnte. Endlich kam er im offenen Wagen dahergefahren, und die Rosenkronen der Festons schwebten über seinem Haupte. An seiner Seite saß Friedrich Wilhelm IV., der von Berlin gekommen war, um dem Jubilar die Brust mit der Kette des schwarzen Adlerordens zu schmücken. Tausendstimmiger Jubelruf erschütterte die Luft, und gern hätte das Volk die Pferde ausgespannt, um seinen allverehrten Landesherrn nach dem Tempel Gottes zu bringen, wo er seinen Dank dem Allerhöchsten darbringen wollte.

Von allen seinen geliebten Kindern und Verwandten umgeben, nahm er teil an den Festen, die ihm zu Ehren gegeben wurden und die mehrere Tage in Anspruch nahmen. Die Liebe und Dankbarkeit, die sich an allen Orten kund[300] taten, waren für ein mitfühlendes Herz wahrhaft erhebend. Wohl war das Jahr 1848 der Zeitpunkt gewesen, wo das Volk erst ganz das Herz seines gütigen Fürsten kennen gelernt hatte, und die Wohltaten, die er ihm damals erwies, steigerten Ehrfurcht und Anhänglichkeit in dem Maße, wie es eben bei den Festtagen zum Ausdruck kam.

Karl Friedrichs öffentliche Danksagung für alle empfangene Liebe und Hingebung an seinem Jubelfeste war zugleich sein letzter Gruß an sein Volk. Am 12. Juli ertönten die Glocken abermals, aber ihre ehernen Zungen riefen Weimars Bevölkerung nicht zur Freude, sondern zur tiefsten Trauer. Der treffliche Fürst, dem wir vor wenigen Wochen an seinem Ehrentage zugejauchzt hatten, ward nach Gottes Ratschluß in der Nacht vom 7. zum 8. Juli an die Seite seines unsterblichen Vaters Karl August in die Fürstengruft gerufen.

In früherer Zeit wurden die fürstlichen Leichen in der Stadtkirche begraben. Dort ruhte unter andern auch der berühmte Heerführer im dreißigjährigen Kriege, Herzog Bernhard von Weimar. Später wurden die Dahingeschiedenen in einem Gewölbe im Schlosse beigesetzt. Nur Anna Amalia hatte die Bestimmung getroffen, unter den Stufen des Altars der genannten Kirche bestattet zu werden. Im Jahre 1818 machte sich ein neuer Feledhos nötig. Der Platz, den man dazu gewählt, liegt vor der Stadt, der Südseite zu, und steigt allmählich an. Karl August gab im Jahre 1823 den Befehl, auf der Höhe desselben eine Kapelle zu errichten, die zugleich als Fürstengruft dienen sollte, und die Worte, die er hinzufügte: »Ich will unter den Bürgern, mit denen ich zusammen gelebt, künftighin auch ruhen,« geben wahrlich das beste Zeugnis, wie er zu seinen Untertanen gestanden. In schlichter Einfachheit, wie der Unvergeßliche es ausdrücklich verlangt hatte, erhob sich bald diese Kapelle. Nach ihrer Vollendung wurden die irdischen Überreste der Fürsten und Fürstinnen,[301] die bisher in dem Schloßgewölbe geruht hatten, hier beigesetzt und zu ihnen im Jahre 1826 Schillers Gebeine.

Im Schloß zu Belvedere, das so lange Jahre der Sommersitz des fürstlichen Paares gewesen, war Karl Friedrich verschieden. Tausende von nah und fern strömten herbei, um das teure Antlitz des allverehrten Landesvaters noch einmal zu sehen und ihm Tränen der Liebe zu weihen. Tief gebeugt, mit tränenden Augen geleiteten den hohen Toten sein Nachfolger Karl Alexander, seine Schwiegersöhne, die Prinzen Wilhelm (später König Wilhelm I.) und Karl von Preußen, sein Bruder Herzog Bernhard und dessen Söhne Hermann und Gustav in die Fürstengruft. Am reichlichsten flossen die Tränen über die Wangen des Prinzen von Preußen; nur der greise Kriegsheld Herzog Bernhard, der schon in seinem sechzehnten Jahre sich mit dem Tode vertraut gemacht und unzählige Male in heißen Schlachten ihm in das hohle Auge geblickt hatte, wußte seine tiefe Empfindung zu bemeistern, und doch hatten sich diese Brüder von Jugend auf innig geliebt!

Der Akt der Pietät war vorüber; Karl Friedrich ruhte bei seinen Vätern, in vorgeschriebener Ordnung bewegte sich der Zug nach der Stadt zurück. Ich aber blieb und ging zu den Gräbern meiner Eltern, um ihnen ein stilles Gebet zu weihen und meinen dahingeschiedenen Freunden einen Gruß in ihre Gruft zuzurufen. Weimars Friedhof ist wie ein Garten anzuschauen, die schönsten Blumen vom bescheidenen Veilchen bis zur stolzen Rose und der keuschen Lilie schmücken ihn, herrliche Bäume verbreiten einen wohltuenden Schatten. Eine feierliche Sabbatstille umgab mich, die nur durch die gefiederten Sänger im Gebüsche teilweise unterbrochen wurde; ich konnte ungestört meine Gedanken der Zukunft, die uns nach diesem Erdenleben erwartet, zuwenden. Ist doch der Kirchhof der Ort, wo dem Menschen die Frage am ehesten sich aufdrängt: Gibt es nach diesem Erdenleben ein Wiedersehen[302] und Erkennen in dem Jenseits, wie unsere Religion verheißt? Und nirgendwo fühlen wir die Bejahung dieser ernsten Frage zuversichtlicher als hier. Sie ist erst recht lebendig in mir geworden, als Gott mein geliebtes Weib von meiner Seite zu sich genommen hatte. Der Glaube an ein Wiederfinden ist ja der einzige Balsam für die Wunde, die uns der Allmächtige geschlagen, der einzige Trost, der uns das Leben noch ertragen läßt! Ein Zurückkehren meiner Seele zu dem Urquell des Lichts ohne Erinnerung an dieses Erdenleben, ohne Fortdauer meiner Individualität und meiner persönlichen Beziehungen zu andern kann mich nicht befriedigen, weil mir daraus kein wahrer Trost erwächst. Trost und Beruhigung quillt nur aus dem festen Glauben an die uns gegebenen Verheißungen; das Wissen hat hier seine unübersteigliche Schranke.

Aus diesen Gedanken und Träumen weckte mich das entfernte Rollen eines Wagens; ich verließ die Totenstadt. Da kam die hohe Witwe, sie, die von ihrem Volke wie eine Heilige verehrt und geliebt wurde, mit ihren beiden Töchtern dahergefahren, um an dem Sarge des geliebten Gatten und Vaters zu beten und ihn mit heißen Tränen zu netzen. Hier war durch den Tod ein Ehebund getrennt worden, wie er, an gegenseitiger aufrichtiger Liebe und Achtung reich, an sittlicher Würde und Reinheit ausgezeichnet, selten auf fürstlichen Thronen vorkommt und eben darum als Musterbild weithin leuchtete. Gott gab der hohen Frau die moralische Kraft, ihren Schmerz, wenn auch nicht zu verleugnen, doch zu beherrschen, um sich ihren Kindern und den Armen, die ja auch ihre Kinder waren, zu erhalten. Im Verein mit ihrer Schwiegertochter, der Großherzogin Sophie, wirkte sie nach wie vor für die leidende Menschheit und förderte Kunst, Wissenschaft und Industrie durch reiche Unterstützung. Doch zum Jammer des ganzen Landes schlug nach sechs Jahren auch ihre letzte[303] Erdenstunde. Am 23. Juni 1859 hauchte sie im Schloß zu Belvedere ihre große, edle Seele aus. Sie konnte befriedigten, ruhigen Herzens in das Jenseits eingehen, denn Gerechtigkeitsliebe, Wohltätigkeit, den Sinn für alles Schöne hatte sie auf ihre Kinder vererbt, und das Weimarische Land durfte sich glücklich preisen, seit mehr als hundert Jahren Herrscher zu besitzen, die nur das Beste und Edelste wollten und ausführten.

Maria Paulowuas Sohn, der Großherzog, ließ der Unvergeßlichen ein Denkmal dicht an der Fürstengruft erbauen, das in einer griechischen Kapelle besteht, die nach dem Plane der Wiesbadener von unserm Oberbaudirektor Streichhan entworfen und vom Maurermeister Hirsch trefflich ausgeführt ist. Die Gewölbe der Fürstengruft und der neuen russischen Kapelle sind durch eine offene Nische durchbrochen; in derselben ruhen Karl Friedrich und Maria Paulowna nebeneinander.

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 299-304.
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