Zehntes Kapitel.
[286] Das Herderfest in Weimar. – Emil Devrient. – Lucile Grahn. – Henriette Sontag. – Mein Rücktritt von der Regie. – Heinrich Marr. – Neuer Intendant.

Am 25. August 1844, als am hundertjährigen Geburtstage Herders, war in der Kirche zu St. Peter und Paul, an der der große Mann siebenundzwanzig Jahre segensreich gewirkt und in der er auch seine letzte Ruhestätte gefunden hat, ein Akt dankbar ehrfurchtsvoller Erinnerung abgehalten worden.

Eine eherne Platte dicht neben dem Taufsteine bezeichnet sein Grab. Das Sinnbild der Ewigkeit mit dem strahlenden Auge Gottes ist darauf abgebildet, sein Motto: »Licht, Liebe, Leben«, sowie Name, Geburts- und Sterbejahr in erhabener Schrift darauf zu lesen. An diesem Grabe feierten die Loge Amalia und die damalige Liedertafel, deren Mitglieder aus hohen Staatsbeamten, Gelehrten und Künstlern bestanden, das Gedächtnis des Mannes, dessen Geist fort und fort in der Brüderkette waltete. Hier wurde beschlossen, ein Herder-Album zu gründen, zu dem viele Gelehrte Beiträge lieferten. Der Ertrag dieses Albums sollte zunächst den Fonds zu einem Denkmal Herders bilden. Schon nach Jahr und Tag konnte diese wertvolle Gabe der Öffentlichkeit übergeben werden. Den Eingang bildet ein Briefwechsel zwischen Karl August und Herder, der, bis dahin noch ungedruckt, das vertrauliche Verhältnis dokumentiert, in welchem diese erhabenen Männer zu einander standen. Als Beleg dafür erlaube ich mir folgenden kurzen Brief Karl Augusts an Herder hier abzudrucken.

Herder hatte dem Fürsten den Tod seines Knaben Alfred gemeldet, worauf Karl August antwortete:


An Ihrem Verluste nehme ich herzlichen Anteil; ich habe dergleichen Unwesen auch erlitten, und es ist immer das Gefühl, welches die Erde haben müßte, wenn sie Nerven hätte und wenn man aus ihrem Schoße eine Pflanze reißt. Der Teil elterlicher Liebe, welchen das verblichene Kind besaß, fällt als ein Erbteil den übrigbleibenden zu,[286] und sie gewinnen an der Erbschaft. Mögen diese zu Ihrer Freude Ihnen dankbar wiedervergelten, was Sie auf sie übertragen. Leben Sie wohl, sammeln und teilen neue Ideen mit. Grüßen Sie mir Ihre Frau.

C.A.H.z.S.


Ich komme nun auf den Tag, an welchem die Enthüllung des Herder-Denkmals in Weimar stattfand. Die Beiträge aus allen Gauen Deutschlands und besonders die Unterstützungen der Könige von Preußen und Sachsen, der Großherzöge von Sachsen, Hessen und Oldenburg hatten es ermöglicht, dasselbe in würdiger Weise auszuführen.

Ein Jahr war vergangen, seit Goethes hundertjähriger Geburtstag von Einheimischen und Tausenden von Fremden auf das glänzendste gefeiert worden war. Nicht minder glänzend war die Enthüllung von Herders Standbild.

Die Feier leitete ein Gottesdienst ein in der Kirche, an welcher Herder siebenundzwanzig Jahre segensreich gewirkt hatte. Um halb elf Uhr stellte sich der Festzug vor dem Rathause auf und setzte sich unter dem Geläute aller Glocken, geführt von einer Abteilung Bürgerwehr, in Bewegung, an der Spitze die Nachkommen Herders, ihnen zunächst der Bildhauer Ludwig Schaller, der die Statue entworfen und modelliert hatte, nebst den Arbeitern am Denkmal. Die Feier begann mit einer musikalischen Einleitung von Liszt, die wirksam und entsprechend war. Hofrat Schöll schilderte nun in kräftigen Zügen alle Verdienste, die Herder sich in religiöser, künstlerischer und wissenschaftlicher Hinsicht bei seinen Zeitgenossen und der Nachwelt erworben hat. Auf die unruhige Gegenwart Bezug nehmend, sagte er am Schlusse: »So lehrt das eherne Denkmal, daß wir Deutsche doch noch Sterne haben, die über äußere bittere Schranken hinaus uns zusammenhalten in unverbrüchlicher Sinneseinheit. So steht uns jetzt, wo wir mehr als je dieses Trostes bedürfen, der Unsterbliche wieder nah, als werbender Mahner, als liebender[287] Tröster, als geistaufrichtender Seher! Und so laßt uns auch, erhoben über Schmerz und Schmach, mit vollem Einmute, mit ganzer Liebe, mit ungeteilter Freude ihn schauen, ihn begrüßen, ihn erhalten!«

Unter einem von Liszt komponierten Chorgesange wurde die Statue enthüllt. Da stand das eherne Bild vor unsern Augen, den Mantel um die Schulter geschlagen, das Buch der Lehre in der Hand, mit ernsten und doch milden Zügen, als wäre er von jenen Höhen herabgestiegen, um uns, seine Nachkommen, zu begrüßen. Der heitere Strahl der Sonne schien dem blinkenden Erze Leben und Bewegung einzuhauchen. Mit stolzer Freude blickten wir auf den Geisteshelden, unsern einstigen Mitbürger, den wir jetzt im Bilde verehrend anschauen konnten.

In freudig gehobener Stimmung vereinigten sich die Festgenossen zu einem Festmahle im Stadthause, bei dem begeisterte Toaste erschallten. Der Toast des Hofpredigers Schweitzer auf die Frauen war insofern von allgemeinerem Interesse, als dabei eine hübsche Anekdote aus Herders Leben bekannt gegeben wurde. Zur Mutter Herder traten einst ihre vier Söhne. Glückwünsche zum Geburtstage brachten sie ihr. Den rührenden Gruß aus kindlich frommen Herzen umschloß ein einfach auf das Papier gemalter Altar. Auch der Vater Herder nahm das Blatt. Er, der die Sprachen der Völker studiert, verstand die Sprache seiner Kleinen vor allen. Er griff nach der Feder und schrieb flugs darunter:


Liebes Weib, sei wohlgemut

Und gesund und fröhlich.

Armut macht die Menschen gut,

Kinder machen selig.


Mehrere geistbegabte Redner traten noch auf, unter andern auch Gutzkow und Dingelliedt, die das Fest durch ihre Gegenwart verherrlichten. – –[288]

Zu einem Ereignis für das Theaterpublikum von Wiemar wurde ein Gastspiel Emil Devrients. Meine Bekanntschaft mit ihm, dem nachmaligen Gatten meiner Schwägerin, stammte bereits aus der Leipziger Zeit, wo ich ihn zuerst als Sigismund im »Leben ein Traum« gesehen hatte. Obgleich er seinen Vorgänger Stein als Rhetoriker damals nicht erreichte, so bekundete doch dieser zwanzigjährige, bildschöne Jüngling ein Talent, das zu den höchsten Erwartungen berechtigte. Sein Organ hatte in den tiefern Lagen einen wundervoll sonoren Klang; nur die mittleren und namentlich die oberen Töne waren etwas spröde, und er konnte sie in affektvollen Phrasen, um nicht heiser zu werden, nur mit großer Vorsicht gebrauchen. Sein unermüdlicher Fleiß beseitigte jedoch nach und nach diesen Übelstand ganz und gar.

Auf der Rückreise von meinem Gastspiel in Wien hatte ich ihn dann in Breslau wiedergesehen, wo er den Ferdinand in »Kabale und Liebe« spielte. Ich war weniger erstaunt über die abermaligen Fortschritte in seiner Kunst als über sein Äußeres. Nicht ein fünfundvierzigjähriger Mann, nein, ein Jüngling mit edler Gesichtsbildung und aller Spannkraft des Körpers stand vor meinen entzückten Blicken. Manchen trefflichen Künstler hatte ich in dieser Partie gesehen, aber keiner kam ihm gleich, denn nur er brachte alle Erfordernisse mit, die man an einen Darsteller des Ferdinand stellt. Daß das weibliche Publikum nicht nur für den großen Künstler, sondern auch für den schönen Mann sich begeisterte, wer könnte darüber sich verwundern! Zwei weitere Meisterleistungen Devrients waren der Hamlet und der Robert in den »Memoiren des Teufels«.

In Weimar hatten wir lange Zeit auf ein Gastspiel von ihm warten müssen; jetzt hatten wir die Freude, ihn in den Rollen Egmont, Bolingbroke im »Glas Wasser« und Karl Moor als Gast zu begrüßen. Er wurde vom Publikum, das[289] stets das Haus füllte, wie überall, mit Jubel aufgenommen. In den »Räubern« mußte sogar das Orchester geräumt werden, in Weimar ein seltener Fall, denn Bruder Studio war in Massen von Jena herübergeströmt, um den überall Gefeierten in der Rolle seines Lieblingshelden zu sehen. Das Haus war schon halb sechs Uhr zum Erdrücken gefüllt. Der Lärm, den die Herren Musensöhne verübten, war nicht gering, und der Polizeileutnant hätte wohl gern gleich Goethe bei ähnlicher Veranlassung gerufen: »Man vergesse nicht, wo man ist,« wenn er nur eine gleiche Wirkung hätte voraussetzen dürfen, wie sich deren der Dichterfürst und Geheimrat erfreut hatte. Auch machte sich eine polizeiliche Einmischung nicht nötig, da es die Musensöhne bei harmlosen Witzen und Scherzen und dem Vortrage schön gesungener Lieder, wodurch sie sich und das übrige Publikum höchlich amüsierten, bewenden ließen. Da die gewöhnliche Wache im Parterre aus vier Husaren bestand, so hatte einer der Studenten, der seinen Platz im Orchester gefunden, eine als Husar gekleidete Puppe mitgebracht und nahm die Gelegenheit wahr, als der Lärm am höchsten stieg, diese rittlings auf den Souffleurkasten zu setzen, seinen Kommilitonen zurufend: »Ruhe, meine Herren! Sehn Sie nicht, wer da sitzt«?

In großer Mißstimmung kam unser Gast zu mir und sagte: »Wenn dieser Lärm so fortgeht, spiele ich nicht!« Ich aber kannte meine Pappenheimer und erwiderte ihm: »Beruhige dich, lieber Emil! Sobald der Vorhang aufgezogen ist, wird eine Totenstille eintreten, und du wirst noch kein aufmerksameres Publikum gefunden haben; darin hat der Jenaer Student sich von jeher vor manchem andern Publikum ausgezeichnet.« Es kam so, wie ich gesagt hatte. Obgleich Devrients Persönlichkeit der Rolle eines Karl Moor widerstrebte, unter dem sich die Jugend einen riesenhaften Kraftmenschen vorstellt, so wußte er doch das Publikum durch die[290] Einheit und Gediegenheit seiner Darstellung hinzureißen, und ein Jubel ohne Ende erfolgte.

Ich hatte Devrient in der Rolle des Bolingbroke noch nie gesehen und muß gestehen, daß ich in seiner Darstellung ein vollendetes Meisterbild fand, das nichts zu wünschen übrig ließ. Da waren alle Erfordernisse vorhanden, die zur Vorführung dieses interessanten Charakters gehören; der seine Diplomat, der geistreiche, schöne Mann, der durch seine Liebenswürdigkeit bezaubert und somit die Fäden der Intrigue in seine Hand bekommt, der humoristische Verschwender, kurz, jede Seite dieser schwierigen Aufgabe kam zu voller Geltung und trug dazu bei, ein vollkommenes Ganzes zu bilden.

Auf Devrients Gastspiel folgte unmittelbar ein zweites von Lucile Grahn und Ambrogio. Der Tanz hat mich von jeher nur dann angezogen, wenn Grazie der Bewegungen, Schönheit des Körpers, Plastik und Mimik die Hauptsache bilden, wie es bei Fanny und Therese Elßler, Marie Taglioni und der niedlichen Pollin der Fall war. Gelenke Füße kann man wohl eine Zeitlang anstaunen, aber sie werden nie einen ästhetischen Eindruck hervorbringen. Fräulein Grahn entsprach trotz ihres europäischen Russ meinen vielleicht zu hoch gespannten Erwartungen nicht. Obgleich ich die enorme Kunstfertigkeit der Beine, ihre ungeheuern Sprünge, die die Luft zu durchblitzen schienen, bewundern mußte, vermißte ich doch, was mich an den obengenannten Tänzerinnen so mächtig anzog, Grazie und Schönheit. Vielleicht war es ihre lange, hagere Gestalt, die am meisten störend auf mich wirkte. Herr Ambrogio zeigte sich als ein gewandter Tänzer und gewann ebenfalls vielen Beifall. Ich beklage immer einen Mann, der dieses Fach zu seinem Erwerbszweig wählt, weil es mir wider den Mann läuft.

Im achtzehnten Jahrhundert war es Gebrauch, keinen[291] Schauspieler zu engagieren, der nicht im Ballett mitwirken konnte. Ich möchte wohl wissen, was Schröder, der große Künstler, der nebenbei auch ein tüchtiger Tänzer gewesen sein soll, empfunden haben mag, wenn er heute den Lear und am folgenden Abend einen grotesken Tanz ausgeführt hat. Gottlob, daß die Zeit vorüber ist!

Ende Januar 1852 sollte eine meiner liebsten Jugenderinnerungen in mir wach gerufen werden. Als ich vor vielen Jahren in Prag in »Jakob und seine Söhne« debütierte, trat mit mir zugleich ein junges reizendes Mädchen von 14 Jahren als Benjamin auf, das später nicht allein Deutschland, sondern fast ganz Europa durch sein Gesangstalent, seine reizende Stimme und liebliche Schönheit entzückte; das Mädchen war Henriette Sontag. Da über die Kindheit dieses Sonntagskindes, soviel mir bekannt ist, in keiner Biographie etwas gesagt wird, so mag es vielleicht nicht unwillkommen sein, wenn ich hier einige Notizen darüber mitteile, die ich aus bester Quelle, von dem Kaufmann Hörle, dem Freunde ihrer Eltern, habe. Henriette Sontag wurde 1804 geboren. Schon als Kind entwickelte sie dramatisches Talent und sang, noch nicht sieben Jahre alt, die Lilli im »Donauweibchen«. Kurze Zeit darauf starb ihr Vater; ihre Mutter erhielt ein Engagement in Darmstadt, das sie aber nach Jahr und Tag wieder löste. Sie übergab Henriette und ihre jüngere Tochter Nanni ihrer Mutter in Mainz und ging in die Welt hinaus, um sich ein anderes Engagement zu suchen, das sie auch nach einiger Zeit in Prag unter Liebichs Direktion fand. Ihre erste Sorge war nun, ihre Kinder kommen zu lassen, und ihr treuer Freund Hörle in Frankfurt übernahm es, die Kinder in Mainz abzuholen, sie in Frankfurt dem Postkondukteur, reichlich mit Geld und Kleidern versehen, zu übergeben und ihn zu bitten, sich der armen Kleinen anzunehmen, was auch geschah. Wer hätte sich auch dieser reizenden Kinder nicht mit Liebe annehmen[292] sollen! Nach langer Fahrt gelangten sie endlich zu ihrer Mutter.

Henriette mußte Liebich etwas vorsingen und er war so begeistert über das Wunderkind von elf Jahren, daß er sie dem Publikum in zwei Arien des »Oberon« (von Wranitzky) vorführte. Sie hatte eine so silberhelle Stimme, die von der Natur durch außerordentliche Geläufigkeit ausgestattet war, daß ihr großer Beifall zuteil wurde. Von nun an bis in ihr vierzehntes Jahr genoß sie ununterbrochen musikalischen Unterricht im dortigen Konservatorium; ihr Lehrer war Herr von Trübensee. In ihrem vierzehnten Jahre war sie fast ganz ausgebildet und betrat, wie ich eben bemerkte, als Benjamin zum erstenmal die Bühne.

Reicher Beifall wurde ihr und auch mir damals zuteil; das Duett im dritten Akt mußten wir auf Verlangen wiederholen und wurden mehrmals gerufen. Der Referent im dortigen Lokalblatt, Professor Gerle, machte die boshafte Bemerkung: »Vater Jakob und Sohn Benjamin zählten zusammen 35 Jahre, hatten also noch nicht das Alter von Sohn Joseph erreicht.«

Während ich dann – schon ein wenig älter geworden – in Leipzig engagiert war, machte unsere deutsche Nachtigall ihren ersten Ausflug von Wien nach Mitteldeutschland. Meine Freude war groß, sie wiederzusehen; aber aus dem fröhlichen, unbefangenen Mädchen war eine fast schüchterne, ernste Jungfrau geworden. Sie sang die Agathe im »Freischütz«, die Berta im »Schnee«, Susanne in »Figaros Hochzeit«, Prinzessin in »Johann von Paris«, Rosine im »Barbier von Sevilla« und »Euryanthe«. Letztgenannte Oper wurde unter ihrer Mitwirkung zum erstenmal in Leipzig gegeben. Die Sontag machte dort nicht das Furore, das man erwartet hatte, vielleicht weil ihr ein zu großer Ruf vorausgegangen war. Als Darstellerin ließ sie auch manches zu wünschen übrig. In Rollen[293] wie Agathe, Berta und Rosine war sie ganz an ihrem Platz, der hochdramatische Gesang hingegen war nicht ihr Feld. Darum konnte sie mir als Euryanthe nicht genügen, zumal wenn ich sie mit der Schröder-Devrient verglich, die ich gleichfalls in dieser Rolle gesehen hatte. Bei dieser waren Spiel und Gesang von gleicher Vollkommenheit. Unvergeßlich wird mir vor allem der Moment bleiben, als sie Eglantine ihr Geheimnis mitteilt, worin sich ganz und gar ihre hohe Künstlerweihe kundgab. Ihr Körper war gleich einer Statue; ihre Augen blickten ins Wesenlose und man sah, wie die ganze Begebenheit an ihrem innern Gesicht vorüberging, wie sie dieselbe fast willenlos aussprach; erst bei dem Ausruf Eglantines »Gewicht'ge Kunde« zuckte ihr ganzer Körper zusammen, und Entsetzen lag in ihren Zügen. Solcher dramatischen Verkörperung war nur diese große Künstlerin fähig. Die Sontag gab mehr die kindliche unbefangene Natur, der die wahre, heiße Liebe noch unbekannt ist, und bei der Stelle: »Daß ich ihn fest umfasse, nimmer, nimmer lasse!« kreuzte sie die Arme über dem Busen, als wollte sie ihr Kanarienvögelchen hätscheln, während die Schröder in derselben Pantomime alle Glut der Leidenschaft ausdrückte, ohne daß dabei die reine Jungfrau in den Schatten trat, und die Phrase mit einem wonnevollen Schluchzen schloß. Die Sontag war in dieser Rolle ein lieblich entfaltetes Mädchen, die Schröder eine erhabene, sich ihres Wertes bewußte Jungfrau.

Im Januar 1852 kam Henriette Sontag nun auch nach Weimar, um uns durch drei Darstellungen: Marie in der »Regimentstochter«, Rosine im »Barbier von Sevilla« und Martha zu erfreuen und zu beglücken. Da stand das vierzehnjährige wilde und doch so liebenswürdige Mädchen wieder lebendig vor meiner Seele; da lebten alle die genußreichen künstlerischen Stunden, die ich mit ihr später verlebt, in meiner Erinnerung auf. Als ich nach dem Bahnhofe fuhr, um sie[294] als Regisseur pflichtschuldigst zu empfangen, drängte sich mir die Frage auf: Wird sie dir als Gräfin entgegentreten – sie hatte bekanntlich den Grafen Rossi geheiratet – oder dich als alten Kollegen begrüßen? Mit Ungeduld ging ich auf dem Perron auf und nieder, der mit Neugierigen gefüllt war, die die Gräfin Rossi sogleich bei ihrer Ankunft sehen wollten. Endlich kamen die Glutaugen der Lokomotive in Sicht. Der Zug hielt, der Wagenschlag wurde geöffnet und mit einem herzlichen »Grüß Gott, lieber Genast!« trat Henriette auf mich zu und enthob mich so der Anrede, die ich für die Gräfin zurecht gelegt hatte. Sie stellte mich ihrem Gemahl mit den Worten vor: »Das ist mein alter Freund, mein wackerer Vater Jakob, der seinen Benjamin aus der theatralischen Taufe im Jahre 1818 gehoben hat. Wir wollen aber nicht davon sprechen, 's ist zu lange her.« Mit gleicher Liebenswürdigkeit begrüßte sie später meine Frau, die sich bei der Bewillkommnung der Anrede »Frau Gräfin« bediente. »Ei was, Frau Gräfin,« erwiderte sie, »bei uns heißt es Christel und Jette.« Die Fama wollte wissen, daß sie an andern Theatern gegen ihre Kollegen gewaltig die Gräfin herausgekehrt habe, hier war das nicht der Fall. Daß sie die Formen der Gesellschaft, in der sie sich fast zwanzig Jahre bewegt und mit denen sie gleichsam verwachsen war, nach ihrem Rücktritt vom Theater hätte abstreifen sollen, welcher Vernünftige konnte das verlangen!

Noch immer war sie eine bildschöne Frau. Die zwanzig Jahre, seit ich sie nicht gesehen, waren spurlos an ihr vorübergegangen. Sie war als Sängerin eher vor- als rückwärts geschritten, was wohl seinen Grund in den täglichen Singübungen haben mochte, die sie, wie sie mir selbst sagte, auch nach ihrem Abgange von der Bühne niemals ausgesetzt. Ihre Stimme hatte noch immer den entzückenden Silberklang, nur der Anschlag des gestrichenen h und c wurde ihr etwas schwer. Wo[295] sie die hohen Töne vermeiden konnte, tat sie es gern. Was ihre Darstellungsweise betraf, so konnte diese einen Menschen, wie mich, der stets nach treuer Charakteristik gestrebt hat, nicht hinreichend befriedigen, was namentlich in der Marie der Fall war. Ihre trefflichste Darstellung war die Martha. Das war naturwüchsige Charakteristik; da war der ihr unbequeme Zwang, sich in eine niedere Sphäre zu begeben, an seinem Platze. Ungeachtet kleiner Ausstellungen war es für mich ein Hochgenuß, dieses Sonntagskind, für das ich schon als Jüngling geschwärmt hatte, wiederzusehen. Das Haus war trotz der dreifachen Preise jeden Abend zum Erdrücken voll, und trotz des Honorars von hundert Friedrichsdor für jede Vorstellung machte die Kasse gute Geschäfte.

Am Abend ihres letzten Auftretens als Martha wurde mir ein prachtvoller Lorbeerkranz mit gleich prachtvoller Atlasschleife übergeben mit dem Ersuchen, ihn persönlich auf der Bühne der gefeierten Sängerin zu überreichen und ihr dabei den Dank des Publikums auszusprechen. Viel Zeit zum überlegen, was da gesagt werden konnte, war nicht geboten, da der Schluß heranrückte. Als echter Weimaraner mußte ich doch eine poetische Phrase unserer großen Dichter in meine Anrede verflechten. Mir fielen zunächst die inhaltsschweren Worte ein: »Wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten.« Ich weiß nicht, wie ich auf den Gedanken kam, diese Worte Goethe zuzuschreiben, und kecklich wollte ich seinen Namen gebrauchen, aber mein guter Stern bewahrte mich noch rechtzeitig davor. Nachdem ich den Dank im Namen des Publikums ausgesprochen, schloß ich: »Empfangen Sie, Hochverehrte, diesen Lorbeer mit den Worten unseres unsterblichen Dichters« usw. Es wäre eine ungeheure Blamage für einen Goetheschen Schüler gewesen, wenn ich ihm oktroyiert hätte, was eines andern war. Was Henriette Sontag darauf erwiderte, weiß ich nicht mehr; sie sprach,[296] während ich zerstreut darüber grübelte, in welchem Werke diese Phrase zu finden sein möge. Nach dem Theater kam unser erster Liebhaber Deetz noch zu mir. Wir zerbrachen uns den Kopf und rieten hin und her, allein vergebens. Die ganze Nacht ließ mir die Sache keine Ruhe, und schon früh am Morgen saß ich vor den Werken Goethes und Schillers, denn diese Ungewißheit wurde mir unerträglich. Da trat Deetz herein und jubelte: »Ich hab's, ich hab's! Schiller gebraucht diese Worte im Prolog seiner Trilogie.« Und so war's. Befriedigt war mein Herz und ich stellte meine Lieblinge wieder an ihren Platz.

Mit allen Ehren wurde Gräfin Rossi ihrem Range gemäß bei Hof empfangen, und Auszeichnungen aller Art von seiten des Publikums fehlten nicht.

Beim Abschied gab sie uns zum Andenken ihr wohlgetroffenes, von Lemercier in Paris angefertigtes Bild mit der Unterschrift: »Erinnerung an Weimar meinen lieben Freunden Genast. Henriette Rossi.« Wie lieb und wertvoll diese freundliche Gabe mir und den Meinigen stets war, brauche ich wohl nicht erst zu sagen.

Zu dieser Zeit hatten wir wie das Publikum einen großen Verlust bei der Bühne zu beklagen: unser trefflicher Durand ging zu seinen Vätern ein. Obgleich er über ein Jahr gekränkelt hatte, so glaubten wir seine Auflösung doch nicht so nahe. Durch seinen Tod verlor unser Personal einen höchst achtungswerten Kollegen und das Publikum eine Zierde unserer Bühne. Denn Durand war ein so bedeutender Schauspieler, daß er in der ersten Reihe der deutschen Bühnenkünstler stand. An einen Ersatz für den Schauspieler wie für den Regisseur mußte gedacht werden. Herr von Ziegesar fragte mich zunächst, ob ich die Regie des Schauspiels nicht mit übernehmen wolle, da ich dieselbe über ein Jahr für meinen kranken Kollegen neben meiner Opernregie geführt[297] hatte, was ich aber entschieden ablehnte. Mein erster Gedanke war an Heinrich Marr, der im Jahre 1848 mit großem Beifall bei uns gastiert hatte. Er nur allein konnte ein würdiger Vertreter Durands besonders im Fach der Regie werden, was ich auch unverhohlen gegen Herrn von Ziegesar aussprach. Mit großer Umsicht, von der ich selbst Zeuge war, hatte Marr mehrere Jahre das Leipziger Theater unter Schmidts Direktion geleitet, und zwar, was das Schauspiel anbetraf, vortrefflich. Es war also das Beste zu erwarten. Aber Herr von Ziegesar ging weiter und machte ihn zum Direktor des Schauspiels und in der Oper zum Oberregisseur, um Marr Liszt gegenüber nicht in eine subordinierte Stellung zu bringen. Beinahe zwanzig Jahre hatte ich die Regie der Oper zur Zufriedenheit des Hofs und Publikums geführt, ich hatte alle meine Kräfte in jeder Beziehung der Anstalt zugewendet, und nun sollte ich den Anordnungen eines Mannes gehorchen, der nicht die geringste musikalische Kenntnis besaß. Das vertrug sich weder mit meiner bisherigen Stellung, noch mit meiner Ehre. Darum legte ich die Regie nieder. Herr von Ziegesar versicherte mir freilich in einem Schreiben, daß Marr sich um die Oper gar nicht bekümmern würde, aber ich wußte, was zu erwarten stand, und blieb bei meinem Entschlusse. Manche Kränkung mußte ich wegen dieses Schrittes ertragen, aber ich nahm sie ruhig hin. Unter anderm nahm weder der Herr Intendant noch der Herr Direktor die geringste Notiz von unserer fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit an dem Weimarschen Theater, wie es doch sonst Sitte und Gebrauch war. Man gab sogar an dem Tage ein Stück, worin wir nicht beschäftigt waren, und doch hatten unsere Freunde erwartet, mich und meine Frau in den »Jägern« oder »Hermann und Dorothea« an diesem Ehrentage zu sehen. Uns genügte aber vollkommen die Teilnahme unserer lieben Kollegen und Freunde, die uns mit Glückwünschen, Blumen und wertvollen Andenken erfreuten.[298]

Marr leistete als Darsteller und Regisseur Vortreffliches, und die Sache hätte gewiß einen erwünschten Fortgang gehabt, wenn sein Ehrgeiz ihn nicht verleitet hätte, Alleinherrscher und nicht bloß Direktor, sondern womöglich auch Intendant sein zu wollen. Nur die Gutmütigkeit und Friedensliebe des kränkelnden Herrn von Ziegesar, schließlich sein bald erfolgendes Hinscheiden verhinderten, daß nicht schon jetzt ernste Konflikte in unerfreulichster Weise ausbrachen. An seine Stelle trat nun der Hofmarschall Herr von Beaulieu-Marconnay, ein wissenschaftlich und literarisch hochgebildeter und energischer Mann, der die Zügel straff in die Hand nahm und überall auf seinem guten Rechte zu bestehen verstand. Dadurch entstanden nun freilich Mißhelligkeiten mancher Art, und das Ende war, daß Marr, der lebenslänglich engagiert worden war, am 1. April 1855 mit einer Pension von fünfhundert Talern entlassen wurde. Der Grund war eine offenbare Beleidigung, die Marr sich gegen den Intendanten zuschulden kommen ließ.

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 286-299.
Lizenz:
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