Neuntes Kapitel.
[263] Franz Liszt. – »Tannhäuser«. – Besuch bei Richard Wagner. – Tichatscheck. – Erstaufführungen des »Lohengrin«. – Briefe Richard Wagners.

Im November des Jahres 1841 war es, als Franz Liszt, dieser seltene Künstler und außerordentliche Mensch, zum ersten Male von Leipzig, wo er konzertiert hatte, nach Weimar kam, um, wie er selbst äußerte, den Boden kennen zu lernen, wo die vier größten deutschen Dichter gelebt und gewirkt hatten, den Ort, den man gern als klassisch bezeichnet und mit Stolz das deutsche Athen nennt.

An einem dunklen Abende, während der Nordwind in den entlaubten Bäumen, die den Karlsplatz umgeben, unheimlich rauschte, saß ich mit dem Künstlerpaare Klara und Robert Schumann im Speisesaale des Russischen Hofs traulich zusammen, als ein Mann von hohem, schlankem Wuchse, mit einem ausdrucksvollen Gesichte und langen, zurückgestrichenen, hellbraunen Haaren hereintrat und sich mit dem Zurufe: »Bon Soir, Ihr Lieben!« meiner Gesellschaft näherte. »Liszt!« rief diese wie aus einem Munde aus. Da war also der Mann leibhaftig vor mir, nach dessen Bekanntschaft ich mich so lange gesehnt hatte, über den die Fama das Außergewöhnlichste und Erstaunenswürdigste seit Jahren in die Welt hinausposaunt hatte, seine enorme Virtuosität, dabei seine Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit, auch seine großartige Freigebigkeit preisend. Nachdem Frau Schumann mich ihm vorgestellt hatte, wobei er mich artig begrüßte, setzte er sich an ihre Seite und ließ sich, ohne besondere Notiz von meiner Gegenwart zu nehmen, in ein[263] eifriges Gespräch mit ihr ein. Im Verlaufe der Unterhaltung fesselte die Genialität des Mannes immer mehr meine Aufmerksamkeit, so daß ich zuletzt nur noch für ihn Augen und Ohren hatte. Auch von seiner Freigebigkeit sollte ich schon an diesem Abende Zeuge sein. Frau Schumann bewunderte die geschmackvolle kostbare Busennadel, die er trug, eine blau emaillierte Weltkugel mit Sternen besäet, die von einer goldenen Adlerklaue gehalten wurde. Sofort überreichte Liszt ihr dieselbe mit seiner Galanterie als Andenken. Anfangs weigerte sie sich, dieselbe anzunehmen, konnte aber schließlich der höchst liebenswürdigen Art und Weise, mit welcher Liszt zu spenden wußte, nicht widerstehen und nahm mit gleich seinem Takte das Kleinod an.

Noch ehe wir uns an diesem Abend gegenseitig verabschiedeten, waren wir einander etwas näher gekommen. Ich ließ mich den andern Morgen bei ihm melden. Er empfing mich mit freundlicher Höflichkeit, die sich während unseres ziemlich langen Gesprächs nach und nach in Herzlichkeit verwandelte, da er in mir wohl einen Menschen erkennen mochte, der ebenfalls für die Kunst glühte und seinen Empfindungen in dieser Richtung freien Lauf ließ. Das brachte uns einander näher. Noch an demselben Tage erwiderte er meinen Besuch, wobei ich Gelegenheit nahm, ihm meine Familie vorzustellen. Das war der Anfang unserer späteren Freundschaft.

»Liszt ist hier!« war das Tagesgespräch von ganz Weimar, und die Frage: »Wird er wohl ein Konzert geben?« ging erwartungsvoll von Mund zu Mund.

Unserer Großherzogin, die als Hummels Schülerin selbst eine vorzügliche Klavierspielerin war, sich mit Komposition beschäftigte und gleich einem Kapellmeister eine Partitur lesen und transponieren konnte, hatte das Publikum den Hochgenuß zu danken, daß Liszt am 26. November ein Konzert im Theater gab. Das Haus war in allen Räumen gefüllt,[264] stürmischer Beifall belohnte den Künstler. Auch hier sollte sich seine fürstliche Freigebigkeit bewähren. Andern Tags sandte er die reiche Einnahme von 600 Talern dem Frauenverein, einer wohltätigen Stiftung, die unsere Landesmutter Maria Paulowna ins Leben gerufen hatte. Unser Großherzog verlieh ihm in Anerkennung seiner ungewöhnlichen musikalischen Leistungen die Dekoration des Falkenordens. Ich war zufällig anwesend, als er diese Auszeichnung, die erste in der langen Reihe ähnlicher, empfing und Zeuge der lebhaften Freude, die er darüber empfand und keineswegs verbarg, wie wohl mancher andere, der in solchem Falle den Gleichgültigen spielt. Als ich einst einem Manne, der von seinem Fürsten mit dem »goldenen Vogel« geehrt worden war, zu diesem frohen Ereignis gratulierte, antwortete er: »Gebraten sind sie mir lieber!« Das war nicht bloß ein wohlfeiler Witz, sondern auch eine Unwahrheit, denn ich durfte überzeugt sein, daß er mit großer Genugtuung und selbstgefälligem Stolze auf den Schmuck blickte, der fortan sein Knopfloch zieren sollte.

Während Liszts Anwesenheit in Weimar gab ich ihm zu Ehren eine größere Abendgesellschaft, in der sich auch Frau von Heygendorf (frühere Jagemann) befand, von der Liszt viel gehört hatte und die er deshalb ganz besonders kennen zu lernen wünschte. So liebenswürdig er gegen alle übrigen Damen war, so zeichnete er doch ganz besonders diese geniale Frau aus und behauptete fast den ganzen Abend den Platz neben ihr. Endlich bat er sie, ihm etwas zu singen. »Wenn Sie die alte sechzigjährige Frau nicht auslachen wollen, in Gottes Namen!« erwiderte sie mit freundlichem Humor. Wahrlich, die edlen Züge und die großen blauen Augen waren noch schön zu nennen! Sie sang eine italienische Arie, die Liszt begleitete. Obgleich die jugendliche Frische ihrer Stimme dahin war, bekundete doch ihr Gesang, daß sie in der trefflichsten[265] Schule gebildet worden war. Nachdem unter lautem Beifall das Lied beendet war, wollte Liszt vom Flügel sich entfernen, aber sie ließ ihn sein Vorhaben nicht ausführen und sagte: »Nein, mein Verehrter! So kommen Sie nicht los! Ich habe Ihnen Ihren Wunsch erfüllt, nun erfüllen Sie auch den meinen und geben uns den »Erlkönig« zum besten!« Unter ungeheurem Jubel nahm er den Platz am Instrument wieder ein und kam der Bitte, in die alle Anwesenden einstimmten, nach.

Gegen Mitte Dezember reiste Liszt nach Berlin. Welch unerhörte Triumphe seine Kunst dort feierte, ist weltbekannt; die Begeisterung steigerte sich bis zum Taumel der Abgötterei. Die Fama berichtete, daß exaltierte Damen die Handschuhe, die der Meister als unbrauchbar weggeworfen, aufgehoben, die Saiten, die seine kunstfertige Hand zerschlagen, gesammelt hätten, um ein teures Andenken an den Unvergleichlichen zu besitzen. Das letztere muß ihnen doch etwas schwer geworden sein, da es Liszts Art nicht war, die Saiten zu zerschlagen. Spottende Ironie mag solche und ähnliche Geschichten im Gegensatze zu der maßlosen Verehrung erfunden haben.

Liszt kehrte im Oktober 1842 nach Weimar zurück, um sein Amt als Hofkapellmeister in außerordentlichem Dienste bei den Feierlichkeiten zur Vermählung unseres Erbgroßherzogs Karl Alexander mit der Prinzessin Sophie von Holland anzutreten. Er arrangierte ein großes Hofkonzert und hatte zu diesem Zwecke Rubini auf Veranlassung der höchsten Herrschaften mitgebracht. Damit aber auch das Publikum den Genuß nicht entbehre, den weltberühmten Sänger zu hören, veranstaltete er am 29. Oktober ein zweites im Theater.

Obgleich man Rubini, was die Stimme anlangt, nur noch eine schöne Ruine nennen konnte, so mußte man doch über die eminente Fertigkeit, sowie über die Sicherheit des Anschlags im Tone staunen und den edlen Vortrag bewundern.[266]

Nach diesen Festlichkeiten trat Liszt seine Kunstreisen wieder an, kehrte aber jedes Jahr ein-, auch zweimal zurück, um bei Hofe und auch im Theater Konzerte zu arrangieren. Das waren genußreiche Stunden und Tage für seine Freunde und Verehrer. Wie ein Bienenschwarm zogen ihm fremde Künstler nach, und wir lernten durch ihn manche musikalische Größe kennen. Er kam mir vor wie ein reicher Quell, der seine belebende Kraft nach allen Seiten ausströmen läßt, um den trockenen Boden mit frischem Grün und neuen Blüten zu schmücken. Am behaglichsten fühlte er sich, wenn viele seiner Freunde um ihn versammelt waren, was gewöhnlich in den Morgenstunden der Fall war. Hier wurde das Neueste, das in der Musikwelt erschienen war, zu Gehör gebracht und besprochen, wobei es natürlich bei verschiedenen Ansichten nicht immer ruhig herging. Man konnte diese Morgenstunden ein musikalisches Lagerleben nennen, dem es an Bewegung und bunter Abwechselung nicht fehlte. Das hinderte Liszt aber nicht, während des lauten Gesprächs und Musizierens sich hinzusetzen und musikalische Gedanken zu Papier zu bringen.

Ein schöner Zug von ihm war es, daß er nie duldete, daß über einen abwesenden Künstler ungünstig geurteilt oder gar einer seiner Rivalen herabgesetzt wurde. Dann war er Feuer und Flamme, schüttelte sein Haupthaar wie ein Löwe seine Mähnen, warf den Kopf in die Höhe, streckte verächtlich die Unterlippe hervor und rief: »Bah! Das ist ein tüchtiger Kerl, ein ganz tüchtiger Kerl, hinter den sich mancher verkriechen muß.«

Eines Abends unterhielten wir uns mit Whistspiel; Liszt, Pantaleoni, sein damaliger Begleiter, Professor Wolff aus Jena und ich. Liszt schien mir sehr abgespannt; ich mahnte daher zum Aufbruch, aber meinem alten Freunde Wolff, der gern bis in die späte Nacht hinein schwärmte, war das[267] nicht genehm; er wollte erst seine Zigarre ausrauchen (das Rauchen auf der Straße war zu jener Zeit noch verboten). »Nehmt mir's nicht übel, Kinder!« sagte Liszt, »ich bin sehr müde und muß zu Bett, aber laßt Euch deshalb nicht stören.« Wolff und ich plauderten, Pantaleoni setzte sich an den Flügel und präludierte, erst leise, dann aber fuhr er laut mit einer Kanzone heraus, daß wir erschreckt aufsprangen und ihn zur Ruhe verweisen wollten, als Liszt rief: »Pantaleoni, so habe ich Sie nie singen hören! Da muß ich akkompagnieren!« Wie der Blitz kam er im tiefsten Negligé hereingesprungen, setzte sich ans Klavier, und nur mit Mühe nötigten wir ihm einen Pelz und Pantoffeln auf, um ihn vor Erkältung zu schützen. So verbrachten wir noch eine Stunde; alle Müdigkeit war von ihm gewichen.

Im Jahre 1846 traf ich in Wien mit Liszt zusammen und war hoch erfreut, mit diesem herrlichen Menschen wieder einen Tag zu verleben. Er wohnte damals, wenn ich nicht irre, in der Stadt London, wo ich ihm meinen Besuch abstattete. Da er mir die Wahl ließ, in welchem Hotel wir zu Mittag essen wollten, schlug ich das meine, Stadt Frankfurt, vor. »Mein Teuerster,« entgegnete er, »dort verzehre ich keinen Kreuzer mehr.« Das Warum will ich in Kürze mitteilen.

Liszt war im vergangenen Herbste nach Wien gekommen, in der Stadt Frankfurt eingekehrt und hatte jeden Tag dort gleich einem Fürsten offene Tafel gehalten. Natürlich wollte man ihn hören, er schlug aber alle Aufforderungen, Konzerte zu geben, entschieden ab. In dem kurzen Zeitraume von vierzehn Tagen war seine Hotelrechnung zu dem bedeutenden Betrage von mehr als tausend Gulden aufgelaufen. Im Begriffe abzureisen, läßt er den Wirt rufen. »Herr Wirt,« beginnt er, »ich reife jetzt nach Prag, um mehrere Konzerte dort zu geben, und komme in sechs Wochen zurück. Wollen Sie mir bis dahin Kredit geben?« Liszt stand zu dieser Zeit[268] im Zenith seines Ruhms und sein Name war in der kleinsten Stadt Europas bekannt. Der drollige Wirt zuckt die Achseln und sagt: »Gewiß sehr gern, Herr Doktor, aber leider brauche ich gerade jetzt das Geld.« – »Ah, das ist etwas anderes!« erwidert Liszt; »wenn Sie Ihr Geld brauchen, müssen Sie sogleich befriedigt werden!« Er schickt sofort zu einem Freunde, der ihm eine größere Summe sendet, als er bedarf; die Dienerschaft wird zusammengerufen, und nachdem er in ihrer Gegenwart die Rechnung getilgt, wendet er sich zu ihr und sagt: »Ich bin mit Euch sehr zufrieden gewesen! Diese zweihundert Gulden sind für Euch. Vorfahren! Adieu! Adieu!« – –

Ich wende mich nun zu dem Zeitpunkte, wo Liszt dem unsteten Leben eines fahrenden Künstlers entsagte, den Wanderstab niederlegte und seinen bleibenden Aufenthalt in Weimar nahm. Nur von Zeit zu Zeit gewährte er den Bewohnern den Hochgenuß, ihn in öffentlichen Konzerten zum Vorteil der Witwen und Waisen der Kapellmitglieder als Virtuos dankbar zu bewundern. Definitiv war er als Kapellmeister an die Spitze unserer Oper getreten; ich stand ihm als Regisseur zur Seite. Sein Wahlspruch, von dem Neuen das Beste aufs würdigste zur Anschauung zu bringen, ohne das alte Vortreffliche aus den Augen zu lassen, war auch der meinige. Er hatte Vertrauen zu meiner langjährigen Praxis und ich zu seinem hohen Kunstsinne. Dies tägliche Zusammenleben mit ihm erfrischte meinen Geist und steigerte meine Kraft. Wie herrlich wuchs unter seiner Leitung das Orchester heran! Nicht ein Taktmesser stand an dem Dirigentenpulte, sondern ein Führer voll Feuer und Energie, der alle musikalischen Feinheiten aufzufinden und zur Geltung zu bringen wußte, der seine Untergebenen unwiderstehlich mit auf die Höhe riß, auf der er selbst stand.

Die erste Oper, die er dirigierte, war Flotows damals[269] zur ersten Aufführung gelangende »Martha«, die er mit großer Umsicht einstudiert hatte. Anfang Februar 1849 kam die Oper »Haydée« von Auber zur Darstellung. Gleichzeitig wurde in Gotha ein neues Werk von Herzog Ernst von Sachsen: »Tony, oder die Vergeltung« gegeben. Ziegesar, Liszt und ich reisten hinüber, um einer Vorstellung dieser Oper beizuwohnen. Obgleich das Sujet manches zu wünschen übrig ließ, war doch die Oper so melodienreich und in ihrem Ensemble so trefflich gearbeitet, daß beschlossen wurde, sie so bald als möglich bei uns zur Aufführung zu bringen. Damit das geschehen konnte, war der fürstliche Komponist so freundlich, uns nicht nur Partitur und Stimmen, sondern auch das herrliche Glockengeläute, das er eigens zu dieser Oper hatte gießen lassen und das eine herrliche Wirkung im ersten Finale hervorbrachte, für die erste Darstellung zu überlassen. Diese fand am 14. April statt. Leider konnte der hohe Herr der Aufführung nicht beiwohnen, da ihn seine militärischen Pflichten nach Holstein riefen; er beauftragte mich aber, ihm einen genauen Bericht über den Erfolg und die Aufnahme seiner Oper in Weimar zukommen zu lassen, ein Auftrag, dem ich um so freudiger nachkam, als ich nur Gutes zu berichten hatte.

Erwähnen will ich hier noch eine Anordnung, die dem Orchester auch außer der Oper ein selbständiges Produzieren zuteilte. Vor solchen Stücken, die nicht den ganzen Theaterabend ausfüllten, wurden Symphonien aufgeführt, und da seit Hummels Zeit Beethovens symphonische Meisterwerke nur selten zu Gehör gekommen waren, führte Liszt die A-dur-, dann die B-dur-Symphonie vor. Auch mit gediegenen Novitäten machte er das Publikum bekannt, so unter anderm an einem Abende mit der Ouvertüre zu »Tannhäuser« und dem vierten Akte der »Hugenotten«. Dankbar wurden diese musikalischen Gaben empfangen; man konnte auch in der Tat nichts Vollendeteres hören.[270]

Aubers – übrigens mit sehr geringem Erfolg gegebene – Oper »Haydée« gehörte zu denen, die wir zum Geburtstagsfeste des Großherzogs und der Großherzogin ausgesucht hatten. Für den 16. Februar hatte Liszt »Alfonso und Estrella« von Franz Schubert vorgeschlagen. Gegen die letztere opponierte ich als Regisseur, denn so sehr ich Schubert als Liederkomponisten verehre und liebe, so kann ich dieses Werk nicht eine Oper nennen, da es nur eine Reihenfolge von schönen Melodien und Liedern bietet, wodurch eine Monotonie entsteht, die peinlich werden muß. Liszt bestand aber auf seiner Wahl. Mehrere Klavierproben hatten bereits stattgefunden, als er selbst auf den glücklichen Gedanken kam, die Oper beiseite zu legen und dafür den »Tannhäuser« zu wählen; freudigst stimmten der Intendant und ich bei. Die Zeit war aber zu kurz, um die Partitur ab- und die Stimmen ausschreiben zu lassen. Rasch entschlossen fuhr ich am andern Morgen nach Dresden, um mir von meinem Gönner, Geheimrat von Lüttichau, Partitur, Solo-, Orchester- und Chorstimmen leihweise zu erbitten, zugleich auch um mit dem Komponisten über das Honorar mich zu verständigen. Freundlichst gewährte mir der Herr Geheimrat mein Gesuch, obgleich der »Tannhäuser« eine Repertoire-Oper war. Nachdem mir Wagner seine Intentionen über Tempi und Szenerie mitgeteilt hatte und unser Geschäft ganz nach Wunsch geordnet war, forderte ich ihn auf, mit mir zu Hempel in die Brüdergasse zu gehen. Er führte mich in eine andere Lokalität, die in derselben Straße lag, mir aber unbekannt war. Als ich eingetreten war, sah ich sogleich an den Heckerhüten, in welcher Gesellschaft ich mich befand. Aus den Reden dieser bärtigen Gesellen konnte ich schließen, daß ihnen die konstitutionelle Monarchie eine abgetane Sache und die Republik die Sonne war, an der sie sich zu wärmen dachten. Bei aller Unheimlichkeit, die mich überfiel, mußte ich doch im stillen lachen, als[271] einer, der mir von früher bekannt war, von »Fürsten ernähren« sprach, während er doch, wie ich wußte, den größten Teil seines Gehalts aus der königlichen Schatulle bezog. Ich hätte ihm gern darauf gedient, aber ich überlegte, an welchem Orte und in welcher Gesellschaft ich mich befand, und schwieg. So viel wurde mir aus diesem Treiben klar, daß das Schlimmste zu erwarten stand. Erst als ich das Pflaster wieder betrat, fühlte ich mich behaglicher. Andern Tags fuhr ich, wenn auch nicht mit Golde, doch mit Noten beladen, die mir ebensoviel wert waren, nach Weimar zurück.

Wir konnten dieses Meisterwerk trefflich besetzen: Fräulein Agthe – Elisabeth; Fräulein Haller – Venus; Höfer – Landgraf; Milde – Wolfram; Schneider – Walter. Nur Herrn Götze lag die Partie des Tannhäuser etwas zu hoch. Die Klavierproben wurden gleich nach meiner Rückkunft begonnen, und das Ganze hatte einen erwünschten Fortgang.

Doch ehe der Tannhäuser seine Pilgerfahrt auf unserer Bühne unternehmen konnte, mußte erst noch eine große Schwierigkeit überwunden werden. Götze erklärte sechs Tage vor der Aufführung, er fühle sich zu erschöpft, um diese riesige Aufgabe würdig durchführen zu können. Der Gedanke, im Angesicht des sichern Hafens noch zu scheitern, versetzte uns in die peinlichste Verlegenheit. Was war da zu tun? Nichts anderes, als daß ich abermals nach Dresden fuhr, um Tichatscheck für unsern Zweck zu gewinnen und, was die Hauptsache war, ihm einen achttägigen Urlaub bei Herrn von Lüttichau auszuwirken.

Dort angekommen, war mein erster Weg zu Tichatscheck, um mich vor allem seiner Zusage zu versichern. Er war erfreut über meinen Antrag, zweifelte aber an der Erlaubnis der Intendanz, da für diese Woche drei Opern angesetzt wären, worin er beschäftigt sei. Dennoch fuhr ich voll Vertrauen[272] zu meinem hohen Gönner. Anfänglich schlug er mir meine Bitte rund ab; als ich ihm aber bemerkte, daß die Aufführung zur Verherrlichung des Geburtstags unserer Landesmutter, die er ja selbst so hoch verehre, beitragen solle, schien mir sein Stillschweigen eine günstige Wendung anzudeuten. Bald jedoch folgten einem verhängnisvollen Kopfschütteln die mich niederdrückenden Worte: »Tichatscheck soll in dieser Woche den Raoul, George Brown und Cortez singen. Dem Hofe und dem Publikum gegenüber habe ich Rücksichten zu nehmen, darum tut es mir leid, Ihr Gesuch nicht bewilligen zu können.« Ich versuchte das letzte Mittel, ihn durch Humor in bessere Laune zu versetzen und erwiderte keck: »Ja, Exzellenz, dann tut es mir leid um Ihre kostbare Zeit, denn ich habe mir im Fall einer Verneinung vorgenommen, Sie in aller Untertänigkeit mit dem Charakter eines zudringlichen Weinreisenden bekannt zu machen, der sich dreimal zur Tür hinauswerfen läßt und endlich durch das Fenster hereinkommt, was mir allerdings bei dem hohen Parterre und meinem Alter etwas sauer werden würde.« Er wie seine Gemahlin, die unserm Gespräche beiwohnte, lachten laut auf. »Nun,« antwortete er, »ich will mir das Hinauswerfen und Ihnen das Einsteigen sparen. Nehmen Sie ihn hin, Sie Plagegeist, aber eröffnen Sie ihm, daß er heute über acht Tage wieder hier sein muß, um den Raoul zu singen.« Ich war egoistisch genug, zu denken: »Was dann geschieht, ist nicht meine Sache.« Unter tausend Danksagungen empfahl ich mich dem wohlmeinenden Paare.

Sofort fuhr ich zu Tichatscheck und stürzte mit dem freudigen Rufe: »Ich habe dich!« in sein Zimmer. Darauf eilte er ins Theater, um seine Kostüme einpacken zu lassen, und ich meldete rasch in einigen Zeilen, daß ich Tichatscheck gewonnen hätte und den andern Abend mit ihm in Weimar eintreffen würde. Mit größerem Triumph kann Coriolan[273] nicht in das eroberte Corioli eingezogen sein, als ich mit meiner Beute in Weimar einfuhr.

Die Aufführung der Oper fand am 16. Februar statt und wurde am 18. unter abermaliger Mitwirkung Tichatschecks wiederholt. Im vollsten Sinne des Wortes war das eine Festvorstellung. Dazu machten sie die Mitwirkung des berühmten Gastes, die virtuose Orchesterleitung unseres Liszt und der warme Eifer, mit dem ein jeder der Mitwirkenden, bis zum Maschinisten hinab, sich bemühte, zum glücklichen Gelingen beizutragen. Obgleich es nicht gebräuchlich war, an Abenden, wo eine fürstliche Person mit Zuruf empfangen wurde, den Darstellern lauten Beifall zu zollen, so durchbrach doch an diesem Abende die Begeisterung die herkömmliche Schranke, und reicher Applaus wurde besonders Tichatscheck zu teil. Er war aber auch zu jener Zeit der beste Repräsentant des Tannhäuser. Nicht nur als Sänger entzückte er mich, auch als Darsteller gewann er meine volle Anerkennung. Dem Landgrafen und den hohen Gästen gegenüber bewegte er sich stets in den Formen der Etikette, er wandte nicht, wie in der Neuzeit so manche tun, im Wettstreit seinen Gegnern das Gesicht zu, sondern den fürstlichen Personen. Man möchte solch ungeschlachten Burschen, der das vergißt, auf eine Drehbank setzen, um ihm die Wendung zu geben, die der Anstand erfordert. Noch eine Nüance Tichatschecks war für mich von außerordentlicher Wirkung. Nach dem Duett mit Elisabeth stürzte er auf diese zu, als wolle er in seinem Sinnentriebe die Unvergleichliche in seine Arme schließen; aber als ob ein heiliger Schauer vor dieser erhabenen reinen Tugend ihn anwehe, sank er zu ihren Füßen, demutsvoll den Saum ihres Gewandes küssend. Dem Sänger mußte man die höchste, dem Darsteller die achtungsvollste Anerkennung zollen. Von allen Darstellern, die ich später in dieser Rolle gesehen habe, ist es nur Niemann, der alle Anforderungen[274] dieser gewaltigen Aufgabe in höchster Vollendung erfüllt hat. –

Bis zum Schlusse des Jahres stellte Liszt ein wünschenswertes Opernrepertoire auf, das aus gutem Neuen und Alten bestand. Mozart, Weber und Beethoven standen in vorderster Reihe. Nun aber schritt er zu einer Aufgabe, die nur seine Unermüdlichkeit, sein Talent und Genie würdig lösen konnten. Das bevorstehende Herderfest sollte auch im Theater gefeiert werden; man beschloß, am Vorabend des 25. August 1850, an welchem Tage Herders Standbild enthüllt wurde, seinen »Prometheus«, wozu Liszt die Musik geschrieben und ich das Szenische besorgt hatte, zur Darstellung zu bringen. Zur Nachfeier sollte am 28. Wagners »Lohengrin« folgen. Liszt benutzte zum Einstudieren dieses Werkes die Sommerferien und hielt täglich Klavierproben, während ich im Verein mit den Beamten Kostüme und Dekorationen ordnete. Es war bei unsern bescheidenen Geldmitteln keine kleine Aufgabe, den Anforderungen Wagners einigermaßen nachzukommen. Liszt hatte in instrumentaler Hinsicht gleiche Not, denn die vier Heerhörner, die Wagner vorschreibt, waren nicht aufzutreiben und mußten durch Trompeten ersetzt werden.

Als nun die Sache so weit gediehen war, daß man zu den Theaterproben übergehen konnte, stand ich Liszt als Ordner auf der Bühne treulich zur Seite. Nicht nur, daß meine Pflicht mich aufforderte, bei Inszenierung dieses Meisterwerks meine ganze Kraft anzuspannen, es war zugleich ein hoher Genuß, gerade bei dieser Oper mit ihm vereint zu wirken. Um das Sänger- und Orchesterpersonal nicht zu ermüden, wurde jeder Akt einzeln probiert, was vier bis fünf Stunden Zeit in Anspruch nahm, da Liszt alle musikalischen Feinheiten und ich das charakteristische Zusammenspiel auf[275] der Bühne gewahrt wissen wollte. So folgten sich neun Aktproben, und erst die drei letzten ganzen Proben gaben uns ein vollkommenes, einheitliches Bild. Drei Tage vor der Aufführung erhielt ich durch Liszt noch folgende Zeilen von Wagner, die mir den sichern Beweis gaben, wie lebendig seine Schöpfung bis auf die geringste Kleinigkeit vor seiner Seele stand.


Verehrter Freund! Als Elsa in der zweiten Szene des ersten Aktes in ihrer Angst über das Ausbleiben eines Kämpfers für sie mit den Worten: ›Du führtest zu ihm meine Klage‹ usw. mit einem Hilferufe an Gott auf die Knie sinkt, habe ich in der Partitur angegeben, daß die Frauen (die Begleiterinnen Elsas) näher zu ihr herangetreten sein sollen. Diese Bemerkung möge dahin verstärkt werden, daß diese Frauen, als sie mit gespanntester Teilnahme für ihre Herrin die Worte der Männer: ›In düsterm Schweigen richtet Gott!‹ gehört haben, mit lebhafter Unruhe und in größter Angst um Elsa aus dem äußersten Hintergrunde durch den offenen mittlern Bühnenraum zu Elsa vorschreiten, wie um sie zu schützen vor der drohenden Gefahr, sich ihr sogar möglichst nahe drängen. Diese Bewegung muß pantomimisch so selbständig wie möglich von ihnen ausgeführt werden, sodaß sie auf den Zuschauer die Wirkung eines über Leben und Tod entscheidenden Moments hervorbringt. Das Violoncello mit dem Baß-Klarinettensolo wird dadurch ausgefüllt. Während dann die Männer nach dem Hintergrunde der Erscheinung Lohengrins zu blicken, bleiben die Frauen nur lauschend dicht um Elsa gruppiert und treten dann mit dieser links dem Platze des Königs näher, wo sie wie unter dem Schutze des Königs verbleiben.

Noch eins! Ich weiß nicht, welche dramatische Befähigung der Sänger des Lohengrin, Herr B., besitzt; für alle Fälle soll er das Wichtigste im Auge haben. Das ist die große Schlußszene des letzten Aktes; ihre Wirkung beruht allein darauf, daß er seine schwierige Aufgabe löst. Im Anfange dieser Szene und bei der Anklage Elsas sei er furchtbar und vernichtend streng, wie ein strafender Gott. Nach seiner Erzählung und seiner Kundgebung von den Worten an: ›Ach Elsa, was hast du mir angetan‹ breche aber alle seine göttliche Strenge in dem allermenschlichsten Schmerz zusammen. Die ungeheuerste, herzzermalmendste, schmerzlichste Leidenschaft bis zu seinem Scheiden muß den ganzen erschütterndsten Gehalt des Schlusses der Oper ausmachen. Nur er kann die rechte Wirkung hervorbringen, niemand anders; alles andere wird sich von selbst machen. Wenn ein Herz unerschüttert bleibt, so ist es seine Schuld.[276]


Ich führte, soweit es möglich war, Wagners Willen aus, und das Bild Elsas mit ihren Frauen entwickelte sich zu meiner vollkommenen Zufriedenheit. Weniger wollte es dem Sänger des Lohengrin gelingen, der von dem Komponisten gegebenen Anleitung nachzukommen.

Während er von der Natur mit einer schönen Stimme begabt war, blieb doch sein Spiel hinter der Aufgabe zurück und beeinträchtigte die volle Wirkung. Nun, der Mensch kann nicht mehr geben, als er von der Natur empfangen hat; es fehlte ihm an dramatischem Talente. Schlimm aber ist es für einen Regisseur, dem es um das Vollendetste in seiner Kunst zu tun ist, wenn bei solchen Leuten noch das Zwillingspaar Arroganz und Ignoranz zum Vorschein kommt. Trotz meiner Bitten und Mahnungen, die Szene im Schlafzimmer so platonisch wie möglich zu halten, wozu schon die keuschen Töne des Komponisten anleiten, zog dieser Lohengrin seine Elsa fast fortwährend an sich, so daß es ihr schwer wurde, den Worten: »An meine Brust, du Süße, Reine,« nachzukommen. Um so mehr Freude hatte ich an allen übrigen Darstellern, die willig und freundlich meinen Anordnungen und meinem Rate Folge gaben. Besonders erfreute ich mich an den drei tüchtigen jungen Talenten, Fräulein Agthe, Fräulein Fastlinger und Herrn von Milde, die alle erst kurze Zeit der Bühne angehörten. Diese machten mir mein Amt leicht, denn es bedurfte nur leiser Andeutungen, sie auf die rechte Bahn zu leiten. Bis zum letzten Statisten hinab bemühte sich jeder, sein Bestes zu tun, und man durfte die Aufführung als gelungen betrachten. Fräulein Agthe (Elsa) war nicht nur im Gesange, sondern auch im Spiel ganz ausgezeichnet. Die Worte des Lohengrin: »Du Süße, Reine,« paßten vollkommen auf ihr ganzes Wesen. So und nicht anders muß sich der Dichter das Bild der Elsa gedacht haben. Ihre Erscheinung war von zauberhafter Lieblichkeit. Ich glaube nicht,[277] daß Wagner jemals eine bessere Vertreterin dieser Rolle, bei welcher sich so alles zu einem harmonischen Ganzen verbindet, gefunden hat. Fräulein Fastlinger leistete als Ortrud, was in ihren Kräften stand. Zumeist widerstrebte ihre Persönlichkeit, die sich dem Wesen dieses stolzen Weibes nicht leicht fügen konnte.

Herr von Milde war ein trefflicher Telramund, wozu seine gewinnende Persönlichkeit und sein charakteristischer Vortrag vieles beitrugen. Nicht minder gut war Herr Höfer, der mit seiner klangvollen Stimme und seiner würdigen Erscheinung die Partie des Königs zur vollsten Geltung brachte.

Die Musik fand beim Publikum zunächst nicht die Anerkennung, die sie verdiente. Was Wunder auch? Hatten doch die Mitwirkenden erst längere Zeit gebraucht, um sich in das großartige Werk hineinzuarbeiten und alle Schönheiten zu erkennen. Wie konnte man ein schnelles Eingehen und Auffassen von einem Publikum erwarten, dem ein solches musikalisches Drama zum ersten Male entgegentrat! Wie konnte man von demselben mehr Verständnis der Sache verlangen, da selbst die Sänger anfänglich an einem günstigen Erfolge zweifelten? Die Intendanz ließ sich aber nicht dadurch beirren und tat recht daran.

Kurze Zeit nach der ersten Aufführung erhielt ich folgenden Brief von Wagner.


Mein hochverehrtester Freund!

Als ich mich vor einigen Tagen hinsetzte, um Liszt zu schreiben, nahm ich mir zugleich auch vor, dem Drange meines dankbaren Herzens gegen Sie zu folgen. Während ich an Liszt schrieb, geriet ich aber unwillkürlich schon in ein so warmes Gespräch auch mit Ihnen, daß ich alles darin vorbrachte, was ich – zunächst die Sache betreffend – gegen Sie hätte aussprechen können. Ich fühlte dies und bat daher Liszt, den Brief zugleich so zu betrachten, als ob er auch an Sie mit geschrieben sei.

Heute ist nun die etwas leidende Erregtheit, in die ich namentlich durch die Stimmung in Ziegesars Briefe an mich versetzt war, einer[278] ruhigern und befriedigtern gewichen. Die Unruhe, der ich preisgegeben war, entstand sehr natürlich aus dem traurigen Umstande, daß ich der ersten Aufführung meines so überaus schwierigen Werkes nicht hatte beiwohnen können. In der Entfernung und ohne Überzeugung der Sinne hat die Einbildung ihre schrankenloseste Macht über das Gemüt, und bekanntlich werden Gespenster nur von denen gesehen, die außerstande sind, sich von der Wirklichkeit handgreiflich zu überzeugen. Gerade so ging es mir noch vor wenig Tagen. Seit der Rückkehr meines jungen Freundes Ritter ist dies anders geworden; ich habe über jeden einzelnen Umstand der Aufführung genau nachfragen können und bin bis zu möglichster Deutlichkeit einer Vorstellung berichtet worden.

Ich sehe nun, daß mir in Bezug auf die Darstellung meines »Lohengrin« in Weimar nur noch ein wesentlicher Wunsch übrig bleibt und zwar der, daß namentlich auch Ihnen es noch gelingen möge, die Darsteller im allgemeinen noch etwas mehr in das rechte dramatische Feuer zu bringen, das leider bei der jetzigen Sängergeneration gänzlich erloschen zu sein scheint und nur durch unerhörtestes Anfachen von außen wieder zum Brennen zu bringen sein wird. Gelingt dies Ihrer Anstrengung, so habe ich auch zu hoffen, daß das Publikum über die Länge der Oper, die mich allerdings überrascht hat, durch Ersatz an Wärme der Darstellung getäuscht werden und die Dauer selbst dadurch in Wahrheit auch etwas gekürzt werden wird, was ich nur mit größtem Widerwillen durch Streichen bewerkstelligt sehen würde, nicht aus eitler Vorliebe für meine Noten, sondern um eines Prinzips willen, von dem ich eine feste Überzeugung habe.

Dies vorausgeschickt, bleibt mir nun gar nichts weiter mehr übrig, als Ihnen das zu sagen, was ich Ihnen eigentlich allein nur zu sagen hatte: meinen wärmsten, tiefgefühltesten Dank für Ihre unermüdete Tätigkeit und mehr als freundschaftliche Fürsorge auch für diese meine letzte Arbeit, die, wie ich sehr wohl weiß, nur durch solche Tätigkeit und Fürsorge zur wirklichen Erscheinung gefördert werden konnte!

Wenn ich bei ruhigen Sinnen die Schwierigkeiten überdenke, die eine verständnisvolle Inszenesetzung meiner Opern mit sich führt und die meine Arbeiten in den Ruf gebracht haben, als ob sie im Grunde fast unausführbar seien, so kann ich wahrlich den Grad ermessen, in welchem ich Ihnen verpflichtet bin für das, was Sie für diesen »Lohengrin« taten, dessen Schwierigkeit gewiß gerade demjenigen am meisten aufgeht, der sich mit Wärme an ihre Lösung macht, die Sie zu meiner schmeichelhaftesten Befriedigung über mein künstlerisches Schaffen überhaupt empfinden.

Nur einen, leider unerfüllbaren Wunsch habe ich noch auszusprechen, nämlich, daß es mir hätte verstattet sein mögen, zu einer Zeit mit meinen Arbeiten hervorzutreten, wo ich Sänger und Darsteller von[279] Ihrem Schlage vorgefunden hütte! Ich habe von Glück zu sagen, daß Sie mir als szenischer Anordner übrig geblieben sind, und doch gäbe ich auch dies darum, hätte ich Sie selbst zum Darsteller!

So leben Sie wohl, hochverehrtester Freund! Mögen Sie im fernern guten Erfolge meiner Oper die Genugtuung für Ihr Verdienst darum ernten, die ich für mich allein zu schwach bin, durch den Ausdruck meines Dankes Ihnen zu gemähren! Noch bitte ich Sie, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin auf das beste zu empfehlen und der steten größten Ergebenheit versichert sein zu wollen, mit der ich bleibe

Ihr sehr verpflichteter

Richard Wagner.


Auch bei der Wiederholung erzielten wir keinen lebhafteren Beifall. Äußerungen wie: »Die Oper ist viel zu lang! Man wird von der Masse Musik fast erdrückt! Wer soll denn das vier Stunden aushalten?« hörte man allüberall. Herr von Ziegesar, der die Ansicht des Publikums teilte, schrieb gleich nach der ersten Aufführung an Wagner und bat ihn, in der Oper zu streichen. Auch Liszt tat ein Gleiches, aber Wagners Antworten lauteten abschlägig. Wir nahmen nun Partitur und Buch zur Hand und überlegten reiflich, wo Kürzungen, ohne dem Ganzen zu schaden, vorgenommen werden könnten. Unsere Schnitte wurden im Buche bezeichnet; ich unternahm es, Wagner mit unsern Ansichten und Vorschlägen bekannt zu machen. Dabei ging ich so diplomatisch wie möglich zu Werke und vorsichtig teilte ich meinen Brief zuvor Liszt mit, um sein Gutachten darüber einzuholen. Er sandte mir folgende Zeilen:


Verehrter Freund!

Ihr Brief ist vortrefflich, ebenso sein nüanciert als schlagend zugleich. Vielleicht wäre es noch zweckmäßig, ein derartiges Postskriptum beizufügen:

Sollten Sie mit den Schnitten, die im Textbuch angezeigt sind, nicht einverstanden sein, so bitten wir Sie, Ihres Werkes zu Liebe irgend eine andere Abkürzung uns baldigst anzugeben, damit die dritte Vorstellung am 9. Oktober danach eingerichtet werden kann.

Redigieren Sie dieses Postskriptum auf besseres Deutsch, als ich es vermag. Tout à vous! Liszt.[280]


Ich schrieb an Wagner unter anderm:


»Sie führen das Publikum an eine weite Kluft, jenseits welcher sich ein blühender Garten befindet, und verlangen von demselben, daß es in Masse den kühnen Sprung wage. Das tut es aber nicht. Darum lassen Sie Liszt und mich die Führer sein, die einen bequemen Weg hinüberleiten.«


Ich führe diese Phrase nur an, um eine Stelle in Wagners Antwort zu erläutern, die originell genug so lautete:


Mein verehrtester Freund!

Herzlichen Dank für Ihren so freundlichen und teilnahmvollen Brief! Seit ich Ihnen das letzte Mal schrieb, habe ich auch noch Nachrichten über die zweite Aufführung des »Lohengrin« erhalten, die mich sehr erfreut und beruhigt haben. Ich sehe, daß ich bei Ihnen vortrefflich geborgen bin. Wie ich nun ersehe, tragen Sie sich aber weniger mehr mit der Sorge für die Tüchtigkeit und Gelungenheit der Aufführung, da Sie namentlich auch seit der Leistung und dem Erfolge der zweiten Aufführung Grund zu sicherer Beruhigung zu haben glauben, sondern dafür, daß diese Oper und meine Intentionen überhaupt auch bei dem sogenannten größern Publikum leichtern Eingang und dauernde Wirkung gewinnen möchten. Sie verbinden hiermit namentlich wohl auch den Wunsch, meinen Opern im allgemeinen die Bahn zu größerer und endlich wohl gar vollständiger Verbreitung zu brechen, und erbieten sich, mir dazu den Steg über die Kluft zu bauen, die für diesen Zweck zu überschreiten sein möchte. Ich muß es ganz Ihrer Ansicht überlassen, wie Sie in dieser mir so freundlichen Absicht zu verfahren für gut halten, und kann nicht anders als froh darüber sein, daß ich mir Männer gewonnen habe, die in ihrer Sorge für mich und meine Werke es so eifrig meinen, daß sie sich selbst über die Natur der Sache täuschen, um die es sich hier handelt. Ohne Täuschung vermöchten wir heutzutage wohl kaum zu leben, dennoch bin ich mit mir nicht unzufrieden darüber, daß ich einen Irrtum vollständig von mir abgestreift habe, den Irrtum, meinen Opern eine sogenannte Verbreitung verschaffen zu können. Ich habe dabei gelernt, mich damit zu begnügen, daß ich tue, was ich kann, um mich vollkommen beglückt zu schätzen, wenn ich damit meine Freunde erfreue. Glauben Sie nun wirklich, hochverehrter Freund, daß meinen Opern und meiner Richtung überhaupt die Fähigkeit innewohne, sich verbreitete Geltung auf einem Boden zu verschaffen, der seiner Natur nach gerade das reine Gegenteil von dem produziert, was auf dem Boden meiner Anschauung wächst? Glauben Sie, gerade herausgesagt, daß mein »Lohengrin« zum Beispiel je irgendwo anders noch aufgeführt werde als in Weimar, und zwar auch da gerade nur so[281] lange, als ein Kreis energischer Freunde dort so vereinigt bleibt, als zu meinem wunderbarsten Glücke eben jetzt es der Fall ist? Da ich weiß, daß Sie von meinen Arbeiten gut denken, kann ich nur annehmen, daß Sie von unsern öffentlichen Kunstzuständen nicht so schlecht denken, als es nötig ist, um sich zu seiner Beruhigung aller Illusionen zu entschlagen. Meine Oper hat, wie ich erkennen muß, den entschiedenen Fehler, in der Zeitdauer ihrer Aufführung zu lang zu sein; glauben Sie nun, daß dieser Fehler in Wahrheit der Grund dafür sein würde, wenn die Oper keine weitere Verbreitung fände? Ich entsinne mich, überall, wo ich die »Hugenotten« aufführen sah, während des letzten Akts nur schläfrige und gähnende Gesichter angetroffen zu haben; hat dieser Umstand verhindert, daß die »Hugenotten« auf allen Theatern der Welt jahraus jahrein gegeben werden? Mein »Rienzi«, der außer seiner enormen Länge den großen Fehler einer betäubend starken Instrumentation hatte, hat das Dresdener Publikum stets in Masse herbeigezogen, während mein »Tannhäuser«, der von diesem Fehler frei ist, sich nur durch die besonderste Fürsorge von oben in nötiger Anziehungskraft erhalten konnte. Sie wollen nun durch eine Kürzung von zehn bis zwölf Minuten in der Zeitdauer meines »Lohengrin« diesem Werke bei dem Theaterpublikum Verbreitung verschaffen, das in die »Hugenotten« und meinen »Rienzi« strömte, trotzdem es darin schlaftot geschlagen wurde? Verehrtester, die Leute, die nach dem zweiten Akte des »Lohengrin« das Theater verlassen, sind nicht durch die Dauer ermüdet und auch nicht durch Lärmen betäubt, sondern sie erliegen, je besser sie intentioniert sind, der ungewohnten Anstrengung, die ihnen das aufgedrungene Erfassen und Verfolgen einer dramatischen Darstellung verursacht, die sich nicht an den viertel- oder halben, sondern an den ganzen Menschen wendet. Untersuchen Sie genau, so werden Sie mir recht geben müssen. Wollen Sie nun dies Publikum wirklich erziehen, so müssen Sie es vor allen Dingen zur Kraft erziehen, ihm die Feigheit und Schlaffheit aus den philisterhaften Gliedern treiben, es dahin bestimmen, im Theater sich nicht zerstreuen, sondern sammeln zu wollen. Erziehen Sie das Publikum nicht zu solcher Kraftübung im Kunstgenuß, so verschafft Ihr Freundeseifer weder meinen Werken noch meinen Intentionen Verbreitung. Die Athener saßen von Mittag bis in die Nacht vor der Aufführung ihrer Trilogien, und sie waren ganz gewiß nichts anderes als Menschen; allerdings waren sie aber namentlich auch im Genusse tätig.

Dies, verehrtester Freund, erwidere ich Ihnen im allgemeinen als meine Ansicht über die Sache. Überzeuge ich Sie nicht, so muß ich es Ihnen allerdings überlassen, Ihrer Sorge für mein Werk nach Ihrem Dafürhalten sich zu entäußern; mir aber mögen Sie es nicht verargen, durch Ihre Maßregeln höchstens einen Erfolg bei den ehrenwerten[282] Philistern Weimars, keineswegs dadurch aber eine Verbreitung meiner Oper mir versichert zu sehen. Was mir an jenem Erfolge liegt, ist nicht übermäßig.

Aber kommen wir zu dem eigentlichen Grunde meines Widerstandes! Ich hätte gewünscht, die von Ihnen beabsichtigten Kürzungen nicht kennen zu lernen. An jeder von ihnen wüßte ich Ihnen und wahrscheinlich überzeugend darzulegen, wie schmerzlich sie mein künstlerisches Ehrgefühl verletzt. Ich frage Sie, mit welchem Gefühle, mit welcher im voraus geknickten Begeisterung soll ich mich nächstens wieder an die Komposition eines musikalischen Dramas machen, wenn ich bei Ausführung der wohlempfundensten und als notwendigst erachteten Motive mich der Stellen aus »Lohengrin« entsinnen muß, die meine besten Freunde für auslassungsmöglich gehalten haben? Wenn mir in dem Augenblicke, wo ich mich über eine Erfindung im Interesse der dramatischen Wahrheit freue, es einfallen muß, daß dort Erfindungen dieser Art, wie der Übergang Lohengrins aus dem vernichtendsten Zorne zu der feierlichen Enthüllung seines Wesens (»Zu lohnen ihres Herzens wildem Fragen« u.s.w.), wie die notwendige Vorbereitung und Steigerung der Erhabenheit des bevorstehenden Gotteskampfes im ersten Akte (zugleich rein musikalisch so wichtig wegen des wohltuenden Anhaltens eines lebhaften Tempos in festen Rhythmen), ferner wie die Volksszene im zweiten Akte, zu deren Erfindung ich mir Glück wünschte, szenisch um Elsas Wiederaustritt vorzubereiten und nicht unnatürlich schnell herbeizuführen, musikalisch wegen des andauernden frischen Charakters und Tempos nach dem langsam gehaltenen Schlusse des vorangehenden Duetts und des getragenen Zeitmaßes in der darauf folgenden Musik zum Kirchengange, dramatisch für die Vorbereitung der Möglichkeit, friedlich in der Folge einen schützenden Anhang zu verschaffen usw. – wenn mir es also einfallen muß, daß dort Erfindungen dieser Art um des Gewinns weniger Minuten in der Dauer der Vorstellung willen geradeweg ausgelassen werden konnten?

Nun, kürzen Sie nach Ihrem Ermessen, denn um des mir sehr verhaßten Fehlers ihrer zu großen Länge willen und namentlich auch, weil es nicht nur nötig, sondern auch möglich war, Auslassungen vorzunehmen, gebe ich die Oper auf.

Ich habe wieder viel zusammengeschrieben und merke nun wohl, daß ich heute nicht mehr dazu kommen werde, auch an Liszt zu schreiben. Ich habe ihm, wenn nicht Vielerlei, doch viel zu sagen und verschiebe dies daher auf einen der nächsten Tage. Drücken Sie Liszt in meinem Namen an Ihr Herz! Meinen verbindlichsten und wärmsten Dank drücken Sie wohl an Herrn von Ziegesar für seinen letzten Brief aus.

Meine ergebensten Grüße und Empfehlungen an Ihre verehrte Frau Gemahlin! Werden Sie mir bös sein nach diesem Briefe? Das[283] wäre nicht übel! Wir haben uns beraten, und ich habe meine Meinung gesagt – das ist alles! Aber noch eins – meinen allergründlichsten Dank für Ihre Freundschaft und Güte zu

Ihrem

Zürich, den 23. September 1850.

Richard Wagner.


Da mir Wagner hierdurch überließ, nach meinem Ermessen zu handeln, so wurden nun die zwischen Liszt und mir verabredeten Kürzungen vorgenommen. Es war eine Operation, die uns viel Schmerzen verursachte; jede Note, die wir unterdrückten, tat uns leid, aber wir mußten dem Publikum gegenüber an das saure Geschäft gehen und trösteten uns damit, daß, sobald dasselbe zu richtiger Erkenntnis gelangt sei, die gestrichenen Partien wieder in ihre alten Rechte eintreten sollten. Nicht bloß Klagen über die Länge, auch sonst manche wundersame Kritik über das Wagnersche Werk mußten wir uns gefallen lassen. Die drolligste Äußerung war für mich die, daß die Oper melodielos sei.

Liszts Tätigkeit war unermüdlich. In den vier Jahren, in denen wir gemeinschaftlich wirkten (1848–52), brachte er außer den bereits genannten noch folgende musikalische Werke zur Darstellung: Donizettis »Favoritin«, Joachim Raffs »König Alfred« ›Berlioz‹ »Benvenuto Cellini«. Bevor wir in geschäftlicher Beziehung von einander schieden, unternahmen wir es noch, Byrons »Manfred« nach Böttgers Übersetzung mit Robert Schumanns Musik auf die Bühne zu bringen. Wider alles Erwarten wurde das Wagstück vom Publikum freundlich aufgenommen.

Soweit es die Mittel unseres Etats erlaubten, war ich ihm zur Ausführung seiner Unternehmungen und Wünsche gern behilflich. Ging er in seinen Anforderungen hinsichtlich der Dekoration und Garderobe über unsere Verhältnisse hinaus, so ließ er, ohne verstimmt zu werden, sogleich die Sache fallen, wenn man ihm die Unmöglichkeit auseinandersetzte.[284] Sein Sinn strebte nach dem Höchsten und Vollkommensten, und gern hätte er, wenn es zulässig gewesen wäre, aus eigenen Mitteln beigetragen, um es zu erreichen. Da er in mir gleiche Gesinnung gefunden haben mochte, war er mit meinem damals ausgeführten Rücktritte von der Regie gar nicht einverstanden, und ich fürchtete beinahe, daß dieses Vorkommnis unsere Freundschaft lockern könnte, aber er blieb nach wie vor mein treuer Freund. Wie soll ich Worte genug finden, alle die genußreichen Stunden, die ich mit ihm in seiner und meiner Behausung verlebt habe, zu beschreiben! Als nun erst die Meister der Violine und des Cellos, Joachim und Coßmann, von ihm für das Orchester gewonnen waren, welche an musikalischen Genüssen überreiche Abende wurden uns da zuteil! Wie wäre ich imstande, diese Abende, wo Liszt stets die treibende und leitende Seele war, zu schildern! Die Erinnerung an diese erhebenden Stunden, die hauptsächlich nur der Kunst gewidmet waren, bleibt mir unauslöschlich.

Er war das Zentrum, um das sich alle musikalischen Zustände Weimars ordneten, und brachte diese auf eine vordem nie gekannte Höhe. Seine Unternehmungen waren zuweilen kühn, doch gelangen sie größtenteils. Seine Arbeitskraft war unerschöpflich, denn neben seinem schwierigen Amte war er fort und fort tätig als Komponist, und welche Meisterwerke, besonders in vokaler Hinsicht, dankt ihm die musikalische Welt! Ich nenne hier nur seine Psalmen, die den Schöpfungen der alten Meister an die Seite zu stellen sind, und seine Lieder. Freilich fordern sie Sänger, die nicht nur mit einer schönen Stimme begabt sind, sondern vor allem den Geist begreifen, der sie geschaffen hat. Der Lorbeer und die Eichenkrone, welche ihm die dankbare Mitwelt auf das Haupt gedrückt hat, werden für alle Zukunft unverwelklich fortgrünen.[285]

Quelle:
Genast, Eduard: Aus Weimars klassischer und nachklassischer Zeit. Erinnerungen eines alten Schauspielers. Stuttgart 1919, S. 263-286.
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