Schicksal der Ehe

[94] In allen Zeiten brachte die Hochzeit bei allen Völkern unenoliche Mannigfaltigkeit der Gebräuche. Die wichtigsten hatten den Sinn Abschied zu feiern von zwei Einzelwesen und Begrüßung eines durch Verschmelzung entstandenen einheitlichen neuen Wesens. Die Braut feierte Abschied von den Gespielinnen, der Bräutigam von den Jugendgenossen und mit neuer Würde trat die neue Gemeinschaft, das Ehepaar, Herr und Herrin, Bauer und Bäuerin, Meister und Meisterin, Fürst und Fürstin die neue Verantwortung an innerhalb der Gemeinschaft, als unzertrennliche Einheit gedacht.

Wird solche Auffassung se wieder durchaus lebendig werden? Manches von den alten Sitten und Gebräuchen hat sich wohl noch in die heutigen Tage herübergerettet, doch die sogenannte »Revolution der Jugend« empfindet solches schon als fremd und zu jener Konvention gehörig, der sie Untergang geschworen hat. Erst wenn diese Jugend gereist und nicht mehr jung ist, wird sie wahrscheinlich neue Konventionen schaffen und notwendig für gesittetes Dasein halten. Freilich kann der Bräutigam von heute beim Anblick der Braut, die noch festhält an der ammutigen Konvention des weißen Brautkleides, des Schleiers und Kranzes als zum guten Ton gehörig, nicht mehr die süße Beklommenheit des Jünglings von einst[94] empfinden, denn er hat ja diese, plötzlich geheimnisvoll gekleidete Braut nicht von weitem verehrt, nicht unter Obhut der Familie feierlich umworben, sie war vermutlich sein Sportkamerad, irgend ein beherztes Jungmädel im Sportdreß mit jungenhaftem Auftreten. Heute muß nicht allein der Mann hinaus ins feindliche Leben, auch das Mädchen ist darauf eingestellt. Neuerdings wird sogar befürwortet, daß ein selbständiges und erwerbsfähiges Mädchen den Heiratsantrag zu stellen habe. Wie fern sind die bedeutsamen Gebräuche der Werbung von einst! Wir wollen deren Poesie nicht verachten, sondern herüberretten, was rettenswert ist. Mag so mancher Dichter manchen Volkes die Ehe ergreifend gefeiert haben, es war Deutschland beschieden, in Schiller den vornehmsten Sänger ihrer Heiligkeit, ihres innigen Glücks zu finden, und er wußte die schlichte Häuslichkeit mit der Majestät erhabener Menschenwürde zu verklären. Die Glocke schildert das Bürgerglück einer typisch glücklichen Ehe, das Amten und Walten der Hausfrau, die Größe der Mutter, das kernhafte Wesen des Vaters, und wir fühlen, in diesem Hause herrschte selbstverständlich und ohne daß man zum Anstandsbuch greifen mußte, ein von Herzen kommender guter Ton.

Nützlich beschäftigt waren Mann und Frau, den Knaben wußte man »zu wehren«, liebevoll, aber entschieden und entscheidend, den Mädchen wußte man zu lehren, denn wie lernbegierig ist ein Mädchen und wo könnte es besser belehrt werden als im häuslichen Kreise.[95]

Allerdings die Ahnfrauen, so tätig und nützlich tätig sie waren und nicht nur in den Mußestunden beschäftigt, Rosen zu weben in den blumenlosen Alltag, blieben sportlicher Betätigung noch fern und es ist gewiß ein Problem für das neumodische Sportweib sich in eine Hausfrau zu verwandeln, ebenso wie für das gelehrte Frauenzimmer. Doch, sollte nicht trotz alledem, etwas verschämt, noch manches, nach alter Auffassung, echt Weibliche tief im Herzen dieser neuen Geschöpfe, unserer Sportkameraden und Berufsgenossen schlummern?

Mit Erstaunen liest man in einer neuzeitlichen Betrachtung über das Glück, es sei notwendig für das Eheglück, der Frau die kleinen Genugtuungen zu gönnen, auf die sie wie naturgezwungen hält, die Liebhabereien, die Freude an Nettigkeit, an Blumen etwa, an Vogelfüttern, an nachbarlichem Geplauder. Hier setzt mit Feinheit ein, was zum guten Ton gehört, um das Schicksal der Ehe anmutig zu gestalten: Rücksicht auf gegenseitige Liebhabereien, Interesse daran, Dank für kleine Aufmerksamkeiten, alles in allem unausgesetzt geübte Höflichkeit. In Zweisamkeit ist solche Rücksicht geboten, in Gesellschaft ein vorsichtig liebenswürdiges Benehmen. Der gute Ton verpönt jede öffentlich zur Schau getragene Zärtlichkeit der Eheleute, wie jeden Streit. Nichts ist geschmackloser als Liebkosungen in Gesellschaft, ebenso wie Bissigkeiten, die den Zuhörer in größte Verlegenheit setzen.

Es ist häufig versichert worden, das einzige Heil der Ehe läge heute in Kameradschaft und ebenso müßten Eltern[96] ihren Kindern Kameraden sein. So erwünscht Natürlichkeit und Aufrichtigkeit sind, die eigentlichen Tugenden der Kameradschaft auch in der Familie zu pflegen, der Unterschied des Alters und Geschlechts bedingt gewisse Schattierungen in den Umgangsformen, deren Vernachlässigung sich meistens rächt.

Vertrauen ist nicht zu verwechseln mit gedankenlos plappernder Vertraulichkeit, die eine Art Promiscuität der Seelen herbeiführt und Lässigkeit im Benehmen zeitigt.

In Gesellschaft ist es unstatthaft, Vertraulichkeit zu zeigen oder gewohnheitsmäßig kichernde Vertraulichkeiten zu pflegen, wie sie Familienmitgliedern untereinander manchmal eigen sind, den Nichteingeweihten aber ausschließen und abstoßen.

Beste Gewähr für dauerndes Eheglück ist eine standesgemäße Verbindung, bei der die notwendigsten Selbstverständlichkeiten eine Unterlage des guten Tones bilden, eine Berufsgemeinschaft, die keinem Mitglied Langeweile erlaubt und den Eheleuten als Idealkameraden gemeinschaftliches Interesse gibt. Falsche Töne werden nicht angeschlagen, wo dem Meister die Meisterin zur Seite steht und beide im Meistern des Schicksals an Tüchtigkeit wetteifern.

Dies erleichtert sein abgewogenes Benehmen, das nicht äußerlich angelernt, sondern Herzenssache ist, ein festes »Sich-in-der-Hand-haben«, wenn Launen sich vordrängen und der Wille zum gegenseitigen Verständnis, wenn einmal ernste Aussprache notwendig ist.[97]

Ein umstrittenes Gebiet des guten Tones ist die Frage, ob derselbe das Necken erlaubt. Sie ist nicht unwichtig, denn besonders zwischen Ehegatten und im Familienkreis ist Neckerei oft üblich. Ein englischer Philosoph behauptet, Neckerei – chaff, was der Süddeutsche »Aufziehen« nennt, sei eine köstliche Würze im freundschaftlichen Verkehr. Ohne Zweifel bildet Neckerei ein Kriterium guten Einvernehmens, allein sie muß klug und gutmütig sein, voll Rücksicht auf die vorhandene Stimmung. Entartet und verwildert, kränkt sie statt zu erfreuen, ja sie bildet dann den Anfang so manchen Streites. Gespielte Possen, Pagenstreiche – plaisanteries en action – kommen noch hie und da vor zur Belebung des Familien- oder Freundeskreises und sind meist in der Erinnerung besonders erfreulich. Doch immer gehören Vorsicht und Geschmack dazu. Ein ständig wiederkehrender Scherz eines vornehmen alten Herrn bei Familienstreit war das Heraufbringenlassen einer Flasche guten Weins und Zutrinken mit neckischem Wort. Sehr bald lächelte der Familienkreis versöhnt. Aber das war in der guten alten Zeit, als die Nerven noch nicht so gepeitscht waren wie jetzt. Eine andere Anekdote vergangener Tage erzählt, wie ein Gatte, dem gewisse berufliche Ratschläge der Gattin nicht recht waren, zuerst geräuschvoll vom Schreibtisch aufstand, nach Hut und Stock griff, einen Spaziergang zu machen. Da er aber bald einsah, daß die Gattin sowohl in Form wie Inhalt meist recht hatte, gewöhnte er sich später bei ihren Bemerkungen nur ungeduldig auf dem Sessel[98] hin und her zu rücken, bis er sich endlich zum guten Ton lächelnden Dankes entschloß.

Wie weit ist es nötig, sich im Ehestand aus höflicher Rücksicht zu »opfern«? Heute würde es kaum vorkommen, daß ein altes Ehepaar, das sein Leben lang ein Kartenspiel zusammenspielt, erst nach 25 Jahren zufällig darauf geriet, daß einer sich dem anderen geopfert, denn heimlich konnten beide das Spiel nicht leiden, und als ihnen dies endlich klar wurde, warfen sie einträchtig die Karten ins Feuer.

Häufiger war und ist gewiß der Fall, daß man versäumt den anderen durch irgend etwas erfreuen zu wollen und daß manches gesellige Talent gerade von den Nächststehenden weder geweckt noch gefördert wird. Viel Gutes wächst aus diesen Werken und Schätzen unserer Fähigkeiten und Fertigkeiten; ein schlechter unfreundlicher Ton ist das Verachten und Auslachen, das gewohnheitsmäßige Nörgeln, und so manche reiche Möglichkeit wird dadurch verschleudert.

Alltägliche und noch für die Neuzeit selbstverständliche Gepflogenheiten sind fern verwurzelt, und es ist lehrreich diesen Wurzeln nachzuspüren. So ist die moderne Hochzeitsreise, womöglich im Flugzeug, Ausläuferin des uralten Brauchs, die Braut zu rauben. Manches erinnert noch an diesen Ursprung, der Bräutigam entführt noch offiziell die Braut, sei's auch nur auf neckische Art. Außerdem hat die moderne Entführung in Bahn, Auto oder[99] Flugzeug manches von der einstigen Bildungsreise geerbt.

Sie wirkt wie ein Bildungsexamen beider Gatten, offenbart deren Erziehung und Selbsterziehung, und die Stimmung, unter der sie steht, ist ein wichtiges Vorspiel der gemeinsam unternommenen Lebensreise.[100]

Quelle:
Gleichen-Russwurm, Alexander von. Der gute Ton. Leipzig [o. J.], S. 94-101.
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