Trauung

[87] Die Regeln des guten Tons, die sich eingebürgert haben, seit es bei Hochzeiten nicht mehr »hoch hergeht«, keine großen Zeremonien, keine kostspieligen Feste damit verbunden sind, haben sich ziemlich treu erhalten und können also umrissen werden.

Für die standesamtliche Trauung wählen beide Verlobte der Jahreszeit und den Verhältnissen entsprechende elegante Straßenkleidung.

Die Braut kehrt in ihr Elternhaus zurück und folgt dem Gatten erst nach der kirchlichen Trauung, die am gleichen oder nächsten Tage stattfindet, zur Hochzeitsreise oder in die neue Wohnung.

Zur kirchlichen Trauung trägt die Braut meistens ein weißes Kleid, einen langen, weißen Brautschleier und einen Brautkranz von Myrten oder Orangeblüten.

Jungfrauen tragen geschlossene Kränze, Witwen oder geschiedene Frauen offene Kränze oder Diademe von weißen Blumen.

Das Brautkleid soll durch kostbare Einfachheit wirken, niemals durch billigen Putz oder durch Volants, Schleifen und Bänder, die es einem Ballkleide ähnlich machen würden. Je einfachere Linien die herrschende[87] Mode gestattet, desto vornehmer und lieblicher wird die Braut im Brautschmuck erscheinen.

Der Bräutigam trägt den für die Tageszeit üblichen Gesellschaftsanzug – am Tag niemals den Frack – und kann ins Knopfloch ein Myrtensträußchen stecken.

Alle Herren erscheinen zur Trauung in elegantem Gesellschaftsanzug, mit dem Zylinder der in der Kirche natürlich abgenommen und in der Hand gehalten wird.

In den meisten Orten ist es Sitte, daß der Bräutigam die Braut aus dem Elternhause abholt und mit ihr zur Kirche fährt. Dort haben sich bereits die Brautführerpaare im Vorraume versammelt und aufgestellt; die Damen stehen rechts, die Herren links.

Das Brautpaar schreitet vor und geht als erstes Paar zum Altar, ihm folgen die Brautführerpaare, die beiderseitigen Eltern [der Brautvater führt die Mutter des Bräutigams, der Vater des Bräutigams die Brautmutter] und die übrigen Hochzeitsgäste, soweit dieselben noch nicht am Altar Platz genommen haben.

Sind Kinder bei der Feier zugegen, so gehen sie dem Brautpaar voran und streuen Blumen auf den Weg.

Die Hochzeitsbräuche sind aber nicht überall die gleichen und es ist empfehlenswert, sich nach den Landessitten zu richten.

An manchen Orten gehen die Eltern vor den Brautführerpaaren; an anderen führt der Vater des Bräutigams die Braut und die Brautmutter den Bräutigam. Wieder eine andere Ortssitte verlangt, daß die Braut[88] mit ihren Eltern zur Kirche führt und der Bräutigam mit den seinen. Dort angelangt, nehmen die beiden Väter die Braut in die Mitte und die beiden Mütter den Bräutigam und erst am Altar wird die Braut dem Bräutigam übergeben.

Das Brautpaar nimmt auf den vordersten, meist schön geschmückten Stühlen vor dem Altar Platz.

Die Brautdamen sitzen auf den Stühlen dicht hinter dem Brautpaare, die Brautführer hinter ihren Damen, die übrigen Gäste rechts und links vom Altar.

Am Hochzeitsmorgen sendet der Bräutigam seiner Braut das Brautbukett, das die Braut während der Feierlichkeit in der Hand hält. Wenn die Verhältnisse es gestatten, wird dem Bukett ein mehr oder minder kostbares Geschenk hinzugefügt – eine Verschreibung, ein Besitztitel, ein Schmuckgegenstand oder dergleichen.

Falls nicht Standesrücksichten einen besonderen Aufwand nötig machen, trägt die Braut in der Kirche möglichst wenig oder gar keinen Schmuck.

Die Brautführer senden ihren Damen ebenfalls Buketts am Hochzeitsmorgen; auch diese werden mit in die Kirche genommen. Die Brautdamen oder Brautjungfern sind in den meisten Fällen gleich gekleidet; die Farbe der Kleider richtet sich nach den Wünschen der Braut.

In manchen Kreisen ist es Sitte, daß der Bräutigam seinen Dank den Brautdamen gegenüber in Form eines Geschenkes ausdrückt, das er den jungen Damen[89] zusendet oder nach der Hochzeitstafel überreicht. Dieses Erinnerungszeichen – meist ein Ring oder eine Brosche – wird für alle Brautdamen gleich angefertigt, mit dem Datum des Hochzeitsfestes und den Initialen des Brautpaares versehen.

Zum Ringwechsel muß der rechte Handschuh schnell und geschickt entfernt werden; um das Ausziehen beider Handschuhe zu vermeiden, wird der Trauring sowohl von der Braut, wie vom Bräutigam vorher dem Geistlichen gegeben oder über den Handschuh der linken Hand gestreift. Nach dem Segen steckt der Geistliche den Verlobungsring, der sich nun in den Ehering gewandelt hat, an den Ringfinger der rechten Hand jedes der jungen Ehegatten. Während des Segens kniet das Brautpaar, die Gäste stehen.

Nach der Trauung gratuliert zuerst der Geistliche dem jungen Paare, dann die Eltern. Die anderen Gäste bringen nur dann ihre Glückwünsche in der Kirche an, wenn ein kleiner Empfang in der Sakristei stattfindet. Gewöhnlich fährt das Brautpaar gleich nach der Trauung fort und nimmt in einem besonderen Raum des Hauses, in dem das Hochzeitsfest gefeiert wird, die Gratulationen entgegen.

An der Hochzeitstafel nimmt das junge Ehepaar den Ehrenplatz ein. Ihm zur Seite und in seiner nächsten Nähe sitzen die beiderseitigen Elternpaare, ältere, sehr nahestehende Verwandte und nahe Freunde des Hauses, der Geistliche und die Brautführerpaare.[90]

Die erste Rede wird von dem Geistlichen oder einem der ältesten Freunde des Hauses gehalten und gilt dem jungen Ehepaar, dann spricht der Vater des jungen Gatten oder dieser selbst auf die Eltern der Braut.

Dann toastet der Brautvater auf die Eltern seines Schwiegersohnes, einer der jüngeren Herren hält den anwesenden Damen eine Lobrede, Verwandte und Freunde werden gefeiert usw.

Gut gesprochene Toaste können sehr viel zur freudigen Feststimmung beitragen; es wäre darum schön, wenn nur gute Redner bei solchen Gelegenheiten sprechen oder solche, die es nicht sind, sich wenigstens recht kurz fasten wollten.

Folgt ein Tanz auf das Hochzeitsmahl, so tanzt der junge Ehegatte zuerst mit seiner Gattin, dann mit der Brautmutter und den verwandten Damen des Kreises, danach mit den Brautführerinnen und allen anderen Damen.

Auch die junge Frau verweigert keinem der anwesenden Herren die Ehre mit ihr zu tanzen.

Den Brautschleier legt die junge Frau vor dem Tanz ab.

Mancherorts gebot alter Brauch den Brautkranz auszutanzen. Alle unvermählten Damen umtanzen in geschlossenem Kreise den jungen Ehemann, der mit verbundenen Augen bemüht ist, den Kranz einer Dame zu geben oder aufzusetzen.[91]

Die junge Frau verfährt dann mit den unvermählten Herren in gleicher Weise und der Volksmund prophezeit in den Erwählten zwei neue Ehekandidaten für das nächste Jahr, mit der Begründung: »Von Hochzeit kommt Hochzeit!«

Solche Bräuche werden immer seltener, man zieht vor, das Hochzeitsessen im Hotel abzuhalten und dasselbe ist nicht mehr von langer Dauer.

Nur bäuerliche Kreise halten daran fest, an solchem Tag möglichst reich und ausgiebig zu bewirten, wobei das Fest noch am Nachmittag und Abend fortgesetzt wird. Allerlei Scherze und Neckereien lassen sich einflechten – ein leiser Nachhall altertümlicher Hochzeitsgebräuche klingt in das Fest.

In den meisten Fällen machen die jungen Eheleute eine Hochzeitsreise und verlassen die Gesellschaft möglichst unauffällig. Die Festlichkeiten werden dadurch nicht unterbrochen.

Falls das junge Paar am Ort bleibt, erfordert das Zartgefühl, es eine Zeitlang ganz sich selbst zu überlassen, Besuche und Einladungen in den ersten Wechen nach der Hochzeit zu vermeiden und ihm dadurch das Eingewöhnen in die neuen Verhältnisse zu erleichtern.

Wünscht die junge Frau später an bestimmten Tagen Besuche zu empfangen, so wird eine Notiz wie: »Zu Hause Sonntag und Mittwoch 4 bis 6 Uhr«,[92] »Zu Hause jeden Donnerstag 5 bis 7 Uhr«, »Fünfuhrtee jeden Freitag« versandt.

Die Festgäste, besonders die jüngeren, feiern zuweilen noch den Tag nach der Hochzeit durch einen Ausflug ins Freie oder ein Frühstück; sie werden dazu von den Hochzeitsgebern eingeladen.

Von auswärts kommende Hochzeitsgäste werden als Gastbesuch betrachtet. Wenn die eigenen Räume für die Aufnahme nicht ausreichen, müssen die Gäste bei Verwandten oder im Gasthaus auf Kosten der Brauteltern untergebracht werden. Gestatten die Lebensverhältnisse der Hochzeitsgeber solche Ausgaben nicht, so sollten sie lieber auf derartige Einladungen verzichten, als sich und den Geladenen Unannehmlichkeiten und Kosten, die vielleicht sehr unerwünscht sind, aufzuerlegen.

Auf dem Lande ist die ausgiebigste Gastfreundschaft im eigenen Hause selbstverständlich und geboten. Die Gastzimmer müssen so behaglich wie irgend möglich hergerichtet sein und selbst bei sehr starkem Besuch ist darauf zu achten, daß etwaige Zimmergenossen gut miteinander bekannt und gern zusammen sind.[93]

Quelle:
Gleichen-Russwurm, Alexander von. Der gute Ton. Leipzig [o. J.], S. 87-94.
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