B. Korrekter Adam

[171] In London verstarb kürzlich ein Earl, Sproß eines alten englischen Adelsgeschlechtes. Fast zwei Jahrzehnte hindurch hatte er inoffiziell als bestangezogener Mann der Londoner Gesellschaft gegolten. Als man ihn einmal nach dem Geheimnis seiner Eleganz fragte, antwortete er: »Ich war stets rasiert und bei jeder Gelegenheit richtig angezogen!« Jeder wußte, daß das stimmte, jeder wußte aber auch, daß des Earls »neueste« Anzüge – mindestens 15 Jahre alt waren!

Man kann sich über gute Herrenkleidung nicht unterhalten, ohne an England zu denken. »Elegant ist, was nicht auffällt!« Diese Feststellung traf erstmals George Bryan Brummell, der »König der Dandys«, der vor 150 Jahren Englands führende Stellung in Fragen der Herrenmode maßgeblich begründen half.

Wenn wir heute von einem »Dandy« sprechen, meinen wir einen eitlen Stutzer, einen Gecken, einen Modenarren, der jede neue Moderichtung – mag sie auch noch so töricht oder geschmacklos sein – sklavisch befolgt, um als »Herr«, als »Gentleman«, als »gut angezogen« zu gelten. Brummel aber war kein Dandy im heutigen Sinne. Gewiß – er legte größten Wert auf seine Kleidung. Dreimal täglich wechselte er die Wäsche. Er hatte für jede Anzugart einen besonderen Schneider. Und er führte die Wäschestärke ein. Dennoch war sein Prinzip, daß man dem Anzug keineswegs ansehen dürfe, wie sorgfältig gearbeitet, wie teuer er war. Getreu dem Grundsatz, daß man höchstens dadurch auffallen dürfe, daß man nicht auffiele!

(Brummell war lange Zeit intimster Freund des Prinzen von Wales, des späteren Königs Georg IV., der völlig im Banne der eigenwilligen Persönlichkeit dieses aus einfachen Kreisen stammenden Mannes stand. Lange ließ sich der Thronfolger von Brummell in einem Stil behandeln, der keineswegs der Stellung des künftigen Königs von Großbritannien, Irland und Hannover entsprach. Bis der »Dandy« eines Tages die Saiten überspannte und dem Prinzen das Läuten der Tischglocke mit den Worten befahl: »Wales – klingle mal!« Georg tat, wie ihm »befohlen«, sagte jedoch zu dem eintretenden Diener: »Mr. Brummell wünscht einen Wagen nach Dover ...«

Brummell verließ England noch in der gleichen Nacht und hat es bis zu seinem Tode nie wieder betreten.)

[171] Die Engländer sind in der Herrenmode konservativ. Wer sich ins Londoner Westend begibt, etwa in die Savile Row – die berühmteste »Schneider-Straße« der Welt –, um sich dort einen Anzug machen zu lassen, wird gut daran tun, keinerlei Wünsche hinsichtlich der Machart zu äußern. Den Stoff mag er sich selbst aussuchen – alles andere aber überlasse er denen, deren Vorfahren schon für das Haus Sachsen-Coburg-Gotha, für Charles Dickens und für George Bryan Brummell arbeiteten. Und er wird gut bedient sein.

Hier in der Savile Row wurde der englische Stil geboren, der sich bis zum heutigen Tage als Inbegriff solider Eleganz gehalten und in weitesten Kreisen der Alten Welt gegen überseeische Einflüsse behauptet hat. Hier sitzen der Welt beste »fitter« – jene Männer, die die Anproben überwachen. Und hier wird festgelegt, was laut »Tailor & Cutter« – der berühmten Londoner Schneider-Fachzeitschrift – als »fashionable« zu gelten hat. (Diese Zeitschrift ist in ihren Kritiken ungewöhnlich streng. Sie hatte seinerzeit z.B. nicht die geringsten Hemmungen, Harry Truman zum schlechtest angezogenen Präsidenten der amerikanischen Geschichte zu erklären.)


Amerikanismen. Man könnte Savile Row das europäische Bollwerk gegen die immer deutlicher werdenden amerikanischen Einflüsse nennen. Dem durchaus nicht ungesunden Konservativismus der englischen Schneiderzunft ist es zu verdanken, wenn gewollte und nicht immer sehr geschmackvolle Extravaganzen aus dem Lande der auch in dieser Richtung unbegrenzten Möglichkeiten vor ihrem Eindringen in unseren Kontinent bereits viel von ihrer Fragwürdigkeit verloren haben. Das ist recht so. Gerade wir Deutschen haben einen unglücklichen Hang zur Nachahmung all dessen, was »von außen« kommt. Und der enge Kontakt mit den Vertretern der Neuen Welt und ihren zumindest sehr eigenwilligen Modeanschauungen hat vor allem die Jugend empfänglich gemacht für gewisse Torheiten, die in ihrem Ursprungslande Berechtigung haben mögen, keinesfalls aber zu uns und unserer Mentalität passen.

Auch Kleidung ist Ausdruck einer bestimmten historisch bedingten Lebensform.


Die große Linie. Der »korrekte Adam« wird, wie auch sonst im Leben, bemüht sein, eine gewisse Linie zu finden. Ihr Ziel ist es, auch bei beschränkten finanziellen Mitteln jederzeit gut und richtig angezogen zu sein. Das ist um so einfacher, je mehr man sich davor hütet, jedem Modewechsel sofort sklavisch zu folgen. Die Erfahrung hat immer wieder gelehrt, daß ein neuer Modevorschlag durchaus nicht auch einen grundsätzlichen und für längere Zeit gültigen Wechsel bedeuten muß.

Wer die Mode – die Herrenmode wohlgemerkt! – ein wenig verfolgt, wird feststellen können, daß sie im großen und ganzen recht zeitbeständig ist. Kapriolen bleiben immer nur Kapriolen. Wer ihnen widersteht und in Kauf nimmt, [172] bei einigen wenigen für ein paar Wochen oder Monate als »unmodern« zu gelten, spart Geld und ist trotzdem in der letzten Konsequenz zu keiner Stunde schlecht angezogen. Hier gilt: »Behutsam hinterher« ist wirkungsvoller als »stürmisch vorweg«.


B. Korrekter Adam

Kleidung und Stellung. Der Einfluß der beruflichen ebenso wie der gesellschaftlichen Position wirkt sich auch auf Umfang und Inhalt des Kleiderschrankes aus. Denken wir etwa an eine offizielle Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, an den Repräsentanten eines großen Hauses, an den Geschäftsführer eines Hotels von Ruf, an den Schauspieler. Sie alle stehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit und müssen daher auf sorgfältige, abwechslungsreiche und richtige Bekleidung bedacht sein. Und es gibt andere, die »im Verborgenen« wirken, an ihrem Schreibtisch, im Laboratorium, hinter einer Drehbank oder in der Rechtsabteilung eines Industrieunternehmens. Sie werden sich auf weniges – das dennoch liebe- und geschmackvoll zusammengestellt werden sollte! – beschränken können.

Jedem hat das Leben seinen Aufgabenkreis zugewiesen, den er mit den ihm eigenen Fähigkeiten ausfüllt. Nicht jeder kann im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Nicht jeder kann und wird sich einen großen, gefüllten Kleiderschrank leisten. Eines aber kann uns allen, Prominenten und Unbekannten, gemeinsam sein: die Liebe zu guter, geschmackvoller Kleidung. Eine Liebe, die keineswegs kostspielig zu sein braucht. Die nur getragen zu werden braucht von dem Willen zur Beachtung gewisser bewährter Gesetze des Geschmacks.


[173] Bevor der Tag beginnt. Adam sollte sich auch zu Hause nicht gehenlassen, weder im allgemeinen noch in puncto Kleidung. Dieser Hinweis gilt insbesondere für jene Stunden, in denen wir Männer glauben, auf niemand Rücksicht nehmen zu müssen. Nicht einmal auf die eigene Frau. Stunden, in denen wir glauben, ein achtmal getragener Schlafanzug »tue es noch«. Und der Gürtel des Hausmantels brauche nicht geschlossen zu sein. Und oben könnte ruhig der offene Kragen oder gar der nackte Hals herausschauen. Und »Filzlatschen« seien doch so bequem. Und die Frisierhaube müßte nun einmal sein, auch außerhalb des Bades.

All das, liebe Freunde, kann man geschickter und ästhetischer machen!

Der Schlafanzug – also, wenn Sie mich fragen, dann würde ich sagen: drei Tage. Und wenn Sie einen Hausmantel (auch wenn er daneben noch als Bademantel dienen muß) haben, dann tragen Sie ihn sauber geschlossen und oben durch ein Tuch abgerundet. Den Anblick Ihres Kopfes mit Frisierhaube gönnen Sie nur sich, nicht einmal Ihrem liebenden Weib. Trotz einer gewissen Ähnlichkeit dieses Kopfschmuckes mit mittelalterlichen Sturmhauben sehen Sie darin keineswegs maskulin-heroisch aus. Verzichten Sie auf Filzpantoffeln. Slipper aus stumpfem oder auch Lackleder sind nicht teurer. Filzpantinen verleiten auch die solideste Ehefrau irgendwann einmal zu der Überlegung, ob wohl andere Männer auch auf so eigenartige Gemütlichkeit bedacht seien – was tunlichst zu vermeiden ist.

Überhaupt – wahren Sie selbst Ihrer Frau gegenüber jene berühmte ganz kleine, nur vom feinen Gefühl gezogene letzte Schranke. Und glauben Sie im ureigenen Interesse keine Sekunde lang, daß Ihre natürliche Männlichkeit nicht einmal im Negligé der Lächerlichkeit ausgesetzt sei! Nicht alle Männer wissen, wie komisch sie unter Umständen aussehen können, wenn sie ... siehe oben.


Grundsätzliches über Anzüge – Tips für Große und Kleine, Schlanke und Dicke – Vorsicht mit Farben und Mustern!

Bleiben wir bei der Überlegung, daß Herrenkleidung konservativ ist. Fügen wir uns formvollendet in unser Schicksal, das uns Männern – im Gegensatz zu vielen Männchen des Tierreichs – keinen auffälligen, farbenfrohen Putz zugesteht. Trösten wir uns damit, daß wir mit Geist schaffen, was der prächtig gefiederte Fasanenhahn mit dem Spiel seiner Farben erreicht – die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechtes.

1. Je schmaler der Geldbeutel, um so wohlüberlegter muß die Auswahl bei der Zusammenstellung erfolgen! Je unauffälliger ein Anzug ist, desto weniger wird die Umwelt bemerken, daß man ihn häufig trägt.

2. Teuer, aber falsch angezogen sein ist wesentlich gefährlicher für den Ruf korrekter Gepflegtheit als einfache, aber harmonisch abgestimmte Kleidung. Erstere zeugt von finanziellem, letztere von geschmacklichem Kapital.

[174] 3. Die gängigsten Farben für Tagesanzüge sind gedämpftes bis dunkles Blau, Grau in allen Schattierungen und gedecktes bis dunkles Braun.

4. Einfarbige (Uni-)Anzüge, auch aus Marengostoffen, sind, wenn sie farblich nicht gerade »schreien«, immer ungefährlich, was man von Mustern, ins besondere von auffälligen, nicht genau sagen kann.

5. Ausgefallene Modefarben sind eine zweischneidige Angelegenheit – man sieht sie sich leicht über.

6. Uni-Grautöne haben, besonders wenn sie dunkler sind, den Vorteil, sich durch entsprechende Wäsche-, Krawatten- und Schuhwahl dem jeweiligen Zweck entsprechend ergänzen zu lassen. Braun dagegen ist eine reine »Tagesfarbe«, die, genaugenommen, am Nachmittag verschwinden sollte.

7. Großgewachsene Männer können sich, wenn sie schlank sind, ein dezentes Muster leisten, da ihren Proportionen optisch nicht nachgeholfen zu werden braucht. Kleine dagegen wählen zweckmäßiger einen dezenten Längsstreifen, den sogenannten Nadelstreifen, der die Figur länger erscheinen läßt. Schlanke können sich mehr erlauben als Dicke, die alles vermeiden sollten, was ihre Fülle noch betont (kein an sich schon fragwürdiges Karo, keine auffallende Farbe!).

8. Auch Haut- und Haarfarbe sollten berücksichtigt werden. Wer einen blassen, gelblichen Teint oder rötliche Haare hat, wird auf braungetönte Anzüge verzichten.

9. Hemd und Krawatte sind die Kontrastpunkte der Herrenkleidung. Hier wird besonders gern gesündigt! Ehernes Gesetz (obwohl jeder dritte Mann dagegen verstößt): Nur einmal gemustert! Also entweder: zum gemusterten Anzug (Fischgrät, Längsstreifen, Pepita, Pfauenauge, Pfeffer und Salz, Diagonal) einfarbiges Hemd und einfarbige Krawatte. Oder: zum Uni-Anzug einfarbiges Hemd und – dezent!! – gemusterte Krawatte beziehungsweise umgekehrt: gemustertes Hemd und einfarbige Krawatte.

10. Für die Qualität des Anzugstoffes gilt der Grundsatz: Das Teuerste ist das Billigste (weil es am längsten hält).

11. Maßkleidung bleibt Maßkleidung. Sie ermöglicht den Ausgleich etwaiger anatomischer Unregelmäßigkeiten und schafft die persönliche Note. Doch muß zugegeben werden, daß die deutsche Herrenkonfektion in den letzten Jahren qualitativ erstaunlich gute Erzeugnisse auf den Markt gebracht hat. Wen also die Natur mit einer »Stangenfigur« bedacht hat, der wird sich auch auf diesem Wege recht gut kleiden können. Auf jeden Fall aber sollte er nur Erzeugnisse aus hochwertigem Stoff erwerben. Es macht sich bezahlt!

12. Die Knopflöcher an den Ärmeln (je nach Anzugart ein bis vier Stück) sollten durchgenäht, also »echt« sein – ebenso jene im Revers.

[175] 13. Der Einreiher eignet sich für Büro und Reise. Der Zweireiher ist (oder war) mehr der elegante Straßenanzug. In ihm ist man jederzeit »ausgehbereit«. Der kleine, beleibte Herr wird den einreihigen Anzug wählen, der die Figur »streckt« und schlanker erscheinen läßt. (Die Vorderfront des Zweireihers dagegen würde die Wölbung des Embonpoint nur unnötig unterstreichen.) Den großen Schlanken dagegen kleidet auch der Zweireiher.


Die sportliche Kombination – Der zweiteilige Anzug. Dieses beliebt gewordene Kleidungsstück besteht aus der einfarbigen Hose und dem sportlich geschnittenen, einreihigen Jackett. Hose und Jackett müssen farblich aufeinander abgestimmt sein. Fehler in der Farbkombination sind mit Sicherheit ausgeschlossen, wenn man sich auf graue Flanellhosen aller Schattierungen beschränkt. Die klassische englische Sportkombination besteht aus der gedeckt-grauen Hose und der rostbräunlich getönten Harris-Tweed-Jacke. Die früher gern getragene Zusammenstellung: hellere Hose – dunkleres Jackett ist nicht mehr sehr beliebt. Eine Ausnahme allerdings besteht noch immer: die dunkelgraue Hose mit einem fast mitternachtsblauen Harris-Tweed-Jackett. Mit ihr kann man sich zur Not auch einmal in den Abend hinüberretten. Allgemein aber bevorzugt man jetzt die um einige Nuancen dunklere Hose, was in der Tat gefälliger aussieht.

Auffällig gemusterte Jacketts verlieren schnell an Reiz. Wer sie dennoch tragen will, sollte dies nur tun, wenn er noch andere, dezentere Kombinationsjacketts im Schrank hängen hat, mit deren Hilfe er sich in kurzen Abständen auch unauffällig kleiden kann.

In kühleren Jahreszeiten darf die Kombination für Tageszwecke durch einen einfarbigen Pullover, eine Kamelhaar-Strickweste oder auch eine Phantasie-Tuchweste ergänzt werden.


Allerlei Sportbekleidung. Bleiben wir noch einen Augenblick bei sportlichen Bekleidungsstücken.


Da wären zunächst die Knickerbockers. Daß das Wort »Nickerbocker« ausgesprochen wird, ist ja bekannt. Diese Pumphosen gehen auf die Holländer zurück, deren Nationaltracht sie sind. Sie wurden dann modisch ein wenig abgewandelt und setzten sich schließlich international durch. (Die Bezeichnung hat als Ursprung den Namen eines der holländischen Mitbegründer New Yorks, des ehemaligen New Amsterdam. In den amerikanischen Sprachgebrauch ging das Wort über, als der Schriftsteller Washington Irving unter dem Pseudonym Knickerbocker seine satirische Geschichte der Gründung New Yorks schrieb.)

Knickerbockers sind nicht jedermanns Sache. Immerhin kann man sie zum Wandern, zum Reisen, zum Autofahren und zum Golfspiel tragen. In Deutschland sind sie ziemlich aus der Mode gekommen. Wer sie dennoch schätzt, der möge darauf [176] achten, daß sie nicht zu lang und weit sind. Im Ausland erkennt man die deutschen Touristen häufig an den weiten, bis auf die Wadenmitte reichenden Knickerbockers, während der Engländer sie verhältnismäßig eng und unmittelbar unter dem Knie endend trägt.


Ein anderes sportliches Bekleidungsstück ist der Lumberjack, die Arbeitstracht der amerikanischen Holzfäller (die im übrigen auch so genannt werden): eine weitgeschnittene Bluse mit engem Taillenbund, Bündchenärmeln, angestricktem Halsabschluß und durchgehendem Reißverschluß. Sie sollte aus Wildleder sein. Aus Ersatzstoffen angefertigt, ist sie natürlich billiger, was man ihr aber auch ansieht. Der Lumberjack eignet sich besonders fürs Auto, wenn man während langer Fahrt das Jackett faltenfrei halten will. Natürlich kann man im Lumberjack auch wunderbar seinen Garten umgraben, so man einen solchen hat.


Der Lodenanzug, früher ein typisch deutsches Kleidungsstück, wird fast nur noch von Leuten getragen, die dem edlen Waidwerk huldigen. Hier erfüllt er auch heute noch dank großer Strapazierfähigkeit seinen Zweck. Man trägt ihn vorzugsweise mit Kniehosen (Breeches), die es jederzeit ermöglichen, die Pirschstiefel gegen hüfthohe Gummilangschäfter für die Wasserjagd auszutauschen.


Pullover und Strickjacken kommen wieder in Mode. Während einstmals eine zumeist scheußliche Strickjacke ausschließlich dem nüchternen Zweck des Warmhaltens diente, hat man es jetzt verstanden, ihr auch noch ein gefälliges Äußeres zu geben. Die betont sportliche, grobmaschige Strickart schwerer Wolljacken ermöglicht es durchaus, bei entsprechenden sportlichen Anlässen, im Freien oder auf einer Hütte das Jackett durch dieses Bekleidungsstück zu ersetzen. Was sie jedoch nicht haben sollte, ist ein – Reißverschluß!

Der Pullover dient als Westenersatz bei zweiteiligen sportlichen Anzügen. Es empfiehlt sich, bei den Farben Grau und Beige zu bleiben, die neutral sind und zu jedem Anzug passen.


Die kurze Hose (Shorts) ist dem Hochsommer mit seinen hohen Temperaturen vorbehalten. Sie gehört jedoch nur auf das Land, an den Strand, auf ein Boot, in den eigenen Garten und – vielleicht – auf den Tennisplatz, obwohl man im »Gebrauchstennis« bereits wieder die für Männer kleidsamere lange weiße Hose bevorzugt. Auf die Straßen einer Stadt passen Shorts keinesfalls!


Der Straßenanzug. Dieses Universalkleidungsstück ist um so vielseitiger verwendbar und damit praktischer, je unauffälliger es in Farbe, Muster und Schnitt gehalten wird. Fasson und Ausstattung sind der Figur und dem Geschmack des Trägers anzupassen. Wer sich beschränken muß, tut gut daran, auf helle, sommerliche Farben zu verzichten und gedeckte Farben zu wählen, die in alle Jahreszeiten passen.

[177] »Winterliche« Stoffe sind schwerer Flanell und Marengo, ein hell-, dunkel- oder schwarzgrau meliertes Kammgarn. Flanell ist gewissermaßen der klassische Herrenanzugstoff, während Marengo um eine Nuance edler ist und in schwarzgrauer Farbgebung ein korrektes abendliches Kleidungsstück abgibt.

Sommerlich dagegen sind der »atmende« Panama, der lichte Fresco und der beliebte Gabardine, der jedoch infolge seiner zumeist hellen Pastelltöne recht farbempfindlich ist.

Tuche gibt es in schwerer und leichter Ausführung. Sie können daher »sowohl als auch« getragen werden. Man kennt Kammgarn und Streichgarntuche. Beim Kammgarn sind Fäden und Bindung zu sehen, beim Streichgarn nicht.


Der Nachmittagsanzug. Eigentlich gibt es ihn gar nicht. Weil man ihn aber brauchen könnte, haben wir ihn rasch erfunden. Natürlich kann der Straßenanzug zugleich »Nachmittagsanzug« sein, vorausgesetzt daß ... Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten nachmittags eine Konferenz mit auswärtigen Kunden. Sie möchten nicht allzu dunkel erscheinen, um keine übertrieben feierliche Atmosphäre aufkommen zu lassen. Ihre Geschäftsfreunde werden natürlich im Straßenanzug erscheinen und später rasch ins Hotel fahren, um sich umzuziehen, während sie selbst die Besprechung noch niederlegen und vielleicht überdenken müssen. Sie kommen also nicht mehr nach Hause. Abends aber wollen Sie mit den Gästen ein wenig ausgehen – in ein gutes Kabarett, vielleicht auch in ein intimes Theater. Da wollen Sie natürlich abermals richtig angezogen sein. Und deshalb haben Sie morgens bereits in weiser Voraussicht den – »Nachmittagsanzug« angezogen: einen ganz dunkelgrauen (nicht braunen!) Flanell oder Marengo. Und so brauchen Sie abends nichts weiter zu tun, als das Clubstreifenhemd mit der dunkelblauen Krawatte gegen ein weißes mit grauem Binder auszutauschen, vorausgesetzt, daß Sie – letzteres für derartige Fälle immer im Kleiderschrank Ihres Büros parat haben. Und das sollten Sie, denn es ist – siehe oben – sehr praktisch.


Der dunkle Anzug. Seine Farbe kann dunkelblau oder auch schwarzgrau sein. Reines Schwarz trägt man kaum (mit Ausnahme des »Stresemann« und der festlichen Abendkleidung). Der dunkle Anzug wird gewöhnlich abends, ferner zu nicht hochoffiziellen Antrittsbesuchen, einfachen Festlichkeiten (bei denen kein Abendanzug vorgeschrieben ist) und immer dann, wenn man »klein« ausgeht, getragen. Was natürlich nicht heißt, daß ein soignierter Herr sich nicht zu jeder, auch frühen Tagesstunde darin sehen lassen könnte. Er verlangt dunklen bzw. (abends) grauen Seidenbinder, schwarze Schuhe und weiße Wäsche.


Der »Stresemann«. Dieser »kleine Gesellschaftsanzug« wurde nach dem ersten Weltkrieg von dem Politiker und späteren deutschen Außenminister Gustav Stresemann getragen. Er besteht aus einer graugestreiften schwarzen Tuchhose [178] ohne Umschlag, einem schwarzen ein- oder zweireihigen Jackett und (wenn das Jackett einreihig ist) schwarzer oder grauer Weste. Auch hier sind weißes Hemd (mit steifem Umlegekragen und angestärkten Manschetten), schwarzer oder grauer Seidenbinder sowie schwarze Schuhe ohne Steppverzierungen unerläßlich.

Der bei vielen Herren beliebte »Stresemann« schien eine Zeitlang den Cut verdrängen zu wollen. Er kann als der »kleine Anzug für offizielle Tagesveranstaltungen« getragen werden. Manchmal begegnet man ihm aber auch auf abendlichen Gesellschaften und im Theater. Das ist Tatsache, aber nicht korrekt. Genaugenommen hätte er mit der Abenddämmerung zu verschwinden.


Der Cut. Er heißt eigentlich »Cutaway« (englisch »to cut away« – abschneiden), kam um die Jahrhundertwende aus England und ist noch heute der offizielle Tagesgesellschaftsanzug, soweit er nicht vom Stresemann verdrängt wurde. Er besteht aus langem schwarzem oder schwarzmeliertem Rock mit runden Schößen, gestreifter Hose ohne Umschlag und schwarzer bzw. grauer Weste. Zu glatten, schwarzen Schuhen mit dünner Sohle, gestärktem weißem Hemd mit gesteiften Manschetten und steifem Umlegekragen wird grauer oder schwarz-weißer Seidenbinder getragen. Der Cut ist der offizielle Hochzeitsanzug bei der kirchlichen Vormittagstrauung sowie der offizielle Beerdigungsanzug (hier jedoch mit schwarzer Weste und schwarzem, langem Seidenbinder).


Der Smoking. Auch seine Heimat ist England, wo er ursprünglich der gebräuchliche Klub- und Rauchanzug war (»to smoke« – rauchen). Irgend jemand hat ihn dann auf dem Kontinent ausgepackt und behauptet, er sei ein Abendanzug. Was, wie gesagt, damals noch nicht stimmte.

Der Smoking ist aus feinem, leichtem, schwarzem Tuch gearbeitet, hat schwarzseidene Aufschläge (Revers) und wurde bis vor nicht allzu langer Zeit einreihig, mit schwarzer Weste, leicht angestärktem Faltenhemd, Eckenkragen und schwarzer Schleife (Querbinder) getragen. Die Smokinghose wird ohne Umschlag gearbeitet und hat an den äußeren Hosennähten einen schwarzen Tressenbesatz, die sogenannten Galons. Zu Beginn der dreißiger Jahre versuchten ihn einige Mutige etwas festlicher zu gestalten, indem sie die schwarze Smokingweste durch eine weiße Frackweste und das Faltenhemd durch ein steifes Frackhemd ersetzten. Diesen Versuch sollte man jedoch, was die weiße Weste anbelangt, nicht imitieren. Ein steifes Hemd dagegen ist vorteilhaft für ältere Herren mit Embonpoint. Dann erschien er, zunächst zögernd, in zweireihiger Ausführung mit weichem weißem Hemd. Allmählich hat sich diese zweireihige Form durchgesetzt. Korrekterweise trägt man sie jedoch nicht mit einem weichen, sondern einem halbgestärkten Pikeehemd, dessen steifer Umlegekragen ebenfalls Pikeemuster aufweist.

In jüngster Zeit wird versucht, den konservativen schwarzen Querbinder durch [179] einen solchen aus grauer oder weinroter Seide zu ersetzen. Besonders Fortschrittliche haben sofort begeistert nach dieser Möglichkeit farblicher Auflockerung gegriffen. Die Zukunft wird lehren, ob sie recht hatten. Wenn Sie also den Smoking bei sehr festlicher Gelegenheit unter sehr konservativ-korrekten Leuten tragen wollen, dann kann Ihnen mit schwarzer Schleife nichts passieren, während man einen grauen Querbinder vermutlich erstaunt, einen roten mit Sicherheit kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen würde.

Eines aber dürfen Sie gefahrlos tun: statt des schwarzen Tuches ein mitternachtsblaues wählen! Der mitternachtsblaue Smoking wird sogar in dem streng-konservativen Zeremoniell des diplomatischen Protokolls toleriert. Natürlich bleiben trotz der blauen Farbe die Seidenrevers und die Schleife schwarz. Während der Smoking früher gebieterisch Lackschuhe verlangte, sind heute glatte schwarze Halbschuhe erlaubt, vorausgesetzt, daß sie ganz dünne Sohlen haben und nicht plump sind.

Und noch etwas ist Ihnen gestattet: Im Sommer, in den Tropen, an der See, an Bord und auf abendlichen Gardenparties darf das Smokingjackett auch weiß sein, mit weißen Revers und schwarzer Schleife. (Wenn Sie groß, schlank und braungebrannt sind, macht sich das Blütenweiß der Jacke doppelt gut.)

Mit allen anderen Versuchen, dem Smoking neue Farben zu geben (etwa Braun, Hellblau, Rot oder kariert) ist Zurückhaltung am Platze. Wenn Sie zufällig gelesen haben sollten, was »Tailor & Cutter« schrieb, als Georg VI. eines Tages in einem Smokingjackett mit großkariertem Schottenmuster erschien, dann werden Sie zugeben, daß wir Sterblichen nichts Klügeres tun können, als anderen den Vortritt zu lassen – insbesondere im Hinblick auf die winzigkleine Spanne zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit.


Der Frack. Das festlichste Kleidungsstück, das wir Männer kennen! Nahezu zweihundert Jahre alt. Entstanden aus dem vorn durchgeknöpften langen Offiziersrock, dessen Rockschöße die Bewegungsfreiheit beschränkten und deshalb umgeschlagen und hinten hochgeknöpft wurden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Straßenanzug. Seit einhundert Jahren ausschließlich großer Festanzug. Die anfänglich noch hellen, leuchtenden Farben wurden immer dunkler, bis sich schließlich Schwarz endgültig durchsetzte, das auch heute noch Gültigkeit hat und korrekt ist. Auch wenn man dem Frack hier und dort in mitternachtsblauer Ausführung begegnet.

Das einzige, was mit der Mode kleinen Schwankungen unterworfen war und ist, sind die Schöße, deren Länge innerhalb gewisser Grenzen wechselt. Man hüte sich jedoch auch hier vor Übertreibungen und bedenke rechtzeitig den lächerlichen Eindruck, den es machen muß, wenn unter einem normal langen Mantel Frackschöße hervorschauen.

Die Revers sind, wie beim Smoking, aus schwarzer Seide gearbeitet. Die Hose hat keinen Umschlag und ist an den Außennähten ebenfalls mit Seidentressen verziert, die beim Frack jedoch als Doppelgalons, also zwei nebeneinander, gearbeitet sind.


B. Korrekter Adam

Die weiße Frackweste, die einreihig getragen wird, ist aus Pikee gefertigt und mit Perlmutterknöpfen geschlossen.

Die Frackhemdbrust muß steif wie ein Brett sein. Nur dann sieht sie gut, korrekt und festlich aus. Das gleiche gilt für die Manschetten. Dieser Panzer hat den Vorteil, zu einer Haltung zu zwingen, deren mancher bedarf. Geschlossen wird das Frackhemd von weißen Durchsteckperlen, die um so seriöser aussehen, je kleiner und unauffälliger sie sind. Wenn der Frack am Tage getragen wird (was zu ganz offiziellen Trauerfeiern oder Empfängen zuweilen ausdrücklich vorgeschrieben werden kann), verlangt er statt der weißen eine schwarze Weste. Schließlich ist der Frack auch die Berufskleidung der Kellner, die ihn jedoch stets mit schwarzer Weste und schwarzer Schleife tragen (damit man sie nicht mit den Gästen verwechselt).

Strumpf- und Schuhwerk sind schwarz. An Stelle der Lackhalbschuhe ohne Kappen können zum Frack auch ausgeschnittene Lackpumps getragen werden.

Und noch ein Hinweis: Korrekterweise hat der Frack weder eine äußere Brusttasche noch ein Knopfloch im linken Revers. Wenn Sie also Ihren Schneider veranlassen, Ihren Frack mit diesen beiden Verzierungen auszustatten, dann wundern Sie sich nicht, falls er Sie auf die zwar gebräuchliche, aber nicht ganz richtige Eigenwilligkeit dieses Wunsches hinweist.


Die äußeren Hüllen – Mäntel von früh bis spät. Der Trenchcoat hat sich dank seiner vielseitigen Verwendbarkeit das Straßenbild erobert, obwohl er ebenfalls »militärischen« Ursprungs ist. (Wenn der Krieg auch nicht der Vater aller Dinge ist – der des Trenchcoats war er sicherlich, denn »trenchcoat« heißt Schützengrabenmantel.) Einst ein Soldatenmantel mit Gummieinlage. Seit nahezu dreißig Jahren Inbegriff des sportlichen Straßenmantels für Damen und Herren. Das segelleinenähnliche Gewebe seines wasserdichten oder doch wasserabweisenden Stoffes ist außerordentlich strapazierfähig. Die äußere Form reicht von der betont sportlichen und daher zweckgebundenen Linie (mit Schulterklappen, Lederknöpfen und Rundgurt) über die verschiedensten Zwischenstufen bis zur schlicht-eleganten Raglanform des »Staubmantels« mit verdeckter Knopfleiste und schrägen Taschen.

Vorsicht ist geboten bei Mänteln mit Gürtel! Nur sehr schlanken Figuren ist das zuträglich!


[182] Aus dem Staubmantel hat sich in jüngster Zeit der dreiviertellange Dufflecoat entwickelt, ein stutzerähnliches Oberbekleidungsstück, das in Kniehöhe aufhört und noch sportlicher ist. Es erinnert an die früher einmal übliche Windjacke. Obwohl »duffle« eigentlich ein schweres Wollgewebe ist, begegnet man vorwiegend dem Dufflecoat aus Leinengewebe. Er setzt sich als Allroundmantel für Reise, Sport und Auto immer mehr durch.

Sein Frontverschluß erfolgt durch lederbezogene Knebel. Zwei große aufgesetzte Seitentaschen und zwei weitere reißverschlossene Brusttaschen erlauben die Unterbringung von rauhen Mengen typisch männlichen Kleinkrams (wodurch der korrekte Sitz allerdings nicht gerade gefördert wird).

Trench- und Dufflecoat sind durch wollene Einknöpffutter in mantelähnliche Bekleidungsstücke zu verwandeln, die auch während der kalten Jahreszeit zu bestimmten Zwecken getragen werden können. Der Dufflecoat wird jetzt übrigens auch aus schweren Wollstoffen gefertigt.

Diese praktischen Kleidungsstücke sind, ebenso wie ihre zahlreichen Varianten, natürlich sehr zweckbestimmt und können nicht als elegante Straßenkleidung gelten.


Eine Eleganzstufe höher steht der sportliche Straßenmantel in allen Schattierungen von Grau und Braun, uni sowohl als auch meliert oder gemustert, der gern als »Slipon« (im Raglanschnitt mit kurzem, stehendem Kragen) getragen wird.


Der Stadtmantel (Nachmittagsmantel) sollte vorzugsweise mittleres bis dunkles Grau oder dunkles Blau haben. Dann paßt er auch für den Abend. Verschiedene Formen wie Chesterfield (mit verdeckter Knopfleiste), Ulster, Paletot sowie die neue, kurz gehaltene V-Form erlauben genau wie zahlreiche Stoffqualitäten beliebige Varianten – gemäß dem persönlichen Geschmack und der Gestalt des Trägers. Der neue, immer mehr in Mode kommende kurze Stadtmantel verlangt für ganz festliche Gelegenheiten noch einen längeren Bruder, selbst wenn er von bestem Material und dunkelster Farbe ist: Nichts sähe komischer aus als ein Mantel, unter dem die Frack- oder Cutschöße hervorschauen!


Und damit wären wir bei einem Stück, das die wenigsten bereits wieder haben, dem Abendmantel. Er ist – theoretisch für den Frack bestimmt – schwarz und möglichst zweireihig, denn der Frack verlangt – ebenfalls theoretisch – den Zylinder, und zwar den stumpfseidenen Chapeau claque. In der Praxis tragen diese korrekte Kombination höchstens noch Diplomaten. Der Frack-Pelerine begegnete man jahrzehntelang nur auf der Bühne, etwa in der »Fledermaus«. Neuerdings bemühen sich die Modeschöpfer, ihr zu frischem Glanz zu verhelfen.


[183] Der Gehpelz hat an Verbreitung verloren. Eine ganz natürliche Entwicklung, denn – wer »geht« heute schon noch groß in unserer tempohungrigen Zeit! Wer wirklich viel gehen muß, hat kaum das Geld für einen Pelz, und wer das Geld für dieses nicht billige Kleidungsstück hat, braucht wiederum nicht zu gehen.

Immerhin ändert das nichts an der Tatsache, daß ein schwarzer, aus schwerem Tuch gearbeiteter Stadtmantel mit Biber-, Lamm- oder Bisamfutter angenehm warm sein und daneben gut aussehen kann. Beides gilt auch für sportliche Pelze.

Ein Wort zum Pelzkragen. Sein Material ist in der Regel edler als das des Futterpelzes. Beliebt sind in der Herrenwelt Opossum und Fischotter. Und alten, würdigen Herren steht auch Persianer nicht schlecht.

Es ist jedoch beileibe kein Fehler, wenn man einem gutgearbeiteten Stadtmantel sein Pelzfutter und damit seinen Charakter von außen nicht ansieht, weil sein Träger auf einen Kragen verzichtet hat. Schließlich trägt man ja einen Pelz nicht zwecks Demonstration der wirtschaftlichen Sicherheit, sondern aus Gründen wohliger Wärme.

Indiskutabel dagegen sind aufgesetzte Pelzkragen (solides Hauskanin, auf Biber dressiert), die dort einen Pelz vortäuschen sollen, wo keiner ist. Es komme niemand und behaupte, der Pelzkragen hielte warm!

Also: Pelzmantel ohne Pelzkragen – schön und gut. Mehr sein als scheinen. Aber: Pelzkragen ohne Innenpelz – aber Sie gehören ja nicht zu jenen, die etwas vortäuschen wollen, was gar nicht da ist, nicht wahr?


Hüte, Mützen und andere Kopfbedeckungen. Hüte gibt es eine ganze Menge, der Farbe ebenso wie der Form und damit dem Zweck nach.


Da wäre zunächst der Tageshut, entweder (für den Vormittag) als sportlicher Hut (der zum Teil von den Trachten beeinflußt wurde), dann als Klapprandhut oder als »Homburg«.


Der Klapprandhut ist das beliebteste Hutmöbel, insbesondere bei jüngeren Jahrgängen. Seit einiger Zeit verzichtet man darauf, den vorderen Rand herunterzuklappen und rollt statt dessen die Seiten ein wenig hoch. Diese Form, die übrigens sehr kleidsam sein kann, ist der sogenannte »Camber«.


Der »Homburg« gilt als Schöpfung Eduards VII. von England, der ihn erstmals in Bad Homburg trug und ihm so zu seinem Namen verhalf. Der »Homburg« ist, besonders in Schwarz, der »Diplomatenhut«.


Doch auch als Abendhut eignen sich Homburg und Camber, vorausgesetzt, daß sie schwarz sind.

[184] Die Hutfarbe wird zu Anzug und Mantel harmonisch abgestimmt. Schwarz, Grau und Braun – damit ist unsere Hutfarbenskala im wesentlichen erschöpft. Nur bei den Sporthüten können noch alle Schattierungen pastellfarbener, gebrochener Grüntöne auftauchen.

Zu diesen Hutfarben einen Hinweis, der zugleich Bitte sein soll: Sie können einen hell- bis mittelgrauen Anzug ebenso wie einen solchen Mantel ohne weiteres mit braunem Hut kombinieren. Niemals aber paßt ein grauer Hut zu brauner Kleidung! Leuten mit ausgeprägtem Farbempfinden bereitet dieser Anblick körperliches Mißbehagen. Und noch etwas: der sowohl zu grauer als auch zu dunkelblauer Kleidung passende schwarze Hut verlangt gebieterisch auch schwarze Schuhe! (Im vergangenen Winter habe ich auf einer deutschen Großstadthauptstraße innerhalb einer knappen Stunde nicht weniger als sechsundzwanzig männliche Wesen gezählt, die einen schwarzen Homburg, einen dunkelblauen Paletot und – braune Schuhe trugen. Moral: Beliebt, aber trotzdem falsch!)


Sportmützen sollen wieder modern werden. Diesbezügliche Propagandafeldzüge sind in Vorbereitung. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit sie Erfolg haben werden.


Die Baskenmütze schließlich hat mindestens ebensoviel geschworene Gegner wie begeisterte Anhänger. Einen Vorteil kann man ihr nicht absprechen: Sie ist bequem, denn sie braucht – beim Grüßen nicht abgenommen zu werden. Ihre Anhänger habe ich im Verdacht, daß sie sie nur um dieses Vorzuges willen so leidenschaftlich verteidigen, denn kleidsam ist sie in den wenigsten Fällen, und die Anzahl der Kleidungsstücke, zu denen sie »paßt«, ist denkbar gering. Man kann sie also – reinen Modegewissens wenigstens – höchst selten tragen.


Der halbrunde, steife Hut, der sogenannten »Bowler«, auch Bombe genannt, war einmal als Vervollständigung des dunklen Straßenmantels beliebt, wird jedoch kaum noch getragen. Seine Stelle haben jetzt schwarzer Homburg und Camber eingenommen.


Der Zylinder gehört als Ergänzung zu Cut und Frack. Auf festlichen Abendveranstaltungen, zu denen Frack getragen wird, erscheint er als Chapeau claque in stumpfseidenem Schwarz, sofern es die Frackträger nicht vorziehen, ohne Kopfbedeckung vorzufahren. Tagsüber, also z.B. zu Trauerfeiern, bei denen Cut vorgeschrieben ist, weist er glänzendes Haar auf und ist nicht zusammenklappbar.

Sollten Sie – es könnte ja immerhin sein – einmal Lust verspüren, korrekt angezogen zu einem Rennen auf dem berühmten Rennplatz Ascot in der Nähe Windsors zu erscheinen, dann müssen Sie den Zylinder in grauer Farbe tragen – so wie die Zylinderhüte des Empire und Biedermeier waren. Und natürlich den Cut mit grauer Weste.


[185] Halstücher. Die meisten Herren lieben es, den Mantelausschnitt durch ein Halstuch zu verdecken. Diese Halstücher sind aus mehreren Gründen praktisch: sie schonen Kragen und Krawatte, halten im Winter warm und runden das gepflegte Erscheinungsbild harmonisch ab. Außerdem kaschieren sie den zuweilen nicht hundertprozentig korrekten Sitz der Mantelrevers, unter denen sonst die Anzugrevers vielleicht herausschauen würden.


Man trägt


zum Sportmantel, Trench- oder Dufflecoat: das sogenannte »Cachenez« (dessen Name französisch ist und »Versteck die Nase« heißt), ein farbiges, gemustertes, quadratisches Seidentuch, das diagonal gefaltet wird,


zum Stadtmantel: das einfarbige Seidentuch in mantelnahen, dezenten Pastellfarben,


zum Wintermantel: den ebenfalls einfarbigen Wollschal,


zum Abendmantel: den weißen Seidenschal.


Man trägt dagegen nicht den Schal bzw. das Cachenez über dem Mantelkragen und läßt beide auch nicht im Winde flattern!


Hemden – geliebte Wissenschaft! Auch der eleganteste, teuerste und bestgearbeitete Anzug bleibt unvollkommen, wenn ihn nicht das richtige blitzsaubere und gutgebügelte Hemd ergänzt. Und natürlich die Krawatte, über die wir anschließend sprechen.

Das richtige Hemd! Wann aber ist ein Hemd »richtig«? Wenn es in Farbe und Muster zum Anzug paßt!


Wer sich hier nicht ganz sicher fühlt, der mag sich an die nachstehenden Richtlinien halten, und er wird keinen Kombinationsfehler begehen:


1. Weiße Hemden passen zu jedem Anzug.


2. Jedes, auch das dezenteste Anzugmuster (Pfauenauge, Fischgrät, Diagonalstreifen usw.) gebietet ein einfarbiges Hemd!


3. Nur wirklich einfarbige Anzüge gestatten gemusterte Hemden.


4. Einfarbige Hemden sollen grundsätzlich nur ganz helle Pastelltöne haben, möglichst jedoch kein Rosa.


5. Leuchtende, knallige Hemdfarben verraten, ebenso wie ganz dunkle, einen schlechten Geschmack. Die einzige Farbe, die leuchten darf, ist Blütenweiß!


6. Wer – zu Uni-Anzügen – tagsüber gemusterte Hemden tragen will, wähle den dezenten »Klubstreifen«, bei dem der weiße und der farbige Streifen gleichmäßig je einen bis höchstens anderthalb Millimeter breit sein sollen (nicht mehr!).


7. Die klassischen Klubstreifenfarben – wohlgemerkt auf weißem Grund! – sind dunkles Blau und Bordeauxrot. Auch Grau gewinnt immer mehr[186] Freunde. Diese Farben können untertags zu grauem oder blauem Uni-Anzug getragen werden.


8. Daneben sind auch ganz dezente, schmale Streifen erlaubt.


9. Auf sonstige Muster, wie Karos und verwegene Diagonalstreifen, verzichtet der gut und unauffällig angezogene Herr.


10. Der Sitz des Kragens ist entscheidend für das Gesamterscheinungsbild. Allzulange Ecken fallen auf und sehen nicht gut aus. Außerdem biegen sie sich beim ersten Blick, den man – etwa vor schönen Frauen – errötend niederschlägt, um und stehen dann ab.


11. Es empfiehlt sich, grundsätzlich darauf zu achten, daß der Kragen über dem Knopf etwa anderthalb Zentimeter sperrt, damit der Knoten der Krawatte genügend Platz hat und nicht etwa die Kragenecken hochhebt. (Ein weitverbreiteter Fehler vieler Fertighemden.) Die Kragenecken müssen, wenn das Hemd gut sitzen soll, auch bei gebundener Krawatte in der Schlüsselbeingrube aufliegen.


12. Auch bei Taghemden sollte der Kragen grundsätzlich leicht angestärkt sein.


13. Die Manschetten werden zumeist mit Umschlag gearbeitet und mit Manschettenknöpfen verschlossen. Man kann sie jedoch zum Sportanzug auch umschlaglos, d.h. eng anliegend und mit (meistens drei) festen Perlmutterknöpfen tragen.


14. Die Manschetten sollen zu sehen sein, jedoch nicht mehr als zwei Zentimeter aus dem Ärmel hervorschauen.


15. Maßhemden sind erfahrungsgemäß nicht oder nur unwesentlich teurer als gute Fertighemden.


16. Bei Maßhemden empfehlen sich handgeschürzte Knopflöcher, die den Hemdenpreis kaum erhöhen, dafür aber haltbarer sind und sauberer aussehen.


17. Die linke untere Brusthälfte kann ein kleines, hemdfarbiges Monogramm tragen.


18. Farblich passen: weiße Hemden zu allen – lichtblaue und mattgraue zu blauen und grauen – cremefarbene und mattgrüne zu braunen und grünlich getönten (zuweilen kann Cremefarbe auch mit einem grauen Anzug harmonieren) – Klubstreifen (grau, blau, rot) zu grauen und blauen Uni-Anzügen.


Beenden wir die Hemdenbetrachtungen mit einem Stoßseufzer, den vor rund zwei Jahrzehnten Paul v. Reznicek (ich glaube jedenfalls, er war es) ausstieß: »Unser täglich Hemd gib uns heute!«


[187] Und die passende Krawatte? Schon Honoré de Balzac, der große französische Erzähler, hat sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit diesem »Kontrapunkt in der Symphonie unauffälliger Eleganz« beschäftigt. Und er hat viel Kluges über die Krawatte gesagt.

»Alles am Manne«, so meinte er, »ist vom Schneider, vom Hutmacher, vom Schuster abhängig – der gutgearbeitete Frack, der gefällige Hut, die passenden Stiefel. Nur die Krawatte ist wie ein Marmorblock, dem erst die begnadete Hand eines Phidias die vollendete Form gibt!«

Nun – keiner von uns ist ein begnadeter Bildhauer wie jener große Grieche, der vor zwei Jahrtausenden die Plastiken am Parthenon schuf. Und doch brauchten wir in Krawattenfragen nicht so gedankenlos zu sündigen, wie man dies auf Schritt und Tritt beobachten kann. Natürlich wissen die meisten, daß Grün nicht zu Blau, Rot nicht zu Braun paßt. Weniger bekannt ist schon, daß sich Grün auch mit Grau durchaus nicht immer verträgt, weil Unigrau sehr häufig einen bläulichen Schimmer hat. Kaum jemand aber überlegt sich, daß sich gleiche Farben doch erheblich beißen können, je nach der Farbskalaseite, auf der sie liegen. Blau und Blau, Rot und Rot, Grün und Grün können, wenn schon nicht den eigenen, so doch den Augen anderer beträchtlich wehe tun.

Die Möglichkeiten, hier falsch zu kombinieren, sind so zahlreich, daß einfacher ist, sich die wenigen Grundsätze zu merken, nach denen nichts schiefgehen kann.

Gemusterte Krawatten (dezente Punkte oder Streifen) passen nur zu einfarbigem Hemd und Uni-Anzug.

Krawatten sollen grundsätzlich einfarbig sein, wenn das Hemd einen Streifen hat.

Zu blauem, rotem oder grauem Klubstreifenhemd paßt immer die einfarbige, dunkel-(ultramarin-)blaue Krawatte.

Der graue Klubstreifen erlaubt auch die dunkle, gedämpftrote Krawatte.

Das mattgrüne Hemd wird am harmonischsten durch einen dunkelbraunen Binder ergänzt.

Zum cremefarbenen Hemd darf der Binder braun, rot, evtl. auch petrolfarben sein.

Zum grauen Hemd machen sich gut Rostfarben und Blau.

Natürlich bedeuten diese Hinweise nicht, daß nicht auch andere Kombinationen möglich wären. Voraussetzung jedoch ist, daß sie mit Geschmack und sicherem Farbempfinden vorgenommen werden.

[188] Ein abendlich dunkler oder doch gedeckter Anzug mit weißem Hemd wird durch einen grauseidenen oder silberfarbenen Binder harmonisch ergänzt.

Indiskutabel sind die in jüngster Zeit aus Übersee importierten »Kreationen«, auf denen sich Urwald, Pin-up und Picasso zu behaupten suchen.

Krawattennadeln sollten nur gesetzte Herren tragen, nach Möglichkeit nicht am Tage und keinesfalls auf gemusterten Krawatten.

Erinnern wir uns hier noch einmal kurz daran, daß der Smoking eine schwarze, der Frack eine weiße Querschleife verlangen, die beide selbstgebunden sein sollen.

Noch ein Hinweis auf das Material: Edelster Krawattenstoff ist und bleibt die schwere Krawattenseide, die gewährleistet, daß der Binder auch nach hundertfachem Gebrauch noch keine Falten zeigt. Außerdem kennen wir noch die im allgemeinen ziemlich knitterfreien Wollkrawatten, die jedoch nur für sportlich kombinierte Anzüge bestimmt sind und keinesfalls zum eleganten Straßenanzug passen.

Und: Was man nie trägt, sind – keine Krawatten! Es sei denn, man wäre auf dem Lande.

Das Krawattenbinden ist eine Frage des Materials, des Schnittes der Krawatte und der – manuellen Geschicklichkeit. Je länger und schmaler geschnitten der Binder in seinem oberen Teil ist, um so eleganter wird der Knoten, der keineswegs groß und wuchtig sein soll, aber auch nicht zu klein sein darf. Zwei hauptsächliche Bindetechniken gibt es – den einfachen und den Windsorknoten.

Ersterer ist unschwer zu binden, letzterer hat den Vorzug, daß er sich nicht lockern kann und immer sitzt. Er erfordert jedoch einiges Geschick und – infolge seiner dreifachen Schürzung – ein schmales Krawattenmittelteil.


Die Unterwäsche (machen wir es kurz) – sei kurz! Lange Unterhosen bleiben unmännlich und häßlich, auch wenn sie kaum jemand sieht. (Ausnahmen, außer in Fällen gesundheitlicher Gefährdung: die langen Unterhosen zum Skifahren.) Im übrigen werden wir Männer ja nicht gleich erfrieren – denken wir an die Hauchstrümpfe der Damen, die sicherlich weniger wärmen als unsere langen Anzughosen und sich dennoch auch bei Dutzenden von Kältegraden behaupten!

Zur Unterwäsche gehört übrigens auch in jedem Falle das ärmellose oder kurzärmelige Unterhemd. Wer dieses Kleidungsstück fortläßt und das Oberhemd auf dem nackten Oberkörper trägt, beweist damit nur, daß er mit Ästhetik und Hygiene auf dem Kriegsfuß steht – und ganz besonders an heißen Tagen!


[189] Das Schuhwerk schließt den Anzug des Herrn nach unten harmonisch ab oder sollte es wenigstens. Je solider und wertvoller er gearbeitet ist, je mehr er gepflegt wird, um so länger hält er. Intakte Sohlen und gerade Absätze sind ebenso Selbstverständlichkeiten wie tadelloser Glanz.

Schuhe gehören entweder auf den Fuß oder den – Schuhspanner!

Schwarze Schuhe sind nie falsch. Für dunkle, insbesondere graue, blaue und schwarze Anzüge sind sie Voraussetzung!

Braune Schuhe sollen nicht zu hell sein und können zu allen hellen Anzügen getragen werden.

Der sportliche Schuh für die Sportkombination kann starke Ledersohlen und Steppzierat haben. Er sieht nicht etwa am besten aus, wenn er neu ist, sondern wenn er eine »Patina« des Alters hat, die aller dings nur der wertvolle Schuh »erlebt«. (Die Engländer, denen alles verhaßt ist, was »brandnew« aussieht, helfen dem mit Rehknochen und Sattelwichse nach.)

Zum eleganten Nachmittagsanzug wirkt der schlichte, ungesteppte Schuh seriöser.

Zum abendlich dunklen Anzug paßt am besten der kappenlose schwarze Schuh in Budapester oder italienischer Form. Je festlicher der Abend, um so weniger wuchtig das Schuhwerk!

Lackschuhe gehören nur zu Frack und Smoking! (Zum Frack kann man auch die Lackslipper, die sog. Pumps, tragen.)

Kreppsohlen trägt der korrekt angezogene Herr höchstens zur Sportkombination. Unter schwarzen Schuhen hat Krepp grundsätzlich nichts zu suchen!

Und eines zum Schluß: »Wildleder, Schlange oder gar Krokodil wollen wir der Damenwelt überlassen, auch wenn ein Blick auf unsere krokodilledern beschuhten Füße der Umwelt gewisse Rückschlüsse auf unser Einkommen gestattet ...


Und die passenden Strümpfe? Sie leuchten nicht und »ringeln« sich nicht unter der Hose hervor! Vielmehr passen sie sich in dezenten Mustern oder einfarbig der übrigen Kleidung an. Neutrale, gedeckte Farben, vor allem Grautöne, verderben kaum je eine farbliche Anzugskomposition. Dagegen wäre es verkehrt anzunehmen, daß ein grüner Strumpf eine blaue Krawatte nicht stören könnte. In den warmen Jahreszeiten kann zum sportlichen Anzug die kurze Socke getragen werden. Der elegante Straßenanzug und die abendliche Kleidung verlangen jedoch kategorisch den knielangen Strumpf, der oberhalb der Wade mittels eingewirkten Gummizuges – nicht mit Sockenhaltern – schließt.


Handschuhe gehören ebenfalls zum vollständigen Anzug des Herrn. Farbe und Art sind der sonstigen Kleidung anzupassen. Gelbe Schweins- oder Wildlederhandschuhe [190] haben, ebenso wie gestrickte Handschuhe, sportlichen Charakter. Sie werden zu abendlich gedeckten Farben durch graues Waschleder ersetzt. Bei ganz offiziellen Anlässen trägt der Herr zum Frack weiße Glacéhandschuhe, zumindest in der Hand. Zum Tanzen werden sie selbstverständlich angezogen! Ansonsten gehören Herrenhandschuhe auf, nicht in die Hand. Daß man den rechten zur Begrüßung auszieht (obwohl die Dame den ihren anbehalten darf), versteht sich von selbst.

Offizielle Trauerkleidung verlangt grundsätzlich schwarze Handschuhe.


Stock und Schirm schienen in den ersten Nachkriegsjahren aus der Mode gekommen zu sein. Allmählich aber sieht man sie wieder häufiger. Und das ist gut so, denn zumindest der Schirm gehört zur unauffällig-eleganten Erscheinung des gutangezogenen Herrn. Zur abendlichen Garderobe sollte er ohnehin stets getragen werden.

Und wenn Sie im Hochsommer ohne Hut, ohne Mantel, ohne Handschuhe mit einer gutgeschnittenen Sportkombination (mit langer Hose natürlich!) und Schirm durch die Straßen gehen, dann sind Sie nicht nur korrekt, sondern auch geschmackvoll angezogen.

Den Stock gebrauchen wir nur, wenn wir einer Stütze bedürfen, oder aber als kombinierten Stockschirm.

Der »Knirps«, jener kleine, zusammenlegbare und unleugbar zweckmäßige Schirm dagegen sieht in der Hand eines Herrn lächerlich aus und sollte sich daher bei Sonnenschein in der Aktentasche verbergen.

Beinahe hätte ich die schwarze Farbe der Schirmseide als selbstverständlich unerwähnt gelassen. Ich lese jedoch gerade, daß man die Männerwelt dazu bewegen will, künftig ebenfalls bunte Schirme zu tragen – Blau, Grau, Grün, kariert. Lieber nicht.


Über Taschentücher braucht nicht viel gesagt zu werden. Wir deuteten schon einmal an, daß man deren zwei bei sich trägt – eines in der Hosentasche, ein zweites in der inneren Brusttasche. Grellbunte Tücher trägt man nicht, dezente Muster dagegen sind tagsüber gestattet, müssen aber zu den anderen Farben der Kleidung passen.

Weiß ist immer richtig und abends Zwang. Was die äußere Brusttasche des Herrenanzuges betrifft, so sind wir uns wohl einig, daß dorthin niemals ein Spitzentaschentuch, sondern ein einfaches weißes Taschentuch aus feinem Leinen oder Batist gehört!

Ebenso wissen wir, daß Taschentücher vor Gebrauch entfaltet werden.


[191] Männliches Odeur: Der Duft, der den korrekten Adam umgibt, sollte nicht aus der Parfümflasche kommen. Er ist vielmehr das natürliche Ergebnis täglicher, intensiver Körperpflege, dem nicht mehr mit Moschus und Ambra nachgeholfen zu werden braucht. Wir begnügen uns mit herbem Rasierwasser, gestatten uns ins Taschentuch ein wenig echten Eau de Colognes, das auch nicht süßlich ist, und verzichten im übrigen auf betörende Wohlgerüche aller Art, mögen sie nun aus Paris kommen oder der Brillantine entsteigen, mit der wir widerspenstige Haare bändigen.

Und sollte uns tatsächlich einmal der Friseur mit duftendem Haarwasser überlisten, weil wir bereits während der Kopfmassage nach der Zeitung griffen, dann zahlen wir, freundlich wie immer und mit einem kleinen Obulus, gehen aber anschließend ein Stündchen spazieren – mit dem Hut in der Hand.


Der Schmuck des Herrn: Vornehm ist nur, so hatten wir gesagt, was nicht auffällt. Unaufdringlichkeit scheidet auch hier den wirklich Vornehmen vom Parvenü, dem Manne, der seiner Umwelt auch äußerlich zu jeder Stunde zeigen will, wie gut es ihm geht.

Da wir nicht zu jener unerfreulichen Klasse gehören möchten, bescheiden wir uns.

Meiner persönlichen Meinung nach gehören an Männerhände überhaupt keine Ringe. Da ich mit dieser Auffassung jedoch insbesondere bei Ehefrauen in ein schiefes Licht geraten könnte (ganz zu Unrecht übrigens), beuge ich mich gern und freiwillig dem Mehrheitsbeschluß, auf Grund dessen der Ehering auch an die männliche Hand gehört. Auch der Siegelring aus Gold oder einem goldgefaßten, plangeschliffenen Stein mag von »Persönlichkeiten« getragen werden. Brillanten aber – und wenn ihr mich steinigt, Freunde: nein!

Zum Siegelring noch etwas, was erstaunlicherweise sehr häufig vergessen wird: der Name besagt, was man damit einstmals tat und auch heute noch theoretisch tun können müßte – siegeln! Ein Siegelring verlangt also eingravierte Initialen, auch dann, wenn Sie keinen Ihrer Briefe je mit Siegellack verschließen sollten (was wahrscheinlich ist). Und – genau genommen – muß der Siegelring das Monogramm in Spiegelschrift enthalten, damit es, falls es doch einmal benutzt werden sollte, auch lesbar ist. (Ein paar Leser werden jetzt protestieren, und sie haben recht: natürlich gibt es Ausnahmen – das sind die Buchstaben A, H, I, M, O, T, U, V, W und X.)

Was haben wir Männer sonst noch an Schmuck? Zunächst die sportliche Armbanduhr, die nur zum Straßenanzug paßt. Festliche Abendkleidung wie Frack und Smoking vertragen sich nicht mit ihr. Abends wird sie abgelöst durch die goldene, flache Taschenuhr ohne Deckel. So man hat. Beim modernen zweireihigen [192] Smoking, der ja ausschließlich ohne Weste getragen wird, ist die Unterbringung einer solchen Uhr natürlich ein Problem. Und deshalb trifft man immer mehr Herren, die zum Smoking die goldene, viereckige Armbanduhr mit stumpfem, schwarzem Wildlederband tragen. Das sieht gar nicht schlecht aus, heißt aber auf keinen Fall, daß man so auch im Frack einherspazieren dürfte!

Wer eine »Frackuhr« hat, trägt sie an einem »Bierzipfel«, einem Anhänger aus goldgefaßtem schwarzem Rips.

Dann wäre da noch die »Frackkette«, ein ganz flachgliedriges goldenes Kettengebilde, das unter der Frackweste hervortritt und in leichtem Bogen in der Hosentasche verschwindet. Diese Frackkette sollte jedoch nur getragen werden, wenn sie echtgolden und sehr feingliedrig ist. Außerdem verträgt sie über sich keinen Uhranhänger oder den Rand eines aus der Frackwestentasche hervorschauenden goldenen Zigarettenetuis.

Perlen gehören, soweit sie nicht Krawattennadeln sind, in der männlichen Ausrüstung nur in das Frackhemd, dessen Knöpfe sie ersetzen. Platin- oder goldgefaßt sind sie wertvoller, ohne Fassung »blank« auf Stil gearbeitet wirken sie jedoch dezenter.

Und für Manschettenknöpfe schließlich gilt: Tagsüber schlicht, abends wertvoll. Tagsüber und abends – unauffällig!


Orden und Kriegsauszeichnungen: Friedensauszeichnungen mit »Band« (Grand cordon), wie etwa das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, ebenso Halsorden und Bruststerne werden nur zu hochoffiziellen Staatsempfängen und ausschließlich zum Frack oder entsprechender Uniform getragen. Auch die kleine Ordensschnalle auf der linken Brustseite paßt nur zum Frack auf Festlichkeiten offiziellen Charakters. Die Knopflochschleife des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (bei den meisten ausländischen Orden ist diese Miniatur keine Schleife, sondern eine Art Knopf aus dem Band des Ordens) kann bei entsprechenden Anlässen auch zum Smoking, zum Cutaway und eventuell auch zum dunklen Straßenanzug getragen werden.

Die Frage des Tragens von Kriegsauszeichnungen aus dem letzten Weltkrieg ist zur Stunde noch nicht geklärt. Wenn es eines Tages wieder gestattet sein wird, dann wäre doch zu überlegen, ob das Anlegen dieser Erinnerungen an eine wenig erfreuliche Periode der Weltgeschichte nicht ganz beschränkten Zwecken vorbehalten bleiben sollte – etwa irgendwelchen Kameradschaftstreffen. Meiner persönlichen Auffassung nach erscheint es psychologisch falsch, in einer Zeit, da die Welt bereits wieder um den Frieden bangt, auf gesellschaftlichen Veranstaltungen die männlichen Anwesenden in Helden und Nicht-Helden einzuteilen.

[193] (Wenn der Verfasser an dieser Stelle erwähnt, daß er selbst aus dem letzten Weltkrieg zahlreiche und keineswegs niedrige Auszeichnungen besitzt, so tut er das nur, weil er aus dieser Tatsache das Recht ableitet, weiseste Beschränkung anzuempfehlen.)

Vereinsabzeichen gehören auf keinen Fall auf das Revers des Anzuges, nicht einmal der sportlichen Kombination. Wer dennoch jederzeit in der Lage sein will, sich als Mitglied eines Fußballklubs oder eines Kegelvereins auszuweisen, der verstecke die Vereinsembleme unter dem Revers, das er gegebenenfalls mit der Handbewegung eines Kriminalbeamten hoch schlagen kann. Und wem sein Anzug oben zu eintönig erscheint, der trage im Knopfloch statt einer Blechmarke – eine frische Nelke! Jeder wird dann in ihm ein Mitglied des großen Kreises der Lebensfrohen und Gutgelaunten erkennen.


Die Begräbniskleidung: Zur Teilnahme an offiziellen Trauerfeiern ist der Cut der korrekteste Anzug. Er wird mit gestreifter Hose, schwarzer Weste, schwarzseidenem Langbinder, schwarzen Lederschuhen und steifem Zylinder getragen. Korrekterweise gehört um den Zylinder ein schwarzer Tuchstreifen.

Auch sonst muß die Kleidung schwarz, zumindest ganz dunkel sein. Zu ihr gehören schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe, ein schwarzer Binder, schwarze oder dunkelgraue Handschuhe ebenso wie ein schwarzer Hut. Unmittelbar trauernde Angehörige tragen am linken Arm einen Trauerflor, in manchen Gegenden später im Knopfloch ein schwarzes Bändchen.

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 171-194.
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