G. Festliche Begebenheiten

[132] Im Rahmen des häuslichen Lebens spielen die festlichen Begebenheiten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn man ihre mögliche Zahl in Beziehung zu den 365 Tagen eines Jahres setzt, dann kommt man spielend auf mehr als ein Dutzend, und in diesem guten Dutzend sind die zeitlichen Feste noch keineswegs enthalten. Sie stehen, und das ist ein schöner Brauch, als unerschütterliche Säulen im jährlichen Familienfestkalender: Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Um sie herum verteilen sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen jene anderen Anlässe zu fröhlichem Beisammensein, deren Vorbereitung liebevoll erfolgen soll, der Hausfrau zumeist Arbeit machen wird und möglicherweise Geld kosten kann. Doch werden all diese Opfer durch das Gelingen reichlich aufgewogen.

Aber fangen wir an, uns der Reihe nach anzusehen, was man alles zu feiern pflegt.


[132] Da wäre zunächst der Geburtstag. Er wird im Familienkreis ausnahmslos festlich begangen und bietet allen nicht betroffenen Familienmitgliedern Gelegenheit, zusammen mit den Geschenken Einfallsreichtum und enge Verbundenheit zu demonstrieren. Auch der Prototyp eines Managers unserer Zeit wird sich angenehm berührt fühlen, wenn man seines Festtages in netter Form gedenkt – selbst dann, wenn er sich angesichts der Glückwünsche seiner Familie zu dem Ausspruch versteigt: »Kinder, was habt ihr denn? Ich – Geburtstag? Hätte ich beinahe vergessen ...« Das ist fast immer eine charmante Notlüge, hinter der sich nur die Rührung über die sichtliche Anteilnahme verbergen sollte. Insgeheim hat er nämlich schon seit Tagen überlegt, womit ihn seine Familie wohl überraschen werde.

Und an dieser Überraschung hat die Familie natürlich lange genug herumgeknobelt. Jeder hat seit Wochen wie ein Luchs aufgepaßt, um aus zufälligen Bemerkungen irgendwelche Wünsche herauslesen zu können. Derartige Bemühungen mußten von Erfolg gekrönt sein, und so kann dann der erstaunte Familienvorstand am Morgen seines Ehrentages vor einen liebevoll gedeckten Geburtstagstisch geführt werden, dessen einzelne Gaben mit Bedacht gewählt wurden, aber zweckmäßig sind und Freude machen. Ihr materieller Wert spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die Liebe, die in jedes Geschenk hineingepackt wurde. Ein mit Blumen nett hergerichteter Tisch erhöht das festliche Aussehen – eine nette Verpackung der Geschenke spiegelt die Herzlichkeit, mit der auch bescheidene Gaben dargeboten werden.

Frauen wissen um das Geheimnis eines Zweigleins in der Schleife, die ein Geschenkpaket zusammenhält. Sie kennen die Wirkung eines brennenden Leuchters, der den Geburtstagstisch und damit das Herz des Beschenkten erhellt. Und sie brauchen nicht lange zu überlegen, wie man den festlichen Blumenstrauß in einer hübschen Vase am vorteilhaftesten zur Geltung bringt.

Männer haben es da schwerer. Ihre Ungeschicklichkeit beginnt zumeist bei der »unauffälligen« Erforschung von Geburtstagswünschen und reicht bis zu dem Versuch, Blumen reizvoll zu arrangieren. Es gibt nur wenige Ehemänner, in deren Händen auch der wundervollste Strauß nicht ein Duftbesen bliebe – sofern sie es nicht vorziehen, ihn zu überreichen, statt auf den Tisch zu stellen. Vielleicht aber sind Frauen gerade ob dieser Unbeholfenheit, mit der wir sie beschenken, so gerührt. Denn sie spüren unseren Willen zum Frohmachen, dem die Natur in Form manueller Ungeschicklichkeit lediglich einige Schranken gezogen hat, die sie jedoch liebenswürdigerweise übersehen.

Über die Form, in der der Geburtstag begonnen werden soll, läßt sich streiten. Die einen meinen, man müsse dem älter gewordenen oder noch immer jung gebliebenen Familienmitglied seine Glückwünsche bereits am Bettrand aussprechen. [133] Nun – das sind sehr persönliche Auffassungen. Mir wäre es lieber, wenn man mir, ehe ich die Gratulationscour abzunehmen beginne, Gelegenheit gäbe, Schlafspuren zu beseitigen, Bartstoppeln zu entfernen, wirres Haar zu glätten und nächtliche Derangiertheit durch morgendlich appetitliche Taufrische zu ersetzen. Und ich bin sicher, daß Frauen ein entsprechendes Verlangen haben. Es ist nicht schwer, sich bis zur vollendeten Morgentoilette unauffällig aus dem Wege zu gehen. Alle Familienmitglieder können es so einrichten, daß sie vor dem Geburtstagskind fertig werden. Und wenn die Hausfrau und Mama die zu Feiernde ist, dann möge der Göttergatte sich dementsprechend früher erheben und einmal höchst persönlich den festlichen Frühstückstisch decken – was er notfalls noch am Vorabend tun kann, indem er seine Frau zu Bett schickt und unter dem Vorwand, noch arbeiten zu müssen, länger aufbleibt. Daß sich sein ehelich Weib – die Gute weiß natürlich sehr genau, warum er so spät noch in der Wohnung herumgeistert – fröhlich in den Schlaf lächelt, bei dem Gedanken an seinen Kampf mit dem Geschirr, tut der Herzlichkeit dieser Bemühungen keinen Abbruch.

Eine besonders reizvolle Aufgabe für die Eltern ist die Gestaltung des Geburtstages ihrer Kinder. Sie soll mit jener einfühlenden Liebe erfolgen, die das Bindeglied zwischen den Älteren und Jüngeren Ist. Die reizvolle Sitte, den kindlichen Geburtstagstisch etwa bis zum 14. Lebensjahr mit einer Torte, umgeben von einem Lichterkranz, dessen Kerzenzahl den Jahren entspricht, zu schmücken, hat sich bis auf den heutigen Tag gehalten und unterstreicht den festlichen Charakter.

Ein gesundes Kind im schulpflichtigen Alter wird angesichts der brennenden Kerzen die elterliche Liebe doppelt fühlen und auch einem besinnlich mahnenden, gütigen Wort zugänglich sein, das in der Hast des Alltags vielleicht nicht immer seinen lenkenden Zweck erreicht.

In katholischen Kreisen wird neben dem Geburtstag auch der Namenstag gefeiert. Es ist dies der Tag mit dem Namen jenes Heiligen, nach dem ein Katholik getauft wurde. Seine Vorbereitung ebenso wie sein Ablauf sind dem des Geburtstages ähnlich. Strenggläubige besuchen die Kirche. Inwieweit größere Geschenke überreicht werden, hängt von den örtlichen Gepflogenheiten ab. Mancherorts ist es üblich, den Geburtstag kaum zu beachten und statt seiner den Namenstag festlich zu begehen.


Eine besonders liebenswerte Einrichtung neueren Datums ist der Muttertag. Man mag gegen ihn einwenden, daß er von Werbefachleuten zur Umsatzsteigerung von Blumen- und Süßwarengeschäften erfunden wurde. Dennoch hat dieser kommerzielle Hintergrund nichts daran ändern können, daß sich jeder, der noch eine Mutter hat, ihrer einmal im Jahr mit besonderer Herzlichkeit erinnert. Das liebevolle Gedenken,


G. Festliche Begebenheiten

[134] mit dem die Kinder Blumen überreichen,die Aufmerksamkeit, mit der der Ehemann seiner Frau für ihr tägliches, unermüdliches Sorgen dankt, sind Ausdruck der Anerkennung und Bitte um Verständnis dafür, daß nicht jeder Tag – wie er sein sollte – ein Muttertag ist. Wenn der Herr des Hauses die Möglichkeit dazu hat, sollte er es so einrichten, daß er der Hausfrau und Mutter diesen Tag zu einem Festtag macht – mit ihr außerhalb des Hauses ißt, sie ins Theater führt und mit ihr ausgeht, auf daß auch sie, die tagaus, tagein in das Gleichmaß des Haushalts gezwungen ist, einmal ein paar Stunden aller Hausfrauenpflichten entledigt ist und sich bedienen lassen kann.

Wer bereits erwachsen ist und den Tag nicht mehr gemeinsam mit der Mutter verbringen kann, wird ihr Blumen oder ein nettes Geschenk und einen Brief zukommen lassen, dessen Herzlichkeit die Trennung überbrückt.


Auch Väter haben ihren Tag, den Vatertag, der alljährlich zu Himmelfahrt begangen wird. Wir Männer legen jedoch nicht so sehr Wert darauf, beschenkt als vielmehr, soweit verheiratet, freigelassen zu werden, um dem soliden gesunden Gleichschritt der ehelichen Gemeinschaft für einen Tag zu entfliehen. Da wird Karten gespielt, gekegelt, gesungen und fröhlichen Trunkes gepflogen. An die Stelle des Automobils sind Pferdekutschen getreten, deren Gäule gewöhnt [135] sind, auf der Heimfahrt, die nicht selten gegen Morgen stattfindet, geritten zu werden. Diesen Tag, den sicherlich einzigen im Jahr, da er ein wenig über die Stränge haut, sollten kluge Frauen übersehen. Nicht nur pro forma, sondern ehrlich. An Strohhüten, bunten Blumen im Knopfloch und einer keineswegs aus Stoff gefertigten Fahne ebensowenig Anstoß nehmen wie an gewissen Sprachstörungen bei der Heimkehr. Statt eines tadelnden Blickes einen sauren Hering bereithalten. Und dem Ehemann keine Gelegenheit geben, am kommenden Tag tiefsinnig zu seinen Freunden zu sagen: »War ein kluger Bursche, dieser Lessing! Damals gab es sicher noch keinen Vatertag, und doch prägte er die weisen Worte: Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten ...«


Früher war die Verlobung eine höchst feierliche und für die Beteiligten eine recht aufregende Angelegenheit. (In traditionsgewohnten Familien ist sie es auch heute noch.) Sie ging zumeist nach einem strengen Zeremoniell vor sich, dessen Stationen insbesondere den Bräutigam vor die Notwendigkeit stellten, vormittags einen dunklen Anzug anzuziehen, sich mit schwiegermütterlichen Blumen zu bewaffnen, bescheiden auf Stuhlkanten zu sitzen, niedergeschlagenen Auges eine Art Lebensbeichte abzulegen und schüchtern stotternd um die Hand der Erwählten zu bitten. Natürlich wurde diese Bitte fast immer gewährt, wohlwollend und gönnerhaft von seiten des Brautvaters, strahlend und zufrieden von seiten der Mama, die mit dem Heiratsantrag insgeheim einen strategischen Sieg feierte. Dem Einverständnis der Brauteltern folgte dann die Festlegung des Termins einer je nach gesellschaftlichem Rahmen mehr oder weniger großen Verlobungsfeier. Zugleich wurde das Ereignis in würdiger Form dem Verwandten-, Freundes- und Bekanntenkreis mitgeteilt. Zu diesem Zwecke ließ man repräsentative Klappkarten drucken, auf deren Innenseite etwa zu lesen stand:


Professor Dr. med. Herbert Heilmann

und Frau Elisabeth

geb. von Ahlen

geben sich die Ehre, die Verlobung

ihrer Tochter

Marianne

mit Herrn

Dr. med. Ferdinand Herz

geziemend mitzuteilen.

24. 6. 55

Freiburg, Goetheallee 2


Ferdinand Herz

Dr. med.

beehrt sich, seine Verlobung mit

Fräulein Marianne Heilmann,

Tochter des Herrn

Professor Dr. Herbert Heilmann

und seiner Gemahlin,

Frau Elisabeth Heilmann

geb. von Ahlen,

ergebenst anzuzeigen.

24. 6. 55

Frankfurt a.M., Herrnweg 11


[136] Wer sich von den solchermaßen Informierten nicht nur schriftlichen Glückwunsch, sondern auch persönlichen Gratulationsbesuch erhoffte, fügte auf der linken unteren Seite eine Zeile mit der Aufschrift: »Empfang am Sonntag, dem 3. 7. 55« an – und wußte, daß dann zwischen 11 und 12 Uhr diverse Flaschen Wermut, Sherry oder Portwein bereitstehen mußten.

Dieser Verlobungsmitteilung pflegte dann die Festsetzung des Termins der offiziellen Verlobungsfeier im Hause der Braut zu folgen. Dort erschien der Bräutigam mit seinen Eltern, die er den zukünftigen Schwiegereltern vorstellte, falls dies nicht früher erfolgte.

Gelegentlich des Verlobungsmahles erhob sich irgendwann der Brautvater, klopfte an das Glas, hieß den künftigen Schwiegersohn und dessen Eltern im Familienkreise willkommen und brachte auf deren Wohl einen Toast aus. Daraufhin erhob sich der Bräutigam und dankte dem Schwiegervater. Zugleich nahm er diese Gelegenheit wahr, um seiner Zukünftigen den von ihm gekauften Verlobungsring – mit Datum und seinem Monogramm – an den linken Ringfinger zu stecken, falls er es nicht vorgezogen hatte, dies eher in kleinerem Kreise oder allein zu tun. Mancherorts war und ist es üblich, daß die Besorgung der Verlobungsringe durch die Brauteltern erfolgt, die sie dem Verlobten auch überreichen.

In diesem Augenblicke griffen, angesteckt von schwiegermütterlichem Beispiel, die älteren weiblichen Anwesenden verstohlen zum Taschentuch. Wenig später erhob sich der Vater des Bräutigams und dankte für die Aufnahme im Familienkreis. Ein schöner Brauch war es, zu der Feier auch den geistlichen Betreuer der Familie zu bitten, der dann dem Verlöbnis seinen Segen erteilte.

Nach der Tafel fanden die beiderseitigen Schwiegereltern, Schwäger und Schwägerinnen zumeist Gelegenheit, sich über das Sektglas hinweg das Du anzubieten.

So war es einst die Regel – auch heute dürfte es noch so sein, und nichts wäre falsch. Nur ist die Jugend selbständiger geworden und bittet vielfach nicht mehr, sondern stellt die Eltern vor vollendete Tatsachen. Ein Mädchen betritt das elterliche Zimmer und teilt – je nach Grad der Emanzipation – jubelnd oder sachlich mit: »Herbert und ich haben uns verlobt!« Das genügt vielen. Von einer offiziellen Verlobungsfeier wird oft Abstand genommen, und wenn die Beteiligten es für richtig halten, der Öffentlichkeit ihren Schritt bekanntzugeben, dann beschränken sie sich vielfach auf sachliche Verlobungskarten, auf deren erster Seite z.B. steht: »Wir haben uns verlobt«, während auf der dritten Seite nur zu lesen ist: »Marianne Heilmann« und darunter »Dr. med. Ferdinand Herz«. Der strengen Etikette entspricht das allerdings nicht.

[137] Grundsätzlich wird das Verlobungszeremoniell um so stiller vor sich gehen, je gesetzteren Alters die beiden Beteiligten sind. Solange die Braut die Mitte der Zwanzig noch nicht überschritten und der Bräutigam gerade seine Ausbildung beendet hat, mag die betulich lenkende Regie in den Elternhänden liegen. Sobald jedoch das Brautpaar älter ist, wirkt eine Verlobungsfeier im Kükenstil nicht recht überzeugend und kann trotz erhabener Gefühle den Anflug ungewollter Heiterkeit bekommen.


Wenn die Zeit der Verlobung das brachte, was sie bringen sollte, nämlich die Bestätigung der Richtigkeit der Partnerwahl, dann wird ihr über kurz oder lang die Hochzeit folgen. Diesem Tage ging früher der Polterabend voran. Es ist dies eine alte Sitte, die jedoch immer seltener gepflogen wird. Die Behauptung, daß Scherben Glück brächten, ist in jüngster Zeit stark erschüttert worden, und unser Bedarf an zerschlagenem Porzellan ist bis auf weiteres gedeckt. Immerhin hatte dieser Brauch ein Gutes: er bot Gelegenheit, entfernte Bekannte, die man zur Hochzeit selbst nicht einladen konnte oder wollte, am Vorabend zu sich zu bitten und zugleich jene zu empfangen, die ohne direkte Familienbeziehung ihre Aufwartung machen wollten. Die Gäste des Polterabends bewaffneten sich mit allem möglichen Geschirr, dessen Tage ohnehin gezählt waren, und warfen es zum Schluß des Abends beim Abschied gegen Wände und Türen. Die Beseitigung der Scherben blieb dem Brautpaar vorbehalten.

Wer ein einzelstehendes Haus sein eigen nennt, kann sich solchermaßen auch heute noch Glück wünschen lassen. Neubaubewohner tun gut daran, sich auf den symbolischen Wert zu beschränken und ihren Gästen den Gebrauch von leiserem, zudem unzerbrechlichem Kunststoffgeschirr zu empfehlen. Das verhindert Kratzer in Türen, Wänden und hausnachbarlichen Beziehungen.

Der Polterabend bietet allen Gästen Gelegenheit zur Überreichung der Hochzeitsgeschenke, zu denen auch der Brautschleier gehört, den gewöhnlich die Freundinnen der Braut stiften.

Natürlich darf das Tanzbein geschwungen werden. Es empfiehlt sich jedoch, den Abend nicht allzulange auszudehnen, denn er ist ja nur ein kleines Vorspiel, dem der eigentliche Festtag folgt, bei dem alle Hauptbeteiligten einen in jeder Beziehung klaren Kopf haben möchten.

Gute Freunde des Brautpaares, an denen geistvolle Redakteure verlorengegangen sind, haben anläßlich des Polterabends eine seltene Gelegenheit, der Geschliffenheit ihres Humors ein nahezu ewiges Denk mal zu setzen – in Form einer »Hochzeitszeitung«. Hier lassen sich aus der Vergangenheit von Braut, Bräutigam und Verwandtschaft heitere Anekdoten zusammentragen und in liebenswürdiger Form veröffentlichen. Wem es gelingt, diese Aufgabe mit Geist, Charme und Geschmack zu lösen, der kann mit einer solchen Hochzeitszeitung ein Leben lang liebe Erinnerungen wach halten.


G. Festliche Begebenheiten

[138] Dem Polterabend folgt dann am kommenden Tage die Hochzeit. Ihre Durchführung erfordert eine Anzahl von Vorbereitungen, die mit der Beschaffung aller für die standesamtliche Trauung notwendigen Papiere beginnen und über Kleiderbesorgung, Einladungen, Rücksprache mit dem Geistlichen – falls eine kirchliche Trauung stattfindet –, Tafelarrangement und Sitzordnung bis zur Transportfrage der Gäste zwischen Kirche und Hochzeitshaus reichen.

Über Art und Umfang der für die Bestellung des Aufgebotes notwendigen Papiere informiert sich der Bräutigam zweckmäßig auf dem für den Hochzeitsort zuständigen Standesamt. Es empfiehlt sich, diese Auskunft rechtzeitig einzuholen, da möglicherweise Urkunden beschafft werden müssen, deren Besorgung eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Sobald die Dokumente vorliegen, kann der Hochzeitstag bestimmt werden.


[139] Die standesamtliche Trauung erfolgt in Gegenwart zweier Trauzeugen, die zumeist nahe Verwandte oder gute Freunde sein werden. Nur Abergläubische oder solche, die ihre Umwelt mit der Trauung überraschen möchten, verlassen sich auf ihr Glück und finden dann auch im letzten Augenblick zwei Schornsteinfeger, die gerade ahnungslos am Standesamt vorübergehen.

Gewöhnlich schließt sich der standesamtlichen Trauung am Nachmittag des gleichen Tages die kirchliche an. Dazwischen nimmt man ein kleines Frühstück ein und kleidet sich um.

Findet die kirchliche Trauung am Vormittag statt, dann erfolgt die standesamtliche Trauung am Vortage.

Die Brautjungfern sind der Braut beim Anlegen des Hochzeitskleides behilflich. Eine von ihnen, die Ringjungfer, wird der Braut den Verlobungsring abnehmen, falls dieser der Ehering werden sollte, und ihn später dem Bräutigam übergeben, da ein alter Aberglaube besagt, es bringe Unglück, wenn die Braut dies selbst täte. Und noch ein Aberglaube: Eine Brautjungfer, die sich diesen Ring spielerisch über den eigenen Finger streift, bekommt keinen Mann.

Der Bräutigam läßt dann beide Ringe durch seinen Vater oder einen Trauzeugen dem Geistlichen überreichen.

Vor der Abfahrt zur Kirche überreicht eine Brautjungfer der Braut den vom Bräutigam besorgten weißen Brautstrauß.


Während die standesamtliche Trauung in allerengstem Kreise vor sich geht, dem außer den Trauzeugen kaum jemand angehört, nehmen an der kirchlichen Trauung alle Hochzeitsgäste teil, soweit sie schon am Hochzeitsort eingetroffen sind. Auf der Einladung, die allen Gästen rechtzeitig zugegangen ist, sind Zeit, Ort und Anzug vermerkt.

Das Brautpaar trifft erst ein, wenn sich alle Hochzeitsgäste bereits in der Kirche versammelt haben. Die Regeln, nach denen sich der Hochzeitszug beim Gang zum Altar formiert, sind örtlich verschieden. Im allgemeinen ist es Brauch, daß das Brautpaar hinter blumenstreuenden Kindern gemeinsam an den Altar schreitet. Brautjungfern und Brautführer gehen zumeist vor den blumenstreuenden Kindern und bleiben am Ende des Kirchenschiffes rechts und links vom Mittelgang stehen, um ein Spalier für das Brautpaar zu bilden. Sie können dem Brautpaar jedoch auch unmittelbar folgen. Es schließen sich an: der Vater des Bräutigams mit der Mutter der Braut und der Vater der Braut mit der Mutter des Bräutigams. Wenn die Eltern nicht mehr leben, können Familienälteste oder nächste Angehörige an ihre Stelle treten.

Eine selten gewordene, nichtsdestoweniger sehr hübsche Sitte ist es, die Braut [140] durch ihren Vater führen zu lassen, während der Bräutigam sie an den Stufen des Altars erwartet.

Während des evangelischen Trauungszeremoniells hat der Bräutigam seinen Platz zur Linken der Braut.

Bei der katholischen Trauung dagegen wird die Braut dem Bräutigam zur Linken angetraut, so daß beide beim Verlassen der Kirche keinen Platzwechsel vorzunehmen brauchen.

Es ist zweckmäßig, sich bereits während des Besuches beim Geistlichen über Einzelheiten des Trauungsablaufes zu informieren. Auch können Küster oder Mesner Auskunft geben. Diese Vorbereitungen sollte man nicht scheuen, um spätere Schwierigkeiten zu vermeiden.

Nach der Frage des Geistlichen und dem getrennten »Ja« beider Brautleute werden auf einem Kissen, einer silbernen Schale oder der Bibel die Ringe gereicht. In diesem Augenblick ziehen beide den rechten Handschuh aus. Dann streift zunächst der Bräutigam der Braut, anschließend die Braut dem Bräutigam den Ehering auf den rechten Ringfinger. Beide legen ihre Hände ineinander, und der Geistliche erteilt seinen Segen.

Während des Ringwechsels sollte eine Brautjungfer der Braut den Brautstrauß und der Brautführer dem Bräutigam den Zylinder abnehmen, damit die Zeremonie nicht behindert wird.

Während der Trauung haben die nächsten Verwandten auf Stühlen Platz genommen, die zu beiden Seiten des Altars aufgestellt sind. Alle Gäste erheben sich während des Gebetes, beim Ja, zum Ringwechsel und zur Einsegnung, bei der das Brautpaar selbst kniet.

Der Geistliche gratuliert nach alter Sitte im Anschluß an das kirchliche Zeremoniell noch vor dem Altar als erster und geleitet das junge Paar bis zum Kirchenausgang. Der Gästezug bleibt der gleiche wie beim Betreten der Kirche.

Im allgemeinen ist es nicht üblich, den Jungvermählten und ihren Eltern noch in der Kirche Glück zu wünschen. Man wartet mit der Gratulation zweckmäßigerweise bis zum gemeinsamen Treffen im Hochzeitshaus.


Über die korrekte Kleidung zur kirchlichen Trauung ist folgendes zu sagen:

Die Braut trägt ein weißes Brautkleid (stumpfe Seide oder Spitze, hochgeschlossen, lange Ärmel) mit Myrtenkranz und Schleier. Eine Witwe wählt bei ihrer Wiederverheiratung statt des geschlossenen Myrtenkranzes ein Myrtendiadem. [141] Mit Schmuck wird die Braut sehr sparsam sein, und daß Perlen Tränen bedeuten sollen, ist bekannt, Handschuhe aus Schweden- oder Glacéleder, Schuhe und Strümpfe sind wie das Brautkleid weiß.

Bräutigam und Gäste sind in ihrer Kleidung davon abhängig, ob es sich um eine Vormittagstrauung mit anschließendem Frühstück oder eine Nachmittagstrauung, der ein Diner folgt, handelt.

Vormittags tragen sowohl Bräutigam als auch männliche Gäste Cutaway und steifen Haarzylinder (keinen Chapeau claque), während die Damen in eleganten, hochgeschlossenen, langärmeligen Nachmittagskleidern mit Hut erscheinen.

Nachmittags wählen Bräutigam und männliche Gäste Frack mit weißer Weste. Die Damen tragen große Festtoilette mit Umhang, Stola oder elegantem Mantel.

Natürlich sind das alte, wenn auch immer noch feststehende Regeln. Sie brauchen jedoch niemanden daran zu hindern, seine Hochzeit auch in bescheidenerem Rahmen festlich zu begehen.

Für alle Damen jedoch, insbesondere für die Brautjungfern gilt: Weiß bleibt einzig der Braut vorbehalten. Wohl können die Brautjungfern lichte Farben tragen, keinesfalls jedoch weiß.

Das junge Ehepaar fährt von der Kirche als erstes ab – entweder in das Hochzeitshaus oder aber, falls das Hochzeitsessen in einem Hotel bestellt ist, dorthin.

Die Rangordnung der Hochzeitstafel ergibt sich zwangsläufig.


Den Ehrenplatz nimmt das junge Paar ein. Zur Rechten der Braut sitzt der Vater des Bräutigams mit der Brautmutter als Tischdame. Zur Linken des Bräutigams hat seine Mutter ihren Platz. Ihr Tischherr ist der Vater der Braut. Wenn der Geistliche, was immer geschehen sollte, ebenfalls Gast ist, so gebührt ihm ein Ehrenplatz, entweder dem Hochzeitspaar gegen über oder aber an der Seite der Brautmutter.

Auf Hochzeitsgesellschaften pflegen zahlreiche Reden gehalten zu werden. Im Gegensatz zur Verlobungsfeier jedoch ist es hier ein Gast, der die ersten Worte der Freude und des Glückwunsches findet. Er wird dies möglichst erst nach einem größeren Gang tun, da ein hungriger Magen erfahrungsgemäß die Aufnahmebereitschaft für rhetorische Unternehmungen mindert. Vater und Verwandte ergreifen das Wort erst, nachdem die Gäste gesagt haben, was sie sagen zu müssen glaubten. Gute Reden werden meist kurz sein, denn auch in wenige Worte lassen sich Herzlichkeit und Geist verpacken.

[142] Braut und Bräutigam dürfen sich darauf beschränken, je nach Art der Ansprache ernst oder verbindlich lächelnd zuzuhören und jedem Toast in mäßigen Grenzen Bescheid zu tun. Selbst zu reden braucht der junge Ehemann hier nicht – und wir wollen ihm dieses Schweigendürfen gerne gönnen.

Niemand wird es dem jungen Paar, das möglicherweise auf Hochzeitsreise geht, verdenken, wenn es sich nach Aufhebung der Tafel unauffällig und ohne Abschied zurückzieht. Das darf es spätestens nach Beginn des Tanzes tun, den es allein eröffnet. Dann tanzen vielleicht noch der Schwiegervater mit der Braut und der Bräutigam mit der Schwiegermutter, und anschließend wird die frohe Hochzeitsgesellschaft sich selbst überlassen.

Mit der Danksagung für die zumeist zahlreichen Glückwünsche hat es bis zur Rückkehr von der Hochzeitsreise Zeit, es sei denn, sie ginge um die halbe Welt.

Während die »grüne Hochzeit« verständlicherweise in jubelnder Freude begangen wird, mit dem Blick in die Zukunft und den Herzen voller Wünsche und Hoffnungen, stehen die Jubiläen dieses denkwürdigen Tages im Zeichen der Besinnlichkeit, der Einkehr, des Rückblicks und später der Stille. Und doch können sie festlich begangen werden.


Die silberne Hochzeit, das 25jährige Ehejubiläum, vereint die Familie zu einer intimen Feier. Ihrem Namen entsprechend steht sie im Zeichen des Silbers: Die Jubelbraut schmückt sich mit einem kleinen Silberkränzchen, der Ehemann trägt am Rockaufschlag einen ebenfalls silbernen Myrtenstrauß. Auch die Tischdekoration weist Silberschmuck auf. Den überlieferten Charakter des Festes unterstreichen nicht zuletzt »silberne Geschenke«, die von den Angehörigen überreicht werden. Ein gemeinsamer Kirchgang, eine Stunde stillen Gedenkens vereint das Jubelpaar vor dem Altar zu beschaulichem Rückblick.

Kinder, inzwischen längst erwachsen und vielleicht selbst schon verheiratet, werden sich nicht nehmen lassen, das Fest der silbernen Hochzeit für ihre Eltern auszurichten. Hier ergibt sich eine schöne Gelegenheit, tätigen Dank für nimmermüde Elternfürsorge abzustatten.


In ähnlichem Rahmen, wenn auch stiller, wird die goldene Hochzeit begangen. Kranz und Myrtenstrauß sind vergoldet. Und die Zahl der Familiengratulanten ist gestiegen. Nun umsorgen nicht nur Kinder, sondern auch Enkel das greise Paar. Sie werden es schonend tun und Rücksicht darauf nehmen, daß die alten Leute körperlichen Anstrengungen, lauter Fröhlichkeit und der Unruhe eines großen Festes nicht mehr gewachsen sind.


Die diamantene Hochzeit ist ein seltenes Fest, das im Zeichen der Gnade steht. 60 Jahre gemeinsamen Lebensweges sind nur wenigen beschieden. Um so würdiger und liebevoller werden Kinder und Kindeskinder dieses Jubiläum gestalten.


[143] Ein von Eltern und Großeltern mit besonderer Liebe vorbereitetes Familienfest ist die Taufe.

Mit ihr tritt ein neuer Erdenbürger namentlich in die Familiengemeinschaft ein, die er nun je nach Temperament für eine Reihe von Jahren in Bewegung hält. Sie beginnt mit den Taufvorbereitungen und währt nicht selten bis zur nächsten Hochzeit. Zumindest entstehen dem jungen Ehepaar mit der Geburt eines Sprößlings eine Reihe von Verpflichtungen juristischer und gesellschaftlicher Art, die erfüllt werden müssen.

Zunächst ist die Geburt zwecks Erlangung einer Geburtsurkunde auf dem Standesamt anzuzeigen, woselbst auch die Eintragung des Vornamens erfolgt.


Apropos Vornamen: Viele Eltern vergessen im Überschwang der Freude, daß sie ihren Kindern zwar die Namen geben, daß aber die Kinder es sind, die diese Namen ein Leben lang tragen müssen. Modische Vornamen mögen im ersten Augenblick reizvoll erscheinen – doch sollte man sehr wohl überlegen, ob man den Kindern mit ihrer Wahl einen Gefallen erweist. Und vielerorts will es der Brauch, daß man, vorwiegend den nächsten Angehörigen zuliebe, dem Kinde außer dem Rufnamen noch eine Anzahl weiterer Vornamen aus der engen Verwandtschaft gibt. Man mag diese Gewohnheit als liebenswürdige Geste anerkennen, viel praktischen Wert hat sie – das ist allerdings meine höchst persönliche Überzeugung – nicht. Und Verwandte sollten großzügig genug sein, nicht auf dieser Ehrung zu bestehen. Ich bin jedenfalls meinen Eltern zutiefst dankbar, daß sie sich bei meiner Taufe mit einem Namen begnügten. Statistiker werden sicherlich unschwer errechnen können, wieviel Zeit ich damit in Jahrzehnten beim Ausfüllen von Formularen, An-, Ab- und Ummeldungen, Fragebogen und ähnlichem gespart habe.

Bei der Wahl des Vornamens wird es gut sein, ein wenig Musikalität walten zu lassen. Ein an sich hübscher Vorname kann in Verbindung mit dem Lautklang des Nachnamens viel von seiner Wirkung verlieren, weil sich gewisse klangliche Disharmonien ergeben. Man würde also – um ein Beispiel zu konstruieren – nicht den Vornamen Werner wählen, wenn der Familienname »Rhabarber« heißt, denn der Buchstabe R brächte doch eine ziemliche Unruhe in diese Komposition. Klingt »Otto Rhabarber« nicht ruhiger als »Werner Rhabarber«?


Die Geburt eines Kindes pflegt der Öffentlichkeit bekanntgegeben zu werden. Man kann dies entweder mittels einer Zeitungsanzeige tun oder aber, und das ist der persönlichere Weg, an Verwandte, Freunde und Bekannte eine Geburtsanzeige verschicken. Und diese Anzeige kann, wenn man Derartiges liebt, originell gehalten werden, vorausgesetzt, daß sie geschmackvoll bleibt. So erhielt ich vor einigen Tagen eine weiße Klappkarte aus handgeschöpftem Bütten, auf deren erster Seite zu lesen stand:


[144] Von den Prognosen meines Vaters ist –

wie ihr wißt – wenig zu halten. Ich

bin weder ein Sonntagskind, noch ein Mädchen.

Aber ich bin gesund und heiße ...


Auf der zweiten Seite folgte dann der Vorname des kleinen Mannes, und auf Seite 3 waren die Elternnamen (oben der Name der Ehefrau mit ihrem Geburtsnamen, darunter der Name des Ehemannes), die Privatadresse sowie die Anschrift der Klinik und das Datum vermerkt.


Der Taufakt kann entweder in der Kirche oder aber zu Hause vorgenommen werden. Zweifellos hat die Haustaufe einen intimeren, persönlicheren Charakter, allerdings erfordert sie, je nach Anzahl der geladenen Taufgäste, gewisse räumliche Gegebenheiten. Eine hübsch geschmückte Kommode läßt sich durch Aufstellen eines Kreuzes und zweier silberner Leuchter als Hausaltar herrichten, an dem die Taufe vollzogen wird.


Es ist üblich, Mitglieder der Verwandtschaft oder des Freundeskreises um Übernahme der Taufpatenschaft zu bitten. Das ist eine ehrende Verpflichtung. Und da sie – ernst genommen – auch gewisse moralische und nicht zuletzt finanzielle Aufgaben mit sich bringt, sollte man sie nur jemandem antragen, von dem man die Gewißheit hat, daß er gewillt ist, diese Verpflichtungen auch zu übernehmen. Sie erschöpfen sich nicht im Halten des Kindes während der Taufe und der Gabe eines wertbeständigen Patengeschenkes. Wer sein Amt als Taufpate ernst nimmt, muß sich darüber klar sein, daß er seinem Patenkind ein Leben lang väterlicher Freund und Berater sein soll.

Wenngleich die Anzahl der Taufpaten für ein Kind nicht festliegt, wird man sich doch vor Übertreibungen hüten, da dann der Verdacht aufkommen könnte, die Eltern hätten mit der Patenvielzahl insgeheim wirtschaftliche Überlegungen verbunden. Diese dürfen grundsätzlich bei der Patenwahl keine Rolle spielen! Wesentlicher und wertvoller als materielle Güter der Patenonkel oder -tanten sollten deren innere Werte sein, die dem Patenkind ein Leben lang zugute kommen. Übrigens ergeben sich aus der Übernahme der Patenschaft keinerlei juristische Rechte – etwa auf Einflußnahme hinsichtlich der Erziehung. Diese ist ausschließlich Angelegenheit der Eltern. Da jedoch im allgemeinen zwischen Paten und Kindeseltern ohnehin ein herzliches Einvernehmen herrschen wird, sollten wohlmeinende Ratschläge der Paten von den Eltern zumindest sorgsam erwogen werden.

[145] Die Herzlichkeit der Beziehungen, die in einem echten Patenverhältnis herrschen, zeigt sich nach außen hin in dem Duzverhältnis zwischen Paten und Patenkind.


Die Tauffeier wird vorwiegend zu Hause stattfinden. Die mittels schriftlicher Einladung gebetenen Gäste schicken der Hausfrau vorher Blumen und überreichen, wenn sie sich der Familie besonders eng verbunden fühlen, kleine Angebinde für den Täufling. Der Geistliche, den man zu dieser Feier grundsätzlich bitten wird, hat seinen Ehrenplatz neben der jungen Mutter.


Um das neunte Lebensjahr herum empfangen in der Osterzeit, zumeist am Weißen Sonntag, Kinder katholischen Glaubens ihre erste heilige Kommunion. Ihr geht ein längerer Kommunionsunterricht durch den Geistlichen voraus. Der für jeden Katholiken bedeutende Tag wird in festlicher Stille begangen.

Die Mädchen gehen ganz in Weiß gekleidet, Myrten oder weiße Blumen im Haar. Ihr Kleid paßt sich dem ortsüblichen Brauch an und vermeidet jeden auffälligen Putz. Ein Kettchen mit schlichtem Kreuz genügt vollauf. Schuhe, Strümpfe, Täschchen, Handschuhe und Rosenkranz sind weiß. In der Linken trägt die Erstkommunikantin die Kommunionskerze, in der Rechten Gebetbuch und Rosenkranz.

Die Knaben sind schwarz oder dunkelblau gekleidet und tragen außer einem Myrtensträußchen am Anzug ebenfalls Kerze, Rosenkranz und Gebetbuch.

Der Ablauf der kirchlichen Kommunionsfeier liegt in allen Einzelheiten fest und wird während des Kommunionsunterrichtes besprochen. Die Eltern sollten ihre Kinder darin bestärken, sich diesem Zeremoniell aus Gründen der Einheitlichkeit unbedingt zu fügen.

Eltern und Verwandte nehmen an der Feier teil und treten nach den Kindern ebenfalls an den Tisch des Herrn.

An den Kirchgang wird sich zu Hause eine kleine Feier im engen Familienkreise anschließen, deren würdige, ruhige Gestaltung der religiösen Bedeutung des Tages Rechnung trägt.


Dem Fest der Erstkommunion folgt in katholischen Kreisen im zwölften oder dreizehnten Lebensjahr die Firmung.

Die Kleidung des Firmlings ist etwa die gleiche wie bei der Kommunion, jedoch werden keine Kerzen getragen.

Jeder Firmling wird von seinen Angehörigen und seinem Firmpaten zur Kirche geleitet. Mit der Firmpatenschaft übernimmt der Pate ähnliche Verpflichtungen wie etwa ein Taufpate – er wird also auch künftig mit seinem Firmpatenkind [146] Kontakt halten. Während jedoch die Taufpatenzahl nicht begrenzt ist, haben Firmlinge jeweils nur einen Paten. Wo es die finanziellen Mittel erlauben, wird der Firmpate die Kosten für die Gestaltung des Firmungsfestes übernehmen. Das gebräuchlichste Firmungsgeschenk ist eine Uhr.

Der kirchliche Firmungsakt wird gewöhnlich von einem Bischof oder Weihbischof vorgenommen. Während der Firmung legt der hinter dem Firmling stehende Firmpate dem Kind die Hand auf die rechte Schulter. Am Nachmittag des gleichen Tages besucht der Pate mit seinem Schützling abermals die Kirche. Anschließend treffen sich dann der Firmling und seine Eltern mit dem Paten und nahen Verwandten zu einem familiären Beisammensein.


Die Aufnahme in die evangelische Gemeinde erfolgt durch die Konfirmation oder Einsegnung. Sie findet nach dem vollendeten 14. Lebensjahr statt. Der Konfirmandenunterricht unterweist die jungen evangelischen Christen in allen Religionsfragen und bereitet sie darauf vor, selbständige Gläubige zu werden.

Mit der Konfirmation ist der erste Empfang des heiligen Abendmahls verbunden.

Die Kleidung ist betont schlicht. Konfirmandinnen tragen zumeist schwarze Kleider, die von schlichter, mädchenhafter Eleganz sein dürfen. Um ein einheitliches Bild zu gewährleisten, empfiehlt es sich, den örtlichen Gepflogenheiten Rechnung zu tragen. Es gibt Gegenden, in denen die Konfirmandinnen weißgekleidet zur Einsegnung gehen. Dementsprechend ist auch die Farbe der Handschuhe, Schuhe und Strümpfe zu wählen. Außer einem schlichten Kreuz trägt das Mädchen keinen Schmuck.

Der Konfirmand trägt einen schwarzen oder dunkelblauen Anzug mit langer Hose, weißem Hemd, schwarzer Krawatte und ebensolchen Schuhen und Strümpfen.

Konfirmandin und Konfirmand tragen auf dem Wege zur Kirche in der linken Hand das Gesangbuch.

Da die Einsegnung ein hohes familiäres Fest ist, wird sich ihr fast immer eine entsprechend würdig gestaltete häusliche Feier anschließen, zu der man den Geistlichen bitten sollte, wenngleich dieser bei der Vielzahl seiner Konfirmanden auch nicht jeder Einladung folgen kann.

Sollte der Geistliche an der häuslichen Feier nicht teilnehmen können, dann wird der Konfirmand ihn entweder allein oder in Begleitung seiner Eltern nach einigen Tagen aufsuchen und ihm für geistliche Betreuung und würdige Gestaltung der Konfirmation danken.

Für alle diese ersten religiösen Feiertage im Leben eines jungen Menschen aber gilt gemeinsam: Sie sind keine Kinderfeste! Und so werden Eltern, die ihren[147] Kindern eine gesunde Achtung vor der Bedeutung eines Glaubensbekenntnisses anerziehen wollen, keinen dieser Tage in übertriebene Lustigkeit mit Musik und Tanz ausarten lassen, die hier fehl am Platze wären.


Heiter und beschwingt dagegen dürfen Examina aller Art gefeiert werden – vorausgesetzt, daß sie bestanden wurden.

Wer ein Studium erfolgreich abgeschlossen, eine Ausbildung beendet, eine Prüfung bestanden hat, darf feiern. Er steht vor einem neuen Lebensabschnitt und hält den Schlüssel zum Erfolg in Händen. Freunde und Angehörige werden sich mit ihm freuen, ihn ehren und mit ihm fröhlich sein. Er seinerseits wird diese Anteilnahme würdigen und zu einem geselligen Zusammensein bitten, ohne sich betont in den Mittelpunkt zu stellen.


Jubiläen ziehen zumeist große Kreise und beanspruchen daher den Jubilar nicht selten auch körperlich. Es empfiehlt sich daher, einen solchen Tag entsprechend einzuteilen, um dem zu Ehrenden Gelegenheit für eine kleine Ruhepause zu geben. Zweckmäßig ist es, den offiziellen Empfang auf den Vormittag, etwa in die Zeit zwischen 11 und 13 Uhr zu legen. Man reicht den Gästen, die sich zumeist ja nur kurze Zeit aufhalten, Sherry oder Sekt und bietet dazu kleine pikante Häppchen, Salzmandeln und ähnliches an. Der Jubilar hat bei einer derartigen Feier die Gewähr, daß er spätestens ab 14 Uhr wieder allein ist und frische Kräfte für die gemütlichere und zwanglosere abendliche Familienfeier sammeln kann.

Leute, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und daher nicht absehen können, wer alles ihnen einen Besuch abstatten wird, tun gut daran, ein kaltes Büffet und entsprechende Getränke bereitstellen zu lassen, um bei unvermutet zahlreichen Gratulanten nicht in Verlegenheit zu kommen.

Und auch hier gilt: Vasen in Bereitschaft halten und ein kleines Tischchen frei machen, auf dem die gegebenenfalls zu erwartenden und hoffentlich reichen Jubiläumsgaben einen würdigen Platz finden.


Die zeitlichen Feste sind Bestandteile des familiären Lebens – oder sollten es doch sein. Welche Mutter bereitete Ostern, Pfingsten oder Weihnachten nicht mit besonderer Liebe vor? Welcher Vater hätte nicht kleine, aber herzlich durchdachte Überraschungen für die Seinen bereit. Und welcher Sohn, welche Tochter fühlten sich nicht an diesem Tage mit dem Elternhaus besonders verbunden!

Der Ostermorgen vereint die Familie am Frühstückstisch, den die Mutter besonders liebevoll herzurichten verstand, ohne daß sie deshalb große Mittel aufgewendet hätte. Die bunten Eier hat sie selbst gefärbt, in der Tischmitte grüßen [148] Weidenkätzchen, und hier und dort stehen lustige kleine Wollküken. Die Freude des Ostereiersuchens – wobei in den Nestern alles mögliche versteckt sein darf – ist vom Lebensalter unabhängig.

Nach dem Frühstück, so wenigstens hielten wir es viele Jahre bei uns zu Hause, ließen wir die Mutter mit ihrem Osterbraten allein. Vater und ich machten einen Osterspaziergang, ohne deshalb angesichts von strömenden Bächen, die vom Eise befreit waren, ausschließlich faustische Gespräche zu führen.

Auch dem Pfingstsonntag verstand die Mutter stets eine besondere heiter-festliche Note zu geben.

Und die häuslichen Weihnachtsfeiern werden mir unvergeßlich bleiben. Sie verliefen Jahr für Jahr in der gleichen Form, deren beschwingte Würde Freude mit festlicher Stimmung verband. Am späten Nachmittag besuchten wir gemeinsam die Kirche, die nahe der elterlichen Wohnung lag. Und Jahr für Jahr geschah das gleiche: Am Kirchenausgang war der Vater verschwunden. Mutter und ich schlenderten, hier und da in Auslagen schauend, nach Hause. Beim Betreten der Wohnung hörten wir den Vater, der am Flügel saß und präludierte. Mutter ließ es sich nicht nehmen, noch kurz einen Blick auf den Weihnachtsbraten zu werfen, und dann betraten wir das Musikzimmer. Die Flügeltür zum angrenzenden Raum stand weit auf, und der liebevoll geschmückte Christbaum erstrahlte im Schein flackernder Kerzen. Mutter und ich hielten


G. Festliche Begebenheiten

[149] uns bei der Hand und standen neben dem Vater, der nun die alten Weihnachtslieder spielte. Dann klappte er den Flügel zu und sagte Jahr für Jahr mit gleich geheimnisvollem Schmunzeln: »Und nun wollen wir doch mal sehen, was der Weihnachtsmann gebracht hat!« Arm in Arm gingen wir hinüber. Aber die Spannung, die ich empfand, löste sich noch keineswegs, denn stets war über den Gabentisch ein großes weißes Tuch gedeckt, das alle Geschenke verhüllte. Geheimnisvolle Konturen lösten Vermutungen aus. Die Phantasie ging seltsame Wege. Und ich vermeine heute noch, den geheimnisvollen Zauber zu verspüren, der über diesen Minuten lag. Einen Zauber, dem ich mich auch als erwachsener Mensch nie habe entziehen können – und wollen. Durch diese Stunden, deren festlicher Charakter durch abendliche Kleidung unterstrichen wurde, schwang körperlich spürbar das enge Band familiärer Zusammengehörigkeit. Und ich habe es mir mit wenigen Ausnahmen, in denen die Verhältnisse stärker waren als ich, nicht nehmen lassen, Weihnachten im Elternhaus zu feiern – obwohl ich dazu dann und wann einem anderen Winkel der Erde den Rücken kehren mußte.

Natürlich hat das alles nichts mit Etikette zu tun. Und so kann ich nur bitten, mir diese kleine Reise in die Vergangenheit nachzusehen. Eines aber haben Sie vielleicht gespürt – daß nämlich die Etikette dieser schönsten häuslichen Feste überhaupt keinem festen Zeremoniell unterliegt, sondern besser aus dem Herzen abgelesen wird.

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 132-150.
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