G. Etikette – auch im Berufsleben

[435] Das »auch« soll zweierlei zum Ausdruck bringen: einmal, daß man sich grundsätzlich immer an bewährte Regeln halten, zweitens, daß man gutes Benehmen nicht wie eine Maske nur im beruflichen Leben tragen sollte – eine Maske, die man nach Feierabend ablegt, um wieder in das angeblich so bequeme Kostüm gelockerter Manieren zu schlüpfen. Die Präzision, mit der ein solcher Wechsel stattzufinden hätte, wenn die Unechtheit der Maske nicht auffallen soll, muß zwangsläufig eines Tages nachlassen. Und dann folgt in Kürze das Debakel: der Mann, die Frau, die sich nach Antritt ihrer neuen Stellung eine Zeitlang mit dem Nimbus der Wohlerzogenheit, der Rücksichtnahme, der inneren und äußeren Korrektheit, der Pünktlichkeit und des Fleißes zu umgeben verstanden, werden von Woche zu Woche, von Monat zu Monat »menschlicher«. Sie offenbaren Schwächen, die nun um so mehr enttäuschen und unangenehm auffallen, als sie anfänglich niemand erwartet hätte.

Aus dem einstmals so liebenswürdigen und scheinbar gut erzogenen jungen Mann, der so vortrefflich verstand, bei seiner Vorstellung Begeisterung für die Arbeit, kollegiale Kameradschaftlichkeit, beste Manieren und äußere Gepflegtheit vorzutäuschen, wird plötzlich ein unlustiger Griesgram, der Launen offenbart und mit jedem Tag mehr zu verstehen gibt, daß ihm die Arbeit nicht etwa freudiges Bedürfnis sei, sondern eine unangenehme Pflicht, die man halbwegs erfüllen müsse, um seinen Arbeitsplatz zu erhalten.

Und dem mehr oder weniger jugendlichen Wesen, das anfänglich mit so viel Eifer an seine Arbeit ging, merken alle Vorgesetzten immer deutlicher an, wie wenig es bei der Sache ist.

[435] Die Etikette im Berufsleben erstreckt sich nun einmal in erster Linie auf das Verhältnis zur Arbeit selbst. Nichts wäre kurzsichtiger als annehmen zu wollen, ihr sei Genüge getan mit einem gutsitzenden Anzug, einem frischen Hemd, einem hübschen Kleid und sauber geschminkten Lippen. Chefs, Abteilungsleiter und Vorgesetzte jeder Art werten das Äußere ihrer Mitarbeiter vielleicht hoch, bestimmt jedoch erst in zweiter Linie! Und das ist gut so, denn so erfreulich der Anblick einer gepflegten Sekretärin sein mag – der Chef wird auf gelackte Fingernägel gern verzichten, wenn statt ihrer gepflegte schlichte Hände vierhundert Anschläge in der Minute fehlerfrei schreiben, wenn der ungeschminkte Mund fließend in vier Sprachen telefonieren und gegebenenfalls auch schwindeln kann (im Sinne charmanter Notlügen), wenn das Hirn in einem bescheiden ondulierten Köpfchen den Geist des Obersten zu entlasten, ihm Gedan ken und Dispositionen abzunehmen versteht.

Übrigens: An die Spitze aller Betrachtungen über zweckmäßiges und erfolgreiches Benehmen im Berufsleben sollte ein Imperativ gestellt werden, der psychologisch von außerordentlicher Wichtigkeit ist:


Verachtet mir die Vorzimmer nicht! Wer je Gelegenheit hatte, Einblick in die Organisation großer Betriebe zu nehmen, wird zugeben müssen, daß das Vorzimmer häufig der strategisch wichtigste Platz eines Unternehmens ist. Hier bereits bahnen sich Gewinn und Verlust geschäftlicher Schlachten an! Denn hier sitzt die Chefsekretärin und bewacht den Eingang ins Allerheiligste – so, wie bei den alten Griechen einst Zerberus an der Pforte zur Hölle Wache stand. Und diese Sekretärin, eine moderne Zerbera gewissermaßen, hat die Aufgabe, ihrem Chef alles fernzuhalten, was nicht lebensnotwendig für den Betrieb ist. Ihre Stellung ist eine Vertrauensstellung. Sie selbst ist grundsätzlich persona grata. Und sie müßte schon silberne Löffel gemaust haben, ehe ein Chef sie fallen ließe. Denn ein Chef, der wirklich einer ist, weiß ganz genau, daß er ohne seine »Müllerin« ruckartig an den Rand der Verzweiflung geraten müßte. Denn – Müllerin weiß alles. Müllerin kennt die Umsätze und die Obligos (nicht nur die eigenen, sondern auch die der Konkurrenz), Müllerin schreibt jedes Wort, jede Bemerkung, jede Vermutung, jeden Vorschlag, jeden Gedankengang, jede Möglichkeit, die der Chef einmal formuliert, auf, macht eine Aktennotiz und versenkt sie im Stahlschrank, zu dem nur sie den Schlüssel hat. Müllerin hat alle Termine im Kopf und einen Urwaldinstinkt für echte und Talmibesucher. Müllerin weiß um die Konferenz am Vorabend und sieht morgens dem Chef an, daß er zwischen 10 und 11 Uhr nach Durchsicht des Posteinganges ein Stündchen allein »arbeiten« (d.h. ein Nickerchen machen) möchte. Keinem Sterblichen gelänge es, in dieser Stunde persönlich oder auch nur telefonisch zum Chef vorzudringen.

Müllerin besorgt ein Visum, das normalerweise


G. Etikette - auch im Berufsleben

[436] nicht vor vier Wochen zu haben ist, in 48 Stunden und hat alle Fluglinien, alle Expreßzüge im Kopf. Sie weiß, daß der Herr Direktor im Flugzeug gern hinten und am Fenster sitzt, während sein Schlafwagenplatz nie über der Achse liegen darf. Sie besorgt fünf Minuten vor Reisebüroschluß dank ihres Charmes in einem seit Tagen ausverkauften Schlafwagenzug das beste Abteil. Sie gibt diesen Platz (dessen Beschaffung ein organisatorisches Wunder war) um 18.30 Uhr zurück, weil der Chef auf Grund eines Telefonates beschlossen hat, nicht zu fahren – und die Bahn kommt sich beschenkt vor. Sie verliert nicht die Ruhe, wenn ihr um 19 Uhr nach einem zweiten Anruf gesagt wird, die Reise fände doch statt – und hat um 19.30 Uhr die ach so begehrte Schlafwagenkarte zum zweiten Male in Händen. Um 20 Uhr summt es, und der Chef sagt: »Wissen Sie, Müllerin, warum fahre ich eigentlich[437] nicht mit dem Wagen? Dann könnte ich auf der Rückfahrt von Hamburg gleich noch in die Frankfurter Filiale schauen!« Worauf Müllerin lächelnd erwidert: »Ich habe vor einer Stunde Franz zum Tanken und Ölwechseln geschickt und ihm gleich gesagt, er soll sich seine Sachen von zu Hause holen. Er sitzt draußen im Wagen ...«

Natürlich findet der Chef das selbstverständlich: »Na, dann ist ja alles in Ordnung! – Sind die Unterschriftenmappen fertig?« und Müllerin geht mit der zu unterschreibenden Post hinüber. Dann setzt sie sich wieder an ihren Schreibtisch und kommt zum ersten Male ein bißchen zur Ruhe. Und während sie gerade denkt: Hoffentlich fährt er nun endlich!, summt es wieder: »Telefonieren Sie doch sofort mit meiner Frau, sie soll mir den Koffer packen lassen ...«, worauf Müllerin nur sagt: »Der Koffer, Herr Direktor, steht draußen. Ich habe Ihre Frau Gemahlin angerufen und Franz dann gleich hingeschickt. Dunkelblauer Anzug, Smoking und fünf Hemden – reicht das für drei Tage?«

Ja, und nun sollte man meinen, der Chef habe anerkennend ausgerufen: »Müllerin – Sie sind eine Perle!« Statt dessen aber brummt er zwischen den Unterschriften: »Kinder, was ihr euch so denkt, wenn der Alte verreist. Smoking! Fahre ich zu einer Premiere oder zu einer Geschäftsbesprechung?«

(Das mit der Perle sagt er erst nach seiner Rückkehr, wenn er erzählt, daß er ohne Smoking geradezu aufgeschmissen gewesen wäre, da ihn seine Geschäftsfreunde bereits am ersten Abend zu einem geschäftlich sehr ergiebigen Bankett geschleift hätten ...)

Aber Müllerin kann noch viel mehr als nur unauffällig disponieren und vorausschauend organisieren. So gewinnt sie dank ihres diplomatischen Geschicks jeden Telefonzweikampf mit der Konkurrenzsekretärin. (Bei diesen Duellen geht es bekanntlich darum, den anderen Direktor direkt an der Strippe zu haben, ehe man zum eigenen Chef durchschaltet. Und dieser Kampf wird Tag um Tag immer wieder mit marathonischer Ausdauer, überströmender Liebenswürdigkeit und notfalls auch spitzer Zunge gekämpft und – gewonnen.) Sie weiß genau, für wen der Chef zu sprechen und bei wem er nicht im Hause ist. Sie weiß auch, welcher Geschäftspartner durch Verbindlichkeit und rasche Bedienung geneigt zu halten ist und bei wem es sich empfiehlt, mangelndes Interesse durch korrekte Kühle zu verbrämen. Sie kennt die feinen Unterschiede zwischen wirklichen Freunden des Direktors und solchen, die sich nur dafür halten.

Und natürlich versteht sie eine Menge von Psychologie. Sonst säße sie nicht auf ihrem Thron, der einer ist, obwohl er nur wie ein Bürostuhl aussieht. Sie ist nicht selten eine Art grauer Eminenz, die an diversen Fäden zieht, ohne daß es die anderen merken. Und häufig weiß es der Chef selbst auch nicht. Denn sie versteht es, ihrem Vorgesetzten Gedanken und Entschlüsse, Planungen und [438] Empfehlungen so diskret und suggestiv zu servieren, daß der Direktor die von der Sekretärin für richtig gehaltenen Entscheidungen (die zumeist auch richtig sind!) trifft in der Annahme, sie seien sein ureigenstes Werk.

Zu all diesen Fähigkeiten kommt noch etwas hinzu, was die gute Chefsekretärin unentbehrlich macht: Sie ist verschwiegen, diskret, bar jeder Laune und dem Betrieb innerlich so fest verwurzelt, daß sie – wenn man ihren Chef eines Tages verhaften sollte – eher an einen Justizirrtum glauben als den Direktor einer strafbaren Handlung für fähig halten würde. Und das spricht für ihre bedingungslose Treue, die sich nicht vorzustellen vermag, daß es etwas gäbe, was sie nicht gewußt hätte!

Schließlich aber ist sie: nicht so hübsch, daß im Herzen der Direktorsgattin ungute Gedanken aufkommen könnten, und nicht so häßlich, daß die Geschäftsfreunde ihres Chefs von ihr nur per »Schreckschraube« reden. Nicht so elegant, daß die Kollegen (besonders jene weiblichen Geschlechtes) ihr ein pikantes Privatleben andichten, und nicht so nachlässig gekleidet, daß der »Alte« ihr sagen muß: »Müllerin – morgen kommen wichtige Leute, sehen Sie zu, daß Sie sich ein bißchen nett anziehen!«

Das alles ist selbstverständlich an ihr. Sie ist – eine Dame! (Sollte sie keine sein, dann bliebe sie vermutlich nicht lange Chefsekretärin.)

Und deshalb auch der wohlgemeinte Rat: Verachtet mir die Vorzimmer nicht!

Da gibt es nämlich Leute, die die strategische Bedeutung dieses Raumes und seiner Beherrscherin vollkommen unterschätzen. In ihren Augen ist die Sekretärin eine »Tipse«. Und dementsprechend treten sie auf. Sie kommen, ohne anzuklopfen, in das Vorzimmer und sagen kurz und energisch: »Morgen – Schulze – ich muß dringend Direktor Lehmann sprechen!«

Müllerin aber stellt im Bruchteil von Sekunden diverse Überlegungen an:

a) hätte er anklopfen,

b) ruhig guten Morgen sagen können,

c) »Schulze« so ohne alles ist im Geschäftsleben eine ziemlich arrogante Art der Vorstellung,

d) Lessing, »Nathan der Weise«: »Kein Mensch muß müssen!«,

e) nichts kann dringend sein, wovon ich nicht wüßte!

Sie kommt zu dem Schluß, daß Herr Schulze ein ungehobelter Kerl ist, schließt von seinen Manieren auf sein Geschäftsgebaren, wird zu Eis und sagt mit Gletscherlächeln: »Ich bedauere, der Herr Direktor ist in einer Konferenz und kann [439] nicht gestört werden. Worum handelt es sich bitte?« »Dicke Sache – kann ich nur mit dem Chef persönlich besprechen!« Und diese Formulierung ist nachgerade das Unklügste, was der Besucher hätte sagen können! Denn bekanntlich gibt es nichts, was eine Chefsekretärin nicht wissen könnte, ja müßte! Folglich liegt in der Betonung der dringenden Notwendigkeit einer persönlichen Rücksprache fast etwas Beleidigendes. Aber Müllerin weiß, was sie ihrer Stellung schuldig ist und schlägt mit kühler Verbindlichkeit vor: »Vielleicht können Sie mir doch einige Stichworte angeben, die ich dann weiterleiten würde? Oder wollen Sie den Herrn Direktor nicht lieber schriftlich vorausinformieren, damit er Ihnen einen Termin angeben kann?« Und dann hat der Besucher die Wahl, entweder sein Geheimnis doch bereits im Vorzimmer zu lüften oder aber die uneinnehmbare Festung unverrichteter Dinge zu verlassen.

Wie anders aber wäre es gewesen, wenn er sich diplomatischer verhalten hätte! Er hätte anklopfen, mit gewinnendem Lächeln einen »Guten Morgen!« wünschen und etwa folgendes sagen können: »Mein Name ist Schulze. Ich bin Grundstücksmakler und habe kürzlich erfahren, daß Herr Direktor Lehmann an einem Geschäftsgebäude interessiert ist. Zufällig habe ich ein Objekt in der Hand, das vielleicht für Ihre Firma in Betracht käme. Allerdings kann ich nur bis übermorgen darüber verfügen. Ich wäre Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie so liebenswürdig sein und versuchen wollten, mir möglichst bald eine Unterredung mit Herrn Direktor Lehmann zu ermöglichen.«

Und Müllerin hätte sicher gesagt: »Es wird schwer sein, glaube ich, denn Herr Direktor Lehmann ist augenblicklich in einer Konferenz und hat anschließend noch mehrere Termine, aber – nehmen Sie doch bitte einen Augenblick im Besuchszimmer Platz, ich werde sehen, was ich für Sie tun kann!«

Worauf sich Schulze wiederum beeilt hätte zu versichern, daß er das sehr nett fände und ihr sehr dankbar sei.

Während der Besucher im Wartezimmer in den sauber und ordentlich geschichteten Zeitschriften blättert, hängt sich Müllerin an den Apparat, informiert ihren Chef kurz, empfiehlt, ihn vielleicht zwischen zwei Terminen zu empfangen und sagt auf die mißtrauische Frage: »Was ist denn das für ein Mann?« nur: »Macht einen ganz seriösen Eindruck ...«

Und siehe da – bereits nach zwanzig Minuten erhält dieser Herr Schulze seine Unterredung mit dem vielbeschäftigten Direktor Lehmann. Denn es ist nun einmal so: Vorzimmer können, wenn sie wollen, alles zuwege bringen, aber auch – alles verhindern.


[440] Kleiner Blick in den Spiegel: Es gibt Leute beiderlei Geschlechts, die ihr Spiegelbild ebenso unwiderstehlich finden wie sich selbst. Nun ist aber der eigene Geschmack durchaus nicht immer der des zukünftigen Chefs. Insbesondere dann nicht, wenn es um Extravaganzen geht.

Die Chefs größerer Betriebe haben zumeist so viel Arbeit um die Ohren, daß sie es sich zeitlich nicht leisten können, jeder Laune der Göttin Mode sofort sklavisch zu folgen. Sie stehen ganz einfach auf dem Standpunkt, daß die Beschäftigung mit derartigen Problemen unrentabel sei. Außerdem liegt ihnen das Auffällige nicht. Und sie werden leicht mißtrauisch, wenn sich ihnen ein Bewerber vorstellt, dessen modisches Exterieur den Eindruck entstehen läßt, als verbringe der Betreffende einen erheblichen Teil seines Alltags ausschließlich im Modesalon oder beim Schneider.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Nichts gegen korrekte Kleidung – auch mit modischer Note! Wir sind uns darüber klar, daß sie zur Etikette des Berufslebens gehört. Aber alles gegen modische Torheiten! Und wenn wir schon glauben, ständig wie aus dem neuesten Modejournal gekleidet gehen zu müssen, so wollen wir dieses Hobby doch geeigneteren Gelegenheiten vorbehalten, als es jene kritischen Minuten sind, in denen wir uns erstmals unserem künftigen Vorgesetzten vorstellen.

Sicherlich ist es falsch zu behaupten, daß jeder, der auffällig elegant gekleidet ist, notwendigerweise oberflächlich sein müsse. Ebenso wahrscheinlich aber dürfte sein, daß der Leiter eines großen Betriebes – wenn es sich nicht gerade um eine Kleiderfabrik handelt – mehr Wert auf charakterliche, fachliche und menschliche Eigenschaften legen wird als auf die Demonstration des Wissens um den jeweiligen Dernier cri.

Einigen wir uns also auf die zeitlose Eleganz, die ja das wahre Geheimnis der guten Kleidung ist. Weniger wird hier immer mehr sein! Das gilt für den männlichen ebenso wie für den weiblichen Stellenbewerber.

Männer werden gut daran tun, auf jene Ordentlichkeit Wert zu legen, die gute Lebensart ohnehin selbstverständlich macht. Sie reicht vom makellos sauberen Hemd über die passende Krawatte bis zur Bügelfalte über den blitzsauberen Schuhen ebenso wie von der tadellosen Rasur und dem gefälligen Haarschnitt bis zur gepflegten Hand. Wenn das alles stimmt, kann man darauf verzichten, für die erste Bekanntschaft mit dem Direktor eines Chemiekonzerns das auffällige Glencheck-Karo mit burgunderroter Weste und 31 cm engen Hosen zu wählen.

Ähnlich zurückhaltend wird sich die sich vorstellende Dame kleiden. Der Versuch, sexy zu wirken, ist lächerlich – er führt in keinem Falle zu einer dauerhaften [441] Bindung streng beruflichen Charakters. Und nur eine solche wird hier ja angestrebt. Damit ergeben sich die Gesetze, nach denen eine Bewerberin ihre Garderobe für die erste Vorstellung wählt, ganz von selbst. Je dezenter sie sich kleidet und auftritt, um so größer werden ihre Chancen sein. Denn dann kann der erste, entscheidende Eindruck kaum ungünstig ausfallen.

Natürlich hat auch diese Regel Ausnahmen: Eine Frau, die sich um die Position der Leiterin eines Modesalons bewerben will, darf getrost die Sicherheit demonstrieren, mit der sie Extravaganz und guten Geschmack zu verbinden weiß – denn diese Fähigkeit mag später entscheidend für den Umsatz des Geschäftes sein. Doch selbst hier kann dezente Zurückhaltung nicht schaden.


Die Vorstellung: Vielleicht ist es eines Tages soweit, daß wir zur persönlichen Vorstellung erwartet werden. Dann gilt es, Auge in Auge jenen offenbar günstigen Eindruck zu bestätigen, den unser Bewerbungsschreiben machte.

Die Kunst, unbefangen aufzutreten, sobald wir in kritischen Augenschein genommen werden, ist keineswegs so groß, wie man häufig annimmt. Sie steht und fällt mit der tatsächlichen Befähigung für die offene Stellung. Nur wer in seiner schriftlichen Bewerbung mehr versprach, als er tatsächlich leisten kann, wird in der Nacht vor der ersten Vorstellung von Alpdrücken geplagt sein. Der Vernünftige aber, der seine Bewerbung so abfaßte, daß seitens des Betriebes keine unerfüllbaren Wünsche aufkommen können, wird sich ohne Herzklopfen von der Chefsekretärin zum Boß hineinführen lassen, nachdem er Hut, Mantel, Schirm und evtl. Überschuhe abgelegt hat.

Sein Äußeres ist so, daß der Allgewaltige nichts an ihm auszusetzen haben kann – weder schlampige Ungepflegtheit noch geckenhafte Eleganz. Seine Manieren sind ebenso – weder übertrieben formell noch betont lässig. Sein Auftreten ist weder devot noch forsch, sondern – verbindlich-korrekt.

Er wird sich natürlich nicht setzen, ehe ihn sein zukünftiger Chef nicht dazu aufgefordert hat. Er wird die Unterhaltung nicht mit der Bitte um Raucherlaubnis eröffnen. Und er wird keineswegs versuchen, dem Gespräch eine persönliche Note zu geben, d.h. in Randgebiete abzugleiten und so vom eigentlichen Thema abzukommen. Er ist erschienen, um Rede und Antwort zu stehen. Und erst wenn sein Gesprächspartner auf die Idee kommen sollte, über den sachlich-fachlichen Rahmen hinaus etwa nach des Bewerbers Meinung über die neueste »Hamlet«-Aufführung im Stadttheater zu fragen, kann er – unter Wahrung dezenter Zurückhaltung – private Meinungen äußern und so dem anderen Gelegenheit zum Einblick in seine außerdienstlichen Interessen geben.

Es gibt da so viele Kleinigkeiten, die einem Menschen mit offenen Augen Diverses über Erziehung und Takt verraten. Und es soll Chefs geben, die sich ein Vergnügen [442] daraus machen, den Kandidaten aufs Glatteis zu führen. Da können irgendwo im Raum, vom Sitzplatz des Bewerbers wohl einige Meter entfernt und dennoch gut sichtbar, ein Kuvert, ein Briefbogen, eine Zeitung, ein Buch wie absichtslos auf der Erde liegen – weil der neue Arbeitgeber wissen wollte, ob der Bewerber das entweder übersehen oder wohl sagen würde: »Da hinten scheint etwas 'runtergefallen zu sein ...« Statt es wortlos aufzuheben und auf den Tisch zu legen. Da gibt es den Trick mit der Zigarette, die dem Besucher angeboten wird – und


G. Etikette - auch im Berufsleben

dem aufmerksamen Chef entgeht keinesfalls, daß dieser [443] Besucher, während er seinerseits dem Allgewaltigen Feuer reicht, die Zigarette nicht zwischen den Lippen hält. Vielleicht erhebt sich der hohe Herr im Laufe der Unterhaltung auch einmal und geht gedankenverloren auf und ab. Das sieht oft nur nach Gedankenlosigkeit aus! Er möchte nämlich gern wissen, ob der Besucher soviel Kinderstube hat, sich nun seinerseits ebenfalls zu erheben.

Eine Bewerberin ist dem männlichen Stellungsuchenden hier überlegen. Sie ist vorerst noch Dame, und wenn man das ihrem Auftreten anmerkt, wird sie der Empfangende auch als solche behandeln. Zum Neutrum wird sie möglicherweise erst nach Abschluß des Anstellungsvertrages.

Und weil das mehr oder weniger junge Fräulein X. sich um eine Anstellung und nicht um die persönliche Gunst eines Chefs bewerben will, wird sie jede Koketterie tunlichst vermeiden. Wenn sie auffallend schöne Beine hat, dann mag sie der gütigen Natur für diese Gabe in stillen Stunden danken. Der Versuch, mit ihnen Eindruck zu machen, ist in dieser Umgebung unklug und wenig damenhaft. Jeder Mann in leitender Position – mag er für weibliche Reize auch durchaus empfänglich sein – weiß, daß Stenogramme mit der Hand aufgenommen werden.

Über die Zweckmäßigkeit einer Zurückhaltung in Kleidung und Make-up haben wir uns bereits bei der Betrachtung des »Vorzimmers« unterhalten. Und deshalb wird Eva denn vor dem Gang zur Vorstellung besser daran tun, ihre Originalzeugnisse, die sie vorlegen will, übersichtlich zu ordnen, statt die Fingernägel purpurrot zu lackieren. Und ihr eigener Stenoblock mit dem gewohnten Stenobleistift erspart ihr möglicherweise bei einem Probediktat die Auseinandersetzung mit ungewohntem Gerät.

Daß wir uns unter keinen Umständen im Verlaufe der Rücksprache über Dritte negativ äußern, ist eisernes Gebot. Und wenn man versuchen sollte, uns über Interna anderer Firmen auszuhorchen, so liegt diesem Versuch weniger tatsächliches Interesse zugrunde als vielmehr die Absicht, die Toleranz des Bewerbers zu prüfen. Und jeder Chef von Welt wird dafür Verständnis haben, wenn wir zurückhaltend und höflich sagen: »Verzeihung, Herr Direktor – Sie werden verstehen, wenn ich über diese Dinge nicht reden möchte.« Denn er weiß, daß uns der Wind des Lebens eines Tages in eine andere Position wehen könnte, und wird sich angenehm berührt fühlen, wenn wir ihm an Hand dieser kleinen, unverfänglichen Frage ein Beispiel angeborener Diskretion gegeben haben.

Wer ein wenig Gefühl hat, wird unschwer erfassen, wann all das, was in einer derartigen Vorstellung geklärt werden sollte, tatsächlich geklärt ist. Dann ist es Zeit, sich mit ein paar verbindlichen Worten zu verabschieden. Ein solches Verhalten verrät Verständnis für die bemessene Zeit des anderen und erspart die Peinlichkeit des plötzlichen Verabschiedetwerdens.

[444] Unabhängig vom Ergebnis der Unterredung wird sich jeder Wohlerzogene dafür bedanken, daß man ihm die Gelegenheit zu persönlicher Vorstellung gab. Und es ist selbstverständlich, daß wir uns auch dann noch korrekt und höflich verabschieden, wenn uns das Ergebnis der Rücksprache nicht befriedigt hat, weil es im Augenblick noch keine Entscheidung brachte. Wir sollten nie vergessen, daß der, den wir verlassen, über kurz oder lang doch – unser Chef sein könnte.


Wir sind Mitarbeiter! Das hört sich vielversprechend an und bedeutet: Beschäftigung und Einkommen, Verpflichtung und Arbeit, Freude, Verantwortung und kollegiale Bindung. Es kann aber auch heißen: Ungewohnte Umgebung und Reibungsflächen, Mißtrauen und Kritik, Einsamkeit und Unsicherheit.

Wie wir uns mit dem neuen Arbeitsplatz, seinen Menschen und seinen Aufgaben abfinden, ist entscheidend für unsere spätere Zufriedenheit. Es ist nicht immer einfach, sich einzuleben, denn häufig gerät »der Neue« in den Strudel von Strömungen, die sachlicher oder persönlicher Art sein können. Die Gefahr ist um so größer, je mehr Kollegen man hat, je ausgedehnter also der Betrieb ist. Es bleibt nicht aus, daß man schon bald in dieses oder jenes »Lager« gezogen werden soll. Denn jeder Betriebsangehörige, der bestimmte interne Vorstellungen hat, wird versuchen, für eben diese Vorstellungen einen weiteren Anhänger zu finden. Kein Wunder, daß er sich an den im Betrieb noch fremden Neuling hält und ihm seine Überzeugungen beizubringen versucht.

Diese Überzeugungen können sehr unterschiedlich sein und von der angeblich falschen Exportpolitik über die vermeintliche Arroganz der Chefsekretärin bis zur schlechten Verpflegung in der Kantine reichen. Wie immer sie aber aussehen mögen – stets erfordert die Stellungnahme von seiten des Neueingetretenen ein Höchstmaß an Taktgefühl. Denn der Neue kommt in den Betrieb mit der löblichen Absicht zur Loyalität – allen gegenüber. Und so bleibt ihm, wenn er klug ist, nichts anderes übrig, als zuzuhören, zur Kenntnis zu nehmen, verbindlich zu lächeln und sich jeder Stellungnahme auch dann noch geschickt zu enthalten, wenn man sie ihm zwingend abverlangen will.

Und daran tut er gut!

Denn – wer vermag reinen Gewissens ein Urteil über die tatsächlichen Gegebenheiten zu fällen, unmittelbar nach dem Eintritt in einen neuen Betrieb? Der angeblich unklugen Exportpolitik kann sehr gut eine auf weite Sicht wohlüberlegte Planung zugrunde liegen, die nur der Geschäftsleitung bekannt ist. Die Chefsekretärin ist wahrscheinlich gar nicht arrogant, sondern nur zurückhaltend, diskret und ausschließlich Sekretärin des Chefs und nicht der anderen. Und die Kritik an dem Küchenzettel entspringt möglicherweise landsmannschaftlicher Voreingenommenheit.

[445] Mit diesen Möglichkeiten rechnen wir und halten uns zurück – im Urteil ebenso wie im blinden Vertrauen auf die Gültigkeit der Mitteilungen, die man uns verdächtig schnell macht. Wir werden genügend Zeit haben, uns selbst unsere Gedanken zu machen, die Augen offenzuhalten und zwischen tatsächlichen und vermeintlichen Mängeln zu unterscheiden. Wir tun das ganz bewußt – selbst auf die Gefahr hin, anfänglich für verschlossen gehalten zu werden. Wenn wir korrekt, tolerant und loyal bleiben, den Vorgesetzten ebenso wie den Mitarbeitern und den Untergebenen gegenüber, dann schaffen wir uns auf lange Sicht ein solideres berufliches und menschliches Fundament, als wenn wir sofort und blindlings, nur auf das gerade hier oft täuschende Gefühl gestützt, Partei ergreifen.

Quelle:
Graudenz, Karlheinz: Das Buch der Etikette. Marbach am Neckar 1956, S. 435-446.
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