»Der Gesellschafter«.

Literarische Anfänge und Kämpfe.

(1817–1820.)

[229] Immer Willens, nach der Zeitfolge wieder einzulenken, habe ich jetzt in weiteren Begebnissen mit Müllner dort anzuknüpfen, als er für die Zeitschrift: »Der Gesellschafter« mir Mittätigkeit brieflich ausgesprochen hatte. Auf sein Erbieten, mir Teile aus dem Trauerspiel »König Yngurd« zum Abdruck zu überlassen, ging ich ein, erhielt die Abschrift des Ganzen, und wählte die, meiner Ansicht nach das Eigenwesen der Dichtung trefflich vermittelnde »Expositionsszene«, um Müllners Ausdruck zu gebrauchen. Ich glaubte, das Bekanntwerden dieses Eingangs zu dem Werke könne bei der damals bereits verheistenen Darstellung den Zuschauern das Verständnis erleichtern, Müllner[229] war jedoch über diese Wahl empfindlich, ich weiß nicht weshalb, nebenher empfing ich aber seine Genehmigung. Der Abdruck dieses Bruchstücks erschien in den Blättern 2 bis 6 des ersten Jahrgangs jener Zeitschrift, nach einer kurzen von Müllner unterzeichneten Vorrede, die mit der Bemerkung schließt:

»Die Szene erscheint hier so, wie sie in dem zum Druck bestimmten Manuskript sich befindet, also für Leser. Für den Zuschauer hat der Verfasser selbst den Bühnen empfohlen, sie möglichst ›zusammenzustreichen‹. Er meint, daß der Zerstreuung und Unachtsamkeit des deutschen Theaterpublikums sich überhaupt nicht viel exponieren lasse, zumal, da die Organe der Bühne so wenig für die Redekunst geeignet sind. Singen oder bellen wird künftig wohl das einzige sein, was das deutsche Theater dem Ohr darzubieten hat.«

Müllner meinte dies zumeist nur in Hinsicht auf das Sprechschauspiel in Versvortrag, seitdem ist es – milder aufgefaßt – mitunter offenbarer weissagend geworden; er hätte jetzt zu solcher Äußerung mehr bewährten Grund, als in jener Zeit, aus der zu bezeugen ist: die fast durchweg von dem Dichter selbst angeordnete Rollenbesetzung zu »Yngurd« war, mit wenig Ausnahme, vorzüglich, was auch von den öffentlichen Urteilen anerkannt wurde, als endlich – am 6. Juni 1817 – das Werk auf die heißen, sogenannt weltbedeutenden Bretter kam. Der geschätzte Dichter Wilhelm Müller, vor seiner Reise nach Italien in Berlin verweilend, war mein Berichtgeber für die Darstellung, ich äußerte mich über die Dichtung, und habe eine Stelle meines Aufsatzes einzufügen, um einen nachher aus Rechtspflicht mitzuteilenden Brief Müllners erklärlicher[230] werden zu lassen. Nach dem Lobe des mir Wertvollen ist (»Gesellschafter« 1817, Bl. 101) zu lesen:

»Wenn ich nun hier meine ungeheuchelte Verehrung für Müllner aussprach, darf ich aber ebenso offen gestehen, daß ich während dem Lesen und Darstellen dieses Trauerspiels mir selbst oft die Frage beantworten mußte: Welches Dichters Werke sind wohl am dauerndsten: der sich seiner Zeit hingibt und sie zur Gespielin der Seele erhöht, oder der, welcher mit allem, was Erfahrung unvergänglich bewies, ihr schwankendes Wesen in Sicherheit zu bringen strebt? – Ich glaube, die Frage beantwortet sich von selbst! Die Zeit gleicht einem Weibe, was gern nach Herrschaft ringt; wenn sich aber der Geist ihm vermählt, soll er mit seiner Erstheit kräftig vorangehen, damit nicht das Treiben des Zeitgeistes, sondern das Wirken einer Geisteszeit herrsche. Darf ich nun aus solchem Gesichtspunkte jenes Trauerspiel betrachten, – und ich kann nicht anders, ob ich auch gern mich der Voreiligkeit enthalte, meine Meinung zu der anderer machen zu wollen! – dann ist es auch erlaubt zu bemerken, daß ich dem Unangenehmen darüber mich nicht zu entziehen weiß: wenn die Tendenz jenes Werkes verwandt ist mit der jüngsten Romanliteratur, die zur Preisfrage reizt: ob sie Quell oder Folge, wirkend oder rückwirkend ist bei manchen jetzigen Ereignissen, in denen finstere Schwärmerei dem Zufälligen eine Art von Vernunft verleiht und so im Strudel von Unvernunft dem Zufälligen dienstbar bleibt. Man lehrt dem Volke: seine gewöhnlichen Traumbücher seien nichtig und verderblich, sollten denn hochpoetische Traumbücher nicht auch ihre Gefährlichkeit haben? Man wende nicht ein: die Menge versteht sie nicht! – wer kann sagen, wo die Menge aufhört,[231] wenn zu entscheiden ist, wie weit der Wahn gehen kann? – Müllner ist in den neuromantischen Gebilden viel eindringlicher, in den Aussprüchen schärfer, überall beweisender, und aus ihm scheint auch das Unerklärlichste noch Klarheit zu wollen; sein Talent gibt sich, wenn man auch nur gelegentliche Äußerungen prüft, als ein gebietendes, nicht als ein sich fügendes zu erkennen; in den alten Begrenzungen der Neuromantiker kann er so sich nicht heimisch fühlen. Den freien Menschen gegen Wahn und Vorurteil kämpfend aufzustellen, die Schwächeren von der Gewalt eines drückenden Glaubens loszuringen, dünkt ein Beruf, der ihn glänzender noch zeigen würde, und wahrhaftig! die Begeisterung für Lichtvolles schließt die Schwärmerei des Gemüts noch immer in sich, will man mir etwa vorwerfen, ich dächte bei dem Edelsten eben nicht an – Theaterwirkung. Sollte ich irren, und ein deutsames Dichterwerk zu sehr mit dem Zwecke des Lebens verschwistern wollen, so darf ich mich mindestens den Besten, die jemals irrten, beigesellen, denn ich folgte meinem Bewußtsein, und ende rasch, weil sich hier leicht gar nicht enden läßt.«

Ehe der die Entgegnung und noch Nebenheriges enthaltende Brief Müllners sich anschließt, ist unerläßlich darauf hinzuweisen, daß er schon vor dem Erscheinen des »Yngurd« auf der Bühne mit mir wieder im Zwist war, stets über Kleinliches. Beachtenswert scheint es mir aber deshalb, um einen schriftstellerischen Hadersüchtigen ersten Ranges bildtreu aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu stellen, wobei doch nicht zu vergessen ist, daß es einen Mann von geistvoller Fähigkeit betrifft. – Er schickte mir zum Abdruck unzählige Ausfälle gegen ihm Mißliebige, entweder gar nicht, oder mit irreleitenden[232] Buchstaben unterzeichnet; der Inhalt war mir selber mitunter völlig rätselhaft, so daß ich zum Rücksenden mich genötigt sah. Unter anderem kam eine Anstachelung gegen ein sogenanntes »Liebhabertheater« in Erfurt, wo ein Mitglied Müllners Trauerspiel »Die Schuld« hatte zur Darstellung bringen wollen; ein Jude sollte dies hintertrieben haben, und über diesen Juden waren nun verfängliche Familienbeziehungen eingewebt. Ich sandte unbedeutende, nur schmähende Schriftelei zurück und empfing nun nachstehende Strafverfügung:


»Weißenfels, am 13. März 1817.


Fast glaub' ich nun an die unüberwindliche Macht der Israeliten in Berlin, von welcher ganz Deutschland spricht. Ich will auch gegen deren Einwirkung auf Sie, mein sehr verehrter Freund, nicht ankämpfen, aber das muß ich bemerken: Ein Journalist, der nur seine Ansicht allein will herrschen lassen, und um der lieben Consequenz willen jeden Gegensatz aus seiner Schrift zurückweisen will, wird unfehlbar monoton. Wozu ist denn die Parenthese: eingesandt da? Diese Maxime wird Ihre Mitarbeiter sehr lau machen: denn wer kann errathen, was Sie nach derselben aufnehmen werden, oder nicht? Uebrigens werde ich, auch ohne Mitarbeit, immer freundlichen Theil nehmen an der Lectüre des Gesellschafters. Ihre Welt- und Staatsbürgerlichen Ansichten ziehen mich und viele meiner Bekannten an; des gräulichen Berliner Siegsposaunentons ist man im deutschen Reiche herzlich satt. –

Haben Sie denn No. 12 und 13 der Erholungen und No. 44 der Zeitung für die elegante Welt gelesen? Was sagen Sie zu der Theatergemeinheit, die[233] sich dort über mich und mein Buch hermacht? Hochachtungsvoll

Müllner.«


Das war eine förmliche Absage mit etwas Versüßen des Galleneinflusses, dessen Wirkung ich auch zu empfinden hatte durch öffentlichen Angriff in der »Zeitung für die elegante Welt«, den ich in derselben Zeitschrift mit der Wahrheit abwehrte. – Im nächsten Monat erhielt ich aber doch schon wieder einen, mit Müllners Namensunterschrift begabten Aufsatz: »Aehrenlese auf dem Felde der Kritik«, begleitet von einem Zettelchen, auf dem geschrieben steht:


»Wßfls am 10. April 1817.


Mit Ihrer Juden freundlichkeit, mein verehrter Herr und Freund, hat mich das viele Gute wieder ausgesöhnt, was ich im Blatte 38 – 40 gefunden habe. Hier folgt ein Beitrag, den ich mir, im Fall vorwaltender Bedenklichkeiten, baldmöglichst zurück erbitte. Hochachtungsvoll

Müllner.«


Jener Beitrag ward gedruckt (1817, Bl. 65 und 66), die Angabe: »Der Schluß folgt«, ließ sich aber nicht erfüllen, der Zensor strich ihn wegen »injuriöser Ausfälle«.

Nach der Darstellung des »Yngurd« schickte er mir eine bissige Gehässigkeit gegen den achtungswerten Prediger – der französischen Gemeinde – und Professor Catel, Redakteur der »Vossischen Zeitung«, damals auch ihr Theaterbeurteiler. Er hatte sich über jene Trauerspieldichtung, neben dem vollsten Lobe des Trefflichen, mißbilligend geäußert in bezug auf den schwindeldunklen Absichtszweck des Werks, und ich sollte nun den Zornausbruch Müllners ohne seine Unterzeichnung, also[234] mit mir aufgebürdeter Selbstverantwortung, in die Lesewelt leiten. – Die Handschrift ging an ihn zurück mit meinem Erbieten zum Abdruck, wenn er seinen Namen nicht vorenthalte, und hinzufügt war die Bemerkung: »Dem Sinne nach müßten Sie übrigens mit der Ansicht Catels auch die meinige verurteilen.« – Diesmal hatte Müllner eingesehen, daß er sich übereilte; erwähnt aber ist dieser Zwischenfall, um von seinen Briefen den einzuschalten, der sich gegen meinen Glauben über das Gedankliche in betreff des »Yngurd« richtet, wonach jedem die eigene Entscheidung überlassen sei.


»Wßfls. d. 14. Juli 1817.


Sie thaten wohl, meinen Sarkasmus gegen Herrn C. zurückzuweisen, ich hatte ihn nur auf Andringen niedergeschrieben, und in der Rückerinnerung, daß der selige Iffland gegen mich einmal sehr verächtlich von diesem Herrn C. sprach. Vielleicht verdient er es nicht. Aber sich treten Sie auf jeden Fall zu nahe, wenn Sie Ihre öffentlichen Äußerungen über Yngurd mit seinem Zeitungsgewäsch vergleichen, und ich müßte ein Geck seyn, wenn ich sie Ihnen übel deuten wollte. Inzwischen sprechen möcht' ich einmal mit Ihnen über den Gebrauch des Wunderbaren in der Tragödie, über den Hang der Mehrzahl dazu, und – über des Aristoteles Hinweisung, den Volksglauben zu benutzen. Der Irrthum Ihrer kritischen Ansicht der sogenannten höheren (›Ideal‹-) Tragödie steckt meiner Meinung nach darin, daß Sie die übersinnlichen Beziehungen, welche der Mensch natürlichen Begebenheiten gern beilegt, für die Ursachen derselben ansehen. Nehmen Sie einmal aus dem Yngurd in Gedanken die Träume, Vorgefühle[235] (Ahnungen) und Anzeichen weg, und prüfen Sie, ob dann die Fabel auseinander fällt? ob die Tragödie daran mehr verliert, als dichterische Hebel, um die Phantasie aufzuregen, und durch diese das Gemüth für den Haupteindruck zu stimmen?« –

So weit nur bespricht dieser Brief meine nicht tiefgehenden Einwendungen, er hat aber wegen des nachher genannten Schauspielers Bezug auf noch zu Erzählendes, dann Hinweise, die zu beachten wären, weshalb auch Folgendem seine Stelle gegönnt werde:

»Ich habe heute den Besuch des Schauspielers Herrn Stein erhalten, und also Ihren freundlichen Empfehlungsbrief ebenfalls. Es war recht gut, daß er sich damit versehen hatte, er hätte sonst leicht eine vergebliche Reise machen können, weil ich gegen reisende Künstler ziemlich barricadirt bin. Ich danke Ihnen, daß Sie diesen mir gesendet, es scheint etwas in ihm zu seyn.

Mein feindlicher Minnesänger hat über die Darstellung des Yngurd recht brav geschrieben. – Was Sie mir über die Berliner Darstellung geschrieben haben, hebt völlig die Zweifel, daß sie gelungen sep. Es dünkt mich eine beachtenswerthe Erfahrung, daß unter sechs Theatern, die sich daran versucht, gerade dasjenige am glücklichsten gefahren ist, welches den Autor in den Besetzungsrath zog, und dessen Mitglieder theils das Ganze, theils ihre einzelnen Rollen mehreremal aus seinem Munde hörten. Für mich ist nun zwar diese nähere Berührung mit dem Theater ziemlich übel abgelaufen, und ich möchte mich dazu nirgends wieder brauchen lassen; aber das ist zufällig, oder auch wohl zum Theil meine Schuld. Im Ganzen wäre zu wünschen, daß es bei den Bühnen Mode würde, die Mitwirkung[236] der Autoren zu suchen, statt daß sie dieselben gewöhnlich fliehen wie höllisches Feuer. Der Theaterkritik käm' es vielleicht zu, darüber einmal ein motivirtes Wort zu sagen. Das, und Aehnliches könnte mehr nützen, als die meist oberflächliche Tageblattsmusterung der Novitäten. Vielleicht sagen Sie, oder einer ihrer Herren Mitarbeiter einmal ein solches motivirtes Wort, wenn Sie meinen Anhang zum Yngurd im Druck gelesen haben werden. Dort ist die Geschichte meiner unvollendet gebliebenen Mitwirkung kürzlich erzählt, und auf die Hindernisse, die ich bei der Verwaltung fand, hingedeutet. Was Sie im Morgenblatt von der nöthigen Vorbereitung sagen, kann diese Verzögerung nicht entschuldigen. Im Juli 1815 kam das Manuscript schon nach Berlin und im Juni 1817 ward es aufgeführt. Hund (des Aubri) Rußkachel und Consorten hatten den Vortritt. Hat eine erste Bühne nicht die Pflicht, rascher, angelegentlicher für die dramatischen Dichter zu wirken? Und liegt es nicht der Theaterkritik ob, diesfalls ein wenig Justiz zu administriren bei offenem Gerichtssaal? Dixi!

Müllner.«


Gewiß ist nicht zu bestreiten, daß dieser Brief manches Wahre enthält, ein erhellendes Geleit wird jedoch erforderlich, um auch da, wo Müllner im Recht sein mag, seine vielleicht unwillkürlich allzu selbstsüchtig, allzu argwöhnisch gewordene Leidenschaftlichkeit erwägen zu können.

Zuvörderst habe ich, nach fünfzig Jahren, Catels Bericht über »Yngurd« wieder gelesen; er ist der Art, daß er den Hingeschiedenen ehrt. Ihn zu mißhandeln hat aber Müllner keineswegs unterlassen; es gab stets[237] hadergierige Tagesblätter, deren Druckführer es weniger um die Sache, als um Klopffechterei zu tun ist, und der Weißenfelser Advokat hatte sich so furchtbar gemacht, daß er in vielen Zeitschriften herrisch sein konnte.

Unglaublich ist es, daß Iffland von Catel verächtlich gesprochen haben soll; sie waren befreundet und beide nicht doppelzüngig. Übrigens habe ich fernhin Anlaß, die liebenswürdige Ehrenhaftigkeit Catels hervorzuheben. – Der »feindliche Minnesänger« ist Wilhelm Müller, der den jetzt noch lesenswerten Streit über »Oper und Schauspiel« mit Müllner hatte, einen Streit, der sich in sechs Zeiträumen durch den ersten Jahrgang des »Gesellschafter« hinspann. –

Bei fortdauernder Zusendung von nicht unterzeichneten Häkeleien, die ich teils aufnahm, wenn Recht und Pflicht dies erlaubten, teils zurückwies, zog sich ein im Unangenehmen sich steigernder Briefwechsel bis zum November 1818. Es war natürliche Folge der von Müllnerin unzählige Zeitblätter eingetriebenen Anfechtungen aller, die den »Den von Weißenfels«, wie man ihn nannte, nicht unbedingt verherrlichten, daß Gegenreden kamen, unerläßlich zuweilen der Abdruck solcher, die von meinen Mitarbeitern unterzeichnet wurden.

Es wurde um so notwendiger, die Äußerungen des »Den von Weißenfels« zu beleuchten, da ein sonderbarer Zwischenfall mitsprach. – Dr. Pfeilschif ter hatte in seinen »Zeitschwingen« durch ein »Sendschreiben an den Herausgeber des Gesellschafter« mich mit argen Vorwürfen belastet wegen eines Aufsatzes, der – einem andern Tagesblatt zugehörte. Er war nicht willig, sich sein Unrecht zu lichten, erhärtete es vielmehr, und nachdem es ihm meinerseits klar bewiesen wurde, erschreckte[238] ihn sein Versehen. Zu zeigen, daß er mir nicht feindlich gesonnen sei, schleckte er mir abscheuliche Ausfälle gegen mich, die er nicht hatte abdrucken lassen; – ich erkannte an der mir gebliebenen Handschrift augenblicklich Müllner.

Ein vom nicht wertlosen Dichter Dr. Karl Schöne, den Müllner ebenfalls übel behandelt hatte, unterzeichneter kleiner Aufsatz bespricht die in der »Zeitung für die elegante Welt« seitens des »Weißenfelser Dey« unvorsichtig aufgeworfene Frage: »Heißt denn in irgendeiner Sprache mein Name etwas Garstiges? Das wäre doch fatal.« Ihm bewies nun Dr. Schöne: was nach Adelung und Heynatz in der Abteilung von Müllner das Wort Müllner bedeute: ein Mensch, der sich mit Müll beschäftigt, was teilweise unzweifelhaft für den schriftstellerischen Verkehr des Bezüglichen treffend war. – In dem Zweck aber, mein Schreiben, in dem ich ihm trotz der mir inzwischen übermittelten Müllnerschen Gehässigkeit, ihm anheimstellte, weiter am Gesellschafter mit zu arbeiten, solle versöhnend wirken, hatte ich sehr geirrt: Müllner haderte mit mir auch brieflich weiter, offenbar überwiegend in dem Drange, zu erfahren: welche seiner Handschriften in meinem Besitz sei. – Daß sie von Pfeilschifter ist er mir ausgeliefert wurde, habe ich nie gebilligt; ihn der Rache Müllners hinzugeben, wäre ebenfalls nicht zu billigen gewesen. Konnte aber der »Weißenfelser Den« die Sachlage nicht erraten, so bezeugt dies hinlänglich: er müsse sehr viel, darunter vieles in verschiedenen Zeitschriften nicht Abgedruckte gegen mich versandt haben, und mich ergötzten nun die pfiffwenderischen Antriebe, mich zum Geständnis zu verleiten, was seine fortgesetzte Federdrescherei hauptsächlich[239] beabsichtigt. – Für den nächstfolgenden seiner Briefe ist noch zu bemerken: er selbst hatte den Buchstaben »W« unter den Mitteilungen meines Münchener Berichtgebers öffentlich in das Schimpfwort (Waldesel) verwandelt, um ihn deshalb zu schänden, weil er geäußert hatte: Müllners Drama: »Der Wahn« (oder »Der neunundzwanzigste Februar«) sei »kein empfehlenswertes Werk« – und nun kommen wir zu der Antwort, die ich empfing:


»Weißenfels, den 30. November 1818.


Wohlgeborner Herr!


Die Veranlassung meiner Eröffnung war keineswegs die schöne Etymologie, welche ihre Abfertigung bereits in der Eleganten 230, und zum Glück ohne alle Beziehung auf Sie, erhalten hat; es war vielmehr einzig die Münchener Correspondenz des Herrn Waldesel (wenn er anders wirklich so heißt), die es mir nöthig zu machen schien, Sie von meiner Ansicht in Kenntnis zu setzen. Sie haben eine andere. Gründe fruchten selten viel, wo das Gefühl über Anständigkeit oder Unanständigkeit entscheiden muß. Das meinige sagt mir, daß ich Sie bitten muß, meinen Namen aus dem Verzeichnisse der Mitarbeiter wegzulassen. Es geschieht ohne allen Groll, ja zum Besten Ihres Unternehmens. Halbheit taugt selten, und die bleibt es immer, wenn sie zu meinen Gunsten streichen müssen. Lassen Sie die Herren sich über mich ergießen nach freiem Belieben; sobald ich außer der Nothwendigkeit bin, es zu lesen, hat das gar wenig zu sagen.

Ich kann nicht errathen, welche Handschrift von mir Ihnen in die Hände gefallen sein mag. Aber es gibt[240] keine, worinnen ich über Sie gesprochen, die nicht auch wirklich zum Druck gekommen wäre, und keine, die ich, wenn Sie mich gefragt hätten, verleugnet haben würde. Die Gelehrten Zeitungen ausgenommen, wo ich meinen Namen nicht nennen darf, schreib' ich gewöhnlich nur in den Fällen anonym, wo die Nennung meines Namens keinen andern Zweck haben könnte, als den, Credit gegen Credit zu messen. Ich lasse meistens lieber die Sache sprechen als die Person. Und so begegnet es denn wohl, daß spitzbübische Redactionsexpedienten meine Manuscripte wegstibitzen, und um Geld oder Gunst an andere Journalisten verkaufen, welche die Federzüge meiner Abschreiber kennen.

Das Talent, leichter zu vergessen, als ich, will ich Ihnen nicht streitig machen. Vielleicht aber fehlt Ihnen ein Anderes: das Talent, Ihre Meinung auch da, wo Sie nicht verwunden wollen, so zu sagen, daß sie wirklich nicht verwundet. Das Richteramt im Gebiet der Literatur ist etwas anderes, als das Recht, seine Meinung über fremde Werke und Talente auszusprechen. Jenes fordert Beweise der Competenz, wissenschaftliche Begründung des Urtheils. Dieses hat jeder; aber wenn er es öffentlich ausübt, so thut er es auf seine Gefahr, welche hauptsächlich darinnen besteht, daß der Verurtheilte die Competenz mit Beweisen ihres Gegentheils anficht. Ich widerstehe mit Mühe der Versuchung, Ihnen zu erzählen, wie ich im Jahre 1812 die Bekannschaft meines Spener'schen Rezensenten durch Iffland machte. Sie werden es begreiflich finden, daß ich ihn genau in's Auge faßte, und das Gelingen seiner Versuche aufmerksam beobachtete. Es wurde später meines Amts, über Einiges davon zu sprechen. Den [241] Ton, worin es geschah, kann der seinige bestimmt haben, den Inhalt des Urtheils nie.

Was den Krieg betrifft, den Sie zu meiner Entschließung stellen, so kommt Alles darauf an, was Sie sich darunter denken. Soll die Kunst und deren Wissenschaft das Streitobject seyn, so finden Sie mich dazu bereit, ihn zu führen, wie ich ihn mit M(ethusalem) Müller geführt habe: mit möglichster Rücksicht auf Nutzen und Vergnügen. Ich werde in diesem Falle nur zu beklagen haben, daß es, Ihrer oben besprochenen Maxime wegen, meinerseits nicht in Ihrer Zeitschrift geschehen kann. Wollen Sie Ihre Operationen auf ein anderes Object richten: auf – den guten Namen, so werd' ich ja sehen, was ich zu thun habe. Die Kriegsmittel, auf deren Gebrauch Sie mit einer unruhigen Vorempfindung des Gewissens hindeuten, werden hoffentlich nicht so beschaffen seyn, daß ihr Gebrauch Ihnen das Schicksal des Herrn Hebenstreit bereiten, und mich nöthigen könnte, um meiner Ehre willen sonder Schwertschlag aus den Schranken zu entweichen. Hochachtungsvoll


Ihr ergebenster

Müllner.«


Unerläßlich genötigt, seine umherschweifende, durch selbstisches Verfahren von ihm selbst widerlegte und stets abermals beleidigende Edeltuerei wegzuweisen, schrieb ich nun:


»Verehrtester Herr!


Ihr Brief vom 30. November hat des Empfindlichen viel für mich; doch ist es nicht dessen Abwehrung, was mich veranlaßt, gleich nach Lesung Ihrer Zeilen die Antwort zu schreiben. Es ist leicht, Andere zu[242] kränken; ich wähle das Schwerere: es mit Gleichmuth zu ertragen, und wohl mir! daß ich auch diesmal unterstützt bin von dem Gefühl, daß ich verkannt werde. –?licht aber darf ich dulden, daß Sie mich sogar in Niedrigkeit zu sehen glauben, und ich versteh' es, daß bei einer solchen Meinung, die Sie über mich hegen, mein früherer Brief, den ich mit dem besten Sinne schrieb, nur übel wirken mußte. – Sie sagen: ›Und so begegnet es wohl, daß spitzbübische Redactionsexpedienten meine Manuscripte wegstibitzen, und um Geld oder Gunst an andere Journalisten verkaufen, welche die Federzüge meiner Abschreiber kennen.‹ – Denken Sie wirklich, daß ich für Geld oder Gunst Dergleichen zu erlangen suche? – Daß ich mit den Redactions-Expedienten mich deshalb in Berührung setzte? – Nun, Sie müssen es doch wohl gedacht haben, als Sie es mir schrieben, aber ich bin so billig, zu empfinden: es müsse Sie schmerzen, daß Sie es gethan haben. – Das Manuscript, von dem die Rede ist, habe ich von dem Redacteur einer Zeitschrift bekommen, ohne irgend eine Anforderung von meiner Seite, ja unter überraschenden Umständen; denn ich konnte gar keine Ahnung davon haben, daß es in seinen Händen war. Jener Redacteur hatte den Druck nicht verfügt, und Sie haben es, obwohl etwas gekürzt und verändert, dann in einer andern Zeitschrift abdrucken lassen. – Wohl hatte ich bei dem Lesen des Gedruckten Sie als Verfasser erkannt, aber eine entschiedene Gewißheit, die allgemein gültig wäre, ist solch ein Erkennen nicht. Es verdrießt mich auch übrigens nicht, daß Sie hart und unaufhörlich gegen mich urtheilen, ja, ich nehme sogar an, daß die dabei vorgefallenen Irrthümer nicht außer[243] Ihrem Glauben, nicht außer Ihrer Ueberzeugung liegen mochten; aber den Wunsch durft' ich stets haben: daß Sie es offen thaten, daß Sie nie verhüllen wollten: Ich bin's! – Schrieb ich doch nie eine Zeile, die Sie betraf, ohne daß ich mich stellte; denn selbst bei Uebernahme der Spener'schen Zeitungs-Recensionen nannte ich mich, und Iffland hat meinen Namen durch mich selbst erfahren in dem Augenblicke, als ich, nach Zusage an Spener, zuerst die Feder ansetzte. Und weil ich bemerkte, daß namentlich Iffland auf Andere den Verdacht warf, die es nicht ohne Nachtheil ertragen konnten, so that ich dasselbe auch bei meinen Corre spondenz-Artikeln für das ›Morgenblatt‹. Was Ihnen Iffland über mich mitgetheilt hat, darf ich nicht scheuen; ich besitze selbst unter mehreren Briefen von ihm an mich ein Schreiben von viertehalb Bogen, wo er, neben sichtlich scharfer Beurtheilung, wie ich sie gewünscht hatte, mir so viel des Löblichen und Erfreulichen sagte, daß ich ihn für überaus zweideutig hinstellen müßte, wenn er Ihnen so gar Entsetzliches über mich geäußert hätte, und Sie können meinetwegen rüstig damit heraus. – Der Name, den Ihr Pseudo-Correspondent dem Münchener Correspondenten gegeben hat, ist ein Spaß, für den ich mich des Beiworts enthalte: Jener mag ihn verantworten. – Was ich früher über Sie in verschiedenen Aufsätzen gestrichen habe, würd' ich auch heut' noch streichen; ich habe nur geäußert: Andere würden mir vorwerfen: ich hätte zu Gunsten Ihrer gekürzt; ich suche bei Andern Gerechtigkeit und Offenheit, Gunst hab' ich weder zu ertheilen, noch will ich sie jemals begehren. – Wenn ich von Krieg mit Ihnen sprach, so bezog sich das auf eine Stelle Ihres Briefes, und mein Gewissen hat[244] dabei die Vorempfindung, die Sie ihm zuschreiben, nicht gehabt, denn mein Kampf kann nur darin bestehen: Ihre Angriffe abzuwehren mit den Gründen, die mir zu Gebote stehen. Daß dies ›Ihrem guten Namen‹ gelten könnte, ist auch eine Muthmaßung, die Ihnen bei besserer Laune irrig vorkommen muß. Wenn Sie mich in die Nothwendigkeit setzen, mir eine bessere Achtung bei Ihnen zu erzeugen, so bitt' ich Sie, mir zu glauben, daß ich es nicht so albern anfangen werde. – Ueber einen Punkt Ihres Briefes, den nämlich, ›daß mir vielleicht das Talent fehle, meine Meinung auch da, wo ich nicht verwunden will, so zu sagen, daß sie wirklich nicht verwundet‹ – werd' ich mich noch recht ernstlich prüfen; ich habe mich stets um Milde bemüht, wo sie anwendbar ist, und darf mir nachsagen, daß ich es mit jedem Jahre um ein gut Stück weiter gebracht habe; – aber, Hand auf's Herz! wollen Sie Sich nicht ein bischen üben? – Und damit ich meine Uebung fortsetze, will ich lieber an ›Streit heben‹, als an ›Hebenstreit‹ denken, den Sie mir am Schlusse ihres Briefes als Aussicht hinstellen, und ich bin überzeugt, daß auch Sie einmal still bei sich denken: etwas Unrecht hast du ihm doch gethan! – Es ist möglich, daß in diesem Briefe das Gefühl der Kränkung spricht, welches mich aus Ihrer Antwort überfiel; aber ich seh' auch nicht ein, warum ich es hätte verbergen sollen. – Gebe ihnen der Himmel stets die Heiterkeit, die ich schon jetzt wieder gewonnen habe, nachdem ich diese Zeilen so tragisch begann!! und nehmen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von Ihrem


Berlin,

den 5. Dezember 1818.

ergebensten

F.W. Gubitz.«


[245] Müllners Antwort beschäftigt sich nun mit stärkerem Hebel, um zu erfahren, was ich ihm nicht enthüllte, auch schon deswegen nicht, weil es ja nur das öffentliche Schmähen vermehrt hätte. Sein Angriff wendet sich gegen eine Unschuldige, um auf solchem Wege mich zum Verrat zu reizen:


»Weißenfels, den 11. December 1818.


Ew. Wohlgeboren


Zuschrift vom 5. ist das Werk einer Besonnenheit, die ich ehre. Aber wegen des Manuscripts sehe ich noch immer nicht hell, und kann Ihnen unmöglich Offenheit zugestehen, wo Sie mich zum Beklagten machen, ohne mir den Kläger zu nennen. Redacteur, sagen Sie. Hätten Sie Redactrice gesagt, so hätte ich wenigstens eine Spur. Vor geraumer Zeit ist ein Aufsatz gegen Sie, in welchem man sich auf Ihr früheres Verfahren gegen mich berief, um eine mir fremde Sache zu vertheidigen, durch meine Hände gegangen, und diesen hatte Frau Therese von Huber, ich glaube nach monatelanger Zögerung, zurückgewiesen, vermuthlich, weil Sie Mitarbeiter des Morgenblatt sind. Daran that sie wohl, und bewährte den feineren Tact ihres Geschlechts. Hat sie aber eine Copie dieses Aufsatzes Ihnen mitgetheilt, so that sie schlecht, und bewährte einen hämischen Zeitungsschreibersinn. Schrieb sie Ihnen vielleicht gar, der Aufsatz komme von mir, so log sie nichtswürdig: denn so, wie er in ihre Hände gekommen, konnt' ich ihn nicht geschrieben haben. Ich mußt ihn erst von aller Persönlichkeit reinigen, und in Hinsicht der mich betreffenden Thatsachen berichtigen, ehe ich mich dazu[246] verstehen konnte, ihn an ein anderes Journal einzusenden und zu vertreten.

Im Uebrigen kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß die Widersacher, welche Sie durch Zeitungskritiken sich zugezogen haben, mir ungleich mehr Noth machen, als die Hebenstreitigkeit von 20 Journalen nicht vermögen würde. Jene ziehen oft alle Register, um ihre, bisweilen vielleicht ziemlich unreine Hand mit meiner Klinge zu bewaffnen, die sie ein paarmal wohl ganz leidlich durch die Literaturlust haben saufen hören; sie bedenken nicht, daß sie nur saust, wo es den Vortheil der Wissenschaft und Kunst, nicht eine abgeschmackte Rechthaberei gilt.


Ihr ergebener Diener

Hochachtungsvoll

Müllner.«


Eine Entgegnung war wieder unerläßlich; ich schrieb also:


»(Eilend.) Verehrtester Herr!


Ihre Vermuthung hinsichtlich der Frau Therese Huber ist ohne allen Grund; ich hab' es mit keiner Abschrift, sondern mit dem Manuscript zu thun, das Sie versandten. Ich habe über dergleichen Gegenstände von jener geachteten Frau nie eine Zeile bekommen, lege auch übrigens gar keine größere Wichtigkeit auf den besprochenen Aufsatz, als die: daß er mich überraschte und überraschen mußte. Wenn ich Ihnen den Einsender nicht nenne, überhaupt nichts bezeichne, so können Sie darin gerechter Weise wohl nur den Willen finden: daß ich Niemand compromittiren mag, wo es sich vermeiden läßt; ein Mangel an Offenheit liegt darin gar nicht. Was meine Ansicht, meine Gründe, meine Meinung betrifft, so kann ich darüber[247] bestimmen, und Sie werden mir nicht nachsagen können: daß ich mich dabei im Geringsten verbergen, oder nur schonen will; Andere darf ich aber nicht aussetzen. Wie angenehm es mir wäre, wenn wir Beide in Frieden leben könnten, wie gern ich dazu das Meine beitragen möchte, insofern es nicht feststehenden Grundsätzen widerstreitet – so glaub' ich mich doch auch stark genug, eher ein literarisches Anstürmen ertragen zu können, als Mancher, dem nicht eine gleiche Unabhängigkeit gegeben ist. – Nächstdem ist ja der Punkt, in welchem es sich auch in Ihrem letzten Schreiben handelt, eine Nebensache. Sie gestehen selbst zu, daß Sie sogar Aufsätze von Andern, die gegen mich gerichtet sind, bearbeiten und versenden. – Finden Sie denn das recht? – Daß ich Feinde habe, weiß ich, kenne Einige, die mir Kratzfüße machen und lieber einen Nackenstreich versetzten; das hindert mich aber nicht, den geraden Weg zu gehen, und den Zweizünglern meine Meinung in's Angesicht zu sagen. Die Schlechten mach' ich damit mir böser, das verhehl' ich mir nicht, aber dem kann ich doch nicht ausweichen. Man gewöhnt es sich gar zu leicht an – wie ich im Welttreiben täglich bemerke – durch falsche Höflichkeit und Eigennutz ein Schelm zu werden, und darum mag ich lieber den Zorn Anderer reizen, als in mir eine Verachtung meiner selbst erzeugen, die trübe Stunden – wie sie wohl jeder Mensch hat – zur Hölle machen muß. Ich habe, was mir wahr schien, vor Ihnen nie verheimlicht, mich selbst aber dabei auch nicht; ich habe Ihnen aber auch unzweideutige Beweise von Achtung gegeben; wollen Sie als Entgeltung auf heimliche Insinuationen hören, so muß ich mir das gefallen lassen. Ich kann und mag nicht auf gleiche Weise[248] Ihnen entgegen treten, sonst – wie Sie wohl leicht sich denken können – fehlt es an Dergleichen gegen Sie im geringsten nicht. Ich habe neulich wieder ein Manuscript lesen und zurückschicken müssen, das eine Art Biographie Ihrer enthielt; ich habe unreinen Geist darin erkannt und angenommen, daß nur Bekanntes mit Erlogenem geschickt vermischt war, und ähnliche Dinge sind viele zurückgeschickt, oder liegen noch in der Mappe. Wer öffentlich unbeliebte Meinungen ausspricht, wird gehaßt, und wer dieses Hassen begünstigt, muß ungerecht werden. Wer nicht selbst den Muth hat, seine Meinung frei und offen auszusprechen, bei Dem soll man doch billig Heimtücke vermuthen, und ihn nicht unterstützen. Doch – Sie wollen mich nun einmal schwarz sehen, und nichts von Dem wissen, was etwa für mich spricht – was soll ich thun? – Sie täuschen? – und zu denen Verehrern treten, die es doch nicht ehrlich mit Ihnen meinen? – Das würde ich sehr ungeschickt anfangen. – Auf die Seite Ihrer Widersacher mich stellen? – Dazu hab' ich zu viel wahrhafte Achtung für Sie und die Ehre meiner Gesinnung. – Schlagen Sie also nur zu; wenn wir uns jetzt begegnen müssen, gescheh' es denn im offenen Kampfe, sobald es nicht mehr zu vermeiden ist.


Mit Ergebenheit grüßt Ihr

F.W. Gubitz.«


Berlin, den 16. Dezember 1818.


Die Hoffnung, dieser widerwärtige Briefwechsel werde nun sein Ende haben, erfüllte sich noch nicht. In dem Trachten, durch ehrverletzende Wortwendungen neben selbstischer Musterblenderei meiner Aufwallung den verschwiegenen Namen zu entlocken, versuchte Müllner einen heftiger angreifenden Schachzug:
[249]

»Weißenfels, am 30. December 1818.


Es muß von Ihnen abhangen, ob Sie mir Denjenigen nennen wollen, der Ihnen ein von mir versendetes Manuscript tückischer Weise ausgeliefert haben soll. Nur muß ich im verneinenden Falle annehmen, daß Sie den ganzen Vorfall erfunden haben, weil ich nicht glauben mag, daß Sie die Discretion bis zur Verhehlung eines literarischen Betrügers treiben würden. Ob ich für recht halte, einen gegen Sie gerichteten Aufsatz aus fremder Feder zu bearbeiten und zu versenden, das hängt vom Inhalte des Aufsatzes ab. In demjenigen, welchen ich Ihnen bezeichnet habe, berichtigte ich literarische Thatsachen und kürzte die darin enthaltene Kritik eines Ihrer Dichtererzeugnisse ab. Diese Correctur kam nie aus meiner Hand, es wurde, nachdem der Verfasser sie gebilligt hatte, bloß eine Abschrift davon versendet. – Daß man es wagt, Ihnen solche Aufsätze zuzusenden, wie Sie erwähnen – schließen Sie daraus, verehrter Herr, wie sehr Sie verkannt werden, und wie leicht Nichtswürdige Sie für Ihresgleichen halten. – Daß Sie Feinde haben, ist natürlich, Sie sind Journalist; aber unter Denen, welche meinen Beistand gesucht haben, hat keiner die Absicht verrathen, Ihr Privatleben anzutasten. Wer mir die Zumuthung machte, dies vor das Gericht der Publicität zu ziehen, der würde sehr übel fahren. Ich kenne nur den Künstler und Schriftsteller Gubitz, vom Menschen Gubitz ignorir' ich alles, was sich nicht durch die erstgenannten öffentlichen Personen kund giebt.

Sie scheinen sehr viel davon zu halten, daß man öffentlich seine Meinung immer unter seinem Namen sage; damit brechen Sie fast allen kritischen Instituten[250] in Deutschland den Stab, die aus erheblichen Gründen das nicht einmal erlauben. Gerade dadurch scheidet sich die literarische Republik von der bürgerlichen Welt, ungefähr wie ein Maskenball vom Geschäftsleben. Nicht immer maskirt man sich, um wirklich unerkannt zu bleiben. Sie begreifen das! Aus diesen Ansichten nehmen Sie die Antworten auf Ihre Frage. Das Zuschlagen, wie Sie es nennen, klingt nicht sein. Nicht alles, was uns verwundet, ist ein Schlag, und das eigentliche Zuschlagen mit Spott- und Schimpfreden verwundet nicht; es thut sogar der Eitelkeit wohl.

Ich halte nun, insofern Sie bei Eingangs gedachter Verschweigung beharren, unsern Stoff der Privatcorrespondenz für erschöpft und grüße Sie freundlichst nach der Sitte Fouque'scher Ritter.


Ergebenst

Müllner.«


Müde eines Hin- und Herschreibens, bei dem der »Den von Weißenfels« trotz seiner beschönigenden Querzüge immer gallensüchtiger eingriff und mir den friedlichsten Willen empörte, erhielt er schließlich nur die wenigen Zeilen:


»(Eilend.)« Ew. Wohlgeboren


letztes Schreiben sucht darzutun, daß Sie nie gegen den Menschen Ihre Anfälle richten, und doch ist gleich der Eingang dieses Schreibens: »daß, wenn ich Ihnen den Einsender des besprochenen Manuscripts nicht nenne, Sie annehmen müßten, ich hätte den ganzen Vorfall nur erfunden«, so sehr nur gegen den Menschen gerichtet, daß ich im gerechten Unwillen darüber weiter kein Wort verlieren mag. Eine unendliche Last von Geschäften hat mich bisher verhindert, so manche lügenhafte[251] Angriffe von verschiedenen Seiten unbeachtet zu lassen, auch war dies recht gut, um über Dergleichen mehr Ruhe zu gewinnen; ich hoffe aber recht bald, Ihnen und Vielen zu beweisen, daß Sie über Manches gar sehr im Irrthum sind, und ihn fördern. Nicht was man annehmen will, sondern was da ist, und in der Wahrheit ist, das entscheidet!

Berlin, 5. Januar 1819.

Ergebenst

F.W. Gubitz.


Was nun bald nach Empfang des Abschlusses dieser brieflichen Plagen der Ergrimmte getan hatte, erhellt sich aus meiner im »Bemerker« zum »Gesellschafter« (1819. Bl. 34) abgedruckten


»Erklärung zu einer Berichtigung«.


In Nr. 34 der »Zeitung für die elegante Welt« findet sich folgende Berichtigung:

»Die Verlagshandlung der Berlinischen Zeitschrift: der Gesellschafter fährt fort, wie ich sehe, meinen Namen unter den Mitarbeitern derselben zu nennen. Das ist ein Irrthum, ich nehme weder schreibend noch lesend mehr Theil an diesem Tageblatte, und habe davon den Herrn Herausgeber schon im letzten Monat des vorigen Jahres unterrichtet.


Müllner.«


Die Verlagshandlung versandte eine Anzeige, die vor dem Jahresschlusse gedruckt war, wie dies aus den ersten Zeilen: »Diese Zeitschrift beginnt mit 1814 ihren dritten Jahrgang« deutlich hervorgeht. Schon im Umschlage des Dezember-Heftes ist der Name Müllner weggelassen, auf des Herrn Hofraths Verlangen, dem ich eher zu willfahren vermochte, als daß ich dessen Ansichten unbedingt zu den meinigen machen konnte. – Wäre Hr. Hofrat Müllner als Mitarbeiter dieser Zeitschrift[252] sehr thätig gewesen, so würde sie dadurch verloren haben, daß er schreibend nicht mehr Theil nimmt; wenn er es aber auch lesend nicht mehr thut, so verliert sie dadurch gewiß nichts. Mir aber ist es unter den obwaltenden Umständen leid, mit einem geistvollen Schriftsteller nicht in angenehmer Berührung stehen zu können.

Berlin, den 25. Februar 1819.


F.W. Gubitz.


Nun war ich des Glaubens, ich würde künftig niemals wieder Einsendungen für meine Zeitschrift von Müllner empfangen, dieser Glaube hat sich aber nicht bewährt. Gar zu große Umwege in der Zeitfolge abzuleiten, muß ich aber für weiteres und ärgeres, wodurch er sich als Rechtsgelehrter sehr bitteres zuzog, erst später in meinen Aufzeichnungen mit ihm wieder zusammenkommen.

Bei Schilderung der Begegnisse mit dem Weißenfelser Streitsucher will ich mein Bemühen für den Schauspieler Friedrich Wilhelm Lemm naherücken, weil dies zu Müllners Bühnengaben auch etwas in Beziehung ist.

Ein im Nachruhm lebender Schauspieler, in Berlin geboren, auch lebenslang nur Mitglied der zu seiner Zeit einzigen, bei Lemms Anfängen von Iffland verwalteten Berliner Bühne, läßt schon dadurch vermuten, daß es ihm nicht leicht geworden, eine hervorragende Stellung zu gewinnen, und so ist es auch gewesen. – Lemm war der Sohn eines nicht wohlhabenden Berliner Bürgers und etwa neunzehn Jahre alt, da führte ihn (1801) seine Neigung zum Theater. Dort mußte er von der untersten Stufe an dienen, und brachte es nach elf Jahren nur bis zu Nebenrollen geringfügiger[253] Art. – Seine Gestalt war eine günstige, der Gesichtsausdruck belebt und berührig; Gewandtheit und Schliff der Bildung in Bewegungen und Geberden mangelten ihm lange: sein Sprachton aber hatte Kraft und Klang in Fülle.

Erst im Jahre 1813 scheint Iffland etwas mehr als früher auf Lemm geachtet zu haben; daß es, wie man wiederholt drucken ließ, gar nicht geschehen, könnte schon widerlegt sein aus dem bereits eingeordneten Briefe Ifflands vom 23. September 1813, der für mein von ihm zu günstig beurteiltes Trauerspiel: »Ein Tag des Schicksals«, den von mir in der Rollenbesetzung zum »Landenberg« bezeichneten Hrn. Lemm als richtige Wahl anerkannte.

Als nun bald Graf Brühl Generalintendant wurde, begannen für Lemm glücklichere Jahre; er empfing nach und nach der Hauptrollen mehr, und auf seine freundlichen Wünsche eingehend, habe ich ihn mit bestem Willen unterstützt im Einstudieren des »Valeros« (Müllners »Schuld«), »Kurt Kuruth« (in Werners »vierundzwanzigstem Februar«), »Antonio« (Goethes »Tasso«), Kotzebues »Abbé de L'Epée« und »Yngurd«, auch noch in minder namhaften Rollen, stets in dem angebahnten Gange, daß er mir über jede ihm neue Aufgabe vorweg seine Ansicht schriftlich darzulegen hatte. Wir waren dann auch oft in Familienkreisen beieinander und wanderten nicht selten zur Erholung im Freien. Besonders erinnere ich mich mit Vergnügen mancher Sommertage in den Jahren 1815 und 1816, wo Lemm, meine Frau und ich nach einem Dorfe schritten, unterwegs nach dem Allerlei auch Kunstgespräche laut werden ließen und sie dort bei dem idyllischen Genuß von Milch[254] und Schwarzbrot fortsetzten. – Begreiflich wuchs mit seiner wichtigeren Beschäftigung auch die Gage Lemms, aber doch nur sehr langsam und spärlich, bis er sich im Jahre 1818 in der Stellung sah, Forderungen entschieden geltend zu machen. Dies ereignete sich nach einem ruhmreichen Gastspiel auf dem Burgtheater Wiens, dessen damalige Zustände er mir neben dem Erfolg seines dortigen Kunstwirkens brieflich schilderte.

In bezug auf Lemms Klage, daß er keine Antwort bekomme vom Grafen Brühl, sprach ich mit diesem geistreichen und in aller Hinsicht wohlgesinnten Generalintendanten, und ward nun für jenen Vermittler eines lebenslänglichen Kontrakts, durch den Lemm auch im Geldpunkte den bevorzugtesten Mitgliedern des Königlichen Theaters gleichgestellt wurde. Die Steigerung der Summe war eine so bedeutende, daß nicht nur Lemm, sondern sogar ich wegen meiner Mithilfe vom Neide angefochten wurde. Namentlich griff mich einmal Bethmann in einer zahlreichen Gesellschaft lebhaft und erbittert an wegen – nach seinem Ausdruck – »Poussierung meines Zöglings, der das r gerade so schnarre wie ich«, was ich lachend und belacht abfertigte mit der Entgegnung: »Schade, daß im Wort Neid kein r ist, ich schnarrte es Ihnen sehr gern, aber Ihrem Papagei studieren Sie es ein, der schnarrt's!«

Indessen hatte sich Lemm im Emporsteigen auch wunderlich verwandelt, und das Mißhellige seiner Anschauungen ward nun nach einer andern Seite verführerisch. Daß ihn der Mehrerwerb an Beifall und Vorteil erhob, fand ich eben so erfreuend als begreiflich; aber seine Aufgeregtheit wollte jetzt nicht die geringste Wahrnehmung gegen seine Kunsttätigkeit er tragen. Wie[255] offenbarer noch, als andere Menschen, die meisten Schauspieler für gefällige Bemühungen leicht das Gedächtnis verlieren, lehrte mir zuerst Lemm, obwohl bei seinem, im Grunde redlichen Willen manches in Anrechnung krankhafter Phantasie, die eilig von Gehässigkeit träumte, sehr verzeihlich war, von mir auch duldsam behandelt wurde. Daß er mich nach seiner Rückkehr von Wien niemals wieder um Rat fragte bei neuen Rollen, war mir lieb: ich hatte ihm genug an Zeit geopfert; wenn er jedoch den leisesten Widerspruch im öffentlichen Urteil als feindlich betrachtete, dann machte sich sein überspannter Verdruß unleidlich. Ein Ereignis der Art – ich darf zu Lemms achtungswertem Andenken sagen: es war das von ihm übertriebenste – wird die ihn zuweilen verblendende Grillenhitze deutlich machen.

Im Februar 1820 kam Calderons »Don Gutierre« auf Berlins Bühne. Bei dem Besprechen der Darstellung, in der Ludwig Devrient nicht an ihm geeignetster Stelle stand, ließ ich drucken: »Die Wirkung wäre gewiß allgemeiner gewesen, hätte Herr Lemm oder Herr Wolff den ›Don Gutierre‹ gehabt, und in einer Dichtung, wo besonders auch die Kontraste in den Charakteren wirken sollen, wie es hier der Fall ist, hat die Besetzung jeder Rolle entscheidenden Einfluß, um so mehr die der Hauptperson.« – Im Weiterführen des Berichts ist dann zu lesen: »Herr Lemm (›König‹) hat, dem schwankenden Wesen in seiner Aufgabe zu sehr folgend, mehr nuanciert als nötig war, doch gab er gelungene Einzelnheiten, und um meiner Meinung hier die Beachtung noch zu schwächen, bemerke ich: daß er vielen besser gefallen hat als mir.« (»Gesellschafter« 1820. Bl. 85.) – Da wird wohl jeder erstens einsehen,[256] daß sich kein Übelwollen gegen einen Schauspieler ahnen lasse, wenn man für ihn, selbst vor P.A. Wolff, die Hauptrolle in Anspruch nimmt, und zweitens kann sogar das über Lemm Geäußerte bezeugen, wie ich bedächtig seine immer wunde Verletzbarkeit zu schonen trachtete, ohne doch zu verleugnen, was mir Wahrheit schrien. Aber welch eine lästige und langwierige Plagerei erweckten diese wenigen Zeilen! Lemm lief zu allen uns gemeinschaftlichen Bekannten, mit zornströmender Wortfülle mich anklagend, und wer weiß wie oft mußte ich in verschiedener Umänderung hören: »Was haben Sie denn unserm guten Lemm getan!« Das dauerte, ohne irgend ein Zutun meinerseits, bis zum Schluß genannten Jahres: da hatte sich einstweilen seine Grübelsucht bekehrt. Am 1. Januar 1821 kam er durch das Familienzimmer zu mir, schob nur den Kopf durch die Tür und fragte: »Darf ein Narr sich unterstehen, einzutreten?« Nun bekannte er sein Unrecht, und der Bitte um Verzeihung fügten sich die für den Neujahrstag gebräuchlichen Wünsche an. – Eine beruhigende Stimmung konnt' es aber bei Lemm nicht lange aushalten, auch nicht, als er sich verheiratet hatte. Nach meinem Glauben fand er für sich in den ersten Jahren seiner Ehe mehr Zufriedenheit des Gemüts; ich sah ihn da in Familienkreisen sehr heiter und gesellig, besonders noch überall willkommen durch seine Fähigkeit des Nachahmens in bezug auf Manieren seiner Kunstgenossen und die Berliner Sprechart bei den unteren Volksschichten. Der bei ihm eingekehrte Hausfriede flüchtete sich aber: ihn befiel die Eifersucht – vermöge meiner Ansicht und der Schlußfolge aus Lemms bereitwilligem Argwohn – ohne gültige Beweise. Gar oft mußte ich[257] weitschweifige Klagen hören über Verhältnisse, bei denen das Nichteinmischen am ratsamsten ist. Jedoch meinend, es diene zu seiner Erleichterung, wenn er sich aussprechen konnte, versuchte ich mit eigener Geduld, die seinige zu fördern, was mir aber gegen Lemms Leidenschaftlichkeit in diesem Unheil niemals gelingen sollte. Er war und blieb voll innerster Empörung und ich gedenke stets mit Bedauern des ihn fieberisch durchzuckenden Zustandes, bei dessen Steigerungen er mich einst mit Heftigkeit in ein Haus der Leipziger Straße zog, und mich dort beinah eine Stunde lang festhielt mit angeblichen Bestätigungen seines Unglücks, die mir jedoch nicht als Bewährung eines Verdachts einleuchteten. Was ich erwiderte, es nutzte nicht, denn der Einspruch hilft selten gegen das leidenschaftlich Eingebildete: es ist unüberwindlich für die Vernunft, sie wirkt nur bei dem, der sich zu beherrschen vermag.

Bei Lemm war die fast beharrliche Aufregung, wie ich sie, um ihn erklärlich zu schildern, hervorheben mußte, noch dadurch erhöht, daß sein Eifer – es ist nicht zu verschweigen, weil sich hierin teils die Ursache, teils die rasche Zunahme seiner Krankhaftigkeit enträselt – gewichtiger war als sein Geist. Was er aber erfaßt hatte – in der Regel das Treffende – hielt er folgerichtig fest, und überall setzte er die ganze Eigentümlichkeit mit vollstem Vermögen ein. Noch bei Lebzeiten Lemms urteilte über ihn Hermann Marggraf bezeichnend genug in den wenigen Zeilen: »Seine Kraft scheint im Verlauf der Darstellung anzuwachsen, er erscheint von Szene zu Szene bedeutender, er hat ein Übermaß von physischer Kraft zu verwenden. Man beschuldigt ihn der Manier, aber es ist eine edle Manier,[258] und ich wünschte, alle unsere Darsteller hätten eine solche. Herr Lemm ist noch halb mit dem Geist der alten Schule verwachsen.« (»Gesellschafter« 1834. Bl. 154.) Bei seiner Kräfte Opfermut auf der Bühne, und der dadurch begünstigten Aufwallungshaft bei wirklichen, oder zur Selbstpein erfundenen Widerwärtigkeiten in Lebensverhältnissen, war es unvermeidlich, daß Lemm seinen mannhaften Körper in frühe Zerrüttung trieb. Die Krankheitsanfälle erneuerten sich in immer kürzeren Fristen, und schon im Jahre 1825 war er so hinfällig, daß er beinahe zwei Jahre der Bühne entzogen blieb. Kaum in der Genesung, stachelte ihn der Drang zur Tätigkeit, nach jeder Wiederkehr wurde er mit Beifallsfülle begrüßt, bis er endlich dem Krankenlager nicht mehr entkam. Er starb am 16. Juni 1837.

Viel, sehr viel, und in mancher Weise überschwengliches ist über die Kunstfülle des Meisters Ludwig Devrient zu lesen; ich beschränke mich auf das mit ihm Erlebte und die sich in mir erzeugte Ansicht. – Seine Berufung nach Berlin ward im Jahre 1814 von Iffland, kurz vor dessen Tode, in Breslau abgeschlossen, und als »Franz Moor« begann Devrient seine Tätigkeit auf dem Königlichen Theater der Residenz am 1. April 1815. Genaues wußte ich von ihm nicht; der Ruf hatte ihn als »Genialen« ausgezeichnet, und die Schauspielfreunde Berlins waren in gespannter Erwartung.

Zu jener Zeit herrschte nicht die strenge Anordnung, daß in den schmalen Seitengängen der Sperrsitzplätze niemand stehen dürfe: eine Maßregel, die keineswegs zu tadeln ist. Ich stand an der Direktionsloge, in der bei bedeutenden Bühnenereignissen, zufolge des ihr von [259] Iffland erteilten Rechts, auch Friederike Bethmann saß, und während der Zwischenakte sprachen wir zuweilen miteinander. – In regster Aufmerksamkeit betrachtete ich das Gebilde Devrients; nach dem ersten Akt sagte ich mir: dieser Schauspieler hat die Einsicht, daß man nicht schon durch das Äußere am »Franz Moor« die Natur beschuldigen solle, sie habe alles Widerwärtige zusammengerafft, um ein unübertreffliches Musterbild menschlicher oder eigentlich unmenschlicher Häßlichkeit zu schaffen. Man merkte es an der kleidsamen, einem vergangenen Jahrhundert zugehörigen Adelstracht in Schwarz, daß sie für die Gestalt verbessern sollte, was zu verbessern war, und der Mantel in Purpurfarbe, mit Goldgeschmück umsäumt, ließ den anspruchsvollen Sohn eines »regierenden Grafen« erkennen. Das Gesicht aber wollte die mephistophelischen Züge nur mit Widerstreben verleugnen, wobei Devrients lange, auffallend verschiefte Nase unter schönen, aber unheimlich ruhelosen Augen, nächstdem die Zuckungen in rasch veränderlichen Mienen sehr behilflich waren. Diese, der Persönlichkeit Devrients angeprägten Eigenschaften wirkten durch sich schon, besonders zum Gebilde des »Franz Moor«. Die Sprache hatte bei ihren geschmeidigen Tonabstufungen im Heuchlerischen und verdeckt Hämischen stets mehr oder minder doch – wie unwillkürlich – eine beigemischte Schärfe; im Gesamten erschien mir Devrient innerhalb des ersten Akts als bedächtig und geschickt, stellte sich mir aber nicht höher als mancher andere Schauspieler tüchtiger Art, der noch etwas beklommen vor einer ihm fremden Menge der Theaterbesucher steht. Das hervorragend Schöpferische sprach jedenfalls mehr durch seinen beweglichen Gesichtsausdruck,[260] als durch den Geist in seinem anerkennenswerten, jedoch nicht immer flüssigen Redevortrag. – Die Zuschauer waren sichtlich teilnehmend geworden, hatten indes nur laue Beifallszeichen hören lassen, und nachsinnend vergaß ich, die Bethmann über ihre Meinung zu befragen.

Im zweiten Akt nahm das Selbstgespräch des »Franz Moor«, bei dem er das »Arsenal des Todes« überschaut, meine Einbildungskraft mit hinreißender Gewalt gefangen; meine jugendliche Lebendigkeit geriet bei der mir unbegreiflichen Steigerung eines spottfrohen und mordlustigen Zerstörungstriebs in Aufruhr, und plötzlich, ganz vergessend, wo ich war, rief ich unwillkürlich aus: »Der Mensch ist betrunken!« Das machte, obwohl es nicht überlaut geschah, in meiner Nähe Aufsehen, und ein Schlag auf den Kopf vom Fächer der Bethmann brachte mich zwar zur Besinnung, doch nur soweit, daß ich ihr meinen Ausruf beteuerte, wonach sie flüsternd mir entgegnete: »Nun ja, er mag betrunken sein, aber halten Sie nurs Maul!« Ich wiederhole genau ihre Worte, um es einigermaßen deutlich zu machen, in welcher aufwallenden Erregtheit ich gewesen sein muß.

Vom erwähnten Selbstgespräch an hatte die Darstellung Devrients Unübertreffliches im wachsend Grausenhaften, in den starrsinnigsten Kämpfen des »Franz Moor« gegen alles, was Hindernis wird bei seiner hab- und herrschgierigen Selbstsucht, die ihn zu den unmenschlichsten Frevlern, dann zum Selbstpeiniger aus der gestachelten Übermacht des Gewissens, endlich zur Verzweiflung treibt. Die im Eindrucksdrange mit dem Darsteller wetteifernden Zuschauer äußerten nun[261] immer lebhafter die erhöhte Anteilnahme, nach damaligem Maßhalten sehr gesteigerten Grades. Innig ergriffen folgten sie dem Enthüllen des ungeheuerlichen Selbstsüchtlers in andächtiger Stille der Erschütterung; lauter Beifall machte dem schauerlichen Empfinden nur Luft nach den Aktschlüssen, und der Hervorruf wurde zurückgehalten bis zum Ende des gefühlszermalmenden Trauerspiels. – Zu jener Zeit waren die Beifallszeichen im Theater noch von Urteilsfähigkeit beherrscht, nicht vom handwerklichen Belieben derer, die Söldner sind, und verstärkt werden durch hirnlose Nachäffer des tönend mitspielenden Lärms.

Über Devrients Mächtigkeit als Schauspieler mehre ich nicht das doch eigentlich in seinem Tiefsten unbeschreibliche, füge mich meist und hauptsächlich meinem Zwecke, eben nur das mit dem Künstler Selbsterlebte zu berichten, wobei sich meinerseits die ihm bewahrte Wertschätzung bezeugen wird, wenn auch nicht mit prunksuchenden Worten. – In bezug seiner ersten Rolle auf der Berliner Bühne sei nur noch gesagt, daß am nächsten Abend die Bethmann mir erzählte: Devrient habe schon vor Beginn der Darstellung, dann während des ersten Zwieschenakts zur Anstachelung berauschendes Getränk in sich hineingestürzt. Mit meiner durch Verlautbaren »etwas toll gewordenen Ausschweifung bei dem Einwirken eines Schauspiels« neckte sie mich noch zuweilen; ich hätte mir das gern öfter gefallen lassen, leider wurde sie aber dem Erdenleben entrückt wenige Monate nach Devrients Erwerbung für Berlin.

Damals war ich noch Berichterstatter für Cottas »Morgenblatt« und die »Spenersche Zeitung«. In solcher Stellung wird man von Schauspielern und[262] Schauspielerinnen besucht, nach alter, wie ich meine, für beide Teile nicht angenehmer Gewohnheit. Devrient besuchte mich nicht; das war meiner Gesinnung nebenher ein Zeugnis vom Gefühl künstlerischer Selbständigkeit, und ohne Kenntnis über ihn hatte ich keinen Grund, einen andern Grund auch nur zu ahnen. So verging beinahe ein Jahr, ehe ich persönlich mit ihm zusammentraf, während er sich in dieser Zeit mit »Callot-Hoffmann« – nun Kammergerichtsrat – verbrüderte, sich dessen Abend- und oft Nachtgesellschaften in der Weingasterei bei Lutter und Wegener anschloß, was den körperlichen Zuständen Devrients verderblich war. Ein bei mir seltenes Erscheinen im Wirtshause vermittelte mein erstes Zusammentreffen mit ihm, etwa im Februar 1816.

Ein mir befreundeter Berliner Bankier hatte Hamburger Geschäftsverbündete in das damals besuchteste Gasthaus Dallachs zu führen, und ich mußte Beisitzer zum Mittagsmahle werden. Uns in der Nähe sahen wir Devrient mit einem Kaufmann aus Breslau, der auf unserer Seite Bekannte fand, und ersucht wurde, mit jenem zu uns herüberzukommen. Das mußte sich der, nach meiner späteren Erfahrung etwas menschenscheue Devrient gefallen lassen. Wortkarg saß er neben mir, und im Gespräch bestanden seine Antworten fast nur aus versuchten Abkürzungen, was ich nie unbemerkt ließ, weil es mich ergötzte. Zwischeninne ergriff er jedoch die Gelegenheit für das Gesamtgesellige, und erzählte Geschichtchen mit eindringlicher Laune und höchst ausdrucksvollem Mienenspiel.

Das Mittagsmahl zog sich in die Länge; bei dem Kaffee wurde den Handelsherren das Nebenzimmer anlockend[263] zu einem Spielchen – offen gesagt zum Hazardieren – und jetzt blieb ich allein mit Devrient, der Gast des Breslauer Kaufmanns war und das Verweilen zugesagt hatte. Er benahm sich nun redseliger, und in den gegenseitig berührsam gewordenen Äußerungen über Bühnenverhältnisse machte mich ein Anflug von ehemaliger Liebe zur Kanzel so freimütig, ihn vor dem Mißhandeln seiner Kräfte zu warnen. Meine Kenntnis von Krankheiten ist – Gott sei Dank! – seltsam gering; ich weiß nur: man muß in Regelmäßigkeit mit seiner Natur vertraut umgänglich werden: das erwidert sie in Wohltat an Körper und Seele. Was ich jedoch hinsichtlich der Folgen eines täglichen Überreizes durch aufregende Getränke zu schildern wußte, das sprach ich dem still zuhörenden Devrient zugunsten der Schonung seines Kunstvermögens in unverletzlicher Weise mit Offenherzigkeit aus. Dies veranlaßte für mich eine sehr peinliche Wendung; er verurteilte sich selbst in Grund und Boden, klagte seine jämmerlich nachgiebige Schwäche an, tat dies endlich bei fließenden Tränen, so daß ich ihn mit angelegentlichster Mühe nicht beruhigen konnte, und mir zuletzt damit half, ihn zu einem Gange ins winterlich Freie zu bereden. Wir gingen vom Gendarmenmarkt bei Laternenschein unter den bereisten Linden bis zum Brandenburger Tor, dann, vom Versprechen gefesselt, wieder zur Gesellschaft.

Am Spätabend erheiterte Devrient, nur mäßig trinkend, alle durch nicht laute, aber bühnenartig in Witzlaune geschärfte Lustigkeit, die nach jeder Seite hin den angebornen Beruf zum Schauspieler hervorleuchten ließ. Seine geübte Naturgabe, sowohl äußerlich als geistig Eigentümliches aufzufassen und anschaulich zu[264] machen, ward meisterlich bei dem Erzählen kleiner Lebenszüge, und wie unwillkürlich versinnlichten Mienen und Gebärde die in seinem Vortrage beteiligten Persönlichkeiten.

Bald nach diesem Tage bezweckte ich die Darstellungen auf der Bühne im Opernhause für den »Vaterländischen Verein«, und wünschte die Mitwirkung Devrients. Er gab ohne Zögern die bestimmteste Zusage, wonach er in meinem Schauspiel »Liebe und Versöhnen« die Rolle des »Caspar Laufer« erhielt. Da mir der General-Intendant Graf Brühl erklärt hatte: zu den Proben der mannigfachen Einzelnheiten des Darzustellenden könne mir erst am Tage vor der öffentlichen Aufführung das Opernhaus überlassen werden, sah ich mich genötigt, mir in meiner Wohnung zu helfen. Für einen Abend hatte ich nun auch Devrient, der Schicklichkeit gemäß zugleich seine Gattin, die nicht mitbeschäftigt war, zu mir gebeten. Versammelt waren bereits die Schauspielerinnen Luise Schröck und Auguste Düring (dann Stich, später Crelinger), die Schauspieler Lemm, Maurer und Rebenstein in; die Gattin Devrients war ebenfalls gekommen, wer aber fehlte, das war er. Immer besorgter warteten wir auf ihn; wahrscheinlich dadurch geängstigt, wurde die Frau von Krämpfen befallen, und es mußten schleunigst Hilfsmittel herbeigeschafft werden.

Schon hatten wir von sechs bis acht vergebens auf die Ankunft Devrients gehofft, da entschloß ich mich, ihn aufzusuchen. Aber wo nun? – Diese Frage beantwortete sich wie von selbst im Kreise der Anwesenden bei lachendster Einstimmigkeit, und rasch war ich auf dem Wege zu Lutter und Wegener. Dort war aber [265] Devrient nicht; vermöge der dringlichen Umstände machte sich der Verdruß über mein verfehltes Unternehmen erkennbar, indem ich durch Fragen zu entdecken suchte, wo der Säumige sein könne. Da winkte mir aus dem Hintergrunde mit sehr vorsichtiger Gebärde der Oberkellner – derselbe, von dem einst Devrient, als er um Zahlung gemahnt wurde, mit den Worten des »Franz Moor« feierlich äußerte: »Dieser Karl fängt an mir fürchterlich zu werden!« – und ich folgte dem Wink nach dem Hausflur. Hier vertraute mir der dienstwillige Karl:

»Wenn sich Herr Devrient einmal verstecken will, dann hat er seinen Schlupfwinkel an der Schützen- und Markgrafenstraßen-Ecke bei einem Materialisten, der auch mit Wein handelt; heut ist er ganz gewiß dort, läßt sich aber immer verleugnen. Da haben Sie nur in den Laden zu treten, um nach irgend was zu fragen, sich dann rasch einer Tür zu nähern, die verhängte Glasscheiben hat, und sie dreist zu öffnen: da werden Sie ihn erwischen!«

Dieser Fährte folgte ich, trat in dem Laden, wo glücklicherweise ein paar Käuferinnen abzufertigen waren, ohne Behelf wie mir geraten, und richtig: da saß Devrient ganz allein vor der Flasche und dem Glase. Seine höchst komische Betroffenheit reizt mich noch in der Erinnerung zum Lachen. Er war plötzlich in sich geduckt, als wolle er sich verbergen, und meine Anrede: »Guten Abend, Herr Devrient!« erwiderte er nur mit stöhnendem Laut und scheuem Aufblick seiner unruhigen Augen. Bittend trieb ich ihn an, mir eilend zu folgen, wozu er in den ersten Augenblicken nicht die geringste Anstalt machte. Endlich stotterte er verlegen: »Ich habe[266] unterwegs die Rolle verloren, und schämte mich zu Ihnen zu gehen, weil ich sie noch nicht im Kopf habe.« Ich konnte und wollte diese, mir in bezug des Verlierens sehr zweifelhafte Angabe nicht bestreiten, antwortete also nur: »Das ist kein Hindernis; Sie lesen Ihren Teil aus dem Souffleur-Buch, und noch heut wird die kleine Rolle neu ausgeschrieben.«

Er mußte mir folgen, wurde mit jauchzendem Zuruf empfangen, las bei der Probe aus dem Souffleur-Buch, und als wir nachher zum einfachen Mahl gingen, zog er die Rolle aus der Tasche und sagte mit den schalkhaftesten Mienen und dem gutmütigsten Ton: »Nochmals bemühen will ich Sie doch nicht!« Tages darauf, in der Vorstellung, war er freilich des Einbläsers im Kasten sehr bedürftig und zuweilen wurden ganz andere Worte einstegreift; Meister Ludwig Devrient schuf aber seinen »Caspar Laufer« dennoch zum treffendst ausgeprägten Bilde.

Aus dem Vergangenen hebt sich mir jetzt die Sonderbarkeit hervor, daß mein drittes gesellschaftliches Zusammenkommen mit Devrient sich wieder mit der Weinwirtschaft verbinden mußte, was begreiflich nur für mich, der ich lebenslang öffentliche Gastorte möglichst vermied, ein wenig merkwürdig ist. – Im März 1819 gab Nagel, derzeit Regisseur des Breslauer Theaters und ein durch Natur und Übung geförderter Schauspieler, Gastrollen auf der Berliner Bühne. Der Hofrat Karl Stein, früher Schauspieler und auch als Schriftsteller bekannt, mochte trotz seiner spärlichen Geldmittel von jenem ihm Befreundeten sich nicht ohne einen mäßigen Abendschmaus trennen; dazu waren der Theatersekretär Esperstedt, den man damals auch als Souffleur beschäftigte,[267] und ich eingeladen. Beide schickten wir Absagen, Esperstedt, weil er soufflieren mußte, ich, weil ich arbeiten wollte; mich aber beredete Stein bei einem Besuch, ihn nicht mit Nagel allein zu lassen, und wir drei waren Abends vereint »bei dem Italiener«, wie man sagte, obschon der Wirt den deutschen Namen Dietrich hatte. Gegen elf meinte Stein: es müsse noch eine Abwechslung stattfinden; es kamen Lutter und Wegener in Vorschlag, ich aber weigerte mich sehr entschieden, ließ mich dann endlich zu einem Glas Eis bei dem damals gerühmten Konditor Teichmann beschwatzen. Dort, unter den Linden, war das Geschäft zu meiner Freude schon geschlossen, und nun wollte man mich nach meiner Wohnung begleiten. Der Weg führte an dem genannten Weinhause vorüber; der fast sechs Fuß hohe, derbkräftige Nagel und der auch handfeste Stein hatten aber, wie sich nachträglich entdeckte, einen Gewaltstreich verabredet: der eine ergriff mich bei den Schultern, der andere bei den Füßen, und so, wie sehr ich widerstrebte, schleppten sie mich hinein, gradhin in das Eckzimmer, wo Devrient und Callot-Hoffmann samt ihrem Anhange saßen.

Tobende Luft begrüßte in solchem Kreise, wo mancherlei Überspannung herrschte, den an mir vollbrachten Zwang; ich mußte mir ein Zutrinken gefallen lassen und es selbst üben. Den Ärger bekämpfend mit der Gewalt des Übermuts, unterwarf ich mich dem Schicksal, und da ich in jener Zeit eben viele der Schriften des Paters Abraham a Santa Clara gelesen hatte, so machte ich mir den Spaß, meinerseits mit seiner Art die Unterhaltung zu mengen, was selbst bei Übergängen zur Strafpredigt der allgemeinen, unzweifelhaft etwas tollen[268] Stimmung behagte. Nach meiner Wohnung kam ich jedoch erst morgens vier Uhr, und aus jenem Eckzimmer habe ich mir den unvergänglichen Widerwillen gegen Champagner geholt, was gewiß kein Unglück ist. – In jenen Nachtstunden blieb Devrient fast schweigsam mitten im schwirrenden Lärm, schaute meist wie tiefsinnig vor sich hin; – er dachte vielleicht drei Jahr zurück an meinen, sich als fruchtlos erweisenden Abmahnungsversuch.

Von da an bin ich überhaupt nicht wieder anders mit Devrient zusammengetroffen als im Begegnen auf der Straße, wo auch niemals ein erwähnenswertes Gespräch entstand. Seine Rede war stets wie in Verlegenheit abbrüchig, sein ganzes, aus Gutmütigkeit, Mißtrauen und Argwohn gemischtes Wesen schien immer auf dem Rückzug, denn er wußte, daß ich die, durch beinah ausschließliche Verbindung mit jenem vielleicht geistig antreibenden, aber körperlich aufreibenden Kreise beeilte Selbstzerstörung seiner Kräfte nicht unbeachtet ließ. Bei seinen bald schneller sich mehrenden Krankheitsanfällen wurde sogar einmal im »Gesellschafter« (1822. Bl. 20) öffentlich ausgesprochen: »Devrient ist wieder auf der Berliner Bühne aufgetreten und die Teilnahme äußerte sich lebhaft. Möge Hygeia mit ihrem Gerstenbrot (Maza) ihn erkräftigen und mit ihrem zweiten Sinnbilde, der Schlange, ihn daran erinnern, daß solch ein Schlangenwesen nicht nur die ersten Eltern zu verbotenem Genuß verleitete, und daß man mithin jeden Versucher sich fern halten müsse.«

Er hielt sich aber den, ihn schon in Dessau und Breslau begleitenden Versucher, der sich für Berlin in der Gestalt des Callot-Hofmann seiner bemächtigte,[269] nicht fern, und als dieser nach langer Qual in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahre (1822) starb, war Devrient so im Vorschreiten seiner Hinfälligkeit, daß ihm ein Übermaß starker Getränke als Ernährung unentbehrlich war, um sich tagweise aufrecht zu erhalten. Auch auf der Bühne wurden die Folgezeichen sichtlich in den krankhaft verzogenen Händen und in der mitunter sehr auffälligen Schwächung des Gedächtnisses und Gehörs. Der Souffleur hatte mit ihm viel Mühe, die zuweilen doch nicht ausreichte.

Bei dem unverhüllbaren körperlichen Verfall bezeugten indes die Darstellungen Devrients ausdauernd die Großartigkeit seiner durchweg ursprünglichen Begabung; aber wohin er zum Gastspiel reiste, ohne Krankheit ging es nicht ab. Den Hamburgern – zum Beispiel – wurde dies kund im Herbst 1822, und der zum Abdruck gekommene Bericht an mich meldete: »Körperlich leidend, hat Devrient an seiner Geistestätigkeit nichts eingebüßt; sein hörbar schwächer gewordenes Organ war aber nicht imstande, unser, im Verhältnis zu andern Bühnen kleines Theater auszufüllen; verständlich sollte doch jedes vom Künstler ausgesprochene Wort sein, gar manches war es aber durchaus nicht. Die Furcht, ihn wirklich einer physischen Schwäche erliegen zu sehen, störte immer den Genuß, obgleich ohne dem Ruhme des Künstlers Abbruch zu tun, es erregte uns nur liebevolle Teilnahme.« Da war Devrient erst achtunddreißig Jahre alt! Am 15. April 1826 konnte er in Leipzig den »Lear« nicht durchführen; mitteninne, schon im zweiten Akt, mußte der Vorhang fallen und ein anderes Schauspiel eingeschoben werden.

Gesteigerter verriet sich in Berlin die Zerrüttung der Kräfte. Da gewann sich der Regisseur Weiß, selbst[270] vorzüglicher Schauspieler, eine Art von vormundschaftlicher Macht über Devrient. Durch Überredung brachte es Weiß, wie er mir mehrmals erzählte, so weit, daß der leicht Verführbare sich in Aussicht auf Abende, wenn er auf der Bühne wirken sollte, nachmittags in sein Zimmer einschließen ließ; er mußte im Verschluß bleiben, bis die Zeit, nach dem Theater zu gehen, herangerückt war, und Devrient nun abgeholt wurde. – In den letzten Jahren war er auch fortwährend von Gedanken an seinen baldigen Tod erfüllt, und in seiner Überspannung bot er einst nach der Versicherung: er werde noch vor Ablauf von zwölf Monaten sterben, dem Kammermusikus Schröck eine Wette an auf – Champagner, dessen Auslieferung je nach dem verschiedenen Ausgange anzuordnen sei. Schröck wies die Wette von sich ab; der Vorschlag dazu bezeichnet jedoch schon einen eigentümlich phantastischen Zustand, bei dem Devrients außergewöhnliche Lebensweise als sehr beteiligt anzunehmen ist.

Devrient starb am 30. Dezember 1832, und es ist erwähnenswert, daß sein Tod zu einer argen Abscheulichkeit benutzt wurde. Der mit Recht geschätzte Schauspieler Lemm empfing am Neujahrstage 1833 eine schwarz versiegelte Visitenkarte, auf der zu lesen war: »Devrient an Lemm als den Ersten, der ihm folgen wird.« Der auch Krankhafte war reizbaren und grämlichen Gemüts, starb auch bekanntlich fünftehalb Jahre nach Devrient im sonst meist noch kräftigen Mannesalter; doch wird der tückische Streich ihn nicht lange beunruhigt haben, wenigstens ging er in Äußerungen darüber bald leicht hinweg. Mit dem unbekannt gebliebenen Absender jener Visitenkarte möchte aber gewiß niemand beisammen gewohnt haben, und wir wünschen, es sei[271] keines Menschen Heil oder Wehe ihm anvertraut gewesen. Devrient und Lemm ruhen in Frieden; daß aber jenem Unwürdigen der Friede nicht zu gönnen ist, das wird wohl allseitig empfunden, und sein Gewissen hat unzweifelhaft das Richteramt übernommen.

Während der Zeit, als Graf Brühl, dann Graf von Rödern – von dem ich später in Anerkennung zu sprechen habe – die Oberleitung der Hauptbühne in Sorge nahm, wurde ich auch mit Sophie Schröder bekannt, zuerst im Jahre 1816. Wie ich in bezug auf diese Künstlerin dachte und sprach, bezeugen von dorther die abgetrennten, hier erneuerten Zeilen:

»Mad. Schröder, Kais. Königl. Hofschauspielerin, hat uns mit Gastspielen einmal wieder deutlich gemacht, was eigentlich die Rede- und Schauspielkunst ist, welche Mode mit gemißbrauchtem Sang und nachtrabendem Tanz zu Grabe bringen möchte. Die lebhafte Teilnahme, welche bei dem Publikum immer rascher im Steigen war von der ersten bis zur dritten Darstellung – leider war die Künstlerin so forteilend, daß wir mehrere nicht erbitten konnten! – bezeugte es laut, daß es an der Zeit sei, die erhabenste Stufe der Theaterkunst, welche neuerdings selten bestiegen und also auch ruhig im gebrechlichen Zustande gelassen wurde, wieder zu befestigen, die Manier, welche immer nur nach dem Ein- und Auslernen ringt, in ihren Rang zurückzuschieben und mit der Gesang- und Tonkunst eine Grenzberichtigung vorzunehmen. Es wäre vielleicht dabei ratsam – wie es neulich bei den politischen Kämpfen geschah – einen sonstigen Zustand als Richtschnur aufzustellen, und gäbe dies auch eine kleine Bewegung im Reiche der Musen: die bisher Bedrückten unter den Neunen sind die Mehrzahl und[272] werden mit dem Paar Repräsentantinnen der Anmaßung wohl fertig. – Mad. Schröder erschien bei uns als Merope, Medea und Phädra und lehrte uns: daß sie der Erinnerung an die unvergeßliche Bethmann in dieser Rollenart sich gegenüberstellen kann. Wenn bei der ehrenvollsten Vergleichung – welche vielleicht kein Lob zu überbieten vermag! – sich Einzelheiten hier-oder dorthin vorteilhafter zeigen, möchte sich dennoch alles ziemlich ausgleichen, legt zuletzt Mad. Schröder den ungeheuren Umfang, den sie im Sprachgebiet hat und gewann, in die Wage der Prüfung. Mir ist niemals eine solche Gewalt ohne Mißklang, und zugleich eine solche Sanftheit ohne Tränen- und Ziermischung, – wie der Ton innigster Rührung mit Verschmähen des häuslichen Jammers – so im herrlichsten Verein erschienen, als bei dieser Künstlerin. Wer einen Begriff von ihrem Tonraum, der durch die weiseste Geschicklichkeit dem geistigen Blick sich fast unendlich darlegt, haben will, der prüfe Zartheit und Glut in der Szene: wo Phädra dem Hippolyt ihr Empfinden gesteht, im Doppelkampfe mit dem Sturmtriebe der Leidenschaft und dem Zügeln der Sitte; ferner höre man die rettende Kraft, welche aus dem heiligen Gefühl der Mutter in Meropen spricht, und wieder die zerstörende, die im Herzen der Medea mit dem Hasse alles Menschliche niederzwingt: überall waltet die schärfste Charakteristik, die sich bei aller Weite doch stets zusammenfaßt, nimmer aus dem Kreise des Schönen sich entfernt, nur sehen wir ihn oft besitzreicher, als wir ihn glaubten. Selbst in den wenigen Momenten, wo man eben entscheiden möchte: dies war ein Theatermittel, was weniger wahr als wirkend zeichnet, findet man sich schnell vom Einklange der Abstufung[273] überrascht und muß bemerken, daß die Künstlerin mit talentvoller Verwegenheit erkannte und benutzte, was Natur ihr verlieh, und nur Eins war und blieb mir etwas zu gesunken: der Ausdruck rachlustiger Eifersucht bei der Phädra. Noch eine Rüge hatte ich nach der Darstellung von Merope im Sinne, die nämlich, daß Mad. Schröder durch Shawlkünste, welche jetzt oft berufen sind, rasch von der Bühne an die Toilette zu führen, uns unterbrach bei dem rühmlichsten Erfolge: Spiel für Wahrheit zu nehmen. Da aber in den andern Darstellungen dem Faltenstudium nur so viel nachgegeben wurde, als zur Unterstützung des Äußerlichen notwendig war, mag und muß jene Rüge wohl aus Zufälligem entstanden sein. Sie anzudeuten ist aber deshalb nötig, damit ein Lob, für welches ich den Worten mein inniges Entzücken gebe, doch bezeugt, daß ich mir Mühe gab auszusprechen, was ihm etwa entgegensteht. – Mad. Schröder bestätigte ihren Ruhm auch in einem Deklamatorium; es war bewundernswert, wie die Rede allein die mannigfachsten Gedanken und Betrachtungen schnell zu Gefühlen schuf, zu Gefühlen, die, durch klaren Geist angeregt, auch Klarheit zurückließen, nicht in einen Sinnentaumel warfen, in welchem sich nur gefällt, wer nichts als Sinnlichkeit aus sich heraus bewegen kann. ›Die Brautleute‹, von Collin, ›Saul und David‹, von Mahlmann, und ›Die Glocke‹, von Schiller, wurden gesprochen und überall Seele und Herz der Dichter so tönend, wie sie es etwa bei dem Schaffen der Gedichte waren.« (»Gesellschafter« 1817. Bl. 181.)

Welch eine Macht Sophie Schröder im geistigen Ausdruck hatte, das erwies sich im Jahre 1830, eine Anfügung von damals mag dies bezeichnen:[274] »Mad. Schröder ist die erste tragische Virtuosin; über ihre Gastrollen im einzelnen zu sprechen, wäre unnütz: sie sind überall gekannt und haben von ihrer Sicherheit nichts verloren. Die berühmte Künstlerin gab uns aber etwas Neues: Darstellung von Gemütsbewegungen, Liebe, Eifersucht, Haß, Verachtung, Freude, Schreck, Furcht, Angst, Zorn, Wut, Verzweiflung und Raserei: Gefühlszustände, die alle in gutem Bilde vor uns standen.« (»Gesellschafter« 1830. Bl. 103.)

Nicht minder wertvoll als die Schröder ist mir im Andenken Achim v. Arnim, mit dem ich von 1816 an bis zu seinem Tode in schriftstellerischer Verbindung, nächstdem aber in freundschaftlicher Vertraulichkeit war und blieb, in solcher Weise, die ohne Absicht etwas Geheimliches hatte. Ich kann mich nicht entsinnen, daß in der ganzen Zeit unsrer Bekanntschaft einer dem andern Briefe geschrieben hätte, obwohl ich von ihm eine reiche Anzahl geistiger Arbeiten empfing, und während er sehr oft mich besuchte, kam ich nur ein einzig Mal zu ihm. Dies geschah in einer Gartenwohnung des der gräflichen Familie v. Voß gehörenden Hauses am Wilhelmsplatz Berlins, wohin er mich zu Abend eingeladen und voraus gesagt hatte: ich würde dort nur ihn und seine Gattin finden. Mit dieser, der »Bettina«, war dies mein einziges Beisammensein, was ich meiner Zeitsparung zurechnen muß, jedoch nebenher bekenne, daß an jenem Abend Bettinas Geistigkeit, an deren Fülle nicht zu zweifeln ist, stets ein vorzeigbares Betreiben und Darlegen offenbarte. Mein Einbildungsgemälde von ihr mußte sich auch etwas überrascht fühlen durch ihren ersten Anblick, nicht zu ihrem Nachteil. Putzlos angetan, eine Brille vor den Augen, stand sie im Vorflur[275] und plättete Wäsche, nach meinem Gruße mir zurufend: »Arnim ist noch aus, treten Sie näher, er muß bald kommen!« Das traf ein; mit ihm entspann sich im Garten, unterdes Bettina ihr Wirtschaftliches beendete, eine lebendige Unterhaltung, und manches davon ist mir noch jetzt wie gegenwärtig. Zumeist sprachen wir über Sagen und Märchen der Vorzeit, deren Bewahren und Sammeln ich zwar gebührend ratsam fand, dabei aber doch wünschte, es möge eine Hinneigung der Art nicht allzu vorherrschend sein bei dem Volke. Namentlich erklärte ich mich dagegen, die Köpfe der Jugend überschwenglich mit Sagen und Märchen zu füllen, womit damals mehrere Verleger sehr im Zuge waren. Obwohl wir nun, bei gegenseitiger Anerkenntnis des Werts der alten Sagen, andrerseits, hinsichtlich der Wirkung eines Hineinlebens in das Phantastische, verschiedene Meinungen hegten, lasse ich doch gern die herzig kindliche Gemütlichkeit, mit der sich Achim v. Arnim äußerte, in mir widerhallen. Er sagte etwa folgendes: »Mich stimmt es zuweilen wehmütig, wenn ich sehe, wie reich jetzt die Jugendwelt ausgestattet ist mit der Poesie unsrer Vorfahren, während mir als Kind nur kärgliche Bruchstücke zuteil wurden. Alles Gute in aller Dichtung gehört nicht der Willkür an, wird vielmehr als Notwendigkeit zu betrachten sein in den Grundlagen des höheren Volkslebens, dessen Geschichte für immer angehören, auch immer brauchbar bleiben. Die uns überkommenen Sagen werden allerdings im neueren Geiste anders aufgefaßt und gewendet, nächstdem wird sich manche frische Erfindung anschließen. So ist denen das Alte davon lieber, jenen das Neuere, und die letzteren werden[276] allmählich zur Mehrheit, insofern die Umgestalter ebenfalls fortgeschritten sind mit den Umgestaltungen der Zeit. Wir können auch nicht leugnen, daß aus unsern Sagen unsre Geschichte ergänzt worden und noch zu ergänzen ist, und gewiß wär' es sündlich, die Gedankenwelt der ererbten Sagen und Märchen nicht in Fortzeugung zu erhalten. Auch unsere Geschichte sogar, um sie nicht hier oder dort wegzuwerfen, kann oft der Beihilfe des Glaubens nicht entbehren, wie denn der Glaube als eine blüten- und fruchttreibende Kraft keinem Verhältnisse des Lebens fehlen darf, soll nicht alles in und um uns veröden, alles menschliche Tun und Treiben endlich jeden Hebel zur Erhebung, jeden Reiz verlieren. Wird die Kritik überall zu zersetzend, geht unser Dasein wieder zum Chaos und zum nichts zurück.« – Dem war ich nun im wesentlichsten mit Zwischenreden zustimmend, wollte aber dennoch in den Richtungen mehr vorwaltend einfache Klarheit als eine Verhüllung des einfachen, wenn zumal nicht nur die Dichtung, sondern der Einfluß auf die jetzige Jugendwelt in Betracht käme, und nach meinem Empfinden die einfache Klarheit das Reich der Phantasie nur läutere, nicht verschließe. Wir wurden dann auch ziemlich einig in dem nachher bei Tisch ausgebrachten Trinkspruch: »Deutsches Streben im Fortschritt, deutsche Freiheit und Dichtung auf deutschen Grundlagen!« – was noch heut so laut als jemals in das deutsche Volk hineinzurufen ist, da es von diesem Wege sehr abgeleitet und durch eine Mischung von Umtriebleransichten und Nachahmung französischer Fieberhitze immer mehr in Hinfälligkeit gejagt wurde.

Dies erwähnte Beisammensein bezieht sich schon auf[277] die späteren Tage einer innigeren Bekanntschaft mit Achim v. Arnim, ihr Anfang reicht, wie schon gesagt, zurück bis in das Jahr 1816. Als ich nun (1817) den »Gesellschafter« erscheinen ließ, dessen mir fast abgedrungenes Entstehen ihm Vergnügen machte, war er mit Beiträgen emsig beschäftigt. Das erste, was er mir brachte, und beinah alles Nachfolgende, betraf vorwaltend Deutsches aus vielseitiger Umsicht.

Wir lebten nun in fortdauernder Anregung, und dabei auch in fortwährendem Zwiespalt und Einverständnis zugleich; in Zwiespalt, wenn er seinen mit dem Naturforschen sonderbar verwebten Glauben an Ahnungen und Geistererscheinungen darlegte, wo ihn nach meiner, vielleicht irrigen Meinung, die Romantik mehr an sich zog als die wissenschaftliche Begründung; im Einverständnis, wenn er seine staatsbürgerlichen, nicht vom eitlen Standesunterschied überfärbten Ansichten entwickelte, wo ihn Klarheit in Verfolg weltgeschichtlicher Erscheinungen nie verließ. Er besuchte mich beinah ohne Ausnahme nur Abends in der Dämmerstunde, weil es, wie er mehrmals äußerte, als ein gutes Werk zu betrachten sei, wenn ich dann gezwungen würde, meine stete Arbeitsamkeit etwas zu unterbrechen. Ein lebhafter Widerspruch erhob sich hin und her zwischen uns, als Arnim nach dem Tode Jung-Stilings (1817) über dessen »Theorie der Geisterstunde« mir einen Aufsatz vorgelegt hatte, der, scheinbar zum Teil auch gegen mich gerichtet, meinem Empfinden in bezug auf Verbindung des Diesseits und Jenseits sehr abfällig war. Das konnte und durfte mich nicht hindern, ihn abdrucken zu lassen, freilich ohne dem mir werten Verfasser zu verhehlen, daß er mich abermals nicht überzeugt habe. –[278] Wenn jedoch Arnim mit seiner liebenswürdig kindlichen Milde und Wärme sanften Ausdrucks solche Ent- und Verwicklungen vortrug, mußte man sich mindestens immer durch die Art, wie er die Glaubwürdigkeit seines Glaubens bekräftigte, angeregt fühlen, wobei es dann ihn ebenfalls nicht verstimmte, daß man Gegner blieb, einen solchen Glauben in sich weder aufzunehmen, noch darin eine Glückseligkeit zu finden vermochte, diese ihm aber billig zu gönnen hatte.

In Betracht der staatlichen Zustände verleugnete er nicht seine Unzufriedenheit bei Hemmnissen des verheißenen Fortschritts in Ausgleichung mit den Volksrechten, doch gab er die Schuld dieser Hemmnisse nicht ungeteilt der Regierung, sondern beklagte daneben die Törigkeit der Partei, die durch Gelüst zu vormaliger Pariser Modefreiheit und deren fieberisch fabelhaften Ansprüchen, im Wesen und in der Vorzeit des deutschen Volks nirgends wurzelnd, dem Erhofften verderblich wurde. – Die staatsbürgerlichen Begriffe Achim v. Arnims werden einigermaßen verdeutlicht durch ihn leitende Auffassungen, die sich hier anreihen:

»Ein großes Resultat wird uns durch die Anfänge der französischen Revolution in allen Verwicklungen aufgezwungen: wie nur Wahrhaftigkeit das unglückliche Königspaar retten konnte; diese aber war durch die verschiedenen Parteien am Hofe stets unterdrückt. Wahrhaftigkeit, Offenheit und Entschluß konnten allein helfen; statt dessen war selbst von Ministern immer nur ein Teil des Willens enthüllt: die öffentlichen Äußerungen gingen ganz gegen die innere Überzeugung, und die Entschlüsse kamen zu spät.« – »Die größte Last der Beschuldigungen gehört bei der französischen Revolution nicht dem Augenblicke[279] der greuelvollen Umwälzung, sie verteilen sich auf Jahrhunderte. Dann aber fing mit der Unterdrückung der Feudalfreiheit und Feudalverbindung der chaotische Volkszustand an, in welchem auch der beste, der nicht die Macht in Händen hat, vereinzelt, hilflos und ohne Teilnahme untergeht. Ein Oberhaus hätte die unbesonnensten Schritte der französischen Versammlungen unschädlich machen können, und der Mangel eines solchen Hauses war ein Hauptgrund zur Entstehung der Despotie. Diese brach ein durch den unablässigen Kampf gegen Feudalformen, ohne welche die wesentliche Wirkung: den Geist des Augenblicks mit Vergangenheit und Zukunft zu verknüpfen, nicht erreicht werden kann.« – »Das Wesen der Staatenentstehung stammt aus der Natur des Familienlebens, welche das Geistige auf Erden ist, und Natur aus der des Grundbesitzes, welches das Körperliche ist, das dem Geiste unterworfen. Jede Art der Gewalt muß zu ihrem Bestehen nach dem Ursprunge des Staates trachten, der sich im Grundeigentum findet. Alle Übergänge der Gewalt, wie sie durch Gegengewalt, durch Verträge und sich einschlingende Gewohnheit zu dem billigen Ziele gebändigt wird, müssen dabei ihr Recht behalten, ohne daß man sich durch heftige Blitzschläge der Aufregungen für die Gegenwart und ihre notwendigen Stützen blenden läßt.« – »Wenn das Erregen und das dadurch Bewegte im Gegenwartsleben der Völker unser Herz ergreift, soll man besonders begreifen lernen, woran die ursprünglich vielleicht edlen Bemühungen scheiterten. Befremden darf uns ein Entzücken, welches jetzt und immer wieder ausbricht, wenn nur eine Versammlung vorhanden, die – oft nur angeblich – etwas Gutes[280] bewirken will; sehr bedenklich muß uns ein Bewundern erscheinen bloß über das Aussprechen des so oft gemißbrauchten Wortes Freiheit, während sich die grauenvollste Unterdrückung damit bekleidet, und erstaunen muß man über die Leichtgläubigkeit, mit der man es für möglich hielt, daß eine Nation sich in höherem Sinne verknüpfen könne, die in ihrem ersten Andrange alle ihre natürlichen Bande löste. Der Fels war zertrümmert; wieviel Blut gehörte dazu, den flüchtigen, verbindungslosen Staub nur scheinbar wieder zu verbinden, und wie lange wird es noch dauern, ehe er sich zu einem haltbaren Bau bildet! Wo die verschiedenen Gewalten immer über die Grenzen festen Bodens hinausstürmen, keine innerhalb dieser Grenzen zu beschränken ist, da reißen alle Bänder, die alten wie die neuen. Wo nun aber beides geschehen, öfter geschehen in Not, Irrtum und Bosheit, wo nun die Welt in Gegensätzen auseinander gerissen: wo will man da den Kraftsammler finden, der den unaufhaltsam hinunterrollenden Wagen wieder den Berg hinausbringt, damit nur von neuem eine klare Übersicht gewonnen werden kann?! Da mag einer, da mögen viele die an allem sehr unschuldige Staatswissenschaft zu Hilfe rufen, es wird immer heißen: Nicht die Ratschläge der Menschen, der Drang nach Besonnenheit und Frieden und die erworbene Fähigkeit dazu werden die Zustände heilen.«

Diese Äußerungen lassen erkennen, daß sie noch zuständige Gültigkeit haben, obwohl über vier Jahrzehnte verflossen, seit sie aus Achim v. Arnims Feder kamen.

Im ganzen mit Arnim einverstanden über die unerläßliche Notwendigkeit der Volksbeteiligung bei dem Ordnen und Verwalten eines Staats, blieb meine Ansicht[281] doch darin abweichend, daß ich zu begreifen glaubte, dem Übergange zu einer echt »konstitutionellen«, zu einer echt verfassungsfesten Regierung müsse man zuvörderst in der Volkserziehung, auf den Säulen unsrer Volkstümlichkeit die tüchtige Brücke bauen, sonst würden die Meinungsbrüche in Versammlungen von dreihundert und noch mehr Männern, die ihre Weisheit verschieden, platonisch, englisch, französisch oder nordamerikanisch gefärbt hätten, stets dahin wirken, daß immer nur teils das Zuhochgeschraubte, oft genug fälschlich »Idealität« genannt, teils haltungslose Nachahmerei entstände. Deshalb konnte ich mich nie des Gedankens erwehren, eine zeitgemäßere Verfassung werde naturgemäß nur aus dem Wachstum des selbsteigenen geistigen Vermögens eines Volkes hervorgehen, und dieses Wachstum sei für solchen Zweck auch erst sicher zu begründen. Jedenfalls war ich von dem Glauben, es ließe sich schon durch Mehrheit der Stimmen eine gesunde Verfassung erwerben, noch etwas entfernter als Achim v. Arnim. dem doch niemals die neuerdings so verwüstende Torheit, »man müsse mit der Vergangenheit brechen«, auch nur als Möglichkeit bei Deutschen in den Sinn kam, der aber mir entgegen der allgemeinen Volksvernunft mehr Umfang zutraute als ich. Wenn der wackere Freund lebte, wären wir nun wahrscheinlich noch näher einig; denn es ist nicht zu entdecken, daß die Volksvernunft ihre Haupthebel: Ehrfurcht vor Gott, sittliche Strenge im gesetzlichen und kindlichen Gehorsam, in Achtung der Familien- und Gemütsbindungen überhaupt sorgsam geschützt, sondern sich immer mehr der verderblichen Genuß- und Wirrenslust hingegeben hat. Ohne die höchst schwierige Wieder-[282] herstellung dieser segensvollen Haupthebel gibt es keinen Fortschritt als den in der Zerstörung.

Doch ich wende mich für jetzt ab von diesen trüben Erscheinungen und weihe dankbare Freudigkeit den vielen Abendstunden, in deren Dunkel die Unterhaltung mit Achim v. Arnim inneres Erleuchten stärkte. Er starb plötzlich am 21. Januar 1831 auf seinem Gute Wiepersdorf im Ländchen Beerwalde, noch nicht voll fünfzig Jahre alt. Die Deutschen verloren an ihm einen, ob auch etwas schwebelnd geistreichen, doch gesinnungstreuen Schriftsteller, dem stets das Wohl und Weh seines Volkes die herzige Seele füllte, der nicht das abgetrennte Trachten eines bevorzugten Standes, immer den Gesamtnutzen, das Heil für alle in Beratung zog.

Daß ein Mann mit solcher Wärme für die Gleichheit staatsbürgerlicher Ansprüche auch im engeren Kreise die ehren- und liebenswürdigsten Tugenden entwickelte, bedarf nicht der Versicherung; seine gereifte Tüchtigkeit gab sich kund in mildem, in bescheidenem Wesen, dem es auch vielleicht zuzuschreiben ist, daß seine Fähigkeiten und Verdienste bei den Machthabern nicht nach ihrem Werte geschätzt wurden. »Zudringlich Dreisten gelingt's dort am meisten!« Wer Achim v. Arnim gekannt hat, ehrt gebührend die ruhige Offenheit, in der er selbst im Bedenklichsten seine urteilende Überzeugung aussprach, mit rühmlichstem Erwägen, dem jedoch weder die Kraft fehlte, noch der Mut, diese Kraft in edler Haltung walten zu lassen. Ich aber, der ich stets seines angenehmen Besuchs gewiß war, kam er auch nur auf kurze Zeit nach Berlin, der ich ihn noch wenige Wochen vor seinem raschen Dahinscheiden bei mir sah, stelle ihn zu denen, die das Arbeitszimmer mir beleben, wenn sie[283] auch nicht mehr diesseits sind. Ein Freund meiner Kunst und meines Strebens begleitete er, was ich tat, mit der eingänglichsten Teilnahme und Anregung, wie denn überhaupt seine unbefangene Freude am Rechten und Guten, sein förderndes Auffassen alles zu beachtenden Wirkens, wem es angehören und wohin es sich wenden mochte, schon eine Stärke waren, die wohl vielen wie mir dauernd von Einfluß blieb. – Gesegnet sei das Andenken Achim v. Arnims auch durch Bewahrheitung seiner eigenen Worte, die im »Berliner Musen-Almanach für 1831« – sein Todesjahr – den Schluß eines Gedichts bilden:


»Künftig fraget wohl die Welt,

Wo wir sind geblieben,

Vieles dann von uns gefällt,

Manches lernt sie lieben.« –


Gleich von jenem Jahr an, seitdem Achim v. Arnim »Des Knaben Wunderhorn« gemeinschaftlich mit Clemens Brentano herausgab, hat man sich gewöhnt, bei dem einen des andern zu gedenken; jedenfalls geschieht dies mir, und ich lasse die Zwillingserinnerung ungetrennt.

Zu denen, die sich Ruf erworben haben als Schriftsteller, gehört Clemens Brentano gewiß, und ohne mancherlei Überspannungen an seinen Werken zu leugnen, wird man zugeben müssen, daß er auch bei dem Anschluß an die »romantische Schule«, die in den Jugendbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts mitwirkte, eine sehr ausgeprägte Eigentümlichkeit offenbarte. Wäre sie nicht mit grillenvollen Schrägheiten behaftet gewesen, konnte eben er als Volkschriftsteller das Höchste erreichen, was er vorzugsweise bewies in seinen Erzählungen[284] »Die mehreren Wehmüller« und »Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, zumeist in diesem gemütswunderlichen Herzensgebilde, das als meisterhaft und unübertroffen gerühmt ist, sogar von denen, die der geheimwaltenden Richtung völligst abwendig sind. Aber auch jede seiner andern Gaben zeugt von fruchtbaren Geisteskräften, wie sehr sie zuweilen sich vereinten mit den irrweglichsten Seltsamkeiten, die aber wieder ihren Grund haben in der Verwandtschaft mit seinem Wesen, das wohl vielen, wie mir noch bis jetzt, ein rätselhaft uneiniges blieb.

Bei kleiner, aber anmutig gebildeter Gestalt hatte er einen ausdrucksreichen Kopf, beweglich in den Mienen und begabt mit lebhaft glänzenden Augen; in keinem Zuge und Blicke verleugnete sich aber, selbst wenn der vielseitige Schalk in ihm rege wurde, eine dämmernde Schwärmerei, im ganzen Antlitz nicht ein Anstreifen von Düsterheit, die aus innerem Zwiespalt entstanden schien. – Man sagt, er habe gern seiner altitalienischen Abkunft gedacht, und daß sein Familienname auf die Besitzungen seiner Vorfahren an der Brenta hindeute; mir ist keine Äußerung der Art von ihm bekannt, und zu tadeln wär' es nicht, von achtbaren Voreltern zu sprechen und sich ihrer zu freuen. Seiner Gesinnung nach war er damals – unsre persönlichen Beziehungen umfassen die Jahre 1816 bis 1819 – durch und durch Deutscher. Dies mochte indes unterstützt sein von den gegen Napoleons Knechtungsherrschaft mit Siegesglück beendeten Rettungskämpfen, denen Clemens Brentano sein dramatisches Gelegenheitsgedicht: »Am Rhein, am Rhein!« weihte, das ich von ihm in eigener Handschrift erhielt und es später, seinem Wunsch gemäß, drucken[285] ließ als Teil des Inhalts von »Blätter und Blüten« (Berlin, Vereins-Buchhandlung), eines Taschenbuchs, dessen Ertrag – um Brentanos Worte zu gebrauchen – »zur Linderung der Kriegsfolgen« bestimmt wurde.

Clemens Brentano zeichnete sich auch als tüchtiger Redner aus mit dem fließendsten Wort und treffendem, zuweilen sehr derb werdendem Witz, wobei es ihm manchmal geschah, daß er andere überzeugte mit Behauptungen, von denen er selbst nicht überzeugt war, aber gleichsam wie durch innere Offenbarung zum Glauben an das von ihm Ausgesprochene hingerissen wurde. Dieser Glaube ging oft soweit, daß er meinte, der Geist der Weissagung wohne in ihm, was ihn dann sichtlich minder mit Erhebung als mit Entsetzen erfüllte, wobei er indes zugleich in eifrigen Zorn geriet, wenn man Zweifel hegte, daß diese oder jene seiner Verkündigungen zur Wahrheit werden könne. Diese Erfahrung machte ich besonders eines Nachmittags, als mich Clemens Brentano besuchte in Begleitung des Dr. Vetter (damaligen Mitbesitzers der Maurerschen Buchhandlung). Ich saß ruhig an meinem Arbeitstische, als die beiden in das nicht sehr geräumige Zimmer eintraten, wo nun Brentano auf mich zustürzte und mit der berührigsten Gebärde mich wohlmeinend zur Rede stellte. Worüber? Ich hatte im »Gesellschafter« das Gebet des Sokrates mitgeteilt und hinzugefügt: »Kann man wohl christlicher beten, als Sokrates gebetet hat?« – Nach Clemens Brentanos Ansicht war es eine schwere Sünde, nur annehmen zu wollen, der Heide Sokrates könne christlich gebetet haben. Dr. Vetter erzählte mir später: Brentano sei zu Mittag sein Gast gewesen, als die neuesten Blätter des[286] derzeit in der Maurerschen Buchhandlung erscheinenden »Gesellschafter« ankamen; er habe sie ergriffen, plötzlich die höchste Aufregung bemerken lassen, nachdem er das Gebet des Sokrates mit meinem Nachsatz gelesen, und nicht eher Frieden gehalten, bis Vetter ihm versprach, mit ihm nach Tische zu mir zu fahren. Es galt nichts weniger als die Rettung meiner Seele! – und Brentano hielt mir die nach seiner Meinung unüberwindlichen eigenen Satzungen entgegen, wonach ich den Sokrates zu verurteilen und zu glauben habe an die Wahrheit und Macht der Wunder und Zeichen, deren eben damals wieder in vielfachen Berichten als Tatsachen gemeldet wurden. Alles, was ich erwiderte von dem Grundsatz aus: daß mir eine christliche Gesinnung, durch die Tat bewährt, auch den sogenannten Ketzer zum Christen mache, meine Vernunft, wo sie nicht ausreiche, sich willig dem Glauben füge, jene aber mit diesem zwar in Frieden leben, sich jedoch von ihm nicht unterjochen lassen wolle, bewirkte nichts weiter als einen verstärkten strafenden Redestrom, der endlich eine Unterbrechung fand nach der feierlichen Versicherung: daß, so ich nicht zum rechten unterwürfigen Glauben den Weg fände, ich samt dem »Gesellschafter« zu den ewig Verdammten gehören würde. Schwerlich verargt es mir ein Besonnener, daß ich in dieser gesteigerten Ereiferung Brentanos endlich mehr Scherz als Ernst vermutete, da zumal Dr. Vetter nur mühsam sich des Lachens erwehrte. So kam ich denn aus der anfänglichen Überraschung in heitere Abwehr, Brentano aber ging darauf nicht ein und begehrte immer eindringlicher, daß ich mich als sündig fühlen und mich bekehren solle. Da erwiderte ich: »Wir sollen die Wahrheit erkennen und die[287] Wahrheit wird uns frei machen, sagt die Schrift, die uns Hauptsatzung sein soll. Nun äußerte ich schon, was mir Wahrheit ist, wobei ich im geringsten nicht an Werberei für meine Erkenntnis denke, aber auch für das eben Vernommene nicht den leisesten Anklang in mir finde. Es führen verschiedene Wege zur Beruhigung in Gott, gehe jeder den, welchen er für den gradesten und sichersten hält.« Nochmals folgte eine lange Rede Brentanos, und ich hörte ihm auch bei der Wunderlichkeit mit Vergnügen zu, ohne einen Streit verlängern zu wollen, der hier keinen Erfolg haben konnte. Endlich verdroß ihn mein Schweigen; er schalt nun etwas anzüglich auf meinen »erfrorenen Glauben«, und da ich bei diesem Ausdruck lachen mußte, Dr. Vetter ebenfalls laut einstimmte, erhob der Redner seine sehr wohltönende Stimme zur höchsten Kraft und sprach: »Nun denn, so möge Euch werden, was Euch gebührt, und das Strafgericht ist Euch nicht fern, denn im Jahr 1829 erfolgt die Wiederkunft des Heilands und im Jahr 1830 das Weltgericht!« Und damit verließ er mich in voller Entrüstung, so daß Dr. Vetter, der in Erstaunen ein paar Augenblicke mir gegenüberstand und dem ich nur noch sagte: »Er mag wohl krank sein!« ihn kaum einholen konnte. Bren tano hat die bezeichneten Jahre erlebt und jene Verkündigung, wenn er sich ihrer erinnerte, vielleicht doch mit seiner ihn beherrschenden Phantasie so zu deuten gewußt, daß sie seiner Gläubigkeit nicht bedenklich wurde.

Aber noch heut bin ich der Meinung: er war damals krank, und was sich wenige Monate nachher ereignete, könnte wohl dafür zeugen. Zu meinem Arbeitsgemach kam man durch das Eßzimmer der Familie, und im[288] Hause war man gewohnt, Bekannte einzulassen, ohne sie mir anzumelden. Eines Morgens hörte ich, daß draußen jemand auf- und abging; ich dachte aber, man wäre mit Aufräumen oder Reinigen beschäftigt, und ließ mich in der Arbeit nicht stören. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, herein stürzte Clemens Brentano, warf sich auf einen Stuhl und rief, laut weinend: »Ich habe mein Gelübde gebrochen! – mein Gelübde gebrochen!« Was und wie ich fragen mochte, ich hörte lange nichts anderes als die öftere Wiederholung jenes Ausrufs, so daß ich mich genötigt sah, Augenblicke der Beruhigung abzuwarten. Dann endlich erfuhr ich, was sich begeben, und obwohl hier zur Betrübnis bis zum äußersten Gegensatze sich Anlaß bot, der Ausdruck völliger Zerknirschung konnte bei der Erzählung Brentanos doch nur auschließlich das Mitgefühl wecken. Er war, wie aus seinen immer wieder durch eine Selbstanklage unterbrochenen Worten hervorging, mit sich und der Welt völlig zerfallen und hatte – so sagte er – sich das Gelübde auferlegt, in Sühne und Buße den Hungertod zu sterben, weshalb er bereits zwei Tage sich eingeschlossen habe. Da wäre er nun von seinen Gedanken bestürmt worden, noch einmal seine Freunde zu besuchen, und so sei er zu mir gekommen, zu seinem Unglück, wie er meinte. Denn was war geschehen? Draußen lagen in einem Körbchen ein paar kleine Brote, er konnte bei diesem Anblick der Versuchung nicht widerstehen, verzehrte sie, und die Folge war nun die Verzweiflung darüber, daß er sein Gelübde gebrochen habe. Sobald es möglich war, begann ich mit Trostesworten, suchte ihm zu beweisen, daß sein Gelübde ein Verbrechen sei, indem männlicher Kampf mit sich und den Wirren des[289] Lebens, in unüberwindlichen Ereignissen auch Dulden und selbst Leiden zu den Pflichten des Christentums gehörten, allen Lehren desselben jedoch widerspräche, was er im Sinne trage. Ich kann mich nicht rühmen, seine herkömmliche Ansicht vom Märtyrertum überwältigt und ihn mit der meinigen überzeugt zu haben; nur die eine Bemerkung, daß er die Sehnsucht, nochmals seine Freunde zu besuchen, eigentlich wohl als eine himmlische Warnung betrachten müsse, als den Weg, der ihn von seinem schlimmen Vorhaben ablenken solle, schien er zu beachten, und versicherte endlich, sich einer andern Sühne weihen zu wollen. Bald darauf reiste er von Berlin ab, und wir wissen, daß er sich nach dem Kloster Dülmen im Münsterlande begab, dann umherpilgerte, später in der Nähe von Rom sich dem Einsiedlerleben ergab, bis er wieder nach Deutschland zurückkehrte, und nun für seinen Glauben gewirkt haben soll. Dies alles weiß ich jedoch nur durch Zeitungen und Gerüchte, ich selbst sah ihn nach jenem wunderlichen Ereignis nicht wieder, empfing von da an auch weder eine schriftliche Zeile von ihm, noch erfuhr ich über seine Zwecke und seinen Seelenzustand genaueres. – In den Jahren unserer persönlichen Bekanntschaft war er stets sehr schweigsam in betreff seiner Vergangenheit, und bei dieser Wahrnehmung enthielt ich mich aller darauf bezüglichen Fragen, wie ich mir auch jetzt noch billigerweise alles Entscheiden hinsichtlich seiner damaligen unzweifelhaft erkrankten inneren Zustände versage. Möge jeder selbst über die beiden hier erzählten seltsamen Erlebnisse mit Clemens Brentano urteilen und seine Schlußfolge daraus entnehmen. Mir war er bei aller Sonderbarkeit in seinem – von ihm nur lässig benutzten – Geistreichtum[290] immer eine anziehende Erscheinung, und daß er mir rätselhaft blieb, vermindert das Anziehende gewiß nicht, gibt mir vielmehr noch jetzt zu denken und zu erwägen.

Nach diesem Bedenken umforschend mit der Frage: was bisher das Gedächtnis in meinem dreiundachtzigsten Jahre aus der Vergangenheit mir erweckte oder unerweckt ließ, steht in solchem Betracht zuerst der Turnmeister Jahn vor mir, und überhaupt treiben und reihen die Jahre 1817 bis 1820 mir noch mächtige Erinnerungen zusammen. Es war die Zeit, als diesseits des Rheins Ernst Moritz Arndt allüberall konnte erklingen hören sein Lied: »Was ist des Deutschen Vaterland?« – eine inhaltvolle, noch immer nur spärlich und mehrseitig einseitig beantwortete Frage, und es wäre nicht selten dem »Was?« das Wo? voranzusenden, ohne daß die Beantwortung sich erleichtert. – Der Absichten- und Tatenzweck in jenen Jahren dreht und wendet sich um die sogenannte Demagogie, ein Wort, dem die Absonderlichkeit beigemischt ist, daß man es mit Volksleitung und Volksverleitung in Deutsches zu übersetzen hat. Jedenfalls soll man sich aber weder von jenem, noch von irgendeinem Worte verleiten lassen, seinen Ge- und Inhalt für »eins und alles« zu erachten, das vom irdischen Begriff nicht zu erschöpfende Wort »Gott« ausgenommen. Hier habe ich es in jeder Richtung vorherrschend mit Erlebtem zu tun, jetzt mit Friedrich Ludwig Jahn. Eine kurze geschichtliche Hinweisung erlaube ich mir jedoch voraus in bezug auf die damalige Demagogie, deren Führer und Anführer – in Zweideutigkeit dieses Ausdrucks – entweder nicht wußten, oder teilweise nicht wissen wollten, daß es einzig redlich[291] und vernünftig klug ist, wenn man allzeit nur das Erreichbare als Ziel aufstellt, nicht durch Übertreibung mehr dem Rück- als Fortschritt dient. Schon damals konnte als umfangliches Beispiel mitwirken das Ergebnis der französischen Revolution, die, angeregt durch Schöpfungsgedanken des Rousseau, d'Alembert, Raynal und Diderot, ursprünglich zur Grundlage hatte die Rechte des Menschentümlichen, uneingebannt durch Schranken, womit es umlagert wurde vermöge eitler Volkstümlichkeit. Jene französische Revolution begann angeblich ihre Kämpfe zum Heil des Menschentümlichen, und hatte im Herrschen des Waffenruhms die Unterdrückung der Menschenrechte zum Erfolg. Man darf erfahrungsgemäß sagen: für den rechtsechten und sittlichwahren Sinn unsers Lebensberufs ist die Bildung noch weit vom Ziel, noch sehr unreif; die Blüten fallen oft ab, ehe sie fruchten: in allen sich verschränkenden oder sich vertummelnden Begebnissen herrschen dann bald und immer wieder Mittel und Gewalten, Macht und Glanz einzelner zu steigern.

Nun aber sei Friedrich Ludwig Jahn erwähnt in der Art, wonach ich Volkstümliches und Vaterlandsliebe sehr hoch schätze, bei weitem höher aber noch Menschentümliches und Menschenliebe, die möglichst alles Üble ausgleichen, nicht etwa neben Scheinprunkerei sich doch nicht zu hüten vermögen vor der Anwendbarkeit des Sprichworts: »Wenig mit Liebe, viel mit Kolben.« – Schon früher, im anbeginn dieses Gedenkbuchs, habe ich angedeutet, daß ich im Jahre 1805 bei den abendlichen Unterhaltungen in der Krakowskyschen Leihbibliothek bekannt wurde mit Jahn, und ich muß gestehen: weder durch sein Äußerliches – das Varnhagen[292] mit wenigen Worten treffend geschildert hat in seinen »Denkwürdigkeiten« – noch durch sein Betragen nahm er meine Zuneigung in Anspruch. Wir beide blieben nur in Entfernung nebeneinander, besonders als ich bemerken mußte, wie sehr die Blüchersche Derbheit noch ein neuer Mithebel des Jahnschen Bildungswesens wurde: jene Derbheit, die auch nicht das Anmutigste war an dem gefürsteten Blücher, den ich ein einziges Mal beobachten konnte im Gesellschaftsverkehr eines reichen Handelsherrn am Hazardspieltisch – ohne Beteiligung meinerseits.

Der Turnmeister Jahn geht mich aber überhaupt nur insoweit an, als er in meinen Erlebnissen mit zu nennen ist, was sich begrenzt innerhalb der ersten Monate des Jahres 1817, nachdem im »Gesellschafter« Wilhelm Scheerer, »Privatgelehrter« genannt, den unleugbar damals üblen Einfluß der übertriebenen Turnerei auf die Erziehung beleuchtete. Die Roheit der Turnknaben offenbarte sich auffällig durch widersetzlichen Starrsinn, zum Schrecken der Eltern, und jene Beleuchtung nahm demnach zwar das Turnen an sich in Schutz, der Verfasser glaubte sich aber bei derzeitigen Ausschreitungen berechtigt zu dem Schluß:

»Es kommt freilich sehr viel auf den jedesmaligen Turnmeister an, besitzt dieser eine vollkommene Körper- und Geistesbildung, so wird jene Roheit allerdings weniger um sich greifen, doch im ganzen immer bemerkbar bleiben.«

Nicht öffentlich sprach Jahn gegen dies Befehden eines maßlosen Turnens, bei dem es an Verkrüppelungen nicht fehlte, er schmähte aber ehrverletzend in seinen Vorlesungen; Scheerer forderte öffentlich Beweise, [293] Jahn schwieg und jener wurde öffentlich andringender. Nun antwortete der Turnmeister mit acht Fragen, sie wurden ihm widerlegt, und obwohl ich anfügte: »Hrn. Professor Jahn seine Gegenerklärung vorbehaltend«, war damit der Streit, befindlich in den Blättern 45,63,67 und 81 ersten Jahrgangs des »Gesellschafter«, zu Ende. Diese Darlegung, die ich begrenzte und mich gern von ihr ablenke, ist mitbezeichnend für andere Ausschreitungen, zu denen ich mich bald hinwenden muß, und hier von Jahn scheide mit der urteilenden Ansicht: er war in den schlimmen Teilen des verjährten Deutschvolkstümlichen so eingeschnürt, daß wahrhaft Menschentümliches ihm unerreichbar blieb.

Zwischeninne habe ich noch über eine sonderbare künstlerische und schriftstellerische Geschäftsverbindung zu berichten, wobei der Hinblick etwas vom Weltgeschichtlichen einzuschalten hat. Im Februar 1817 erhielt ich durch den Generalkonsul Delius in Bremen den Auftrag, zu einer neuen verbesserten Ausgabe des Gesetzbuches für Haiti sinnbildliche Zierden im Holzschnitt anzufertigen. Zu diesem Zweck wurde mir der »Code Henry« in erster Auflage geschickt, nächstdem empfing ich das Haitische Wappen in Abdrücken vom Staatssiegel und zu den Sinnbildern schriftliche Andeutungen. Mir war dies Gesetzbuch eine Seltsamkeit, ich sah es mir näher an als es nötig war zu dem, was ich dafür im Holzschnitt zu tun hatte. Mein Eigentum ist es nicht mehr, zur Vergeltung von mancherlei Hilfe in Zensurangelegenheiten schenkte ich es dem Minister v. Kamptz, weil ich seiner lebhaften Freude daran den Wunsch abmerkte, ein Buch zu besitzen, das dem Juristen werter sein konnte als mir. Ich habe jedoch darüber Aufzeichnungen[294] vor mir und will durch deren Mitteilung meinen Bericht einleiten. – Da Haiti früher französische Erwerbung war, benannt Sankt Domingo, ist die französische Sprache auch für das Gesetzbuch herrschend geworden, und hinsichtlich der Druckerei ist alles Lob erschöpft, wenn man sagt: mit etwas Mühe läßt es sich lesen. Am Schluß sind als Mitglieder des »Conseil privé« unterzeichnet: »Corneille Brelle, Duc de l'Anse. Comte de Terre-Neuve. Comte de Limonade. Comte de Saint-Louis. Duc de la Marmelade. Duc du Dondon. Comte de la Taste. Comte der Terrier-Rouge. Baron de Faraud. Baron de Dupuy. Baron de Vastey. Bertrand Lemoine.« Corneille Brelle, der einflußreichste, war vordem Kapuziner; als solcher salbte er den ehemaligen Negersklaven Christoph bei dessen Krönung am 4ten April 1811 mit Kakaoöl, und der nun zum »König Heinrich der Erste« gewordene Christoph herrschte nach dem – von ihm selbst gegebenen – Staatsgesetz als sogenannter »konstitutioneller Monarch«, befahl auch sogleich die Beschaffung eines Gesetzbuchs. Es bezeugt französischen Ursprung, füllt mit sieben Abschnitten in erster Ausgabe achtundvierzig Bogen und hat jedenfalls das Verdienst der Sinndeutlichkeit. Über Kultus ist nichts darin enthalten, was als Beweis umfassender Religionsduldung anzunehmen wäre. Dem Gesetzbuch voran zu beachten ist eine merkwürdige Rede, mit der es dem Könige überreicht wurde. Man denke sich den Neger Christoph, früher Sklave des Kaufmanns Badesche, der bei allem natürlichen Verstande doch nur von beschränkter Bildung sein konnte, der durch Raub und Mord emporgekommen war und noch während seines Königtums arge Grausamkeiten[295] verübte, man denke sich ihn und lese nun diese treu übersetzte Anrede, dienend auch zur übersichtlichen Kenntnis des Gesetzbuchs:

»Sire! Ew. Majestät, als dem Stifter unserer moralischen, politischen und militärischen Verfassung, kommt es zu, uns weise Gesetze anzuordnen, welche den Glanz Ihrer Regierung unsterblich machen werden. Nach Jahrhunderten der Unwissenheit, der Vorurteile und Barbarei, die uns in dichteste Finsternis einhüllten, war es Ew. Majestät vorbehalten, sie zu zerstreuen, den dunklen Schleier zu zerreißen, der uns die Fackel der Wahrheit verbarg. – Sire! Die Fortschritte der Aufklärung im Sittlichen sind bei den meisten Völkern nur langsam geschehen; Jahrhunderte sind erforderlich gewesen, ehe sie sich ausbildeten, sich Gesetze und eine bürgerliche Verfassung geben konnten. Die großen Dinge, welche Ew. Majestät für das Haytische Volk geschaffen haben, finden auf keinem Blatt der Geschichte ihre Muster und Beispiele. Kaum hatte dies Volk, von Liebe und Erkenntlichkeit hingerissen, den ersten Thron der neuen Welt errichtet, kaum hatte dieses Volkes Vorteil Sie auf die erhabene Stelle berufen, welche Sie mit so vielem Glanz füllen, die Ihre seltene Tapferkeit und Ihre großen Talente Ihnen längst schon angewiesen hatten, als Ew. Majestät, alles vergessend, was Sie bereits zum Heil des Volks getan, sich nur dessen erinnerten, was Ihnen zu tun übrig bleibt, um das Gebäude seines sittlichen und politischen Glücks zu vollenden. Bis dahin ward das Haytische Volk regiert durch veraltete Gesetze, deren Dunkelheit der Unredlichkeit die sichersten Waffen gegen den rechtlichen Mann in die Hände gab; andere Gesetze waren gleichsam nur[296] eine Vereinigung von Aussprüchen, welche allmählich die Kraft der Gesetze annahmen: sie waren unzureichend und ließen den Richter ohne Kraft, um seine Entscheidungen zu ermächtigen. Die Staatsbürger blieben der Gesetzeshilfe beraubt, die unsichere Rechtspflege schwankte ohne Führer, und der Mensch, immer zu Leidenschaften und Irrtum geneigt, konnte fehlen, da er seinen eigenen Einsichten überlassen blieb. – Das Haytische Volk bedurfte eines einfachen, weisen Gesetzbuchs, welches seine Rechte, seine Pflichten auf feierliche Weise einweihte, das dem Klima, seinen Sitten und Bedürfnissen, besonders aber einem ackerbautreibenden und kriegerischen Volke angemessen war. Das richtig schätzende Genie Ew. Majestät, das die verschiedenen Zweige der Bedürfnisse des Volks umfaßt, entwarf den Plan eines solchen Gesetzbuchs, indem es dessen Regeln feststellte: Sie wollten, seine Kräfte sollten sich stützen durch die heiligen Grundsätze, welche die Gottheit in die Herzen aller Menschen eingesenkt hat, durch Gerechtigkeit und Billigkeit. Um den Wunsch Ew. Majestät zu erfüllen, hat der geheime Rat mit dem Lichte der Erfahrungen der unterrichtetsten Männer in allen Zweigen der Gesetzgebung sich zu einigen gesucht, ebenso mit allen Gesetzen der Alten, welche Neuere berichtigt haben; der geheime Rat ist bis in die geringsten Einzelnheiten gedrungen, und hat aus der Natur des Sachlichen die Urbedingungen ermittelt, welche notwendig waren, um Gesetze zu entwerfen, die den Zeiten, Gebräuchen und Sitten der Haytier angemessen schienen. Der geheime Rat hat die Ehre, die Früchte der Arbeiten unablässigen Bemühens zu überreichen, indem er eine Darstellung der Gesetze, welche der Code Henri in sich faßt, voranschickt: es ist dies,[297] Sire, weniger sein eigenes Werk als das ihrige. – Das bürgerliche Gesetz, auf welchem das Glück und die Sicherheit der Familien beruht, das Palladium unserer Sitten, hat vorzüglich Sorgfalt beansprucht: es ist durch Einfachheit und Klarheit dem Einsichtsvermögen aller Staatsbürger angeeignet. – Nachdem die Grundlage des Volksglücks befestigt worden für Erhaltung und Genuß der bürgerlichen Rechte, hat der geheime Rat sich mit den Handelsgesetzen beschäftigt. Redlichkeit und Aufrichtigkeit liehen dem Nachdenken des geheimen Rats ihre Fackeln, um in die Dunkelheiten der Arglist zu dringen, den Betrug zu erspähen, die Pläne sträflicher Betriebsamkeit zu erhellen, die Wahrheit zu erfassen, und so durch ein festes, gelegentlich auch künstlich verbundenes Räderwerk den Mechanismus dieses Systems ineinander zu fügen. – Nächstdem erregte die bürgerliche Rechtspflege die eindringlichste Achtsamkeit; es war unerläßlich, auf bestimmte Weise die Mittel anzuzeigen, welche dazu dienen, sich des Schutzes der Gesetze zu versichern. Die prozessualischen Formen in verschiedenen Fällen bei den bürgerlichen Verhandlungen bestimmen und feststellen, dies heißt in Wahrheit das Volksglück befestigen. Indem man die Prozeßführenden in die Unmöglichkeit versetzt, Rechtshändel zu verewigen, erstickt man den Haß in Familien, sowie den Haß unter einzelnen, was der guten Ordnung im geselligen Leben so sehr vorteilig ist. – Die Polizei- und Kriminalgesetze erforderten gleichfalls die Aufmerksamkeit; kräftige Mittel mußten angewandt werden, um den Wirkungen des Betrugs Einhalt zu tun, die Redlichkeit zu schützen, den Rechtlichen Ruhe zu sichern und die Bösen in Furcht zu jagen. – Bei den Gesetzen, welche den Ackerbau[298] betreffen, hat der geheime Rat die freisinnigen und wohltätigen Absichten Ew. Majestät für sein liebes Landvolk zu erreichen gesucht. Bis dahin ward dieser betrachterregendste und zahlreichste Teil der Bevölkerung des Staats durch einfache Anordnungen regiert, welche nur zum Behuf des ehemals Herkömmlichen entworfen waren. Der geheime Rat ist dem Landbewohner sein ganzes Leben hindurch gefolgt, hat seine Bedürfnisse erwogen, seine Tätigkeiten berechnet, mit wenigen Worten: er hat die Quellen ergründet und die Kanäle eröffnet, welche den Ackerbau, diesen Ernährer des Menschengeschlechts, blühend machen. Der geheime Rat kann es sich nicht verhehlen, welche große Schwierigkeiten ihn im Wege würden gehindert haben, wenn Ew. Majestät schaffender Geist, seine tiefe Unterscheidungskraft, denselben nicht geebnet hätte. Ein neues Gebäude mußte errichtet, ein neuer Stoff, der unter den Nationen ohne Beispiel ist, behandelt, neue Grundsätze mußten aufgestellt, Blätter aus unserer Gesetzgebung vertilgt werden bis auf die letzten Merkmale, die an ein von uns auf immer verwiesenes System erinnerten. – Ew. Majestät Absichten zufolge hat der geheime Rat sich dann mit den militärischen Gesetzen beschäftigt, mit diesen unüberwindlichen Dämmen der Disziplin, Grundlagen unserer Armee, die dem Vaterlande Bürgschaft sind für tapfere und brave Krieger, für eine Armee, die sich, der Ehre getreu, vom Soldaten bis zum Großmarschall von Hayti ebenso geübt zeigt in der Kriegskunst wie in den militärischen Tugenden.

Sire! Der geheime Rat hat seine Arbeiten vollendet; er hat die Ehre, den Erfolg seiner Anstrengung und beharrlich ausdauernden Bemühungen Ew. Majestät Genehmigung[299] zu unterwerfen. Er ist weit entfernt von dem Eigendünkel, zu glauben, daß der Kodex unserer Gesetze in allen seinen Teilen vollkommen sei. Vollkommenheit gehört nicht zum Bereich der Erde, und der menschlichen Klugheit ist es nicht verliehen, alles vorher zu sehen. Der geheime Rut ist innig überzeugt, daß Zeit und Erfahrungen immer noch manches seinen Arbeiten hinzufügen werden, doch schätzt er sich glücklich und es gereicht ihm zur Ehre, unter dem Schutze Heinrich des Großen gearbeitet zu haben, um den Grund zur Wohlfahrt und Glückseligkeit des Haytischen Volks zu legen.«

Als geschichtliche Überlieferung gehöre diese Anrede für den Negerkönig zu den unzähligen Beweisen der Tatsache, daß dort, wo sich die Hofschranzerei einnistet, die schamloseste Schmeichelei sogleich mit angesiedelt ist für jeden, der durch seine Macht Vorteile gewähren kann. Dann gilt Gewalt mehr und mehr als geheiligtes Recht, das kriechendste Beheucheln, mit wechselnder Färbung übertüncht, für Liebe und Treue. Die innere Fäulnis, werde sie mit dem reichlichsten Prunkwesen verkittet und verkettet, dringt aber doch um sich, und ihr Dunst erzeugt weithin dem Menschentum Krankheitsstoffe.

Das mir zum Beschaffen der sinnbildlichen Zierden für das Gesetzbuch gesendete Wappen zeigt auf einem flatternd gedachten, die Inschrift »Dieu ma cause et mon épée« tragenden Bande zwei Löwen, die ein Schild halten, auf dem man einen, mit Sternen umgebenen Phönix aus den Flammen aufschwebend, unterhalb, wieder in einem Bande, die Inschrift sieht: »Je renais de mes cendres.« Auf dem mit reichgeschmückter[300] Ordenskette umgebenen Schilde erhebt sich die Krone. Dies Wappen ist in den andern Darstellungen von den Werk- oder Geschäfts- und Gewerbszeichen des Krieges und Friedens, des Ackerbaues, des Handels und der Schiffahrt umgeben. Zwei der Sinnbilder lassen Gerichtshallen schauen, in welchen die Themis, Schwert und Wage haltend, die rechte Hand dabei auf das Gesetzbuch gelegt, zum Sitz einen Löwen hat, der einen Fuchs zerreißt. Ich wünschte, von dreien dieser Holzschnitte durch den »Gesellschafter« Abdrücke vorlegen zu dürfen, erhielt dieses Erlaubnis für alle, und dann, weil ich damals die »Vereinsbuchhandlung« noch nicht gegründet hatte, wurden die zwölf Bildchen Leipziger Verlag von A.H. Köchli. Die geringe Auflage war bald vergriffen, ich selbst besitze auch nur noch wenige Abdrücke. – Da man nun aber in Sanssouci – so hatte König Heinrich sein Hoflager benannt – durch jenen Anlaß erfuhr, ich sei Herausgeber einer Zeitschrift, empfing ich Anträge von dem Haytischen Kanzler, Baron v. Bastey, allerlei mir Mitgeteiltes verbreiten zu helfen, was ich in kurzen Zusammenfassungen tat. Aus seinen Briefen von Ende Mai 1818 bis Juni 1820 schließe ich Einzelheiten in Übersetzung hier an:

(28. Mai 1818.) »Es gingen bestimmte Nachrichten ein, daß Boyer, nach des Mulatten Petion Tode Dictator des republikanischen Theils der Insel, mit den Franzosen unterhandeln wolle, um deren Oberherrschaft wieder herzustellen. Das wird von den Bewohnern Hayti's am meisten gefürchtet, weil sie der ehemaligen Willkür-Regierung mit deren Aussauge-System noch lebhaft eingedenk sind. Man hat nun den König aufgefordert, Boyer entgegen zu treten, und unsere Armee[301] von 40,000 Mann, die sich leicht auf 100,000 Mann vermehren läßt, zieht an die Grenze. Selbst Nothwehr zwingt uns dazu, denn schon wurden von dort aus unsere Grenzen überschritten, indem Banden verschiedener Parteien eindrangen, um hieher ihre Republik, dieses Treibhaus ehrgeiziger und habsüchtiger Absichten, auszudehnen. Jene Parteien, die Raub und Mord auf unser Gebiet wälzen, verstärken sich überall mit dem Auswurf des Menschengeschlechts, und wir sind gezwungen, einzuschreiten. Wenn wir uns nun davon durchdrungen fühlen, daß die Monarchie die haltbarste Regierungsform ist, sie auch durch die Weltgeschichte als bewährteste sich offenbart, so muß uns daran liegen, daß diese Regierungsform die einzige werde in Hayti, und wir hoffen, daß dies der beste Antrieb seyn müsse, dem König Heinrich I. die Anerkennung Seitens der europäischen Fürsten zu verschaffen.«

(23. August 1818.) »Wir beschäftigen uns jetzt mit Vermehrung der Lancaster-Schulen, führen auch das Decimal-Maaß und den Decimal-Kalender ein. Zu unserm Kalender wünschen wir Vignetten von Ihnen, und daß Sie überhaupt die Gefälligkeit haben mögen, uns im Typographiehen mit Rath und That beizustehen.«

(19. März 1819.) »Die gewünschte preußische Städteordnung und die Stiftungsacte der Berliner Universität sind mit den Blättern Ihrer Zeitschrift und den Vignetten angekommen; die Zahlung ist angewiesen. Für Ihre Gefälligkeiten verlangen Sie keinen Ersatz, wir könnten Ihnen aber leicht unsere Dankbarkeit beweisen mit Waaren, wenn Sie ein Kaufmannshaus hätten, was sie übernähme, besonders Kaffee oder Mahagoniholz. Giebt es eine Schrift über die preußischen[302] Orden, wäre ich gern in deren Besitz. Auch die neuesten Verordnungen über die Verhältnisse der Bauern möchte ich kennen lernen.«

(14. Juni 1919.) »Die Aufhebung der Sclaverei, die zum Zwecke der Befreiung vom Joche der Fremden hier verkündet werden mußte, und die auch im Menschenrechte liegt, hat ihr Gutes vollbracht, jetzt sind deren Übel zu überwinden. Ein in allem Druck, auch dem der Unwissenheit, gewesenes Volk macht keinen Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit; es erfordert Zeit, dies zu ändern, und die Hindernisse sind schwer hinweg zu räumen, eben weil sie hauptsächlich im Mangel des Geistigen ihren Grund haben. Viel läßt sich reden von Menschenrechten, doch es müssen erst Menschen da seyn, die sich selber alle Pflichten auflegen, um dann auf alle Rechte Anspruch zu haben. Bei jedem Schritte, den wir vorwärts thun wollen, kommen Pflichten mit, die Denen, welche die Freiheit mißverstehen, stets wie Sclaverei erscheinen. Haben wir bei einer neuen Einrichtung den Widerstand beruhigt, stets werfen die von den Nachbarn zuströmenden republikanischen Aufreizungen, die eine Sprache führen, welche Schmuck wirst auf alle möglichen Albernheiten, Feuerbrände in die Stimmung.«

(23. Mai 1820.) »Die Europäer haben schwer gesündigt an sämmtlichen Ländern, welche sie als für ihre damalige Unkenntniß allerdings neu entdeckten Welttheile sich aneigneten wie herrenloses Gut, was diese Länder keineswegs waren. Auch für eine spätere Zeit ist es keine Ehre, daß man von dort aus, wo man sich der Bildung rühmte, noch unablässig die Menschen der heißen Zone als Handels-Artikel betrachtete im Mißbrauch[303] von Stärke und Klugheit, daß man schnöden Gewinnes wegen Frevelthaten beging, denen die Gerechtigkeit hätte Fesseln anlegen sollen. Wenn Menschen nicht wie Vieh oder todtes Eigenthum zu betrachten sind, dennoch aber Diejenigen, welche sich in den Landstrichen heisser Zonen anbauten, von Eingedrungenen nur als versendbarer und geldbringender Stoff betrachtet und behandelt wurden, wer will es den so schmachvoll Unterdrückten zum Verbrechen anrechnen, wenn sie ihr Joch abwerfen und gegen ihre Peiniger mit der Grausamkeit verfahren, worin diese ihre Lehrmeister wurden? Die so Mißhandelten glauben nicht an Gesetze, welche Rache und Selbsthilfe verbieten können; ihnen ist Alles Sclaverei, von der Lehre und dem Unterricht bis zur Unterordnung da, wo die allgemeine Ordnung sie befiehlt. Unsere Macht, die stets sich auf Angriffe von aussen bereit und die ihr zu Gebot stehenden Kräfte beisammen halten muß, darf im Innern nur von Zeit zu Zeit einmal durchgreifen, wenn man wenigstens für eine Weile sich vor Angriffen geschützt wähnt, die dann aber doch plötzlich wieder in Aussicht sind. Deshalb wäre eine Anerkennung des Königs Heinrich I. für uns ein Ereigniß von Wichtigkeit, und wenn sie von Frankreich fürerst nicht zu hoffen ist, sie wäre uns der Anfang einer Hülfe, woher sie kommen möchte.«

Das Schreiben, dem diese letzte Mitteilung entnommen ist, war das vorletzte eines Briefwechsels, der meinerseits in Erklärungen über die bestellten mancherlei künstlerischen Arbeiten bestand, oder in Antworten auf Fragen über Verhältnisse, deren Kenntnis in Hayti, wie man meinte, nützlich sein konnte. Der Wunsch, den König Heinrich I. von europäischen Fürsten anerkannt[304] zu sehen, gibt sich in allen Briefen auf die eine oder andere Weise kund. Bekanntlich stürzte der neu errichtete Thron schon im Oktober 1820 durch einen Militäraufruhr, an dessen Spitze General Richard, Herzog von Marmelade, und der Kriegsminister Paul Romain standen. Der kranke König Heinrich I., sogar von seiner Leibwache verlassen, erschoß sich am 8. Oktober 1820, der Sohn wurde von wütenden Soldaten am 18. Oktober ermordet, die Mutter flüchtete mit ihren beiden Töchtern.

Aus den Berichten des Barons von Vastey sprechen nach meiner Überzeugung guter Wille bei nützlichem Zweck, und in bezug auf meine Verbindungen mit Haity bin ich es der Wahrheit schuldig, zu sagen, daß man sehr redlich alle Verpflichtungen erfüllte. – Eine Kaffeesendung hatte ich laut wiederholter Äußerung auch zu erwarten, daß sie nach der fürchterlichen Umwandlung ausblieb, versteht sich von selbst; eine solche Erwähnung hielt ich eigentlich dem Spaß näher als dem Ernst, entbehrte also nicht einmal eine Hoffnung, nachdem das Verheißene sich im Nichts verlor.

Von den Schwarzen mich trennend, habe ich nun deutscher Schwärzerei zu gedenken.

In den Jahren 1818 und 1819 erregten Luden, Oken und Ludwig Wieland mittelst ihrer Zeitschriften: »Nemesis«, »Isis« und »Volksfreund« wirbelreichen Lärm gegen Kotzebue durch ein aufgefangenes, von ihm nach Petersburg bestimmtes »Bülletin«. Die mannigfachsten Aufreizungen kamen in sich steigerndes Getümmel und Verwirren; dabei beachte ich nur das Wenige, wozu Kotzebue selbst mich in Anspruch nahm, über jenen aufgefangenen Bericht nur bemerkend: man dürfte die[305] unerlaubte Veröffentlichung für Pflicht, wegen der miteingreifenden Nebenumstände aber für ehrwidrig halten.

Bekannt ist, daß Oken in seiner Zeitschrift bei Erwähnung der ihm Mißliebigen auch bildlich mit Eselsköpfen schmähte. Diese rohe Unwürdigkeit war Anlaß, daß Kotzebue – früher mir in Berlin persönlich genaht – aus Weimar für den ersten Jahrgang des »Gesellschafter« einen nicht geistlosen, nur mit drei Sternchen unterzeichneten Aufsatz schickte, überschrieben: »Empfehlung der Eselsköpfe«. Erneuern mag ich den derbwitzigen Aufsatz nicht, zu finden ist er in jener Zeitschrift (1817, Bl. 111); da jedoch Kotzebue die Zusendung des Abdrucks gewünscht hatte, legte ich ein paar Zeilen hinzu, schließlich ihn zur Mitbegründung des »Gesellschafter« einladend gegen »Honorar«, wonach er mir schrieb:


»Weimar, d. 17. July 1817.


Ew. Wohlgeboren


freundliches Anerbieten war mir sehr schmeichelhaft, allein ich kann unter Jahr und Tag nicht daran denken, Gebrauch davon zu machen. Mein jetziger Beruf raubt mir außerordentlich viel Zeit, da ich unter andern mich mit Dingen bekannt machen muß, die mir bisher ganz fremd waren, z.B. Theologie und Kriegskunst. Darum habe ich schon mehrere gütige Anträge, zum Theil von alten Freunden, ablehnen müssen, sonst bliebe mir am Ende gar keine Stunde mehr für meine alte Liebhaberey, das Theater. Hingeworfene Kleinigkeiten muß ich, kraft eines alten Vertrages, der eleganten Zeitung mitteilen.

Lassen Sie, hochgeehrter Herr, diese wahrhafte Entschuldigung freundlich gelten, wenigstens so lange, bis ich in meine neuen Fächer mich ein wenig mehr einstudirt[306] habe. Dann wird es mir eine Freude und Ehre seyn, Ihrer Aufforderung zu genügen, so viel in meinen Kräften steht.


Hochachtungsvoll

Ihr ergebenster

Kotzebue.«


Dann empfing ich von ihm zur öffentlichen Verbreitung nur noch die Abschrift des hier angefügten Briefes an den Hofrat Luden:


»Mein Herr!


Wir sind in eine seltsame Fehde miteinander gerathen. Ich habe etwas über Ihre Nemesis geschrieben, was Sie beleidigt hat, und Sie haben etwas drucken lassen, was mich beleidigt hat. Ich habe über Entwendung meines Bülletins geklagt, und der Leipziger Schöppenstuhl hat Sie zu einem abkäuflichen Arrest verurtheilt. Sie haben über Injurien geklagt, die ich Ihnen angethan haben soll, und die Professoren zu Würzburg haben mich zu einem Widerspruch verurtheilt. Sie haben sich in den Spruch der Leipziger Schöppen nicht fügen wollen, und ich werde nimmermehr thun, was die Würzburger Professoren mir vorschreiben. Sie haben die Leipziger Schöppen für partheiisch gehalten, und ich halte die Würzburger Professoren dafür. Sie haben appellirt und ich appellire auch. Was soll am Ende dabei herauskommen? Es ziemt weder mir noch Ihnen, dem Publikum länger ein solches Schauspiel zu geben. Ich thue Ihnen daher einen Vorschlag, um die Sache auf eine anständige und befriedigende Weise zu endigen. Wir verzichten Beide auf fremde Urtheile und Appellation. Jeder von uns wählt zwei[307] rechtschaffene Männer, zu welchen er Vertrauen hat; diese Vier wählen einen Fünften zu ihrem Obmann, und dann entscheiden sie durch Mehrheit der Stimmen, was geschehen soll. Ich erkläre hiermit öffentlich, daß ich diesem Urtheil mich unterwerfen und es erfüllen will, wenn es auch ganz zu meinem Nachtheil ausfiele. Erklären Sie dasselbe, so wird man uns Beide für Männer halten, die – wenn sie auch menschlich geirrt haben sollten – doch ein reines Gewissen haben. Um Zeit zu ersparen, wie auch um Ihrer Bequemlichkeit willen, werde ich meine Schiedsrichter in Weimar wählen, wählen Sie die Ihrigen in Jena, so wird die Zusammenkunft leicht. Das Resultat machen wir dem Publikum bekannt. – – Ich ersuche Sie, Ihre Antwort auf diesen Vorschlag auf irgend eine Weise öffentlich zu verlautbaren.


Mannheim,

den 3. November 1818.

Ihr

gehorsamster Diener

Kotzebue.«


Unzweifelhaft bezeugt dieser Brief, daß Kotzebue eine zum Frieden leitende Ausgleichung beabsichtigte; wären seine Gegner nachgiebiger gewesen, dann bewirkte vielleicht die weit umlodernde Entflammtheit der Freiheitsglut nicht Zustände, in denen vorher schon das Gewaltsame wieder mächtiger geworden war durch die Schauspielerei des Übermuts bei dem Wartburgfest. –

Jetzt bin ich wieder hingewandert zum Fürsten von Wittgenstein, dem ich bis zum Jahre 1819 mehrmals bei seinen belustigenden Neckereien im Kreise des Hoflebens behülflich war, nun aber mit ihm ernstlich uneinig werden mußte. – Seit dem »Wartburgfest« (am 18. Oktober 1817) begann die arge mit vielen Verhaftungen vorschreitende Geschichte der sogenannten »de-[308] magogischen Umtriebe«. In Verbindung mit dem, von den Ereignissen bei dem »Wartburgfest« persönlich gereizten Geheimen Oberregierungsrat v. Kamptz, wurde der Fürst von Wittgenstein gleichsam Hofpolizeiminister, und belästigte mich mit Anträgen, ihn maßlos gegen das allerdings burschenschaftlich Maßlose durch die Öffentlichkeit zu unterstützen. Jedesmal, wenn ich sein Gast war, wollte er mich gewinnen für seine Richtungen, mit denen ich nicht einverstanden sein konnte. Ohne die derzeit jugendlich brausenden Unbesonnenheiten in Schutz zu nehmen, oder gar die späteren verbrecherischen Übertreibungen verteidigen zu wollen, fand ich mich doch veranlaßt, dem Fürsten meine Ansicht deutlich auszusprechen in bezug auf die, oft nur durch haltlose Anklagerei entstandene Hast und Strenge, mit der man die Untersuchung des Geschehenen verwebte. Ich sagte mehrmals und schrieb es ihm auch: »Man hat die Begeisterung der Jugend zu dem Freiheitskriege angefeuert, und die ausgebreitete Entflammtheit ermächtigte sich zu erhabenen, rettenden Taten. Unmöglich ist es, dieser Begeisterung sogleich Stillstand anzufesseln: das Feuer läßt sich nicht unterdrücken mit Verfügungen, die man hineinwirft, wird vielmehr eben dadurch sich verstärken und die Stützen des Staates unterwühlen, wenn man es zwingt, im Verborgenen um sich zu greifen. Nur der allmähliche Fortschritt zur Ausbildung reinerer Staatszustände, im Zusammenhange mit einer auf geregelte Freiheit des Menschlichen begründeten, mit der Ehrfurcht vor dem Gesetz innig verschwisterten Erziehung kann hier helfen und beruhigen.« – Der Fürst von Wittgenstein hatte für solche Äußerungen kein Gehör, er zeigte sich hartnäckig tätiger in herrisch angebahnter Richtung, und[309] meinne beharrliche Unfügsamkeit erbitterte ihn mir so empfindlich, daß ein plötzlicher Bruch erfolgen mußte. Eines Tages im Jahre 1819 war ich einzig Eingeladener des Fürsten, in seinem Saale gingen wir nach dem Mittagsmahl auf und ab; er bestürmte mich mit Verheißungen, Ein- und Zureden, zuletzt fast gebieterisch, so daß mir die Ruhe entkam und ich endlich ausrief: »Durchlaucht, es kann für Sie nicht angenehm sein, wenn ich Ihnen stets widersprechen muß, und mir ist es peinlich, wenn ich meiner Vernunft entsagen soll; erlauben Sie also, daß ich heut zum letztenmal hier war!« Einer solchen Sprache ungewohnt, stand der Fürst wie erschrocken vor mir, ich aber eilte aus dem Saale und Hause, blieb auch meiner Ansicht treu.

Wie aber verwickelten sich dann die »Umtriebe«? – Durch Herrn v. Cölln war mir im Jahre 1817 der unbesoldete Referendar Tzschoppe zu schriftstellerischem Nebengeschäft empfohlen worden; ich wußte ihn nur zu brauchen für Übersetzung oder Kürzung der in mancherlei Tagesblättern von mir bezeichneten Aufsätze, und er empfing dafür monatlich sechs Taler. Bald nach jenem Ereignis bei dem Fürsten von Wittgenstein kündigte mir Herr Referendar Tzschoppe, nun mit den Tagesblättern und ihrer Meinungsfärberei sehr bekannt, plötzlich an: er habe Aufträge erhalten, die ihn in eine andere Bahn lenkten, und sei genötigt, sich von mir zu trennen; – er betrat den Weg, der ihn durch Gunst rasch auf die höchsten Amtsstufen des Staates stellte, jenen Weg, der meiner Gesinnung nicht zu öffnen war.

Der Geschichte damaliger Umtriebshändel entwichen, habe ich nur meine weiteren Erlebnisse mit Herrn Tzschoppe zu erzählen. Er hatte eine Reise vollbracht,[310] ihren Zweck konnte ich erraten, ihn aber nicht mit Gewißheit mir erklären. Bald nach seiner Rückkehr kam er zu mir; obwohl er die Offenheit vermied, erfuhr ich doch genug, um zu wissen, mir auch zu ergänzen, woran ich mit ihm war, unterließ es auch keineswegs, meiner Gesinnung Ausdruck zu geben, so daß er zwar höfisch gelenk, doch merklich grollend von dannen ging. Ich sah ihn erst wieder, als ihn das Glück schon sehr gehoben hatte, überrascht durch seinen Besuch, den nur ein Gelegenheitsgrund herbeiführte. Er war in der Lausitz geboren, brachte mir ein Heft von einer Zeitschrift, welche dort von einem Gelehrtenverein herausgegeben wurde, und wünschte einen Bericht darüber im »Gesellschafter«. Unsere Wiederbegegnung hielt sich sehr kühl und kurz, weil ich im Gespräch keinen andern Gegenstand als den, der ihn zu mir leitete, berührte, ihm aber zusagte, daß sein Wunsch erfüllt werden solle. Von da an kam er jedoch regelmäßig wieder, wenn ein neues Heft jener Zeitschrift erschienen war; er händigte es mir ein, immer sein Ersuchen wiederholend, auch immer denselben Bescheid empfangend. Eines Tages nun, da ich eben beschäftigt war, an einer Holzschnittplatte von einem meiner Schüler zu bessern, stand der nunmehrige »wirkliche Geheime Ober-Regierungsrat und Direktor, Herr von Tzschoppe, Ritter mehrerer Orden«, neben meinem Arbeitstisch und sah mir zu, indem ich mich in meinem Tun nicht stören ließ. Da gedachte er der Vergangenheit und äußerte bei dem Gange dieses Gesprächs: »Im Andenken unseres früheren Verhältnisses und in Betracht meiner jetzigen einflußreichen Stellung, könnt' ich Ihnen denn nicht irgendeinen Dienst erzeigen?« Ich sah etwas verwundert auf, entgegnete trocken: »Nein!« und wandte[311] mich wieder zu meiner Arbeit. – »Warum denn nicht?« fragte er mit einem wie es mir schien etwas gereizten Ton, und ich entgegnete, wahrscheinlich etwas spöttisch: »Ich genieße die Gesetze, sagt Marquis Posa!« – Herr v. Tzschoppe lachte, und da er nochmals auf seine erste Frage kam, erwiderte ich: »Sie sollten mich hinlänglich kennen, um zu wissen, daß ich mit vielem in der Welt bereits völlig abgeschlossen habe und vieles nicht der Mühe, noch weniger der Bitte wert erachte. Ich bin keiner von denen, die sich vordrängen, und vergess' es leicht, wenn man meiner nicht gedachte da, wo ich einen Anspruch darauf hätte, daß man meiner gedenkt. Sie sehen, ich bin zufrieden, bin es mit mir, und mehr bedarf's ja nicht!« – »Nun, im vorkommenden Falle vergessen Sie mich wenigstens nicht!« – damit schloß das Gespräch, und ich empfing nur noch einen Besuch von ihm, soweit ich mich erinnere Ende Mai 1840. Er war sehr aufgeregt, schritt in meinem kleinen Zimmer wie krankhaft ruhelos umher und beklagte sich bitter über – Undankbarkeit, und daß man ihn wahrscheinlich wieder übergehen werde, wie man es schon einmal getan, da er doch unleugbar der nächste zum – Minister sei. Dazwischen mußte ich die wiederholte Äußerung vernehmen, er wisse sehr wohl, daß auch ich über Undank zu klagen habe. – »Hörten Sie mich jemals darüber klagen?« war meine einzige Entgegnung. »Nein, nein!« antwortete er heftig und eiferte weiter, so daß ich kaum noch zur Rede kam während seiner maßlosen, wie sinnverwirrten Erhitzung. Er, bis dahin gleichsam verfolgt vom Glück, klagte über Undank! – ich aber hatte ihn so noch nicht gesehen, denn nach meiner Erfahrung wußte er sich sehr zu beherrschen.[312]

Die letzten Worte wechselten wir bei dem ersten Ballfeste, welches der König Friedrich Wilhelm IV. im Schlosse gab, und wo auch ich zu den vielen Eingeladenen gehörte. Herr v. Tzschoppe trat zu mir heran und sagte: »Jetzt werd' ich Ihnen zeigen, wie man's machen muß, um dem König die Liebe des Volks zu erwerben!« Ich muß gestehen, daß ich begierig war, zu erfahren, wie er seine Zusicherung bei diesem Feste beweisen wollte, und er ließ die tatsächliche Erkenntnis nicht fehlen. Es waren viele Abgeordnete, auch bäuerliche aus Westfalen, anwesend; einer hatte mehrmals geäußert: er würde es für das größte Glück seines Lebens halten, wenn der König auch nur wenige Worte an ihn richtete. Dies hörte Herr v. Tzschoppe, und indem er mutmaßlich auf die eigentümliche und dadurch auffallende Tracht des Abgeordneten rechnete, hatte er dem Manne gesagt: er hoffe es dahin zu bringen. Als nun das königliche Paar mit den Prinzen, Prinzessinnen und dem Hofstaat durch die Säle schritt, drängte sein Gönner den Westfalen soweit vor, daß er in der ersten Reihe stand an dem Raum, der für den Zug geöffnet worden war. Der Glückszufall wollte, daß der König wirklich mit dem westfälischen Abgeordneten, der sich nächst seiner Tracht auch noch durch eine hohe, kräftige Gestalt auszeichnete, ein paar Minuten sprach. Nachdem dies vorüber war, kam der Veranstalter wieder zu mir, und schlau vergnügt rief er mehrmals aus: »Sehen Sie, so muß man's machen!« Eben hatte ich nur entgegnet: »Mir ist, als ob es umfassendere und durchdringendere Mittel gäbe, die dem Könige gewiß bekannt sind!« Da eilte jener westfällische Abgeordnete dankend herbei und wünschte, daß ihm »sein Wohltäter« seinen[313] Namen aufschreiben möge. Da Herr v. Tzschoppe zwar einen Bleistift, aber kein loses Papierblättchen hatte, gab ich ihm den Umschlag eines, mir vom Briefträger, als ich vor meinem Hause in den Wagen steigen wollte, eingehändigten Briefes, den ich in die Seitentasche steckte und jetzt erst öffnete, weil ich durch die bekannte Handschrift auch den Geschäftsinhalt kannte. Auf diesen Umschlag, ihn auf seinen Klapphut legend, schrieb er dann seinen Namen, mit allen Titeln und Würden, und nebenbei sollte ich nun erfahren haben, wie man einem Könige Volksliebe erwirbt zufolge der Meinung des Herrn v. Tzschoppe. – Ihm aber war Friedrich Wilhelm IV. nicht gewogen, was sehr bald deutlich wurde, und nach plötzlichem Ende seines Glücks sah ich den Gestürzten nur noch einmal, jedoch mit unvergeßlichem Eindruck. An einem regnerischen Tage kam er mir im Tiergarten entgegen, als ich nach dem Brandenburger Tore ging. Die kleine Gestalt war in einen Mantel gehüllt, in welchem er die Hände verbarg; mit dem linken Arme preßte er einen Regenschirm an sich, und die ganze Haltung war eine sehr gedrückte. Meine Augen sind durch Arbeiten im Holzschnitt und durch emsiges Lesen und Schreiben bei Licht, ohne daß ich für die Nähe in meinem dreiundachtzigsten Altersjahre eines Glases bedürfte, zur Fernsicht wenig geeignet: ich erkannte aber Herrn v. Tzschoppe, und er mich, denn wir waren höchstens zehn Schritt auseinander. Eine Sekunde stand er still, niedergeschlagenen Blicks, dann bog er sich rasch über den Rasen nach einem Seitengange hin. – Kurze Zeit nachher hörte ich, er sei geisteskrank, und ist es wahr, daß er gequält wurde von dem Wahn: durch jede Tür, aus jedem Riß der Mauer[314] drängen Bewaffnete ein, ihn zu verhaften, so ist's nach meinem Empfinden eine Mitbestätigung: man dürfe glauben an ein Gottesgericht auch schon im Diesseits.

Schließlich nun meiner letzten Erlebnisse mit dem Fürsten von Wittgenstein gedenkend, weiß ich, daß wir beinah drei Jahre uns fern blieben, und ich sah ihn nur wieder, als er mich besuchte: es war in den ersten Tagen des Aprils 1822. Zu feiern hatte man am 15. dieses Monats die halbhundertjährige Tätigkeit des berühmten Arztes Heim, der auch Arzt Wittgensteins war. Heim trug keinen Stock, ihm wollte der Fürst eine Krücke mit goldenem Griff schenken, und er wünschte, daß ich dabei betulich sein möge. Ich weigerte mich nicht, und das Geschenk war begleitet von meinen hier folgenden Reimen:


»Fünfzig Jahr in Doktorwürde

Ist gewiß ein hohes Ziel;

Doch die Jahre sind auch Bürde,

Wehrest du dich noch so viel!

Dies bedenkend send' ich heut,

Und von deinem Fest erfreut,

Alter Freund! Dir eine – Krücke.


Sieh', der Krückstock war bei Ärzten

So als Attribut bekannt,

Daß sie selber sich verschwärzten,

Prunkt' er nicht in ihrer Hand.

Du vergaßest diesen Brauch;

Doch – im Wissen keine Lücke –

Brauchtest du denn freilich auch

In der Heilkunst keine – Krücke.


Aber jetzt mußt du ihn tragen,

Den verdienten Lebensstab,

Dann erscheinst du unsern Tagen

Als der wahre Äskulap;[315]

Daß die Täuschung nicht und Gunst

Echte Wissenschaft erdrücke,

Schlage jede Afterkunst

In die Flucht mit deiner Krücke!


Wenn ich das so recht bedenke,

Bin ich wahrlich stolz gemacht,

Seh' ich, was ich jetzt dir schenke,

Bald zu solchem Glanz gebracht.

Ja, in Clios Zeitungsblatt

Liest mein Geist! – wie die Perücke

Garricks, in der Themse-Stadt,

Wird zum Schatz einst deine Krücke!


Bei so sich'rem Ruhm bewahre

Nun auch uns den schönsten Preis:

Ungezählt verlebe Jahre

In der deinen weitem Kreis.

Stellt der Sensenmann sich ein,

Dann, mit frohem Mute schicke

Du, Freund Heim, geschwind Freund Hein

Tüchtig heimmitdeiner Krücke.«


Einen Vers, der an die Krücke des »alten Fritz«, des Königs Friedrich II. erinnerte, hatte ich streichen müssen, und obwohl willigst dazu geneigt, weigerte ich anfangs mich brieflich, um dem Fürsten seine Gründe abzunötigen, und er antwortete mir:

»Wenn ich auch vollkommen fühle, daß meine Besorgnis wegen des Schluß des vierten Verses übertrieben und vielleicht ganz unpassend ist und unser gefeierter Held ein solches Gleichnis wohl verdient, so ist es mir zur Umgehung einer möglichen Bemerkung doch angenehm, wenn dieser Vers ausfallen könnte, ohne daß dadurch dem ganzen schönen Gedicht zu nahe getreten würde. – Sie werden über meine schwächliche Ängstlichkeit mit Recht lachen. Mit den Hofleuten muß man[316] unterdessen mehr Geduld und Nachsicht als mit andern menschlichen Geschöpfen haben, und da ich zum wenigsten den Namen nach an ihrer Spitze stehe, so muß ich auch dieses Mal die Ihrige für mich in Anspruch nehmen.

Empfangen Ew. Wohlgeboren meinen herzlichen Dank und zugleich die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung.

Berlin, den 12. April 1822.


W.F.z. Wittgenstein.«


Am Morgen des 15. April schrieb er mir:

»Ich habe das Gedicht und die Krücke gestern Abend überreicht und unser Jubelgreis hat beides mit vieler Freundlichkeit aufgenommen. Hoffentlich habe ich das Vergnügen, Ihnen diesen Mittag meinen Dank zu wiederholen.«

Er hatte mich also doch wieder eingeladen, wahrscheinlich mit dem auch mir befreundeten Heim, und ich muß nachgiebig gewesen sein; klar finde ich darüber nichts in meinem Gedächtnis, und jedenfalls hat die ehemalige Vertraulichkeit sich nicht wieder eingefunden. Meine Erinnerung an den Fürsten von Wittgenstein endet mit noch einem Besuch von ihm, wobei er, in seinem Hut versteckt, mir eine sehr schöne Tasse, mit Malereien in bezug auf Heim, als Geschenk brachte, und wenn ich ihn von seinem angeborenen Standpunkt des Hofmanns beurteile, ist er unzweifelhaft sehr zu entschuldigen in Vergleich mit jenen, die seine beschränkten Gesinnungen mißbrauchten.[317]

Quelle:
Gubitz, Friedrich Wilhelm: Bilder aus Romantik und Biedermeier. Berlin 1922, S. 229-318.
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