Der Theaterdichter und Rezensent.

(1809–1817.)

[125] Nach der Wiederkehr des Hofes wurden dem Buchhändler Maurer die noch vorhandene geringe Anzahl der Hefte meiner Zeitschrift abgekauft und an

Behörden verteilt. Er empfing die goldene Verdienstmedaille; wahrscheinlich bemühte er sich um solchen Erfolg, was meiner Gesinnung fernblieb. Von Leid aber ward ich erfüllt, weil mein edler Freund Reimann hoffnungslos erkrankt ankam, ich mich verpflichtet hielt, täglich bei ihm zu sein: nächst der Arbeit hatte ich nur Gedanken an den voraussichtlichen Verlust. Er starb bald, noch nicht vierzig Jahr alt; in meinen Erinnerungen lebt er mir als Unvergeßlicher.

Die Ursache und das Eintreffen der Gefährlichkeit im Streit mit den zwangsherrischen Feinden wurde aber Anlaß[125] zum Gewinn einer Freundin bis an das Ende ihrer Erdentage. Es war Amalie Beer, die Mutter des Tonmeisters Meyerbeer und noch zweier Söhne, die sich auszeichneten: Wilhelm in der Sternkunde, Michael als Dichter. Die Mutter, Gattin des gemütvoll helfwilligen Bankiers Herz Beer, hatte von meinem Bestreben, besonders hinsichtlich der Zeitschrift, teilnehmende Kenntnis, auch schon sonst von mir gehört. Zu Anfang des Jahres 1808 besuchte mich die mir bis dahin Unbekannte, um mir zu sagen: mein Wille und Bemühen fänden vollen Anklang in ihr, doch fühle sie sich angetrieben, den noch so jungen Mann, von dem sie vernehme, er sei Unterstützer der Eltern und Geschwister, daran zu erinnern, daß er mitten unter den allem Übermut frönenden Franzosen sich arges Unheil herbeiziehen könne; nächstdem wünsche sie, daß ich in ihren Hauskreis eintreten möge. Die gütige Warnerin hatte, wie aus dem nachherigen schlimmen Begebnis hervorging, recht gehabt, und nie entweicht mir aus dem Gedächtnis der Ausdruck des Innigfreudigen, womit mich Amalie Beer empfing, als widerwärtige Wochen überstanden waren. – Von da an war ich oft und namentlich bei Familienfesten im Beerschen Hause, wo jeder, der sich in Kunst und Wissenschaft hervortat, gern gesehen wurde, der Einheimische wie der Fremde. In der Unterhaltung wechselten Musikaufführungen mit der Lesung unserer bedeutendsten Dichter, vorzugsweise Lessings, in Rollenverteilung. Dies begünstigten schon länger Iffland – von dem ich noch den »Nathan«, an einem andern Abend den »Marinelli« lesen hörte – und Friederike Bethmann, später das Ehepaar Wolff, Beschort, Lemm, Auguste Stich (Crelinger), Charlotte Birch und noch mehrere. Dabei[126] beteiligt war auch Michael Beer, der nach Beweisen von Naturgabe und vorschreitender geistiger Ausbildung leider schon in erster Mannesblüte vom Dasein scheiden mußte. In jenem Gesellschaftstreiben walteten Geist, Munterkeit und Frohsinn so voller Freiheit, daß bei Gelegenheitsspielen, die ich schrieb, stets die Schwächen sämtlicher Familienglieder mit zum Necken und Bespötteln dienen durften; geziemend schonte ich dann mich am wenigsten, soweit meine Bekanntschaft mit mir selbst reichte. – In einem solchen Bühnenscherz hat Michael Beer als Siebenjähriger zuerst seine nicht geringe Fähigkeit zum Schauspieler gezeigt, und was ich hier äußerte gibt nur einen teilweise flüchtigen Umriß von der lebhaft anmutig gesellschaftlichen Berührigkeit im Beerschen Hause, dem ich in der Folge mich wieder zuwenden muß.

Auch mein freundschaftliches Bekanntwerden mit Friederike Bethmann, dieser Schauspielerin, der ich keine gleichzustellen wüßte in Vielseitigkeit des künstlerischen Schaffens der Bühnengestalten, ist in dieser Zeit – ich kann sogar genau sagen am 12. Juli 1809 – beginnend. Vorher hatte ich sie nur als Zuschauer im Theater gesehen, gehörte, wie sich von selbst versteht, zu ihren Bewunderern, und vorläufig ist jetzt zu erzählen von der sonderbar gewordenen Fügung, die plötzlich eine vertrauliche Näherung begründete.

Friederike Auguste Konradine Flittner, verheiratet mit Unzelmann, dann mit Bethmann, war, nach mehrmals gedruckter Angabe, am 24. Januar 1760 geboren in Gotha, wo ihr Vater mit seiner Gattin lebte; die Tochter wäre also am 12. Juli 1809 bereits im fünfzigsten Lebensjahr gewesen. – Ihr Verwandter, der Medizinalassessor, Berliner Apotheker und – Buchhändler [127] Flittner, hatte 1809 den »Friedrichs-Gesundbrunnen« bei Berlin gekauft. Auf sein Bittschreiben genehmigte die Königin Luise, von Königsberg aus, daß die bisherige Ortsbezeichnung sich in »Luisen-Bad« umwandele und der neue Name sollte gefeiert werden durch ein Tauffest, wozu die Bethmann allseitig behilflich war. In jenen Jahren mußte ich allmählich immer öfter mit Reimen dienen, und mit wenigen Ausnahmen hatte ich nichts davon, als daß ich endlich in Berlin nebenher – nach einem Kotzebueschen Lustspiel – »Max Helfenstein« hieß. Die Bethmann wandte sich gleichfalls schriftlich an mich mit dem Ersuchen um einen Weihegesang, dem der Kapellmeister Seidel, der mir das Schreiben brachte, Musikbegleitung geben sollte. Willig ging ich darauf ein, täuschte mich jedoch in der Voraussetzung: dieser »Friedrichs-Gesundbrunnen«, mitten im reichlichsten Sande der Mark Brandenburg ein anmutig Erdenfleckchen, müsse eine umständliche Geschichte haben. Ich fand eigentlich nur: Friedrich II. befahl im Jahre 1760 die Wiederherstellung; emsiges Nachforschen leitete mich aber bis auf Friedrich I., und was sich enthüllen ließ, war freilich nicht viel, aber doch genug, um andern etwas mehr sagen zu können, als was sie mutmaßlich wußten. Also tat ich nun, was man von mir begehrte, und schrieb für die am 12. Juli 1809 vollzogene Neutaufe eine »Erinnerung und Weihe«.

Der Himmel gab einen der gesegnetsten Sommertage zu dem Fest, es konnte sich im Freien ausbreiten, wie es beabsichtigt war. Der Weihegesang wurde von den Sängern und Sängerinnen des Königlichen Theaters, einschließlich dessen Gesamtchor, unter Seidels Leitung ausgeführt auf einer laubschattig geschützten, eigens dazu bereiteten Erhöhung. Die Bethmann, obschon sie wegen[128] ihrer Halsgeschwulst – Folge einer zu unrechter Zeit von ihr erzwungenen Mitwirkung im Singspiel – nur selten noch auf der Bühne sang, hatte einen Gesangsteil übernommen; sie entzückte durch den Reiz des seelenvollen, zur Verkünstelung nicht geeigneten Tons und den einfach herzigen Vortrag. Ich stand zur Seite des erhöhten Raums, und die Bethmann trat zu mir heran, sich zu bedanken für die Erfüllung ihrer Bitte. Weiter trafen wir fürerst nicht zusammen, denn nach dem Beenden des Gesanges war sie von vielen umdrängt, und ich zog mich zurück.

Auf einem breiten Wege unter dem Laubdach alter Bäume stand die Mittagstafel für fast fünfhundert Personen. Gleich den andern, die mithalfen zu der Feier, war ich Gast Flittners, saß der Bethmann – deren mindestens vierzehn Jahre jüngerer Ehemann wegen leichten Unwohlseins daheim blieb – gerade gegenüber; sie grüßte schweigend mit anmutiger Bewegung des Kopfes und der Hand zu mir her. Flittner hatte sich durch Sorgsamkeit sehr aufgeregt, wurde in seiner Jubellaune aufgeregter, was sich dermaßen steigerte, daß er nicht mehr zurechnungsfähig war und sich beseitigte, wonach die Bedienung der Gäste in auffällige Unordnung geriet. Als die zahlenden Teilnehmer Eis empfangen hatten, fehlte es in der Gastreihe auch der Bethmann; ich besorgte es reichlich durch bares Mittel, und bat den Schauspieler Greibe: er möge es seiner Kunstverbündeten hinbringen. – »Von wem, wenn sie mich fragt?« antwortete er; ich äußerte: »Das Beste ist Schweigen, es kann ja von Ihnen kommen!« und er entgegnete: »Das glaubt sie nicht!« – Erst nachher habe ich erfahren, daß Greibe für sehr geizig galt; er war also mit seiner Antwort im Recht,[129] und der Schauspieler Kaselitz übernahm dann die Sendung. Er hatte mich aber doch verraten; denn als ich wieder an der Tafel saß, wendeten sich von drüben Gebärden an mich, mehr drohend als dankend: die Bethmann wußte wahrscheinlich, daß in jenen Tagen meine Einkünfte für solche Art von Höflichkeit nicht oft zureichten.

Im Jahre 1809 war die Ansiedelung bei der Quelle des Luisenbades noch sehr dörflich, und die Bewohner der vereinzelten Gehöfte feierten die Namensumwandlung ebenfalls, gegen Abend durch Tanz in einer mit Blumenbehängen geschmückten Scheune. Dorthin ging mit einem Teil der Gesellschaft auch die von alt und jung umschwirrte Bethmann in lachendster und redseligster Lustigkeit, und ich blieb nicht zurück. Die ländliche Jugend tummelte sich rüstig und jauchzend rundum; ich weiß nicht, ob ein Bauerssohn die Bethmann aufgefordert hatte, oder sie ihn: ich sah sie im Kreise der Tanzenden, und nach ihrem Beispiel tanzten dann Frauen und Männer unserer Gesellschaft mit Bauern und Bäuerinnen. Da trat zu mir eine Dorfschöne und bot sich zur Tänzerin an; ich aber mußte verneinen, weil ich von jeher mich keine Minute im Wirbel zu drehen vermochte, ohne umzusinken: mein Blut will dies noch weniger dulden als das Fahren. – Im Vorüberschreiten zu neuem Tanz hörte ich die Bethmann spöttisch fragen: »Ein junger Mann weist ein Mädchen ab?« – und als jenes dreiste Bauernkind mich zum zweitenmal aufforderte, ward ich von falschem Ehrgefühl ergriffen. Zwar erwähnte ich nochmals, erhärtete sogar, was zu befürchten sei, als nun aber die Kecke erwiderte: »Ei, ich weer' Sie schon wisse hollen!« – soll heißen: festhalten – wagte ich die Dreherei, hoffend, sie werde leidlich zu überstehen sein. Das war ein verwegener[130] Irrtum; bald schwankte alles um mich her, und wie derb mich meine markig märkische Tänzerin umfaßte, sie konnte mich nicht »wisse hollen«, sie kam selbst außer Gleichgewicht, und ich stürzte bewußtlos zu Boden. Es hatte eine Viertelstunde gedauert, ehe ich wieder bei klarer Besinnung war; als ich dann um mich sah, lag ich auf einem Sofa, von mehreren umstanden, und die Bethmann bekannte weinend: sie habe das Mädchen angetrieben, sich aber eine solche Wirkung gar nicht denken können. In ihrem Magen – mitunter des Weges mit mir gehend – brachte sie mich nach Hause, und bat wiederholt: ich möchte ihr morgen ja persönlich bezeugen, daß ihr »Übermut« verziehen und ohne weiteren Nachteil gewesen sei.

Durch mein erstes, ob geringfügiges, doch ein wenig in das Ungewöhnliche ^^weisende Zusammentreffen mit Friederike Bethmann wird schon aus der Frauen Art erklärlich, daß sie mir nun freundliche Zuneigung bewies, die bald zu offenherziger Vertraulichkeit gedieh, mit der sie nicht selten in unbefangenster Freimütigkeit über ihre früheren, den übereinkömmlichen Sitten nicht immer gemäßen Verhältnisse sprach. Hat sie dabei gewiß – besonders einem jungen, durch Sorgen ernstgestimmten Freunde gegenüber – manches verschwiegen oder umschleiert, bemerke ich doch schon jetzt, daß gar vieles, was vielgezüngelte Gerüchte mit Zusätzen verbreiteten, teils sich entschuldigte, teils ausgleichend sich rechtfertigte bei feurigem Gefühl einer begeisterten, von begeisterter Anerkennung begleiteten, einst auch im hohen Grade mit äußerem Reiz begabten Schauspielerin. Aus vollster Überzeugung darf ich hinzusetzen: die edle Natur entwich in ihr auch da nicht, wo sie von ihrer rasch auflodernden Leidenschaftlichkeit[131] überwältigt war. Ein stürmisches Blut konnte sie nicht verleugnen, wie noch im Jahre 1809 stadtkundig wurde. Ihre Tochter, Minna Unzelmann getauft, war aus frevler Absichtlichkeit bei Mitwirkung in der Oper »Sargines« am 17. Dezember ausgepocht worden; die Bethmann eilte in putzlosem Winteranzuge auf die Bühne und entführte während der Darstellung vor den Augen der Zuschauer die von einzelnen Mißhandelte, dabei mit Heftigkeit anzeigend: nach solcher Kränkung werde weder sie noch ihre Tochter jemals wieder die Berliner Bühne betreten. Haushaft – nur um ihre Abreise zu verhindern – war die Folge, und anfangs half kein Zureden; sie beharrte bei ihrem Entschluß, auch wenn sie – um ihre eigenen glühend ausgeschleuderten Worte zu gebrauchen – »niemals wieder Braten essen sollte«. Dergleichen Zornausbrüche bei Schauspielerinnen und Schauspielern sind jedoch so vergänglich wie Seifenblasen; der gescheiten und ausweglichen Vermittelung Ifflands war es meist zu danken, daß sie am 27. Dezember, ehe sie als »Lady Macbeth« wieder auf der Bühne erscheinen sollte, im Trauergewande eine von Iffland bevorwortete Abbitte aussprach. Vom Beifallsgruß empfangen, im Beifall entlassen, mit ihm in der genannten Rolle überschüttet, hatte sie den glänzendsten Friedensschluß, und nach der Darstellung sah ich sie in ausgelassenster Fröhlichkeit; die Tochter aber schickte sie den Wienern.

Nach Hinweisung auf den Ursprung einer Bekanntschaft, die mich mit bedeutsamen Zeitgenossen zusammenführte und meine Lebensansichten erweiterte, rufe ich mit Wehmut einen mir gleichsam Vorüberschwebenden herbei: Ferdinand von Schill. Ich lernte ihn persönlich kennen, nachdem er am 10. Dezember 1808, wenige Tage nach[132] dem Scheiden des letzten Franzosentrupps, in Berlin einzog. Der einigste Jubel und die reichlichsten Zeichen der Würdigung seines Heldentums verherrlichten den Empfang. Auf Anordnen der städtischen Behörde war ihm und seinen Offizieren ein Frühmahl bereitet; von dort sandte er mir den Leutnant Faber, den fleißigsten Berichterstatter für meine Zeitschrift, mit der Botschaft und dem Wunsch, an ihrem Kreise teilzunehmen, was ich nicht unterließ. Schill dankte mir mit Wärme hauptsächlich dafür, daß ich durch ein etwas gefährliches Mittel den Hilfsgriff ermöglichte, mehrere, mich bestürmende Offiziere, die sich aus der Gefangenschaft befreiten, ihrer Absicht gemäß nach Kolberg zu befördern. Wie es bewerkstelligt wurde, das ist leicht zu erraten, wenn man bei meiner jugendlustigen Teilnahme für Befreiung des deutschen Vaterlandes die beanspruchte Geübtheit meiner Hand in Betracht zieht. Anmerken muß ich es aber, weil ich mit solchen paßlich Beförderten später auch noch in wunderlicher Verwickelung zusammentraf.

Schill besuchte mich ein paarmal, und war vertraulich genug, um meinerseits glauben zu dürfen, ich könne mich seiner urteilend erinnern. – Als er über die von ihm meist auf Glücksrechnung unternommenen Kreuz- und Querzüge sprach, wies seine Rede bei anmutigem Lächeln darauf hin: Dergleichen sei ihm am behaglichsten gewesen, das müsse ihm schon im Blute liegen; sein Vater habe ja bereits in österreichischem Dienst unter Maria Theresia eine Freischar geworben, die bis zu Ende des siebenjährigen Krieges gegen Preußen focht; daneben wäre er aber so von Bewunderung für den »Alten Fritz« erfüllt worden, daß er sich bemühte, in des großen Königs Nähe zu kommen, und es sei dem Vater endlich gelungen, als[133] Oberstleutnant dem preußischen Heere anzugehören. – Kurz vor der unheilvollen Schicksalswendung durch das verheimlichte Unternehmen von Berlin aus war Schill ersichtlich davon ergriffen, das Volk ringsum sei in Bewegung, sich gegen die Gewaltherrschaft Napoleons und der von ihm den Deutschen aufgezwungenen Schergenfürsten zu erheben. Meine Erfahrung vom Jahre 1806 hatte mich ungläubig gemacht für den Wirkungswert augenblicklicher Aufwallungen einer erhitzten Menge, und Schills Hoffnungen blieben deshalb mir unerreichbar. Da ließ er mich eines Morgens ersuchen, sogleich zu ihm zu kommen, es war Ende März 1809. Ich fand bei ihm zwei Dorfschulzen aus Westfalen, die eifrig berichteten, das ganze Reich des »grusligen« Königs Jerome sei in brausender Gärung, in mancher Gegend schon blutiger Aufstand, es bedürfe nur eines Führers, um der Rettung, der Befreiung gewiß zu sein. In auflodernder Begeisterung schien dies für Schill zu umfassend wahr; sehr beklommen hörte ich alles mit an, nur zuweilen ein fragendes Wort einwerfend. Meine Bedenklichkeit hatte jedoch weder Umsicht genug noch Recht zum Widerspruch, auch nicht einmal schickliche Gelegenheit dazu, denn die beiden Sendlinge blieben bei Schill, und ich – sah ihn nicht wieder.

Nun hatte eben Österreich den neuen Kampf gegen Napoleon begonnen, es verbreiteten sich übertriebene Nachrichten von Siegen des Erzherzogs Karl, von Volksbewaffnung in Hessen, auch weiterhin; das hat Schills Liebe zum preußischen Königshause und Vaterlande plötzlich über alle Bedächtigkeit hinaus gesteigert zu seiner verwegen eigenmächtigen, in ihrem Zweck doch zu preisenden Tat, von der ich erst durch die Zeitungen Kunde erhielt. –[134] Man hat gesagt und drucken lassen: Schill sei durch die, ihn allerdings überschüttenden Zeichen und Beweise der Verehrung zur Überschätzung seines Werts und zu Irrungen des Hochmuts getrieben worden: so ist es nicht, so darf man ihn nicht wägen. Er fühlte sich erhoben von des Dankes Fülle, aber auch bedrückt, ihn so nicht verdient, dafür nicht genug getan zu haben, mehr tun zu müssen. Deutlich ergab es sich aus meinen Gesprächen mit ihm: er wollte sich eigentlich nur der nach seiner vorgefaßten Meinung schon vorhandenen Bewegung hingeben. – Was etwa nebenher noch von Einfluß war, ist mir ebenso rätselhaft als den Geschichtsforschern; doch darf man immer darüber einig sein, daß Schill im Nachruhm seines kraftvollen Mutes und Edelsinns den Deutschen ein Unvergeßlicher bleiben wird.

Jetzt blicke ich auf das Ende des Jahres 1809 in Gedenknis des freudigen Gefühls am 23. Dezember, der das Königspaar und seine Umgebung wieder heimisch werden ließ in Berlin. Mein Freund Reimann, bis zum ihn bald ereilenden Tode krank, wie ich schon mitteilte, blieb geschieden vom Hofkreise, dem ich durch ihn vor dem Kriege genähert war.

Im vorsichtlichen Bestreben, den Anforderungen der Familienbedürfnisse genügen zu können, trieb mich meiner Neigung in den Jahren 1807–1810 auch zu Dichtungsversuchen für die Bühne. Ich schrieb den Schwank: »Die selige Frau« – irrtümlich anfangs von mir »Lustspiel« genannt – das Schauspiel: »Lieb' und Friede«, jedes in einem Aufzuge, und das Trauerspiel: »Ein Tag des Schicksals«, in fünf Aufzügen. Als jedoch nach der Befreiung von den französischen Aussaugern die künstlerischen Aufträge sich wieder mehrten, blieben die Handschriften im[135] Kasten des Arbeitstisches, und wie von dort sie zum Gebrauch für die Darstellung kamen, dies entwickelt sich fernerhin, weiter dann auch, wie eben das nie Lastlose meines Lebens ihm das Rastlose förderte.

Während so mannigfacher Geschäftigkeit kämpfte ich fortdauernd mit stürmischen Wallungen und Ausbrüchen meines Bluts, wobei sich wieder Wunderliches einmischte. Gar oft habe ich dessen gedenken müssen, als vor mehr als dreißig Jahren durch die »Seherin von Prevorst«, bei dem Einwirken des achtungswerten Dichters und Arztes Justinus Ker ner, in Tagesblättern und Büchern sehr viel die Rede war vom »Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige.« – Daß ich in der frühesten Jünglingszeit dem Glauben an solches »Hereinragen« anhänglich war, davon gab ich Zeugnis mit einem Versuch, durch Hungerpein Übersinnliches zu entdecken. Obschon damals der mir wohlwollende Pastor Martini mich derb vernünftig zurechtwies, völlig hatte es nicht geholfen, und ich würde die Möglichkeit einer Begegnung unseres Seelenvermögens mit der Weltseele, überhaupt geheime Verwandtschaftszüge des Allgeistigen, auch noch jetzt nicht unbedingt leugnen: wir haben ja sogar in der sogenannten toten Natur für uns noch unlösbar rätselhafte Beziehungs- und Anneigungskräfte: sie dienen und herrschen unzweifelhaft im ganzen All. Solange sich aber die Ereignisse aus irdischem Zusammenhange erklären lassen, soll man wenigstens nicht eine Grenze überschreiten wollen, die wir nicht kennen, um uns dann als wahrhaft Erkanntes vorzuspiegeln, was eben nur Spiegelfechterei der Einbildung ist. – Diesen Vor- und Nachbehalt zum Schutz mir stellend, werde ich nun die allerdings etwas seltsamen Begebnisse mitteilen.

Vertraut und innig geworden war der Umgang mit[136] dem Leihbibliothekar Kralowsky und seiner Gattin, die vierzehn Jahre älter als ich, aber noch eine schöne Frau war, eine gebildete und rechtliche nächst dem. Etwa zwei Jahre schon hatte ich ihren Abendunterhaltungen mich angeschlossen, immer vertraulicher; da wurde ein junger Mann in diesem Kreise Besucher in allen Tagesstunden. Er hieß Gützlaff, war Pflegesohn, oder – wie man sagte – »natürlicher« Sohn des sehr reichen Doktor August Friedrich Pallas, der, zufolge des Geschwätzes über ihn, zu den Sonderlingen gehörte, und seinen jüngeren Bruder, den durch seine Reisen wissenschaftlich berühmten Peter Simon Pallas überlebte. Jener bewohnte ein burgähnliches dreistöckiges, nach beiden Seiten breites Eckhaus am Dönhofsplatz; nur der genannte junge Mann, ein Diener und seine Frau waren Mitbewohner, und das große, altersgrau gewordene Gebäude, dessen Türen sich selten öffneten, machte den Eindruck des Öden. Gützlaff, den der Doktor Pallas gerichtlich zu seinem Vorzugs-Erben bestimmte, war etwa fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt, hatte viel und vieles gelernt, ohne feste Wahl des Lebensberufs; seine ganze Erscheinung gab etwas Scheues und Dunkles kund, auf den Gesichtszügen lagen die Schatten einer mürrischen Gesinnung, und meist wortkarg, antwortete er, kam es zum Gespräch, fast immer nur kurz und abgerissen, so daß ich mich von seinem Wesen nicht angemutet fühlte. Offenbar ging es ihm ebenso mit mir, und erst nachträglich erfuhr ich den Wahngrund, den ich in meiner Unbefangenheit nicht geahnt hatte. Gützlaff hegte eine heftige Leidenschaft für die Frau des Hauses, er hielt mich, ohne alle Ursache, für den beglückten Nebenbuhler, und ich war, ohne daß ich es wußte, der von ihm erbittert Gehaßte. Zuweilen vernahm ich Klagen darüber, daß er, bei Besuchen[137] der Leihbibliothek – wo die Frau mithilflich war – zum steinernen Gast geworden, durch langes Verweilen geschäftstörend und sehr lästig wurde; doch beteiligte ich mich dann nur mit der Bemerkung: ich fürchte, Gützlaff ist gemütskrank, und es möchte wohl ratsam sein, Nachsicht mit ihm zu haben. Allmählich mußte es mir jedoch auffallen, von ihm oft und immer öfter gehässige Äußerungen zu hören, die gegen mich gerichtet schienen, ohne daß es sich geradehin behaupten ließ.

An einem Vormittage begegnete er mir in der Nähe des Akademiegebäudes; ich zog meinen Hut, ihn grüßend, und blieb stehen, er aber drückte seinen Hut mit der Faust tiefer ins Gesicht und schritt hastig weiter. Betroffen und verwundert sah ich ihm einen Augenblick nach, dann ging ich, gedankenvoll in mich vertieft, meines Weges.

Am Abend jenes Tages befand ich mich in dem Unterhaltungskreise bei Kralowsky, Gützlaff war nicht gekommen, und es wurde auch nicht nach ihm gefragt. Zwischen elf und zwölf wollte ich in Gesellschaft des Kammergerichtsrat v. Gräve nitz und des Geheimschreibers Lange das Haus verlassen. Unser Wirt begleitete uns mit einem Licht, schloß die Haustür auf, und ich war der erste, der hinaustrat, wich aber plötzlich zurück und verlor das Bewußtsein. Wie mir in der Folge erzählt wurde, hatten die Begleiter vor dem Hinsinken mich geschützt, dann in das Zimmer zurück und nach dem Sofa getragen, wo ich wie leblos lag bis gegen ein Uhr oder darüber hinaus. Die Freunde holten unterdes ihren und meinen Arzt für die Familie herbei, den Hofrat Schulz, der noch anwesend war, als ich wieder zu mir kam, und dies auf eigene Weise kundgab. Die Augen aufschlagend, sah ich, wie Frau Kralowsky mit einem Wachsstock in den zitternden[138] Händen ihrem Manne leuchtete, der aus einem Arzneifläschen zählend Tropfen in einen Löffel fallen ließ. Schulz hatte Äther verordnet, die Frau mußte mit der Flamme zu nahe gekommen sein, denn ich sah ein laufendes Feuer, dessen sich das Ehepaar zu erwehren suchte; der Arzt sprang auch als Helfender hinzu, und dies zusammen wirkte bei dem gefahrlosen Spuk dermaßen, daß ich meine wiederkehrende Besinnung mit Lachen anzeigte. Das wandelnde Feuer war bald gedämpft, und nun wurde ich über meinen Zustand und dessen Anlaß befragt, konnte aber nur berichten: Als ich zum Hause hinaustrat, stand Gützlaff totenbleich vor mir, zugleich wehte es so grauenhaft kalt zu mir her, daß mich ein Schrecken ergriff, und von da an weiß ich nicht, was geschehen ist. Auf die Frage: ob ich die Nacht bei den Befreundeten zubringen, oder nach Hause wolle? wünschte ich das letztere, weil meine Eltern ein nächtliches Ausbleiben nicht gewohnt waren, ich nächstdem mich auch stark genug fühlte, heimzugehen, was aber der Arzt nicht zugab, sondern in seinem Wagen mich bis zu meiner Wohnung begleitete. – Nach einigen Stunden des Schlafes war ich mit mir noch nicht im Behaglichsten, saß aber bei der Arbeit, als Kralowsky und Schulz zu mir kamen; sie erkundigten sich über mein Befinden, sprachen von dem gestrigen Unheil, und dann sagte Kralowsky: »Wir bringen eine, in Verbindung mit dem Vorgefallenen uns wunderbar erschütternde Nachricht, die Ihnen doch bald bekannt sein würde. Gützlaff hat sich gestern abend bei Charlottenburg ins Wasser gestürzt, und der Leichnam ist bereits hereingebracht.« Nächstdem erzählte man mir, der bei sich unfriedliche junge Mann habe nach Italien reisen, der alte Pflegevater Pallas dies aber nicht genehmigen wollen; er hätte die nötigen[139] Reisemittel verweigert mit der Bescheidung: »Mein Gott, ich bin ja so alt! in kurzer Zeit bist du frei und Herr eines Vermögens, daß dir gestattet, deinen Neigungen zu folgen. Bis dahin wirst du mich aber nicht verlassen, da du weißt, daß du mir in meinen letzten Tagen unentbehrlich bist.« – Wahrscheinlich faßte Gützlaff den Reiseplan, um sich bei dem Kampfe mit sich selber zu helfen, und die Verzweiflung kam zur Übermacht, als die Reise unmöglich wurde.

Das hier berichtete Erlebnis verführte selbst meine Freunde, dem »Hereinragen der Geisterwelt in die unsrige« gläubiger zu werden, ja es für bestätigt zu erachten; ich jedoch war und bin anderer Überzeugung auf Grund meines eigentümlichen Körperzustandes während der bezüglichen Zeit. – Nach karger Kost von Jugend auf plötzlich hineingezogen in die Fülle, mitunter für sie »gepreßt«, um mein Etwas von dichterischem Wesen steuerwillig zu machen, ward die Eßlust von reizenden Genüssen überstürzt; meine gute und tapfere Natur mußte sich tatkräftig durchhelfen. Das tat sie in fast geregelter Zwischenruhe durch jene Blutstürze, die noch vor meinem dreißigsten Jahre wichen, dann später nur noch einmal mich an sie erinnerten auf freiem Felde. Bevor sie erfolgten, plagte mich aber eine drang- und spukvolle Aufregung, die im Gesteigertsten oft durch die wunderlichsten Scheinbilder betört wurde. Ich entsinne mich, mehrmals, wenn ich abends nach Hause kam, von diesem Zustande überwältigt worden zu sein, und daß ich dann, auf dem tiefdunkeln Hausflur gegen die Wand geworfen, meine ganze Gestalt bis auf jeden Knopf – man trug sie damals von Metall – wie in Beleuchtung sah, wodurch die Blutentleerung für die Nacht oder den folgenden Tag sich gleichsam meldete. In der Spannung und[140] dem Andrange dieses körperlichen Zwiespalts befand ich mich an jenem Morgen, als mir Gützlaff begegnete: sehr begreiflich, daß ich über sein auffallendes Benehmen nachdachte, mich in allerlei Mutmaßungen, was er wolle und beginne, versenkte, daß dann im Zusammentreffen meines aufrührerischen Körperzustandes mit diesem Sinnen, vielleicht Befürchten, mir am Abend die Einbildungskraft das in meinem Innern entstandene Schreckbild vorspiegelte. Wenn die unklare Erregung eines Menschen sich seiner ganz bemächtigt, bis zur Alleinherrschaft, dann werden ihm die Gebilde der grübelnden Innerlichkeit oft so deutlich, daß er sie nicht mehr als nur gedanklich auffaßt; Gedanke und Vorstellung wachsen mehr oder minder ineinander, nehmen die Formen dessen an, was er sich denkt: es entstehen Erscheinungen und Eindrücke, die mit dem Erwachen des klaren Bewußtseins augenblicklich verschwinden. In jenem Wahngebilde, bei dem der mich in meiner Erregtheit treffende kalte Luftzug nach dem Öffnen der Haustür gewiß nichts Wunderbares hat, verkörperten sich die nicht zu verscheuchenden Gedanken an Gütztlaff, und traf dies mit seinem Tode zusammen, kann es höchstens beweisen, daß die aus meinem Sinnen hervorgegangene Schlußfolge eine richtige war. – Noch eine erklärende Herleitung ließe sich hier anfügen, sie gehört jedoch mehr einem Ereignis an, das ich erst bei Zukünftigem mitzuteilen habe, sei deshalb aufgespart.

Vom Unergründlichen, das man gern ergründen möchte, und sich dabei meist im Kreise der Meinungen herumdreht, lenke ich wieder ein zur offenbaren Wirklichkeit, in der sich meine Stellung zu dem nun durch seine Schriftstellerei von Gefahr bedrängten Friedrich von Cölln überraschend wendete. – Er wurde im Herbst 1808 zur Untersuchung[141] gezogen, in Schlesien verhaftet und nach der Festung Glatz gebracht. Man beschuldigte ihn neben anderem hauptsächlich: »finanzielle Staatsgeheimnisse, die ihm als eidverpflichteten Rat an der Ober-Rechnungskammer hätten amtsheilig sein sollen«, verraten zu haben. Um zu beweisen, daß man die als straffällig erachteten Aufsätze von anderem Standpunkte betrachten müsse, berief sich Cölln auf das ihm von der preußischen Zensur noch vor dem Kriege erteilte »Imprimatur«, und nannte, da die Handschrift nicht zu erlangen war, Buchholtz, Heinsius und mich als Zeugen, daß er sich die Druck-Erlaubnis einholte, er mithin dem Gesetz gegenüber gerechtfertigt sei. Wir – miteinander bekannt, wie ich schon erwähnte – wurden durch den Kammergerichts-Assessor Wollank gerichtlich befragt; Buchholtz und Heinsius erklärten, nichts davon zu wissen, was ich den Umständen nach nicht bezweifelte. Ich aber hatte das »Imprimatur« gesehen, die Angabe Cöllns zu bestätigen, tat es, der Wahrheit gemäß, in genauer Schilderung mit aller Bestimmtheit auch in den Nebendingen, so daß ein vollständiges, etwas malerisches Zeugnis in die gerichtlichen Verhandlungen einzuschreiben war.

»Zu Anfang des Jahres 1806 befand ich mich eines Abends bei dem Professor Theodor Heinsius; man gab den Mädchen der von ihm und seiner Frau geleiteten Erziehungsanstalt ein schlichtes Tanzfest; ältere Personen hatten Spieltische. Da ich weder tanzte noch bei der Spielkarte zu gebrauchen war, unterhielt ich mich jetzt mit diesem, dann mit jenem, oder einsam bei meinen Gedanken. Es war schon spät geworden, als der Kriegsrat von Cölln die Zahl der Gäste vermehrte. Wenig in Form und Schliff des Gesellschaftlichen geübt, nahm er aus seinem langen blautuchenen Mantel – er selbst war eine hohe Gestalt ein[142] Papierbündel, warf es auf den nächsten Tisch, dann den Mantel gleichfalls, und dabei sagte er: ›Endlich hab' ich für meine finanziellen Abhandlungen das Imprimatur, es hat lange genug gedauert!‹ – In meiner Wißbegierde erlaubte ich mir die Frage: ob ich, bei der Gesellschaft einstweilen fast unbeteiligt, zum Zeitvertreib das Manuskript durchblättern dürfe. ›Wenn Sie sich langweilen wollen, in Gottes Namen!‹ sagte er, löste selbst den Bindfaden, zeigte mir am Anfang und Ende das ›Imprimatur‹ – der Unterschrift nach hieß der Zensor ›von Hittel‹ – gab mir dann das Manuskript und trat zu dem Professor Buchholtz, der eben an der Tür des nächsten Zimmers sichtbar wurde. Ich blätterte, las die Überschriften der Abteilungen, und in diesen einzelnes, wovon ich mir wenigstens eine Spur von Begriff zutraute, bis mich die beiden sehr anmutigen Töchter des Bankiers oder Rentiers Marcuse wegen meiner Absonderung neckten, eine mir das Manuskript wegnahm, es jedoch sorgfältig zusammenband, und mich dann in das Tanzzimmer trieb. – Daß Buchholtz und Heinsius von dem Manuskript Kenntnis nahmen oder im Gespräch ihnen eine Mitteilung zugekommen sei, ist mir nicht erinnerlich.«

Einen so genauen Bericht gab ich zu der Verhandlung, das »Imprimatur« war demnach festgestellt, der Haß gegen Cölln aber in den drei Jahren dermaßen mächtig um sich greifend geworden, daß mein Zeugnis selbst den sehr gutherzigen, als gemütlicher Tonsetzer bekannten Wollank mißstimmte, ich seinem zweifelsvollen Zwischenreden zum Schluß freundlich erwidern mußte: »Lieber, eine Wahrheit, sei sie Ihnen unangenehm, bleibt doch eben eine Wahrheit!«

In bezug der Gesamtanklage wurde Cölln zu mehrjähriger[143] Festungsstrafe verurteilt, er verschaffte sich jedoch bald nach dem Richterspruch Gelegenheit, von Glatz zu entkommen. Eine Zeitlang wußte man nicht, wo er sich verberge, und ich selbst war mit ihm bisher nicht nochmals in Berührung gewesen, hatte seit seiner Entgegnung für meine Zeitschrift gradaus keine Zeile von ihm gesehen, jedoch erkannt, daß eine nicht unterzeichnete Zusendung, die weiterhin einzuschalten ist, von ihm sein müsse.

Etwa ein Jahr später, nachdem ich von seiner Flucht gehört und gelesen hatte, wurde ich in einer Nacht von meiner Mutter geweckt, und sie meldete mir etwas verstört, daß jemand vor dem Hause mehrmals »Professor Gubitz!« gerufen habe, bald hörte ich auch selbst den halblauten Ruf. Es war noch nicht zwei Uhr morgens und draußen tiefes Dunkel; ich warf mir ein Gewand um, öffnete das Fenster und erhielt auf meine Frage: wer da sei? mit gedämpfter Stimme die Antwort: »Ein Bekannter! Um Gottes willen, öffnen Sie nur schnell das Haus!« In unserer Wohnung war alles wach geworden, und man wollte erst lange beraten: ob man öffnen solle, ob nicht. Ich hatte jedoch wenigstens soviel gesehen, daß nur ein einzelner unten stand, und so ging ich, von den Hausgenossen auf ihr Verlangen begleitet, hinab, schloß das Haus auf, und herein trat eine lange Gestalt, schlug den Mantel etwas zurück, daß ich den Kopf sehen konnte, und fragte: »Erkennen Sie mich?« – »Herr des Himmels, Sie in Berlin?« rief ich aus. – »Still!« bat er; »führen Sie mich in Ihr Zimmer, Sie sollen rasch beruhigt sein!«

Es war Friedrich von Cölln! – und als ich nun mit ihm allein war, erzählte er:

»Sie wissen, daß ich der Festungshaft entflohen bin. Ich hatte mir in Glatz wegen einer Kränklichkeit die Erlaubnis[144] eingeholt, unter Beaufsichtigung zweier Unteroffiziere die Landecker Bäder zu besuchen, und meine Wächter ließen sich verleiten, etwas mehr Wein zu trinken, als ihre fünf Sinne vertragen konnten, so daß die von mir beabsichtigte Flucht gelang. Sie werden mein Verfahren nicht besonders lobenswert finden, wenn man aber zu wählen hat zwischen langer Gefangenschaft und der Freiheit, da kommen Augenblicke, wo man bei der möglichen Selbsthilfe nicht nach allzu strenger Moral handelt. Ich kam glücklich nach Böhmen und von da nach Sachsen. In Leipzig hielt ich mich auf, um schriftstellerische Verbindungen mit Verlegern anzuknüpfen. Einer derselben entdeckte mir, daß er in wenigen Tagen ein Werk versenden wolle, welches die früheren Verhältnisse des Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg in Hannover und Braunschweig schildere und gewiß großes Aufsehen machen werde. Es gelang mir, die einzelnen Bogen zu bekommen: es war eine das Privatleben Hardenbergs betreffende Schmähschrift. Da unterhandelte ich mit dem Verleger und schloß so mit ihm ab, daß, wenn ihm die Kosten und der höchste Gewinn, den er durch Verkauf der ganzen Auflage erzielen könne, gezahlt werde, er das Buch gar nicht ausgeben, sondern sämtliche Exemplare zur Vernichtung ausliefern, auch den Verfasser durch eine erwirkte Summe vermögen wolle, dieser Vernichtung beizustimmen und sich zu verpflichten, die Sache für immer als abgetan zu betrachten. Jetzt sandte ich« – erzählte Cölln weiter – »ein Exemplar an den Staatskanzler, berichtete ihm, was geschehen, suchte auch dabei meine Angelegenheit zum Besseren zu wenden. Der Staatskanzler ging auf diese Abmachung ein, das Buch ist ausgeliefert und vernichtet, und mir sandte der Staatskanzler einen Kabinettspaß,[145] lautend auf einen Kaufmann Schulze, als welcher ich nun nach Berlin zurückgekommen bin mit einem auch im Paß erwähnten Bedienten – der jedoch ein ehemaliger preußischer Unteroffizier ist, der den Feldzug in Spanien 1810 mitmachte und ebenfalls Ursache hat, einstweilen unter anderem Namen nach seinem Vaterlande zurückzukehren. Wir sind gestern abend spät in Charlottenburg abgestiegen und ich habe mich unter mehreren auf einem gewöhnlichen Charlottenburger Wagen nach Berlin bringen lassen. Hier sehr bekannt, muß ich mich aber vorläufig verbergen, und im Überlegen, wem ich mich wohl mit Sicherheit anvertrauen könne, fielen endlich Sie mir ein. Sie haben mich auch als Gegner offen und ehrlich behandelt, mir durch das Zeugnis hinsichtlich des Imprimatur in Wahrheit genutzt, und ich hoffe, Sie werden mir meine Bitte um ein paar Tage Aufenthalt in Ihrer Wohnung und Beihilfe zur Vermittlung in betreff meiner Zukunft nicht abschlagen.«

Indem er das letztere sprach, hatte er zugleich die zur Beglaubigung des Mitgeteilten dienenden Papiere, auch den Kabinettspaß, auf dem Tische, an dem wir standen, ausgebreitet, wodurch sich alles Gesagte bestätigte. Ich versprach, die dem Staatskanzler zu machende Anzeige zu besorgen, und beherbergte Herrn von Cölln in meiner Behausung, so gut es sich tun ließ.

Aber schon am nächsten Vormittage verwickelte sich das Abenteuer noch in etwas. Ich sah einen mir bekannten Polizei-Beamteten mehrmals auf- und abschreiten vor dem Hause, während er dies stets im Auge behielt. Ich ging hinab und sprach mit ihm, erfuhr auch bald den Zusammenhang. Stahl, der sogenannte Bediente, war in Charlottenburg verhaftet worden, weil er sich über seine Person nicht ausweisen konnte, sondern nur angab, er sei mit dem[146] Kaufmann Schulze gekommen, der jetzt in Berlin bei dem Professor Gubitz wohne. Das klang der Behörde bedenklich und man spürte nach. Der Polizei-Beamtete, gegen den ich mich soweit äußerte, als es ratsam war, nahm meinen Vorschlag an, mit mir zum Polizei-Präsidenten zu gehen. Diesem legte ich den Kabinetts-Paß vor, und verbürgte mich, daß er binnen vierundzwanzig Stunden vom Staatskanzler den nötigen Bescheid haben werde. Nun eilte ich sogleich zu dem, mir wegen zeitschriftlicher Äußerungen über ihn freundlichen Fürsten Hardenberg, meldete ihm das Geschehene, und empfing von ihm ein Schreiben an Herrn von Cölln, aus dem hervorging, daß der König über die Zukunft des Mißliebigen nachsichtig entschieden habe. Es war ihm – mit Recht – als ein für ihn günstiger Beweis angerechnet worden, daß er französischen Behörden einen von ihm geforderten Diensteid verweigert, sein Einkommen geopfert und dadurch offenbar ein Zeichen von Vaterlandsliebe gegeben habe.

Cölln wohnte damals vier Tage bei mir, und als bleibendes Erinnerungszeichen an jene Zeit schenkte er mir den von ihm gefälschten, noch in meinem Besitze befindlichen Paß, womit er sich von Landeck weiterhalf. Die obwohl absichtlich veränderte ungewöhnliche Handschrift blieb noch deutlich genug die seinige, und nachdem ich voraus bemerkte, die Angabe der Blessur ist richtig – Cölln hatte in einem Duell an der rechten Hand einen Finger verloren – hat man dort buchstäblich zu lesen:

»Vorzeiger dieses, dem vom löblichen Infanterie-Regiment Grawert verabschiedeten Hauptmann von Keller, wird auf sein Verlangen, da er in seine Heimat nach Detmold in Westphalen und von da in die Grafschaft Mark[147] zu reisen gesonnen, dieser Reisepaß erteilt. Gedachter Hauptmann v. Keller ist großer Statur, 40 Jahr alt, an der rechten Hand blessiert. Da derselbe seinen Weg durch die Kayserlich Königl. Oesterreichischen Staaten nehmen will, so kann die Reise-Route hierin nicht vorgeschrieben werden.


Glatz, den 16. Mai 1810.

Sr. Königl. Majestät von Preußen

wohlbestalltes Gouvernement der

Stadt und Festung Glatz.

v. Blumenthal.«


Das Siegel des Gouvernements ist ebenfalls gefälscht, erkennbar vermittelst einer Prägung durch Brotteig; beglaubigt und besiegelt haben diesen Paß Behörden in Teplitz, Peterswald, Altenburg und Gera.

Nach Cöllns Wiederanstellung, die im Bureau des Staatskanzlers erfolgte, und deren Beweggründe in dieser Schilderung enthüllt sind, blieb ich mit ihm wohl im Umgange, doch konnten wir, wegen der Art seiner übernommenen Geschäfte, wobei er sich, nach meinem Dafürhalten, zuweilen unfreier Schriftstellerei hingab, nie recht zusammenstimmen. In etwas erklärt seine damaligen Auffassungen eine Schilderung preußischer Zustände im Frühjahr 1811, wovon die Handschrift Cöllns mein Eigentum ist. Daß er in diesen zwei Briefen aus und über Berlin von sich selber spricht, mag nicht irren noch verwundern; im allgemeinen eröffnen sie aber, neben dem Absichtlichen und der Sebsterhebung, Cöllns Ansichten – stellen ihn so hin, wie er beurteilt sein wollte. Auch sind die Äußerungen mitunter noch heute nicht ohne Zeitbeteiligung, und deshalb schließe sich hier der erste Brief[148] um so dienlicher an, weil er zugleich belehrende Rückblicke auf die Vergangenheit gewährt:


»Erster Brief.


Nach drei Jahren sah ich nun Berlin zum ersten Male wieder, und war erschrocken über die großen Veränderungen, welche hier stattfanden. – Von den zehn Ministern vor dem Kriege fand ich eigentlich nur einen, den Staatskanzler, statt einer Menge von Generälen, Stabs- und Subaltern-Offizieren, welche sonst die Straßen anfüllten, und Soldaten, welche an den Straßenecken nach Verdienst umherlugten, vernahm ich nur die Töne der Hörner, welche die modernisierten Voltigeurs auf dem Dönhofschen Platz versammelten, der um deshalb noch der lebhafteste ist, weil hier der Staatskanzler wohnt, vor dessen Tür sich die Supplikanten und die Equipagen der Staatsräte begegnen. Die Wilhelmsstraße, ehemals der Sitz der Großen, ist öde und leer. – Das Opernhaus, wo die Pär'sche Oper ›Achilles‹ gegeben wurde, war zur Hälfte leer – man fand das Legegeld zu hoch. Vordem erhielt man mit Mühe Einlaß. Nur das Schauspiel-Theater ist noch immer der Zentralpunkt, wo sich die schöne, gebildete und gemeine Welt versammelt. Hier ist denn auch noch wie sonst der Ort, wo das Militär sich durch Gewaltstreiche auszeichnet, da es auch noch heute außer dem Gesetz und ohne Polizei sich von seinem militärischen Geist ohne Geist impulsieren läßt. Die wilden Ausbrüche hat man ganz kürzlich, wie bekannt, wieder erfahren, und man hofft, der König werde endlich diesen Übermütigen den Kappzaum anlegen. – Wenn es wahr ist, wie man versichert, daß der größte Teil des Militärs nach Hause geschickt und die Städte mit Bürgergarden besetzt werden sollen, so dürfte sich das Publikum Glück wünschen.[149]

Eine auffallende Erscheinung ist auch die hohe Religiosität, welche man hier affektiert und der die Tagesblätter unausgesetzt huldigen. Ja ich hörte sogar neulich den Redakteur des sich zur Ruhe neigenden Abendblatt behaupten: der tiefe Sinn der Apokalypse scheine dem Zeitgeist zu entsprechen. Adam Müller, der berühmte Gesetzgeber, setzt die Kirche über die Regierung, und unser Erbadel ist ihm schon von Gott selbst eingesetztes religiöses Institut. Alles lebt in der Idee, von Fichte bis auf Heinrich v. Kleist, den cidevant ›Prometheus‹, und nur der ›Beobachter an der Spree‹ befaßt sich noch mit der gemeinen Wirklichkeit. Wehe der Religion, wo Religiosität Mode wird! –

An der Spitze der Universität steht der bekannte Schmalz, der alle Staatsbürger in rohe Produzenten verwandeln will und allen Nationalreichtum nur in Kartoffeln, Grütze, Mastvieh und dergleichen findet. Der berühmte Thaer spricht immer noch viel von Wurzelwerk und der Mast von Hammelschwänzen, und Buchholtz hat sich plötzlich zum Verfechter der neuen Regierung erhoben und widmet seine Intelligenz der Apologie der neuen Finanzeinrichtung, wovon er, unter uns gesagt, gar nichts versteht. – Sonderbar ist's, daß bei allem Idealisieren in Berlin keine Tagesblätter fortkommen. Der ›Hausfreund‹ geht ein, aber wie gesagt, der ›Beobachter an der Spree‹, der ein Freund vom Realisieren ist, zählt die meisten Leser. – Der ›Freimütige‹ sieht sich oft genötigt, vergessene Anekdoten aus den ›Vertrauten Briefen‹ und ›Feuerbränden‹ aufzufrischen. So erzählte er vor kurzem die Anekdote über den Heroismus des Kommandanten Herrmann in Pillau, die nicht einmal wahr ist, und die in den ›Vertrauten Briefen‹ steht.[150]

Das einzige lesenswerte Buch, welches über den Staat seit einem Jahre erschienen, ist: ›Das britische Besteuerungssystem, dargestellt mit Hinsicht auf die in der preußischen Monarchie zu treffenden Einrichtungen von Friedrich v. Raumer.‹ (Berlin, bei Sander, 1810). In diesem Buche findest du die richtigsten Ansichten und vernimmst einen Praktiker, dem die Theorie nicht fremd, und der eben so weit vom Physiokratismus als von dem Zwangsystem alter kameralistischer Plusmacher entfernt ist.

Die Herren Buchholtz, Schmalz, Adam Müller sollten sich doch ja nicht mit dem Staat befassen, denn es fehlt ihnen die erste Bedingung, um darüber etwas Verständiges zu sagen: sie kennen ihn nicht.

Sonderbar ist es, wie die Regierung nach dem Kriege fast alle Ideen realisiert hat, die Cölln (auf den alle schimpfen) in seinen Schriften teils ausgesprochen, teils angedeutet hat. Das Faktum ist richtig. Er verdammte das Kabinett, es ist metamorphosiert; er schlug einen Staatsrat vor (sechstes Heft der ›Feuerbrände‹), er ist da; er trug eine Menge neuer Ideen über die Umschaffung des Militärs vor: sie sind alle ausgeführt, sogar die Montierungen. Er wollte die Torakzise abgeschafft wissen und die Visitationen an die Grenze verlegen: es ist erfolgt. Er behauptete, der Bauer müsse sein Brot so gut versteuern wie der Bürger. Es ist befohlen worden – und so durch alle Rubriken.

Worin liegt der Grund? Cölln sprach den Zeitgeist aus, dies verdroß die literarischen Krämer, weil ihnen dazu der Mut fehlte. Darum schimpften sie, und dann wollten sie der Regierung schmeicheln, die den armen Cölln, man weiß heute noch nicht warum, einsperrte und kriminalisierte.«[151] Mag manches in Cöllns Äußerungen, die zugleich ein Bild des preußischen Staatswesens und der Umschaffungen vor fünfzig Jahren sind, irrig sein, oder mag man anderes für überwunden erachten – ich meine nicht überall mit Recht – so ist doch darin meist gesunde Schlußfolge zu spüren, wie denn überhaupt Kenntnis und Einsicht ohne Standeshochmut Herrn von Cölln nicht abzusprechen sind. Das habe ich auch in jenen Jugendtagen, wo ich auf Antrieb vom Hofe zu Königsberg und meines vom Unglück des Staats erregten Gefühls politischer Schriftsteller werden mußte, nie verkannt. Ich war empört von den Schmähungen, die Cölln während der bittersten Not seines Vaterlandes gegen dasselbe in die Leserwelt schickte und hatte nur den Zweck, dies durch Beleuchtung ableiten zu helfen, soweit ich es mit meinen geringen Kräften vermochte. – Daß ich übrigens die aus der Teilnahme an jenen Zeitkämpfen gewonnenen Erfahrungen später für den Fortschritt gerechter Allgemeinverhältnisse zu benutzen strebte, hat man mich durch willkürliche Maßregeln und Hemmungen verschiedener Art hart genug empfinden lassen – was auch nicht verborgen bleiben wird.

Um bei den vielen Persönlichkeiten, denen meine Lebensverhältnisse begegnen, die Schilderung möglichst zusammenzuhalten, habe ich mit manchem gleich abzuschließen, so hier mit dem Verfasser der »Vertrauten Briefe« und »Feuerbrände«, der nur nochmals zu nennen ist, wenn ich von dem einstigen Referendarius Tschoppe – nachherigen Geheimen Oberregierungsrat von Tschoppe – spreche, den mir (1817) Cölln zum Hilfsarbeiter meiner Zeitschrift: »Der Gesellschafter« empfahl, und mit dem ich widerwärtige Begebnisse hatte zur Zeit der sogenannten[152] »demagogischen Umtriebe« – unrühmlich ihm, und noch Höherstehenden auch!

Jetzt habe ich den Erinnerungen an Friederike Bethmann mich wieder zu nahen, womit zugleich das sonstige Schauspielertreiben mehr in Beziehung kommt. – Bald nach jenem ersten Zusammentreffen war ich, der bis dahin niemals eine Schauspielerin besuchte, dies überhaupt mit wenigen Ausnahmen unterließ, fast alle mir frei gebliebene Abende – selbst wenn die Bethmann auf der Bühne beschäftigt gewesen – in ihrer Gesellschaft. Meist waren der Mann, ihre Freundin in jeder Not und Gefahr, Frau Liep mann, in der ersten Zeit oft noch Varnhagen und ich beisammen. Doch ist mir auch der auf dem Sofa sich pflegende unbehilflich dicke Mops unvergeßlich: denn wie spät die Unermüdliche aus dem Theater kam, das feiste und träge Tier führte sie stets noch ins Freie, und ich mußte, wenn der Herr Gemahl irgendwo bei dem ihm schwer entbehrlichen Kartenspiel saß, willig oder nicht willig ihr Begleiter sein, um den vierfüßigen Liebling in Bewegung zu bringen.

Während meines sechsjährigen Umgangs, von 1809 bis 1815, dem Todesjahr der Künstlerin, lernte ich bei ihr nächst Varnhagen unter anderen deutlicher Zacharias Werner kennen, dann Kotzebue und Friedrich Schulz, »Theater-Schulz« genannt, weil sein ganzes Sonderlingsdasein im Bühnenleben aufging. Nur dieser vier gedenke ich voran, weil sie meinem jetzigen Bericht noch mit angehörig sind, und bemerke, als durchgängig, daß die Bethmann gern ihre alten Kunstgenossen bei sich sah, selber aber für die Gesellschaften der Reichen gesucht und mit ihrem Benehmen selbst in den höchsten Kreisen heimisch war, ohne sich dort behaglich zu befinden. Ich[153] hörte sie einmal sagen: »Wenn man dort allerdings bestrebt sein muß, Gedanken und Gefühle so abzuschleifen, daß sie ihr konventionelles Passiergewicht haben, angenehm ist's nicht!« – und ähnliche, zuweilen auch verstärkte Äußerungen waren nicht selten.

Einen schlimmen Spätabend verursachte Varnhagen, doch wurde ich zum Mitschuldigen durch unvorsichtige Willigkeit. Er hatte viel Rühmens gehört von der Darstellung unserer Freundin in »Nina, oder Wahnsinn aus Liebe«, diesem ursprünglich französischen »Schauspiel mit Gesang« von d'Arien, und verführte mich, mit ihm vereint die Bethmann zu bereden, sich nochmals zu zeigen als »Nina«, ein Gebilde, von dem ich in jenen Tagen gar nichts wußte. Sie weigerte sich; mit der sachten klugzüngelnden Geläufigkeit seiner Beredung drang aber Varnhagen öfter auf sie ein, ich war ihm gefälligst verbündet, sie gab endlich nach, und mich überfiel im Theater peinlicher Schreck. Sie belebte die Irrsinnige seelenvoll meisterhaft, ihre mit Recht gepriesene Geschicklichkeit im Anziehen und Schminken vermochte jedoch nicht so viel, um den hier völlig unerläßlichen Eindruck einer ersten Jugendblüte auch nur annähernd zu gewinnen: die Erscheinung mußte den Zuschauern widersprechend sein. Obwohl sie Beifall zollten, die Bethmann sich in dieser Hinsicht durchweg nicht zu beklagen hatte: ihr Empfinden bezeugte einen so gewaltigen Unterschied mit der Aufnahme ihrer »Nina« vor zwanzig und mehr Jahren, daß sie gleichsam über sich und ihre Nachgiebigkeit empört war. Begreiflich mußten bei ihrem Verdruß gegen sich selber Varnhagen und ich eindringlich mitbüßen, nicht nur an jenem Abend: wir hatten später noch gestachelte Fortsetzungen zu spüren, wobei sie ihre eigene Unbesonnenheit[154] keineswegs schonte. – Andererseits war es merkwürdig, wie täuschend sie auf der Bühne auch das Außenwesen des Jugendlichen – wenn auch nicht zurück bis zur mädchenhaften »Nina« – vorzuspiegeln wußte; ich weise darauf hin, daß sie noch im Mai 1815, also kurz vor ihrem Tode, als Shakespeares »Portia« auftrat, und es gefiel ihr, als ich einmal leicht gesagt die Worte hinwarf: »Jungsein ist keine Kunst, dem Künstler aber muß das Jungbleiben zur Natur werden.« Gewiß kamen ihr die zierliche Gestalt, für Gebärden- und Mienenausdruck feingeübte Beweglichkeit, Spannkraft der Gesichtszüge und die leuchtenden blauen Augen zu Hilfe. Sie hatte aber auch das Kleidsame umfänglich in ihrer Macht, wodurch sie in solchem Bedarf zuweilen erwählte Ratgeberin der Königin Luise war. Diese Macht umfaßte die Theatertracht wie das Hauskleid; sogar in großer Gesellschaft bewahrte sie des Anzugs Prunklosigkeit, und das Kattunkleid ward an ihr zum gefälligsten Putz. Das Einfache war hier Grundzug, war es zugleich ihrer Kunst bei weitester Vielseitigkeit, die jetzt schwer glaublich zu machen ist. Diese Einfachheit hatte, je nach der gegenständlichen Aufgabe, den zu ihr hingelenkten, den erforderlichen Geist, wurde fest und treu bei dem hochdichterischen Trauerspiel bis zum Lustspiel und übermütigsten Schwank; sie verleugnete sich auch nicht im Überraschendsten und Gewagtesten, was sie im steten, ihr schnell bereitwilligen Selbstschaffen nicht vermied, immer aber zu solcher Einigung mit dem Ganzen brachte, daß es Natur und Wahrheit wurde ohne Spur des Absichtlichen. In ihrer Wirksamkeit konnten die Gestaltungen wechseln vom Thron bis zur Gesindestube: überall dieselbe Sicherheit, überall die Kunst des Ungekünstelten, die Begabung der Natur und Wahrheit mit der eindringlichen[155] Seele. Dies gilt bei der »Braut von Messina« von der »Fürstin Mutter« – der sie mit ihren wohlklingenden, aber nur mäßig kräftigen Sprachmitteln aus vollem Gemüt die Schillersche Erhabenheit durchwärmte – bis zur »Gurli«, von der »Iphigenia«, »Phädra«, »Lady Macbeth«, »Orsina« bis zu »Minna von Barnhelm«, den Ifflandschen Frauenbildern und dem Possenhaften; von der Mozartschen »Donna Anna«, der »Julia« (in der Weiße-Bendaschen Oper) bis zu »Fanchon«, der »Schönen Schusterin« und dem Knaben »Collin« des Reichardtschen Liederspiels »Lieb' und Treue«.

Ist eine solche Vielseitigkeit – die sich auf mannigfach verschiedenen Ausdruck durch Mienen und Gebärden ausbreitete, vom Hoheitlichen und Gewandten bis zum Unbeholfenen, je nach dem Bedingten – ist sie gewiß nicht als Regel, im Gegenteil eher dem Talent für echtes Einleben in dichterische Schöpfung die eigenheitliche Beschränkung anzuraten, bei der Bethmann war dieses Vielseitige ebner Inhalt der Eigentümlichkeit, die sich selbst in ihrem häuslichen Behaben, in der blitzschnellen Regsamkeit des Begriffs, in stets erkennbaren Reichtum rascher Gefühlswendungen wahrnehmen ließ, wodurch sie ihren Freunden fortwährend gleichsam zur neuen und erfrischenden Bekanntschaft wurde. Die vielfarbigste Wandlungsfähigkeit für Stimmung des Denkens und Empfindens war in ihr so herkömmlich, um sie als angeboren betrachten zu müssen, als den ihr treuesten Besitz, der durch frühzeitig seltsame Leidenschaftskämpfe und bei ihnen gewonnene Erfahrungen, verbunden mit Drang des Lebhaften bis zum Überschwenglichen, so zum Ausströmen gedieh, daß sie auch in der Kunst meist nur sich selber zu folgen brauchte, eines langwierigen Forschens und Ergründens gar nicht bedurfte.[156]

Schwierig ist es, von so umfänglich naturwüchsiger Geistesverbindung eine erfaßliche Anschau zu geben; man müßte verschiedene sich auszeichnende Schauspielerinnen in einer einzigen versammeln können, um die gemütreiche Macht in Freude und Schmerz, das Anmutige im Wohlwollenden, das Glühende im Verderblichen, die Keckheit des Übermuts, den Reiz des Schalkhaften, den Seelen- und Herzensklang im lieblichen Gesange vereint zu haben. Ein Gesamtes der Art setzt aber, neben dem Ursprünglichen, solche Verwickelungen und Gefährden in Verhältnissen voraus, wie Friederike Bethmann sie von den Kindesjahren an abenteuerlich erlebt hatte in Lust und Weh.

Wie auf der Bühne, so zeigte sie auch in der Geselligkeit eine stets wachsame, gelegentlich sehr schlagfertige Geistesgegenwart, und als aufmerksame Wirtin beförderte sie mit geschickter Teilnahme, teils ernst und sinnig, teils heiter und stachelnd die Unterhaltung. Meisterin war sie in der Neckerei, doch nicht immer völlig geschützt vor heftigen Aufwallungen, wenn man augenblickliche Lieblingsansichten, deren Schwäche sie wohl bald selbst empfand, spöttisch belachte und behandelte; von mehreren Zügen solcher Abart will ich nur einen – den ausschweifendsten – mitteilen. Kotzebue, den ich in jener Zeit, als er in Berlin sein »Russisch-Deutsches Volksblatt« herausgab, bei Bethmanns kennenlernte, hatte unter anderem geäußert: sogar die Frauen müßten im Notfall Regimente, Infanterie und Kavallerie bilden, um gegen die Gewaltherrschaft Napoleons mitzukämpfen. Die Bethmann, in ihrer Liebe zur verewigten Königin und in Verehrung Friedrich Wilhelm des Dritten ehrlich-preußisch, ergriff diese Ausrüstung mit Entflammtheit: sie sah sich schon zu[157] Roß an der Spitze einer Amazonenschar, malte alles so umständlich aus, daß ich mein keineswegs irrig zu deutendes Lachen nicht überwinden konnte. Da kam ich unbeschränkt übel an! So aufgebracht habe ich sie nur dies eine Mal gesehen, und nur dies eine Mal verstieg sie sich – gewiß von mir durch Spottreden gereizt – im Zürnen dermaßen, auch etwas handlich, das meine brausende Jugend unerträglich fand, was mich heut, einer außer sich geratenen Frau gegenüber, wahrscheinlich nicht aus der Gelassenheit vertriebe. Ich sprang auf, und nach einer etwas kräftigen Erklärung wollte ich sogleich mich entfernen; sie aber, flinker als ich, verschloß hastig die Tür, und war dann wie aufgelöst in Reue, Bitten und Tränen, wobei nun ich emsig bemüht sein mußte, sie zu beruhigen.

Durch die Bethmann ist mir besonders und vorwiegend begreiflich geworden, wie Personen, denen bei ihrer Berufstätigkeit geistige und gemütliche Erregung ebenso notwendig als unvermeidlich ist, zuweilen ganz unzurechnungsfähig sein können. Daß aber auch eine so übungsfeste und beliebte Schauspielerin, die von der Kindheit an auf der Bühne beschäftigt war, oft mit Angst die »heißen Bretter« betrat, hat mir die Bethmann sehr merkbar gemacht. Bei jeder neuen Rolle war sie vor dem Beginn der er sten Darstellung in fieberhaftem Zustande, das »erste Mal« ihr bis zum kleinsten hin fürchterlich. Als sie eine »Romanze« von mir in einem Konzert des Kapellmeisters Seidel zu sprechen und dieser mich ersucht hatte, die Bethmann zu rechter Zeit aus der Loge nach dem Orchester zu führen, bebte sie bei schwankenden Schritten. Ich hielt auf dem Stufengange ein mit der Bitte, sich zu erholen, sie erwiderte jedoch kurzatmig: »Nur vorwärts, vorwärts! Bei jedem Neuen werd' ich[158] in Gedanken an das Publikum krank, und nur Stümpern geht's anders!« – War aber die gefürchtetste neue Darstellung vorüber, dann zeigten sich Munterkeit und Mutwillen wieder obenauf, und ich hörte meist den Ausruf: »Ach, warum kann ich nicht gleich nochmals spielen, jetzt könnt' ich's viel besser!«

Sie noch ganz und gar zu sehen im Ursprünglichen freiester Unbefangenheit, mit der die Bindungen der bürgerlichen Verhältnisse von ihr betrachtet wurden, hatte ich im Jahre 1814 volle Gelegenheit. Bethmann litt an der Gicht und reiste nach dem Bade; sie aber ließ sich einfallen, während der Abwesenheit ihres zweiten Ehemannes den ersten, Unzelmann, auf vier Wochen täglich zum Mittagessen einzuladen: um ihn jedoch nicht allein als Gast zu haben, bat sie mich, der zweite Gast zu sein für dieselbe Zeitlänge. Bei meiner erforderlichen Arbeitsamkeit konnte ich mich nicht verpflichten zu beharrlicher Annahme dieser Einladung, doch saß ich mehrmals als vierter in dem kleinen Kreise: denn nur noch Frau Liepmann war zugegen. Da lüftete sich eine Fülle von Hinweisungen auf eine abenteuerliche Vergangenheit! Vorwaltend webte sich immer wieder andauernd die Jugendgeschichte des ehemaligen Ehepaars in das Gespräch, wobei ich umständlich erfuhr: wie hart der Stiefvater Großmann sie behandelte, es ihr also nicht zu verargen sei, daß sie sich von dem »närrischen Wildfang«, dem Unzelmann, habe entführen lassen. »Großmann setzte uns von Frankfurt am Main nach,« erzählte sie, »kam aber erst in Mainz an, als wir schon getraut waren; doch mußten wir unter polizeilichem Zwang umkehren, und einstweilen noch bei der Truppe in Frankfurt bleiben. Jetzt hatte ich bald Zeugnisse genug von der Wandelbarkeit der Männer, denn dieser da –[159] ich sag's ihm ins Gesicht – er ist mir nicht mit dem besten Beispiel vorangegangen. Er flatterte und flunkerte überall umher, war alltäglich verliebt und allwöchentlich in eine andere, endlich sogar in die ›Frau Rat‹, die Mutter Goethes, die ihn so beherrschend gängelte, daß ich nichts ohne ihren Einfluß tun durfte. Ich war eine siebzehnjährige, unbedachtsame Frau, eitel auch, und meinte: zieht er dir eine vor, die hübscher ist als du, so wäre das zu begreifen, aber die Frau Rat! – Das blieb mir unerklärlich, und um so mehr fatal, als sie sich in jede unsrer Angelegenheit mischte. Zufolgedessen erhielt unser Sohn Karl bei seinen Vornamen wider meinen Willen in bezug auf Goethe auch den Vornamen Wolfgang.« – »War dem Karl in Weimar sehr favorable!« fügte Unzelmann ein, bestritt jedoch Einzelheiten nicht, bestätigte sein fortgesetztes Sündenverzeichnis mit heiterer, mitunter französierend gespitzter Laune, berichtigte nur: »Die Neigung zur Frau Rat war natürlich durchweg intim spirituell; sie imponierte mir durch warme Empfänglichkeit für das Theater, sowie vermöge ihres gefunden, penetranten Urteils!« und ich bemerkte: nach meiner Ansicht sei dies der richtige Aufschluß. – Als die Bethmann sich nicht stören ließ in zuweilen verfänglichen Andeutungen verschiedener Richtung, wonach sie in ihrer Jugend nirgends eine haltbare Stütze gehabt, sagte dazwischen Unzelmann lachend: »Höre, Friederike, unser Leben ist nun einmal nicht mit der moralischen Elle zu messen, und wir wollen nicht weiter untersuchen, wer am meisten dieser Elle immer fünf Viertel gegeben hat.« – Er sprach vorzugsweise und redselig von ungewöhnlichen Theaterbegebenheiten, und hinsichtlich auf in Hamburg Erfahrenes geriet er einst sehr in Eifer darüber, daß bei seinem Abgange von dort ein[160] »Kritikaster« habe drucken lassen: »Herr Unzelmann verbrauchte mehr als seine Gage und hatte für die Bezahlung ein sehr untreues Gedächtnis.« – »Dreißig Jahre ist's her, ich kann's aber dem naseweisen Federfuchser noch heute nicht vergessen, denn um meine Finanzen durfte er sich nicht bekümmern!« rief Unzelmann in Erhitzung aus. – »Beruhige dich nur und verzeih's ihm,« fiel die Bethmann mit ihrem schelmischen Gelächter ein; »seine Frechheit hat ja dein Gedächtnis nicht verbessert und dich niemals und nirgends am Schuldenmachen gehindert.« – »Das hab' ich dem insolenten Kerl zum Possen getan!« entgegnete Unzelmannin trockener Selbstbefriedigung.

Die Äußerung der Bethmann hatte vollständigsten Grund, denn sie mußte mehrmals dem von ihr geschiedenen Gatten aus der Klemme helfen. – An einem Sonntage war ich zu Mittag Gast, da wurde ein Brief gebracht; sie öffnete ihn, las, gab ihn mir, und stand auf. Das Schreiben kam von Unzelmann und brachte folgenden Inhalt:


»Liebe Friederike!


Ich habe zu Abend ein paar Freunde bei mir, und jetzt läßt mir Dallach (›Restaurateur‹ ersten Ranges) sagen: er werde das Essen nicht schicken, wenn ich nicht wenigstens einen Theil der alten Schuld bezahlte. Das wäre schrecklicher Blam! Du gutherzige Seele schick'st gewiß zwanzig Thaler Deinem


pauvren Unzelmann.«


Die »gutherzige Seele« hatte auch ohne Wort und Verzug zwanzig Taler geholt, und sie wurden der Botin eingehändigt.[161]

Während jener vier Wochen hielten sich bei dem Mittagstisch in ähnlicher Weise alle Gespräche; sie zeugten von der vollblütigen Ungebundenheit der Schauspieler zur Zeit des Aufschwungs der deutschen Bühne, einer Zeit, die ich mit Bewußtsein nur in ihrem Endgange erlebte. Bei aller Leichtfertigkeit und genußlustiger Ausschweifung bewies man jedoch dem Kunstberufe die innigste Liebe und den tätigst anstrebenden Ernst. Vergißt man nun nicht, daß noch bis zu Anfang unsres Jahrhunderts die Schauspieler, mit wenigen Ausnahmen, im Gesellschaftlichen der Familienkreise fast gar nicht heimisch werden konnten, dann ist unter ihnen selbst und in leidenschaftlichen Verhältnissen mit andern ihr freies, ungezügeltes Treiben, sowie ihr offenherziger Gleich- und Übermut kaum auffallend. Man hütete sich auch nicht ängstlich vor dem Erwecken der auf dem Standpunkt des Herkömmlichen mißtönenden Erinnerungen und Geständnisse; ich will nur einen Zug beifügen von einem Freiherausreden, das mich, den scheuen jungen Mann, damals höchlich erstaunen ließ. – Karoline Döbbelin, mit besten Gründen zu den ersten Schauspielerinnen Deutschlands gezählt, war nach der Vorstellung zum Jubelfest ihrer Fünfzigjahrs-Tätigkeit (1812) noch in der für die Feier von Friederike Bethmann eingeladenen Gesellschaft, zu der auch ich gehörte; als sogenannter »Max Helfenstein« hatte ich wieder zu tun gehabt mit Inschriften zu Geschenken, mit Vor- und Nachreden. Bei dem Abend- oder eigentlich Nachtessen machte der Champagnerpunsch die Offenherzigkeit überströmend: die Jugendfährlichkeiten waren im leichten Anfluge paradiesischen Rausches nicht mehr zu verschweigen, und nächst Unzelmann – er fehlte hier ebenfalls nicht – zeichnete sich in Bekenntnissen auch die burschenhaft fröhlich[162] gewordene Döbbelin aus. Sie schilderte ihre Vorzeit und erzählte mitteninne frischweg: »Zu Ende der Siebziger des vorigen Jahrhunderts hatte ich einen mir treuen Geliebten, dessen Stand und Verhältnisse die Heirat nicht erlaubten, und wir setzten uns darüber hinweg. Nach einer zweiten Folge unseres Umgangs sollte ich als ›Elfriede‹ wieder auftreten, das verehrte Publikum lärmte jedoch wie unsinnig, so daß ich zitternd und bebend mich vergeblich bemühte, zur Rede zu kommen. Der Vorhang mußte herunter, der Lärm aber blieb derselbe mit dem untermischten Geschrei: ›Döbbelin vor!‹ Der Vater, auch von Schreck und Furcht überwältigt, mußte endlich hinaus und begann seine Rede im gewohnten Pathos: ›Geschätztes, gnädiges Publikum! Tugend kann straucheln, Tugend kann fallen‹ – ›aber nicht zweimal!‹ schrie eine gewaltige Stimme vom Parterre her, und jetzt dröhnte das Haus von unbändigem Gelächter. Der Vater wartete den rechten Augenblick ab, und sagte nur noch: ›Einem so venerablen Publikum wird bei so herrlicher und hochherziger Laune die gnädigste Nachsicht nicht mangeln!‹ Der Vorhang ging wieder in die Höhe, ich wurde in die Szene geschoben, obschon ich die Tränen nicht zu unterdrücken noch zu verbergen vermochte, und nun ließ man mich spielen, anfangs bei schauerlicher Grabesstille, aber bald ermunterten mich die Zeichen der sonstigen Gunst.« – Nach Erzählung dieses Ereignisses sagte der gar zu gern stichelnde Unzelmann: »Hättest dich vorsichtig erst mit irgendwem sollen kopulieren lassen, Karoline!« – die Bethmann aber kicherte vor sich hin, und wird gewußt haben weshalb. – Beiläufig nur will ich bemerken: daß die Döbbelin geistvoll und auch lieben Gemüts war, was gewiß dadurch bekräftigt ist, daß ein sehr[163] gebildeter, wohlhabender und nie verheirateter Mann länger als dreißig Jahre, bis zu ihrem Tode, ihr treuer Freund, und nach ihrer Erblindung ein beharrlich sorgsamer Führer war.

Zeuge von zürnender Aufwallung der Bethmann wurde ich auch eines Vormittags in Gegenwart Ifflands. – Im Herbst 1813 hatte sie sich geweigert, die »Elvira« in Müllners Trauerspiel: »Die Schuld« zu übernehmen. Sie sagte: »Eigentlich bin ich für die Rolle zu alt, kann mich nicht erwärmen an dem Stück, weiß mich nicht hineinzufinden.« – Müllner war von Iffland aufgefordert worden, »ein Trauerspiel zu dichten, das den ganzen Abend fülle«, und obwohl jene als »Schicksals-Tragödie« bezeichnete »Schuld« der Gesinnung Ifflands nicht behaglich sein konnte, er fühlte sich doch durch seinen Antrieb zum besten Fördern der Darstellung noch mehr verpflichtet, als dies in aller Hinsicht überhaupt bedingt ist. Er blieb also unerschütterlich dabei: die Bethmann müsse sich zur »Elvira« bequemen, auch schon deswegen, weil er dem Dichter die Rollenbesetzung überlassen hatte. – Nach meiner Ansicht war die Bethmannim Unrecht, ihre Erscheinung auf der Bühne immer noch soweit täuschend, um ihrer Kunst als »Elvira« nicht hinderlich zu sein; in ihrer Abneigung schickte sie aber wiederholt die ausgeschriebene Rolle zurück, und wurde in der andauernden Gereiztheit wirklich krank. Sie befand sich in der Genesung, als ich sie eines Vormittags besuchte, nachdem sie mir hatte sagen lassen: es sei ein Brief von Zacharias Werner angekommen. Der wolle nun katholischer Priester werden. Auf dem Sofa ruhend wies sie mich zu ihrem Schreibtisch, und eben las ich den Brief, da wurde Iffland gemeldet. Sogleich[164] wollte ich fort, sie aber rief aus: »Bleiben Sie, er quält mich dann gewiß weniger!«

Iffland, selber schon krankhaft, fragte nach dem Befinden »seiner Freundin Bethmann«, wandte sich danach sogleich an mich, um mir mitzuteilen: wie es mit dem Einstudieren eines meiner bühnlichen Jugendversuche stehe; ich hielt diese Wendung für eine höfliche Andeutung: ich sei nun abgefunden, griff also nach meinem Hut. Aber Iffland, rechts und links blickend, äußerte: »Ich glaube kaum, daß hier Geheimnisse obwalten; es wird nicht schaden, wenn Sie unsere Mühsale nah genug kennenlernen.« – Dann setzte er sich und entwickelte: wie er den Theaterverhältnissen und dem Dichter verantwortlich sei, die »Elvira« eine der höheren Tragödie mächtig gewordene Künstlerin erfordere, zugleich fähig, sich in die der deutschen Bühne ungewöhnliche Versform einzuleben. »Ich weiß bei unserm Theater« – so ungefähr schloß er diesen Vortrag – »niemand, der hier so an richtiger Stelle wäre als Sie, liebe Bethmann, und Sie werden es meinem pflichtgemäß sorgsamen Eifer zugute halten, wenn ich erkläre, an meine Überzeugung und an mein Wort gebunden zu sein.« – Die Bethmann hatte schon allerlei dazwischen gesprochen, wovon sich Iffland nicht unterbrechen ließ; jetzt aber sprang sie erglüht auf und lief unter Ausbrüchen ihrer Empfindlichkeit im Zimmer hin und her. Es kamen Vorwürfe über frühere Mißhelligkeiten zu Wort, Iffland erwiderte nur: »Ruhig, ruhig, werte Freundin! Denken Sie an Ihre Erholung, und betrachten wir abgesondert das Jetzige!« Da sie jedoch fortwährend Klagen anbrachte, äußerte endlich Iffland, mit zu mir gewendet: »Das Schauspielhaus ist für den Direktor ein wahres Zuchthaus, worin man ihn für alle[165] straft!« – »Aber nicht für alle bessert!« redete die Bethmann hitzig ein; Iffland lachte darüber innigst laut auf, was bewirkte, daß auch sie mitlachen mußte, wie ich begreiflich schon getan hatte. Diesen Augenblick benutzte Iffland, indem er sagte: »Ich habe, liebe Bethmann, in unserm Zwiespalt ganz den Direktor vergessen, ich spreche als Künstler zur Künstlerin, als Freund zur Freundin, und Sie werden es dem Künstler und Freunde, der hier offenbar das Rechte und Gute erbittet, nicht verweigern, das Rechte und Gebührende zu tun.« – Bis dahin hatte ich versucht, mich mit Werners Briefe zu beschäftigen, wurde jedoch von Ifflands letzter Rede so bewegt, daß ich ausrief: »Gewiß, gewiß!« – aber schon hatte die Bethmann seine Hand ergriffen bei den, wie in heiterer Erschütterung hervorbrechenden Worten: »Iffland, Sie sind es wert, daß man nachgibt, ich spiele die mir widrige Elvira!« – und sie wurde vortrefflich gespielt!

Unsere Freundschaft befestigte sich auch dadurch, daß ich einen ihrer Söhne zum Schüler annahm und mich angelegentlichst mit ihm bemühte. Friedrich Unzelmann hat sich bekanntlich in der Holzschneidekunst ausgezeichnet, ist aber frühzeitig gestorben. Er gab mir Zeugnis zu der Erkenntnis, daß die Bethmann eine sorgsame Mutter war, die im Eifer für ihre Kinder auch zuweilen das Maß überbot.

Von den Genannten, die mir bei dem Umgange mit der Bethmann zur Beschau kamen, sei jetzt des »Theater-Schulz« etwas weiter gedacht: er naht im Zeitverlauf wohl noch meinem Wege. Der närrische Kauz war von der Kindheit an ein zerfahrener Schwärmling für die Bretterwelt, sollte sich aber der Rechtswissenschaft befleißigen;[166] ihm half, wie schon erwähnt, sein Schul- und Universitätsgenosse Stägemann, der ihn mit anhänglicher Gutmütigkeit vor dem Versinken schützte: denn Schulz verhinderte sich durch seine Schauspielsucht jede feste Stellung. Als Referendar nach Brandenburg geschickt, häufte er stets Reste auf Reste im Geschäft, versäumte die Termine, denn er konnte in keiner Woche das Berliner Theater entbehren, und bestürmte Stägemann, ihm von dort nach der Hauptstadt zu verhelfen. Es glückte, und Schulz tat nun als Jurist in Berlin ebenso nichts wie in Brandenburg. Da spannte ihn Stägemann unter seiner Leitung zum Hilfsarbeiter im Ministerium ein; auch da machte er sich unnütz, und sein Gönner ließ es bewerkstelligen, daß Schulz lebenslang sein geringes Gehalt behielt, »als ausgezeichnet durch Unbrauchbarkeit,« wie oft sein Beschützer wohlwollend sagte; denn ob es auch spöttisch klingt, es ist eben nur Gemütswitz, ein Ausdruck, mit dem vielleicht ein Inhaltsteil von »Humor« übersetzt wäre. – Lebenslang beschränkte sich nun Schulz fast gänzlich darauf, die Berliner Bühne zu beurteilen, bald in diesem, bald in jenem Tageblatt, zuletzt – nach meinem Ausscheiden wegen Sorge für den »Gesellschafter« – in der »Spenerschen Zeitung«. Daß der kleine Aufsatz Goethes: »Die Berliner Dramaturgen« sich meist auf Schulz bezieht, mag für dessen Sachkenntnis sprechen; im Persönlichen war er seiner Neigung und Abneigung nicht Herr, was ziemlich jedem nachzusagen ist: das Mehr oder Minder kommt jedoch dabei in Wägung. Gewiß aber hat sich Schulz zu einem Berliner Eigenwesen ausgeprägt; »originell« konnte man ihn nach der Bürgerschen Deutschung in »Urselbst« nicht nennen, eine Sonderlichkeit war er unzweifelhaft. –[167] Mit Zacharias Werner ist auch vorzurücken, nicht nur durch das Wiedersehen bei der Bethmann. Ihm darf man wohl das »Urselbst« zugestehen, denn dies Wort schließt die Überspanntheit nicht aus, und ich kann diesem Dichter und Glaubenswandler auch noch näher kommen als durch den persönlichen Umgang allein. Es fand sich Gelegenheit, eine Reihe langer Briefe zu kaufen, die Werner in den Jahren 1796 bis 1804, also bis zur Zeit seiner Berufung von Warschau nach Berlin, an seinen Freund, den Justizrat Peguilhen schrieb, an denselben, der nach eigenwilliger Lebenskürzung des Heinrich von Kleist durch Verteidigung des Selbstmords schriftstellerische Kämpfe erregte. Einer jener Briefe, bezeichnet mit »Königsberg, den 5. Dezember 1803« enthält Werners Bekenntnisse über Staat, Religion und Kunst sehr umständlich; man entdeckt sein geistiges Gären und Bezwecken, weshalb eine Beifügung sich rechtfertigen wird, um so gewisser, als dabei manches auch hinsichtlich unserer Gegenwart noch zu beachten ist. Werner schreibt seinem Freunde:

»Der Staat ist eine Verbindung, die einer gegebenen Menschenmasse es möglich machen soll, ihre höchste Bestimmung zu erreichen. Sie isoliert diese Masse, um sie veredelt der ganzen Menschheit wiederzugeben, und zu diesem Zwecke muß sie ihr freien Spielraum ihrer Kräfte, Genuß ihrer Rechte, kurz alles verstatten, was du besser als ich weißt und worüber ich nicht salbadern will. Nur die unterstrichene Stelle bitte ich dich nicht zu vergessen, sie führt dich darauf, daß der Staat die Pflanzschule der durch ihn begrenzten Menschenmasse für die gesamte Menschheit sein soll. Nun ist aber der Egoismus der Tod alles gemeinnützigen Wirkens[168] einerseits, sowie anderseits die Erbsünde des nicht höher gebildeten Menschen. Der Staat, wie er sein soll – Pflanzstätte höherer Humanität – nimmt den Menschen wie er ist, als sich isolierendes Wesen, verbürgt ihm vollen Genuß seiner Persönlichkeit. Nachdem er ihn also mittels seines eigenen Egoismus angelockt hat, führt er ihn durch Bildung von Stufe zu Stufe, bis zu der höchsten, wo der am höchsten gebildete Mensch wieder seinem Egoismus freiwillig entsagt, sich blos als Teil des Ganzen betrachtet in dieser hohen Idee seine volle Befriedigung findet, so den edelsten Zweck der Natur, die nichts Isoliertes duldet, mit Willkür befördert, und auf den höchsten Punkt gerät, wo das, was er als Notwendigkeit dulden muß, bei ihm Freiheit wird. Dieses Gemälde, wovon eine wohlorganisierte Ordensverfassung die Miniaturkopie oder besser das Modell darstellt, ist in meinem dramatischen Werk (›die Söhne des Thales‹) mit soviel Klarheit bezeichnet, als es mir möglich war, und darum ist mir das Ding lieb. – Doch ich gehe weiter. Der Staat ist Pflanzschule der Menschenveredlung, wie wirkt er auf den ihm untergebenen Koloß, wie tötet er dessen Unsittlichkeit und dessen Egoismus? Dadurch, daß er ihm ein sittliches Ideal – Kant nennt's das höchste Gut – aufstellt, und also Moral, und dadurch, daß er ihm den Sinn für das Unendliche der Natur und ihrer Gesetze öffnet, das heißt: daß er ihm Relgion gibt. Jene, die Moral, lehrt ihn zu immer höherer Selbstveredelung nach dem vorgesteckten Ziele streben, wogegen ihm die Religion zeigt, wie er als Mitglied des Unendlichen sich seines Egoismus entäußern, Teil des Ganzen sein und sich unbedingt dessen ewigen Gesetzen ergeben muß. Wenn dir diese Gegeneinanderstellung nur etwas den Blick auf den himmel-[169] weiten Unterschied zwischen Moral und Religion leitet, so bin ich schon zufrieden. Aber, obgleich wesentlich verschieden, so arbeitet doch jene dieser vor; der Mensch muß erst Sinn für etwas Höheres – das Ideal – haben, ehe er ihn auf das ihn umgebende Unendliche richten kann; sonst läuft er unausbleiblich Gefahr, in diesem Chaos zu ersaufen: der Mensch, als ein Gefäß, muß von dem klaren Wasser der Moral erst ausgespült sein, ehe der köstliche Wein der Religion in ihn gegossen werden kann. In meinem dramatischen Gedicht war jenes die Funktion des ›Tempelordens‹, dieses das höhere Geschäft des ›Thales‹. – Alle Bemühungen des wohlorganisierten Staates, dem Menschen Moral und Religion zu geben, würden scheitern, wenn nicht in seinem Innern Grundkräfte wären, die auf jene beiden köstlichen Polarsterne hin weisen. Diese Grundkräfte sind Vernunft und Phantasie, die uns beide auf das Höchste unsrer Bestimmung hinweisen, wogegen das, was man so gewöhnlich Verstand nennt, nur der Knüppel und Stecken ist, uns durch dieses niedere Erdenleben zu leiten. – Die Vernunft gibt uns Moral; die Natur hat uns aber noch eine andere Grundkraft verliehen, die, wo nicht höher denn aller Menschen Vernunft, doch höher als aller Menschen Verstand ist, nämlich die Phantasie. Diese ist die Grundkraft des Menschen, sich als Teil des ihn umgebenden unendlichen Ganzen und – wenn ich es plump sagen soll – als Teil der Gottheit zu fühlen. Durch diese Hypothese erläutert sich die Wahrheit von unendlich vielen Dingen, die ewig wahr und doch ewig unbegreiflich sind. Vernunft und Phantasie, wovon jene uns die Gottheit in uns ahnen, diese uns unmittelbar als Teil der Gottheit – oder der Natur, durch die sich die Gottheit geoffenbart[170] – uns fühlen läßt, sind also die höchsten Kräfte, Moral und Religion die höchsten Tendenzen der Menschheit. Auf die Moral weiset die Philosophie, die Wissenschaft, die aus den Gesetzen unseres Selbst die Eigenschaften des Ideals, der Gottheit, und die Grenzen der uns umgebenden Welt herleitet. Diese Wissenschaft kann und muß demonstriert werden, da sie von der Vernunft, der Kraft abhängt, die sich in Begriffen oder eigentlicher in Ideen äußert. Phantasie dagegen ist das Gefühl bis zur Anschauung des Unendlichen gebildet, ist Religion. Diese ist also lediglich Gefühlssache, auch stellt sie uns kein Ideal auf; sie kann also weder demonstriert werden noch uns zum Pflichtbegriff bringen, und wird sie von aufgeklärten Pfaffen dem Pflichtbegriff untergelegt, so heißt das ebensoviel, als ob Gefühle uns zu Handlungen treiben sollen, ein Absurdum, ein gebrechliches Fundament, worauf kein vernünftiges Moralsystem gebaut werden kann. Eine religiöse Moral ist eine Contradictio in adjecto! – Obwohl wir aber ein in uns liegendes Gefühl haben, daß wir Teile des Unendlichen sind (Phantasie), so ist doch von dieser bis zur Anschauung des Unendlichen (Religion) noch ein Saltus, der nur durch ein Mittelglied ausgefüllt werden kann. Um das Unendliche anschauen zu können, müssen wir ihm zuvor eine Gestalt geben, und diese Gestalt des Unendlichen ist das Schöne, und die Gestaltung des Unendlichen ist die Kunst. Die Kunst qua talis ist also lediglich Sache des Gefühls, der Verstand konkurriert bei ihr gar nicht, sie ist blos aus der Phantasie abgeleitet. Jedes Kunstwerk ist ein Symbol des Unendlichen nach den Gesetzen desselben geregelt, um es der Phantasie zur Anschauung – nicht dem Verstande zum Begreifen, überhaupt ein fatales egoistisches, aller[171] Poesie entgegengesetztes Wort! – darzustellen. Von Begreiflichkeit im strengeren Sinne kann bei der Kunst schon deshalb nicht die Rede sein, weil bei dem Begreifen man das Begriffene sozusagen aus dem Unendlichen heraushebt, der Zweck der Kunst es dagegen ist, selbst den individuellsten Gegenstand und mit ihm das Gemüt des Beschauer in ein Verhältnis mit dem Unendlichen zu versetzen, beides, sowohl den Gegenstand als den Beschauer, ins Unendliche zu versenken. – – Am begreiflichsten muß das zum Beispiel bei der Musik werden, die keineswegs ein bloßes Appendix der Dichtkunst (wie der alte Kant irrigerweise geglaubt hat), sondern ganz von ihr independent, etwas Höheres, ja die höchste aller Künste eben deshalb ist, weil bei ihr gar nichts zu verstehen ist, und sie, sozusagen, das Universum mit uns in unmittelbaren Rapport setzt. – Wenn die Sehnsucht, verbunden mit dem Bewußtsein freier Gemütstätigkeit, der höchste Effekt eines schönen Kunstprodukts und zugleich der Zweck der Natur ist, die alles einzelne immer als Teil fürs Ganze benutzt und aufzulösen sucht, so wirst du die Weisheit der Natur bewundern, die zwischen uns und das Universum drei große Leiter gesetzt hat, nämlich 1. die jedem Volk anklebende und jeder Religion mehr oder minder zugrunde liegende Idee eines Mittlers; das heißt 2. die Liebe, die uns bewegt, uns mit dem Universo tätig zu vermischen und 3. den Tod, der uns drängt, uns am Ende ins Universum leidend dahinzugeben und aufzulösen, demselben Universum, das ich in der Parabel in einem zweiten Teile den Heiland aus den Wässernmit vielem Grunde nenne. Diesen dreien, der Menschheit angeborenen Grundkräften liegt die höhere Liebe, oder die Sehnsucht, ins Unendliche zu zerfließen, zum Grunde,[172] und so wird dir das Rätsel klar werden, warum der wahre Religiöse zugleich rein wollüstig ist, item der Künstler. Die Natur hat es an sich, in ihre gröbsten Hüllen immer das Edelste zu versenken, und der eigentliche Tod ist ganz gewiß das Nonplusultra der Wollust. – Es ist ganz natürlich, man kann die Gesetze des Universums anschauen, nicht ohne einen Mittler, wohl aber einen Gott zu bedürfen; auch ohne diese Idee werden dir die Gesetze des Universums klar werden, ist das nicht der Fall, wohl, so setze dir einen Gott. Du kannst auch religiös sein ohne ihn, nicht aber ohne Mittler. Willst du aber dem gewöhnlichen Wortsinn nach unsterblich sein, so ist die Göttlichkeit der Religion nicht in dein Herz gedrungen, du hast keine Idee von der Wonne, dich ins Unendliche zu versenken, du bist irreligiös, auch von dem innersten Wesen der Kunst entfremdet. – Ob nach allem diesem Religion etwas von dem Menschen entbehrliches, Kunst ein bloßes Spielwerk geschmackvoller Schwächlinge, oder ob nicht vielmehr beides dem Grundwesen des Menschen eingeimpft ist, überlasse ich deiner eigenen Beurteilung.«

»Weil aber der religiöse Sinn fürs Unendliche, so notwendig er ist, im täglichen Treiben mehr oder weniger verloren geht, so muß es Priester, so muß es eine Kirche geben, das ist das Hauptthema meines ellenlangen Briefes, das ich nach dem Vorhergesagten nur ganz kurz berühren kann. – Priester ist jeder, der den Sinn fürs Unendliche hat, und ihn in andern aufregt. Nicht blos der Geistliche, der Künstler, auch der Staatsmann, der Held, der König sind in diesem Sinne Priester, und ich frage dich aufs Gewissen: zeigt dir die Geschichte einen großen Minister, König oder Kaiser, ohne einen hohen[173] Grad schaffender Phantasie? Der Radikalfehler der jetzigen Generation aber ist, daß, sowie sich die einzelnen isolieren, dies auch – ihrer Schutz- und Trutzbündnisse ohnerachtet – bei den Staaten der Fall ist, eine unvermeidliche Folge der einseitigen Verstandeskultur, die uns vom Ganzen isoliert, auf Kosten der Phantasie, die uns mit dem Ganzen amalgamiert. Diesem, den einzelnen vom einzelnen, und das Volk von den Völkern isolierenden egoistischen Zeitgeiste muß entgegengearbeitet werden; immer ist eine Opposition nötig gewesen und noch, diese kann aber nicht vom Stoffe des Zeitgeistes sein, sonst könnte sie ihm nicht entgegenwirken; sie muß vom Sinn für das Unendliche, von der Überzeugung, daß jeder blos Teil des Universums und nichts mehr ist, durchdrungen sein, muß also die bestmöglichste religiöse Gesellschaft, mit einem Worte: die Kirche sein. In diesem Sinne sagt mein Erzbischof im zweiten Teile:


›Die Kirche ist das große Gleichgewicht

Vom Schicksal hingestellt zur ew'gen Brustwehr,

Daß nie der Menschenherrscher sich vermesse,

Das Heiligtum der Menschheit anzutasten.‹«


»So ist die Kirche Legus natus der Menschheit, die geborene Oppositionspartei gegen Übermacht und Egoismus, gegen Kronen und Jakobinermützen. So ist sie, ihrer Grundidee nach, immer gewesen; daß sie in rohen Zeiten roh war, ist wahr, aber es war teils eine Notwendigkeit, weil auf den rohen Ast barbarischer Völker ein roher Keil gehörte, zum Beispiel Ketzer, die alle Katholiken verbrennen wollten, dem Gesetze der Notwehr zufolge natürlich von den Katholiken selbst verbrannt werden mußten; eo ipso dem Zeitgeist entgegenarbeiten sollte, sich herabließ, sich ihm zu akkomodieren; aber ein zufälliger[174] Fehler ändert so wenig was im Wesen der Sache als der besoffene Pfaffe am Altar der Heiligkeit der Kommunion etwas benimmt. Daß vollends die Kirche sich unter den weltlichen Arm der Monarchen und der Völker, denen sie sich kraftvoll entgegensetzen sollte, schmiegte, war ein unverzeihlicher Fehler, den sie und die Menschheit gebüßt haben; denn sage mir: würde es zur französischen Revolution gekommen sein, deren die Menschheit schändende Greuel doch offenbar zu garnichts geführt haben, wenn die Kirche hätte kraftvoll dazwischentreten können, zwischen Monarch und Volk, und würde die Kirche, wenn sie noch Macht hätte, nicht allen Unfug der privilegierten Stände, namentlich des Adels, über den du so klagst, wie mit einem Zauberschlage bannen können, durch ein Machtwort?! – ›Ha, ha!‹ sagst du ›um uns Pfaffendespotismus zu geben!‹ – Wer sagt dir das, daß der Priester des Heiligsten ein Pfaffe sein muß; schlecht genug für Staat und Kirche, daß er es war! Ein Pfaffe ist ein Priester, der dem Egoismus, dem Zeitgeiste opfert, nach dem Vorhergegangenen eine contradictio in adjecto: in meiner Kirche gibt's nur Priester, nicht Pfaffen! –

Aber, fragst du mich, was haben deine Priester, die Beschauer des Heiligsten, mit dem weltlichen Regiment zu tun, so antworte ich dir: als Beschauer nichts, aber als Priester, als wirkende Heroen, die den ersten Zweck der Natur, Vertilgung des Egoismus, befördern sollen, sehr viel. Ob sie, wenn sie echte Religiosen sind, es gerne tun, sich mit den Greueln der Mensch heit gemein zu machen, ist eine andere Frage, aber sie müssen es tun, denn wer soll der Menschheit helfen, als die edlen, die besseren; wer soll den Egoismus ausrotten, als die einzigen,[175] die von seinem zerstörenden Gifte nicht durchdrungen sind; und können diejenigen, die, um ein Bild zu brauchen, auf einer lichtvollen Wolke über der Menschheit schweben, so gern sie auch den Blick zu Gott emporheben möchten, es mit ansehen, wenn die von allem Heiligen entfremdete Menschheit sich unter ihnen erwürgt, könnte die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, zum Beispiel es mit ansehen, daß Millionen Menschen geopfert werden sollen, damit ein Artillerie-Leutnant die ganze Welt beherrsche, oder ein christliches Judenvolk einen neuen Stapelplatz zum Schachern erhalten soll? – Wenn also die Kirche und nur allein die Kirche (die vom Egoismus entfremdete Gesellschaft der besseren) die Welt beherrschen soll, so muß sie Kraft haben; die Kirche muß durch die isolierten Staaten ein Vereinigungsband ziehen, den Sinn für Religion. Um das tun zu können, muß sie aber existieren, nicht blos wie jetzt, in den Köpfen der besseren, sondern durch eine förmliche, wenngleich anfangs kleine und unscheinbare Verbindung. Dieses ist der mir vorschwebende religiöse Orden, der keinen neuen Religionskultus erdenken, sondern nur den schlummernden Keim der Religion wecken soll. Diese Gesellschaft müßte selbst Religion haben, ich sage Religion, das heißt nicht eine bestimmte, nicht diese oder jene Religion, sondern Sinn fürs Unendliche und das lebendige Gefühl, daß man nur Teil desselben, nur für dasselbe da ist. Jeder wäre Priester, jeder Glied der Gemeinde. Träte ich zum Beispiel auf und schilderte den katholischen Glauben, den ich für den besten halte, weil mir die, jeder Religion zum Grunde liegende Hauptidee eines Mittlers am herrlichsten darin ausgedrückt scheint, so träte vielleicht ein anderer nach mir auf, und belebte[176] den Bund durch die Aufstellung indischer Mythen, die in jedem Grundwesen Mann und Frau zugleich, und also die Idee der alles belebenden Liebe aufgestellt haben; ein Dritter bete meinetwegen mit den Parsen das Feuer an. Jede religiöse Ansicht würde toleriert. Träte aber jemand auf und sagte: es ist nichts mit dem ganzen Universum, ich bin nur für mich geschaffen, nur ein isoliertes Wesen, mein Wohlsein ist mein erstes und letztes Ziel; kurz, spräche er so, wie jetzt alle Völker, mehr oder minder verblümt, leugnete er alles Göttliche im Menschen, so könnte er alles Mögliche sein, nur nicht Mitglied unseres Bundes. – Die Folge eines solchen religiösen Bundes ist nun doppelt; 1. Proselytenmacherei, weil man für das Heilige nicht interessieren kann, ohne Freunde zu werben, die sich mit uns dessen freuen, wie Liebe, Freude, Kunst, kurz jedes Edlere im Menschen Genossen sucht. 2. Intoleranz, ich sage Intoleranz, gegen alles Gemeine, Platte, Unheilige, nicht um dessen Anhänger mit Feuer und Schwert auszutilgen, sondern zu wirken, damit sie der Menschheit nicht schaden. – Sprich nicht von Fanatismus, sondern frage dich selbst, ob du gegen einen impertinenten Bengel tolerant bist? Und was ist ein solcher gegen einen Schriftgelehrten, der das Volk irre führt! Was dem Ganzen schadet, das sind ein, zwei oder drei Kerls, die von allen für Koryphäen des Geschmacks gehalten werden, und doch vom Wesen der Kunst weniger verstehen als ein altes Weib; diese Orakel und Konsorten führen die Menschen irre, sie sind die Schriftgelehrten, gegen die unser Herr Jesus (und nicht gegen die Zöllner und Sünder) die Geißel führte, eine Szene, die dir[177] zeigen könnte, was der von den dummen Anti-Schlegelianern so dumm verachtete heilige Zorn ist.«

Daß in diesem ob auch wohlgemeinten Hirngespinst eines Ordensgewebes die kathotischen Grundlagen in Betracht kamen, wird ebensowenig zu bezweifeln sein als die Tatsache, wie sehr man sich damals mit allerlei Ordensgeflecht beschäftigte, was uns sogar Goethe in seinem »Wilhelm Meister« umständlich genug bemerken läßt. Das Hinneigen zu dem, was im Mittelalter, im Jugendwalten des Romantischen, der dem Bilderdienst verknüpfte Allgemeinglaube war, ist überhaupt der »romantischen Schule«, der Werner sich anschloß, fast allgemein eigentümlich, und sein Eingehen zum Katholischen wird aus den mir vorliegenden Briefen noch erkennbarer durch spätere Äußerungen, als er bereits in seine Dichtung: »Die Weihe der Kraft« sich vertiefte.

Am 22. Februar 1806 berichtet er an Peguilhen aus Berlin: »Nächstdem melde ich Dir, daß ich ein Schauspiel für die hiesige Bühne schreibe, das bald fertig ist, und will's Gott noch diesen Sommer gespielt werden wird. Sein Gegenstand ist Dr. Martin Luther! – Das war noch ein Mann, ein ganzer Mann! Sieh, der kämpfte auch für die Freiheit, aber er war selber frei. Glaube übrigens nicht, daß ich darum weniger katholisch bin als sonst. Luther soll übrigens für die Quartaner das sein, was die ›Talessöhne‹ für die Tertianer in der Religion waren, und das, Kreuz an der Ostsee' für die Sekundaner ist. Für die Primaner kann ich nicht schreiben, denn die lesen keine Komödien mehr.« –

»Die Weihe der Kraft« mit dem Wernerschen Luther kam nun auch schon am 11. Juni 1806 auf[178] die Bühne, und erste Veranlassung zu diesem Glaubensdrama hatte bei seiner Anwesenheit in Berlin – Schiller gegeben. Er fragte Iffland: »Haben Sie nichts zu lesen für mich, etwas neues im Manuskript vielleicht?« – Kurz zuvor hatte Werner »Die Söhne des Tales« als »Ordensgemälde in fünf Akten« eingeschickt, und bei Iffland lag dies Werk; jetzt griff er danach, und Schiller empfing es. Am nächsten Morgen ward dieser von Iffland besucht, der den damals schon bedenklich kränkelnden Dichter fragte: »Wie haben Sie geschlafen, und wie geht's Ihnen heut?« – »Ganz gut«, antwortete Schiller; »geschlafen hab' ich aber gar nicht! Wegen Ihres Manuskripts bin ich die ganze Nacht wach geblieben. Von wem ist's?« – »Von einem gewissen Werner«, entgegnete Iffland. – »Von einem gewissen Werner?« sagte Schiller nicht ohne empfindliche Betonung, »das ist Ihr Mann, an den müssen Sie sich halten, wenn Sie etwas für die Bühne haben wollen. Ich mag nicht verbürgen, daß dies Stück bei der Darstellung Effekt machen wird; aber fordern Sie ihn auf, einen Glaubenshelden in einem andern Stücke zu schildern: Niemand kann es besser als er!« – Iffland erzählte dies in einer Abendgesellschaft des derzeitigen Kabinetsrat Beyme; durch diesen ward Werners Wunsch, nach Berlin versetzt zu werden, betriebsam unterstützt, und im Oktober 1805 erfüllt. Ein Unrecht gegen Iffland wäre es aber, wollte man glauben, er habe sich nicht schon vor jenem Gespräch mit Schiller, der im Mai 1804 in Berlin war, um Werner bekümmert. Dieser meldet am 30. April 1804 seinem Freunde Peguilhen: » Huray hat an mich geschrieben des Inhalts: Iffland habe ihn[179] nach dem Verfasser der ›Talessöhne‹ gefragt und ihm den Auftrag gegeben, bei mir anzufragen: ob ich nicht übernehmen würde, für das Berliner Theater zu schreiben; Schiller erhielt für jedes Stück 100 Dukaten, in dem Verhältnis würde Iffland mich vielleicht auch stellen, dabei könnte ich dann ex post nach Jahr und Tag das Stück noch an Verleger verkaufen; ich dürfte nur durch einen Wink meine Meinung bekannt machen, und Iffland würde sich sodann gleich mit mir in Unterhandlungen einlassen.«

Welche Forderungen Werner – zu seinem Vermögen von 12000 Talern – in bezug auf Orts- und Amtsveränderung beantragt, wird aus demselben Briefe ersichtlich: »Ich müßte bei der Berliner Theater-Direction mindestens einen Posten von 600 Thalern Fixum (ohngerechnet dessen, was ich mir etwa durch Schriftstellerei machte) haben; dieses Gehalt aber wird, glaube ich, nur dem Theater-Dichter Herklots zu Theil, der – – doch noch lebt und leben wird. Wäre ein anderer Posten von der Art, bei dem wenig oder nichts zu thun wäre, vacant, so wär's ein Anderes. Aber unter 600 Thaler Fixum kann ich in Berlin nicht füglich leben, auch ist Berlin ein im Grunde fataler Ort für Den, der dort nicht locker leben kann. Ja, wer unverheirathet ist, aber Du kennst meine Lage! Mein Rath ist also der: Du nähmst Gelegenheit, Ifflanden kennen zu lernen, und mit ihm von mir zu sprechen. Du detaillirtest ihm gütigst meine Lage und Wünsche, sähst was zu thun wäre, um mir 600 Thaler Fixum zu verschaffen durch einen faulen Posten, gleichviel ob er bei der Theater-Direction oder nicht, hoch oder niedrig betitelt wäre, wenn er mir nur ein nicht[180] precaires Fixum und sorgenfrei Leben verbürgt; denn habe ich das und Muße, so kann ich arbeiten für's Theater, selbst wenn ich Laternen-Inspector wäre.« – Aus Warschau schrieb er am 11. Juni 1804: »Uebrigens freue ich mich wirklich ganz herzlich, wenn ich daran denke, nach Berlin zu kommen und mit Dir, rechtschaffenem Kerl, zu weinen und zu lachen, wie sich's trifft. Aber zwei Hauptbedingungen sind: 1) daß ich dabei nicht verhungere; 2) daß es ein Faullenzer-Posten ist, denn soll ich keine kommode Tage haben, so bleibe ich in Warschau, wo ich schon das Terrain kenne.« – Am 4. September 1805 meldet er, noch von Warschau: »Was meine Versetzung nach Berlin betrifft, so ist solche so nah, daß ich tagtäglich der bestimmten Marschordre entgegensehe. Als was ich in Berlin angestellt werden soll, weiß ich selbst noch nicht, habe aber allen Grund zu vermuthen, daß man mich einstweilen zu einem Stück Geheimen Secretair mit circa 600 Thaler Diäten machen wird.« –

Nach Berlin hatte Werner seine dritte Frau mitgebracht, von zwei Frauen war er bereits geschieden, und wenn man sein Leben und Treiben beobachten, davon hören konnte, ließen sich diese Scheidungen ohne vieles Forschen begreifen. Über Liebe und Ehe herrschte in ihm die sinnlichste Leichtfertigkeit, die sich auch nicht den Schein des Sittlichen zu bewahren wußte. Darüber mögen wenige Andeutungen zugleich seine Aufrichtigkeit bezeugen. – Im Jahre 1768 war ihm eingefallen, sich von Warschau nach Bialystock, wo sich damals Peguilhen befand, versetzen zu lassen. Ihm schrieb nun Werner unter anderem: »Wenn man nach Bialystock in Gesellschaft eines schönen Weibes käme, und sie[181] weder als Frau noch als Maitresse präsentieren wollte, wären Eure Zirkel wohl aufgeklärt genug, um dieses niedliche, sehr gut erzogene Weibchen – eine halbe Deutsche und halbe Engländerin, keine Tyrannin, aber auch nicht wie meine vorige!!! – um dieses Weibchen, sage ich, darin als Madame X oder Z zu produzieren, und mit ihr unverheiratet zusammenzuwohnen? Jedoch bitte ich im ganzen Ernst, über dieses Rätsel, was hier noch ganz ein Geheimnis ist, weder von diesem noch von jenem Aufklärung zu verlangen, da beides mich sehr kompromittieren würde«. – Dies hatte er allerdings zu fürchten, denn Werner war derzeit verheiratet, bald danach geschieden, ein Jahr später (1799) wieder verheiratet, 1801 abermals geschieden, und im Juni 1802 berichtet er verspätet aus Warschau: »Ich bin mit meiner dritten Frau, einer hiesigen Schneiderstochter, Malgorszata Mankviatovska, seit dem September vorigen Jahres verheiratet. Meine Frau ist stockpolnisch, 19 Jahre alt, und macht mich unendlich glücklich.« – Es dauerte jedoch nicht lange mit dem Unendlichen, auch diese Ehe wurde aufgelöst nach kaum vierjährigem Bestande, und dem nun sechsunddreißigjährigen Werner hatten bereits drei Frauen gern entsagt. Hinsichtlich der dritten schreibt er an den Freund: »Erlaß mir die traurigen Details; das aber kann ich dir schwören, daß die Scheidung von meinem innigst geliebten Weibe (das Scheidungserkenntnis ist schon heraus) vielleicht die einzige gute Handlung meines Lebens und das schwerste Opfer war, was ich je brachte.« – Die »Details« wurden sehr offenkundig. Werner überließ sich während seines Aufenthalts in Berlin den sinnlichsten Genüssen, und dies zu dulden, verweigerte das Gefühl der schönen[182] dreiundzwanzigjährigen Frau, die ich gesehen, aber nicht näher gekannt habe. Urteilsfähige versicherten mir jedoch, daß sie sich durch Selbstbildung auszeichnete. Bei den Versuchen, Hilfe zu finden gegen das wüste Betragen ihres Mannes, das sein Äußeres merklich veränderte, nahm sich der Staatsrat Kunth ihrer an, und sie wurde dessen glückliche Gattin, wußte sich also in steigende Verhältnisse einzuleben, was jedenfalls zeugt für höhere Geistesfähigkeit, als man bei einer polnischen Schneiderstochter vermutet. Mit welchem Grunde Werner von einer »guten Handlung« und vom »Opfer« sprechen kann, das ist mir unenthüllt, schmerzlich war indes diese Scheidung dem zwar zügellos leichtfertigen, trotz seiner teilweise unsittlichen Schwächen aber oft von gemütlichen Stunden wunderlich überraschten Mann. Friederike Bethmann hat mir darüber einzelnes mitgeteilt, unter Verschiedenem erzählte sie mir in bezug auf jene Frau: Als Werner im Jahre 1808 von Berlin abzureisen gedachte, stürzte er eines Abends mit fliegendem Mantel zu uns ins Zimmer, dabei heftig ausrufend: »Sie liebt mich noch, sie liebt mich noch!« Erst nach Umschweifen ward es uns klar, daß Werner die Kunth meinte, nachdem er bei ihr den Abschiedsbesuch nicht unterlassen hatte, und auf meine Frage: woran er die noch dauernde Liebe erkannt habe, antwortete er in Verzückung: »Sie begleitete mich bis an die Treppe, und dort sagte sie: Werner, in Rücksicht auf unser sonstiges Verhältnis will ich dir noch einen freundschaftlichen Rat geben: wasch' dich, kämm' dich, denn du siehst aus wie – –!« Für die, nicht von der Bethmann, nur hier unterdrückte Vergleichung darf man den stärksten Ausdruck gebrauchen, und die geschiedene Frau nicht im Unrecht[183] finden; denn Werner vernachlässigte sich zuweilen so, daß ein ähnlicher Rat nützlich sein konnte. – Wie nächstdem irgendein Gedanke seine Gereiztheit wendete oder steigerte, er dann fast unzurechnungsfähig wurde, davon erwähnte die Bethmann noch zwei Beispiele, die entschieden bezeichnend sind. – Eines Tages wurde Werners Wunsch erfüllt, die Kunstkammer und Gemäldegalerie im Berliner Königlichen Schlosse zu besichtigen, nachdem der Kastellan, infolge seiner Vermittlung, die Vormittagsstunden, in denen es geschehen könne, bestimmte. Es hatten sich, der Verabredung gemäß, vor dem Schloßeingange bis zu zwanzig Personen zum Beschauen jener Kunstschätze vereint, Werner mitten unter ihnen. In der Gemäldegalerie verlor er alle Aufmerksamkeit für anderes, als er vor einem Heiligenbilde stand, und wenn man ihn rief oder herbeiholte, immer lief er wieder zu demselben Gemälde. Dies dauerte, bis man die Säle verließ, da rief plötzlich Werner auf der Schloßtreppe: »Mein Hut, mein Hut!« Man mußte umkehren, den Kastellan ersuchen, nochmals auszuschließen, und nun ging es an ein Suchen, wobei sich der dienstfertige Kastellan berührigst umtat. Endlich kam er wieder herbei und sagte verlegen: »Ich habe zwar dahinten einen Hut gefunden, kann aber nicht glauben, daß es der dieses Herrn sei.« – »Es ist meiner!« rief lebhaft Werner, empfing einen sehr abgenutzten Kindeshut, und sprach nun erklärend: »Meine Mutter schenkte ihn mir an meinem sechsten Geburtstage und ich hab' ihn mir aufbewahrt; da nun heut auch ein Jahrestag meiner Geburt ist, sah ich ihn mir an und konnte mich nicht davon trennen.« – Die Wirkung dieser Sonderbarkeit läßt sich denken, doch verleugnete sie auch nicht ihren[184] Teil ernsten Eindrucks. Alle verließen schweigend den Saal, und unterwegs erst befreite sich das Gespräch von der Befangenheit.

Hat dies Ereignis einen Anflug vom Übersinnlichen, ein zweites gehört dem Gegensatz an. – Da Werner gern süßen Wein, genannt Sekt, trank – überhaupt zu den »Gourmands« gehörte – gab ihm die Bethmann etliche Fläschchen, mit solchem Wein gefüllt, mit auf die Reise. Nach ein paar Tagen, als man kurz zuvor darüber gesprochen hatte, wo Werner sich jetzt befinde, trat er selbst rasch ein. »Aber, mein Gott, wo kommen Sie her? wir glaubten Sie vierzig Meilen von hier!« sagte die Bethmann, und er antwortete: »Ja, Verehrte, ich war auch schon eine Strecke fort, aber es trieb mich wieder zurück, um zu fragen: wo ist der vortreffliche Sekt zu haben?« – Er hatte Postgeld verloren, um Sekt zu holen, kaufte dessen, und fuhr hierauf abermals von dannen.

Einmal wurde ich auch Zeuge von Werners Hang zum Spukglauben. In einer Gesellschaft, die sich oft zusammenfand bei einer geistig angeregten und anregenden Familie, war Werner mitheimisch geworden. Man schätzte seine dichterischen Gaben, bescherzte aber sein Überspanntes und Aufschwärmen ins Haltlose zuweilen durch verabredete Neckereien. Dazu wurde nun besonders der von ihm unerschütterlich genährte Glaube an Wunder, Gespenster und Hexenumtriebe benutzt. Eines Abends hatten sich alle anderen verbündet zur Erzählung von Geister-und sonstigen Wahngeschichten, denen aber, wenn sie augenblicklichen Eindruck gemacht hatten, stets die natürliche Lösung folgen mußte. Werner hörte anfangs mit behaglichster Achtsamkeit zu, wurde aber allmählich[185] bei jeder handgreiflichen Aufklärung verstimmter, dann erhitzt; als nun aber der Bericht einer Hexensage durch ein höchst spaßiges Erläutern zunicht, und darüber sehr gelacht wurde, geriet Werner außer sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, schrie dabei: »Hexen geben er's!« (örtlich beschränkter Ausdruck für »Hexen gibt es!«) verließ wütig das Zimmer, und es bedurfte mehrmaligen Zuredens, ehe er wieder in jenem Familienkreise erschien.

Im Jahre 1814 oder 1815 war Werner für kurze Zeit nochmals in Berlin; seine Ankunft wurde vorher bekannt, und ich erhielt auf ihn eine Anweisung im Betrage von sechshundert Gulden. Er hatte sie von dem, meinen Geschäftsverhältnissen dankenswert zutulichen Buchhändler Cotta empfangen, als Vorschuß in bezug auf Reiseberichte für das »Morgenblatt«, die aber ausblieben, und ich sollte nun versuchen, jene Summe einzuziehen, was mißglückte. Um mir wenigstens ein Zeugnis zu verschaffen, daß ich die Angelegenheit betrieben habe, ging ich selbst zu Werner. Nachdem er »alle Forderung schwer überstandener Tage« von sich abwies, kamen wir im Gespräch mit dem Erinnern doch zu sonstigem Bestreben, wobei Werner, wie er auch öffentlich getan hat, seine Dichtungen samt aller früheren Lebensbewegung verurteilte. – »Vielfach hab' ich damals gesündigt«, sagte er; »wenn Poesie und Kunst nicht in Demut und Anbetung dem Höchsten dienen, Dichter und Künstler nicht mit Geist und Herz Priester des Allerheiligsten sind, werden sie den verderblichsten Abwegen nicht entgehen; ich finde dann im Kindesglauben die bessere, die reinere Erhebung, und das armseligste Kruzifix erfüllt mich mit tieferer Andacht, als das gepriesenste weltliche Kunstwerk. Bin ich aber etwa deshalb,[186] weil ich den Priesterrock anzog, ein poetisch abtrünniger, der das Flügelkleid der Poesie verdammt? Nein! in meinem Bewußtwerden vereint sich nichts inniger, als der Begriff von Priester und Dichter. Der Talar des Priesters ward mir geschenkt, über mein Verdienst geschenkt; aber sei er das Gewand der Unterwürfigkeit, der Feier des Heiligen und Ewigen, jenes schöne Flügelkleid ward mir angeboren, es ist anvertrautes, unerschöpfliches Vermächtnis von oben. Nicht nur bis zum irdischen Ende werd' ich es pflegend behüten, sondern, wie ich von Gottes Gnade hoffe, auch am verklärten Leibe nicht verloren haben.« – Umständlicher sprach er dann über seine früheren »Prunk- und Irrzustände«, in deren Schilderung Entzücken und Bereuen nicht selten die schwungvolle Begeisterung mit niederem Ausdruck vermischten. Dies habe ich auch wahrgenommen in einer von mir gehörten Predigt, bei der Werner zuweilen an Abraham a Santa Clara denken lies, indem er mitten aus dem übersinnlichen Emporschweben in die gewöhnlichste Wirklichkeit herabstürzte: ein Gegensatz, der für einen Mehrteil des Volkes niemals ohne Mächtigkeit ist. Als er sich über die Theater äußerte, geriet er gegen die »Götzerei und Versumpfung des Erhabenen« in Flammeneifer, wo dann zur Verdammnis die derbsten Beiwörter auch nicht mangelten. Der letzte Eindruck, der mir von seinem Wesen blieb, war jedenfalls der ihm günstigste; denn aus dem Ungleichen der augenblicklichen Stimmungen entwickelte sich mir deutlicher das Gleichgewicht der Über- und Abgespanntheit.

Die Veränderungen an seinem Äußeren waren übrigens bedauernswert auffällig; seine Gestalt von[187] Mittelgröße schien gegen sonst durch Abmagerung verlängert, das Gesicht mit dem unter starken Brauen düster blickenden Augen war faltiger, das dunkle Haar mehr mit Grau gemischt. Die Sprache aber hatte an Kraft und Volltönigkeit nichts verloren, und die Wandelbarkeit der Mienen war eben so lebhaft im Anreizenden, wie im Abschreckenden, je nachdem er in der Rede das ihm Alerte oder Widrige berührte. Unvergeßlich ist er mir in dem Augenblick, als wir uns trennten. Wir hatten eben noch über Kunst- und Literaturzwecke gesprochen, da ergriff er meine Hand und sagte mit Würde: »Lassen wir die Moder des Staubes sich im Kreislauf abmüden, und wünschen wir jedem, daß ihm aus den unvermeidlichen Schmerzen des Irrtums die Kraft erwachse, vom Weltlichen alles hinzugeben, um durch Glauben und Ahnung das Reich der Unschuld zurückzuempfangen, wie es einst die Menschheit mit dem Paradiese verlor. Auf diesen Segen hoffe ich, und dieser Segen sei mit Ihnen!« – Da stand er innerst angeregt vor mir als Geweihter, der beseligt aufblickte zum Gebiet der Verheißung, und ich leugne nicht, daß der Mann, den ich vordem wegen seiner schwankenden Wunderlichkeit belächeln mußte, mich erschüttert hatte, wonach mir die gerühmte Wirkung seiner Predigten sehr einleuchtend, der Werner von ehemals und jetzt zu einem seltsamen Doppelwesen, daneben doch wieder zu einer denkbar möglichen Einheit wurde. – Fühlte er sich durch seine priesterliche Tätigkeit beseligt, so ist dies mit keinem Wort zu verletzen; ein nicht gering zu schätzendes Andenken wird ihm aber – auch bei verschiedenem Urteil – doch nur bewahrt durch seine Dichterwerke, die er verdammte.[188]

Schon ein paarmal bin ich in Nachbetrachtung meines Lebensganges an Christian von Mecheln mehr vorübergegangen, als daß ich mir den in seinem Behaben mitunter seltsamen alten Schweizer festgehalten hätte. Wo ich ihn erwähnte, geschah es mit der ihm schuldigen Dankbarkeit für die mir von ihm eben so wohlwollend als klug bewiesene Teilnahme bei dem Gefährlichen während der französischen Gewaltherrschaft; doch mag es hinsichtlich seiner Eigentümlichkeit, die teils rührend, teils belustigend ansprach, geziemend sein, ihn deutlicher hervortreten zu lassen, weil auch er beiläufig mit seinem Benehmen das Zeitwesen bezeichnet. – Daß Mecheln ein beachteter Mann war, bezeugen die ihm bei seiner Anwesenheit in Weimar von Schiller am 16. März 1805 gewidmeten Zeilen:


»Unerschöpflich an Reiz, an immer erneuter Schönheit

Ist die Natur; die Kunst ist unerschöpflich wie sie.

Heil Dir, würdiger Greis! Für Beide bewahr'st Du im Herzen

Warmes Gefühl, und so ist ewige Jugend Dein Los.«


Hierzu gab der Probst Hanstein in Berlin an Mechelns achtzigstem Geburtstage – am 4. April 1816 – folgende Nachschrift:


»Im prophetischen Geist hast Du gesungen, o Schiller!

Jugendlich wirket noch heut Mecheln, Dein würdiger Greis;

Denn noch glüht Ihm warmes Gefühl im Herzen für Beide:

In dem Tempel Natur opfert er feiernd der Kunst.«


Diese doppelte Anerkennung sei vorausgeschickt, um den Wert Mechelns zu bekräftigen, was nicht hindern kann, daß, der verdienten Achtung ohne Abzug, auch sein sehr geübt eingreifendes Umsichtun anschaulich werde.

Er war aus seiner Heimat Basel geflüchtet, nachdem er im Kunsthandel, hauptsächlich bei Herausgabe einer[189] Generallandkarte der Schweiz, in Schulden geriet, die er weder decken noch Hilfe finden konnte. Nach der Meinung seiner Anverwandten hätte man ihn aus Staatsmitteln unterstützen sollen, weil es damals die beste Generallandkarte der Schweiz war, die für Mecheln zum Unheil, der Gesamtheit aber nützlich wurde. Zahlungsunfähige bei Handelsgeschäften bedrohte die Schweiz im vorigen Jahrhundert noch mit strengen Gesetzen, und der einzige Ausweg war, eine andere Heimat zu suchen. Mecheln wandte sich im Jahre 1803 nach Berlin, wußte mit der unbefangensten Dreistigkeit in dem engsten Kreise des Königs Friedrich Wilhelm III. vertraut zu werden, empfing jetzt aus Gutwillen, dann durch Überredung mancherlei Aufträge, bei deren Ausführung er auch meiner gedachte, indem er schon 1805, bald nach meiner dauernden Ansässigkeit in Berlin, mich umfänglich bei seinen Unternehmungen in Anspruch nahm. Er zeigte bis in das Geringste hinein Sparsamkeit, man darf sagen Geiz, schickte aber alles Erworbene nach der Schweiz; denn seines Lebens Ziel war nur noch, die Schulden dort zahlen zu lassen, um im Vaterlande sein Grab finden zu können, was zum erschütternd Gemütlichen wurde an seinem Geiz. Er kleidete sich so erkennbar ärmlich, um verleitet zu werden, daß man ihm ein Almosen geben dürfe, und ich sah ihn von 1805 bis 1817, seinem Sterbejahr, stets in demselben Anzuge, der zahlreiche Spuren des Ausbesserns zur Schau trug.

Bis zum Eindringen der Franzosen hatte er eine geräumige Mietswohnung, die ihm nötig war für eine Mischmenge von Kunstgegenständen; als er aber nun von der Stadtbehörde zur Aufnahme fremder ungebetener Gäste gezwungen werden sollte, half er sich mit[190] treuherziger Keckheit. Er ging zur Witwe des Prinzen Heinrich, Prinzeß Wilhelmine von Hessen, die, was ich schon erwähnte, in dem großen Palais viele unbewohnte Zimmer hatte; sie erlaubte auf Mechelns unwiderstehliches Ersuchen ihm den Einzug, und er nahm eine Reihe von Gemächern in Besitz. Seine schmiegsame Gewandtheit, sich als Gast einzufügen – was er gewöhnlich ausglich mit Schenkung eines Kupferstichs, dessen Abdruck in einer Stufenfolge von Köpfen aus einem Frosch den Apollokopf werden ließ – bewährte er hier ebenfalls, indem er bei der Prinzessin die Beköstigung ermittelte für sich und eine ihn bedienende damals vierzehnjährige Karoline, von Mecheln »der Wolf« genannt, weil sie nach seiner Meinung nicht zu sättigen war. – Der Winter nötigte eben auch zur Gegenwehr; als nun die Palaisdiener in ihren Reffs Holz hier- und dorthin trugen, zu Mecheln nicht, beklagte er sich bei der Prinzessin, die dann richtig befahl, auch ihm solle Holz zugetragen werden.

In dieser Palaiswohnung war er einmal bedenklich krank, die Prinzessin sandte ihren Arzt, und als ich den alten Herrn besuchte, murrte er langweiligst darüber, daß er nicht aus der königlichen Hofapotheke freie Medizin erhalte, obgleich es leicht begreiflich war, daß bei einstweiliger Abwesenheit des Hoflagers der Apotheker sie hätte auf eigene Kosten geben müssen. Vom Bett aus ordnete er während meines Besuchs an, daß »der Wolff« aus einem verschlossenen Schrank etwas herausholen sollte. Das Schlüsselbund hatte er unter dem Kopfkissen, und sichtlich gab er es mit Ängstlichkeit her; dann drehte er sich mühsam nach allen Seiten, um das Mädchen mit Blicken zu verfolgen; nächstdem beschrieb[191] er umständlich die Stelle, wo sie, und nirgends anders, hingreifen solle: man fühlte den Argwohn heraus, es könne ihm etwas entkommen, und seine Anstrengung war bedauerns-und belachenswert zugleich.

All diese Sorge für irdisch Gut hegte er nur zu dem angedeuteten Zweck, um in der schweizerischen Heimat schulden- und schuldfrei sein Grab zu finden; er hat es nicht erreicht. – Die Prinzessin Wilhelmine starb im Jahr 1808, nach der Wiederkehr des Königspaares wurde das Palais des Prinzen Heinrich zum Universitätsgebäude bestimmt: Mecheln mußte ausziehen. In seiner neuen Wohnung, nahe an der Werderschen Kirche, durchlebte er noch Jahre, starb als Einundachtziger, und da die benannte Kirche einen Begräbnishof hatte, wurde er in seinem Sarge, wie er gewünscht hatte, dort eingesenkt, wo ihm auch noch keine Ruhestätte gegönnt war. Der Kirche Neubau veranlaßte die Beseitigung des Begräbnisplatzes, und die zuletzt dort beerdigten Särge wurden nach einem Orte außerhalb der Stadt gebracht. – Dies Schicksal Mechelns hat mich zumeist geschmerzt, und meine dienstwillige Zuneigung für ihn blieb dauernd; denn bei aller Sonderbarkeit im Leben und Betrieb seiner Erwerbschaft war er ein redlicher, gutmütiger, hilfsbereiter Mann und Freund, was er mir in der Not unvergeßlich bekräftigt hat.

In der Erinnerung mich umschauend, naht sich ein anderer Zeitgenosse, E.T.A. Hoffmann. Mit diesem Schriftsteller, dessen Talent ich stets anerkannt habe, ohne daß ich mich an den Spukgebilden seines berauschten Verstandes ungetrübt zu erfreuen vermochte, bin ich zwar in Begegnung und Umgang, dabei aber niemals in Behaglichkeit gekommen. Es stand fast seit dem[192] ersten Zusammentreffen mit ihm eine Begebenheit zwischen uns, die meinerseits eine Scheu erklärlich macht, und für Hoffmann-Callot, wie man ihn oft nannte, Stoff einer Schauergeschichte in seiner Manier hätte sein können.

Im Jahre 1806, als die Franzosen das ehemalige Südpreußen in Besitz nahmen, verlor Hoffmann sein Amt bei der Justizverwaltung in Warschau, und ich sah ihn in Berlin zuweilen bei Abendgesellschaften. Bis dahin wußte ich nichts von ihm, und habe zu gestehen, daß ich mir ihm gegenüber die oft gehörte Lehre: nach Gesichtszügen lasse sich nur unsicher urteilen, wiederholen mußte, ohne rechten Erfolg zu spüren. Sein Anblick hatte für mich immer etwas Unheimliches, und nicht für mich allein; sein Gespräch war jedoch meist so sprudelnd geistreich, daß man davon hingerissen wurde, selbst wenn ein Grad vom Schroffen bis zur Giftigkeit bei seinen Äußerungen selten ausblieb.

In einem der geselligen Kreise machte Hoffmann die Bekanntschaft einer jungen, sehr schönen kinderlosen Gattin eines preußischen Beamten, der, bevor die Franzosen nach der Schlacht bei Jena Berlin erreichten, mit dem Kriegskollegium dem Königszuge nach Ostpreußen gefolgt war. Sie lebte in unglücklicher Ehe, und ihr Mann trug im Antlitz Zeichen einer Krankheit, die jeden Widerwillen begreiflich macht. Ihre Bildung war vernachlässigt, und wahrscheinlich hatte sie ihre frühere Jugend in ärmlichen Verhältnissen verlebt; etwas Bestimmtes habe ich darüber nicht erfahren, auch nie danach gefragt. Natürlicher Verstand bis zu Geist und Witz fehlte ihr jedoch nicht, was vielen um so annehmlicher sein mochte, weil sich alles im Anspruchlosen hielt, sie sich ihres beschränkten Wissens bewußt, dabei zugleich[193] lernbegierig war, immer herzlich mitlachte, wenn sie ihre Unkenntnis in drolligen Bemerkungen verraten hatte, dann aber jedesmal um Belehrung bat. Diese Frau, welche ich bis dahin nur in einem ihr Tag für Tag zugänglichen Familienkreise gesehen hatte, begann plötzlich, ihre wenigen Bekannten, Frauen und Männer, zu Abend einzuladen, und in einfachster Weise zu bewirten. Ich selbst folgte nur das erste Mal der Einladung, und fand Hoffmann dort, der sich, wie es mir schien, in der engen Wohnung sehr heimisch benahm, übrigens mit stachelndem Reiz, ich möchte sagen in tollster Laune die Anwesenden, eine geringe Zahl, lebhaft unterhielt, auch die Musik zu Hilfe nahm. Etwa ein paar Monate nachher verließ er Berlin, und wurde Musikdirektor in Bamberg.

Schon vor seiner Abreise vernahm ich in der Familie, wo jene Frau sich eine Freundin und oft gastliche Aufnahme fand, sie werde sich scheiden lassen, und mit Hoffmann, sobald dessen Verhältnisse geordnet wären, sich verheiraten. Nicht genau unterrichtet über diese Verhältnisse, wohl aber über die unglückliche Ehe der Frau, hatte jene Mitteilung für mich nichts Unglaubliches. Ein später auftauchendes Gerücht: Hoffmann sei schon verheiratet, konnte entweder Unwahrheit, oder eine Scheidung hier ebenfalls beabsichtigt sein, und nächstdem war mir diese Angelegenheit nicht sogleich genau bekannt. In erwähnter Familie wurde sie jedoch bald der Grund zu mehrfacher Verstörung. – Jene Frau war eine Verführte, eine Getäuschte; ehe ihr dies ganz deutlich wurde, vertraute sie sich der Freundin, die das Möglichste tat, durch Geheimhaltung sie vor Schmach zu schützen, was indes nicht völlig gelang, weil doch [194] eine verräterische Zunge den sorgsam gehüteten Schleier zerriß. Sei er hier möglichst geschont; es ist für das Folgende genug, zu sagen: die Frau gebar einen Knaben, der durch Vermittlung jener Freundin – der Hausfrau im bezüglichen Familienkreise, die ihren Gatten zum Mitwisser des Unheils gemacht hatte – fremder Pflege übergeben wurde. Die in Todesängsten schwebende Mutter hoffte noch immer, sie war und blieb aber verlassen.

Im Jahre 1809 kam ihr Mann nach Berlin zurück und kannte bald durch die verräterische Zunge, einer alten Jungfrau angehörend, das Vorgefallene, was ihm bestätigt wurde, als seine Frau erklärte: sie könne und wolle ferner nicht mit ihm leben. In welcher Art der Mann sich benahm, darüber erhielt ich keinen zuverlässigen Bericht; es soll leider sein Zorn ihn zu den ärgsten Mißhandlungen, die Frau zur Verzweiflung getrieben haben. Eines Abends hatte sie sich erhängt; dies wurde indes frühzeitig genug entdeckt, so daß die Wiederbelebungsversuche Erfolg hatten. Die Unglückliche erwachte wieder zu einem traurigen Dasein! – sie war wahnsinnig, mußte in das Irrenhaus der Charite; von dort entließ man sie nach zwei Jahren als genesen, doch zerstört an Geist und Körper.

Um den Knaben bekümmerte sich kein Anverwandter, er blieb dem Mitleid jener Familie empfohlen, und da deren Umstände nicht erlaubten, ganz allein für ihn zu sorgen, vereinten sich mehrere zu diesem Zweck, nachdem vergebens versucht worden war, von Hoffmann Bestimmungen und Unterstützung zu erwirken. So wurde auch ich ein wenig beteiligt, und man entschloß sich, dem Knaben einen Pflegevater zu geben in der Person eines[195] Küsters in Bernau, drei Meilen von Berlin. – Nun aber stellte sich ein seltsames Zeichen dar von der Kraft des Blutes, so daß die Worte des Goethe schen »Mephistopheles«: »Blut ist ein gar besondrer Saft«, sich bewährten. Ohne Unterricht empfangen zu haben in der Musik – bekanntlich von Hoffmann leidenschaftlich geliebt – hatte diese eine unwiderstehliche Gewalt über den Knaben. Er folgte, als er höchstens sieben oder acht Jahre alt geworden, herumziehenden Musikanten meilenweit und tagelang, so daß der Pflegevater oft nicht wußte, wo der Davongelaufene sich herumtrieb, und dann nach Berlin kam, ihn hier zu suchen. Selten war er zu finden, kehrte aber gewöhnlich am andern Tage, zuweilen aber erst nach zwei oder drei Tagen aus eigenem Antriebe in das Haus des Pflegevaters zurück, ohne daß ihn die jedesmalige Bestrafung hinderte, bald darauf wieder davonzulaufen. Zuletzt wußte man aber wenigstens, wo man seiner habhaft werden konnte: er lief immer nach Berlin. Dort spähte er bei dem Opernhause, bis er irgendeine Tür oder ein Fenster offen fand und ungesehen hineinschlüpfen konnte. Dann versteckte er sich innerhalb und nahm abends die Gelegenheit in acht, mit dem er sten Andrange der Hereineilenden ein Plätzchen zu gewinnen, wo er Zuhörer wurde und dabei alles andere vergaß. Wovon er während solcher Ausflüchte lebte, wo er in der Nacht seine Schlafstätte hatte, das blieb meist unerklärt; denn nur wenn ihm alles fehlschlug, wandte er sich – was aber höchst vereinzelt geschah – mit dem reuigsten Geständnis an einen Bekannten, ihn um Hilfe bittend. So trieb er es bis zum elften Jahr; jeder Versuch, ihn festzuhalten bei dem Schulunterricht und im Hause des Pflegevaters,[196] scheiterte, wenn er wußte, daß in Berlin eine neue Musikaufführung angekündigt war. Das wußte er aber jedesmal, denn alle Gelegenheiten, sich die Zeitung zu verschaffen, hatte er auskundschaftet. Eines Wintertages nun, als der Knabe die Nacht zuvor stöhnend und fast erfroren im Säulengange an der katholischen Kirche gefunden, in die nächste Wache gebracht, dann zufolge seines Verhörs am Morgen zu der ihm bekannten Familie geführt worden war, kam man im Beraten zu der Entscheidung, ihn für die Musik ausbilden zu lassen, und bald hatte er in Bernau einen Lehrer, bei dem er täglich am Klavier Unterricht erhielt. Seine Ausflüge nach Berlin unterblieben aber doch nicht, wie es denn durchaus der Zeit und Hoffnung überlassen werden mußte, ob es möglich sei, ihn für den ruhigen Betrieb des Lernens und der Ausdauer dabei zu zügeln. Bis zum dreizehnten Jahr hatte sich in seinem Tun und Treiben eigentlich noch nichts gebessert; – da griff auch hier das Schicksal ein: der Knabe ertrank bei dem Baden in einem See der Umgegend Bernaus.

Gewiß bieten diese Ereignisse in ihrem Zusammenhange Stoff zu einer Schauergeschichte in Hoffmann-Callotscher Manier!

Leicht begreiflich wird es sein, daß ich als Mitwisser dieser düsterhaften Begebenheit nicht geneigt sein konnte zur Geselligkeit mit Hoffmann; ich vermied ihn, indes war es nicht zu verhindern, daß wir ein paarmal noch persönlich zusammentrafen, zuletzt im Jahr 1818, hier bei einem Anlaß, wo er mir in eigensüchtig schlimmer Absicht entgegentrat. Er war unzweifelhaft ein Genie, das bei besserer Selbstleitung höheren Wert erlangt hätte; denn es darf wohl gesagt werden, dies Genie[197] litt durch seine eigenen Verzerrungen und Krampfverzückungen, die sich sogar in Hoffmanns Antlitz tummelten: aus seinen unaufhaltsam unruhig beweglichen Gesichtszügen ließen sich Muster zu Spott- und Hohnlarven entnehmen. Ein wollüstiger Schmerz, ein Herauswenden der grauenhaftesten Seite des Menschen, ein Schwelgen an einer Gespenstertafel geht – wenn auch nicht völlig ohne Ausnahme – durch das, was er gefühlt und geschrieben. Dem Leser ist's als ob er abendlich an einer Reihe von Wachsgestalten vorüberwandelt, und ich will es nicht verhehlen, daß es mir niemals möglich war, eines dieser Schattenbildswerke vom Anfang bis zum Ende zu lesen.

Ehe ich in meinen Erlebnissen weiter noch abweiche von der Zeitfolge, fordern in meinen Angelegenheiten Erinnerungen an Iffland Raum.

Die Scheu vor dem Publikum ist auffallend bei einem Mann, berühmt als darstellender Künstler, dem man sogar auch noch heut und weiterhin sein anderes Verdienst als Bühnendichter nicht ableugnen kann, obschon das um sich greifende Parteitreiben der jüngsten Weisheiten ihn verurteilte aus denselben für Grundsätze gehaltenen Einbildungen und Ansichten, die nicht nur das Theaterwesen, sondern auch die Volkszustände überhaupt verschlimmerten, verwilderten, und sie vom Deutschtümlichen in allerlei Zerfahrenheit trieben. Jene Scheu ist um so auffallender, wenn man bedenkt, daß Iffland selbst von denen, die seine Schauspiele mißachten, noch immer für Theaterverwaltung als Muster anerkannt wird, keineswegs mit Unrecht, wenn wir auch diese oder jene, an solcher Stelle unvermeidlichen Irrtümer zugeben müßten.[198]

Ich traf Iffland in einer Gesellschaft, und da er sich auch im Gespräch mißmutig zeigte über seine Stellung, verhehlte ich ihm nicht, ich sei überhaupt der Meinung, es wandle selten jemand, der mit dem Theater in Berührung komme, auf den angenehmsten Wegen. Er lachte, als ich ihm erzählte, daß ich schon vom fünfzehnten Jahr an wiederholt ausgesprochen habe: auch wenn sich Befähigung dazu bei mir einfände, das Amt eines Theater- oder Polizeidirektors würde ich niemals übernehmen; eine Selbstbescheidung, die sich in mir sehr befestigte. Dennoch war ich durch Gefühlseinfluß nach vielem Zureden schon einmal bereit, einen Vertrag zu unterzeichnen, der mich zum Mitdirektor des Königsstädtischen Theaters gemacht hätte, wenn nicht vor dem verhängnisvollen Federzug ein glücklicher und begründeter Umstand mich bestimmen mußte, die Unterschrift zu verweigern.

An jenem Abend, da mir Iffland unter zahlreicher Gesellschaft begegnete, wurde ein von mir geschriebener Gelegenheitsscherz aufgeführt; er gefiel ihm, und im Ausdruck dessen empfahl er mir: ich möge auch der öffentlichen Bühne mich zuwenden, für die ich aus Gefälligkeit schon einzelnes in sogenannte »Schubladenstücke« besorgt hatte. Ich erwiderte, daß ich in Mußestunden neben den künstlerischen Arbeiten und dem fortgesetzten Lernbetrieb mit Dichtung für die Bühne mich schon beschäftigte, und dabei Übung in den verschiedenen Versarten beabsichtigt habe.. – Er ließ ermunternde Worte nicht fehlen, um zu veranlassen, daß ich ihm meine Anfangsversuche einsenden möge. Das fünfaktige Trauerspiel: »Ein Tag des Schicksals« hatte ich vor meinem vierundzwanzigsten Jahr zu Ende gebracht, und[199] es trägt, wie ich längst weiß, alle Spuren jugendlicher Schwärmerei, gepaart mit sehr mangelhafter, überhaupt nicht leicht zu gewinnender Erfahrenheit in der Scheinwelt zwischen den Bühnenwänden. Ich zagte und zögerte, ehe ich hinsichtlich des Einreichens zur Darstellung mich entschließen konnte, fand es endlich ratsam, mit kleinen Gaben zu beginnen, und Iffland erhielt von mir im März 1813 handschriftlich: »Die selige Frau«, dann »Lieb' und Friede«. Das eine wie das andere Stück ist einaktig, jenes Lustspiel oder eigentlich jener Schwank in Alexandrinern, dieses Schauspiel in Jamben und Trochäen, da es sich zu spanischem Boden hinwendet. Beide nahm Iffland mit freundlichem Urteil zur Aufführung für den Herbst des benannten Jahres an, was mich ermutigte, ihm auch das Trauerspiel zu senden. Schon damals war er sehr krank, doch glaubten die Ärzte an baldige Wiederherstellung, und da sie ihn nach dem Bade Reinerz geschickt hatten, wurde die Handschrift meines Jugendwerks dorthin befördert. In meinem Briefe dazu verhehlte ich nicht, daß die mir schon frühzeitig auferlegte Pflicht, für meinen vom Erblinden bedrohten Vater Ernährer der Familie zu werden, mich verhindern müsse, ohngeachtet meiner Neigung und des inneren Triebes an dramatische Arbeiten zu denken, wenn ich dabei nicht Aussicht hätte zu einer Mithilfe für meine oft bedrängten Verhältnisse. Die empfangene Antwort ist ein achtungswerter Beweis, mit wie wohlwollend bemühter Teilnahme Iffland den Anfänger leitete; sie ist zugleich eine Hindeutung auf derzeitige Theaterzustände in Berlin, und ich schließe sein Schreiben hier an:
[200]

»Wohlgeborner Herr,

Hochgeehrter Herr Professor!


Eine Tragödie muß hintereinander weg, ohne alle Unterbrechung gelesen werden, wenn man nicht dem Verfasser, der auf die steigende Wirkung zu rechnen hat, ein Unrecht thun will, das nicht auszugleichen ist. Ihr Trauerspiel, welches Sie mir anzuvertrauen die Geneigtheit gehabt, ist den 18ten Junius hier angekommen, und ich war nicht früher als gestern im Stande, eine so anhaltende Lectüre zu machen. Völlig aufgerieben kam ich hier an und meine Besserung des Befindens geht langsam, doch ist sie, wie man es glaubt, gründlich.

Ich habe nicht weniger von Ihnen erwartet, als Sie mir gesendet, und habe mit vielem Genuß gelesen, wofür ich Ihnen herzlich danke. Sie sind ungemein sorgfältig in Anlegung und Haltung der Charaktere gewesen. Ein Verdienst, das mir sehr achtbar ist, wie gleichgültig man auch jetzt darüber weg geht.

Der Geschichtsinhalt ist mannigfach und reich. Ich will nicht hoffen, daß die Schwierigkeit, welche Manche haben, aus der erhöhten Verssprache den verwickelten Inhalt zu fassen, der Sache nachtheilig werden könnte.

Auf Eins muß ich Sie aufmerksam machen, nämlich, das Stück ist für die Aufführung durchaus um Vieles zu lang. Ich habe still und nicht unterbrochen Drei und 3/4tel Stunden gelesen. Die Erfahrung bestätigt, daß eine Tragödie, welche so viel Zeit zum Still-Lesen fordert, wegen des langsamen Gehens, Kommens, der gehaltenen Reden, der Märsche, Musikstücke, der – sey es verkürzten Zwischenacte, für die Aufführung Vier und 3/4tel Stunden wegnimmt. Wenn Sie erwägen,[201] daß außer der Rolle des Alwin fast alle Rollen entweder Reflexion, oder doch mehr ein tiefes als schnelles Gefühl äußern – so wird Ihnen die angegebene Zeit, welche also von 6 bis 3/4 auf Elf Uhr ausmacht, nicht übertrieben angesetzt scheinen. Es würde daher überall weggenommen werden müssen, wo es Ihnen thunlich ist. Nur der Autor, der den Plan, die Geschichte, Charaktere, Augenblicke, die Ihm besonders geltend sind, stets im Blicke hat, vermag dies auszuführen. Was über ein 4tel auf 10 hinausdauert, spannt die Empfänglichkeit der Zuschauer ab, und die würdigsten Werke haben dann mit der Uebersättigung und dem Humor der Einzelnen zu kämpfen. Es würde fast so viel hinweggenommen werden müssen als der fünfte Act Blätter enthält. Fast.

Ich weiß, daß man nie einem Verfasser angenehm erscheint, dem man das sagt. Allein ich muß entweder Ihnen eine falsche Höflichkeit, oder die Wahrheit sagen, wie mir die Ueberzeugung sie eingiebt. – Fern sey es von mir, Ihnen meine Ansicht aufdringen zu wollen. Sie sind Herr des Stückes, und sollen auch Ihre Ueberzeugung nicht der meinigen opfern.

Die Scene zwischen Adalbert und Pfullendorf entwickelt Charakter – hält aber auf. Die Stelle des Pfullendorf: ›Ich scheine hier nicht an dem rechten Orte‹ kann Lachen erregen. Sie ist kritisch.

Vom ersten, lange vorbereiteten Zusammentreffen des Alwin mit Landenberg erwartet man mehr Erfolg. Ueberhaupt, da Alle so viel von Landenberg zu tragen haben – scheint es mir – als fühle man lange, ehe Alwin die Stelle ausspricht, die Sache auf eine nicht befriedigende Weise –:
[202]

›Gebettelt bei der Bosheit hat das Recht,

Nicht um Gerechtigkeit, nein, nur um Gnade,

Die Tücke siegt – doch ruht der Donnerstrahl!‹


Der Frühherbst ist die glücklichste Zeit für die Darstellung, und wie gern ich eine oder die andere Rolle spielen würde, kann ich doch jetzt nicht vorher sagen, was um jene Zeit meine Kräfte für Neuheit, vereint mit Proben, Vorstellung und Wiederholung, werden ausdenken können und dürfen. Ich bin daher genöthigt, Sie zu erinnern, auf mich als Schauspieler nicht Rücksicht zu nehmen.

Die übrige Besetzung wollen Sie mir vorher mittheilen. Ihre Gegenwart bei den Proben hat keinen Anstand.

Ich würde es Ihnen verargen, wenn Sie nicht über das Honorar sich erklärt hätten, selbst wenn Sie nicht den edlen Grund, vereint mit dem Verdienst der Sache hätten, den Sie mir vertrauen, und den ich zu achten weiß.

Umstände und Anmahnungen haben die Direction genöthigt, alle Honorare herabzusetzen; ich kann also für jetzt auf fünfzehn Friedrichsd'or eingehen, und es wird von dem Glücke, was die Tragödie macht, abhängen, ob alsdann noch fünf Friedrichsd'or nachgezahlt werden können. Es wird Ihnen nicht unbekannt seyn, daß die Umstände die Theaterkasse dahin gedrängt haben, die Gehaltszahlungen jeden Monat nur halb unternehmen zu wollen. Bei Erfolg wird alsdann der Rest nachbezahlt. So, das heißt auf partielle Zahlungen nach den jedesmaligen Umständen, sind wir mit allen Zahlungen, also auch mit dieser, angewiesen. Sie werden gestatten, daß um die Zeit der Aufführung der[203] Herr Rendant Jacobi Ihnen alsdann die Vorschläge deshalb mache, welche die Kräfte in Ansehung der Termine, vereinbar mit der Verantwortlichkeit gegen die besoldeten Mitglieder und das Verdienst des Dichters, nur irgend gestatten.

Wollen Sie indeß die Geneigtheit haben, wegen des Honorars für das kleine Lustspiel in 1 Akt dem Herrn Sekretair Esperstedt eine Zeile zukommen zu lassen, so wird er dieses sogleich besorgen. – Die möglichste Offenheit beider Theile über diesen Gegenstand des Handels, den ich auch, als ich noch schrieb, gegen andere Directionen niemals anders behandelt und gestellt haben wollte, scheint mir gleichsam von selbst vorauszusetzende Bedingung zu seyn.

Man nimmt an, man versagt, wie die Umstände das Eine oder das Andere fordern, und die Erklärung über die Bedingungen folgt von beiden Teilen mit Gradheit.

Bei der Vorstellung des Stücks werde ich mit Vergnügen alle die Sorgfalt verwenden, welche ich dem Talente, der Sache und mir selbst schuldig bin.

Daß Sie die Musik vom Herrn Kapellmeister Weber wünschen, hat meinen Beifall, ich werde ihm sogleich deshalb schreiben. Da in den letzten Scenen Schlachtgetöse, die Erzählung des Arno und auch der Gesang der Igna teils zusammen, theils nahe aufeinander eintreten, so hat sein erprobtes Genie ein reiches Feld, um die Eigenthümlichkeit dieser Gegenstände in dem geltendsten Moment mit der Faßlichkeit zugleich aufrecht zu erhalten.

So heiße ich Sie denn willkommen! als tragischer Autor!

Die dramatische Kunst ist Treibhausgewächs. Ein warmer Hauch kann sie nur im Leben erhalten. Abschößlinge[204] weggenommen, nicht herabgerissen, befördern den stolzen Wuchs im Gedeihen. Sonne und Schatten gerecht vertheilt, erhalten den Schmelz der Farben, denen der Rauhfrost ein Gift ist. Wir haben Beide nur ein Interesse, daß Ihr Baum wohlgestellt und gesehen sey. Gesehen, genossen und empfunden –, dann mögen die Vorübergehenden, einzeln, es mit ihrer Lorgnette halten wie sie wollen.

Leben Sie wohl in den Stürmen der Zeit!


Mit der vollkommensten Werthschätzung


Ew. Wohlgeboren

Ergebenster Diener

Iffland.«

Reinerz

den 23. Juli 1813.


Mein überfüllt versreiches Trauerspiel hat Iffland wahrscheinlich unter einer Linde gelesen. Als es wegen der mir überlassenen Kürzungen an mich zurückkam, sah ich, daß er überall, wo ihm entweder Längen aufgefallen oder Bedenklichkeiten angeregt worden waren, Lindenblüten als Zeichen zwischen die Blätter gelegt hat; ich habe dauernde Freude daran, daß ich gleich den Entschluß faßte, diese Abschrift ganz so aufzubewahren und eine andere zu gebrauchen für das widerwärtige, aber nach aller Erfahrung der Bereitwilligkeit sämtlicher Bühnendichter dringend zu empfehlende Geschäft des Kürzens. In den immer bewegter kreisenden Lebenswirren schwindet der Mehrheit die sinnige, die aufmerksame Ruhe, deren vorzugsweise das Sprechschauspiel zu begründeter Entwicklung auf den »die Welt bedeutenden Brettern« bedarf – um so nötiger, je tüchtiger das Werk! – Die aus jener Ruhelosigkeit entstehende, durch Söldlingsbeifall gesteigerte Wechselwirkung,[205] eingedrungen zwischen den Zuschauern, den Dichtern und Schauspielern, und nun kaum noch abzuleiten, half die Theaterzustände verflachen.

Bevor eines der genannten Schauspiele zur Darstellung kam, ereignete sich ein Zwischenfall, der hier einzuschalten ist. Der König Friedrich Wilhelm III. hatte in Töplitz ein Verkleidungsstück gesehen: »Der Beruf«; es war davon die Rede gewesen, und man sollte es auf die Berliner Bühne bringen. Bei dem Lesen fand sich aber, daß der Spaß verjährt sei, wonach ich von der Inhaberin der Hauptrolle – Luise Schröck – und der Direktion ersucht wurde, ihn möglichst zu verjüngen, was beinah zu gänzlicher Umarbeitung führte. Von den sechs Verwandlungen in dem alten Machwerk blieb nur eine, und als die Aufführung erfolgte (25. März 1813), gefiel diese eine nicht, so daß ich auf Bitten dafür ebenfalls eine andere einzuschieben hatte. Zur ersten Darstellung war der alte Titel mit dem Namen des ehemaligen Verfassers auf meinen Wunsch beibehalten worden, schon bei der zweiten (30. März 1813) ließ die Direktion ihn weg, doch den meinigen verweigerte ich zu dieser flüchtigen Arbeit auf Bestellung, ließ mir auch kein Honorar zahlen. Das Gerücht nannte mich aber allmählich immer lauter als Verfasser, und mein Verdruß darüber bestimmte mich gegen Ende des nächsten Jahres zu einer Umbildung, die unter dem Titel: »Die Talentprobe« bekannt, und dem »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele für 1847« (in zweiter Auflage) angefügt ist. Ich hatte versucht, in das leichte Wesen wenigstens ein Etwas von Gedanken zu bringen, und die im »Beruf« beschäftigten drei Personen waren nicht nur geneigt zu neuem Einlernen, sie[206] freuten sich des unzweifelhaft verbesserten Stücks. Da Iffland am 22. September 1814 gestorben war, wandte ich mich an die ihm einstweilig folgende Theaterverwaltung mit dem Ersuchen, das anspruchslose Stück so, wie es nun geworden, einstudieren zu lassen. Dies wurde abgelehnt, »weil ›der Beruf‹ noch immer das Haus fülle, mithin ein solches Einstudieren als erläßlich erscheine.« Den von mir so anspruchslos erzeigten Gefälligkeiten gegenüber (ich schrieb, z.B., auch fünf neue Szenen zu Kotzebues »Schauspieler wider Willen« für die verschiedenen Darsteller) war meiner jugendlichen Heftigkeit eine solche verneinende Antwort die Verletzung eines erworbenen Anspruchs. Jetzt würde ich mit jener freilich nicht zu billigenden Entgegnung diese unbedeutende Sache lächelnd und ruhig vorüber lassen, damals entgegnete ich aber schriftlich: »Wohl denn! – es möge mir Genugtuung sein, daß auf der Berliner Bühne das kleine Stück nie so aufgeführt werden darf, wie es nun ist.« – Es versteht sich von selbst; daß man über diese Äußerung sehr gleichgültig hinwegging, sie als nichtig betrachtete; im weiteren meiner Aufzeichnungen wird sich darlegen, daß dies ein Irrtum war. Einstweilen wende ich mich wieder zum Jahre 1813.

Iffland wußte, daß es mir unangenehm sei, durch das Gerücht und dann auch in Zeitschriften als Verfasser des »Beruf« genannt zu sein; das mochte ihn mit veranlassen, die drei ihm übersandten Stücke rasch nacheinander auf die Bühne zu bringen. »Die selige Frau« wurde am 10. September 1813, »Lieb' und Friede« am 22. Oktober zum ersten Male gegeben, auch in den Wiederholungen und im öffentlichen Urteil günstig aufgenommen. Es fehlte mitunter nicht treffender oder[207] bösgemeinter Tadel, andrerseits nicht Lob über Gebühr, wie dem oft bei vielen Bühnenwerken noch heut so ist, was den Verfassern recht sein kann: denn aus Rede und Gegenrede entwickelt sich immer etwas mehr Wärme für die Sache. – Schon am 5. Januar 1914 folgte die erste Darstellung des Trauerspiels, so daß in viertehalb Monaten drei Stücke von mir auf die Bühne kamen. – Über »Ein Tag des Schicksals« empfing ich von Iffland aus Breslau, auf dessen Theater er gleich nach seinem Aufenthalt im Badeort Reinerz gastspielte, noch ein Schreiben; es finde hier ebenfalls seine Stelle:


»Wohlgeborner Herr!


Die Besetzung der Rollen in Ihrem Trauerspiel, die Auswahl zwischen der Einen oder der Anderen Künstlerin will ich für diesmal Ihnen ganz anheimstellen.

Sollten Sie auf den Proben erst Ihre Meinung über diese oder jene Haltung sagen und dort berichtigen wollen, so könnten Sie Gefahr laufen, den Totaleffekt zu hemmen und sich Selbst zu schaden. Schauspieler der gewöhnlichen Weise fassen sich von da an zu rechnen nicht wohl mehr. Die Anderen werden leicht in dem Zulaufe gehindert, den sie vorher kräftig genommen. Es ist nicht mehr Zeit genug, um eine andere Richtung, welche der Autor verlangt, alsdann noch in sich so aufzunehmen, daß sie mit dem Eigenthümlichen sich gehörig verschmelzen könnte.

Sicherer gehen Sie, wenn Sie vor dem Einlernen mit den Personen, worauf es ankommt, die Rollen und Stellen besprechen.

Meine Gesundheit ist auf bestem Wege. – Ich fand es nöthig, hier, im engeren Raume, einige Vorübungen[208] anzustellen, woraus ich entnehmen kann, was ich in größerem Raume zu Berlin mir werde gestatten dürfen, oder versagen müssen.

Die Aerzte verlangen, daß ich den Winter hindurch mich als einen der Genesenden halte, die weit zurück waren.

Bedeutende neue Rollen werde ich sobald nicht übernehmen. Erhält sich mein Befinden, und sollte ich leidlichen Befindens durch das Gewirre verdrüßlicher Dinge, die in einem so verwickelten Geschäftsleben unvermeidlich sind, hindurchkommen, so kann ich dann nach und nach weitergehen.

Die Rolle des Landenberg wird Herr Lemm gewiß mit Erfolg leisten, da sein erhöhter Vortrag, gleich fern vom Dehnen oder Predigen, ein inneres Leben behält. Vor Gesticulationshäufung muß man ihn zu warnen suchen, da dies nicht seine vortheilhafte Seite ist.

Glückwünschend zu dem Erfolge Ihres Lustspiels, bin ich mit vollkommenster Hochachtung


Ihr

Ergebenster Dr.

Iffland.«

Breslau,

den 26. September

1813.


Mit dem Lustspiel ist »Die selige Frau« gemeint, zum erstenmal aufgeführt, ehe Iffland nach Berlin zurückkehrte. Er hatte für die Rolle des Liebhabers (Kammerherr) den von ihm sehr begünstigten Rebenstein gewünscht, sie gehörte aber eigentlich dem sogenannten »Bonvivant«, derzeit Stich. Dieser fühlte sich verletzt, und als er mir eines Abends zu Pferde bei der sonstigen Fasanerie im Tiergarten begegnete,[209] stellte er mich vom Sattel herab zur Rede. Seinen Anspruch verkannte ich in meiner Antwort nicht, bemerkte jedoch, daß die kleine Rolle für ihn kein nennenswerter Verlust sein könne, was ihn keineswegs beruhigte. Dies habe ich anzudeuten, weil es elf Jahre später unter der Generalintendanz des Grafen Brühl noch von Einfluß war in seltsamer Verwicklung, und ich diesen Umstand wieder berühren muß. Jetzt bin ich bei dem Trauerspiel, und habe von einer damit in Zusammenhang kommenden Fehde zu erzählen.

Wie schon erwähnt, war ich auf den Antrag Spe ners, dem meine Mitteilungen im »Morgenblatt« gefallen hatten, für seine Zeitung Berichterstatter über das Theater geworden, besprach nun auch mit Namensunterzeichnung meine eigenen ersten Versuche, wobei ich jedoch erklärte, daß ich es nicht mit dem etwaigen Guten, nur mit den Mängeln zu tun habe, die mir vermöge der Bühnenbelebung deutlicher geworden. Das war unbefangen gemeint, aber doch mehr anmaßlich als gescheit, obgleich gründliches Zurechtfinden für Bühnenwerke allerdings nur zu erlangen ist durch Darstellungen, die ich jedem Schauspieldichter jetzt und künftig wünsche. – Nun ging im Juni 1813, also bevor meine Name auf Theaterzetteln erschien, ein Lustspiel in Szene, betitelt: »Besser spät gefreit als niemals«. Der Verfasser hatte sich nicht genannt und mir selbst blieb er noch lange verschwiegen. Meine veröffentlichte Ansicht über sein Werk war, da das Ganze sich im Unsittlichen, obenein ohne Bühnenwirkung bewegte, eine abfällige, und der Verfasser forderte mich – wieder ungenannt – mit den derbsten Äußerungen in der Spenerschen Zeitung zu einem Lustspielzweikampfe heraus, bestimmte die Frist[210] auf sechs Monate, und für beide Erzeugnisse den Titel: »Der Egoist«. Obwohl einsehend, daß nichts damit getan sei, wenn wir – was sehr wahrscheinlich ist bei allem, was man in festgesetzter Zeit für die Bühne liefern soll – zwei schlechte Stücke mehr hatten, würde mich doch eine Weigerung bei einer Mehrheit alles Vertrauens beraubt haben, ich nahm also den wunderlichen Kampf an in folgenden Zeilen (»Spenersche Zeitung« 1813, Nr. 76):

»Wer ein solches Lustspiel (›Besser spät gefreit als niemals‹) schrieb, kann meine Freimüthigkeit allerdings unter seiner Würde halten, die ihm gewiß nicht beneidet wird. Wenn der Verfasser verkennt, daß ich sein Werk nur so beurtheilte, wie es Jeder thut, der Vernunft und Sitte nicht unterjochte, so ist mir das seinetwegen leid, und ich versichere ihm nur: daß ich Witz- und Schimpfgefecht nicht für gleichbedeutend halte, wie er es that. Den gebotenen Zweikampf nehme ich ohne weitere Worte an, ich will indessen die Idee des Lustspiels mir selbst andeuten und dem Herausforderer auch seinen Titel: ›Der Egoist‹ lassen. F.W. Gubitz.«

Um mit dieser Angelegenheit gleich zu enden, bemerke ich, daß später der Schriftsteller T.H. Friedrich als Herausforderer bekannt wurde. Er hielt in den Jahren 1813 und 1814 in Berlin »satirische Vorlesungen«, die mancherlei Zustände angriffen und einem zahlreichen, ähnlich gestimmten Kreise zusagten. Dies trieb ihn an zu der Verirrung, sein vor Nahrungssorgen ihn schützendes Amt – er war Kammergerichtsrat – zu verlassen, um von der in Deutschland meist mit Kümmernis verbundenen Schriftstellerei zu leben, was dann so mißglückte, daß die bedauernswerte Haltlosigkeit[211] seines Wesens ihn vier oder fünf Jahre nachher zum Selbstmorde verleitete. – Zu dem von Friedrich veranlaßten Lustspielzweikampfe kam seinerseits »Der Glückspilz und die Glücksritter«, ich brachte »Die Prinzessin«, beide fünfaktig, und sie erschienen alsbald im Buchhandel. Mein Lustspiel wurde in Hamburg, Prag, Posen, auch noch auf anderen Provinzialtheatern aufgeführt. Die Hofbühnen blieben ihm seines Stoffes wegen unzugänglich, und in Berlin meinte man gar, ich hätte mit einer »Gräfin Milana« an die Gräfin von Lichtenau erinnert, was mir niemals einleuchtete, während es mir nicht lange verborgen blieb, daß ein schwaches Machwerk entstanden war. In einer Vorrede zur zweiten Auflage äußerte ich (1815) über den Ursprung:

»Es ist geschrieben auf die Herausforderung eines andern Schriftstellers zu einem Lustspiel-Kampfe; dies sey Denen Beantwortung, welche sich zuweilen an mich wandten, um Kunde von dem sonderbaren, aber nicht eben wichtigen Scherze. Ich lasse jene Angelegenheit ruhen und wünsche überhaupt, wenn nicht Wahrheit und Ehre dagegen sind, gern Frieden um mich her; denn es schmeichelt der Eitelkeit, eine Lanze zu brechen, es aber nicht zu thun ist der Sieg der Vernunft. Ich gestehe nebenher frei, daß ich meine literarischen Erzeugnisse, Gedankenspiele meiner Mußestunden, weder mit großer Hoffnung noch Furcht der Oeffentlichkeit sende; für den Weltstrom ist zuletzt Beides Ballast, von dem sich in allen Verhältnissen nur wenig zurückbehalten läßt, wenn wir sicher zum Ziele kommen wollen.«

Jene Feindschaft Friedrichs – von dem ich in den Jahren 181? und 1818 die freundlichsten Briefe[212] empfing, der mich aber vorher noch in aller Weise verfolgte mit gedruckten Anfechtungen, die ich nicht erwiderte – war im loderndsten Gange, ehe mein erstes Stück auf die Bühne kam, und vermöge seiner Vorlesungen hatte er auch willigen Anhang. »Lieb' und Friede« wurde beifällig aufgenommen, wie zuvor »Die selige Frau«, und daß innerhalb weniger Monate als drittes mein fünfaktiges Stück die Darstellung erreichte, sachte die Zornesglut der Widersacher noch mehr an. Wenn ich jetzt überschaue, wie schwer oder gar unmöglich es diesem oder jenem wird, nur eines seiner Stücke auf die Bühne zu bringen, und welche Hindernisse auch nach der Annahme dem Aufführen entgegenstehen, dann muß ich freilich offen bekennen, daß mir selber jenes Ergebnis auffällig geworden ist, ich also ähnliches meinen Gegnern nicht verargen, jedenfalls aber versichern darf, niemals Gunst oder Vorrecht in Anspruch genommen zu haben.

Am 5. Januar 1814 ging also »Ein Tag des Schicksals« zum ersten Male in Szene, und obwohl ich wähnte, Ifflands Rat, zu kürzen, sei hinlänglich befolgt, dauerte die Darstellung doch von sechs bis ein viertel auf elf. Welch ein Ungeheuer von Länge das Gedicht in der Urschrift ist, mag man daraus entnehmen, daß ich bereits mehr als tausend Verszeilen der Vergessenheit geopfert hatte, und ich bin den damaligen Zuschauern für die Geduld, bei meiner Überschwenglichkeit so beharrlich ausgehalten zu haben, über mein Erdenleben hinaus Dank schuldig. Im »Jahrbuch deutscher Bühnenspiele für 1845« – dreißig Jahre nach der Darstellung – ist mit dem Titel »Schicksals-Kämpfe, historisch-romantisches Schauspiel in fünf Akten«, diese[213] Jugendarbeit nach der für die Wiederholung abermals sehr gekürzten Handschrift gedruckt; wie geübter ich nun schon zu streichen wußte, erhellt daraus, daß die zweite Darstellung eine Stunde früher endete. Bei der ersten erwarben sich die beiden Anfangsakte lebhaften, die Schlußwendungen des zweiten Aktes stürmischen Beifall. Mir fürerst Teilnahme zu erobern, hatte ich einen wesentlichen Teil dessen, was eigentlich vor der Entwicklung erhellt sein mußte, dem Einleiten des dritten Aktes überlassen. Die Steigerung wurde dadurch zu sehr unterbrochen, die Anregung abgekühlt; doch glückten ein paar Szenen in diesem und dem vierten Akt, sie erhielten mäßigen Beifall, der sich im fünften Akt, unterstützt von der trefflichen Musik Bernhard Anselm Webers, verstärkte, und bis zu letztem Sinken des Vorhangs aushielt. – Meiner Gegnerschaft war der nicht ungünstige Erfolg dieser ersten Darstellung sehr zuwider, und was sich nun begeben sollte, aber nicht begab, das mögen meine eigenen derzeitigen, ganz und gar die von eitlem Übermut nicht freie Jugendlichkeit bezeichnenden Berichte hier erläutern.


I.

»Morgenblatt.« 1814. Nr. 52.

– »Eine Neuigkeit will ich heut erzählen, eh' sie da ist, daß mein Trauerspiel, ›Ein Tag des Schicksals‹, morgen bei der zweiten Vorstellung ausgepocht wird. Wie ich das heute weiß? – Seit mehreren Tagen bekam ich Anzeigen, daß an öffentlichen Orten Werbungen geschehen. Schon bei der ersten Vorstellung, sagt man mir, habe sich eine Gegenpartei gebildet, sich aber nicht stark genug gefühlt, und werde[214] nun mit allen Reserven gegen mich anrücken. Immerhin, wenn's nicht anders seyn kann! Es soll ein Dichter alle Situationen durchempfinden; da ich nun nicht alle Tage Gelegenheit habe, ausgepocht zu werden, will ich diese benutzen, und, wenn der Gegenpartei das Unternehmen glückt, meine Empfindungen dabei nicht vorenthalten. Ich habe die mir bis jetzt klar gewordenen Fehler des Stücks durch schnelle Verkürzungen bedeckt, und kann, nachdem die erste Vorstellung – die (den Lesern des Morgenblatts unter uns gesagt) im dritten und vierten Akt selbst mir etwas langweilig war! – nicht ohne Beifall vorüberging, es dem Hasse erlauben, daß er sich ausspricht. Ich hab' ihn durch manches Keckwahre lange wider mich gereizt, obwohl ich wußte, daß ich ihm nicht nur in die Hände, sondern in die Füße fallen würde. Das war nicht lebensklug, aber ehrlich; darauf will ich pochen, ja sogar meinen Gegnern gleich durch ein paar Epigramme behülflich seyn. Wird mein Stück ausgepocht, schlag' ich dies vor:


Er zeigt, daß wider alles Schlechte

Das Schicksal ewig siegend focht;

Hier glänzt es in dem vollsten Rechte,

Denn wißt: sein Werk ward ausgepocht!


Wird nur gezischt, wäre folgende Aenderung nicht übel:


Viel sich'rer hat, als jeder Alte,

Sein Trauerspiel uns aufgefrischt,

Wie hochgerecht das Schicksal walte,

Denn wißt: sein Werk ward ausgezischt!


Uebrigens werden mich die Darstellungen und der spätere Druck überall bei Denen rechtfertigen, die mit der äußeren Handlung auch die der inneren Welt wünschen; so ein Kurzhalten der Eitelkeit hat aber bei[215] beginnenden Dichtern auch sein Gutes. Ein Zurücknehmen nach diesen Pochgerüchten wäre eine unverzeihliche Feigheit gewesen, und so werde mir denn der morgende Tag ein Tag des Schicksals. Amen.«


II.

»Morgenblatt.« 1814. Nr. 60.

»›Niemand erröthe beschämt oder zitternd, daß er von oder über sich selbst schreibt; als ein vernünftiger Mensch ist er Rechenschaft über sich schuldig!‹ – sagt Herder, und ob ich auch weiß, daß meine Vernunft nicht unbestritten ist, will ich doch, auf jenen Satz gestützt, über mein Empfinden bei der zweiten Vorstellung meines Trauerspiels ein wenig Tinte verlieren, wie ich schon, obwohl für andere Umstände, versprach. – Die erste Vorstellung dieses Versuchs, der dahin strebt, die lösend eintretende Macht des Schicksals treffend und auch in seiner Unbegreiflichkeit beruhigend zu zeichnen, war überstanden. Gab sich der Erfolg nicht so, wie ihn Eitelkeit sich dachte, es hatte doch nicht an Beifall gefehlt. Ich konnte zufrieden seyn, besonders auch deshalb, weil ich mehrere Fehler entdeckte, die sich, wenn nicht gleich, doch später bessern ließen, und da, nach Horaz, die Weisheit mit Erkennen und Wegthun der Fehler beginnt, sah ich mich mindestens auf gutem Wege, wenn auch nicht gleich an gutem Ziel. Mit ausgezeichneter Güte waren von den darstellenden Künstlern die Aenderungen für einige Scenen aufgenommen, mehrere gewaltige Dehnungen in leidliches Maaß gebracht für das Wiederaufführen. Indessen hatte ich Widersacher, die Keinem fehlen, der eben irgendwo beginnt, und früher gegen das Uebereinkommen handelte:[216] Schone Du mich, so schon' ich Dich wieder! Man warf mit der kleinen Kritik: erbärmlich, langweilig, und so weiter, erschöpfend um sich, fand, daß dem Dinge bei der ersten Vorstellung zu viel Heil widerfahren sey, und beschloß, wie mir schriftliche und mündliche, freundliche und feindliche Warnungen anzeigten, eine vollkommene Hinrichtung bei dem zweiten Erscheinen. Möglich ist's! dacht' ich; ich hatte nach einiger Tiefe gestrebt, manchen Theatercoup verworfen, wenn er mir gar zu sehr nur als solcher da zu stehen schien, und giebt man Vielen nicht grade was sie wollen, werden sie böse. So prügeln die Kanadier sogar ihre Götter, wenn sie nicht schnell Alles thun, was man will. Ein beginnender Theaterdichter wird in der Rangordnung auch nicht viel mehr seyn als ein kanadischer Gott; daß Pocher unter den Theatervölkern die Wilden sind, kann Niemand streiten. Ich mußte mich also auf ein energisches Accompagnement gefaßt halten, und das that ich, denn der Rath von Freunden: das Werk fürjetzt zurück zu nehmen, war mir zuwider. Ich hatte mehr Furcht vor der Feigheit als vor Dem, was geschehen sollte, tröstete mich mit manchem besseren Dichter, dem es anfangs nicht besser ging, gedachte einiger neueren Theaterprodukte, die wieder viel zu gut durchkamen, und ohne Entscheidung über die Frage: ist es eine Ehre oder Schande, ausgepocht zu werden? – brach der Schicksalstag herein. Wenn ich sagte, er sey mir ein angenehmer gewesen, wäre der ganze kleine Aufsatz gewiß nichts werth. Im Gegentheil, ich hoffte mich still, zagte und plagte mich stumpf und dumpf, wettete mit Hrn. v. U–r schönes Geld, daß mein Stück bestimmt ausgepocht würde, hörte aber die Rapports: nicht ausgespielt würd' es,[217] und es wären schon ›Die beiden Grenadiere‹ erwählt, ohne weiteren Schreck über die beiden Kerls an, denn ich selbst hatte die geehrte Direktion gebeten, auf den Fall oder Unfall alle möglichen Anstalten zu treffen. Um sechs Uhr hielt mich eine überraschende Korrespondenz noch am Arbeitstische, und ich trat erst eine halbe Stunde nach dem Beginn in das Haus, ziemlich überzeugt, ganz andere Gestalten als die meines Drama's auf der Bühne zu sehen. Ein Blick dorthin belehrte mich vom Gegentheil. Da ich recht gut wußte, wer besonders nur der Hinrichtung wegen gekommen war, gab ich eine Aussicht auf mich, um nicht über Mangel an Ruhe von meiner Seite schreien zu lassen. Ich war kaum einige Minuten da, ward applaudirt; der erste, zweite, dritte Akt entschwand bei öfterem Applaudiren ohne Mißtöne. Mir war gewaltig unklar zu Muthe; da ich aber wußte, daß bei der ersten Vorstellung der dritte und vierte Akt am wenigsten gefallen hatten, lief ich im Zwischenakt nach dem Gange, um mich zu stärken für Das, was nun kommen würde, obwohl mich meine ändernden Verkürzungen wieder stützen wollten. – Ein ältlicher Mann sprach zu mir: ›Man hat mir das Stück als ein so schlechtes verrufen, ich kann es nicht finden!‹ – ›Warten Sie nur‹, erwiederte ich, ›es wird schon noch kommen!‹ – ›Haben Sie auch Urtheile gehört?‹ – ›Genug!‹ sagt' ich. ›Meine Freunde finden's sehr gut, meine Feinde finden's sehr schlecht, wenn nicht beide Theile unrecht haben, weiß der Teufel, wer recht hat!‹ Der Alte stierte mich an, und das Ende der Zwischenmusik rief uns zum Betrachten. – Auch der vierte Akt ging mit Theilnahme vorbei, und weil mir außerordentlich besser zu Sinne wurde, merkt' ich erst, daß mir[218] vorher – nicht wohl gewesen war, was ich nach dem beifälligen Schluß des Ganzen völlig vergessen hatte. Ja, ich würde durchaus mehrere Tage lang mich vom Traume geneckt gewähnt haben, hätt' ich nicht bei dem Hinausgehen selbst die Worte vernommen: ›Wär' es nur im Parterre voller gewesen, ich hätte gewiß gepocht!‹ – Diesmal wär' ich also den Füßen entgangen, und ich darf sagen, daß mein Versuch bei der zweiten Vorstellung ausdauernder gefiel. Mit dem vollsten Recht hab' ich Dank für die Darstellenden auszusprechen, die wahrhafte Liebe zu ihren Charakteren hervorleuchten ließen durch eine ausgezeichnete Sorgfalt überall. Selten wird auf ein Stück solche Mühe verwandt, wie hier bei dem meinigen geschah; ich denke künftig durch bessere Arbeiten zu danken, und so eigene Ungeschicklichkeit und Anderer Haß zu besiegen. Ich weiß, wie ich zu diesem Haß komme, denn wer mich nicht kennt, sucht in meinen Urtheilen nur Persönlichkeit, nicht Liebe zum Besseren. Zeit und Gelegenheit werden das lehren; ich bedauere nur, daß es Menschen giebt, die keine Verstellung für die höchste halten, die auf Alles eher rathen, als darauf, daß Jemand ehrlich seyn will! Frei will ich auch ferner Meinungen und Empfindungen walten lassen über Andere und mich, doch ohne Leidenschaft, damit nicht das Blut über die Ufer der Vernunft brause, und mit Archilochus denken: Alles ist möglich, nichts ist ohne Hoffnung, aber auch nichts der Bewunderung werth.


Gtz.«


Aus diesen Berichten, geschrieben in aufregender Ungewißheit zwischen Hoffen und Zweifel über meine geistige Befähigung, spricht das innere Gären sich in erfahrungsarmer Freimütigkeit aus, zugleich der Entschluß,[219] weiter tätig zu sein für Bühnenwerke. Da sie jedoch zum nährenden Bedarf wenig beisteuerten, die Aufträge zu künstlerischen Arbeiten sich aber wieder gemehrt hatten, trieb ich mir den Drang zur Schauspieldichtung möglichst aus dem Sinn. Nächstdem machte mir im Jahre 1814 meine Häuslichkeit noch umfänglicher zu schaffen. Ich verheiratete mich (am 3. Januar 1815) mit der herzvoll sinnigen und sorgsamen Tochter Flecks, die in »Liebe und Friede«, dann auch in »Ein Tag des Schicksals« mitbeschäftigt war, auf meinen Wunsch aber schon vor unsrer Ehe dem Theater entsagte, wonach ich um meine drei bühnendichtlichen Versuche mich gar nicht mehr bekümmerte; ein Entschluß, der sich auch dadurch befestigte, daß der mir wohlwollende Iffland langwierig krank und schon im September 1814 gestorben war.

Wenn ich von seinem Hinscheiden an die Berliner Theaterverhältnisse in der Zeitfolge überblicke, findet sich in mir der Glaube gerechtfertigt, daß Ifflands Wert bedeutsamer wurde. Unzweifelhaft war es ihm um die Innerlichkeit, um die Seele der Schauspielwirkung zu tun; dies ist der Kern seiner Eigentümlichkeit, bei deren Schilderung man ihm das Gemütliche mehr beschränkte, als es sich mit der Wahrheit verträgt. – Mag er als Dichter verlästert sein von den Verfechtern der »romantischen Schule« und »poetischen Poesie« – eine an sich überspannte Benennung! – sie trieben durch ihr Liebäugeln mit dem Fremden die deutschen Grundlagen in Zerfahrenheit, während auf dem Wege, der sich volksgemäß angebahnt hatte, die »Idealität«, die geistige Erhebung für unsre Bühne heimischer zu erreichen wäre. Sagt Goethe von Ifflands Schauspielen: »sie sind[220] zu einem bürgerlich rechtlichen Behagen hingewendet«, wird wohl niemand behaupten, daß diese Worte irgendetwas vom geistigen Aufschwung ausschließen.

Betrachte ich in Iffland den Darsteller, dann ist er meinen Erinnerungen da, wo seine Persönlichkeit nicht einigermaßen hinderlich wurde, unübertroffen, vorzugsweise in Gestaltungen aus dem ruhsamen Gemütsbereich, sowie in denen der Wirklichkeit angehörenden des seinen und derben Lustspiels. Sein Streben erhob den sittlichen Zug selbst in der Posse, die ehemals – ob auch nicht ohne Ausnahme – kein solch leichtfertiges Erzeugnis war, als sie es geworden ist in verderblichster Weise für achtbare Zwecke der Bühne, und mit Goethe, der zuschauend stets völlig befriedigt war durch Iffland, bezeichne ich in ihm, zufolge des Gesamteindrucks, den »großen Schauspieler«. – Beifall hielt er dem Bühnenkünstler für notwendig; denn weil sein Schaffen dem vorübergehenden Augenblick angehört, hat ihn auch, wenn er es verdient, der Augenblick dankbar zu belohnen, um die Innerlichkeit des zu belebenden Gebildes vor Ermattung zu schützen. Doch war, bei dem Erzielen von Rührung und Erschütternng, die lautlose und doch fühlbare Ergriffenheit für Iffland der an Dank reichste Beifall.

Ifflands würdiges Bezwecken erwies sich auch im Umfange seines Verwaltens; überall stand der Werke Inhalt dem Äußeren voran, so daß seine durchdringende Umsicht mit geringer staatlichen Unterstützung – auch bei den schwierigen Allgemeinzuständen von 1806 an – in geistiger Hinsicht mehr verwertete als es jetzt geschieht mit höchst namhafter Staatsbeihilfe. Nächstdem war er in vielfachster Weise ein Vorbild des unermüdlichsten[221] Fleißes bis zum kaum Begreiflichen in der Zeiteinteilung, und in betreff der Pflichtübung strenge gegen sich selbst, war er es auch, wo er sie von andern zu fordern hatte. – Empfindlichkeit überfiel ihn allerdings nicht selten; die immer mit einwirkende Gereiztheit der Schauspieler herrschte auch in ihm, in seinen letzten Jahren durch Kränklichkeit mißtrauischer, doch hat er jedenfalls mit dieser Gereiztheit neben seiner Friedensliebe mehr sich geschadet als andern.

Noch umfassender als hinsichtlich seiner eigenen Dichtungen für die Bühne wurde Iffland von dem Vorwurf verfolgt: er habe bei den zur Darstellung erwählten Schauspielen die »Poesie« und »Phantasie« nicht begünstigt. Das ist ein Vorwurf, bei dem man sich vor allem über den Standpunkt zu einigen hätte, der weder mit dem Schulmaßstäbe noch mit der Überschwenglichkeit allein so leicht zu begründen ist, als manche Wissenschaftler oder Heißgehirne sich einbilden. Wenn man die Bemühung nicht scheut, sich ein Verzeichnis zu verschaffen von den Werken, die während der Ifflandschen Verwaltungsjahre zum ersten Male auf das Berliner Theater kamen, dann erfährt man, erstaunend über die Anzahl, daß Goethes und Schillers Werke vollständig heranzogen, von den Dichtern nach ihnen Iffland fast jedem, der mehr oder minder Beruf einleuchten ließ, die Bahn zur Bühne öffnete, auch wenn ihm die Richtung nicht zusagte, wie – zum Beispiel – an A.W. Schlegels »Ion«. Wäre die Rede von denen, die hauptvorzüglich der deutschen Bühne alle Herrlichkeit gesichert glauben mit Shakspeare, dann ist zu antworten: Iffland brachte ihn zuerst in den Übertragungen von J.H. Voß und A.W. Schlegel. – In bezug[222] auf Natur und Unnatur, heimisch und unheimisch, hatte allerdings Iffland schlichte Ansichten; lag ihm dadurch die Leitung des Gegenwärtigen näher als eine bevorzugte Bekanntschaft mit dem uns absonderlich fern oder seltsam Gewordenen, den Zweck der Allseitigkeit hat er sich dennoch bewahrt, und steht selbst bei solcher Prüfung der Zeit nach ihm voran, wie er überhaupt ihr als Muster voransteht im Fördern des Heilsamen der Bühnenwirkung. – Einen überwiegenden Vorwurf wollte und will man auch noch jetzt daraus erwachsen lassen, daß er die Dichtungen des Heinrich v. Kleist nicht zur Darstellung brachte; man darf dies aber nicht vom späteren Standpunkt der Ansichten beurteilen. Gewiß wird jeder durch das Schicksal und irdische Schreckensende des Unglücklichen sich erschüttert fühlen, um so mehr einer, dem seine Gestalt herbeischwebt im Zurückschauen. Nicht glänzend angetan, düster vor sich hinblickend, sah ich ihn zuweilen in einer oder andern Straße Berlins – es wird 1810 oder 1811 gewesen sein – ein Wort von ihm selber habe ich nie vernommen, und seine Schriften wurden mir auch erst nach seinem Tode bekannt. Erzählt hat man mir damals, Heinrich v. Kleist beschäftige sich mit einem Tagesblättchen, zu dessen Inhalt er das Nötige meist in einem Gasthause für Weintrinker schreibe. Der gewaltsame Schluß seines Lebens, der Selbstmord, mit dem er und seine Geliebte, eine verheiratete Frau, sich im Tode vereinigten, erweckte aus lebhaftem Streit öffentlicher Stimmen für Hein rich v. Kleist eingänglichere Beachtung, und nun auch Äußerungen gegen Iffland. Man hat aber zu bedenken, daß Kleist's Dichtungen in ihrer Ursprünglichkeit überhaupt nirgends die Bühne[223] erreicht hatten, ausgenommen das Lustspiel: »Der zerbrochene Krug«, das – nach Goethes Zeugnis – 1807 in Weimar »eine sehr ungünstige Aufnahme fand«. Nächstdem mag man lesen, wie im gesamten über Heinrich v. Kleist das Urteil Goethes lautet. Er sagt:

»Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schon intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre. Tieck wendet es um: er betrachtet das Treffliche, was von dem Natürlichen noch übrig blieb, die Entstellung läßt er beiseite, entschuldigt mehr, als daß er tadelte; denn eigentlich ist jener talentvolle Mann auch nur zu bedauern, und darin kommen wir denn beide zuletzt überein.«

Bearbeitungen der Kleistschen Dichtungen fehlten noch zur Zeit Ifflands, und daß er, in seiner Weise bemüht, von der Bühne aus für Gesundheit des Familienwesens zu wirken, bei dem Visionsnebel und allerlei wunderlichen Einmischungen der Kleistschen Überspanntheit auch etwas »Schauder« spürte, ist natürlich. Wie sehr es dem Leidensträger wäre zu gönnen gewesen, seinem unzweifelhaften Dichterberuf während seines Lebens Läuterung und Geltung, seinen Kräften Frieden mit sich selber zu erringen, nach damaligen sehr erklärbaren Auffassungen ist jedenfalls die wegen Kleist für Iffland beschwerende Schuld sehr zu erleichtern. – Ehre also seinem Andenken über jeden Mißton aus eineingeschulter Enge hinweg, und Achtung auch seinen dichterischen Gaben, mit denen er in bester Meinung für das sittliche Volkswohl tat, was er vermochte, auch mehr[224] als dies nie tun wollte, weil er eben als Dichter sich der Schranke seiner Strebsamkeit bewußt war.

Minder zu gutem Andenken stellte sich mir noch vor dem Ableben Ifflands ein anderer Zeitgenosse, der gallig streitsüchtige Müllner, dessen Haderlust mich Jahre hindurch zeitraubend zwang, ihm Gegner zu sein. – Als am 14. Februar 1814 sein Trauerspiel: »Die Schuld« zur Darstellung kam, hatte ich darüber zu berichten infolge meiner Mitarbeit bei der »Spenerschen Zeitung«, und fand mich angeregt, vom christlichen Standpunkt aus den in jener Dichtung waltenden Schicksalsglauben des griechischen Altertums zu bekämpfen. – Es ist um so ratsamer, hier nicht in Breite die Entwicklung solcher Ansicht zu wiederholen, da jeder Denkende mit ihr vertraut sein wird; hier sei nur bemerkt, daß Müllners Vorrede zur zweiten Auflage der »Schuld« meist gegen meine Äußerungen eiferte, obwohl ihnen anderseits die Zustimmung nicht fehlte.

Etwa inmitten des Jahres 1816 war nun Müllnerin Berlin, wegen Beratens mit dem Theaterverwalter – nun Graf Brühl – hinsichtlich der Darstellung des Trauerspiels: »König Yngurd«. Mir unerwartet besuchte mich der »Weißenfelser Aristarch«, wie Müllner schon damals genannt wurde, und ich empfing ihn so zutulich, wie es meine beschränkten Verhältnisse gestatteten. Da ich zur Erholung bei schriftstellerischer Beschäftigung ein Zimmer nah am Tiergarten für Nachmittags- und Abendstunden gemietet, auch nahe Gelegenheit hatte zu einfachem Mahl, bat ich ihn, dort mein Gast zu sein. Er sagte zu, fand sich ein, und wir saßen zu Dreien beisammen, denn nur noch meine junge Frau war zugegen. Er leitete bald absichtlich das Gespräch[225] auf jenen Bericht, und je deutlicher ich davon mich abwenden wollte, je mehr hofmeisterte er mich mit übermütigem Behagen. Endlich war doch bei aller Nachgiebigkeit nicht weiter auszuweichen, er schlug um sich mit immer schärfer verletzender Rede; ich sah mich gezwungen, meine Überzeugung zu verteidigen, und tat es möglichst besonnen, doch so entschieden kräftig, wie seine Angriffe es mir geboten. Jetzt wurde mir klar, daß Müllner mich eigentlich nur besucht hatte, um mich einzuschüchtern, und dadurch mein öffentliches Aussprechen für seine Zwecke zu bevormunden. Als er nun begreifen mußte, dies werde ihm nicht gelingen, steigerte er seinen Zorn, während sich dessen Ausdruck erniedrigte; dann, nachdem ich ihm nicht mehr antwortete, stand er hastig, so sehr es seine Wohlbeleibtheit erlaubte, vom Polstersitz auf und verließ mit dem barschbös tönenden Ausruf: »Gute Nacht!« plötzlich das Zimmer. – Meiner Frau, von Angst und Schreck erfüllt, waren Tränen entpreßt, und die Brust erleichternd, sagte sie aufatmend: »Gott sei Dank, daß er fort ist; der kommt im Leben nicht wieder zu dir!«

So dachte auch ich; Müllner überraschte mich jedoch schon am nächsten Tage und trat in mein Arbeitsstübchen der Stadtwohnung mit der Anrede: »Entschuldigen Sie, ich habe Rühmens gehört von einer Predigt, die von Ihnen in Art des Abraham a Santa Clara geschrieben ist, möchte sie gern lesen.« Ich hatte einzelne Bogen des Bandes, worin dieses Spiel heiterer Laune im Jahre 1816 zum erstenmal gedruckt erschien und gab sie ihm, dabei äußernd: er könne sie behalten. Was er dann noch sagte und entgegnete, klang immer wie nur halb verhüllte Drohung, doch ging daraus zugleich hervor,[226] so ganz wolle er es nicht verderben mit einem, der eine öffentliche Stimme in der »Spenerschen Zeitung« und im »Morgenblatt« hatte: an jener Predigt war ihm gewiß wenig oder nichts gelegen. Da er sich schließlich sogar erbot, mich bei einer bezweckten Mitsorge zum Vorteil des »Vaterländischen Vereins für hilfsbedürftige Krieger« zu unterstützen, sandte ich auch ihm die gedruckte Einladung zu Beiträgen in bezug auf die für jenes Unternehmen entstandenen vier Bändchen »Gaben der Milde«, empfing aber keinen Beitrag und später, als keiner mehr nötig und Ende November 1816 meine Zeitschrift: »Der Gesellschafter« angekündigt war, folgende Antwort:


»Weißenfels, am 1. Dezember 1816.


An Aufsätzen schönwissenschaftlichen Inhalts, die für Ihren wohlthätigen Zweck sich eigneten, bin ich gänzlich arm. Aus Verdruß über die Berliner Bühnenverwaltung bin ich der Kunst fast abhold geworden, und habe aus Desperation eine Menge rückständiger Kritiken im Fache der Jurisprudenz und Staatswissenschaft aufgearbeitet. Diese gelehrte Wuth wird aber vorübergehn und für Ihre Zeitschrift wird sich in Zukunft Manches finden, wenn ich erst mit der Tendenz derselben bekannt werde. Wollen Sie zum Anfange und zum Beweis der Aufrichtigkeit meines guten Willens einige Scenen aus Yngurd, so schreiben Sie mir deshalb.

Mit ungeheuchelter Hochachtung

Ew. Wohlgeboren ergebener Müllner.«


Einstweilen zu begrenzen ist die Rückschau nach jenen Wirrigkeiten, bei denen ich durch mannigfach erregte Umtriebe Müllners entweder offenbar persönlich angefochten, oder aus schlausüchtiger Verdreherei in seine Händel mit andern verwickelt wurde.[227]

Ende 1816 begründete ich auf Aufforderung von Gräff und Vetter, den Besitzern der Maurerschen Buchhandlung, eine eigene Zeitschrift. Mit dem 1. Januar 1817 begann der »Gesellschafter«, der »alte Freimütige« aber verlor schnell so an Teilnahme, daß Merkel (der falsche Freund) sich im März 1817 von Berlin entfernte, nachdem er Julius v. Voß überredet hatte, einstweilen Redakteur zu sein, was eine schlimme Stellung wurde, und mit dem Juni verschwand der »alte Freimütige«. – Daß sich der »Freund« nun in den galligsten Feind verwandelt hatte, ist ersichtlich aus der Schrift von Merkel: »Deutschland, wie ich es nach zehnjähriger Entfernung wiederfand«. Die »Allgemeine Literaturzeitung« hat ihn aber in bezug meiner Persönlichkeit damals gleich dermaßen abgefertigt, daß ich es gar nicht für nötig hielt, Merkelsche Schmähungen zu beachten; dies ist auch jetzt zu unterlassen, weil ich schon von der mir öffentlich ausgesprochenen Genugtuung in jener bis auf alle Zeit befriedigt wurde, mich nächstdem stets gern wieder hinwende zu Schilderungen, die mir angenehmer und erfrischender sind.[228]

Quelle:
Gubitz, Friedrich Wilhelm: Bilder aus Romantik und Biedermeier. Berlin 1922, S. 125-229.
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