Der Zensurdrache.

[430] Jetzt begegnen meine Erinnerungen den Martern der Zensur, von der ich leidlich behandelt worden war, bis ein widerwärtiges Ereignis es tunlich machte, mich beinahe zwanzig Jahre mit Beschränkungen zu quälen. –

Am 18. Februar 1828 abends nach neun ließ sich der Polizeiinspektor Mertke bei mir melden. Nachdem er in mein Arbeitszimmer eingetreten war, entschuldigte er sich höflichst, wenn er noch so spät störe, und dies tue, indem er leider einen unangenehmen amtsdienstlichen Auftrag zu erfüllen habe.

»Alles Unvermeidliche muß willkommen sein, und man kann's nicht rasch genug erfahren, damit man um so rascher versucht, das Unangenehme dabei zu überwinden!« so ungefähr antwortete ich ihm, wonach er[430] äußerte: »Meine Behörde hat mir befohlen, vom ›Gesellschafter‹ das Blatt 28 samt Beilage, datiert vom 18ten Februar, zu konfiszieren. Ich war deshalb in der Maurerschen Buchhandlung, habe aber nur wenige Exemplare erhalten, weil diese Blätter bereits am 16ten Februar expediert sein sollen. Deshalb wurde ich beauftragt, mir von Ihnen die in Ihrem Besitze befindlichen Exemplare ausliefern zu lassen.« – »Sie haben hoffentlich eine schriftliche Ordre?« fragte ich. – »Jawohl, hier ist sie!« – »Ich las den Befehl und sagte nun: ›Zwar begreife ich nicht, wie man Blätter konfiszieren kann, denen vom Königlich Preußischen Zensor die Druckerlaubnis Schwarz auf Weiß erteilt worden ist; aber es heißt in der Schrift: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat!‹ – Diese Gewalt fruchtet jedoch bei mir nicht sehr, denn die ganze Auflage des ›Gesellschafter‹ wird von der Druckerei aus sogleich nach dem Verlagsort, jetzt also nach der Maurerschen Buchhandlung geschickt, ausgenommen zehn Exemplare, die ich empfange. Davon habe ich sechs an Freunde verteilt, die übrigen vier gebe ich in Ihre Hände.« Dies geschah, und ich erkundigte mich nun: ob der Herr Polizeiinspektor nicht wisse, was denn eigentlich mißfällig aufgenommen worden sei. – »Es betrifft, wie ich glaube gehört zu haben, den Aufsatz: ›Die Botschafter in Rom‹ und näher noch dessen Fortsetzung in der Beilage; mehr erfuhr ich selbst nicht.« – Ich dankte für diese Mitteilung, der Herr Polizeiinspektor empfahl sich und ging mit den vier Exemplaren von dannen.

Am andern Tage ließ ich mir die Zensurblätter aus der Druckerei holen, erstens mir den Beweis der Druckerlaubnis zu sichern, zweitens nochmals den Aufsatz zu[431] lesen und möglichst zu ergründen, was etwa dieser oder jener Behörde anstößig erscheinen konnte. Von den Botschaftern in Rom sind der Hannoversche (Baron von Reden), Russische (Italinski), Österreichische (Graf Appony), Französische (Graf Blacas d'Aulps) und der nachmalige Französische (Herzog von Laval-Montmorenci) geschildert. Obwohl ich mir eine klare Überzeugung nicht ermitteln konnte, kam ich doch zu der Meinung, daß auf den ersteren Bezügliche möchte die Ursache des Konfiszierens sein, und dies Bezügliche soll hier folgen aus Gründen, die im Gange dieser Preßangelegenheit deutlich werden. – Der römische Berichterstatter befindet sich bei einem Feste, von dem Boschafter Neapels, Marchese Fuscaldi, im Farnesischen Palast veranstaltet, und nachdem er ein allgemeines Bild gegeben, dann von dem Wirt und dem Gesandten Portugals (Condé de Fuchal) witzlaunig gesprochen hat, äußert er gleicher Weise:

»In der Gruppe am Sofa bemerkte ich, etwas abseits, einen höchst merkwürdigen Kopf, vollkommen verschieden von den bleichen, rein italienischen Gesichtern, die ihn umgaben. Condé, auf meinen Lippen eine Zögerung zwischen Frage und Lächeln gewahr werdend, rief mich, und stellte mich ohne Umstände seinem Freunde vor. Es war der ›Minister Seiner Britannischen Majestät, des Königs von Hannover‹; ein sinnreiches Mittel, die geringe Bedeutung eines Staates mit dem Glanz des andern zu bedecken. Der Baron Reden hatte nichts Verführerisches, weder in seinem Benehmen noch im Äußeren: doch, hätte ich die anti-diplomatischste, ultraehrlichste, übergewissenhafteste Gestalt zu repräsentieren, welche ein deutscher Hof als Probe der Erzeugnisse seiner[432]

Manufakturen in ministerieller Hinsicht an einen italienischen Hof senden könnte – so würde ich gewißlich versucht, ihn zu wählen. Er war klein und ohne Anmut; die Jahre hatten seine schwerfälligen Züge nicht verschönert, und das Kostüm hing linkisch an seinem Leibe, wie wenn er es von dem korpulentesten seiner Ahnen ererbt hätte. Dazu seine derbhöflichen Manieren. Es war belustigend, die wuchtige, ernste Weise zu sehen, mit der er seine Verbeugung machte, und wie sein Gesicht zu einem bewundernden Lächeln aufblühte bei dem Anblick der Schönheit. Doch alle diese Nüancen verloren sich in der offenen Freimütigkeit, in der hanseatischen Biederkeit seines Charakters. Der Baron sagte nie ein Wort, ohne eine Autorität zu dessen Unterstützung anzuführen; und auch dann war er noch keines vollen Glaubens gewärtig. Sein gerader, ruhiger, gewissermaßen substantieller Blick barg keinen rückhaltigen Gedanken; seine dicke germanische Lippe zeigte nichts Perfides in ihrem naiven Lächeln. Seine Meinungen waren zwar sämtlich extrem, beengt – aber ohne Bigotterie, und ohne die Galle der Mittelmäßigkeit. Er übertrug das Gutmütige seines Hauswesens in die Diplomatie, und Baron Reden war, wie ich später erfuhr, ein Muster häuslicher Tugend. Seine Ambassade glich einem Gemälde von August Lafontaine, es war eine patriarchalische Familie. Alle, die mit ihm zu tun gehabt, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, hatten bei ihm eine beständige, väterliche Aufrichtigkeit gefunden. Seine Augen leuchteten, wenn er von seinem Lehrer sprach, der damals bei neunzig Jahr alt gewesen; eine der größten Freuden, auf die er rechnete bei seiner Rückkunft nach Hannover, war, seinen Segen zu verlangen und ihm[433] die Hand zu küssen. Seine Töchter hatten dasselbe Gepräge ererbter Vortrefflichkeit. Bei einem Besuche im Redenschen Palais bemerkte ich eine Zeichnung in einem der vorzüglichsten Gemächer. Der Legationssekretär erklärte mir dessen Bedeutung, indem die Damen die Augen niedersenkten. Es war das Porträt der ältesten Tochter des Barons, vorstellend ›Charlotte, wie sie den Kindern Butterbrot austeilt.‹ Niemand konnte besser diesem Gegenstand Gerechtigkeit widerfahren lassen, als Herr Kestner, der später den Baron ablöste, und, wie ich glaube, gegenwärtig Minister am römischen Hofe ist. Er stammt, wie man sagt, von jener Charlotte ab, und ist ein Freund Goethes, mit dem er einen langen Briefwechsel geführt, der auch vor einigen Jahren in den periodischen Blättern Deutschlands publiziert worden. – Übrigens hatte der Baron Reden das – Glück, möcht' ich sagen, seine Funktionen beschränkt zu sehen auf das wichtige Vorrecht, alle Untertanen Seiner Britischen Majestät zu empfangen und Seiner Heiligkeit vorzustellen, mochten sie Engländer sein oder Hannoveraner, Katholiken oder Protestanten, Whigs oder Torys.«

»Dieser Satz muß es sein, obwohl ich auch hierin nichts Gefährliches finde!« sagte ich zu mir selbst, ließ sofort die Beilage umdrucken und schickte die Auflage mit der Post nach Leipzig an den Kommissionär der Maurerschen Buchhandlung. Damals gingen die Buchhändlerballen noch mit sehr langsamer Fuhre nach der Pleißestadt; demzufolge glaubte ich wenigstens, da ich mich nun der Schnellpost bediente, in dem größten Teil der Exemplare könne die alte Beilage mit der neuen vertauscht werden, und ich ersuchte den Kommissionär um diese Gefälligkeit, die er mir auch gewährte, ja selbst[434] hier und dort in schon ausgelieferten Exemplaren den Umtausch versuchte. So erhielt das Blatt 28 des »Gesellschafter« vom Jahr 1828 zwei Beilagen, und indem ich dies schreibe, habe ich einen, nicht mir gehörigen Band vor mir, in welchem sie sich beide befinden.

Warum ich mir so viele Mühe machte? – Ich hatte fortdauernde Kämpfe wegen der Zensurbeschränkung, weil man mir mein Recht bestritt, politische und religiöse Gegenstände zu besprechen, ein Recht, welches ich durch die in den ersten Blättern des »Gesellschafter« (vom Jahr 1817) dargelegten Angaben über den Inhalt und zugleich mit dem Umstande beweisen konnte, daß man meiner genannten Zeitschrift anfangs den politischen Zensor gab unter Mitbeteilung der theologischen Zensur. Ich habe auch endlich – im Jahr 1845 – mein Recht im Wege des Prozesses erlangt. Bis dahin half ich mir immer möglichst damit, die oft wechselnden Zensoren durch tatsächliche Beweise von meinen begründeten Ansprüchen zu überzeugen, und ich muß es allen – mit nur zwei Ausnahmen – in pflichtgemäßer Anerkennung nachsagen, daß sie sich überzeugen ließen und stets bemüht waren, die willkürliche Beschränkung zu mildern, soweit sich dies mit ihren amtlichen Vorschriften vereinen ließ. Das wurde ihnen nicht selten gerügt, aber – ich muß auch dies noch hinzufügen – sie wehrten sich zuweilen mit Entschiedenheit und nahmen mein Recht in Schutz. Besonders geschah dies vom Geheimen Rat Jouffroy, dem bekannten Dichter Langbein (der wegen Nahrungssorgen zum Zensor wurde), dem Regierungsrat Grano (Sohn des in dieser Mitteilung verwebten Geheimen Rat Grano), dem Oberkonsistorialrat Brescius und dem Grafen Flemming, deren Teilnahme[435] ich freundlichst gedenke und bei dieser Gelegenheit nicht versäumen mag, dies auszusprechen. Meinerseits sorgte ich, daß die Zensoren nicht in Pflichtstreit geraten sollten und war bei begründeten Bedenken selbst nachgiebig; denn ich bin gewohnt, dem Gesetz zu gehorchen, auch wenn es mir im Unrecht scheint, zugleich aber dann dagegen zu kämpfen auf gesetzlichem Wege, wenn ein solcher sich eröffnet. Obwohl ich – offen gestanden – niemals selbst Zensor geworden wäre, hatte man doch stets die Stellung anderer, die sich oft durch eigene, sehr bedrückende Umstände genötigt sahen, ein so trostloses Amt anzunehmen, in Anschlag zu bringen, und ich bin überzeugt, daß beinahe jeder Zensor dies Amt verwünscht hat. Zu dieser, von dem Verfahren der meisten Zensoren mir bestärkten milden Ansicht bin ich auch dadurch gekommen, daß ich nie ein Verfechter unbedingter Preßfreiheit war, vielmehr ohne ein tüchtiges Preßgesetz und Schiedsgericht sie für sittenzerrüttend und ebensowohl dem Staat und der Volksvernunft, wie demnächst der Literatur als gefährlich erachtete. Die letzten Jahre ließen mir dies Erachten zur vollen Überzeugung werden; das Äußerste in den Äußerungen der Parteien, so von links wie rechts, hat gleich verderblich in der Menge gewütet; beide, die sogenannte Demokratie und die sogenannte Reaktion – Selbstsuchten von verschiedener Richtung – haben sich gleicherweise sehr erniedrigt in Haß und Lüge. Unbedingt ist nichts in der Welt, die Preßfreiheit, die, redlich und edel benutzt, des Segens viel in sich trägt, kann und darf es also auch nicht sein. –

Nach dieser Abschweifung lenke ich wieder ein, um zu sagen, daß ich mir die Mühe mit dem neuen veränderten[436] Abdruck und Verbreitung der erwähnten Beilage deshalb machte, um dem damaligen Zensor, für den jedenfalls ein Ungewitter zu erwarten war, einen Blitzableiter zu verschaffen. Langbein hatte sich von der Zeitschriftzensur zurückgezogen, Professor Dietmar (derselbe, der sich durch seine Schriften über Witterungskunde den Spottnamen »Wetterprophet« erwarb) war einstweiliger Zensor geworden: der gutmütige, bereits bejahrte Mann, der dieser Anstellung sich nur fügte, um sich einer gehofften besseren nicht verlustig zu machen. Leicht vorauszusehen war es, daß er durch sein »Imprimatur« für die nun konfiszierten »Botschafter in Rom« in eine bedenkliche Lage kam, und ich wollte das Meine tun, seine Hoffnung ungeschwächt zu erhalten. Es gelang mir aber nicht; er verlor (jedoch ohne bedeutenden Nachteil) sein Amt, was ich hier voraus erwähne, um in dieser Angelegenheit nun geradeaus meinen Erlebnissen folgen zu können.

Ein paar Tage nach jener Konfiskation erhielt ich ein Schreiben vom Minister von Schuckmann, des Inhalts: »er habe meiner Umsicht mehr zugetraut, als daß er hätte glauben können, ich würde solche Dinge, wie in dem Aufsatz: ›Die Botschafter in Rom‹ enthalten, aufnehmen; er sehe sich deshalb genötigt, meine Zeitschrift einer strengeren Zensur zu unterwerfen.« Näheres war in dem Schreiben nicht erwähnt, und ich über die Tatsache nicht klüger als vorher. Daß ein solches Verfahren, bei dem es mir Absicht schien, den »Gesellschafter« einer »strengeren Zensur zu unterwerfen«, mich etwas in Harnisch brachte, wird mir niemand verargen, der davon Spuren entdeckt in meiner Entgegnung, die ich hier anfüge:
[437]

»Ew. Excellenz


Schreiben überrascht mich, da ich für den von Ihnen verurtheilten Aufsatz das Imprimatur des Königlich Preußischen Censors habe. Es überrascht mich um so mehr, als ich – abgesehen davon, daß dieser Aufsatz, wie im Abdruck angegeben, aus dem ›New-Monthly-Magazine‹ übersetzt und von mir so bedächtig gemäßigt wurde, daß beinah die Hälfte wegblieb – noch jetzt mit meiner von mir gewiß nicht überschätzten Umsicht allerdings nicht die Gründe erreichen kann, weshalb er zur Ursach diente, mir die Umsicht abzusprechen. Da dies seit länger als elf Jahren des Bestehens meiner Zeitschrift der erste Verweis ist, den ich mir zugezogen haben soll, finde ich es durchaus nothwendig, mich zur Erkenntniß meiner Sünde zu bringen, und bitte, dies nachträglich zu veranlassen, zu welchem Zweck ich Ew. Excellenz Schreiben hiermit zurücksende, da mir nicht zugemuthet werden kann, einen Verweis ohne Gründe als an mich gerichtet zu betrachten. – In ehrerbietigster Hochachtung empfiehlt sich Ew. Excellenz

Berlin, 26. Februar 1828.

ergebenst

Fr. W. Gubitz.«


Eine Antwort erwartete ich vergebens, wohl aber zeigte mir bald darauf der Geheime Rat Grano an: ihm sei die Zensur des »Gesellschafter« übertragen, und – eine Zeit der Qual begann. Es dauerte gar nicht lange, da fanden sich die, nach der Eigenheit des benannten Zensors mit blauer Tinte gestrichenen Stellen ein, auch fehlten nicht die üblichen Randbemerkungen: »Für diese Zeitschrift nicht zulässig«, »politische Aufsätze sind dieser Zeitschrift nicht gestattet«, wobei sich das Wort »politische« gelegentlich in »theologische« verwandelte, um dann[438] Äußerungen in religiöser Beziehung verschwinden zu lassen. Auch hier versuchte ich durch die ersten Blätter des »Gesellschafter«, in denen »Politik« und »Religion« als Gegenstände der Besprechung mit bezeichnet sind, ferner durch Vorlegen vieler in den bisherigen Jahrgängen zu findenden Aufsätze, welche den mir nun verweigerten Richtungen angehörten, mein Recht zu bewahren; aber der neue Zensor berief sich hartnäckig auf seine für mich unzugänglichen Instruktionen. Bei dem Beginn der Zeitschrift hatte man mich – wie schon bemerkt – bald dem politischen Zensor (damals Geheime Rat Jouffroy) überwiesen, ihm für das Religiöse den damit beauftragten Zensor beigegeben; schon dies war Beweises genug. Als Jouffroy gestorben war, singen die Händel an, doch waren der politische und theologische Zensor noch immer angewiesen, bei den in ihr Bereich gehörenden Aufsätzen zu entscheiden. Daß dies Verhältnis aufgehoben sei, war mir nicht angezeigt, und so sandte ich, wenn dieser Herr Grano strich, das von ihm verletzte Blatt weiter, erhielt mehrmals das Imprimatur und ließ nun den Abdruck geschehen. Der Genannte tat jedoch entschiedenen Einspruch, und verbot mir, mich nach irgendeiner andern Zensur als der seinigen zu richten. Der politische Zensor wankte nun ebenfalls, nur der theologische, Oberkonsistorialrat Brescius, hielt tapfer aus, und nachdem er von dem Stande der Dinge unterrichtet war, erteilte er, da wieder eine Druckverweigerung mich hinderte, die Druckbewilligung mit dem Zusatz: Mir ist die Befugnis, für den »Gesellschafter« religiöse Äußerungen zu zensieren, nicht genommen; wenn Hr. Geheime Rat Grano etwas da gegen hat, muß er sich zuerst an mich wenden und ich werde ihm antworten.[439]

Jetzt drohte mir Hr. Grano, wenn ich nicht streng seinen Bestimmungen allein gehorsamte, eine Klage gegen mich anhängig zu machen. »Immerhin!« schrieb ich ihm; »ich will, da ich mich noch niemals über einen Zensor beschwerte und alle Angeberei im weitesten Umfange mir zuwider ist, diese Klage herausfordern, um endlich Gelegenheit zu haben, mein mir zustehendes Recht gegen den Machtspruch des Herrn Ministers zu erkämpfen. Zu diesem Zwecke lasse ich alles von Ihnen Gestrichene, wenn ich dafür von irgendeinem Zensor das Imprimatur erhalte, ohne weiteres abdrucken.« Dies geschah, doch konnte ich es nicht zur Klage bringen; nur die Strenge nahm zu, und oft wußte ich bei allgemeinen oder gemischten Bemerkungen mir nicht Rat noch Hilfe zu erspähen.

Zu der Zeit befand ich mich eines Abends in der »literarischen (Mittwochs-) Gesellschaft«. Als ich von Hause wegging, fehlte noch die Zensur des Blattes, das an diesem Tage gedruckt werden mußte. Ich sah es mir vorsichtig an und nirgends entdeckte ich nach meiner Ansicht die Möglichkeit, daß hier ein Zensurstrich hinderlich sein könnte; ich hatte aber fehl geschlossen. Das Blatt wurde mir nachgeschickt, weil darin gestrichen war in einem kurzen Aufsatz vom General von Minutoli. Derselbe hatte sich über den Gebrauch der Fremdwörter ausgesprochen und unter anderem bemerkt: Das Berliner »Intelligenzblatt« trüge seinen Fremdnamen gewiß mit Unrecht, denn von Intelligenz sei nichts darin. Dies hatte Herr Grano als anstößig erachtet und sein Strich unterdrückte es mit der beigefügten Randbemerkung: »Da das Intelligenzblatt seinen Namen im Jahr 1727 durch königliche Verfügung erhalten hat, ist dieser Ausfall[440] unstatthaft.«. Ich ordnete in jener Gesellschaft die Vertagung des Aufsatzes an, und auf Befragen der literarischen Freunde zeigte ich ihnen das Zensurblatt. Dies reizte den Humor zweier junger Dichter und es entstand aus dem Stegreif ein Liedchen, was nach bekannter Weise zu singen war und auch gesungen wurde. Herr Grano erfuhr es und kam sehr aufgebracht zu mir, mich zur Rede zu stellen und mir es zum Verbrechen anrechnend, daß ich in einer Gesellschaft das Zensurblatt vorgezeigt habe. Ich entgegnete lachend: »Da ich das Blatt in unserer vertraulichen Gesellschaft erhielt, sehe ich nicht ein, weshalb ich den Freunden dessen Ansicht hätte verweigern sollen. Sie werden ja nur tun, was Sie glauben verantworten zu können, und was ich getan habe, will ich verantworten, selbst das Liedchen, dessen Verfasser ich nicht bin, wohl aber begreife, daß, wenn die Zensur humoristisch wird, sie sich auch gefallen lassen muß, daß der Humor in Dichtern zündet. Sie können nächstdem überzeugt sein, daß ich überall, wo man mich fragt, über Ihre Zensur mich ohne Hehl erkläre, und ich werde Lärm schlagen, wie ich vermag, bis sich die Sache bessert.« – Sie besserte sich nicht, und da ich nun in der literarischen Gesellschaft von jetzt an stets befragt wurde, gab ich auch stets weiteren Bericht, so daß diese Angelegenheit immer umfassendere Verbreitung erhielt, ohne daß ich meiner Plagen Ende sah.

Da traf ich in einer Gesellschaft den Minister von Kamptz, den ich, wie schon bei früheren Erlebnissen erwähnt ist, seit langer Zeit nah genug kannte, weil er Mit-Vorstand des »Vaterländischen Vereins« und ich dessen Mitglied war. Außerdem hatte ich ihn kurz zuvor durch eine juristisch-literarische Gabe erfreut. –[441] In jener Gesellschaft befragte mich nun Herr von Kamptz hinsichtlich meiner Zwistigkeiten mit der Zensur, und ich berichtete ihm darüber umständlich. Durch ihn erfuhr ich zuerst mit Bestimmtheit, daß allerdings die Schilderung des Baron von Reden die Veranlassung zu der wider mich verfügten Maßregel sei, und zugleich enthüllte er mir den Grund. »Wer hätte sich das vorher denken können?« sagte ich. »Der Aufsatz: ›Die Botschafter in Rom‹ ist aus dem ›New-Monthly-Magazine‹ übersetzt, mit Weglassung aller mir bedenklichen Stellen. Nun wird dort bemerkt: er sei bereits drei Jahr alt und der Baron von Reden fast ein Siebziger; wer hätte sich also denken können, daß der Baron von Reden nun noch als Hannoverscher Gesandter – nach Berlin kam! Jedenfalls, will man seine Schilderung so verfänglich und straffällig finden, mußte doch der vom Staat angestellte Zensor besser unterrichtet sein als ich!« – »Das gebe ich Ihnen zu,« entgegnete Herr von Kamptz; »Sie wissen aber auch, daß er abgesetzt ist. Was nun Sie betrifft, so gebe ich Ihnen den Rat, an den Minister von Schuckmann zu schreiben, und Sie werden dabei von einem Umstand unterstützt, den Sie noch nicht kennen. In Ihrer Zeitschrift ist die Rede von einem Vorfall in Brandenburg, der durch abscheuliche Übertreibung eines schlechten Gebrauchs ein Menschenleben kostete. Eine dortige Behörde führte Beschwerde gegen Sie; ehe wir aber diese Ihnen mitteilten, verfügten wir eine Untersuchung, und Sie sollen nun Kenntnis erhalten von dieser Beschwerde, zugleich aber auch einen Dank, daß wir wahrheitsgemäß aufmerksam gemacht wurden auf ein schlechtes Treiben und es nun abzustellen vermochten. Der Vorfall, den auch der[442] Minister von Schuckmann kennt, ist Ihnen für den Augenblick günstig, und es würde meines Erachtens ein Schreiben an ihn alles nach Ihren Wünschen lösen.« – Es bedurfte zu diesem Schritt bei mir sehr des Zuredens, doch gab ich endlich nach, um der guten Meinung gegenüber nicht starrsinnig zu erscheinen. »Dann habe ich aber noch eine Bitte,« fügte Herr von Kamptz hinzu; »zeigen Sie mir Ihr Schreiben, ehe Sie es absenden, und zur Sicherheit will ich es selbst befördern.«

Ich gab in diesem Schreiben zuerst eine Geschichte des »Gesellschafter« mit den Beweisen meines Rechtes, und überschickte nächstdem das Heft des »New-Monthly-Magazine«, um augenscheinlich darzutun, daß ich mit Umsicht verfahren sei. Dazu setzte ich auseinander, was ich in Kürze schon Herrn von Kamptz über den Baron von Reden geäußert hatte, und was von dem Journalheft bestätigt wurde, berief mich auch von neuem auf das für die konfiszierten Blätter erhaltene Imprimatur und fügte den veränderten Abdruck bei, in welchem die verurteilte Stelle fehlt. Endlich belegte ich meine Klagen über die jetzige Zensur mit den tatsächlichsten Ereignissen. – Dies Schreiben brachte ich, der Verabredung gemäß, Herrn von Kamptz; er wünschte, daß ich es ihm vorlese, und als dies geschehen war, sagte er: »Schön! vortrefflich! nur zu lang, das liest er nicht!« – Erstaunt rief ich aus: »Er liest es nicht?« faltete das Schreiben zusammen und war im Begriff, es in die Tasche zu stecken. »Lassen Sie, lassen Sie!« entgegnete Herr von Kamptz; »mir fällt was ein, so wird es gehen!« Er legte einen Briefbogen auf den Tisch und fuhr fort: »Setzen Sie sich und schreiben Sie!« Er diktierte nun: »Ew. Exzellenz habe ich noch die Anzeige zu machen,[443] daß ich dem Rate des Herrn von Kamptz folgte in Abfassung dieses Schreibens; derselbe hat auch Kenntnis davon genommen und vereint seine Bitte mit der meinigen: daß es Ihnen gefallen möge, es einer näheren Erwägung zu würdigen.«. – Lächelnd sagte ich: »Nun soll also der Herr Minister von Schuckmann noch etwas mehr lesen!« Auch Herr von Kamptz lächelte, und ich siegelte, da ich mein Petschaft mitgebracht hatte, das Doppelschreiben ein, es dann jenem überlassend.

Welche Antwort erhielt ich? Eine sehr kurze:

»Ew. Wohlgeboren haben es nur als einen Beweis der Ächtung vor Ihren Talenten anzusehen, daß ich in dieser Angelegenheit den mildesten Weg einschlug, dem Herrn Baron von Reden Genugtuung zu geben. Gesandte stehen unter dem Völkerrecht, ein Prozeß könnte für Sie sehr unangenehm werden, und mein Wille war, Sie dagegen zu schützen. Übrigens steht es Ihnen ja immer frei, mit Bezug auf die einzelnen Fälle, gegen die Zensur Beschwerde einzulegen.«

Als ich Herrn von Kamptz diese Antwort, die mich nicht befriedigen konnte, mitteilte, war er darüber sehr erfreut und versicherte: mehr ließe sich in Wahrheit nicht verlangen. Vergebens bewies ich, daß die Angelegenheit sich um nichts gebessert, ich nichts erreicht, vielmehr trotz Gesandten und Völkerrecht über Willkür zu klagen habe; es half nichts, denn unsere Standpunkte waren zu verschieden. Da ich indes nun einmal auf die schriftliche Unterhandlung eingegangen war, wollt' ich nicht weichen, sondern schrieb dem Minister von Schuckmann:

»Ew. Exzellenz werden es gefälligst mir nicht verargen, wenn ich bereit bin, das Unangenehme des mir[444] in Aussicht gestellten Prozesses ertragen zu wollen. Ich bitte um die nötigen Verfügungen und Einleitungen, denn ich hätte durch einen Zensurprozeß wenigstens die Hoffnung, meine gerechten Klagen vor dem Richter aussprechen zu dürfen und sie in die Protokolle des Königlichen Kammergerichts zu bringen, zu welchem ich ein großes Vertrauen habe.«

Ein schriftlicher Bescheid ward mir nicht zu teil; doch kam nach etwa acht Tagen ein Herr Rat – wenn ich nicht irre, so hieß er Köhler – im Auftrage zu mir mit der Erklärung: »Se. Exzellenz fänden es nicht angemessen, über eine dem Gesandten Baron von Reden durch den in bezug stehenden Aufsatz widerfahrene Beleidigung das Aufsehen noch zu vermehren, wären aber geneigt, anderweitig hinsichtlich der Zensur meinen Wünschen die Wege zu eröffnen und ließen mir raten, mit meinen Beschwerden mich an das Oberzensurkollegium und erforderlichen Falls an die Regierung in Potsdam zu wenden.« Darauf entgegnete ich: Das würde zu einer steten Angeberei und Anklägerei des Zensors führen, und damit wolle ich mich nicht befassen. Außerdem könne es sich fügen, daß ich auf diesen, mir nicht erst eröffneten, sondern bekannten, aber für mich nicht reizenden Wegen niemand fände, der dem Herrn Minister Unrecht gäbe, so daß diesem wohl noch ein Triumph bereitet werde. Unter diesen Umständen zöge ich es vor, der Wahrheit gemäß sagen zu dürfen: es habe dem Herrn Minister beliebt, gegen mich einen Machtspruch zu tun, und ich würde jedem, der mich über meine Zensurnot befragte, kein Geheimnis daraus machen, hoffend, daß sich die auswärtige Öffentlichkeit meiner annähme, da mir bekanntlich mein jetziger Zensor eine öffentliche Klage nicht gestatte.[445]

Wie ich hier äußerte, so tat ich auch, unter anderem, als der Geheime Rat Streckfuß in der »literarischen Gesellschaft« mit mir über die widerwärtigen Quälereien sprach, die mich geschäftigen Mann belästigten und die Arbeit mancher Stunde in blauer Tinte umkommen ließen. Ihm verdankte ich die glückliche Wendung eines bis dahin nie ruhenden Verdrusses. Wenige Tage nach jenem Gespräch besuchte er mich, mir vertrauend: der Zensor werde eine Verfügung erhalten, die mich wieder freier stelle. Ohne mir darüber näheres zu sagen, erwähnte er nur: »Selbst verschiedene Redaktoren haben öfter geklagt, Ihnen sei mehr erlaubt, als jedem andern, was aber begreiflich nur in Ihrer gemäßigten Behandlung der für die Zensoren bedenklichen Gegenstände liegt. Deshalb ist auch bei dem jetzigen Streitpunkt Ihre Umsicht vermißt worden, obwohl ich nicht gleicher Meinung bin. Was Ihnen wegen der ›Botschafter von Rom‹ geschehen, konnte sich nicht ereignen, wenn der Baron von Reden noch in Rom war, und ganz gewiß hatte der Zensor mehr als Sie die Verpflichtung, von dem Berliner Gesandtenpersonal genaue Kenntnis zu haben.« Ich dankte Herrn Streckfuß, erläuterte aber zugleich: »Sehen Sie, das Unrecht gegen mich im allgemeinen liegt eigentlich darin, daß man auf den ›Gesellschafter‹, der mit dem Jahr 1817 begann, die Gesetze vom Jahre 1819 anwenden will und wirklich angewendet hat.« – Dies war auch der Hauptgrund, weshalb ich im Jahre 1845 meinen Prozeß gegen die Zensurbeschränkungen, die den sogenannten »nicht politischen Blättern« auferlegt waren, vor dem neu errichteten Oberzensurgericht gewann, so daß ich nun hinsichtlich des Bereichs der Besprechung kein Hindernis mehr fand, wie denn überhaupt dem von[446] Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1843 angeordneten Oberzensurgericht ein gutes Andenken gebührt.

Den erwähnten Prozeß gründete ich auf die gleich in den ersten Blättern des »Gesellschafter« befindlichen Äußerungen:

»Die Politik sei zuerst beachtet, obgleich ich sie immer gern zuletzt nenne; doch wem ein Geschäft ernst ist, der schafft sich dabei das Unangenehmste zuerst aus dem Wege. Wir sehen in diesem Gebiete den Bundestag – der einige Ähnlichkeit mit dem jüngsten Tage zu bekommen schien – herangerückt, und sind begierig auf die Einwirkungen, denen wir folgen müssen. Voraus kann man sich darüber freuen, daß die Dichter unserer Zeit die Wörter ›Tag‹ und ›tagen‹ für ›Licht‹ und ›lichten‹ brauchen; so wird denn das Bundeslicht verhüten, daß nicht aus den vielen Zerrissenheiten statt des Bundes nur Buntes entstehe. Man darf die Worte hier ohne Scheu etwas wenden, hat doch die Bundesversammlung selbst damit begonnen, zu erklären: daß Deutschland nicht ein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund sein könne. (Hoffentlich durch eine Einheit zusammengesetzt!) Möge nun dieser aus rein menschlichen Grundsätzen entstehen, seine Sicherheit in sich tragen, und dann von jedem geachtet werden, damit nicht der Spruch Friedrich III. (Kurfürst von Sachsen) von neuem wahr wird: ›Bei den Bündnissen geht's denen am übelsten, die ihnen pünktlich treu sind; Bündnisse sind gut, aber wehe dem, der sie hält!‹ Bisher schien dies leider Motto aller Bündnisse, und es steht wohl nicht in der Macht der Menschen, es zu verhindern; aber es soll mindestens der Wille sich dartun und die Überzeugung sich aussprechen: daß man schwere Pflichten fühlt und daß dieser Bundestag[447] es bekunden soll: ob man die Wahrheit liebt, oder mit ihr die Völker nur zuweilen ein wenig benutzen will, wofür denn freilich auch die Höchsten vor dem innern Blick der Rechtlichen niedrig und vor dem Richterstuhle der Nachwelt sündhaft stehen würden. Was die Völker für die Throne taten, wissen wir, was die Throne für die Völker tun wollen, wird sich zeigen und kann sich ohne Schwanken entwickeln, denn die Rechte und Wünsche der Menschen sind empfunden und laut verkündet, das Anerkennen vertrauter Grundsätze ist demnach zu hoffen. – Tausendmal ward es gesagt und wiederholt: ›die beste Politik sei die Moral‹; da man nun vergebens einen Zeitpunkt der Geschichte sucht, in welchem jene Regel klärlich zur Ausführung gekommen ist, muß es für unsere Staatsmänner eine Wonne sein: daß die beste Politik noch erwartet und wahrscheinlich mit Worthalten beginnen wird, da die Leitenden sich hohe Ächtung verdienten. – Unterdessen mag man sich vor Schmeichlern hüten, die alles unbedingt vortrefflich finden; ihre Götter sind oft noch lange nicht Menschen, und ihr Zweck ist nur, an ihrem Oberhaupte alles zu preisen, bis es ihm nicht mehr möglich ist, Oberhaupt zu sein, weil er Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden kann.

Von der Politik werden wir uns am besten zur ›Phi losophie‹ wenden können, um zur Literatur zu kommen. Wie fast alles, selbst das Wissenschaftliche, so ist auch die Philosophie aus dem feststehenden Antiken in das bewegliche Romantische gefallen und nicht immer in das beliebte Mittel-, sondern zuweilen gleich ins Kindesalter. Mich beherrscht die böse Angewohnheit, nichts vortrefflich zu finden, ehe ich es überhaupt gefunden habe; deshalb muß ich die Naturphilosophie[448] ungerühmt lassen, weil es mir noch Problem scheint: ob sie uns an oder um die Natur philosophieren und eine natürliche Weltweisheit oder eine weltweise Natürlichkeit sein will. Die erstere geht von Gott und von geistigen Begriffen aus, würde also Kernmenschen bilden; die letztere ist eine unverwüstliche Modekraft, die aus dem Nichts ihres Wissens gleich ins Unbegreifliche phantasiert, und endlich wähnt, etwas Überbegriffenes aufgestellt zu haben, weil sie in gemachten neuen Worten und Sätzen sich so verwirrte, daß sie ihren Urstoff, das Nichts, durchaus nicht wieder findet. Man könnte diese Flüchtlinge aus dem Reiche der Vernunft, die oft nur Aufsehen erregen wollen, ›Geheime Weltweise‹ nennen, für sie günstig nach dem Übereinkommen, daß alle Prädikate durch das Beiwörtchen ›geheim‹ höher gestellt sind, für andere nach beliebiger Deutung.

Doch ernsthaft! Philosophie soll den Völkern Licht und Würde geben, nicht künstlichen Irrbau, in dem die Menschen nach allem fassen und sich doch nirgend vor dem Schwindel retten können. Die Geschichte bezeugt: Philosophie habe ihre schönsten Einwirkungen immer bei dem Schwanken der Staaten und nach großen Unglücksfällen gezeigt, und da ihre edelsten Helden gehabt; so war es zu Athen, so nachahmend zu Rom. Die Zeit des Leides ist auch wohl die der Prüfung, der Prüfung auch für Philosophie; selbst bei uns könnte man fast dieselbe Bemerkung machen, und es ist eigentlich die allgemeine: daß die Menschen es noch nicht vermochten, die Weisheit voran walten zu lassen, sie folgt immer erst der Erfahrung. Diese sollte sich im letzten Vierteljahrhundert bedeutend geübt haben, und wenn wir, öffentliche Aussprüche ehrend, annehmen: daß für Deutschland Tage[449] des Heils aufgegangen sind, so ist zu wünschen, daß wir sie mit der Philosophie von ›sonst‹ und nicht mit der von ›künftig‹ begrüßen. Für blinden Glauben und diktierten Willen ist die Menschheit nicht mehr geeignet, vielmehr möchte ein neuer Cartesius methodisch zweifeln und besonnen unterscheiden lehren, wie seine glänzendsten Nachfolger.

Es ist unverkennbar, daß ich eben an ›Religion‹ dachte und den Wunsch fühle: diese möchte stets mit der Philosophie im innigsten Bunde leben, und beide könnten gleiche Pflicht der Verbindlichkeit auferlegen. Dazu gehörte freilich, daß die klarste Moral zur Religion würde, dann nur vermag sie im Ewigveränderlichen die möglichste Unvergänglichkeit zu erringen, und die Spaltungen auszugleichen, welche eben wieder zu neuen Kämpfen von den Eigensuchten benutzt werden sollen. Mir fällt ein, daß einst ein Weib, das für wahnsinnig gehalten wurde, über Religion etwas recht Beherzenswertes sagte. Der Gesandte Ludwig des Heiligen sah es in Damask Feuer und Wasser tragen, und als er fragte: wozu? empfing er die Antwort: ›Mit dem Feuer will ich das Paradies verbrennen, mit dem Wasser das Höllenfeuer löschen, damit die Menschen Gott nicht wie Lohnknechte, sondern wie einen Vater und Freund verehren.‹ – Die Tugend aus reiner Anhänglichkeit für sie ist wohl eine jenseitige Hoffnung, weil aber die sonstige Gläubigkeit ohne Bedingung auch nicht mehr zu gewinnen ist, indem die Menschheit fragen lernte, so gebe man ihr Antworten nach den geistigsten Kräften, ringe nach Klarheit und verbanne das Nichtzuglaubende, was die Lehrer selbst kalt und wirkungslos, und durch sie Halbverständige zu Gottleugnern macht, die doch zu gar nichts nutz sind.[450]

Der Herr der Welten wird nie schöner, nie inniger verehrt als von denen, die, soweit irdisches Vermögen reicht, in allem natürlichen Zusammenhang finden, der an sich schon das größte Wunder ist.«

Danach erkannte das Oberzensurgericht, manchen Widerstand tapfer überwindend, meine Klagen für gerechtfertigt; ich aber hatte deshalb zwei Jahre hindurch zu kämpfen, nachdem ich noch mit mehreren Zensoren mich leidlich vereinbaren konnte. – Was die Stellung zum zwangpreßlichen Grano betrifft, so hatte in den dreißiger Jahren mein offenes Reden nach allen Seiten hin doch dazu geholfen, daß er gelindere Machtsprüche von oben bekam; er behauptete dann: »jetzt wisse er nicht, was er mir nicht könne passieren lassen, und ich würde nun wahrscheinlich mit ihm zufrieden sein.« Dies zu erreichen hatte er aber weder Trieb noch Fähigkeit, seine Luft zum Streichen war übermächtig; ich wurde darüber oft und überall wieder laut, mit der Wirkung, daß er seine Entlassung von der Zensur erbat. Ihm folgten mildere Streichherren, ich wurde aber doch veranlaßt, die mich langwierig beschäftigende Hilfe zu suchen bei dem Oberzensurgericht. Dort urteilten eben Männer, wie unter anderen die Professoren Lichtenstein und von Raumer; der Hauptprozeß zog sich aber durch die Jahre 1843 bis 1845 hin, denn der Staatsanwalt, ein Kammergerichtsrat, vertiefte und versteifte sich innerhalb seiner sehr dunklen Weisheit. Zuletzt mußte ich meine Spottlaune rüsten, und ließ ihr in den Schranken des Anstandes die möglichste Freiheit. Eines Tages im Jahr 1845 kam nun Lichtenstein eilend und lachend in mein Arbeitszimmer mit Siegesjubel: alles, was irgendeiner Zeitschrift in Preußen aufzunehmen[451] erlaubt sei, war endlich auch für den »Gesellschafter« erlaubt – nach siebzehn Jahren der Marter, noch verstärkt vermöge des Befehls, durch keine Lücke auf den Zensurstrich hinzuweisen. Auch dies wehrte ich mir ab: die Leser bekamen dann stets ein Zeichen, daß die Zensur sich eingemischt hatte.[452]

Quelle:
Gubitz, Friedrich Wilhelm: Bilder aus Romantik und Biedermeier. Berlin 1922, S. 430-453.
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