Oele, fette

[160] Oele, fette; schmierige (Olea unguinosa, unctuosa, pinguia) werden auch ausgepreßte Oele (Ol. expressa) genannt, wiewohl die fetten Oele nicht alle durchs Auspressen gewonnen werden, und es auch einige ausgepreßte giebt, die nicht unter die Zahl der fetten, sondern der ätherischen gehören, z.B. das aus den frischen, gelben Schalen der Zitronen, Pomeranzen und Bergamotten ausgedrückte.

In ihrem reinen Zustande sind die fetten Oele, geruch- und geschmacklose, dickflüssige Fettigkeiten, welche sämmtlich auf dem Wasser schwimmen, einen durchsichtigen Fleck auf dem Papiere hinterlassen, Blei, Braunstein, Arsenik, Schwefel, Phosphor und Kampher auflösen, selbst aber von Naphthen und ätherischen Oelen, nicht aber von Wasser und Weingeist aufgelöset werden, und bei großer Hitze, wenn sie sieden, mit Flamme brennen. In diesen hohen Hitzgraden erleiden sie die Veränderung, die man Bränzlichkeit nennt, bei lauer Wärme aber gehen sie in eine Art von Gährung, wodurch sie scharf und ranzicht werden. Mit kaustischen Laugensalzen vereinigen sie sich zur Seife, einem in Wasser und Weingeist auflöslichen Mittelkörper. Bränzlicht, ranzicht oder aus der Seife geschieden sind sie nun in Weingeist auflösbar.

Jene in ihrem frischen Zustande geruch- und geschmackvollen fetten Oele sind nicht einfach oder rein, sondern entweder mit einem ätherischen Oele, wie die Muskatenbutter (Oleum nucistae expressum, Muskatmacisbaum) und das Looröl (Oleum laurinum, Loorlorbeer), oder mit einem kräftigen oder reitzenden Harze vereinigt, wie das Rizinusöl (Ol. Ricini, Rizinuswunderbaum), das Hollunderkernöl (Ol. Sambuci ex arillis), und das Höllenöl (Ol. cicinum, Schwarzbrechnuß); das aus den frischen gelben Schalen der Zitrone und Pomeranze gepreßte ist ein ätherisches, mit etwas Schleim verbunden.

Die fetten Oele des Gewächsreichs unterscheiden sich von den sehr ähnlichen Substanzen, den Thierfetten, dadurch, daß letztere über Feuer zerlassen, oder überhaupt der Hitze des kochenden Wassers ausgesetzt und wieder erkaltet, eine körnige Textur in der Kälte annehmen, und (statt daß jene, wenn nicht die Kakaobutter eine Ausnahme macht, eine Gewächssäure in ihrer Mischung haben) eine eigne aus der Phosphorsäure abstammende Säure, die Fettsäure, enthalten.

Eine Hauptverschiedenheit der fetten Pflanzenöle von den Thierfetten besteht darin, daß erstere in Vitrioläther sich hell und durchsichtig auflösen, letztere aber ein milchartiges, weißtrübes Gemisch bilden, welches ein Kennzeichen abgiebt, ob erstere mit letztern verfälscht sind. Wallrath aber ist[160] eine eigenartige Thiersubstanz, so wie Wachs eine eigenartige Pflanzensubstanz ist; ersteres wird im Aether zur durchsichtigen Auflösung, und scheidet sich bei längerm Stehen krystallinisch wieder heraus, letzteres hingegen wird blos im Aether zertheilt und bildet ein trübes Gemisch von weißer oder gilblicher Farbe, je nachdem das Wachs diese oder jene Farbe hatte.

Unter sich selbst sind die fetten Gewächsöle ebenfalls unterschieden. Einige gerinnen kaum in der größten Frostkälte und bleiben immer flüssig, das Hanföl, das Leinöl, das Mohnöl, das Nußöl; das Mandelöl bei einer Kälte von 10° Reaum. unter dem Gefrierpunkte; das Rüböl ungefähr in gleicher Kälte; das Baumöl, oder vielmehr der eine schwerere Theil desselben, bei einer einige Tage fortgesetzten Temperatur von 10° Reaum.; das Beenöl schon bei einer Wärme von 12° bis 15° Reaum. und das Kakaoöl (Kakaobutter) behält die Festigkeit des Hammeltalgs bei der gewöhnlichen Wärme unsrer Atmosphäre.

So weichen sie auch in Absicht der Neigung ranzig zu werden, von einander ab. Zwar setzt man hier als Regel fest, daß diejenigen am wenigsten ranzicht würden, welche bei einer geringern Kälte schon gelieferten. Hienach werden das Leinöl, das Nußöl, und das Hanföl leichter ranzig als das Baumöl, das Mandelöl und das Rüböl; und diese wiederum leichter, als das Sesamöl und das Palmöl, und diese wieder leichter als das Beenöl und die Kakaobutter. Indeß ist diese Regel nicht allgemein; das zuletzt bei der Auspressung der Beenmandeln hervordringende Oel ist nicht gerinnbar, und bleibt doch eben so lange von Ranzigkeit frei als das butterartige Beenöl, weshalb es auch die Uhrmacher zum Einschmieren der Räderzapfen allen andern Oelen vorziehen. Das weit weniger als das Baumöl dem Gerinnen unterworfene Buchkernöl braucht weit mehr Zeit zum Ranzig werden, als jenes. In der Kälte und in gläsernen Gefäßen soll es zehn Jahre frisch bleiben. Die festere Kakaobutter wird noch eher ranzig als das weichere Beenöl, welches mehrere Jahre frisch bleibt. Die erstere wird durch die Ranzigkeit weiß, verliert aber nichts an ihrer Festigkeit, während das Beenöl durch die Ranzigkeit alle Gerinnbarkeit verliert.

Ueberhaupt werden die Oele um desto weniger ranzig, je bei geringerer Hitze sie ausgepreßt worden, je mehr sie von den schleimigen Hefen gesäubert sind, und je kälter der Ort ist, wo sie aufbewahret werden. Die durch Kochen mit Wasser gewonnenen Pflanzenbuttern werden sehr bald ranzig.

So weichen auch einige Oele in Absicht der Eigenschaft ab, leichter trocken an der Luft zu werden, als andre. Die am schnellesten trocknen, sind das Leinöl, das Nußöl, das Hanföl, das Mohnöl. So vertrocknet, erlangen sie die merkwürdige Eigenschaft, in Aether oder den flüchtigsten wesentlichen Oelen (Rosmarin-Kajeput- Lavendel- und destillirtem Zitronöl) aufgelöst, mit Weingeist[161] mischbar, oder mit andern Worten, zu einer Art Kopal zu werden, welcher selbst kein Harz, sondern ein verdicktes, fettes Pflanzenöl ist.

Man gewinnt die fetten Oele gewöhnlich aus solchen ölichten Samen, (welche mit Wasser gerieben Emulsionen geben) vorzüglich durch trocknes Auspressen, eine Verrichtung, die man unter diesem Artikel beschrieben findet.

Doch bedient man sich auch des Kochens zur Ausscheidung einiger butterartigen oder harten Pflanzenöle, besonders der Kakaobutter, wozu die Kakaokerne, am besten die Martinikschen, ebenfalls gelind bis zur Absonderung der Schale geröstet, von Schalen gereinigt, im heißen Mörsel zum feinen Teige gestoßen, auch wohl noch, wie zur Schokolate, auf einem Marmor mit einem eisernen Zylinder fein gequetscht werden. Dann kocht man den Teig etwa eine halbe Stunde mit vielem Wasser, läßt es erkalten, nimmt die Butter mit einem durchlöcherten Löffel ab, kocht das übrige von neuem, läßt es erkalten, nimmt die Butter ab und so auch zum dritten Male.

Die gesammelte, von eingemischtem Kakaopulver braune Butter wird entweder einige Stunden mit Wasser gekocht, oder im Digestorium (m. Oefen) mehrere Stunden in einem hohen, engen Gefäße fließend erhalten, wo die braunen Theile sich zu Boden setzen und die erkaltete weiße Butter aus dem zerbrochenen Gefäße genommen wird, oder man läßt sie in einem warmen Ofen in einem Filtrum von Löschpapier durchseihen, wodurch sie ebenfalls ziemlich farbelos wird.

Indessen steht das Auskochen dem Auspressen nach, weil ersteres weniger Kakaobutter, und von weicherer Konsistenz giebt, welche auch leichter ranzig wird.

Ungeachtet die Amerikaner das Rizinusöl ebenfalls durchs Auskochen erhalten, so ist es doch bei uns noch nicht gelungen. So gewinnt man auch im Orient das dickliche Oel aus den Sesamsamen, und aus den Kernen der Palmen.

Die frischgepreßten Oele sind immer trübe, und ob dieß gleich keine Empfehlung für sie ist, so dient doch z.B. beim Mandelöle die Trübheit zum Zeichen seiner frischen Bereitung. Die zu andern Behufen gebräuchlichen fetten Oele schätzt man, wenn sie ihre schleimige Trübheit in der Kälte abgesetzt und hell geworden sind, ohne ranzig geworden zu seyn.

Ueberhaupt ist die Aufbewahrung an kalten Orten und in neuen, oder doch noch nicht mit ranzigen Oelen durchzogenen Geschirren (in Glasflaschen im Keller) das beste Verhütungsmittel der Ranzigkeit. Die ranzigen Oele zu arzneilichem innerm Gebrauche durch Schütteln mit Weingeist, oder durch Vermischung mit gährenden Obstbreien wiederherstellen wollen, ist ein unzureichendes, und deshalb für die Arznei verwerfliches Verfahren. Nicht einmal zur äußerlichen Auflegung, nicht zum Einreiben, nicht zu Salben dürfen sie genommen werden, weil sie reitzen und entzünden, statt zu schmeidigen, und zu lindern; auch nicht zur medizinischen Seife.[162]

Man nimmt sie, sobald sie nur einigermaßen ranzig geworden sind, entweder zur Bereitung des Ziegelöls, oder zum Brennen in Lampen, oder zur Schmeidigung des Leders, u.s.w.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 2. Abt., 1. Teil, Leipzig 1798, S. 160-163.
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