Salpeter

[104] Salpeter (Nitrum, Nitrum prismaticum, Alcali vegetabile nitratum, Kali nitratum) ist ein Neutralsalz, welches in heißen Klimaten oft reichlich an der Oberfläche der Erde, oder in Kreidegruben ausblüht, bei uns aber mit Hülfe der Kunst zusammengesetzt wird, indem man Wände, von Stroh, Lehm, Seifensiederasche und Schutt aufgeführt, welche Kalk und Bittererde enthalten) unter einem, wenig Luftzug verstattenden Obdache mehrere Jahre stehen läßt, und öfters mit Blut und Harn anfeuchtet, dann die äußere, abgekratzte Erdschicht der Wände, welche eine hinlängliche Menge ausblühenden Salzes zeigt, mit Holzasche vermischt, mit weichem Wasser auslaugt, und die Lauge so weit einsiedet, daß in der Kälte der Salpeter anschießen kann. Wechselsweiser Zutritt des reinen Theils der atmosphärischen Luft und des Stickgases aus den thierischen Abfällen zu der immer feucht erhaltenen Kalk- und Bittererde in den Lehmwänden mag wohl die Erzeugung der erdigen Salpetersalze bewirken, welche beim Auslaugen durch das Alkali der zugesetzten Holzasche zersetzt, nun wahren prismatischen Salpeter hergeben. Die vom ersten Salpeteranschusse übrig bleibende Mutterlauge enthält erdige Salpetersalze. In ältern Zeiten präzipitirte man sie mit Potaschauflösung, und nennte die niedergeschlagene Erde Magnesia nitri[104] (w.s.). Seitdem man aber weiß, daß sie gewöhnlich aus Kalkerde besteht, gießt man diese Lauge wieder auf die Wände. Dieser rohe, große Verbesserungen bedürftige Prozeß bringt den rohen Salpeter (Nitrum crudum) hervor, welcher von schmutziger Farbe und an der Luft feuchtend, noch erdige Salze und Küchensalz bei sich führt, von denen er mittelst eines hinreichenden Zusatzes von Potasche (zur Zersetzung der erdigen Salze), durch starkes Einsieden der durchgeseiheten Lauge bis zur spezifischen Schwere von 1,400 damit das Kochsalz (Korn) abgesetzt werde, dann durch abermahlige Verdünnung der Lauge mit einem Drittel des Ganzen an weichem kochenden Wasser und Hinstellung derselben (am besten in Frostkälte) zum Krystallisiren, gereinigt oder raffinirt wird.

Dieser raffinirte oder geläuterte Salpeter ist ein Neutralsalz in langen sechsseitigen, gerieften Säulen, mit sechsseitigen, oft schräg abgestuzten Endspitzen, im Hundert aus 63 Theilen Potaschlaugensalz, aus 30 Theilen Salpetersäure und 7 Theilen Wasser zusammengesetzt, von kältendem, scharfem, endlich bitterm Geschmacke. Seine Auflösung, wenn er ganz rein ist, wird weder von zugetröpfeltem Laugensalze, noch von der Silberauflösung in Salpetersäure, getrübt; welches aber höchst selten geschieht. Gewöhnlich enthält er immer noch Kochsalz. In 480 Theilen Wasser lösen sich bei 50° Fahr. 60 Theile, bei 59° Fahr. 70 Theile, bei 65° Fahr. 90 Theile, bei 1441/2° Fahr. 460 Theile und bei 212° Fahr. wenigstens 480 Theile Salpeter auf. Im Glühen fließt er und geht dann bald in glühendes Kochen über, wobei sich aus einer Unze auf 80 Kubikzoll reine Luft entbinden und das rückständige Laugensalz ist bloß noch mit nitröser Luft gesättigt, nicht aber reines Laugensalz, wie man gewöhnlich wähnt.

Wird er im Glühen von brennbaren Substanzen berührt, so zersetzt sich seine Säure unter einem starken Getöse gänzlich, welches Verpuffen (Detonatio) genannt wird.

Dieser Eigenschaft zufolge verfertigten die Alten ein unnöthig theures Potaschlaugensalz, indem sie ein Gemisch von gleichen Theilen Salpeter und Holzkohlen entweder in einem glühenden Schmelztiegel verpufften, oder auch wohl in eine glühende, irdene Tubulatretorte mit einer weiten Vorlage (etwas vorgeschlagenes Wasser in letzterer) trugen und in jener das Laugensalz, den sogenannten fixen Salpeter (alcali nitri, Nitrum fixum, s. alcalisatum), in dieser aber eine schwache Salpetersäure, den sogenannten Salpeterklyssus (Clyssus nitri) erhielten. Jenes an der Luft zerflossene Laugensalz nannten sie Glaubers Alkahest (Liquor nitri fixi).

Ein eben so theures Laugensalz verfertigten sie, eben so unnöthigerweise, indem sie ein Gemisch von gleichen Theilen Salpeter und gereinigtem Weinsteine in einem Schmelztiegel durch eine eingeworfene glühende Kohle entzündeten und verpufften, da sie[105] dann das übrig gebliebene, reine Potaschlaugensalz weißen Fluß (Fluxus albus, Sal tartari extemporaneum) nannten.

Eben so suchten die Alten den Salpeter durch eine Art Verpuffung mit Schwefel, wie sie meinten, zu reinigen, indem sie ein Gemisch von acht Theilen des erstern und einem Theile des letztern zu kleinern Portionen in einen glühendem Schmelztiegel trugen, und die geflossene Masse mittelst einer Maschine in kleinen Kugeln auf ein Blech austheilten, woraus die sogenannten Salpeterküchelchen (Lapis prunellae, Sal prunellae, Nitrum tabulatum, Crystallus mineralis) entstunden, ein Salpeter mit etwas Vitriolweinstein aus dem zersetzten Schwefel gemischt. Daß dieser in der entzündlichen Bräune vorzugsweise zum Zergehen in den Mund und in Gurgelwasser genommen wurde, statt reinen Salpeters, kann man jenen Zeiten wohl verzeihen. Macht man sie ja noch, so nimmt man nur 1/30 Schwefel zum Verpuffen.

Bei einer andern alten Mischung, wo man gleiche Theile Salpeter und Schwefel zur Mischung nimmt, die man im glühenden Schmelztiegel verbrennen läßt, bleibt wenig Salpeter übrig, und fast der ganze Rest (auch Sal polychrestum Glaseri genannt) ist ein Salz, was nicht sonderlich vom Vitriolweinstein verschieden ist. Man rühmte es gegen Wechselfieber, u.s.w. ungebührlicher Weise.

Der Salpeter, vor sich in der Arznei angewandt, besitzt kühlende, Lebenskraft schwächende Eigenschaften, und wird von vernünftigen Aerzten bloß gegen rein entzündliche Krankheiten mit allzu großer Thätigkeit der Faser angewendet. In der Wassersucht mit straffer Faser hat er sich zuweilen harntreibend erwiesen. Uebrigens sind seine Kräfte unbekannt, weil er unaufhörlich gemißbraucht, mit andern Dingen vermischt, und daher in Absicht seiner Eigenschaften nicht genau beobachtet wird. Durch seine empirische tagtägliche Anwendung in fast allen Krankheiten sind unzählige Menschen allmählich dem Tode überliefert, oder doch in langwierige, schwerheilbare Krankheiten unvermerkt gestürzt worden, durch Schwächung des ganzen Körpers überhaupt und der Verdauungswege insbesondre.

Am nutzbarsten macht sich der Salpeter durch seine Säure, die zu Auflösung andrer Substanzen, besonders der Metalle, zur Bereitung der versüßten Säure, u.s.w. gebraucht wird. Sie wird zwar in Scheidewasserbrennereien aus dem Salpeter am gewöhnlichsten durch Zusatz gleicher Theile bis zur Weiße gebrannten Vitriols, oder zwei bis drei Theile Kolkothar, auch wohl drei bis vier Theile Thon destillirt, sie wird auch durch Alaun, Phosphorsäure und weißen Arsenik ausgetrieben, aber die vortheilhafteste Methode bleibt immer die Zersetzung mit starker Vitriolsäure. Zu dieser Absicht wird in einer gläsernen, vorher wohl erwärmten, an ihrem Dache mit einer Tubulatöfnung und einem gläsernen Stöpsel (die Zeichnung unter Destillation)[106] versehnen Retorte auf zwei Theile gepülverten, trocknen, ganz gereinigten Salpeters ein Theil sogenanntes Vitriolöl, allmählich durch die Tubulatöfnung, unter öfterm Umschütteln der Retorte, eingegossen, so daß sie nur etwas über ein Drittel damit angefüllt werde. Die durch dieses Gemisch sehr erhitzte Retorte wird nun in die eben so heiß gemachte Sandkapelle eingesetzt, die Vorlage mit ihrer Hülfsröhre (die Zeichnung unter Salmiakgeist) angelegt, die Fugen mit gebranntem Gyps, mit Wasser zu Brei angerührt und Leinwandstreifen darüber gebunden, und die Destillation bei allmählich bis aufs höchste verstärktem Feuer vollführt. Wenn beim stärksten Feuer die Vorlage kalt zu werden anfängt, so beendigt man die Destillation, und gießt das Destillat schnell in eine trockne Flasche, deren gläserner, eingeriebener Stöpsel vor der Verschließung in fließendes weißes Wachs getaucht worden ist, damit er desto genauer schließe. Dieß ist die rauchende Salpetersäure (rauchender Salpetergeist, Acidum Nitri concentratum, Spiritus Nitri fumans, s. Glauberi) eine braungelbe Flüssigkeit von meistens 1,500 spezifischem Gewichte, welche begierig Feuchtigkeit aus der Luft anzieht und unaufhörlich feuerrothe Dämpfe, von erstickendem, eignem Geruche ausstößt, eine Eigenschaft, die man ihr benimmt, wenn man aus einer Retorte etwa den achten Theil unter gelindem Sieden überdestillirt, da dann eine wasserhelle, nicht weniger starke Salpetersäure (Acidum nitri dephlogisticatum) übrig bleibt, die keine rothen, sondern einige weiße Dämpfe von sich giebt.

Schlägt man bei Austreibung der Salpetersäure in der Vorlage so viel Wasser vor, als das Gewicht des angewendeten Salpeters beträgt, so lößt sich die übergehende Säure darin auf, und man erhält eine etwa halb so starke Säure, die gemeinhin Salpetersäure (Acidum Nitri, s. nitrosum) genannt wird, und ungefähr mit dem doppelten Scheidewasser (aqua fortis duplex) der Laboranten übereinstimmt, welches 1,281 eigenthümliches Gewicht besitzen soll. Wird dieses nochmahls mit gleichen Theilen Wasser verdünnt, so entsteht das gewöhnliche (einfache) Scheidewasser (Aqua fortis, Spiritus Nitri, Acidum nitri tenue, s. dilutum).

Nach dieser Destillation bleibt als Rest in der Retorte Vitriolweinstein (Potaschvitriolsalz) zurück, welcher nach dieser Arbeit vorzüglich, wiewohl unnöthiger Weise arcanum duplicatum genannt wird und von anhängender Säure durch Potaschlaugensalz befreit und durch Krystallisation zu gute gemacht werden muß. Das in dem Fläschchen, worin die Hülfsröhre stand, vorgeschlagene Wasser, ist von der durchgegangenen Salpeterluft zu einer dünnen Salpetersäure geworden.

Die auf obige Art destillirte Salpetersäure enthält immer etwas Kochsalzsäure (wenn auch der Salpeter wohl raffinirt war) und vom Austreibungsmittel auch mehr oder weniger Vitriolsäure.[107] Um letztere, wenigstens in einer starken Salpetersäure auszuforschen, ist die bloße Eintröpfelung der salpetersauren Schwererde, wie man gewöhnlich vorschlägt, nicht zureichend, da das große Uebermaß der Salpetersäure das etwa entstandne Barytvitriolsalz (Schwerspat) beim Umrühren schnell wieder auflößt, wie ich oft erfahren habe. Das auf Vitriolsäure zu prüfende Scheidewasser muß deßhalb mit kaustischem Salmiakgeiste gesättigt werden, ehe man die salpetersaure, oder kochsalzsaure Schwererde eintröpfelt. Hundert Theile niedergefallener und getrockneter Schwerspat beweisen 13 Theile Vitriolsäure. Um es auf Kochsalzsäure zu prüfen, tröpfelt man in eine andre Portion Salpetersäure eine Auflösung des Silbersalpeters, mit 100 Theilen Wasser bereitet, ein, (bei einer so verdünnten Auflösung kann kein Silbervitriol niederfallen und den Prüfer täuschen) und so werden 100 Theile des präzipitirten Hornsilbers 18 Theile Kochsalzsäure beweisen. Um nun die Salpetersäure von beiden zu befreien, giebt es meines Wissens keinen bessern Weg, als alle Kochsalzsäure zuerst zu tilgen, und deshalb eine Auflösung des krystallisirten Silbersalpeters so lange einzutröpfeln, bis kein Niederschlag mehr erscheint, dann zu der vom Bodensatze abgegossenen Salpetersäure noch so viel salpetersaure Schwererde hinzuzufügen, als zur Zersetzung der nach oben angegebner Prüfung erforschten Menge Vitriolsäure darin zureicht (und noch mehr) worauf man den etwa entstandenen Bodensatz davon absondert, und die Salpetersäure vor sich nochmahls übertreibt. Dann ist es zwiefach gefällte Salpetersäure (Acidum nitri purissimum) statt daß sich der Probirer der edeln Metalle mit der Befreiung von der Kochsalzsäure durch Eintröpfelung der Silberauflösung und nochmahlige Uebertreibung der Säure begnügt, die dann (einmahl) gefälltes Scheidewasser (aqua fortis praecipitata) genannt wird.

Die nicht nur von Kochsalz sondern auch Vitriolsäure befreite Salpetersäure ist nicht nur zu einigen pharmazeutischen Zwecken, vorzüglich zur Bereitung des auflöslichen Quecksilbers, sondern auch zu vielen chemischen Prüfungen theils dienlich, theils erforderlich.

Die freie Salpetersäure ist in bösartigen Nervenfiebern, unter viel Getränk gemischt von Einigen mit Nutzen gebraucht, und auch als harntreibendes Mittel dienlich befunden worden.

Mit Weingeist verbunden bildet die Salpetersäure eine Mittelflüssigkeit, dem Salpeteräther (Salpeternaphta, Naphtha, s. Aether Nitri) eine strohgelbe, nach Borstorfer Aepfeln sehr angenehm riechende Flüssigkeit von 0,760 eigenthümlichem Gewichte, welche an der Luft eine Menge Gas entwickelt und gleichsam aufbrauset, mit heller, gelber Farbe unter Hinterlassung eines Rußes verbrennt, und einen feurigen bitterlichen Geschmack besitzt.

Zu seiner Bereitung ist es sehr schwer und fast unmöglich, eine[108] Vorrichtung anzugeben, die nicht großer Gefahr durch Zerplatzung der Gefäße und Beschädigung der Gesundheit unterworfen wäre, da selbst die Aufbewahrung des schon fertigen Salpeteräthers und seine Dispensirung nicht unbeträchtlicher Gefahr ausgesetzt ist.

Die größte Gefahr liegt in der Mischung der Säure mit dem Weingeiste, in der Wärme bei der Destillation, und in freier im fertigen Aether noch zurückgebliebenen oder von neuem entwickelten Säure.

Nie nehme man die Bereitung außer im Winter bei starker Frostkälte vor.

Man macht eine Vorrichtung, daß aus einer Flasche mit vier Unzen rauchender Salpetersäure nur etwa alle vier Sekunden ein Tropfen oder alle Minuten 15 Tropfen fallen (etwa mittelst eines eingehängten, heberformigen gläsernen Haarröhrchens) und leitet dieses Tröpfeln in die eingeschliffene Tubulatöfnung einer Retorte, deren Mündung verstopft ist und deren Bauch mit zwölf Unzen des stärksten Weingeistes angefüllt ist und in Schnee eingegraben steht. Man schüttelt die Retorte alle halbe Stunden einmahl um, läßt, wenn das Eintröpfeln und Schütteln vorüber ist, das Gemisch noch vier und zwanzig Stunden in Schnee oder Schneewasser stehen, setzt dann die Retorte in die Sandkapelle des Lampenofens ( Oefen) ein, legt das Vorlagegeräth mit der Hülfsröhre ( die Zeichnung unter Salmiakgeist) an den Schnabel der Retorte, dessen Fuge mit nasser Blase verbunden wird, und destillirt mit einem oder etlichen angezündeten Dochten, bei so gelinder Wärme (anfangs etwa 90° Fahr. endlich 110°), daß man sich zwölf Stunden Zeit zur Uebertreibung ungefähr eines Viertels der ganzen Mischung, nimmt. Dieses Destillat von kaum vier Unzen wird mit zwei Quentchen tartarisirtem Weinstein, in zwei Quentchen Wasser aufgelößt, wohl geschüttelt, und die nach dem Absetzen helle gewordene Naphtha, ohne nochmahliges Uebertreiben, von der darunter stehenden Salzflüssigkeit, als rein, auf Unzengläser gefüllt, deren eingeschliffner gläserner Stöpsel in zerschmolznes weißes Wachs (mit etwas Mandelöl gemischt) getaucht worden; man hebt sie im Keller auf.

Die mit dem Reste in der Retorte fortgesetzte Destillation, bis das übergehende sauer zu schmecken anfängt, ist guter versüßter Salpetergeist (Spiritus Nitri dulcis, s. aethereus nitrosus, s. nitrosus vinosus, Acidum Nitri dulcificatum, s. vinosum) den man auch geradezu verfertigt, indem man eine Unze rauchende Salpetersäure mit obiger Vorsicht tropfenweise in die mit zwölf Unzen Weingeistalkohol geladene Retorte fallen, die Mischung ein Paar Tage verstopft stehen läßt, und bei schwachem Lampenfeuer die Destillation bis auf einen Rückstand von einem Achtel beendigt. Merkt man freie Säure an ihm (wenn er die Lakmustinktur roth, die Guajaktinktur blau färbt, mit Potaschauflösung braust u.s.w.) so wird er mit einem kleinen[109] Theile oberwähnter Auflösung von tartarisirtem Weinstein geschüttelt, und, von dem darunter stehenden Satze rein abgegossen, ebenfalls in kleinen Gläsern verwahrt, weil die öftere Oefnung eines größern Glases gar bald freie Säure darin entwickelt.

Bei andern Entsäurungsmitteln muß die Naphthe so wie der versüßte Salpetergeist nochmahls übergetrieben werden, welches die Arbeit, den Verlust und die Gefahr erneuert. Nach dem Schütteln mit aufgelößtem tartarisirtem Weinsteine aber, nimmt dieser wieder seinen Stand unter der Naphthe oder dem versüßten Geiste ein, man sieht ihn deutlich als eine dicklichere, obgleich eben so helle Feuchtigkeit unter der Naphthe oder dem versüßten Geiste schwimmen, und der mit der Säure entstandne, in diesen Geistern ebenfalls unauflösliche Salpeter ist mit dem präzipitirten Weinsteinrahme am Boden vereinigt; es bleibt wenig oder nichts von dem Zusatze mit den Geistern vereinigt, sie sind als rein anzusehen. Man hat bloß die Vorsicht nöthig, die Naphthe oder die versüßte Salpetersäure von der darunter stehenden dicklichen Salzflüssigkeit behutsam abzugießen, daß sie mit dem Bodensatze zurück bleibe, und nicht unnöthigerweise unter die Geister komme. Die zur Entsäurung gebräuchliche Potaschlaugensalzauflösung erregt Brausen, wobei viel Naphthe verlohren geht, und das Kalkwasser muß, wenn es entsäuren soll, in einiger Menge zugegossen werden, wobei viel Naphthe von ihm aufgelößt wird.

Der klebrige Rückstand von dieser Destillation läßt sich durch Kochen mit frischem Salpetergeiste in Sauerkleesalzsäure umändern.

Außer jenen und ähnlichen Bereitungen der Salpeternaphthe durch Destillation hatte man zwar schon seit 1742 die von selbst erfolgende Absonderung dieser Naphthe von Gemischen aus starker Salpetersäure und Weingeist wahrgenommen, und sie auf diese Art durch bloße mechanische Absonderung ohne Destillation zu gewinnen versucht, das Unternehmen blieb aber wegen der unbehutsamen Vermischung der Säure mit dem Weingeiste sehr gefahrvoll, bis Black (etwa im Jahre 1777 oder 1778) den Weingeist über die Säure dergestalt brachte, daß beide einander Anfangs nicht berührten, sondern nur nach und nach auf einander einwirkten; eine gefahrlose, obgleich nicht sehr ergiebige Verfertigungsart der Naphthe. Man stellt sie bloß in der Winterkälte, und sonst zu keiner andern Jahrszeit an; dieß ist ein Hauptumstand, da eine nur im Mai vorgenommene Bereitung schon einen Verlust fast der ganzen, bei einem Ansatze von nicht völlig sieben Unzen Weingeist, drei Unzen betragenden Menge Aether zur Folge gehabt hat.

Man befestige etwas Schweres, etwa Blei, äußerlich am Boden einer schmalen, langen starken Flasche mit eingeriebenem Stöpsel, welche etwa funfzehn Unzen Wasser fassen kann, in diese gieße man mittelst eines gläsernen Trichters oder einer neuen Tabakspfeife drei Unzen rauchende[110] Salpetersäure, damit nichts davon an die obern Wände komme, setze die Flasche in ein weites Gefäß mit Eis und Schneewasser, die Flasche recht kalt zu erhalten, und sorge dafür, daß immer genug Eis und Schnee zur Abkältung während der ganzen Bereitung in dem Gefäße vorhanden sei. Nun lasse man durch die oben angegebene Vorrichtung auf den Rand der Flasche allmählich einiges Wasser tropfenweise (etwa alle Sekunden einen Tropfen) fallen (welches dann an den innern Wänden der Flasche langsam herabrinnt, und seine Stelle über der Säure einnimmt, ohne letztere in Bewegung zu setzen, oder sich mit ihr zu vermischen) so viel, daß die Oberfläche der Säure von dem Wasser völlig bedeckt wird. Es wird kaum eine Unze Wasser nöthig seyn, wenn die Flasche enge und hoch ist. Ist dieses geschehen, und das Wasser über der Säure wieder erkaltet, so läßt man wiederum durch eine ähnliche Vorrichtung, wie die oben angegebene, fünftehalb Unzen Weingeistalkohol dergestalt auf den Rand der Flasche tröpfeln, daß ungefähr alle Sekunden ein Tropfen an der innern Wand der Flasche herabgleite. In nicht völlig einer Stunde ist der Alkohol eingefüllt und steht sichtbar abgesondert über dem Wasser. Man verstopft nun die Flasche mit ihrem eingeriebenen Stöpsel, und läßt sie ganz unbewegt stehen. Nach einiger Zeit wird die Farbe der Salpetersäure blaugrün, sie schickt mehrere Bläschen durch das Wasser und den Weingeist aufwärts, über dem Wasser sammelt sich eine flockichte Materie, der Weingeist wird gelblicht trübe, es erscheint Naphthe über dem Weingeiste, die Säure verliert dann ihre Farbe, ist nicht mehr vom Wasser zu unterscheiden, beide sind trübe, bis sie sich allmählich aufhellen. Sind beide hell, durchsichtig und farbelos, so wird die Naphthe in einem Scheidetrichter abgefüllt, aus diesem, abgesondert, in eine Flasche gelassen, worin sich zwei Quentchen tartarisirter Weinstein in zwei Quentchen Wasser aufgelößt befinden, wohl damit geschüttelt, dann wiederum von dieser Salzflüssigkeit geschieden, und, wie oben angegeben, in kleinen Flaschen im Keller verwahrt. Drei bis viertehalb Unzen Salpeteräther ist der höchste Betrag von diesem Einsatze; oft ist er weit geringer. Am besten ist es, wenn der ganze Vorgang nicht unter vier und nicht über fünf Tage dauert. Die rückständige Säure, noch mit Aethertheilen angefüllt, kann, mit 18 Unzen Weingeist vermischt, wieder zur Destillation des versüßten Salpetergeistes angewendet werden.

Man pflegt zwar über die drei Unzen rauchende Salpetersäure bei dieser Bereitung so viel Wasser zu setzen, daß letzteres einen eben so hohen Raum in der Flasche einnehme, als die Salpetersäure, gewöhnlich zwei Unzen Wasser. Dieß ist aber, wenn man bei Frostkälte arbeitet, zu viel, es geht allzuviel Zeit darüber hin, ehe die völlige Vereinigung der Säure mit dem Weingeiste[111] erfolgt, in welcher Zeit (oft 8 bis 10 Tage) viel Naphthe verloren geht, der Verdünnung des Weingeistes und der Säure nicht einmahl zu gedenken. Bei einer wärmern Witterung aber, und ohne Eis, vorzüglich aber wenn das Wasser nicht so allmählich, wie oben beschrieben, auf die Säure gebracht wird, erhitzen sich beide dergestalt mit einan der, daß auch diese große Menge Wasser nicht hinreichend ist, einen hitzigen Eingriff der Säure auf den Weingeist zu verhüten, wodurch gewöhnlich aller Aether in die Luft gejagt wird. Unter solchen Umständen verhindert auch eine so große Menge Wasser den übeln Ausgang nicht, unter jenen Umständen aber, bei einer langen engen Flasche, bei unmerklicher Auftragung der leichtern Flüssigkeiten, und bei hinreichender Frostkälte, erfüllt weniger als halb so viel Wasser alle erwünschte Absicht vollkommen. Der erste Erfinder, Black, nahm nur so viel Wasser, daß die Säure damit bedeckt wurde.

Da wenig Apotheker bis jetzt mit gutem Salpeteräther versehen gewesen sind, so hat man noch nicht hinreichende arzneiliche Erfahrungen mit ihm anstellen, oder seine Verschiedenheit vom Vitrioläther wahrnehmen können. Indeß weiß man, daß er nebst dem versüßten Salpetergeiste erquickende und beruhigende Kräfte äußert. In Koliken von hysterischer und arthritischer Ursache, so wie in andern Krämpfen, in Schlagflüssen, und im Nervenfieber, und als harntreibendes Mittel hat man, wenigstens den versüßten Salpetergeist gerühmt, welcher auch, wenn er kräftig bereitet worden, in der Arznei füglich statt des Salpeteräthers angewendet werden könnte, wenigstens sollte man letzteren mit gleichen Theilen Weingeist gemischt in Apotheken aufzubewahren erlauben, statt des unvermischten, um den Apotheker der Gefahr wenigstens beim Dispensiren zu überheben.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Apothekerlexikon. 2. Abt., 2. Teil, Leipzig 1799, S. 104-112.
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