Vorrede.

Ich schreibe keine Kritik der bekannten Arzneimittellehren, sonst würde ich umständlich die bisherigen vergeblichen Bemühungen vorlegen, die Kräfte der Arzneien aus der Farbe, dem Geschmacke und Geruche zu beurtheilen, oder sie durch die Chemie zu eruiren, in wässeriger und trockner Destillation, um aus ihnen Phlegma, ätherische Oele, bränzlichte Säure und bränzlichte Oele, Salz-Anflüge, und aus dem Todtenkopfe fixe Salze und Erden (fast gleichförmig) zu ziehen, oder, nach dem neuern chemischen Verfahren, durch Auflösung ihrer auflöslichen Theile in verschiednen Flüssigkeiten, Eindickung der Auszüge oder durch Zusatz mancherlei Reagenzen, Harz, Gummi, Kleber, Stärckemehl, Wachs- und Eiweisstoff, Salze und Erden, Säuren und Alkaloiden daraus zu scheiden, oder sie in Gasarten zu zersetzen. Es ist bekannt, dass die Arzneistoffe nach allen diesen technischen Torturen doch nie zum Geständnisse zu bringen waren, mit welcher Heilkraft jedes einzelne der unzähligen Arzneimittel individuell beseelet sey; die wenigen ausgeschiednen materiellen Stoffe waren nicht der, jeden einzelnen Arzneistoff zur Heilung besondrer Krankheitszustände beseelende individuelle Geist – dieser lässt sich nicht mit Händen betasten, sondern ist bloss aus seinen Wirkungen im lebenden Körper erkennbar.

Der Tag für die wahre Erkenntniss der Arzneimittel, und für die wahre Heil- und Gesundmachungs-Kunst wird anbrechen, wenn man nicht mehr so unnatürlich verfahren wird, Arzneien, die man nur nach vermutheten Tugenden und vagen Lobsprüchen, das ist, im Grunde gar nicht kennt, vielfach unter einander zu mischen, um mit solchen Gemengen1 die (nicht individuell nach allen ihren Zeichen [3] und Symptomen ausgeforschten) Krankheits-Fälle, nach jenen selbstgemachten Krankheits-Formen und Krankheits-Namen, die die Pathologie ausgedacht hat, blindhin zu behandeln, und so weder zu erfahren, welcher einzelne Arzneistoff unter so vielen half oder schadete, noch auch in der Kenntniss der Heil-Tendenz jedes einzelnen Mittels weiter zu kommen.

Der Tag für die wahre Kenntniss der Arzneimittel und für die wahre Heil- und Gesundmachungs-Kunst wird anbrechen, wenn man einem einzelnen Arzneistoffe zutrauen wird, ganze Krankheits-Fälle allein heilen zu können, und wenn man, unrücksichtlich auf bisherige Systeme, jedem einzelnen, nach allen seinen Symptomen erforschten Krankheits-Falle bloss einen einzigen von den nach ihren positiven Wirkungen gekannten Arzneistoffen zur Auslöschung und Heilung entgegensetzen wird, welcher in seinen Symptomen-Reihen eine dem Krankheits-Falle sehr ähnliche Symptomengruppe aufzuweisen hat.

[4] Bei den fremden, hier mit beigefügten Beobachtungen sind einige, die an schon kranken Personen aufgezeichnet wurden. Da es aber chronische Kranke waren mit bekannten Krankheits-Symptomen, die man nicht mit unter die neuen Effecte von der zum Versuche genommenen Arznei mischte, wie wenigstens Greding sorgfältig gethan zu haben scheint, so sind diese Beobachtungen doch nicht ohne Werth, dienen wenigstens hie und da zur Bestätigung, wenn ähnliche, oder dieselben Symptome bei reinen Versuchen an gesunden Personen erscheinen.

Bei meinen eignen Versuchen und denen meiner Schüler ward alles in Acht genommen, was nur irgend zu ihrer Reinheit beitragen konnte, damit sich die wahre Wirkungskraft des jedesmaligen Arzneistoffs durch die wahrzunehmenden Erfolge klar aussprechen konnte. Sie wurden an möglichst gesunden Personen und bei möglichst gleichen und gemässigten äussern Verhältnissen angestellt.

Wenn aber zu dem Versuche ein ausserordentlicher Umstand von aussen hinzukam, welcher auch nur wahrscheinlich den Erfolg hätte abändern können, z.B. Schreck, Aergerniss, Furcht, eine beträchtliche äussere Beschädigung, eine Ausschweifung in irgend einem Genüsse, oder sonst ein grosses, wichtiges Ereigniss, – so ward von da an kein Symptom mehr bei diesem Versuche aufgeschrieben; sie wurden alle unterdrückt, um nichts Unreines in die Beobachtung eingehn zu lassen.

Nur wenn ein kleines Ereigniss dazwischen kam, von welchem man eine gewisse Abänderung des Arzneierfolgs nicht erwarten konnte, wurden die erfolgenden Symptome, als nicht entschieden rein, in Klammern eingeschlossen.

Was die bei jedem einzelnen Arzneistoffe angegebene Wirkungsdauer anlangt, die ich durch vielfältige Versuche zu bestimmen suchte, so muss ich erinnern, dass sie nur in Versuchen an möglichst gesunden Personen erfahren ward, in Krankheiten aber, je nachdem der zu behandelnde Krankheits-Fall mehr oder weniger akut, mehr oder weniger[5] chronisch ist, um Vieles schneller verläuft oder um Vieles länger anhält, als hier angegeben worden, überhaupt aber nie zutreffen kann, wenn man die Arznei in grosser Gabe (oder in unpassenden Krankheits-Fällen) reicht. In dem, einen, so wie in dem andern Falle kürzt sie sich nämlich ungemein ab, indem die Arznei sich dann durch erfolgende Ausleerungen (durch Nasenbluten, und andre Blutungen, durch Schnupfen, Harnfluss, Durchfall, Erbrechen oder Schweiss) gleichsam entladet, und so ihre Kraft schnell aushaucht. Der lebende Körper spuckt sie, so zu reden, auf diese Weise schnell von sich, wie er oft mit dem Miasm der ihn ansteckenden Krankheiten zu thun pflegt, wo er auch durch Erbrechen, Durchfall, Blutflüsse, Schnupfen, Convulsionen, Speichelfluss, Schweiss und andere dergleichen Bewegungen und Ausleerungen das Feindselige entkräftet und zum Theil von sich stösst. Daher kömmt's, dass man, in der gewöhnlichen Praxis, z.B. weder die eigenthümlichen Wirkungen, noch die Wirkungsdauer des tartatus emeticus, noch der Jalappe erfährt, weil man alle diese Dinge bloss in Gaben reicht, deren Uebergrösse den Organism zur schnellen wieder von sich Stossung reizt; – nur dann, wenn der Körper diess zuweilen nicht thut, d.i., wenn diese zur heftigen Ausleerung gereichten Mittel nicht ausleerten, sondern, wie der gemeine Mann sagt, stehen blieben, erfolgen die reinen, oft sehr bedeutenden und langdauernden Zufälle (die eigenthümliche Arzneiwirkung), welche man aber der Beobachtung und Aufzeichnung höchst selten gewürdigt hat.

Das Erbrechen, was 2, 3 Gran Brechweinstein, oder 20 Gran Ipekakuanhe; das Purgiren, was 30 Gran Jalappe, und der Schweiss, den eine Hand voll Holder-Blumen, als Thee getrunken, erregen, sind weniger eigenthümliche Wirkung dieser Substanzen, als vielmehr ein rom Organism ausgehendes Bestreben, die eigenthümlichen Arzneiwirkungen dieser Stoffe möglichst schnell zu vernichten.

[6] Daher haben die ganz kleinen Gaben, die die homöopathische Heillehre vorschreibt, eben jene ungemeine Wirkung, weil sie nicht die Grösse haben, dass der Organism sich genöthigt sieht, sie auf eine so revolutionäre Weise, wie jene Ausleerungen sind, von sich zu spucken. Und auch diese ganz kleinen Gaben reizen noch die Natur zu Ausleerungen (die ihre Wirkungsdauer verkürzen), in Krankheits-Fällen, wo das Mittel unpassend und nicht genau homöopathisch gewählt war.

Wer die in meiner Heillehre (Organon der Heilkunst) enthaltene Wahrheit, dass die dynamisch wirkenden Arzneien bloss nach ihrer Symptomen-Aehnlichkeit Krankheiten auslöschen, begriffen hat, und einsieht, dass wenn irgend eine Arzneistofflehre mit Sicherheit die Bestimmung der Heilwerkzeuge an den Tag legt, es eine solche seyn müsse, welche alle leere Behauptung und Vermuthung über die angeblichen Tugenden der Arzneien ausschliesst, und bloss angiebt, was die Medikamente von ihrer wahren Wirkungs-Tendenz in den Symptomen aussprechen, die sie für sich im menschlichen Körper erregen, der wird sich freuen, hier endlich einen Weg zu finden, auf welchem er die Krankheits-Leiden der Menschen mit Gewissheit, schnell und dauerhaft heben und ihnen das Glück der Gesundheit mit ungleich grösserer Sicherheit verschaffen könne.

Hier ist der Ort nicht, Anleitung zu geben, wie nach der vorgefundenen Symptomen-Gruppe des jedesmaligen Krankheits-Falles ein Heilmittel auszuwählen sey, welches die möglichst ähnliche Gruppe von eigenthümlichen Symptomen in seiner reinen Wirkung gezeigt hat. Diess wird im Organon gelehrt, so wie das, was über die Gaben zu homöopathischem Behufe im Allgemeinen zu sagen war.

Die möglichste Kleinheit derselben in potenzirter Ausbildung reicht zu dieser Absicht hin.

Ich habe die Symptome der vollständiger beobachteten [7] in einer gewissen Ordnung aufgeführt, wodurch die Aufsuchung des verlangten Arzneisymptoms vor der Hand ziemlich erreicht wird, wiewohl in den komponirten Symptomen sich nicht selten einige befinden, auf die an ihrer eigentlichen Stelle wenigstens mit Parallelcitationen hätte hingewiesen werden sollen, wenn es meine Zeit verstattet hätte.

Die gewönliche Ordnung der Symptome ist folgende:


Schwindel,

Benebelung,

Verstandes-Mängel,

Gedächtniss Mängel,

Kopfweh, inneres, äusseres,

Stirne, Haare,

Gesicht überhaupt (vultus) oder visus,

Augen und Gesicht (visus) oder vultus,

Ohren, Gehör, (Kiefer-Gelenk),

Nase, Geruch,

Lippen,

Kinn,

Unterkiefer, (Unterkieferdrüsen),

Zähne,

Zunge, (Sprachfehler).

Speichel,

Innerer Hals, Rachen,

Schlund, Speiseröhre,

Geschmack,

Aufstossen, Sood, Schlucksen,

Uebelkeit, Erbrechen,

Ess- und Trink-Lust2, Hunger,

Herzgrube, (Magengrube), Magen,

Unterleib, Oberbauch, Lebergegend, Hypochondern, (Unterribbengegend),

Unterbauch,

Lendengegend3,

Schooss, Bauchring,

Mastdarm, After, Mittelfleisch,

Stuhlgang,

[8] Harn, Harnblase, Harnröhre,

Geschlechtstheile,

Geschlechtstrieb,

Geschlechtsvermögen, Samenerguss,

Monatreinigung, Scheidefluss,

Niessen, Schnupfen, Katarrh, Heiserkeit,

Husten,

Odem,

Brust,

Herz-Bewegung,

Kreuz-Gegend, Lendenwirbel,

Rücken,

Schulterblätter,

Nacken,

Aeusserer Hals4,

Schultern, (Achseln),

Arme, Hände,

Hüften, Becken,

Hinterbacken,

Ober-Unter-Schenkel, Unterfüsse,

Die gemeinsamen Körper-Beschwerden und Hautübel,

Beschwerden in freier Luft,

Ausdünstung, Körpertemperatur, Verkältlichkeit, Verheben, Paroxysmen,

Krämpfe, Lähmung, Schwäche, Ohnmacht,

Gähnen, Schläfrigkeit, Schlummer, Schlaf, Nachtbeschwerden, Träume,

Fieber, Frost, Hitze, Schweiss,

Aengstlichkeit, Herzklopfen5, Unruhe, Zittern,6

Gemüthsveränderungen, Seelenkrankheiten.


Köthen, im Jenner 1830.


Samuel Hahnemann.

Fußnoten

1 Die gewöhnliche Arztwelt mag noch so fort, so lange sie's nicht einsieht, ihre mehrfach zusammengesetzten Recepte in die Apotheke verschreiben. Dazu braucht sie den Umfang der Wirkungen und die genaue und vollständige Bedeutung jedes einzelnen Ingredienzes gar nicht zu wissen: die Vermischung mehrerer hebt ohnehin alle Einsicht in die Wirkung des Gemisches auf, wenn man auch mit der Kraft der Dinge, einzeln gegeben, genau bekannt gewesen wäre.

Sie nennen das Curiren und dabei mögen sie bleiben, bis ein Geist der Besserung in ihnen erwacht, der sie treibe, nun auch bald zu heilen anzufangen, was bloss mit einfachen Arzneisubstanzen möglich ist.

Bloss dieser ihre reine Wirkung lässt sich genau erforschen, folglich voraus bestimmen, ob diese im gegebenen Falle helfen könne, oder jene andere.

Welcher gewissenhafte Mann wollte aber wohl ferner auf das wankende Leben, auf den Kranken, mit Werkzeugen, welche Kraft zu schaden und zu zerstören besitzen, ohne diese Kraft genau zu kennen, blindlings hinein arbeiten!

Kein Zimmermann bearbeitet sein Holz mit Werkzeugen, die er nicht kennt; er kennt jedes einzelne derselben genau und weiss daher, wo er das eine, und wo er das andre anzuwenden hat, um das gewiss zu bewirken, was die Absicht erfordert. Und es ist doch nur Holz, was er bearbeitet, und er ist nur ein Zimmermann!

2 Durst steht zuweilen hinter dem Schlucksen, und kömmt zum Theil auch unten bei den Fiebern mit vor.

3 Zuweilen beim Rücken und den Lendenwirbeln mit eingeschaltet.

4 Der äussere Hals kömmt zuweilen nach dem Unterkiefer mit vor.

5 Das nicht ängstliche Herzklopfen kömmt unter den Brust-Beschwerden vor.

6 Unruhe und Zittern, was bloss körperlich ist, und woran das Gemüth keinen Antheil nimmt, kömmt gewöhnlich bei den Gliedern oder unter den gemeinsamen Körper-Beschwerden vor.


Quelle:
Samuel Hahnemann: Reine Arzneimittellehre. Bd. 1, Dresden, Leipzig 31830, S. 3-9.
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