Wie können kleine Gaben so sehr verdünnter Arznei, wie die Homöopathie sie vorschreibt, noch Kraft, noch grosse Kraft haben?

So fragt nicht nur der gewöhnliche allopathische Arzt, welcher mit grossen Arznei-Portionen in seinen Recepten nicht hoch genug steigen zu können glaubt, sondern auch der Anfänger in der homöopathischen Kunst fragt so unverständig.

Ob es möglich sey, dass sie die nöthige Kraft haben könnten, zu zweifeln, scheint schon an sich selbst sehr thöricht zu seyn, da man sie in der That so viel wirken und den beabsichtigten Heil-Zweck offenbar erreichen sieht und täglich erreichen sehen kann.

Und was wirklich geschieht, muss doch wenigstens möglich seyn!

Doch auch dann, wenn die feindlichen Spötter den vor Augen liegenden Erfolg nicht mehr leugnen können, suchen sie dennoch durch täuschende Aehnlichkeits-Beispiele das selbst wirklich Geschehende, wo nicht als unmöglich, doch als lächerlich darzustellen.

»Wenn ein Tropfen so weit verdünnter Arznei noch etwas wirken könnte« – so lallen sie – »so müsste auch das Wasser des Genfer-See's, worein ein Tropfen kräftige Arznei gefallen ist, in jedem seiner Tropfen Wasser eben so viel Heilkräfte, ja noch weit[5] mehr äussern, da zu den homöopathischen Verdünnungen ein noch weit grösseres Verhältniss Verdünnungs-Flüssigkeit genommen wird.«

Hingegen dient, dass bei Bereitung homöopathischer Arznei-Verdünnungen nicht bloss ein kleiner Theil Arznei zu einer ungeheuern Menge unarzneilicher Flüssigkeit hinzugethan oder leicht damit vermengt wird, wie in obigem, bloss zur Spötterei ersonnenem Gleichnisse, vielmehr entsteht durch das fortgesetzte Schütteln oder Reiben nicht nur die innigste Mischung, sondern zugleich – was die Hauptsache ist – eine so grosse, bisher ganz unbekannte, nie geahnete Veränderung in Aufschliessung und Entwickelung der dynamischen Kräfte der so bearbeiteten Arznei-Substanz, dass es Erstaunen erregt.

In jenem, unbesonnen hingeworfenen Gleichnisse aber ist durch Eintröpfeln eines Tropfens Arznei in einen so grossen See nicht einmal eine oberflächliche Mischung desselben mit allen Theilen einer Wasser-Masse von solchem Umfange denkbar, damit jeder einzelne Tropfen einen gleichen Antheil von dem Tropfen Arznei enthielte.

An eine innige Mischung ist da vollends gar nicht zu denken.

Selbst eine nur mässig grosse Menge Wasser, z.B. ein Oxhoft voll Wasser lässt sich, wenn sie in Masse, im Ganzen, nur mit einem Tropfen Arznei geschwängert werden sollte, nie, auch in noch so langer Zeit, durch irgend eine denkbare Rühr-Anstalt gleichartig vermischen – nicht zu gedenken, dass die stete innere Veränderung und chemische, ununterbrochne Zersetzung der Bestand-Theile des Wassers die Arznei-Kraft eines Tropfens Gewächs-Tinktur schon binnen etlichen Stunden zerstört und vernichtet haben würde.[6]

So lässt auch z.B. ein Zentner Mehl, in ganzer Masse genommen, durch mechanische Vorrichtung sich mit einem Grane Arznei-Pulver nie so gleichartig mischen, dass jeder Gran Mehl einen gleichen Antheil von dem Arznei-Pulver bekäme.

Bei der homöopathischen Arznei-Zubereitung hingegen (gesetzt sie wäre auch nur eine gemeine Mischung, was sie doch nicht ist) entsteht, da nur wenig Verdünnungs-Flüssigkeit auf einmal dazu genommen wird (ein Tropfen Arznei-Tinktur mit nur 100 Tropfen Weingeist zusammengeschüttelt) die Vereinigung und gleichartige Vertheilung in wenigen Augenblicken.

Doch nicht bloss eine gleiche Vertheilung des Arznei-Tropfens unter ein grosses Verhältniss unarzneilicher Flüssigkeit (was in jenem ungereimten Gleichnisse nicht einmal denkbar ist) bewirken die Arznei-Verdünnungen zu homöopathischem Gebrauche, sondern sie bewirken auch – was unendlich mehr sagen will – durch das dabei angewendete Schütteln oder Reiben eine Veränderung in der Mischung, welche so unglaublich gross und so über alle Begriffe heilbringend ist, dass diese dadurch entstehende Entwickelung der geistigen Kraft der Arzneien durch das vervielfachte und fortgesetzte Reiben und Schütteln eines kleinen Theils Arznei-Substanz mit mehr und mehr trocknen oder flüssigen unarzneilichen Substanzen zu jener Höhe unstreitig zu den grössten Entdeckungen dieses Zeitalters gezählt zu werden verdient.

Welche physische Veränderung und Kraft-Entwickelung durch Reiben aus den Stoffen in der Natur, die wir Materie nennen, hervorgebracht werden, ahnete man nur bisher aus einigen Ereignissen – was sie aber in Entwickelung und Erhöhung der dynamischen[7] Kräfte der Arzneien für erstaunliche Wirkung hervorbringen könne, ahnete man nicht einmal.

Was nun auf der einen Seite die Entwickelung der physischen Kräfte aus den materiellen Stoffen durch Reiben betrifft, so ist schon diese höchst bewundernswürdig.

Die Materie hält bloss noch der Pöbel für todte Stoffe, da sie doch dahin gebracht werden können, grosse, erstaunenswürdige Kräfte aus ihrem Innern zu entwickeln.1

Der grosse Haufe sieht z.B., wenn ein Stück Stahl stark und schnell mit einem harten Steine (Agate, Flinten-Steine) herabschlagend gerieben wird, was man Feuer-Anschlagen nennt, dass da glühende Funken abfliegen (von denen Zunder und Schwamm anglimmt); aber der wie vielte unter ihnen hat wohl beobachtet und darüber nachgedacht, was da eigentlich vorgeht? Alle, wenigstens fast Alle schlagen gedankenlos ihren Zunder so an und fast Niemand durchschauet, was da für ein Wunder, für eine grosse Natur-Enthüllung sich ereignet.

Werden auf diese Weise mit gehöriger Kraft Feuerfunken geschlagen, die man auf ein weisses Papier fallen lässt, so sieht man mit blossen Augen, oder durch's Vergrösserungs-Glas meist nur kleine Stahl-Kügelchen da liegen, welche von der Oberfläche des Stahls durch den harten Reibe-Schlag mit dem Steine von dem übrigen Stahle in geschmolzenem Zustande getrennt und glühend, wie kleine Feuer-Kugeln, in Funken-Gestalt auf das Papier herabgeschleudert worden waren, wo sie erkalteten.

Wie? das heftige Reiben des Steins am Stahle herab (beim Feuer-Anschlagen), kann diess eine solche[8] Gluht hervorbringen, dass Stahl zu Kugeln schmelze? Gehört nicht eine Hitze von 3000 Fahrenheitischen Graden dazu, um Stahl zu schmelzen? Woher diese ungeheure Hitze? Aus der Luft nicht! Denn dieselbe Erscheinung erfolgt eben so gut im luftleeren Raume unter der Glocke einer Luft-Pumpe. Also aus den zusammengeriebenen Stoffen? Allerdings!

Glaubt aber der Alltags Mensch, dass der kalte Stahl, den er aus seiner Tasche zieht, um sich gedankenlos seinen Schwamm anzuglimmen, glaubt er wohl, dass dieser kalte Stahl einen unerschöpflichen Vorrath Hitz-Stoff (in latentem, gebundenem, unentwickeltem Zustande) in sich verborgen hege, welcher durch Reiben sich bloss daraus entwickelt und gleichsam erweckt wird? Nein! er glaubt es nicht und dennoch ist es so.

Doch nur durch Reiben lässt sich dieser unerschöpfliche Vorrath gebundenen Hitz-Stoffs aus den Metallen hervorlocken. Graf Rumford lehrt uns (im vierten Bande seiner Schriften) die Zimmer heitzen bloss durch schnelle Bewegung auf einander sich reibender Metall-Platten, ohne das mindeste, gewöhnliche Feuer-Material dabei anzuwenden.

Das Reiben ist nämlich von so mächtiger Einwirkung, dass nicht bloss die innern physischen Kräfte, wie der Wärme-Stoff, der Geruch,2 u.s.w. dadurch aus den Natur Körpern erweckt und entwickelt werden, sondern, was man bisher nicht wusste, auch die dynamischen Arznei-Kräfte der natürlichen Stoffe bis zu einem unglaublichen Grade hervorgerufen werden.[9]

Ich scheine der erste zu seyn, welcher diese grosse, unerhörte Entdeckung machte, dass die Kraft der rohen Arznei-Stoffe, wenn sie flüssig sind, durch vielmaliges Schütteln mit unarzneilichen Flüssigkeiten, und, waren es trockne Dinge, durch mehrmaliges, anhaltendes Reiben mit unarzneilichen Pulvern, so sehr an intensiver Arzneikraft zunehmen, dass, wenn diese Vorrichtung weit getrieben wird, selbst Substanzen, in denen man im rohen Zustande Jahrhunderte lang keine Arznei-Kraft wahrnehmen konnte, unter dieser Bearbeitung eine Kraft, auf das Befinden des Menschen zu wirken, enthüllen, welche Erstaunen erregt.

So erweisen sich feines Gold, feines Silber und Platinna gänzlich kraftlos auf das menschliche Befinden in ihrem gediegenen Zustande – eben so die Holz-Kohle in ihrer rohen Gestalt. Mehrere Grane Blatt-Gold, Blattsilber oder Kohle kann auch die empfindlichste Person einnehmen und sie wird nie eine arzneiliche Wirkung davon spüren. Alle diese Substanzen liegen so vor uns noch in einem arzneilichen Schein-Tode. Aber, nach der Weise homöopathischer Arznei-Zubereitung, durch stundenlanges, kräftiges Reiben eines Grans z.B. dieser Gold-Blättchen mit 100 Granen eines unarzneilichen Pulvers (Milchzuckers) entsteht ein Präparat, was schon viel Arznei-Kraft hat. Von diesem Präparate aber wiederum ein Gran mit 100 Granen Milchzucker eine Stunde lang gerieben und dieses Verfahren in gleicher Masse mit immer neuen 100 Granen Milchzucker wiederholt bis dahin, dass das letzte Präparat in jedem Grane ein Quadrillion eines Granes Gold enthält, giebt eine Arznei, in welcher die – im gediegenen Zustande des Goldes gänzlich schlummernden und erstarrten – Arzneikräfte so auffallend in's Leben[10] gerufen und zur Thätigkeit erweckt und entwickelt worden sind, dass schon ein Gran davon, in einem Gläschen verwahrt, wenn ein das Leben verabscheuender und durch unerträgliche Angst zum Selbst-Mord getriebener Melancholische nur ein paar Augenblicke hineinriecht, dieser Elende schon in einer Stunde des bösen Geistes entledigt, dass die volle Liebe zum Leben und der Frohsinn wieder in ihm erwacht.

Schon hieraus sieht man, dass die Zubereitungen der Arznei-Stoffe durch Reiben, je weiter die Entwickelung ihrer Kräfte dadurch gebracht und je vollkommner sie also dadurch zur Kraft-Aeusserung fähig gemacht werden, nun auch in um so kleinern Gewichten und um so kleinern Gaben zur Erreichung des homöopathischen Heilzwecks fähig werden.

Arznei-Stoffe sind nicht todte Substanzen in gewöhnlichem Sinne; vielmehr ist ihr wahres Wesen bloss dynamisch geistig – ist lautere Kraft, die durch jenen so merkwürdigen Process des Reibens (und Schüttelns) nach homöopathischer Art bis an die Gränzen der Unendlichkeit potenzirt werden kann.

Diess ist so wahr, dass man Schranken darin halten muss, um nicht durch solches Reiben die Kräfte der Arzneien für die Kranken allzu sehr zu erhöhen. Ein Tropfen von Drosera in dreissigster Verdünnung mit 20 Armschlägen bei jeder Verdünnung geschüttelt, bringt zur Gabe einem am Keichhusten kranken Kinde gereicht, dasselbe in Lebensgefahr, während, wenn die Verdünnungsgläser nur zweimal geschüttelt werden, ein Mohnsamen grosses Streukügelchen mit der letzten Verdünnung befeuchtet, dasselbe leicht heilt.

Fußnoten

1 Auszug aus meiner Abhandlung im allgem. Anz. d. Deutschen. 1825. N. 194.

2 Horn, Elfenbein, Knochen, der mit Bergöl geschwängerte Kalkstein, u. dergl. haben für sich keinen Geruch, aber gefeilt oder gerieben fangen sie nicht bloss an zu riechen, sondern sie stinken sogar unleidlich, daher der letztere den Namen Stinkstein erhielt, ob er gleich ungerieben keinen Geruch spüren lässt.[11]


Quelle:
Samuel Hahnemann: Reine Arzneimittellehre. Bd. 6, Dresden, Leipzig 21827, S. 5-12.
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