[27] Vorerinnerung.

Viele auf dem halben Wege zur homöopathischen Heilkunst stehende Bekannte lagen mir von Zeit zu Zeit an, doch noch genauere Erläuterungen öffentlich mitzutheilen, wie man denn nun eigentlich diese Lehre zur Ausübung bringen könne und praktisch darnach zu verfahren habe. Ich wundere mich, wie man nach so deutlicher Anweisung, als im Organon der Heilkunst enthalten ist, noch speciellere Handleitungen verlangen kann.

Auch fragt man: »wie untersucht man die Krankheit jedes einzelnen Falles?« Gleich als wenn nicht umständliche Auskunft genug im gedachten Buche enthalten wäre.

Da in der Homöopathie nicht nach vermuthlichen und fingirten innern Ursachen der Krankheit und eben so wenig nach, von Menschen ersonnenen Krankheitsnamen, von denen die Natur nichts weiss, das Heilgeschäft unternommen wird, und da jeder Fall unmiasmatischer Krankheit ein einzelner, vor sich bestehender, eigenartiger, von der Natur stets aus verschiedenen, nie hypothetisch vorauszusetzenden Symptomen zusammengesetzter ist, so kann nichts Einzelnes darüber (kein Schema, keine Tabelle) vorgeschrieben werden, ausser dass der Arzt dem jedesmaligen Aggregate von Kranhheitssymptomen eines[27] Falles eine Gruppe ähnlicher Arzneisymptomen zur Heilung entgegensetze, so vollständig, als sie in einer einzelnen, gekannten Arznei angetroffen werden, indem diese Heillehre nie mehr als ein einfaches Arzneimittel (dessen Wirkungen genau ausgeprüft sind) auf einmal zu geben verstatten kann (s. Org, d.H. 4te Ausgabe, §. 270, 271).

Da lassen sich nun weder die möglichen Aggregate von Symptomen aller dereinst vorkommen könnenden Krankheitsfälle nennen, noch im voraus homöopathische Arzneien für diese (im voraus unbestimmbaren) Möglichkeiten angeben. Für jeden einzelnen, gegebenen Fall (denn jeder ist einzeln, jeder ist verschieden) muss der homöopathische Heilkünstler sie selbst finden und zu dieser Absicht die Symptomen der bis jetzt nach ihrer positiven Wirkung ausgeforschten Arzneien inne haben, oder sie doch für jeden Krankheitsfall zu Rathe ziehen, daneben aber sich befleissigen, die noch unerforschten Arzneien an sich oder andern gesunden Menschen auf die krankhaften Veränderungen, die sie hervorzubringen geeignet sind, selbst auszuprüfen, um den Vorrath gekannter Arzneimittel1 zu vermehren, damit die Wahl eines Heilmittels für jeden der unendlich verschiedenen Krankheitsfälle (zu deren Bestreitung wir nie genug geeignete Werkzeuge und Waffen haben können) desto leichter, desto treffender werde.

Derjenige ist noch lange nicht mit dem wahren Geiste homöopathischer Heilung beseelt, ist noch kein ächter Schüler dieser wohlthätigen Lehre, der nur im mindesten Anstand nimmt, selbst genaue[28] Versuche zur Erforschung der eigentümlichen Wirkungen der seit dritthalb tausend Jahren ungekannt gebliebenen Arzneien anzustellen, ohne deren Ausforschung (und ohne dass ihre reinen, krankhaften Wirkungen auf- gesunde Menschen vorher bekannt geworden sind) jede Krankheitsbehandlung nicht nur eine thörichte, sondern auch verbrecherische Handlung bleibt, ein gefährlicher Angriff auf Menschenleben.

Solchen selbstsüchtigen Menschen, die zum vollständigen und unentbehrlichen Ausbau des unentbehrlichen Gebäudes nichts beitragen, die nur damit gewinnen wollen, was Andere mit Anstrengung erfunden und ausgeforscht haben, bloss in die Hände zu arbeiten, und ihnen nur so die Renten der Wissenschafts-Capitale zu verzehren geben, zu deren Miterwerbung beizutragen sie nicht die mindeste Neigung bezeigen, ist etwas zu viel verlangt.

Wer aber wahren Trieb fühlt, diese so viele Jahrhunderte hindurch unerforschte und doch zum Gesundmachen der Menschen unentbehrliche Kenntniss der eigentümlichen Wirkungen der Arzneien, unserer einzigen Werkzeuge, mit zu Tage fördern zu helfen, der findet die Anleitung, wie man solche reine Versuche mit Arzneien anzustellen hat, im Organon d. Heilk. 4te Ausg., §. 111-136.

Bloss dieses setze ich hinzu, dass, da die Versuchs-Person, so gewiss kein Mensch es ist, nicht absolut und vollkommen gesund seyn kann, sie, wenn kleine Beschwerden während solcher Prüfungen der Arzneikräfte mit zum Vorschein kommen, denen sie wohl unterworfen war, dieselben als unbestätigt und zweifelhaft in Klammern einzuschliessen hat, wiewohl diess nicht oft der Fall seyn wird, da bei der Einwirkung einer gehörig starken Arzneigabe auf ein ehedem übrigens gesundes Befinden bloss die Arznei[29] in uns vorherrscht und selten ein anderes Symptom die ersten Tage sich zeigen kann, was nicht das Werk der Arznei wäre. Ferner, dass, um die Symptomen der Arzneien für langwierige Uebel auszuforschen, z.B, zur Hervorbringung der von der Arznei zu erwartenden Hautausschläge, Afterorganisationen u.s.w. man sich nicht mit der Einnahme einer oder zweier Gaben derselben begnügen dürfe, sondern mehre Tage über täglich ein Paar hinreichende Gaben, das ist, welche so gross sind, dass man Wirkung von ihnen empfinde, fortbrauchen müsse, unter fortwährender Beobachtung der am genannten Orte angegebenen Lebensordnung.

Die Bereitungsart der Arzneisubstanzen zum Einnehmen in homöopathischen Heilungen findet sich sowohl im Organon d.H. §. 267-269, als auch im Anfange des zweiten Theils der chron. Krankheiten. Nur erinnere ich hier, dass zur Prüfung der Arzneien an gesunden Menschen gleich hohe Verdünnungen und Potenzirungen, wie zum Heilbehufe, nämlich Streukügelchen, mit Decillion-Kraft-Entwickelung befeuchtet einzunehmen sind.

Die Bitte meiner, auf halbem Wege zu dieser Heilmethode stehenden Freunde, ihnen Beispiele von solchen Heilungen vorzulegen, ist schwierig zu erfüllen, und ihre Erfüllung von keinem grossen Nutzen. Jeder geheilte Fall von Krankheit zeigt ja nur, wie dieser behandelt worden sey. Der innere Vorgang der Behandlung beruht immer auf denselben Grundsätzen, die man schon kennt, und sie kann nicht für jeden einzelnen Fall concret gemacht und fest bestimmt werden, kann durch keine Geschichte einer einzelnen Heilung deutlicher werden, als schon durch die Darlegung der Grundsätze geschah. Jeder Fall der unmiasmatischen Krankheiten ist eigenartig und speciell, und eben das Specielle desselben ist es, was ihn von[30] jedem andern Falle unterscheidet, ist nur ihm zugehörig, kann aber die Behandlung anderer Fälle nicht modeln. Wenn nun ein verwickelter, aus vielen Symptomen bestehender Krankheitsfall so pragmatisch dargestellt werden soll, dass die Bestimmungsgründe für die Wahl des Heilmittels ganz klärlich daliegen, so erheischt diess eine ermüdende Erörterung für den Darsteller und für den Leser.

Um jedoch auch hierin meinen Freunden zu willfahren, so mögen hier ein Paar der kleinsten Fälle homöopathischer Heilung stehen.

Sch ..., eine etliche und 40 jährige kräftige Lohnwäscherin, war schon drei Wochen ausser Stande, ihr Brod zu verdienen, da sie mich den 1. Sept. 1815 zu Rathe zog.


1) Bei jeder Bewegung, vorzüglich bei jedem Auftreten, und am schlimmsten bei jedem Fehltritte, sticht es sie in der Herzgrube, wohin es jedesmal aus der linken Seite kommt, wie sie sagt.

2) Im Liegen ist es ihr ganz wohl, dann hat sie gar keinen Schmerz irgendwo, auch weder in der Seite, noch in der Herzgrube.

3) Sie kann nicht länger als bis um 3 Uhr früh schlafen.

4) Die Speisen schmecken ihr, aber wenn sie etwas gegessen hat, so wird es ihr brecherlich.

5) Das Wasser läuft ihr dann im Munde zusammen und aus dem Munde, wie Würmerbeseigen.

6) Es stösst ihr nach jedem Essen vielmal leer auf.

7) Sie ist von heftigem, zu Zorn geneigtem Gemüthe. – Bei starkem Schmerze überläuft sie Schweifs. – Ihre Monatzeit war vor 14 Tagen in Ordnung geflossen.

Die übrigen Umstände waren natürlich.

[31] Was nun das Symptom 1 anlangt, so machen zwar Belladonna, China und Wurzelsumach Stiche in der Herzgrube, aber alle drei nicht bloss bei Bewegung, wie hier. Pulsatille (m.s. Symptom 345.) macht zwar auch Stiche in der Herzgrube beim Fehltreten, aber in seltner Wechselwirkung, und hat weder dieselben Verdauungsbeschwerden, wie hier 4, verglichen mit 5 und 6, noch dieselbe Gemüthsbeschaffenheit.

Bloss Zaunrebe hat in ihrer Hauptwechselwirkung, wie das ganze Verzeichniss ihrer Symptome beweiset, von Bewegung Schmerzen, und vorzüglich stechende Schmerzen, und so auch Stiche (in der Herzgrube) unter dem Brustbeine beim Aufheben des Armes (295.), bei Fehltritten aber erregt sie auch an andern Stellen Stechen (341. 400.).

Das hierzu gehörige negative Symptom 2 passt vorzüglich auf Zaunrebe (430.); wenige Arzneien (etwa Krähenaugen ausgenommen und Wurzelsumach in Wechselwirkung – die aber beide auf unsre übrigen Symptomen nicht passen) lassen die Schmerzen in Ruhe und im Liegen gänzlich schweigen, Zaunrebe aber vorzüglich (430 und viele andre Zaunreben-Symptome).

Das Symptom 3 ist bei mehrern Arzneien und auch bei Zaunrebe (475.).

Das Symptom 4 ist zwar, was die »Brecherlichkeit nach dem Essen« anlangt, bei mehrern andern Arzneien (Ignazsaamen, Krähenaugen, Quecksilber, Eisen, Belladonna, Pulsatille, Kanthariden), aber theils nicht so beständig und gewöhnlich, theils nicht bei Wohlgeschmack der Speisen vorhanden, wie bei der Zaunrebe (164.).

In Rücksicht des Symptoms 5 machen zwar mehre Arzneien ein Zusammenlaufen des Speichels, wie Würmerbeseigen, eben sowohl, als Zaunrebe (167.); jene[32] andern aber bringen nicht unsre übrigen Symptome in Aehnlichkeit hervor. Daher ist ihnen die Zaunrebe in diesem Stücke vorzuziehen.

Das leere Aufstossen (bloss nach Luft) nach dem Essen (Symptom 6,) ist bei wenigen Arzneien vorhanden und bei keiner so beständig, so gewöhnlich und in so hohem Grade, als bei der Zaunrebe (143, 149.).

Zu 7. – Eins der Hauptsymptome bei Krankheiten (s. Org. d.H. §.210.) ist die »Gemüthsbeschaffenheit« und da Zaunrebe (533.) auch dieses Symptom in voller Aehnlichkeit vor sich erzeugt; – so ist Zaunrebe aus allen diesen Gründen hier jeder andern Arznei als homöopathisches Heilmittel vorzuziehen.

Da nun das Weib sehr robust war, folglich die Krankheitskraft sehr beträchtlich seyn musste, um sie durch Schmerz von aller Arbeit abzuhalten, auch ihre Lebenskräfte, wie gedacht, nicht angegriffen waren, so gab ich ihr eine der stärksten homöopathischen Gaben, einen vollen Tropfen ganzen Zaunrebenwurzelsaftes2 sogleich einzunehmen und beschied sie nach 48 Stunden wieder zu mir. Meinem Freunde E., der zugegen war, deutete ich an, dass die Frau binnen dieser Zeit durchaus gesund werden müsse, welcher aber (nur erst noch auf halbem Wege zur Homöopathie[33] begriffen) diess in Zweifel zog. Nach zwei Tagen stellte er sich wieder ein, um den Erfolg zu vernehmen, aber das Weib kam nicht kam auch überhaupt nicht wieder. Meinen ungeduldigen Freund konnte ich nun bloss dadurch besänftigen, dass ich ihm das eine halbe Stunde weit entfernte Dorf, wo sie wohnte, und ihren Namen nannte und ihm rieth, sie aufzusuchen und sich selbst nach ihrem Befinden zu erkundigen. Er that es und ihre Antwort war: »Was sollte ich denn dort? Ich war ja schon den Tag drauf gesund und konnte wieder auf die Wäsche gehen, und den andern Tag war mir so völlig wohl, wie mir noch jetzt ist. Ich danke es dem Doctor tausendmal, aber unser Eins kann keine Zeit von seiner Arbeit abbrechen; ich hatte ja auch drei ganze Wochen lang vorher bei meiner Krankheit nichts verdienen können.«

W–e ein schwächlicher, blasser Mann von 42 Jahren, dessen stete Beschäftigung am Schreibtische war, klagte mir den 27. Dec. 1815: er sey schon 5 Tage krank.

1) Den ersten Abend ward es ihm, ohne sichtbare Veranlassung, übel und drehend, mit vielem Aufstossen,

2) die Nacht drauf (um 2 Uhr) saures Erbrechen,

3) die drauf folgenden Nächte heftiges Aufstossen,

4) auch heute übles Aufstossen von stinkendem und säuerlichem Geschmacke,

5) es war ihm, als wenn die Speisen roh und unverdaut im Magen wären,

6) im Kopfe sey es ihm so weit und hohl und finster, und wie empfindlich darin,

7) Das kleinste Geräusch sey ihm empfindlich gewesen,

8) er ist milder, sanfter, duldender Gemüthsart.


[34] Hier ist zu bemerken:


Zu 1. Dass einige Arzneien Schwindel mit Uebelkeit verursachen, so wie auch Pulsatille (Vorerinnerung), welches seinen Schwindel auch Abends macht (Vorerinnerung .), was nur noch von sehr wenigen andern beobachtet worden.

Zu 2. Erbrechen sauern und sauerriechenden Schleims erregen Stechapfel und Krähenaugen, aber so viel man weiss, nicht in der Nacht. Baldrian und Kockelsamen machen in der Nacht Erbrechen, aber kein saures. Bloss Eisen macht Erbrechen in der Nacht (61. 62.), und kann auch saures Erbrechen (66.) hervorbringen, aber nicht die übrigen hier zu berücksichtigenden Symptome.

Pulsatille aber macht nicht nur abendliches saures Erbrechen (312. 316) und nächtliches Erbrechen überhaupt (317.), sondern auch die übrigen von Eisen nicht zu erwartenden Beschwerden dieses Falles.

Zu 3. Das nächtliche Aufstossen ist der Pulsatille eigen (263. 264.).

Zu 4. Das stinkende, faulige (230.) und das säuerliche Aufstossen (268. 269.) ist ebenfalls der Pulsatille eigen.

Zu 5. Die Empfindung von Unverdaulichkeit der Speisen im Magen bewirken wenige Arzneien, und keine so vollständig und auffallend, als Pulsatille (286. 287. 291).

Zu 6. Ausser Ignazsamen (2.), welcher jedoch unsere übrigen Beschwerden nicht erregen kann, macht denselben Zustand Pulsatille (35., verglichen mit 38. 80. 81).

Zu 7. Pulsatille erregt dergleichen (905), so wie sie auch eine Ueberempfindlichkeit der andern Sinnorgane zuwege bringt, z.B. des Gesichts (90.).[35] Und obgleich die Unleidlichkeit des Geräusches auch bei Krähenaugen, Ignazbohne und Sturmhut zu finden ist, so sind diese doch nicht gegen die andern Zufälle homöopathisch und besitzen am wenigsten das Symptom.

8) des milden Gemütszustandes, welchen, nach dem Vorbericht zu Pulsatille, diese letztere Pflanze ausgezeichnet verlangt.


Dieser Kranke konnte also durch nichts leichter, gewisser und dauerhafter geheilt werden, als durch die hier homöopathische Pulsatille, die er dann auch sogleich, aber seiner Schwächlichkeit und Angegriffenheit wegen nur in einer sehr verkleinten Gabe, d.i. einen halben Tropfen des Quadrilliontels eines starken Tropfens Pulsatille3, erhielt. Diess geschah gegen Abend.

Den folgenden Tag war er frei von allen Beschwerden, seine Verdauung war hergestellt, und so blieb er frei und gut, wie ich nach einer Woche von ihm hörte.

Die Erforschung eines so kleinen Krankheitsfalles und die Wahl des homöopathischen Mittels dafür ist sehr bald verrichtet von dem, welcher nur einige Uebung darin und die Symptome der Arznei theils im Gedächtnisse hat, theils sie leicht zu finden weiss; aber es schriftlich mit allen Gründen und Gegengründen aufzustellen (welches vom Geiste in einigen Augenblicken[36] überschaut wird), macht, wie man sieht, ermüdende Weitläufigkeit.

Zum Behufe eigner Behandlung braucht man nur zu jedem einzelnen Symptome alle die Arzneien mit einem Paar Buchstaben (z.B. Ferr. Chin. Rheum. Puls.) zu notiren, welche dergleichen Symptome ziemlich genau selbst erzeugen, und sich im Sinne zu merken, unter welchen, auf die Wahl Einfluss habenden Bedingungen, und so bei jedem der übrigen Symptome, von welcher Arznei jedes erregt wird, um dann aus dieser Liste abzunehmen, welches Arzneimittel unter den übrigen die meisten der vorhandenen Beschwerden homöopathisch decken kann, vorzüglich die sonderlichsten und charakteristischesten – und diess ist das gesuchte Heilmittel.


Was nun folgendes Arzneisymptomen-Verzeichniss anlangt, so sind in diesem Theile auch mehre Beobachtungen von meinen Schülern, grösstentheils an sich selbst angestellt. Ihre Namen findet man dabei, mit dem Beifügen: »in einem Aufsatze.« Meine leipziger Schüler habe ich jedesmal bei Einreichung ihrer Aufsätze über die von ihnen beobachteten Arzneisymptome vernommen (was jedem Lehrer zu dieser Absicht anzurathen ist), um sie die wörtlichen Ausdrücke ihrer Empfindungen und Beschwerden möglichst berichtigen und die Bedingungen genau angeben zu lassen, unter denen die Veränderungen erfolgten, wodurch, wie ich glaube, Wahrheit an den Tag gekommen ist. Auch wusste ich, dass sie genau die eingeschränkte Diät und die leidenschaftsfreie Lebensordnung bei den Versuchen treulich befolgt hatten, um sicher beobachten zu können, was die Umstimmungskraft der[37] genommenen Arznei rein und deutlich in ihrem Befinden hervorbrachte.

Durch solche Uebungen bilden sie sich zu sorgfältigen, fein fühlenden Beobachtern, und werden, wenn sie hiermit noch reine Sittlichkeit verbinden, und nach Einsammlung der brauchbarsten übrigen Kenntnisse, zu Heilkünstlern.[38]

Fußnoten

1 Vor Erscheinung der Homöopathie kannte man die Arzneisubstanzen bloss nach ihrer Naturgeschichte und wusste übrigens, ausser ihrem Namen, nichts von ihnen, als den vorgeblichen, theils geträumten, theils erlogenen Nutzen derselben.

2 Nach den neuesten Vervollkommnungen unsrer neuen Heilkunst würde das Einnehmen eines einzigen, feinsten Streukügelchens, mit der decillionfachen ( M) Kraft-Entwickelung befeuchtet, zu gleich schneller und vollkommener Herstellung völlig hinreichend gewesen seyn; ja, eben so gewiss, das blosse Riechen an ein Senfsamen grosses Streukügelchen mit derselben Potenzirung befeuchtet, so dass der in jenem Falle damals von mir einer robusten Person gegebene Tropfen rohen Saftes durchaus nicht mehr zur Nachahmung dienen darf.

3 Gleiche Absicht erreicht, nach unsern jetzigen Kenntnissen und Erfahrungen, das Einnehmen eines feinsten Streukügelchens Pulsatille M (decillionfacher Kraft-Entwickelung), ja, völlig eben so gewiss, das einmalige Riechen an ein Senfsamen grosses Streukügelchen derselben Pulsatill-Potenzirung.[39]


Quelle:
Samuel Hahnemann: Reine Arzneimittellehre. Bd. 2, Dresden, Leipzig 31833, S. 27-41.
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