Andere Länder, andere Sitten

[23] Es wäre gut, wenn jeder Reisende sich um die Anstandsformen des Landes kümmern wollte, das er besucht. Sowohl um sich selbst vor unangenehmen Überraschungen zu bewahren und nicht in Verlegenheit zu kommen, als auch um nicht Gefahr zu laufen, daß er als Vertreter seines Volkes mißverstanden wird und falsche Vorstellungen von seiner Kultur und Lebensart verbreitet. Der einstige Präsident der Republik Frankreich, Herr Fallières, hatte ein peinliches Erlebnis. Er hätte sich damit beinahe die Sympathien des damaligen England verscherzt. Es handelte sich beileibe nicht darum, Kanada oder gar Indien an Frankreich abzutreten, gegenüber einer solchen Forderung hätte England zweifellos seine Haltung bewahrt – sondern der gute Papa Fallières verpflanzte bloß eine reizende Sitte seiner Heimat nach England und küßte ein junges Mädchen, das ihm mit einem Blumenstrauß Willkommen bot, schallend auf beide Wangen. Um ein Haar hätte er sich damit unmöglich gemacht! So arg werden sich Deutsche über Albion nie täuschen, aber auch für sie gibt es Dinge, die dort anders sind als bei uns und deren Kenntnis das Leben leichter macht.

Wer mit einem Engländer reist, hat nicht nötig, sich schon nach ein paar Worten, die man miteinander tauscht, vorzustellen, selbst nicht nach tagelangem Beisammensein. Der Deutsche geht da manchmal zu weit und wird nicht begriffen. Man legt ihm, was wirkliche Anständigkeit ist, als Zudringlichkeit aus. Die anderen sind der Meinung, Name und[23] Stand eines Menschen seien seine Privatsache bei kurzer Bekanntschaft, die Hauptsache seien seine persönliche Haltung, seine Art, seine guten Manieren. Der Engländer findet die Neugierde nach Persönlichem unschicklich, er meidet also persönliche Fragen, Bemerkungen, Erkundigungen nach privaten Verhältnissen. Erst, wenn sich die Sympathien vertiefen, wenn die Gelegenheit zwingend wird, dann erst kann man, aber auch nicht in Habtachtstellung und mit zusammengeschlagenen Hacken, Namen und Stand nennen. Man reicht sich nicht die Hände. Überhaupt tut man das viel seltener als bei uns. Auch in geschlossener Gesellschaft, in der die Bekanntmachung der Gäste wie bei uns erfolgt, pflegt man kaum mehr zu sagen als: »How do you do?« Erst beim Abschied erzählt man sich gegenseitig, welche Freude es war, einander kennenzulernen. Vielleicht darf man es dann sogar glauben. Hat man sich vorgestellt, so folgt daraus noch nicht, daß man in den Familienkreis aufgenommen ist. Nur wer von einem Bekannten der Familie vorgestellt wurde, ist »eingeführt«, denn das Wort eines Freundes hat absolute Geltung; er bürgt für den Fremden, und darum hat die Vorstellung in England so hohen Wert und wird seltener gehandhabt als bei uns. Die Tischgewohnheiten des Engländers sind andere als die unsrigen und sie leuchten uns nicht immer ein. Warum müssen die Hände, wenn sie sich nicht mit Gabel und Messer beschäftigen, wie verschämte Arme vom Tisch verschwinden und artig auf den Knien ruhen? Warum führt man den Löffel nicht mit der Spitze, sondern mit der Breitseite zum Munde und setzt sich so der Gefahr des Schlürfens aus, das drüben ebenso untersagt ist wie bei uns? Wenn jemand abgelehnt hat, ein zweitesmal vom selben Gericht zu nehmen, muß er wissen, daß man ihm ein drittesmal nicht mehr anbietet – das »Nötigen« ist[24] nicht üblich. Man ist auch beim Essen fair. Wer noch Hunger und Luft hat, geniert sich nicht, zuzugreifen. Falsche Bescheidenheit und die Hoffnung, vergewaltigt zu werden, werden enttäuscht.

Nach dem Speisen trennen sich die Geschlechter, die Herren ziehen sich zurück, um zu rauchen. Die Damen tun zwar dasselbe, aber diese Stunde, die der Franzose der angeregtesten Unterhaltung mit seiner Nachbarin widmet, wendet der Engländer einer behaglichen Verdauung zu. Dieser Pflicht kann man sich unter keinen Umständen entziehen, mag man es noch so sehr vorziehen, sich einer reizenden Nachbarin zu widmen. Mit unerschütterlicher Ungerechtigkeit urteilt der Engländer nach der Art, wie diese Tradition eingehalten wird, ob du ein Gentleman bist oder nicht.

Er selbst respektiert nach Möglichkeit in fremden Ländern andere Sitten und Gebräuche, ohne aber sich selbst zu assimilieren – darin steckt wahrscheinlich das Geheimnis seines Erfolges als Kolonisator –, und so setzt er dieselbe Eigenschaft auch bei seinem Gast voraus.

Bei so viel Fairneß ist es befremdend, daß der Engländer den Maßstab seiner Sitten auch auf dem Kontinent anwendet und sich nicht die Mühe gibt, eine andere Auffassung der Wohlerzogenheit als seine eigene zu begreifen. Wir finden das Spiel schöner Frauenhände auf dem Tisch bezaubernd, ihm ist es nicht ladylike, er findet es aber durchaus gentlemanlike, in entspannten Augenblicken die Füße auf den Tisch zu legen – wenn auch nicht gerade beim Essen.

Der Engländer trinkt beispielsweise nie mit einem Unbekannten. Ich erinnere mich da an eine Szene im Speisewagen des D-Zuges, als wir durch die Schweiz fuhren: An einem der Tische saßen ein Engländer und ein Deutscher. Der[25] Deutsche bestellte eine Flasche Rheinwein, die er auch erhielt. Kurz darauf bestellte auch der Engländer eine, doch kam sie nicht, trotz mehrfacher Urgenz. Die Grenze war nahe, die Reisen den nervös, die Kellner schossen von einem Tisch zum andern, kurz, die Flasche kam nicht. Liebenswürdig bot der Deutsche dem Engländer von seinem Weine an, doch eine kurze, abweisende Geste seines Gegenübers war die einzige Antwort. Kurz darauf stand der Engländer schweigend auf und ging. Dem Deutschen schoß das Blut ins Gesicht und ich kränkte mich mit ihm. Erst später erfuhr ich, daß es dem Engländer einfach unsittlich erschien, mit einem Fremden Wein zu trinken. Es muß auf ihn gewirkt haben wie etwa auf uns die Einladung, uns zu jemandem ins Bett zu legen – was im Mittelalter die größte Höflichkeit war.

Den Romanen würde man beleidigen, wollte man ihm das Zutrinken verweigern. Es ist dort auch ein Mangel an Erziehung, wenn man etwas ißt, ohne dem andern davon anzubieten. Wenn es auch auf Eisenbahnfahrten zum Beispiel Überwindung kostet, aus einer klebrigen Tüte verstaubtes Obst oder Süßigkeiten anzunehmen, so darf man, wenn man im Süden reist, doch keine Angst vor Bakterien zeigen.

Um auf die Engländer zurückzukommen: Sie wissen, daß dort die Dame zuerst grüßt? Nicht weil der Mann unhöflich ist, sondern weil die Dame dadurch Gelegenheit hat, sich öffentlich zu der Bekanntschaft zu bekennen oder sie zu verleugnen. Ist der Mann etwa im Abendanzug, so wird er diskret übersehen. Der Takt verbietet, ihn zu bemerken. Und dieselbe Diskretion hat auch der Mann zu üben. Überrascht er die Dame des Hauses zufällig im Hauskleid im Vorraum oder auf der Treppe, so hat er sie nicht zu sehen, nicht mit einem einzigen Blick, selbst wenn er mit ihr zusammenstößt.[26] Personal grüßt in England überhaupt nicht, obgleich es der gemeinsamen Andacht, dem Bibellesen usw., beigezogen wird. Es ist verpönt, sich, sei es auch in bester Absicht, einer Dienstperson anzunehmen oder sie auch nur ins Gespräch zu ziehen.

Allgemein bekannt ist, daß für den Engländer alles, was beim sitzenden Menschen unter den Tisch gehört, shocking ist – man spricht nicht davon. Man spricht weder vom Magen noch von den Beinen, das gehört sich nicht. Unsere freie Art sich auszudrücken, ist dort gesellschaftlich unmöglich.

Auch mit Kenntnissen brüstet man sich nicht und hütet sich, den andern belehren zu wollen. Man vermeidet es, Gebiete zu besprechen, auf denen der andere möglicherweise nicht daheim ist. Es ist keine Schande für einen Engländer, etwas nicht zu wissen, was bei uns vielleicht zur allgemeinen Bildung gehört, aber es ist schlechtes Benehmen, dem andern zu zeigen, daß man mehr weiß als er. Pedantische Fachsimpelei, Erklärungen und Dozieren gehören so wenig zum guten Ton wie geschäftliche Besprechungen vor Damen.

Von diesen Gewohnheiten – die weniger von Förmlichkeit als von Takt zeugen – abgesehen, zeichnet sich der Verkehr in England durch große Natürlichkeit aus. Die Gastfreundschaft ist musterhaft und gewährt dem Gaste größte Bewegungsfreiheit. In großen Häusern ist Reitpferd und Auto zur Verfügung, niemand fragt, wie man den Tag zu verbringen wünscht, der Gast allein entscheidet darüber. Er ist sogar berechtigt, seine Freunde einzuladen oder mitzubringen, auch wenn sie der Gastgeber gar nicht kennt. »Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde!« Das gilt so weit, daß man sich bei wildfremden Leuten auf mehrwöchigen Besuch ansagen kann, wenn man nur von einem gemeinsamen Freund empfohlen ist.[27]

Nur gehört es auch in der kleinsten Familie zum guten Ton, daß man zur Abendmahlzeit im Abendanzug erscheint.

Der Engländer liebt im allgemeinen eine harmlose, nicht lärmende Heiterkeit, man lacht gerne und viel und spielt gerne Gesellschaftsspiele aus der Urgroßmutterzeit, die uns vielleicht kindisch anmuten. Es muß durchaus nicht immer Tennis oder Fußball sein. Wohl aber muß es bei jedem Spiel fair zugehen.

Beliebt ist ein Fragespiel, bei dem auf jede Frage mit absoluter Wahrheit geantwortet werden muß. Bei einem solchen Spiel wurde ein hochgeachteter Mann gefragt, ob seine Frau glücklich sei; beschämt, aber fair, gab er zur Antwort, nein, denn er hatte sie einmal betrogen. Und wenn nun der Engländer in diesem Spiel Fairneß erwartet, so erwartet er doch auch etwas anderes, das wie ein Paradoxon anmutet, nämlich, daß wir das Spiel nicht ernst nehmen, darüber die Haltung nicht verlieren und ihm ja nicht irgendeine Schwere geben, die es nicht haben soll. Begeisterung und Jubel, ja, aber niemals tragische Wichtigkeit oder gar philosophische Tendenz. Auch in dem obigen Beispiel sagte der Engländer die peinliche Wahrheit nicht aus tragischer Gewissenhaftigkeit, sondern nur, weil sie zum fairen Spiel gehörte, weil die Spielregel die absolute Wahrheit verlangte.

Man findet in England starke Gegensätze. Dasselbe Volk, das jedes Zurschautragen von Sentimentalität verabscheut – ein gut erzogener Engländer küßt niemand, weder Mutter noch Schwester, in der Öffentlichkeit, nicht einmal am Bahnhof –, dieses selbe Volk kehrt doch mitunter sein ganzes inneres Leben nach außen, bei passender und unpassender Gelegenheit. Im Hydepark zum Beispiel kann jedermann im Park und auf der Promenade, wann er will, zu den Passanten sprechen, seine Lebensanschauung preisgeben, singen, beten, wie es ihm beliebt.[28] Niemanden wird das stören, denn jedermann steht es frei, stehenzubleiben oder weiterzugehen.

Für alle auffälligen Erscheinungen des täglichen Lebens gilt dasselbe. Es ist ein Zeichen guter Erziehung, Eigentümlichkeiten des Nachbars zu übersehen; einen Sonderling noch so zart und fein auf seine Schwäche hinzuweisen, ist ungehörig. Einem Österreicher, der für den Abend zwei Einladungen hatte, geschah es, daß er sie verwechselte, und er kam in bunter Faschingsmaske in eine ernste Abendgesellschaft. Es fiel niemandem ein, auch nur mit der Wimper zu zucken, sich zu verwundern oder zu fragen, bis der Gast selber um Aufklärung bat und selbst auf seinen Irrtum kam.

Man weiß, daß der englische Sonntag selbst dem Fremden keinerlei profane Unterhaltung gestattet. In Gesellschaft legt man weniger als bei uns Wert auf besondere Unterhaltungsgabe. Eine gewisse höhere Beschaulichkeit diktiert den Ton, erregte oder gar leidenschaftliche Debatten gibt es nicht. Vom Kontinent spricht der Engländer mit einer gewissen Überlegenheit; für ihn bedeutet er Überspanntheit, Haltungslosigkeit, Unsicherheit. Will man in England als Gentleman gelten, so muß man diese Unarten hinter sich lassen.

Viel anders ist es in Frankreich. Wer da nur streng korrekt ist, gilt als unliebenswürdig, wer sich nicht bemüht, den andern zu unterhalten, ist ungezogen, und es wird von jedem lebhafteste Anteilnahme, geistiges Interesse verlangt. Die demokratische Einstellung des Volkes gebietet größte Höflichkeit selbst mit einem Strolch. Will man in Paris nach dem Weg fragen, darf man nicht vergessen, den andern mit Monsieur oder Madame anzusprechen. Zu Kindern sagt man »Sie«, besonders wenn das Kind ein Mädchen und der Sprecher ein Mann ist. Nur vieljährige Intimität würde ausnahmsweise[29] ein »Du« gestatten. Widerspruch verträgt der Franzose nur mit der mildernden Einleitung: »Pardon, Monsieur!«

Akademische Grade gelten in Frankreich nicht als Titel, nur den Arzt spricht man als Doktor an, man stellt also nicht als Doktor so und so oder als Ingenieur so und so vor. Man fügt nur gewöhnlich der Namensnennung ein paar liebenswürdige Worte bei, völlig unzeremoniell, etwa: »Unser lieber alter Freund« oder ähnliches. Man ist übrigens immer bald im Bilde, denn der Franzose gibt gerne in wenigen charakteristischen Worten den Schlüssel zum Wesen des Menschen.

Manche Formen mögen dem korrekten Deutschen unhöflich erscheinen, wie etwa, daß Herren, die einander gut kennen, bei einer Begegnung nur lässig mit zwei Fingern den Hutrand berühren, anstatt ihr Haupt zu entblößen. Wird man in die französische Familie geladen, was nicht allzuhäufig geschieht und als besondere Auszeichnung zu werten ist, so wäre es verfehlt, wollte man sich vor allem den jungen und anziehenden Damen widmen oder sie ins Zwiegespräch ziehen. Die Grandmère erhebt wenigstens den gleichen Anspruch auf Aufmerksamkeit wie die Enkelin. Allen Anwesenden muß Gelegenheit gegeben sein, sich am Gespräch zu beteiligen. Wenn in England der gute Ton gebietet, den unbekannten Nachbarn zu übersehen, so wäre es in Frankreich unhöflich, sich ihm nicht ebenso zu widmen wie den anderen. Jeder erwartet mindestens eine kleine Aufmerksamkeit von jedem.

Selbst das Geschäftsleben spielt sich nicht mit kalter Sachlichkeit ab und es ist vielleicht von Vorteil, zu wissen, daß man, was auf rein sachlicher Basis nicht erreicht werden kann, leichter durchsetzt, wenn der Mensch zum Menschen spricht.

Der Franzose übt im Gespräch eine gewisse Konzilianz und stellt nie scharfumrissene Behauptungen auf, mögen sie noch[30] sosehr der Wahrheit entsprechen. Man sagt von einer Dame nicht (außer unter vier Augen), sie sei häßlich, höchstens sie sei nicht sehr schön. Man sagt nicht, die Lampe stinkt, man sagt, sie riecht nicht gut. Wer in Frankreich mit Damen ausgeht, muß darauf rechnen, ihre Zeche zu bezahlen, und wenn man nicht gewillt ist, für die Karte aufzukommen, muß man vorsichtig mit einer Einladung ins Theater oder Konzert sein.

Es ist, wie schon gesagt, nicht leicht, Einlaß in die französische Familie zu finden. Man hüte sich auch, einem zufällig bekannt gewordenen Menschen ohne Aufforderung einen Besuch zu machen. Man kann jahrelang mit jemandem Kameradschaft, selbst Freundschaft gehalten haben, ohne je seine Schwelle zu übertreten. Ist man aber einmal in ein Haus aufgenommen, dann gehört man sozusagen zur Familie und kann in allen Lebenslagen auf unbedingte Freundschaft rechnen. Natürlich erwartet man auch von dem Gast, daß er sich ebenso restlos öffnet und verschenkt; jede Heimlichkeit, sei sie noch so unwichtig, gilt schon als Verrat.

Auch in Italien verlangt man mehr als Korrektheit, nämlich Liebenswürdigkeit, mehr als tadellose Form, nämlich Anmut. Liebenswürdigkeit und Anmut gehen in Italien zusammen mit größter Natürlichkeit. Der Fremde lernt es in Italien als selbstverständlich anzuschauen, daß eine Mutter in voller Öffentlichkeit ihr Kind stillt. Er darf nicht verlegen werden, wenn ihm seine Hausfrau in einem rührend anspruchslosen Morgenrock begegnet, auch nicht, wenn sie noch die Papilloten im Haar und ausgetretene Pantoffel an den Füßen hat. Für einen guterzogenen Mann ist Signora immer schön.

Es ist dort kein Verstoß gegen Anstand, in guter Gesellschaft seinerachbarin ein Abführmittel zu empfehlen, auch nicht,[31] wenn diese Nachbarin ein süßes junges Mädel ist. Es ist, besonders im Süden, nicht unschicklich, eine jungverheiratete Frau zu fragen, ob sie ein Kind erwartet, denn das ist ihr eine selbstverständliche Sache, das Gegenteil wäre ungewöhnlich.

Dagegen legt man sich im Verkehr mit jungen Mädchen ungewöhnliche Zurückhaltung auf, genau so wie in Frankreich. Die Mädchen werden dort heute noch sehr behütet und eine Annäherung ist nur gestattet, wenn »ernste Absichten« vorhanden sind. Kameradschaft zwischen den Geschlechtern ist eine mehr nordische Angelegenheit. In Italien, besonders im Süden, kann es unangenehme Folgen haben, wenn man ein Mädchen auf der Straße anspricht. Die Absicht, die in unseren Breiten ganz harmlos sein kann, wird dort mißverstanden, und schon deshalb empfiehlt sich für allein reisende Damen in Italien oder Frankreich größte Zurückhaltung. Der Romane beurteilt Frauen- und Mädchenwürde nach seiner eigenen Vorstellung und ist daher geneigt, ein freies Auftreten und eine gewisse Selbständigkeit als Abenteuerbereitschaft auszulegen. Deshalb muß man manche Gewohnheiten, die diesseits der Grenze selbstverständlich und harmlos sind, jenseits derselben ablegen, wenn man im Ausland als Vertreterin seiner Nation in Ehren bestehen und sich die Achtung der anderen erwerben will. Man wandert eben lieber nicht mit nackten Beinen, aufgekrempelten Ärmeln oder gar in Shorts. Und Kirchen zum Beispiel darf man in Italien nur mit hochgeschlossenen, langärmeligen Blusen angetan betreten. Selbst halblange Ärmel sind ungenügend und die Kopfbedeckung Gebot.

Sehr angenehm berührt den Fremden in Italien der leichte, gelöste Verkehr der Menschen untereinander, ob arm oder reich, hoch oder nieder. Würdenträger, Beamte, Adelige haben[32] auch dem einfachsten Menschen gegenüber keine überlegene Geste, alle zeigen eine angeborene Noblesse in ihrer Haltung, sogar die Bettler. Wer also dort einen Kellner oder ein Hausmädchen »anherrschen« will, beweist nur seine schlechte Erziehung. Viel eher ist eine temperamentvolle Auseinandersetzung mit Donner und Krach erlaubt und verzeihlich.

Gastfreundschaft im homerischen Sinn findet man in Süditalien, wo der Fremdenverkehr den Bauer noch nicht verdorben hat. Wie in arkadischer Zeit werden Gefälligkeit und Vertrauen angeboten, die nicht schon auf Bezahlung warten. Es ist Sache des Fremden, mit Maß anzunehmen und mit Takt zu danken, mit bescheidenen Schmuckstücken, schönen Tüchern, Kinderspielzeug und ähnlichem. Überhaupt geht es dem in Italien gut, der sich mit den Kindern und der Hauskatze anzufreunden versteht.

Die Sitten und Gebräuche der nordischen Men schen ähneln stark den unsrigen. Die Frau nimmt den Titel des Mannes an, sie ist die Frau Pastorin, die Frau Professor, und wenn sie irgendwo ihren Namen nennt, fügt sie den Titel dazu. Studenten nennen neben ihrem Namen auch das Datum ihrer Aufnahmsprüfung an der Universität, also zum Beispiel: Jurist Swenson 1935.

Sonderbar scheint uns auch, daß die Gäste, die zu einem Souper geladen sind, sich zuerst in irgendeinem Raum versammeln. Dort fragt einer den andern: »Sie dinieren (oder soupieren) bei X?« Die Frage wird natürlich bejaht und dann stellt man sich gegenseitig vor. Zur angegebenen Stunde wird eine Glocke geläutet, die Dienerschaft nimmt den Gästen die Überkleider ab und überreicht den Herren Täfelchen, auf denen sie gebeten werden, Frau Soundso zum Tisch zu führen. Dann erst tritt man in den Salon, wo Hausherr und Hausfrau[33] die Gäste erwarten und mit dem traditionellen: »Seien Sie willkommen!« begrüßen. Ist zufällig der Hausherr bei Eintritt eines Gastes in dem Versammlungsraum anwesend, so hat man sich gegenseitig zu übersehen, denn man begrüßt sich nur im Salon. Fünf Minuten später öffnet sich die Türe zum Speisezimmer, in das die Paare feierlichen Einzug halten. Der Ehrenplatz ist nicht zur Rechten, sondern zur Linken der Hausfrau.

Jeder Gast, auch wenn er zum erstenmal erscheint, bringt Blumen mit. Bei Tisch trinkt man sich zu, und es ist Pflicht des Hausherrn, allen Damen, von links beginnend, im Laufe des Abends das »Skäl«, wie man es nennt, zu bringen, und nach ihnen den Herren. Genau so tut die Dame des Hauses mit den Herren. Nur sie darf sich erlauben, den Herren zuzutrinken. Diese wieder müssen der ihnen anvertrauten Nachbarin das »Skäl« bringen, und nach ihr auch den anderen Damen. Man trinkt also nicht gerade selten, aber nie allein, und wenn auch die Dame zu warten hat, bis man ihr zutrinkt, so kommt sie doch nicht zu kurz. Den Gästen ist es nicht erlaubt, dem Hausherrn zuzutrinken.

Die Zeremonie erinnert stark an den Komment der farbentragenden Studenten. Man hält das Glas in der Höhe der Brust, sieht dem »Gegner« scharf ins Auge – auch beim Trinken, gleichermaßen als Symbol der Lauterkeit des Denkens, legt dann die Hand an die Brust, etwa in der Höhe des dritten oder vierten Westenknopfes, und nickt sich lächelnd zu.

Derjenige, der die Ehre hat, an der linken Seite der Gastgeberin zu sitzen, hat nach Beendigung des Mahles auch die Pflicht, der Gastgeberin für die Bewirtung zu danken, und es gilt als Zeichen guter Erziehung, wenn er dabei nicht vergißt, die einzelnen Gerichte, die Weine, ihre Köstlichkeit und Menge[34] anzuführen. Nach dem Tee, etwa um elf oder halb zwölf Uhr, verabschiedet man sich und dankt dabei abermals für die Bewirtung. Trifft man den Gastgeber am nächsten Tag, heißt es: »Danke für gestern.« Trifft man ihn nach acht Tagen wieder: »Danke für das vorigemal.«

Es ist nicht verwunderlich, daß in diesen nordischen Ländern das Essen eine so bedeutende Rolle spielt, wenn man bedenkt, daß die Gäste oft große Entfernungen zu überwinden haben, dabei der Kälte, dem Schnee, dem Wind und der Nacht trotzen müssen. Unter solchen Umständen ist eine besondere Sorge um das leibliche Wohl des Gastes selbstverständlich. Eins hat der Schwede mit dem Engländer gemeinsam: seine Scheu vor dem Eindringen in das Privatleben des andern. Das und das Seelenleben ist verbotenes Land, und weder in England noch in Schweden krempelt man sein Inneres nach außen. Sonst aber bemerkt man wenig Scheu. Männlichkeit und Weiblichkeit baden nackt im Meere, und der Verkehr junger Leute beiderlei Geschlechts ist in Schweden überraschend frei.

Im Gegensatz zum Engländer, der vom Herzen abwärts reiner Geist sein will, schämt sich der Schwede seiner Menschlichkeit nicht im geringsten, und damit erklärt sich manche, uns nicht ohneweiters verständliche Erscheinung des dortigen Lebens. Wie zum Beispiel: diskrete Örtlichkeiten, bestimmt zur gleichzeitigen Benützung durch mehrere Personen, junge, hübsche Masseurinnen in allen öffentlichen Bädern – auch für Herren, und ähnliches. Der Fremde, der diese für den Schweden vollkommen selbstverständliche und saubere Situation aus Mangel an Sachlichkeit mißverstehen wollte, würde das schwer zu büßen haben.

Trotz der großen Natürlichkeit gehört es in Schweden nicht zum guten Ton, sich zu verlieben. Man verlobt sich, und damit[35] basta. Dieses schwedische Verlöbnis kennt aber ein Hintertürchen. Hat man genug, so entlobt man sich ebenso schnell. Das geht ohne viele Gefühlsüberschwenglichkeiten vor sich, denn die jungen Mädchen sind im Gegensatz zu denen der romanischen Nationen sehr emanzipiert. Wenn auch die allgemeine Einstellung zur Welt und zur Kultur eine verschiedene ist, so wird doch der reisende Deutsche bei der schwedischen Jugend gute Kameradschaft und viel Verständnis finden.

Bei den slawischen Völkern dominiert der französische Einfluß. Liebenswürdigkeit, Anmut des Wortes und der Geste, Entgegenkommen kennzeichnen den Verkehr und gestalten ihn anders als die deutsche und die englische Korrektheit, Zurückhaltung und Diskretion.[36]

Quelle:
Haluschka, Helene: Noch guter Ton? Graz 1938, S. 23-37.
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