Heroische Höflichkeit

[18] Es gab eine Zeit, da Ritterlichkeit und Höflichkeit ein einziger Begriff waren, da es Ehrensache war, trotz der Treue zum eigenen Herrn dem Feinde mit Anstand zu begegnen und ihn mit Anstand zu besiegen. Dazu war neben hohem persönlichem Mut auch große Selbstbeherrschung und Kaltblütigkeit nötig. Man erinnert sich des Intermezzos, das uns die Geschichte von der Schlacht zwischen Franzosen und Engländern bei Fontenoy (1745) überliefert. Die französische Armee stand unter dem Kommando des Marschalls Moritz von Sachsen, des Sohnes Augusts II. Als die englische Infanterie fünfzig Schritte vor der französischen haltmachte, grüßte der englische Kommandierende, Lord Hay, durch Schwenken seines Hutes und rief herunter: »Schießen Sie, meine Herren!« Worauf Graf d'Auteroche, der französische Führer, erwiderte: »Nach Ihnen, meine Herren, wir schießen nie zuerst!«

Eine mörderische Salve raffte die erste, ruhig wartende französische Linie hinweg. Wohl siegten die Franzosen, aber um teuren Preis.

Wer dächte wohl heute noch an die Waffentat von Fontenoy ohne diese Geste heldenmütiger Höflichkeit, die die Geschichte als Denkmal damaliger Kultur bewahrt?

Als Maria Antoinette zu ihrem Todesweg geholt wurde, mußte sie einen dunklen Gefängnisgang passieren, um zu dem Karren zu gelangen, der sie zur Richtstätte führte. Als sie das Tor erreichte, blendete sie das Licht und sie stieß an den jungen Posten, den sie nicht bemerkt hatte.[18]

»Verzeihen Sie, Herr«, sagte sie, »ich habe Sie nicht gesehen.« Wäre nur dieser eine Zug aus dem Leben der königlichen Frau uns überliefert, so wüßten wir trotzdem, welches das Format dieses Charakters und seiner Kultur war.

In manchen Ländern wird die Höflichkeit gegen den Gast so heiliggehalten, daß sein Wohl über alles, selbst über jäh hereinbrechende Katastrophen gestellt wird. Ein Forscher war Gast eines arabischen Scheichs, der ihm zu Ehren ein prächtiges Fest gab. Mitten in der Fantasia der Wüstenreiter näherte sich dem Gastgeber ein Diener und erstattete leise eine Meldung. Dem Forscher schien es, er hätte einen Schatten über das Gesicht des Scheichs huschen gesehen, doch führte dieser das Gespräch ruhig weiter und verblieb in der Gesellschaft.

Als nach einigen vergnügten Tagen der Forscher mit seiner Karawane weiterzog, erfuhr er unterwegs von einem Träger, daß der einzige Sohn des Scheichs bei der Fantasia verunglückt war. Solch heldenmütige Höflichkeit findet man auch heute noch bei den Japanern.

Wir heutigen Menschen halten es für Unvernunft, daß ein Mensch sein Leben aufs Spiel setzt, nur einer Höflichkeitsgeste wegen. Wir haben rechnen gelernt und schätzen das Leben. Wir wägen, ehe wir opfern, unseren Einsatz und den möglichen Gewinn. Mit Recht, wenn es ums Leben geht. Aber es gibt Fälle, in denen das scheinbar unnötige Opfer einen Weg über die gemeine Gesinnung der Menge bedeutet, in denen es ein Treuegelöbnis inmitten allgemeinen Verrats werden kann.

In den blutigsten Tagen der Französischen Revolution trug man auf einer Pike den Kopf der ermordeten Prinzessin Lamballe durch die brodelnde Menge der Stadt. Einem jungen Mann in unauffälliger Kleidung wurde im Vorbeigehen dieser[19] Kopf unter die Augen gehalten. Langsam und feierlich nahm er den Hut ab. Er bezahlte diese Geste mit dem Leben, sicherlich mit vollem Bewußtsein. Wie soll man über solche heldische Höflichkeit denken? Praktischen Wert hatte sie nicht, jedoch ideellen, denn in dem Meer von Blut war sie ein Tautropfen, der nicht unterging, sie war ein Abglanz höchsten Menschentums, ein Sieg über die triebhaften Mächte. Schließlich waren es einige solcher vereinzelter Gesten, die das Volk zur Besinnung brachten.

Mitunter kann eine Höflichkeit aus dem Besiegten einen Sieger machen. Als nach der Schlacht bei Austerlitz der Zug der Kriegsgefangenen an Napoleon vorbeidefilierte, nahm dieser den Hut ab und ließ entblößten Hauptes die Gefangenen an sich vorüberziehen, indem er sagte: »Ehre dem Besiegten!«

Selbst das ungeheure Weltringen unseres Jahrhunderts weiß von heldenhaftem Anstand zu erzählen. So manches niedergekämpfte Schiff sank unter dem brausenden »Hurra, hurra, hurra« der Mannschaft, die den unausweichlichen Tod vor sich hatte, in die Tiefe. Und diese letzte, dem Vaterland erwiesene Ehrenbezeigung, die wirklich nichts anderes will, als das Opfer des Lebens noch in edelster heroischer Form darzubringen, das ist höchste Kultur – an dem erschütternden Heldentod vielleicht das Erschütterndste.

Als der heldenmütige Kampfflieger Richthofen, nachdem er unzählige feindliche Flugzeuge abgeschossen hatte, hinter der französischen Linie abstürzte, trugen ihn die Feinde mit allen militärischen Ehren zu Grabe. Seine Kameraden wußten davon und beschlossen, unter Einsatz ihres Lebens ihm das Ehrengeleite zu geben. Ein kleines Geschwader zog über die französische Linie und warf über Richthofens Ruhestätte Kränze ab. Sie alle hätte diese Ritterlichkeit das Leben kosten können,[20] sie wagten es trotzdem. Es wurde ihnen mit Achtung vergolten, der Feind quittierte mit Anstand, was höchster Anstand war, er schoß nicht, und die Flieger kamen heil zurück. Hut ab vor beiden Gegnern.

An diesen Beispielen sehen wir also, daß man sich irrt, wenn man Anstand mit Lässigkeit verwechselt. Wer das tut, hat nicht versucht, sich diese Disziplin anzueignen, diese Bereitschaft zu innerer Spannung, die sich nicht vom Leben überrumpeln läßt, sondern es beherrscht im Kleinen wie im Großen. Jede Krankenschwester erkennt den alten Offizier an seiner selbst vor dem Tode nicht versagenden Höflichkeit und Selbstbeherrschung. Er läßt sich nicht gehen, er wahrt sein Gesicht, er murmelt noch Dank und Bitte, wenn er kaum mehr sprechen kann. Man hat das Gefühl, als wollte er selbst den Tod zwingen, sich ihm in adeliger Form zu nähern.

Man muß selbst den Mut zur Lächerlichkeit aufbringen, um stets den Anstand zu wahren. Bei einem hohen englischen Würdenträger war auch die Frau eines Vertreters der Labour Party zu Gast, eine sehr bescheidene und verschüchterte Frau des kleinen Volkes. In ihrer Aufregung beging sie einen Etikettefehler nach dem anderen, ohne daß der Gastgeber davon die geringste Notiz nahm. Als nun der Tee serviert wurde und die kleine Frau in ihrer Unschuld den Tee in die Untertasse goß, um ihn zu kühlen, und dann daraus trank, schüttete auch der Lord ruhig seinen Tee in die Untertasse, trank auch daraus und ihm folgte verstehend und ernsthaft die ganze wohlerzogene Gesellschaft.

Gar manche Hausfrau muß denselben Mut zur Lächerlichkeit aufbringen, will sie einem ungeschickten Gast die Beschämung ersparen. Fürstin Pauline Metternich, bekannt durch ihren scharfen Witz und ihre Häßlichkeit, gab einst eine ihrer[21] berühmten Gesellschaften. Zwischen ihr und einer sehr schönen, aber nicht gerade gescheiten Frau nahm einer der glänzendsten Habitués ihres Salons Platz mit den Worten: »Nun sitze ich zwischen Schönheit und Geist.« Darauf erwiderte die Fürstin mit dankendem Neigen des Kopfes: »Das ist das erste Mal, daß man meine Schönheit preist«, das Kompliment des Geistreichseins der anderen überlassend und sich selbst der Gefahr der Lächerlichkeit aussetzend.

So tat die Fürstin. Anders eine alte Bauersfrau, deren Mann an einer schweren, ansteckenden Krankheit litt, er wußte selber nicht, wie schlecht es um ihn stand. Der Arzt rät der Frau, das gemeinsame Essen aus einer Schüssel aufzugeben. Sie schüttelte nur den Kopf und erwiderte: »Das g'hört sich nicht.« War sich vollkommen klar über die Gefahr, die sie lief, trotzdem kam es ihr nicht in den Sinn, den Bauernanstand zu verletzen.

Unsere modernen Begriffe von Hygiene hindern uns, die antike Größe in dieser Handlungsweise zu begreifen, die das eigene Leben geringer einschätzt als die Einhaltung gebotener Formen. Aber wir müssen zugeben, daß eine solche Bauersfrau das richtige Format für eine Heldenmutter besitzt.[22]

Quelle:
Haluschka, Helene: Noch guter Ton? Graz 1938, S. 18-23.
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