Vom Takt und den Sünden wider ihn, die wir alle begehen

[45] Nur die Hellsichtigkeit und Hellhörigkeit des Herzens lassen uns ahnen, was in jedem Augenblick im Denken und Fühlen des andern vorgeht. Davon wird die äußere Form diktiert, die die Lage beherrscht, die den Beteiligten über ihre eigene Unzulänglichkeit hinaushilft, sie erhellt und tröstet. Takt ist die Gabe, sich an Stelle des andern zu setzen und ihm jede unnötige Kränkung, Demütigung und Verletzung zu ersparen. Die einfachen Menschen aus dem Volk, wie überhaupt alle, die nahe der Natur sind, besitzen diese Gabe als unfehlbaren Instinkt. Sie sind hellsichtiger als andere und verstehen wunderbar, zu überhören, zu übersehen, was der Städter in seiner zudringlichen Neugierde nicht losläßt. Wer unter Bergbauern gelebt hat, wird immer wieder aufs neue über den natürlichen Takt dieser wortkargen Menschen, über ihre verschämte Art zu helfen, über ihre schweigende Anteilnahme und ihr seelisches Mitgehen staunen.

Von der naturhaften Witterung dieser erdgebundenen Menschen sehr verschieden ist der Geistestakt des Intellektuellen. Ihm verbietet eine gewisse Ritterlichkeit die Ausnützung der augenblicklichen Schwäche des andern, er bemüht sich vielmehr, ihm möglichst aus der Niederlage zu helfen. Dieser Geistestakt ist Überlegung, ein Abschätzen der Gebärde, des Wortes, er entspringt aus dem Gefühl für Harmonie oder dem Streben nach Gleichgewicht. Geistestakt meidet die Übertreibung und Lächerlichkeit. Herzenstakt ist menschliches Erbarmen – Geistestakt ist Gedankendisziplin, Geistesgegenwart. In einer Gesellschaft[45] wirft ein schüchterner junger Mann ein Glas Wein um. »Oh«, sagt eine ältere Dame, die neben ihm sitzt, »verzeihen Sie, ich habe Sie gestoßen!« Das ist Herzens- und Geistestakt zugleich.

In einer Großstadt erlebte ich folgendes: Ein Kindersarg auf einem Leichenwagen zieht in strömendem Regen langsam seines Weges, hinter ihm zwei armselige Leidtragende. Ein Luxusauto kreuzt den traurigen Zug und wartet sein Vorbeiziehen ab, trotzdem es das Vorfahrrecht hatte. Der Herrenfahrer lud die beiden Trauergäste ein, zu ihm in den Wagen zu steigen, und fuhr im langsamsten Tempo zum Friedhof. Das war Herzenstakt. Die Dame aber, die im Wagen saß, tat etwas Unerwartetes: sie wischte Puder und Lippenrot vom Gesicht. Dies ist Geistestakt – in reinster Blüte.

Eine karitative Gesellschaft des Auslandes, die ihre Tätigkeit auf die ganze Welt erstreckt, hatte den Einfall, ihren Weihnachtspaketen Papierservietten beizupacken, und erhob so den Beschenkten vom Bettler zu ihrem Gast. Auch Geistestakt. – Der Weihnachtsbaum aber, der unsere Liebesgaben an Arme begleitet und ihnen Poesie und Licht bringen soll, ist reinster Herzenstakt.

Wer weiß, vielleicht ist das Ahnungsvermögen des Künstlers nichts anderes als eine geniale Form des Taktes? Der Bildhauer, der Baumeister, die die wildwuchernden Formen bändigen, die die Materie zu einem stolzen, schönen Ebenmaß zwingen, sind Menschen von Geistestakt. Verliert die Kunst diesen Taktsinn, so entartet sie.

Taktlosigkeit ist Entartung.

Schon im täglichen Leben wirkt die Taktlosigkeit zerstörend. Ein kleines Beispiel, das wir alle schon einmal irgendwo erlebt haben: Eine einfach gekleidete Frau betritt einen Laden,[46] um ein Kleid zu kaufen. Man legt ihr nach einem kurzen, prüfenden Blick alles vor, was an Lagerresten vorhanden ist. Billige Ware, aber trostlos nichtssagend. »Haben Sie nichts Hübscheres?« fragt sie schüchtern. »Etwas, das sich auch für Konzert und Theater eignet?«

»Wir haben sehr schöne Modelle für Nachmittags-und Abendkleider, die werden Ihnen aber zu teuer sein –.«

Ein Kunde, der in so grober Weise an seine Armut erinnert wird, kommt nicht wieder in dieses Geschäft; viel schlimmer aber ist es, daß in ihm Bitterkeit und Unzufriedenheit zurückbleibt.

Soll ich weitere Beispiele alltäglicher Taktlosigkeiten anführen? Wenn Kunden sich Verkäuferinnen gegenüber Ungezogenheiten gestatten, ihre Geduld mißbrauchen, sich hundert Sachen vorlegen lassen, ohne zu kaufen, so ist das um so taktloser, als eine entsprechende Abwehr nicht möglich ist.

Mangel an Takt in der Gesellschaft: Ein schüchterner junger Mann, der es nicht wagt, in Gesellschaft selbst das Wort zu ergreifen, wartet auf die passende Gelegenheit, mit einem Satz zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen. Er ist schon im Zug, da ruft ihm die Hausfrau über alle Gäste hinweg zu: »Warum so schweigsam, Herr N ...?« Und alle Blicke wenden sich ihm zu. »Gefällt es Ihnen nicht bei uns?« – »O ja«, stottert er und ärgert sich über seine eigene Antwort den ganzen Abend lang. Hätte die Hausfrau seine Schüchternheit nicht so schonungslos preisgegeben, wäre er im Laufe des Abends sicher aufgetaut.

Wir denken nicht immer daran, daß unsere Worte auf den andern anders wirken können, als wir sie gemeint haben. Wenn wir sagen, Frau X. sieht aus wie eine Köchin, so wollen wir damit sicher nichts Böses gegen den ehrsamen Stand[47] der Köchinnen sagen, aber unsere Köchin wird sich mit Recht schwer gekränkt fühlen. Oder wir erlauben uns die Bemerkung: »Sie ist zwar nur eine Näherin, sieht aber aus wie eine Dame.« Warum sollte eine Näherin nicht wie eine Dame aussehen – eine Dame sein? Dasselbe gilt für alle Berufe, die wir als weniger glänzend in anderen Zeiten empfunden haben. Lassen wir also alle gedankenlosen Redewendungen, die mit »Er ist zwar nur« beginnen. Was nach »nur« kommt, ist taktloser Hochmut.

Wenn wir jemanden mit den Worten empfehlen: »Er ist aus guter Familie«, so meinen wir damit nur die Gesellschaftsschichte, der er entstammt, nicht die Tüchtigkeit und Ehrbarkeit, die eigentlich die gute Familie ausmachen sollten. Richtiger sollten wir sagen: Die Eltern des Herrn Müller sind Großgrundbesitzer, Fabrikanten, Kaufleute oder Bauern oder Arbeiter, wir dürften auch hinzufügen, daß sie tüchtige, ehrbare Menschen sind. Aber wir sollen wissen: Jeder kommt aus guter Familie, so Vater und Mutter gesund an Leib und Seele und ehrliche, anständige Menschen sind.

Man soll auch seinen Gefühlen nicht immer freien Lauf lassen, denn auch damit kann man andere kränken und unverdient zurücksetzen. Nehmen wir den Fall, wir säßen inmitten unserer Gäste im konventionellen Geplauder, und unerwartet träte unser Freund Max oder unsere Freundin Lisl ein. Vorbei ist es mit der vornehmen Zurückhaltung, wir legen in die Begrüßung alle Herzlichkeit, deren wir fähig sind, drücken die Hände, ja, wenn's die Lisl ist, fallen wir ihr um den Hals, als hätten wir uns nicht gestern, sondern vor Jahren zum letztenmal gesehen. Wie kommen unsere anderen Gäste dazu, hier neiderfüllte Zeugen unserer größeren Sympathie zu sein und sich überflüssig zu fühlen? Haben wir sie zu uns gebeten, um[48] ihnen zu zeigen, daß wir lieber mit Max oder Lisl allein sind? Oder: Du stehst einer marmorkühlen, fast abweisenden Frau gegenüber und fragst dich vergeblich, womit du ihr ein wenig Wärme abgewinnen könntest. Da tut sich die Türe auf und herein torkelt ein kläffendes Etwas, der Schoßhund. Alle Kühle ist wie weggeblasen, und über dieses Ungetüm ergießt sich ein Strom von Herzlichkeit: »Herzi, Butzi, Liebes, Kleines, wo ist das brave Hündchen, komm, komm zum Frauerl!« Nun wird gekost, geküßt, der Pintscher behauptet allein das Feld. Was bleibt dir armem Menschen übrig, als dich mit neuen Minderwertigkeitsgefühlen zurückzuziehen?

Apropos Hunde: gebt ihnen doch keine Menschennamen! Man hört es doch nicht gerne: Leo hat gefressen, Sufi hat mit dem Schwanz gewedelt, wenn man selbst Leo oder Sufi heißt. Andere kleine Taktlosigkeiten gibt es täglich. Du läufst auf der Straße und wirst aufgehalten: »Wohin so schnell?« Du kannst ihm doch nicht sagen, daß dich der Hühneraugenoperateur erwartet! Oder gar, daß du wirklich, wie er vermutet, ein Stelldichein hast! Oder man sagt dir: »Sehen Sie aber heute gut aus!« Ja – siehst du denn sonst gar so heruntergekommen aus?

»Ich höre, Sie sind operiert worden? Was war denn eigentlich los?« – Mensch, das kann ich dir doch nicht auf der Straße erzählen!

»Heute habe ich wieder Ihre Tochter mit dem Herrn Schulze gesehen. Ist sie nicht verlobt?« (Ich wollte, sie wäre es, aber er denkt nicht daran, und ich muß so tun, als läge mir die Idee, Herr Schulze käme als Bräutigam in Betracht, himmelferne!)

»Warum waren Sie nicht auf dem Narrenabend? Warum sieht man Sie so selten auf Unterhaltungen?« Ja, weißt du, lieber Frager, wie es mit meinem Geldbeutel aussieht? Aber[49] mancher so liebe Freund begnügt sich nicht mit einer flüchtigen Erklärung, er bohrt weiter, er will alles haargenau wissen – was ich ihm verschweigen will, und es geht ihn wirklich nichts an.

Takt muß alles vermeiden, was den andern in Verlegenheit bringen könnte. Er muß aber auch Positives leisten. Ein Mensch mit Takt wartet nicht darauf, daß man ihn zu Hilfe ruft, er läßt nicht zu, daß ein anständiger Mensch sich vor Verlegenheit windet, ehe er eine Bitte um Hilfe ausspricht, auch dann nicht, wenn er Vorgesetzter ist und der andere Untergebener. Wenn der andere der Hilfe würdig ist, wird er ihm unter die Arme greifen, ehe er zusammenfällt.

Der Takt sollte es auch verbieten, an Arme Sachen zu verschenken, die sich in absolut unbrauchbarem Zustand befinden. Dem Winterhilfswerk ist mit mottenzerfressenen Lumpen, schlechten Hüten, zerrissenen Schuhen nicht gedient. Was man schenkt, soll der Beschenkte ohne weiteres gebrauchen können. Mancher kann es nicht lassen, ehe er hilft, zu moralisieren oder Ratschläge zu erteilen, wie man es anders hätte machen können.

Sie sehen jeden Unglücklichen als einen Delinquenten an und forschen so lange, bis sie seine Achillesferse entdeckt haben. Dann triumphieren sie: »Gott sei Dank, er ist selber schuld an seinem Unglück, ich kann meinem guten Herzen das Mitleid ersparen.«

Eine junge Mutter, das Kind auf dem Arm, bittet um Hilfe bei einem Wohltätigkeitsverein. Auf den ersten Blick erkennt man die gute Mutter, das Kind ist tadellos gehalten, aber es ist ein uneheliches Kind, und die wohlmeinende Leiterin kann nicht umhin, zuerst zu mahnen: »Sehen Sie, mein gutes Kind, das alles wäre nicht gekommen, wären Sie brav geblieben.«[50]

Hier fehlt der Herzenstakt vollkommen, denn was das Mädel war, das verschwindet vollkommen hinter dem, was die Mutter ist. Eine gute Mutter hat mit ihrem Kinde überall Asylrecht, und hier darf man nicht mit Steinen nach ihr werfen – weder bildlich noch in der Tat.

Sicher ist es nicht immer leicht, im Hilfswerk den richtigen Takt zu bewahren, man wird oft mißbraucht und ist manchmal selbst schuld an Enttäuschungen. Trotzdem sollte man immer versuchen, Stolz und Würde des Schützlings zu schonen und ihm Gelegenheit zu geben, seinen Dank durch Gegenleistungen abzustatten. Man muß es verstehen, selbst zu empfangen, auch von gesellschaftlich tief unter uns stehenden Menschen. Auch die wollen das Gefühl haben, sich »revanchieren« zu können. Ein Arzt meiner Bekanntschaft hatte ein altes Mütterchen umsonst gepflegt. Sie strickte ihm dafür ein Paar Stutzen, auf die sie sehr stolz war, denn sie hatte dazu ein Muster aus ihrer Jugend verwendet, das sonst nirgends mehr zu finden war. Der Arzt hatte den Mut, diese rührende Scheußlichkeit zu tragen und sich damit auslachen zu lassen, aber der Patientin gab er damit die größte Genugtuung ihres bescheidenen Daseins.

Wie man gibt, ist wichtiger, als was man gibt. Die richtige Freude am Nehmen stellt sich erst ein, wenn über das dringend Notwendige und Nützliche hinaus auch noch ein wenig Schönheit gegeben wird. Kriegt ein Kind eine warme Haube, so freut es sich erst an der bunten Quaste. Diese kleinen Überflüssigkeiten sind es, die uns das Leben kostbar machen, da bleiben alle Menschen große Kinder; also denken wir beim Helfen und Schenken an die bunte Quaste!

Wenn der Takt das richtige Gefühl für das Maß der Dinge ist, so gehört auch das maßlose Sprechen zu den Taktlosigkeiten.[51] Um gehört zu werden, schreit die Reklame in den wüstesten Übertreibungen auf uns ein und hat damit unser Sprachgefühl verdorben. Das einfache Wort hat seinen Wert verloren. Die Frau ist nicht mehr schön, sie ist »göttlich«, Kleinigkeiten sind »erschütternd«, »weltbewegend«, »noch nie dagewesen«, »führend«, irgendeine kleine Entgleisung ist »niederschmetternd«, »vernichtend«, und dergleichen mehr.

Solche großen Worte sollten nur dann gebraucht werden, wenn es wirklich um die letzten Dinge geht, und nur von Menschen, die dafür auch die Verantwortung übernehmen und tragen können.

Gefährlich ist es, wenn wir eine große Idee, eine Lehre, eine Weltanschauung übertreiben. Zehn Feinde können da nicht soviel Schaden anrichten wie ein taktloser Freund derselben. Und es waren immer die, die noch päpstlicher sein wollten als der Papst, die der Religion am meisten geschadet haben. Tragen wir mit Takt alles, was in seiner Größe uns überragt. Versuchen wir nie, uns selber größer zu machen, indem wir heiliges Gedankengut übersteigern und damit es schon verraten. Man soll auch nie Ratschläge erteilen, die man selbst nicht befolgen will oder kann. Der Satte darf nicht dem Hungernden raten, sich den Gürtel noch enger zu schnallen, die Zähne zusammenzubeißen, sich zusammenzunehmen. Wer selbst Fleisch im Kochtopf hat, soll nicht dem andern raten, mit dem Gemüse zufrieden zu sein. Da gibt es nur eine mögliche Haltung: Wenn man selbst mehr hat, als man unbedingt braucht, mit dem andern zu teilen. Richtiges Geben muß auf Seite des Gebenden ein Opfern sein, ohne daß der Beschenkte das Opfer merkt.

Und Rat geben? Das darf man nur, wenn man darum gebeten wird oder wenn sich eine zwingende Notwendigkeit dazu ergibt. Der beste Rat bleibt immer die Tat.[52]

Quelle:
Haluschka, Helene: Noch guter Ton? Graz 1938, S. 45-53.
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