XII. Die Jahre 1804, 1805 und die erste Hälfte von 1806 in Konstantinopel.

[147] In den ersten sechs Monaten des Jahres 1804 las ich die sieben Foliobände des großen Märchenwerkes Suleiman Name, das deren nicht weniger als siebzig hat. Dann las ich die Kritiken Kants und die Delphine der Madame Stael. Ich mußte französische Tageslektüre treiben, um den Anforderungen im französischen Palais zu genügen. Mit dem Eintritt schöner Jahreszeit setzte ich meine Wanderungen durch die Umgebung der Sultanstadt fort.

In Chassköi stand mitten unter Judenhäusern ein Palast des Sultans, der damals allerdings nicht mehr bewohnt war. Von diesen führte die Straße gerade hinauf zum ›Otmeidan‹, dem Pfeilplatz. Wie vormals auf dem Pferdeplatz, dem ›Atmeidan‹, in Konstantinopel die Pferde- und Wagenrennen stattfanden, so wurde hier mit Pfeil und Bogen um die Wette geschossen. Von ferne könnte man den Otmeidan für eine türkische Grabstätte halten, denn auf ihm erheben sich zahlreiche Pfeiler mit goldenen Inschriften, die Denkmale der besten Schüsse, zumeist der Sultane. Schmeichler verlängerten die Bahn des vom Pfeil des Herrschers durchflogenen Raumes, indem der Sklave den Pfeil[147] im Laufen aufhob und erst nach ein paar hundert Schritten als dort gefunden zeigte. Die einzigen wahren Angaben guter Schüsse mögen die Sultan Murads IV., des Eroberers von Bagdad, sein, der den stärksten Bogen mit Athletenkraft spannte und den Pfeil auf unglaubliche Entfernung schoß.

Vierzehn Tage des Mai, die schönsten des Frühlings, brachten dieses Jahr der französische Botschafter, der Internuntius, die Baronin Hübsch und mehrere Verwandte ihres Hauses auf den Prinzeninseln zu. Nur zwei Stunden von Konstantinopel entfernt, auf der Seite der asiatischen Küste gelegen, haben sie ein milderes Klima als Bujukdere, weil sie weniger als dieses den Nordwinden ausgesetzt sind. Später, im Sommer, sind sie weniger heiß als dieses, aber die schönsten Monate auf ihnen sind der Mai und der September. Die laue Luft ist von den Düften wohlriechender Kräuter und von den harzigen Ausdünstungen der Zypressen und Therabinthen geschwängert. Auf der größten Insel Prinzipo verbringen reiche Griechen ihre Frühlingsferien, und dort wird der erste Mai von den jungen Mädchen mit einem Reigen als Genius des Frühlings begrüßt. Wir wohnten auf der zweitgrößten Insel Chalki. Dort besuchte ich oft die drei Klöster zur heiligen Dreifaltigkeit, zur heiligen Jungfrau und zum heiligen Georg, stöberte dort unter griechischen Liturgien herum und kaufte die oben erwähnte griechische Handschrift. Wie ich höre, ist inzwischen die herrliche Zypressenallee, die zum Kloster führte, im griechischen Aufstand von den Türken zerstört worden.

Von hier aus machte ich in Begleitung des Gesandtschaftsjanitscharen der Baronin Hübsch einen Ausflug an die asiatische Küste, dort ritt ich drei Stunden landeinwärts in der Richtung des Aalemthag, ohne auch nur eine Spur von Gräbern zu entdecken. Erst spät am Abend bei der Rückkehr nach Maldeye, den Telekanon der Kreuzfahrer, fand ich bei der griechischen Kirche eine kleine Stele. Ich versuchte, sie mit meinen Janitscharen unbemerkt ins Boot zu schaffen, aber wir wurden entdeckt und von Griechen als Kirchenräuber mit Steinwürfen bis ins Boot verfolgt.

Bald nach meiner Rückkehr nach Bujukdere machte[148] ich einen Ausflug auf den auf dem asiatischen Ufer ober Skutari sich erhebenden Berg von Bulhurlü, von dem aus die schönste Aussicht auf Konstantinopel, das Meer von Marmara und den Bosporus ist. Dort steht ein Landhaus, dessen Erbauer Aaschir-Efendi, der größte türkische Philologe unserer Zeit, ist. Er übersetzte die beiden Riesenwerke des persischen Wörterbuches des Burban Hatis und des arabischen Kemus. Dieses Haus bewohnte in diesem Sommer der als Staatsmann und Geschichtsschreiber berühmte Nesif-Efendi, der noch jüngst die Stelle eines Reis-Efendi bekleidende Reichsgeschichtsschreibers. Seine bis auf den Frieden von Keinardschi reichende Geschichte ist das letzte der von der Regierung kundgemachten Werke des offiziellen Reichshistoriographen. Ich machte hier seine persönliche Bekanntschaft und fand in ihm einen durch Krankheit verstimmten, unansehnlichen Mann.

Durch die politischen Ereignisse war dieses Jahr für die Diplomatie in Pera ein sehr bewegtes: Napoleon hatte sich zum Kaiser von Frankreich erklärt, Kaiser Franz hatte sich die Krone des österreichischen Kaisertums aufgesetzt. Herr Amadé Joubert, welcher den Posten des ersten Dolmetsch erhalten, hatte dem General Brune mit dem Marschallstabe die große Nachricht von der Kaiserproklamation und den Auftrag gebracht, die durch ein mitgebrachtes Schreiben Napoleons an den Sultan angekündigte Proklamation bei der Pforte zu unterstützen und von ihr die Anerkennung Napoleons als Kaiser und Padischah der Franzosen zu erreichen. Der russische Gesandte und der englische Botschafter arbeiteten dagegen, und der Internuntius hatte die Weisung erhalten, mit der Anerkennung des österreichischen Kaisertitels auch den Titel Padischah, welcher damals den Königen von Frankreich und seit dem Frieden von Kainardschi dem Zar gebührte, zu verlangen. Diese Bestrebungen der Minister der vier Großmächte versetzten die ganze diplomatische Welt in Aufregung und Tätigkeit, Konferenz folgte auf Konferenz, und ein halbes Jahr lang drehten sich alle Gespräche um die Anerkennung oder Nichtanerkennung Napoleons. Um aus allem diesem diplomatischen Kleinkram herauszukommen, machte ich zwei gleichgesinnten[149] Freunden, dem englischen Botschaftssekretär Mr. Straton und dem preußischen Geschäftsträger Bielefeld, den Vorschlag, zwischen zwei Posten zusammen einen Ausflug nach Brussa zu machen. Nicht ohne Schwierigkeiten erhielt ich die Erlaubnis des Internuntius. Das Resultat dieser Reise legte ich in meinem Reisewerk ›Umblick auf einer Reise von Konstantinopel nach Brussa und dem Olympos und von da zurück über Nicäa und Nikomedien‹ nieder.

Die Gegenwart des russischen Geschwaders – fünfzehn Transportschiffe lagen gleichzeitig vor Bujukdere vor Anker – unterstützten die Proteste des Gesandten Rußlands bei der Pforte gegen die Forderung der Anerkennung Napoleons als Kaiser und Padischah. Marschall Brune drohte mehrmals mit der Abreise, und als auch die Vermittlung Bielefelds fruchtlos blieb, reiste er wirklich Mitte Dezember ab. Ich bedauerte sein Fortgehen, ich hatte in der letzten Zeit viel mit ihm und seinen Sekretären verkehrt und Gelegenheit gehabt, den Nationalcharakter der Franzosen näher kennenzulernen. Brune war ein Geschöpf der Revolution und des Lagers; mit militärischer Haltung vereinte er französische Artigkeit und gesellschaftliche Bildung, und niemals hörte ich von ihm die derben Soldatenflüche, die ich später in Wien von Franzosen, ja sogar aus Savarys Mund, so oft gehört, noch andere Unanständigkeiten, von denen, als vom letzten revolutionären Botschafter Verguinaus stammend, so viele in Pera erzählt wurden.

In den Jahren 1804 bis 1805 arbeitete ich in den Morgenstunden an Auszügen aus den dreiunddreißig Bänden des Ritterromanes ›Anthar‹ und füllte sechsundvierzig halbbrüchige Hefte jedes zu zwölf Bögen, die sich noch unter meinen ungedruckten literarischen Arbeiten befinden. Dann verfertigte ich eine Karte Arabiens, in welche ich die Stämme und ihre Sitze nach den Angaben des Romans eintrug. Außerdem las ich die Werke Buffons, Moliéres Bernardin de Saint Pierres, La Bruyeres und Bourdalues und endlich die ›Atlantis‹ Baillys. Ihres historischen und politischen Inhaltes wegen studierte ich die Prolegomena Ibn Chalouns, auf deren großen Wert mich de Sacy aufmerksam gemacht[150] hatte. Bald nach meiner Rückkehr von London hatte ich an ihn geschrieben, und dieser Briefwechsel wurde bis zum Tode dieses edlen Mannes durch dreißig Jahre fortgesetzt. Die beiderseitige freimütigste Kritik tat unserem freundschaftlichen Verhältnis keinen Abbruch. Seine Briefe an mich enthalten einen Schatz der Belehrung über arabische Grammatik und Literatur, während ich ihm über persische und türkische Literatur und Bibliographie Auskünfte gab.

Anderthalb Jahre hatte ich an dem Auszug ›Anthars‹ und ebenso lange an der französischen Übersetzung von Tausendundeine Nacht gearbeitet, zu der ich die Vorrede, kurz bevor ich Konstantinopel in der Hälfte des Jahres 1805 verließ, schrieb. Außer topographischen Bemerkungen über Konstantinopel, Skutari und das asiatische Bosporusufer, über die Liturgien der Derwische, Klagen über Österreichs Geschick in diesem traurigen Jahre 1805 enthalten meine Tagebücher noch zahlreiche Unterredungen mit dem schwedischen Geschäftsträger Ritter von Palin. Der englische Botschafter Drummond wurde von Mr. Arbuthnot abgelöst. Am 25. April starb mein Freund Tooke, in dessen Haus ich so viele angenehme Stunden verbracht und von dem ich so viele Belehrung erhalten hatte. Ich kaufte bei der Versteigerung seiner Bibliothek viele Bücher. Durch die diplomatischen Verhältnisse war der Verkehr mit Franzosen verboten; meine beiden Freunde Tooke und Coral waren tot, ich war auf die Gesellschaft des Hauses und den Umgang mit Ottenfels, den ich bis dahin für den besten Freund hielt, beschränkt. Bald sollte ich die tiefste Enttäuschung erfahren. Ich hatte vor Ottenfels kein Geheimnis und dachte damals, das wahre Wesen der Freundschaft liege in dem innigsten Austausch der Gedanken, in offener Aufschließung des Inneren vor dem Freunde und in unumstößlichem Vertrauen. Diese Grundlagen der Freundschaft hatte ich oft mit Ottenfels besprochen und ihn nie einer Falschheit gegen mich für fähig gehalten. Daß Stürmer mir kein Vertrauen schenkte, wußte ich, glaubte aber, er habe es dem Eindringling Testa zugewendet. Auf schmerzliche Weise entdeckte ich, daß Ottenfels sich durch Kriecherei Stürmers Gunst erworben hatte und mir nicht nur die ihm anvertrauten Nachrichten,[151] sondern auch seine ganze Stellung zu Stürmer verheimlichte, um mich mit dessen Beihilfe von meinem Posten zu entfernen und ihn für sich zu erhalten. An einem trüben Wintertage ordnete ich in meinem Zimmer meine Bücher, der Schrank war im Türstock einer aufgelassenen Tür, an welche Ottenfels Zimmer grenzte, angebracht. Ihn zu behorchen hätte ich mir nie einfallen lassen. Als ich die Bücher herausnahm, hörte ich zu meinem Erstaunen in Ottenfels Zimmer die Stimme Stürmers. Ich horchte und hörte, wie dieser eine mir verheimlichte Depesche vorlas, welche die Nachricht des Einmarsches der Franzosen in Wien meldete und Ottenfels verbot, mir davon eine Silbe zu sagen, was dieser zusagte. Am klügsten wäre es gewesen, wenn ich davon nichts erwähnt und die Sache nur zur Richtschnur für künftige Handlungsweise genommen hätte, aber ich war zu tief getroffen, um zu schweigen. Erst später fiel mir ein, wie lächerlich es war, eine solche Nachricht mehr als 24 Stunden verheimlichen zu wollen. Ich ging sofort zu Stürmer, erzählte ihm, was ich gehört und beklagte mich über diese Behandlung. Der Jesuit antwortete: mein Umgang mit Franzosen sei von jeher so vertraut gewesen, daß er fürchte, ich setze ihn auch jetzt noch fort, daher gebiete seine Amtspflicht solches Benehmen gegen mich. Die Dummheit dieser Antwort entwaffnete fast meinen Zorn. Selbst wenn ich noch mit Franzosen verkehrt hätte, was nicht der Fall war, und von dem Einmarsch in Wien gesprochen hätte, was hätte es auf sich gehabt? Die Unterredung mit Ottenfels war für mich viel schmerzlicher als die mit Stürmer. Ich machte ihm keinen Vorwurf daraus, daß er ein ihm vom Internuntius anvertrautes Geheimnis bewahre, wohl aber darüber, daß er mir nicht längst sein Verhältnis zu Stürmer gesagt hatte.

Damals dachte ich nicht, daß ich sobald schon von meinem Posten entfernt würde. Cobenzls und Collenbachs Rücktritt vom Ministerium erleichterte Stürmer den Erfolg der gegen mich gemachten Schritte beim neuen Minister, dem Graf en Stadion, und beim neuen Staatsrat Hudelist, die mir beide ebenso unbekannt waren wie ich ihnen. Am 7. Mai 1806 erhielt ich meine Ernennung zum Generalkonsul, oder[152] wie es damals hieß, zum Agenten in der Moldau. Ich war über die Beförderung, die mich meinen orientalischen Studien entriß, höchst bestürzt und bat Stürmer, meine Bitte bei Hof, diese Beförderung ablehnen und auf meinen Posten bleiben zu dürfen, zu unterstützen. Er ging nicht darauf ein, sondern beschuldigte mich des Ungehorsams gegen den Hof und erklärte mir, daß ich damit aufgehört habe, Sekretär zu sein, daß meine Zimmer vergeben seien und ich ausziehen solle. Ich erklärte, daß ich mit meiner nächsten Post die Bitte an den Minister stellen werde und bis zum Eintreffen der Antwort hier bleibe. Von diesem Tag an setzte ich keinen Fuß mehr in Kabinett oder Salon des Internuntius.

Sechs Wochen nach Abgang meiner Vorstellung kam die Antwort von Wien, die mir meine Ernennung unabänderlich ankündete. Erst jetzt traf ich Anstalten zur Abreise nach Jassy, die nicht früher stattfinden konnte, als bis das Konsuldiplom und der dasselbe begleitende Ferman (das exequatur regium) in Ordnung war.

Die Beschleunigung dieses ging durch die Hände des Fürsten Demetrius Morusi, dessen Bruder der regierende Fürst der Moldau. An diesen wurde ich von seiner Familie bestens empfohlen. In den Monaten, die zwischen meiner Ernennung nach Jassy und meiner Abreise lagen, machte ich viele Ausflüge und arbeitete fleißig an meiner Übersetzung von Tausendundeiner Nacht. Meine Effekten und Bücher und ein schönes Sekulantium, das ich mir aus Alexandrien hatte bringen lassen und auf dem in meinem Zimmer die Büste des Kaisers stand, waren auf das Schiff gebracht. Paß und Abfertigung erhielt ich, ohne den Internuntius seit jener Unterredung, in der er meine Bitte um Unterstützung meines Gesuches, in Konstantinopel bleiben zu dürfen, abgelehnt, mit einem Auge gesehen zu haben. Ich begab mich nach Bujukdere ins Haus meiner Freunde Raab und fuhr nach dem Souper nach Mitternacht bei schönstem Mondenschein der Mündung des Bosporus zu.

Die Zerrissenheit der türkischen Provinzen und die Schwäche und Verderbtheit der Regierung gewährte mir schon damals die Überzeugung, daß das Reich trotz der[153] Militärreformen des Sultan Selim dem Untergang zueilte, der durch die Einmischung der auswärtigen Mächte, besonders Rußlands, nur beschleunigt werden konnte. Diese Überzeugung wurde in der Folge durch die ausgedehnten, aber nur die Volkstümlichkeit zerstörenden Reformen Sultan Mahmuds, in welchem besonders die Legitimisten den Wiederhersteller des osmanischen Reiches sahen, nicht verringert, sondern noch verstärkt.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 147-154.
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