XVII. Das Jahr 1811. Anstellung als Hofdolmetsch und Staatskanzleirat.

[200] In der Postchaise hatte ich Muße, mich über Paris und meinem Aufenthalt zu besinnen. Ich konnte mir das Zeugnis geben, meine Zeit nicht verloren zu haben. Ich rief die erlebten Szenen in mein Gedächtnis zurück und ließ die Personen, die ich kennengelernt hatte, in meinem Geiste Revue passieren, ich holte Anekdoten und Charakterzüge, die ich über Napoleon vernommen hatte, in mein Gedächtnis zurück, um mir ein Bild des Mannes zu machen, den ich als Feldherrn und Beschützer der Wissenschaften bewunderte, als Despoten, der Deutschland geknechtet hatte, haßte. Leider habe ich nicht alle Anekdoten aufgezeichnet und erinnere mich nur mehr an wenige.

Von der neuen Kaiserin sagten die Royalisten: ›Elle est brouillée avec la grammaire (grand-mère: Napoleons Mutter), elle décline bien, conjugue mal, elle a oublié le passé et prend l'imparfait pour le future.‹ Dann: ›C'est la premiere Archiduchesse, qui a passé un mariage civile‹ (si vile).

In München hatte ich Depeschen an den französischen Gesandten, Graf von Narbonne, den ich aus dem Salon des Prince de Ligne kannte, abzugeben. Um zwei Uhr nachmittags traf ich ein, der Graf sagte mir, daß er mich zu Tisch und zu einem Balle dabehalte und mich erst in zwölf Stunden abfertigen werde, die Verantwortung für meine Verspätung wolle er gern tragen. Auf dem Balle war der ganze Hof gegenwärtig, ich konnte mich aber nicht vorstellen lassen, da ich wenige Stunden später abreisen mußte. Um zwei Uhr verließ ich den Ball und vertauschte meinen Ballanzug mit den Reisekleidern. Die erste Woche nach[200] meiner Ankunft in Wien war durch viele Besuche bei alten und neuen Freunden sehr ruhelos.

Am letzten Mai ging ich nach Ernstbrunn zum Fürsten Sinzendorf. Von da an besuchte ich ihn bis zu seinem Tode dort jährlich auf mehrere Tage und genoß die Stille der schönen Gegend und seine Gastfreundschaft. Zu den nicht ausgeführten Kunstplänen des Fürsten gehörte; die Kolossalstatue des Kaisers Franz, von der nur der riesige Fuß von Bildhauer Kiesling fertiggestellt wurde. In seinem herrlichen Park hatte der Fürst zwei österreichischen Staatsmännern Denkmale errichtet, seinem Freund, dem Grafen Saurau, und dem Fürsten Metternich. Das Bildrelief Sauraus war von einer Inschrift umgeben, welche sich auf die Verdienste Sauraus im Jahre 1797 bezog, als er sich an die Spitze der Landwehr stellte. Die Büste Metternichs war nach dem Wiener Kongreß ›dem Hersteller des Friedens‹ gewidmet.

Am Fronleichnamstag führte ich den persischen Botschafter Asker Chan, den ich in Paris besucht hatte, zu Frau von Eskeles, um von ihren Fenstern aus auf den Michaelerplatz den Umzug zu sehen. Er war auf der Rückkehr nach Teheran begriffen und machte in Wien viel Aufsehen. Während des Evangeliums auf dem Michaelerplatz waren die meisten Gesichter nicht zum Altar, sondern zum Botschafter gekehrt. Unter den Geschenken Napoleons war eine große Saaluhr, deren Verzierungen aus reich vergoldeter Bronze ein Triumphgespann und Trophäen darstellten.

Asker Chan verkaufte in Wien die Shawls, die er von Persien als Geschenke in Paris mitgebracht hatte und verfiel dafür später in Teheran in Ungnade. Ich fuhr viel zwischen den Orten, wo meine Freunde weilten, hin und her, faßte aber endlich zu Ende Juni im Feriengebäude der Orientalischen Akademie in Weidling festen Fuß, um dort die drei Sommermonate mit Arbeiten für die ›Fundgruben‹ zu verbringen.

Meine Arbeiten begann ich am 1. Juli, dem Tage des unglücklichen Balles in Paris. Ich war froh, nicht Zeuge dieses traurigen Schauspieles gewesen zu sein. Sobald ich die Nachricht davon erhielt, fuhr ich für einige Tage nach[201] Wien, um Näheres zu erfahren. Meine besten Quellen waren das Haus des Fürsten Metternich, Karl Harrach und mein Gönner Graf Sickingen, der Vertraute der Kaiserin. Ich traf ihn bei Harrach, suchte ihn aber oft in seiner Wohnung auf.

Der Kaiser war gewohnt, in sehr österreichischem Dialekt zu sprechen. Als Toskana an Frankreich abgetreten wurde und der Großherzog als Entschädigung dafür Erfurt annehmen mußte, hatte der Kaiser lange nicht den Mut, dem Erzherzog diese unangenehme Mitteilung zu machen. Als sie eines Tages nach Tisch Ball spielten und ein Ball hinter einen Schrank fiel, sagte der Kaiser ›Herr Bruder, der Ballen ist futsch und Toskana ist auch futsch‹. – Ich hatte den Grafen Sickingen gebeten, dem Kaiser gelegentlich von mir und meinen Reisen zu sprechen, um zu sehen, welche Meinung er von mir habe und wie ich angeschrieben sei. Der Kaiser Franz sagte: ›Der Hammer ist ein kurioser Mann, der auf seine Faust in Ägypten herumkutschiert ist.‹ Diese Äußerung enthüllte mir die Verleumdung meiner Feinde, Stürmer oder Hudelist, die dem Kaiser glauben gemacht hatten, ich sei ohne Erlaubnis meines Chefs in Ägypten herumgereist. Ich händigte dem Grafen Sickingen das Original meiner Instruktion ein und bat ihn, dieselbe dem Kaiser zu zeigen, was er auch tat.

Obwohl ich damals noch nicht Hofdolmetsch war, machte ich den Dolmetsch des persischen Botschafters, um den sich der Hofdolmetsch Dombay wenig kümmerte. Ich sprach noch kein Wort persisch, sondern nur türkisch.

In dieser Zeit besprach ich zum erstenmal mit Hormayr, Ridler und Schlegel den Plan einer Akademie der Wissenschaften; die Idee ging von den beiden ersten aus und wir schrieben darüber in Hormayrs Historischem Archiv.

Da ich mit dem Wesen des alten Fürsten Metternich so genau bekannt war, konnte es mir nicht einfallen, mich mit irgend etwas an ihn direkt zu wenden, sondern ich tat dies immer durch die Fürstinmutter oder die Herzogintochter. Als ich im Oktober von Weidling zurückkam, bat ich sie, dahin zu wirken, daß die nächste Kurierexpedition an den Kaiser, der sich in Graz aufhielt, mir übertragen[202] werden möge, weil ich auf diese Art meinen Vater kostenlos besuchen könnte. Die Bitte wurde gewährt und in Grünberg beim Mittagessen mit Hudelist, dem die Kurierexpedition oblag, in Ordnung gebracht. Am 9. Oktober kam der Kurier des Grafen Metternich an, den er aus Karlsruhe abgefertigt hatte, ich bekam mittags den Befehl, mich für den Abend zur Kurierfahrt nach Graz bereitzuhalten. Noch in der Nacht wurde ich abgefertigt. Ich traf in Bruck beim Umspannen den Grafen Sickingen, der das Kaiserpaar begleitet hatte.

Er sagte mir, daß er dem Kaiser über die verdienstvolle Unternehmung der ›Fundgruben des Orients‹ gesprochen und ihm von meinem Verdienste um die Zurückstellung der orientalischen Handschriften erzählt und erwähnt habe, daß ich dafür wohl den Leopoldsorden verdient habe. Den Orden erhielt ich – – – nach neun Jahren und nicht für literarische Verdienste, sondern für die Entzifferung einer persischen Chiffrenschrift.

Um sechs Uhr früh war ich in der Burg in Graz. Im Hofe waren die Reisewägen des Kaisers angespannt, denn für sechs Uhr war die Abreise des sehr pünktlichen Kaisers bestimmt. Ich eilte die Stiege hinauf, an der ersten Tür traf ich den Oberstkämmerer Grafen Wrbna, den ich mich zu melden bat. ›Gehen Sie nur herein, der Kaiser kommt gerade heraus, um hinunterzugehen.‹ Ich traf den Kaiser im Herausgehen und übergab die Depeschen. Der Kaiser sagte: ›Fahren Sie gleich zurück und bringen Sie dem Fürsten Metternich meine Reiseroute, die Ihnen Kabinettsdirektor Neuberg geben wird.‹ Dieser Befehl traf mich hart, denn ich hatte gehofft, einige Tage bei meinem Vater bleiben zu können. Ich antwortete dem Kaiser: ›Fürst Metternich hat mich angewiesen, hier seine weiteren Befehle abzuwarten.‹

Ein Franzose, der gewagt hätte, Napoleon so eine Antwort zu geben, hätte sein Amt verloren. Kaiser Franz sagte in seiner gewohnten Nachgiebigkeit für die Weisungen seiner Minister: ›Nun, dann bleiben Sie und schicken Sie die Reiseroute mit der Post.‹ Ich eilte zu meinem Vater und überraschte ihn und die Schwestern beim Frühstück.

Bei Graf Purgstall speiste ich mit dem Landrechtspräsidenten[203] Baron Werner, der den Grafen Metternich und auch den Kronprinzen in den politischen Wissenschaften unterrichtet hatte. Er war ein höchst politischer Jurist, immer bereit aus höheren Rücksichten und für sein eigenes Interesse der Gerechtigkeit eine Nase zu drehen. Seine gute Aufnahme im Purgstallschen Hause dankte er seiner amtlichen Stellung und dem allgemeinen Gerüchte, daß er der höheren geheimen Polizei angehöre. Wer sich unschuldig fühlt, tut am besten, mit solchen Subjekten zu verkehren, damit sie freimütige Äußerungen aus erster Quelle und nicht aus zweitem oder drittem Munde hören, der sie verdreht berichtet. Graf Purgstall lud Werner und mich ein, mit ihm nach Hainfeld zu fahren, wo die Gräfin noch weilte, und von dort aus die Riegersburg zu besichtigen. Am 18. Oktober 1810 fuhr ich zum erstenmal in Hainfeld ein, und einige Tage später sah ich zum erstenmal die Riegersburg, die mich zu der gedruckten Ode ›Die Riegersburg‹ begeisterte, die ich dem Grafen Purgstall widmete.

Der Präsident Baron Werner bat mich, seinen ältesten Sohn Josef, einen hoffnungsvollen jungen Mann von damals zwanzig Jahren in meinem Wagen nach Wien mitzunehmen. Am 1. November war ich wieder in meiner Wohnung in Wien, Am Hof. Ich vertauschte sie noch in diesem Monat mit einer anderen, die aus einem großen Zimmer, einem Schlafkabinett und einem Vorzimmer für den Bedienten bestand in Aftermiete bei dem Präsidialsekretär der Hofkammer Herrn von Bürgermeister, einem rastlos tätigen Geschäftsmanne. Ich befand mich in dieser sehr lichten Wohnung, deren Fenster auf den Neuen Markt gingen und bei dem freundlichen Benehmen meines Mietsherrn und seiner Mutter so wohl, daß ich noch über fünf Jahre dortblieb, bis ich in das gegenüberliegende Heniksteinsche heiratete und eine Wohnung im ›Walfisch‹ bezog. Der 1. November bildete für mich eine Epoche von Studien- und Arbeitsbeginn. In diesem Jahre begann ich meine erste bibliographische Arbeit, den Katalog der orientalischen Handschriften der Hofbibliothek, welcher in den »Fundgruben« und auch im Buchhandel erschien. Ich unterzog diese Arbeit der Durchsicht eines gelehrten Bibliomanen,[204] des Cavaliere d'Elci, der als Satyrendichter einen guten Namen in der italienischen Literatur hat und ein klassischer Gelehrter war. Nach meinem und Harrachs Urteil war er kein Italiener unserer Zeit, sondern aus dem Jahrhundert des Mauritius und Politianus. Meine Arbeit auf der Bibliothek und die Abende bei Caroline Pichler brachten mich mit dem Kustoden und meinen gelehrten Freunden den beiden Collin, Ridler, Schlegel, Pilat und Hormayr in nähere Berührung. Hormayr führte mich bei Erzherzog Johann auf, von dessen Liebe für die Wissenschaften mir schon sein Briefwechsel mit Johannes Müller eine hohe Meinung gegeben hatte; ich fand sie durch sein geistreiches Gespräch bestätigt und wurde schon bei der ersten Unterredung durch den Reichtum seiner Kenntnisse, durch die gütige Aufnahme, die Geradheit seiner Gesinnung und die Einfachheit seiner Gewohnheiten mit mächtigen Banden der Hochachtung und Anhänglichkeit an diesen ausgezeichneten Prinzen und Menschen gebunden, die sich seit Jahren nicht gelockert, sondern nur fester geknüpft haben. Dieser für mich unvergeßliche Tag der ersten Bekanntschaft mit dem Erzherzoge war der 20. Dezember 1810. Am Tage darauf verlor ich meinen Kollegen und Freund, den Hofdolmetsch von Dombay, durch einen Schlaganfall. Ich hatte ihn im Jahre 1792 bei seiner Rückkehr aus Spanien beim türkischen Gesandten Ratib kennengelernt. Ich setzte ihm einen literarischen Denkstein durch einen kleinen Nekrolog im »Beobachter« vom 16. Jänner 1811.

Durch den Tod Dombays wurde die Hofdolmetschstelle frei, die er mit dem Range eines Rates der Staatskanzlei bekleidet hatte, die geeignetste von allen, die für mich in Frage kamen. Es war nicht einmal eine Beförderung, denn der Hofdolmetsch wurde gewöhnlich aus den Dolmetschen an der Pforte oder an der Grenze genommen, ich aber war von höherem Range des Legationsekretärs zum Agenten befördert worden, die Verleihung dieser Stelle war also keine Vergünstigung. Ich machte bei meinen Vorgesetzten Metternich und Hudelist die nötigen Schritte und erwartete meine Ernennung zu Beginn des Jahres 1811. Drei Wochen nach dem Tode Dombays verlautete noch nichts von meiner Ernennung,[205] ich bat daher den Fürsten Sinzendorf, bei seinem nächsten Zusammentreffen mit dem Grafen Metternich, diesem von der Sache zu sprechen. Dieser antwortete ihm diplomatisch: ›Hammer est difficile a placer.‹ Diese Äußerung und eine gewisse Kühle, die ich im Hause Metternich bemerkt hatte, als ich von meinen Erwartungen sprach, waren die ersten Anzeichen, die mich auf das Dasein einer Unterminierung durch meine Gegner aufmerksam machten. Davon erhielt ich bald einen klaren Beweis. Von Graf Sickingen, den ich gebeten hatte, beim Kaiser im Gespräch das Terrain zu sondieren, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß der Kaiser geantwortet hatte ›Der will ja nach Persien reisen‹. Bei meiner ersten Ernennung nach Konstantinopel war von einer Reise nach Persien die Rede gewesen, seither nicht mehr, weder Metternich noch Hudelist hatten mir davon gesprochen. Ich besprach mich mit meinem Mietsherrn, dem Präsidialsekretär des Finanzministers Grafen Wallis und ging zu diesem, um zu erfahren, worum es sich handle, denn der Vorschlag der Staatskanzlei war zur Begutachtung der Kosten bei ihm.

Hätte es sich um eine wissenschaftliche Reise mit den nötigen Hilfsmitteln gehandelt, sie wäre keinem willkommener gewesen als mir. Aber warum machte man mir daraus ein so tiefes Geheimnis? Wallis hatte durch meine Freunde von mir Gutes gehört und er empfing mich mit aller Höflichkeit und gewährte mir eine lange Unterredung. Aus ihr erfuhr ich, daß Hudelist mich nicht zu einer wissenschaftlichen Reise nach Persien vorgeschlagen, sondern mich unter der Verkleidung eines Kaufmannes als Kundschafter schicken wollte, um über die russischen Pläne und die dortige Handelslage Bericht zu erstatten. Der Plan war darauf angelegt, mich auf unbestimmte Zeit von Wien zu entfernen, in der stillen Hoffnung, daß ich mir physisch oder politisch den Hals brechen werde. Dem Kaiser war diese Reise als mein Wunsch vorgetragen worden und vor mir wurde sie deshalb geheimgehalten, damit ich von der Allerhöchsten Resolution überrascht, mich ihr ohne Widerspruch unterwerfen müßte. Graf Wallis sah den ganzen Anschlag von selbst ein, ich brauchte ihn ihm nicht erst auseinanderzusetzen.[206] Ich erklärte mich ohne weiteres bereit, eine wissenschaftliche Reise zu unternehmen, wenn mir die nötigen Mittel dazu gegeben würden, doch konnte davon bei dem elenden Zustand der Finanzen nicht die Rede sein, die Hofkammer wies den Vorschlag der Staatskanzlei als unzeitgemäß zurück.

In der Erwartung der weiteren Entwicklung fuhr ich fort, mich vormittags mit orientalischen und anderen Studien zu beschäftigen und die Nachmittage in Gesellschaft zu gehen. Im Rzewuskischen Salon leuchteten immer neue Erscheinungen auf. Derzeit zogen zwei Franzosen, die ins österreichische Heer eingetreten waren, die Aufmerksamkeit auf sich. Beide galten als Werber um die Hand der Gräfin Isabella, beide waren rein monarchisch, rechtlich und ritterlich gesinnt. Der Lothringer Graf Ficquelmont war durch vielseitige Talente, Kenntnisse, Liebenswürdigkeit und richtiges Urteil über Politik und Literatur ausgezeichnet, er wurde später Botschafter in Rußland und dann der Nachfolger Metternichs als Staats- und Konferenzminister. Der andere, Major Crossard, war zwar kein geborener Gascogner, sprach aber viel wie ein solcher. Auch er war tapfer und ritterlich, aber er war ein unerträglicher Schwätzer und festgerannter Anhänger der alten Dynastie in Frankreich und Spanien. Nach dem Friedensschluß Österreichs mit Frankreich ging er in russische Dienste und brachte es zum Generalmajor, später kam er nach Wien zurück. Er schrieb über militärische Fragen und Kriegsgeschichte. Während des spanischen Krieges kam er zu Wellington; dieser hörte ihn eine Stunde lang an, dann sagte er ihm: ›Monsieur, vous savez beaucoup, mais vous parlez aussi beaucoup!‹ Er war mir so wenig sympathisch, daß ich mit ihm keine zwanzig Worte gewechselt habe.

Karten und Würfel waren im Rzewuskischen Salon ebenso verbannt wie die chronique scandaleuse, das Gespräch drehte sich um Politik und Literatur, die Neuigkeiten der Stadt und des Hofes. Man sprach nur französisch, selten englisch oder deutsch.

Außer diesem Salon besuchte ich den Fürsten Bagration und traf dort die Minister Graf Mensdorf und Graf[207] Soden und die Mitglieder des diplomatischen Korps, den preußischen Gesandten Wilhelm von Humboldt, den dänischen Grafen Bernstorff, den bayrischen Grafen Rechberg, den russischen Grafen Stackelberg und den französischen Grafen Otta. Bei ihm lernte ich den Grafen Apponyi kennen, den Verehrer der Wissenschaften und Gönner der Gelehrten, dessen persönliches Wohlwollen für mich sich auch auf seinen Sohn, den Botschafter und seine Gattin, geborenen Gräfin Nogarola vererbt hat.

Gesprächsweise bemerkte ich dem Fürsten Sinzendorf, daß, soweit mir die englische Literatur bekannt, keine Gedichte sich so zur wortgetreuen Übersetzung eigneten wie Spencers Sonette. Er forderte mich auf, sie zu übersetzen, und ich behielt mir diese angenehme Beschäftigung für die Tage meiner Anwesenheit in ›Eldorado‹ – so nannte der Fürst Ernstbrunn – vor. Diese Übersetzung vollendete ich in den zwei folgenden Jahren, und im Jahre 1814 übergab ich sie dem Fürsten zu seinem Geburtstage mit einem Weihesonett. An meinem nächsten Geburtstage überraschte er mich mit der Nachricht, er habe Anstalten getroffen, damit die Druckerei Degen eine Quartausgabe der Sonette von nur hundert Exemplaren, die nicht in den Buchhandel kommen, sondern nur unter Freunden verteilt werden sollten, auflege. Dies geschah im Jahre 1814, und erst einige Jahre später erschien die Oktavausgabe bei Strauß zum Verkauf.

Im Hause des Grafen Apponyi wurde ich zu Tisch und zum Tee geladen; dort traf ich den Professor der Landwirtschaft, Trautmann, und den Vorsteher der Zensurbehörde, Sartory, beide Steiermärker, in den Abendgesellschaften einen Frauenkreis österreichischer und ungarischer Aristokratinnen aus den Familien Esterhazy, Batthyany und Zichy. Ich verlebte die beiden ersten Faschingsmonate sorglos und fröhlich in der sicheren Erwartung, daß mir die Hofdolmetschstelle sicher sei. Aber darin sollte ich mich bitter täuschen.

Am 14. März 1811 erhielt ich ein Billett meines Freundes, des älteren Collin, des Rates bei der Hofkammer, in dem er mir die vertrauliche Mitteilung machte, daß ich von Metternich zum Hofdolmetsch ohne Rang und ohne Anstellung[208] in der Staatskanzlei und statt meines bisherigen Gehaltes von 4000 Gulden nur mit einem solchen von 1000 Gulden vorgeschlagen sei. Mein Vorgänger, Dombay, war Rat in der Staatskanzlei, hatte 3000 Gulden, vor ihm Stürmer 4000 Gulden Gehalt. Diese Erniedrigung sollte der Lohn dafür sein, daß ich mich als Herausgeber der ›Fundgruben‹ um die orientalische Literatur angenommen hatte, denn Hudelist haßte alles, was Literatur hieß, und alle, die sich damit beschäftigten. Es war mir unbegreiflich, daß Graf Metternich zu einer solch schreienden Ungerechtigkeit bereit sein sollte, und ich bin noch jetzt der Überzeugung, daß er den Vorschlag Hudelists unterschrieben hatte, ohne seinen ganzen Inhalt zu kennen. Am nächsten Tage machte ich ihm darüber Vorstellungen und erklärte schließlich, daß ich meine Entlassung geben müsse und in englische Dienste treten würde, wenn ich nicht mit dem Rang und Gehalt meiner Vorgeher die Hofdolmetschstelle erhielte. Graf Metternich war von meiner Freimütigkeit etwas betroffen und erwiderte, ich sollte eine Bittschrift eingeben, die er dem Kaiser vorlegen würde.

Nachdem ich von meinem Chef entlassen war, sprach ich meine Gönner und Freunde, die Grafen Sickingen und Stadion, Zinzendorf und Harrach, den Fürsten Sinzendorf, den Freiherrn von Thugut und die Fürstinmutter Metternich. Selbst diese mißbilligte die ungerechte Behandlung. Fürst Sinzendorf trug mir, sollte ich gezwungen sein, meine Entlassung zu nehmen, jährlich 2000 Gulden an, um ohne Nahrungssorgen meinen orientalischen Studien obliegen zu können. Graf Sickingen übernahm es, dem Kaiser die Angelegenheit im richtigen Licht zu schildern. Die Nachricht dieses Streiches, den Hudelist mir spielen wollte, verbreitete sich in der Stadt und zugleich das Gerücht, daß ich zum Direktor der orientalischen Akademie ausersehen sei. Diese Stelle bekleidete mein Freund Propst Hoeck, und ich taugte zu ihr gar nicht, weil ich mich mit der Erziehung junger Leute hätte beschäftigen müssen; wahrscheinlich setzte Hudelist dieses Gerücht in Umlauf, um mich mit Hoeck zu entzweien. Graf Sickingen bat ich, dem Kaiser meine Bitte um Annahme der Zueignung meiner ›Topographischen Ansichten[209] auf einer Reise in der Levante‹ vorzutragen. Diese bestanden in der Hauptsache aus den Berichten, die ich damals an meinen Chef, den Internuntius, erstattet hatte. Ich hatte Graf Metternich gebeten, mir die Erlaubnis, die Berichte der drei Jahre, während welcher Baron Herbert mein Chef war, durchgehen zu dürfen. Dies wurde mir sogleich bewilligt, mir aber von Hudelist als neue Schuld angerechnet, weil ich nicht ihn um die Erlaubnis gebeten hatte.

Graf Metternich schien selbst das Unrecht einzusehen, denn er äußerte sich nicht nur gegen meine Freunde, daß meine Vorstellungen berücksichtigt würden, sondern lud mich, wenn ich mich alle zwei Wochen in der Kanzlei zur Audienz meldete, immer durch den Türhüter zu Tisch. Es waren kleine Diners im engsten Familienkreis; Pilat fehlte nie, manchmal war Tettenborn, Hoppe oder Gentz geladen. Gerade in dieser Zeit kamen mir zwei Briefe Eichhorns sehr gelegen, um mich bei meinem Chef in guten Kredit zu setzen. In einem machte er mir den ehrenvollen Antrag, eine Geschichte der osmanischen Literatur für seine Gesamt-Literaturgeschichte zu schreiben. Im zweiten dankte er mir für die Zusage, diese Bitte zu erfüllen, und sandte mir das Diplom als korrespondierendes Mitglied der Göttinger Akademie. Mein Gesuch um Annahme der Zueignung der ›Topographischen Ansichten‹ hatte ich an das Kabinett des Kaisers eingegeben, dort sollte ich auch den für die Zensur nötigen Bescheid erhalten. Alle vierzehn Tage ging ich hin, denn der Buchhändler drängte, da das Werk im Katalog der Ostermesse angekündigt war. Ich hatte den Grafen Sickingen gebeten, den Kaiser auf die Dringlichkeit der Fertigung aufmerksam zu machen. Endlich nach zwei Monaten, auf dem Ball des französichen Botschafters zur Feier der Geburt des Königs von Rom, teilte mir Sickingen mit, daß der Kaiser mein Gesuch durch seine Unterschrift bewilligt habe.

Im April erhielt ich einen Brief von Herrn Humboldt, in dem er mir für einen Bericht über die mexikanischen Handschriften in der Hofbibliothek dankte, und einen von Mr. Rich, dem Residenten der ostindischen Compagnie in Bagdad, der mich von seinem bevorstehenden Ausflug nach[210] den Ruinen von Babylon benachrichtigte, von dem ich mir schönste Ausbeute für die ›Fundgruben‹ erhoffte. Seit sieben Jahren stand ich mit ihm in Briefwechsel, der durch meine Aufforderung der Mitarbeit an den ›Fundgruben‹ noch belebt wurde und später, als wir uns in Wien persönlich kennenlernten, zu wahrer Freundschaft ward, die sein viel zu früher Tod in Persien durch die Cholera endete.

Am 12. Juni übergab ich dem Kaiser in der Audienz das Exemplar der ihm zugeeigneten ›Topographischen Ansichten in der Levante‹ und bat bei dieser Gelegenheit um die Allerhöchste Entschließung über meine Stellung in der Staatskanzlei. Der Kaiser antwortete: ›Es ist kein Sie betreffender Vortrag erstattet, ich habe heute früh meinen Tisch rein aufgearbeitet.‹ Ich fragte, ob Seine Majestät mir erlaube, dies dem Grafen Metternich zu sagen. Er antwortete: ›Ohne Anstand.‹ Von der Audienz ging ich in die Staatskanzlei und ließ mich melden. Durch den Türhüter er folgte der Bescheid, den ich nun schon so oft gehört, der Graf sei zu beschäftigt, mich zu empfangen, aber ich möge zu Tisch kommen. Ich ließ melden, daß ich vom Kaiser käme und eine Meldung zu erstatten habe. Hierauf wurde ich empfangen und erzählte kurz das Resultat meiner Audienz. Graf Metternich wurde sichtlich rot und sagte unwillig, der Kaiser wisse es nicht, er habe wohl das Paket noch nicht geöffnet.

Ich erfuhr auch aus dem geheimen Expedit, daß kein Vortrag über mich erstattet worden sei, und mußte nun zur Erstattung als zur Entschließung einige Wochen vergehen lassen, ehe ich mich bei meinem Chef melden konnte. Nach Monatsfrist tat ich es ohne Erfolg. Drei Wochen später wurde ich in den Garten am Rennweg zu Tisch gebeten. Außer der Familie und Pilat war niemand bei Tisch, und so konnte ich nach der Tafel mit dem Minister sprechen. Ich sagte: ›Ich bin Eurer Exzellenz für die Ehre, die Sie mir erweisen, indem Sie mich öfter zu Tisch laden, unendlich dankbar, aber Sie kennen mich zu gut, als daß Sie nicht wüßten, daß ich mich damit keinesfalls abspeisen lasse. Ich bitte Sie dringend, die Entschließung des Kaisers in betreff meiner Anstellung mit denselben Bezügen wie mein Vorgänger[211] oder, wenn dies nicht zu erhalten sein sollte, meine Entlassung aus dem Dienste zu erwirken.‹ Der Ernst, mit dem ich diese Bitte vorbrachte, wirkte endlich. Drei Wochen später wurde ich zum Minister berufen, der mir ankündigte, daß ich zum Hofdolmetsch mit dem Gehalte von 3000 Gulden und dem Rang eines Rates der Staatskanzlei ernannt worden sei, doch nicht in der Kanzlei, sondern zu Hause arbeiten solle. Hudelist, der den Vortrag so lange verzögert hatte, aber meine Ernennung gegen des Ministers Willen nicht hindern konnte, hatte es durchgesetzt, daß ich von dem eigentlichen Personal der Staatskanzlei abgesondert wurde. Der Grund, den ich erst viel später erfuhr, bestand in der Beschuldigung, daß ich ein unruhiger Kopf sei, der sich in der Kanzlei mit niemandem vertragen würde.

Am 28. Juli starb mein Freund, der ältere Collin. Graf Moriz Dietrichstein veranstaltete eine Kollekte zur Errichtung eines Denkmals in der Karlskirche. Ich gab als Beitrag das Honorar von hundert Gulden, welches ich von der Dollschen Buchhandlung für mein Trauerspiel ›Dschafer‹ erhalten hatte. Dem Grafen Dietrichstein bleibt immer das Verdienst, das literarische Collins durch dieses Denkmal in derselben Kirche geehrt zu haben, in welcher das dort auf Kosten des Staates dem Feldmarschall Fürsten Schwarzenberg zu setzende, zu welchem Thorwaldsen den Entwurf gemacht, noch immer vergebens erwartet wird.

Im September wurde ich zum erstenmal als Hofdolmetsch zum Minister berufen, um bei einer Audienz des von Paris zurückkehrenden türkischen Botschafters Mussib-Efendi Dienst zu tun. Zugleich hatte ich eine Unterredung mit dem Minister und Hudelist wegen des Ranges meines Kollegen Brenner, dem dieser vor mir zuerkannt wurde, obwohl ich als Legationssekretär und Agent in der Moldau vor ihm stand. Der Rang vor mir wurde ihm auf ein Memoire, das er eingegeben, zuerkannt; Metternich aber gab mir die Versicherung, daß die künftige Beförderung vom Rat zum Hofrat uns beiden gleichzeitig zuteil werde. Meine Anstellung gab mir nun auch eine bessere Position im diplomatischen Korps. Meine Stelle war eine vollkommene Sinekure ohne Sitz in der Staatskanzlei, und ich konnte den Einladungen[212] meiner Freunde mit gutem Gewissen und mit Freude folgen.

Im Frühjahr hatte ich den Tod meines Freundes Grafen Purgstall zu beweinen, der in Florenz starb. Er hatte mit seiner Gemahlin diese Reise im Herbst angetreten und hoffte, in Italien Heilung oder wenigstens Linderung seines Lungenleidens zu finden. Ich habe seinem für alles Wahre, Schöne und Gute empfänglichen Geiste und seinem edlen Charakter in dem Buche ›Denkmal auf das Grab der beiden letzten Purgstall‹ ein Andenken zu setzen versucht und darin die beiden Nekrologe aufgenommen, die ihm Rollmann im ›Aufmerksamen‹ und Hormayr in den Ahnentafeln des ersten Jahrganges seines historischen Taschenbuches gewidmet haben.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 200-213.
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