XXVII. Die Jahre 1835 und 1836.

[301] Je fleißiger und angestrengter ich an meiner Geschichte der goldenen Horde arbeitete, um so nötiger hielt ich es, mich durch Lektüre und durch abendliche Gesellschaften aufzuheitern und dadurch neue Kraft zur Arbeit zu sammeln. Ende Jänner 1835 erhielt ich vom Sultan, dem ich die ›Goldenen Halsbänder‹ und ›Rose und Nachtigall‹ gesendet hatte, eine blau emaillierte Dose, die ich dem Fürsten Metternich zur Ansicht sandte. Am 2. März starb Kaiser Franz. Vor seinem Totenbette legte die verwitwete Kaiserin die Hände Metternichs und Kolowrats, die sich spinnefeind gegenüberstanden, ineinander, sie gaben sich und dem Erzherzog Ludwig das Wort, im Geiste des verstorbenen Kaisers die Regierung fortführen zu wollen. Dieses unselige Bündnis hat dreizehn Jahre später allen dreien und fast auch der Monarchie den Hals gebrochen. Am nächsten Morgen kam Erzherzog Johann an und als er vom Totenbette des Kaisers zurückkam, blieb ich anderthalb Stunden bei ihm und beschwor ihn, sich an die Spitze der Erzherzoge zu stellen, um das Unglück zu verhüten, daß Metternich allein die Zügel der Regierung ergreife und die Monarchie ins Verderben stürze. Mein Zureden war vergeblich, die stete Antwort war: ›Metternich und Kolowrat werden mehr Macht haben als ich.‹

Seit dem Jahre 1831 nach der Versammlung der Naturforscher waren durch Fürst Metternich die Professoren Littrow,[301] Jacquin, Baumgartner und Czermak mit der Vorspiegelung einer im engsten Kreise zu bildenden naturhistorischen Akademie genarrt worden und Littrow, über seine getäuschten Hoffnungen wütend, wollte mit dem Fürsten nichts mehr zu tun haben, seither war von einer Akademie keine Rede mehr gewesen. Nun glaubte Littrow endlich meinen Worten, daß, solange Kaiser Franz lebe und Stifft bei ihm allmächtig sei, an das Zustandekommen einer Akademie nicht gedacht werden könne. Kaum 14 Tage nach dem Tode des Kaisers nahm Kaltenbäck die Idee einer Akademie mit großer Wärme auf und bat mich, mit dem Fürsten darüber zu sprechen. Ich versprach mir wenig Erfolg, tat es aber doch, ich wußte im voraus, daß des Fürsten Stolz sich nie dazu herbeilassen werde, sich an die Spitze eines Unternehmens zu stellen, zu dessen Ausführung die Finanzen in Anspruch genommen werden mußten. Nur zu gut kannte ich diese Stimmung und wie wenig der Fürst für die Wissenschaft überhaupt und für Männer der Wissenschaft zu tun geneigt war. Ich konnte nicht hoffen, daß die Gründung der Akademie von ihm ausgehen würde. Ich versprach, das meine redlich zu tun und mich mit der Frage um so ernster und ausschließlicher zu beschäftigen, als ich soeben im März die große und mühevolle Arbeit meiner Geschichte der goldenen Horde in Kipdschak vollendet hatte. Ich trug bald darauf die Sache dem Fürsten vor, erhielt aber die Antwort, es sei dermalen kein günstiger Zeitpunkt. Vorderhand war der Fürst allerdings mit anderen Gedanken in Anspruch genommen. Er hätte gern, und der Gedanke war ein sehr staatsmännischer, den Verband aller unter Österreichs Szepter vereinten Nationen durch eine Krönung des Kaisers als Oberster Kaiser befestigt, aber die Ausführung dieses großen Gedankens scheiterte an dem Widerstande der Ungarn und Böhmen, die von keiner anderen Krönung als von der in der Eigenschaft ihres Königs hören wollten. Besonders Kolowrat stand als Tscheche diesem Vorschlag Metternichs ablehnend gegenüber, dieser wieder wollte von den Huldigungen der Stände in den österreichischen Provinzen Tirol, Steiermark, Kärnten und Krain, die seit Maria Theresia von den Ständen verschlafen worden waren, nichts wissen. Zumindest[302] hätte die Huldigung in Wien nicht bloß die Niederösterreichs, sondern eine allgemeine der deutschen Länder sein sollen, wie dies schon bei früheren Gelegenheiten der Fall war.

Am 24. März kam ich von einer Abendgesellschaft bei der Gräfin Rzewuska nach Hause und fand einen Brief des Captain Hall vor, der mir die Nachricht der drohenden Todesgefahr meiner Freundin, der Gräfin Purgstall, brachte. Die Stafette war über Graz gekommen und enthielt kein Wort über die längst verabredete Maßregel, daß mir Pferde von Hainfeld nach Hartberg entgegengeschickt würden, damit ich auf dieser kürzesten Linie in zweiundzwanzig Stunden eintreffen könnte. Ich traf sofort alle Vorkehrungen zu schnellster Abreise. Es war erst zehn Uhr, also noch Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich den Fürsten Metternich in seinem Salon und jemanden in der Staatskanzlei zur Ausfertigung meines Passes treffen würde. Fürst Metternich gab mir sofort die Erlaubnis und Baron Lebzeltern fertigte den Paß aus. Um Mitternacht fuhr ich mit meinem Bedienten ab. In Graz fuhr ich zum Vertreter der Gräfin, um dort sichere Nachricht über ihren Zustand zu erhalten. Ich kam viel zu spät, die Gräfin war schon vierundzwanzig Stunden bevor ich Halls Brief bekam, verschieden. Im Gasthof ›Zur Stadt Triest‹ öffnete ich den versiegelten Brief, den die Gräfin mir vor vierzehn Jahren gegeben hatte und auf dessen Umschlag stand: ›Not to be opened till after my death.‹ Ich mußte vermuten, daß er letztwillige Anordnungen enthalte, und nahm ihn seit dem Jahre 1821 immer nach Hainfeld mit, um ihn ihr uneröffnet wiederzugeben, wenn sie es für nötig fände, den Inhalt zu ändern. Sie nahm ihn aber nie zurück und versicherte, daß nichts zu ändern sei. Ich dachte, der Brief enthalte Bestimmungen über ihr Leichenbegängnis, denn an das Gerede in Graz, daß sie mich zum Erben eingesetzt, konnte ich um so weniger glauben, als ich vor einigen Jahren die Schenkung ihrer Bibliothek unterschrieben hatte, unter dem Ehrenworte, sie ihren Erben zu übergeben. Sie sagte, sie wolle dadurch ihren Erben den Besitz der verbotenen Bücher sichern. Sie tat es aber scheinbar nur, um mir die Idee zu nehmen, daß ich ihr Erbe sein könne, denn sie hatte, wie sie einmal äußerte, die Überzeugung,[303] daß die Reinheit aller Freundschaft gestört sei, sobald ein Teil wisse, daß er den anderen beerben werde.

Mein Bruder Wilhelm ging zu den Landrechten, um der Eröffnung des Testamentes beizuwohnen und brachte die Nachricht, daß ich darin zum Universalerben ernannt sei und mir Hainfeld unter der Bedingung zufalle, daß ich, nach mir mein Sohn Karl und seine männlichen Kinder, dann Max und dessen männliche Kinder als Erbe dieses Fideikommisses Wappen und Namen der ausgestorbenen Purgstall annehmen müsse. Nur im Falle des Mangels männlicher Erben sollte Hainfeld an ihren Neffen Walter Wilhelm Raleigh Kerr, der im Regiment Nugent als Leutnant diente, übergehen. Nachmittags fuhr ich mit Herrn von Thinnfeld, einem Freund der seligen Gräfin, von Graz nach Hainfeld. Der Kammerdiener übergab mir einen Beutel mit 50 Dukaten und einen Brief, welchen ihm die Gräfin auf dem Totenbette für mich übergeben hatte. Der Brief war für mich sehr überraschend, er war vor drei Jahren geschrieben und kommentierte das Testament. Sie sah selbst ein, daß beim Aufhören der Robote und Zehenten, die sie schon sechzehn Jahre vor der Abolition richtig voraussagte, der Wert von Hainfeld sehr sinken würde. Sie hat mir mit diesem Gut ein Sorgenfrei für die schönsten Monate des Jahres in einem der schönsten Täler der Steiermark bereitet, das zwar kein besonderes Einkommen abwirft, aber seinen Besitzer, wenn er es zu bewirtschaften versteht, ernähren kann. Hainfeld hat nicht nur mir, sondern auch meiner Frau zehn Jahre das größte Vergnügen gemacht, und ich segne das Andenken der edlen großmütigen Freundin auch im Namen meiner Kinder. Dies spricht auch das Kenotaph aus, das ich aus rotem Salzburger Marmor ihr in die Kapelle von Hainfeld errichtete:


›Tui memorem sepulcro sculpo queralem.

Joannen Gräfin von Purgstall, geb. Cranstoun

Seiner edlen Freundin und Wohltäterin

Vom Erben des Namens, Wappens und Gutes.

1836.‹


Herr von Thinnfeld war am Morgen nach Riegersburg gegangen, um die Familiengruft öffnen zu lassen und über den Zweifel der Gräfin, ob noch Raum genug für sie in der[304] Gruft sei, Aufklärung und Gewißheit zu verschaffen. Obwohl sie mich seit Jahren jedesmal, wenn ich nach Hainfeld kam, vor ihren eisernen Sarg in die Kapelle führte und mir das Versprechen abnahm, für ihre Bestattung in der Gruft von Riegersburg Sorge zu tragen, äußerte sie nicht einmal die Besorgnis, daß dort kein Platz mehr sei, erst wenige Wochen vor ihrem Tode teilte sie diese Furcht Captain Hall mit und schrieb auch mir darüber. Um so größer war mein Erstaunen, als Herr von Thinnfeld berichtete, daß die Gruft ganz ausgefüllt und für einen sechsten Sarg kein Raum mehr in ihr sei. Er hatte sofort Anstalten getroffen, daß alle Särge herausgeschafft und die Gruft durch Arbeiter um vier Fuß tiefer gegraben werde und so bis zur morgigen Beisetzung Platz geschafft sei.

Captain Hall hatte ich als Zeugen für die Vollstreckung des letzten Willens meiner Freundin genommen, er war mir darin in jeder Weise behilflich. Ihrem Wunsche entsprechend, war ich den ganzen Vormittag mit der Sichtung und dem Verbrennen ihrer englischen Briefe beschäftigt, ein Geschäft, das ich nur aus Pflichtgefühl und wider meine Ansicht vollzog, denn unter den Briefen befanden sich solche ausgezeichneter Männer wie Mozart und Walter Scott. Captain Hall nahm die Massen von Briefen, die ich gesichtet, und schob sie in den Ofen. Am folgenden Tage übersetzte ich das Testament ins Englische, um es an Mr. Mowbray, den Agenten der Gräfin, zu senden. Mittags küßte ich nochmals die großmütige Hand im Sarge, dann wurde er geschlossen und der Schlüssel mir übergeben. Um halb ein Uhr setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag. Der Sarg wurde abwechselnd von den Richtern der Gemeinden getragen, Männer, Weiber und Kinder beteten den Weg entlang, der in dritthalb Stunden zurückgelegt wurde. Am Fuße des Marktes Riegersburg wartete der Dechant-Hauptpfarrer mit seinem Kaplan.

Am 1. April kehrte ich nach Wien zurück und berichtete am folgenden Morgen dem Fürsten Metternich über den Inhalt des Testamentes und über die Bedingung der Annahme von Wappen und Namen. Er sagte, damit werde es keine Schwierigkeit haben und er wolle die Sache unterstützen.[305] Bald nach meiner Rückkehr hatte ich als Hofdolmetsch vollauf zu tun. Reschid, der nachmalige Minister der auswärtigen Geschäfte und Großvezier, war auf der Durchreise in Wien als Botschafter nach Paris. Er war ein Freund europäischer Bildung und bemühte sich, sein Volk zu reformieren, gegen unübersteigliche Hindernisse, welche ihm Habgier, Unwissenheit und Fanatismus in den Weg stellten, kämpfte er mutig, aber vergeblich.

Als Balzac nach Wien kam, besuchte er mich und ich eilte, ihm meinen Gegenbesuch zu machen. Ich fand ihn nicht daheim, es hieß, er sei beim Fürsten Metternich. Da ich ohnehin in der Staatskanzlei zu tun hatte, ging ich hin und fand das Vorzimmer mit Gesandten, Präsidenten, Hofräten und Generalen gefüllt. Ich fragte den Türsteher und erfuhr, daß alle diese Herren zur Audienz bestellt seien, daß der Fürst aber seit einer halben Stunde mit Herrn von Balzac plaudere und verboten habe, anzuklopfen.

Ein anderer Löwe dieses Sommers war der türkische Großbotschafter Fethi Ahmed Pascha, der zum Eidam des Sultans ausersehene General, dem man den jovialen Bonvivant, aber nicht den Militär ansah. Er war schon seit geraumer Zeit als Überbringer der Glückwünsche des Sultans zur Thronbesteigung angekündigt und war sehr bequem gereist.

Der Charakter des außerordentlichen Großbotschafters steigerte den Glanz seines Empfanges und der ihm erwiesenen Ehren. Für den 6. August war die Audienz beim Kaiser festgesetzt, ich mußte die Übersetzung der mir mitgeteilten Rede des Botschafters und die Antwort des Kaisers auswendig lernen. Der Kaiser murmelte nur ein paar unverständliche Worte, und was ich dann türkisch sprach, mußte für das, was er hätte sprechen sollen, gelten. Alles verlief gut und wunschgemäß. Drei Tage nach der Audienz beim Kaiser fanden die bei den Erzherzogen Ludwig und Franz Karl und bei der Frau Erzherzogin Sophie statt. Fethi fragte mich, was er der Erzherzogin für eine Artigkeit sagen könne, und ich riet ihm, ihren Namen mit der Moschee Aja Sophia, welche die Türken ›Sammlerin der Herzen‹ nennen, in Verbindung zu bringen. Er sprach zwar von der Aja[306] Sophia, aber von ihren hohen Bogen, mit denen er die Augenbrauen der Erzherzogin verglich, ein sehr unglücklicher Vergleich, denn diese waren nicht durch Schönheit ausgezeichnet. Einige Tage später speiste ich mit dem Botschafter in Baden beim Erzherzog Karl, zur Rechten des Erzherzogs saß der Botschafter und ich zwischen diesem und der Frau Erzherzogin Therese, der jetzigen Königin von Neapel, ich dolmetschte bald dem Helden Österreichs, bald seiner erlauchten Tochter.

Zwei der frohesten Tage in Gesellschaft des Botschafters waren die, welche wir in Laxenburg und in Klosterneuburg verbrachten. In Laxenburg wurden wir im Schloß bewirtet und fuhren am Nachmittag mit dem Schloßhauptmann Herrn von Riedel, dem der Park seine großen Verschönerungen verdankt, in kaiserlichen Wägen in diesem spazieren. Den Beschluß machte eine Fahrt auf dem Wasser in Begleitung einiger Musikbanden. In Klosterneuburg besuchten wir den armenischen Bischof auf seinem Landsitze und wurden von ihm festlich bewirtet. Außer Maurojeni und dem Bruder des Bischofs waren auch Ottenfels und Baron Binder, der Nestor unserer Diplomaten, geladen. Am 24. Dezember reiste Fethi Pascha ab, meiner Frau schenkte er einen sehr schönen Ring, ich gab ihm dafür einen kostbaren Koran, er sagte mir, er nehme ihn nur an, weil er mich so sehr liebe.

In diesem Jahre (1835) endete auch mein Briefwechsel mit Böttiger, der über 40 Jahre gedauert hatte. Am 17. November starb er. Auch W. von Humboldt war gestorben und ich war an seiner Stelle als ›Membre associé‹ in die ›Académie des inscriptions‹ aufgenommen worden, eine Ehre, die vielleicht Fürst Metternich von allen Ministern allein zu schätzen wußte.

Zu Ende des Sommers hatte ich den ›Gemäldesaal morgenländischer Herrscher‹ vollendet, nun begann ich die Übersetzung des persischen mystischen Gedichtes ›Rosenflor des Geheimnisses‹. Für den Umschlag hatte mir Frau von Schmerling, die Tochter des Generals Baron Kudelka, die Zeichnung eines Rosenbündels und einer Muschel als Sinnbild des Geheimnisses entworfen. Von ihr sind auch die[307] Umschlagzeichnungen für ›Rose und Nachtigall‹ und für den ›Falknerklee‹ und ein noch nicht lithographiertes Blumengemälde der sieben Blumen des orientalischen Kleeblattes mit den Worten ›der Reigen der Blumen ist der Verein der Kenntnisse‹.

Mehr als sieben Monate waren verflossen, seitdem ich meine Bitte um die Bewilligung des Fideikommisses und die Annahme von Wappen und Namen gestellt hatte, und noch immer war keine Entscheidung erflossen. Fürst Metternich versicherte mir, er habe mit dem Grafen Kolowrat gesprochen, und wenn ich diesen fragte, sagte er, der Fürst habe ihm kein Wort gesagt. Durch einen vertrauten Freund bei der Hofkanzlei erfuhr ich, daß der Kaiser am 17. November 1835 die Bewilligung des Fideikommisses ohne Annahme von Wappen und Namen unterschrieben habe. Ich ging in die Staatskanzlei und traf Gervay, der gerade vom Referat beim Fürsten kam. Ich sagte ihm im Vorzimmer: ›So hat mich der Fürst abermals belogen.‹ Gervay war ganz erschrocken und kehrte sofort in das Kabinett des Fürsten zurück. Nach einiger Zeit kam er heraus und versicherte mir, die Sache komme in Ordnung, er schreibe sofort an den Obersten Kanzler den Auftrag des Fürsten, daß die Entschließung des Kaisers so lange zurückgehalten werde, bis Fürst Metternich seinen Vortrag über die Annahme von Namen und Wappen erstattet habe. Am letzten November versicherte mir Graf Kolowrat, Metternich habe nun den Vortrag erstattet, der in etwa acht Tagen herauskommen würde. Am 8. Dezember verkündete mir Fürst Metternich in Gegenwart Dr. Jägers die Bewilligung zur Annahme des Namens und Wappens der Purgstall und die Verleihung des Freiherrnstandes. Von allen Seiten regnete es Glückwünsche. Das Fideikommiß war von den steirischen Landständen beanstandet worden, weil das Schloß groß, die Einkünfte der Herrschaft klein. Die oberste Justizstelle erkannte diesen Grund nicht an und beanstandete die Fideikommiß-Errichtung nicht.

Mit dem Beginne des Jahres 1836 beginnt auch mein durch zehn Jahre unablässig fortgesetztes Bemühen um die Gründung einer Akademie der Wissenschaften. Littrow[308] schrieb in den Jahrbüchern der Literatur gelegentlich der Anzeige des compte rendu der Petersburger Akademie einen ausgezeichneten Artikel. Kaltenbäck in seiner österreichischen historischen Zeitschrift ebenfalls einen, in dem er die früheren akademischen Bemühungen in Österreich seit der unter Kaiser Maximilian I. gegründeten Donaugesellschaft aufzählt. Ich legte das Blatt mit dem Artikel Kaltenbäcks dem Fürsten vor und machte ihn auf die allgemeine Stimmung der Wiener Literatur aufmerksam. Er war sehr unwillig darüber und sagte, das hätte er nicht zu drucken erlaubt, es sei jetzt nicht an der Zeit. Später machte er, wie ich hörte, dem Grafen Sedlnitzky Vorwürfe darüber, daß der Zensor den Artikel durchgelassen hatte. Kaltenbäck glaubte mir entweder nicht oder glaubte mehr auszurichten als ich, er nahm eine Audienz beim Fürsten, der ihn zwar höflich empfing, aber auf den Gegenstand der Gründung einer Akademie überhaupt nicht einging. Es blieb nun nichts übrig, als den Grafen Kolowrat in wiederholten Unterredungen für die Sache günstig zu stimmen, was ich mit größtem Eifer tat und jede Gelegenheit dazu benützte.

Ich schrieb einen rohen Entwurf der leitenden Grundsätze und Statuten einer das ganze Kaiserreich umfassenden Akademie und bat den Grafen Kolowrat, mir eine Audienz von einigen Stunden zur Erläuterung dieses Planes zu gewähren. Ich las Punkt für Punkt vor, fand aber gleich anfangs bei dem Grundsatze, daß die Akademie das ganze Kaiserreich umfassen solle, unüberwindlichen Widerstand. Dazu, erklärte er, könne er nicht die Hand bieten, es sei unmöglich, daß die neue Akademie die schon in der Monarchie bestehenden Institute dieser Art beirre, weder die böhmische noch das Institut in der Lombardei, dessen Wiederbelebung den Italienern schon zugesagt sei, dürfe durch sie behindert werden. Ich ergab mich und sagte: ›Wenn also bloß von einer Akademie für die deutschen Länder die Rede sein soll, so ist die Aufgabe um so leichter, nicht nur von der finanziellen Seite, sondern auch von der der Einrichtung, die Wiener Akademie wird dann bloß ganz Österreich und die deutschen Teile von Böhmen, Mähren und Schlesien zu vertreten haben und wird geringerem Widerstand ausgesetzt[309] sein.‹ Ich sagte zu, meinen Plan in diesem Sinne umzuarbeiten.

Das Fronleichnamsfest war glänzender als gewöhnlich durch die Anwesenheit der französischen Prinzen, der Herzoge von Nemours und Orleans. Sie sahen vom Fürst Schwarzenbergschen Palais auf dem Neuen Markt zu. Sie waren nach Wien gekommen, um um die Hand der Erzherzogin Marie, der Tochter des Erzherzog Karls, für den Herzog von Orleans zu werben. Erzherzog Karl war sehr geneigt, aber die Kamarilla der Frauen und Metternich wollten nichts davon hören. Die Prinzessin wurde von allen Seiten bearbeitet, und man machte ihr die Hölle mit Bildern von Henkern und Schaffot so heiß, daß sie weinte.

Am letzten August reiste ich mit Frau und Kindern über Graz nach Hainfeld, um, nachdem alle Formen des Rechtes erfüllt waren, den Besitz anzutreten. Ich hatte dazu den 8. September, den Vermählungstag meiner Eltern, bestimmt, und meine Schwestern und Brüder, den Kurator des Fideikommisses, Dr. Hofbauer, meinen Schwager Alfred und meine Freunde Frankl, Kaltenbäck und Weigl eingeladen. Das Schloß und die Einrichtung war in größter Unordnung, mit bewundernswerter und verständiger Tätigkeit brachte Karoline binnen drei Tagen Ordnung in das Chaos und machte alle Anstalten, um die Richter und Geschworenen im Saal, die Bauern im Hof zu bewirten. Mein Bruder, der Admonter, las die Messe, Karoline und Isabelle sangen auf dem Chor lateinische Motetten. Nach der Messe begab ich mich auf die Stiege, die offen ist und auf der mich alle im Hofe sehen und hören konnten. Der Kurator hielt eine Installationsrede zum Lobe des Hauses Purgstall und zu meinem und ich antwortete darauf: ›Ich bin tief bewegt durch alles, was Sie, verehrter Herr Kurator von den Verdiensten des Hauses Purgstall und den hohen und seltenen Eigenschaften meiner edlen großmütigen Freundin, der seligen letzten Gräfin Purgstall, erwähnt haben und danke Ihnen für das ehrenvolle Zeugnis, welches Sie mir vor meinen Untertanen geben, an die ich mich nun wende. Gott grüße euch, meine Kinder! Ihr habt aus dem Munde des Herrn Kurators gehört, daß Seine Majestät der Kaiser die[310] Verdienste eurer letzten gnädigen Herren, der Grafen und der seligen Gräfin, anerkennend, den Namen Purgstall noch ferner erhalten wollen, indem derselbe mit meinem und dem meiner Nachkommen vereinigt worden. Ich kenne meine Pflichten wie die euren und bin vollkommen überzeugt, daß ihr ebenso wie ich dieselben zu erfüllen beflissen sein werdet. Ihr habt an der Gräfin eine liebreiche Mutter verloren, ich hoffe, ihr sollt in mir einen Vater wiederfinden. Ich bin wie ihr ein Steirer nicht nur von Geburt, sondern auch von Gesinnung, darum wollen wir mitsamt treu und ehrlich dienen Gott und dem Kaiser. Gott mit euch!‹

Mein Sohn Karl war aus der Ingenieurakademie als künftiger Fideikommißerbe gegenwärtig. Meinem Sohn Max zu Ehren und als Andenken des feierlichen Tages wurde in der Mitte des Hofes eine Linde gepflanzt und ›Maxlinde‹ getauft, sie grünt und gedeiht.

Meine erste Beschäftigung war das Ordnen des Archivs, welches in greulicher Unordnung in einem schlecht gewölbten Gemache unter dem Dache war. Ich ließ im ersten Stock ein Gemach wölben und die sieben großen Kästen des alten Raumes dem neuen anpassen. Die Papiere lagen alle durcheinander. Die Ordnung des Archivs geschah in der Weise, daß die Wirtschaftssachen von den Familienbriefen gesondert, die ersten in die Riegersburgschen und die Hainfeldschen Sachen getrennt, die zweiten in die der Gallerin und ihrer Vorfahren und in die der Purgstall geschieden wurden.

Ich fand Briefe von Jacobi, Schiller, Stolberg, Reinhold, Steigentesch und anderen berühmten Männern, welche der vorletzte Graf Purgstall auf einer Reise durch Deutschland kennengelernt. Die Arbeit der Säuberung und ersten Ordnung des Archivs, wobei mir Frau und Kinder halfen, nahm täglich einige Stunden nach dem Essen in Anspruch. In den Vormittagsstunden durchflog ich das Tags vorher Gesonderte, ordnete es und drang in die Geschäfts- und Familienverhältnisse der Wechsler, Galler und Purgstall ein. Bei dieser Arbeit kam mir zuerst der Gedanke, die ›Gallerin auf der Riegersburg‹ zu schreiben. Aus dieser angenehmen Arbeit riß mich ein Ruf nach Wien, wo der türkische Botschafter Fethi Ahmed Pascha erwartet wurde. Ich hatte[311] Herrn von Huszar gebeten, mir ja zeitlich genug die Ankunft des Botschafters mitzuteilen, damit ich zu meiner Amtstätigkeit als Hofdolmetsch rechtzeitig in Wien wäre. Er versprach es, hielt aber schlecht Wort, indem er die Nachricht zu spät absandte. Ich kam in Wien am selben Tage an, an welchem der Botschafter am Morgen beim Kaiser gewesen war. Statt die Audienz um ein oder zwei Tage zu verschieben, hatte Huszar sie beschleunigt und Staatsrat Ottenfels und Fürst Metternich hatten es geschehen lassen. Ich überhäufte Huszar mit Vorwürfen und ging dann zum Botschafter, welcher meinte, ich könne ja für die Audienzen bei den Erzherzogen dableiben. Dafür bedankte ich mich und bat den Fürsten Metternich, wieder bis zum Ablaufe meines Urlaubes nach Hainfeld zurückkehren zu dürfen. Bei meiner Rückkehr nach Wien fand ich den Boden für meine sofort wieder aufgenommenen Bemühungen für die Akademie sehr ungünstig verändert. Der Zwiespalt zwischen Kolowrat und Metternich hatte sich noch vertieft und war Gesprächsstoff der ganzen Stadt. Graf Kolowrat hatte sich schon vor einigen Monaten, als er auf seine Güter nach Böhmen ging, ganz der Geschäfte entschlagen und befaßte sich auch jetzt nach seiner Rückkehr nicht mit ihnen. Der Vorwand war ein Zerwürfnis mit dem Erzherzog, welcher eine auf Kolowrats Vortrag schon bewilligte Maßregel des Zolles wieder zurückgenommen hatte. Die wahre Ursache aber war die Weigerung Kolowrats, dem Vorschlag Metternichs, die Erziehung ganz den Jesuiten zu übergeben, beizustimmen; die Gymnasien und Universitäten, die Normalschulen sollten den Liguorianern überlassen werden. Auf meine dringende Bitte, die Akademie zu fördern, erklärte mir Kolowrat, daß er jetzt, wo er ganz außerhalb aller Geschäfte stehe, nichts zur Erfüllung meines Wunsches zu tun vermöge. Ohne Rückhalt sprach er über sein Verhältnis zu Metternich, und als es einige Wochen später wieder ausgeglichen war, sagte er mir: ›Es ist wahr, wir haben der Stadt einen großen Skandal durch unseren Zwist gegeben, aber ich kann nicht unter Metternich, als dem unsichtbaren Oberhaupt des Staates, dienen. Ich kann nur außer des Staatsrates, nicht als Sektionschef desselben unter Metternich als dem dirigierenden Minister[312] des Staatsrates stehen. Wenn ich eintrete, so ist es nur für kurze Zeit, ich muß mir einen Nachfolger suchen.‹ Ich nannte den Grafen Hartig, mit dem ich damals in sehr freundschaftlichem Briefwechsel stand, und Kolowrat schien darauf einzugehen. Die Sache war durch den Erzherzog Johann ausgeglichen worden, der Erzherzog hatte mir gesagt, daß er vier Stunden lang beim Fürsten Metternich gewesen, um ihn mit Kolowrat zu versöhnen, und ihm gesagt habe, er, Metternich, sei der Maitre du Palais unter dem jetzigen Kaiser. Ich sah nur zu klar, daß Metternich den Erzherzog gegen Kolowrat eingenommen hatte und über die zwei wesentlichen Punkte, die mir damals am Herzen lagen, nämlich über die Gründung der Akademie und die Entgegennahme der Huldigung in Steiermark durch den Kaiser, fand ich wenig Unterstützung durch den Erzherzog. Mit Graf Kolowrat sprach ich über beides und mit gewisser Zuversicht.

Danach versuchte ich nochmals, den Fürsten Metternich für eine Akademie günstig zu stimmen. Schon sehr früh war ich im Vorzimmer, ich antichambrierte an diesem Tage volle sieben Stunden, von neun bis vier Uhr. Mit Not kam ich noch vor Rauscher und Jarcke hinein, der Fürst war durch die vielen Audienzen ermüdet, ich durch das lange Warten ungeduldig, es war also gegenseitig keine gute Stimmung zu längerem Gespräch vorhanden. Er nahm die Angelegenheit der steirischen Huldigung sehr kühl auf. Ich hatte aus dem Hainfelder Archiv die Akten von fünf Huldigungen früherer Jahrhunderte mitgenommen und dem Fürsten überreicht. Als ich von der Akademie als von einem Institut sprach, durch welches nicht nur die Wissenschaft gefördert, sondern auch der Stand der Gelehrten und Literaten in Österreich auf ehrenvolle Weise gehoben würde, äußerte er sich über Gelehrte und Literaten auf wegwerfende und herabwürdigende Weise, so daß ich seit dieser Audienz den Gedanken, ihm doch einmal eines meiner Werke zuzueignen, für immer aufgab. Ich widmete die eben erschienene ›Geschichte der goldenen Horde‹ dem Grafen Stürmer, der diesen Wunsch aus Eitelkeit seinem Schwager Huszar mitgeteilt hatte. ›Recht gerne,‹ sagte ich diesem,[313] als er mir den Brief gezeigt, ›aber ich wünsche, daß Ihr Herr Schwager etwas für die orientalische Literatur tue und mir dadurch Anlaß gebe, ihm zu danken. Er hat als Internuntius so viele Möglichkeiten, seltene Handschriften zu erwerben, die mein Kommissär Rabb nicht findet; er möge mir ein paar schicken, und ich werde es mir zur angenehmen Pflicht machen, ihm öffentlich dafür zu danken, wie ich in der Vorrede zu meiner osmanischen Geschichte seinem Vorgänger, dem Grafen Lützow, gedankt habe, wiewohl ich ihm für die seltenen historischen Handschriften, die er mir geschickt, keines meiner Werke zueignete.‹ Von Graf Stürmer erhielt ich nicht eine Handschrift, ich sah mich daher gezwungen, mein gegebenes Wort der Zueignung nur durch die Voransetzung des Namens und der Titel zu lösen, ohne ein Wort über literarisches oder politisches Verdienst hinzuzufügen.

Im Dezember 1836 feierte der Botschafter Fethi Achmed Pascha das Geburtsfest des Sultans und empfing das ganze diplomatische Korps und alle Hofwürden samt den Damen. Die Fürstin Metternich ließ sich herbei, die Hausfrau zu machen.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 301-314.
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