XXXIV. Das Jahr 1847. Die Akademie gegründet.

[370] Das Jahr 1847, in welchem die Akademie der Wissenschaften durch die Statuten und Wahlen endlich ins Leben trat, war für mich das akademische. Schwerlich hat eines der Mitglieder sich die Mühe gegeben, die ganze Entwicklung der so lange Zeit brauchenden Gründung aufzuzeichnen, kaum eines dürfte davon besser unterrichtet sein als ich. Darum hielt ich es für meine Pflicht, nichts von alldem, was in neunjähriger Schwangerschaft die Geburt der Akademie[370] förderte oder hemmte, zu verschweigen und damit eine glaubwürdige Urkunde dieser Geburt zu hinterlassen.

Am 15. Mai hatte die Hofkanzlei das vom Kaiser unterschriebene Patent der Akademie-Errichtung erhalten, Graf Kolowrat verständigte mich davon am nächsten Morgen. Ihm folgte eine Ankündigung mit dem Wortlaute: ›Seine Majestät haben der Akademie gnädigst zu gestatten geruht, außer dem Präsidenten und den Sekretären diesmal auch den Vizepräsidenten aus ihrer Mitte zu wählen.‹ Mit Ettingshausen, Auer, Chmel, Arneth und Wolf hatte ich stundenlange Unterredungen. Von letzterem, der seiner Wahl zum Sekretär der philologischen Klasse ziemlich sicher sein konnte, erfuhr ich, daß Baron Münch als Präsenzgeld für die Sitzungen einen Souverain d'or bestimmt wünsche, was in den Statuten nicht enthalten war. Meiner Ansicht nach konnten die besoldeten Beamten der Akademie nicht auch noch auf Präsenzgelder Anspruch erheben. Am 26. Mai kam Auer, kurz nach ihm Palacky zu mir. Ich kannte ihn aus Endlichers Abendgesellschaft und hatte mit ihm wegen der Nachforschungen im Raudnitzer Archiv für die Lebensbeschreibung Khlesls korrespondiert. Er war auf die Nachricht, daß die Statuten der Akademie erschienen seien und daß die Akademie nicht eine auf Wien allein beschränkte, sondern alle Länder umfassende sei, von Prag gekommen, um sich mit uns über die nächsten Schritte zu besprechen. Er schlug vor, die in Wien anwesenden Mitglieder zu einer allgemeinen Besprechung zu mir zu bitten. Ich fand den Vorschlag sehr zweckmäßig und lud für den 30. Mai Baumgartner, Ettingshausen, Arneth, Wolf, Chmel, Grillparzer, Hügel, Auer und Endlicher zu mir. Endlicher teilte mir am nächsten Tage mit, Fürst Metternich sei durch Hügel von dieser Besprechung unterrichtet worden, er nehme sie sehr übel, und es wäre besser, wenn ich die Einladung widerriefe. Dies erschien mir ganz unglaublich, und ich sagte nicht ab, ich konnte mir nicht träumen lassen, daß Hügel diese Zusammenkunft dem Fürsten als Wahlumtrieb dargestellt hatte. Am nächsten Tage bekam ich ein offizielles Schreiben des Obersten Kanzlers, das mir die Zusammenkunft abzusagen riet. Ich widerrief sofort die Einladung.[371]

Acht Tage später gab Hügel ein Mittagmahl, zu dem er alle in Wien anwesenden Akademiker einlud. Ich lehnte dankend ab. Nach dem Essen bei Fürst Dietrichstein fuhr ich nach Hietzing, wo ich noch einige Zeit warten mußte, bis sich die Gesellschaft vom Mahle erhob. Endlicher und Grillparzer hatten sich auch entschuldigt. Über die vom Fürsten Metternich untersagte Besprechung und das von ihm gebilligte Mittagessen berichtete ich dem Erzherzog Johann, zugleich machte ich einige Bemerkungen über die Mängel der Statuten und bat dringend um die Ausschreibung der Wahlen.

Am 27. Mai um elf Uhr erschien der Erzherzog im Polytechnischen Institut, um den Wahlen vorzusitzen. Ihm zur Rechten saß Pyrker, zur Linken ich. Mit sechzehn von dreiundzwanzig Stimmen wurde ich zum Präsidenten gewählt, Baumgartner bekam fünf, Hügel gar nur zwei Stimmen. Endlicher hatte erklärt, die Stelle des Generalsekretärs nicht anzunehmen, so wurde Ettingshausen zum ersten, Wolf zum zweiten Sekretär gewählt. Baron Hügel war sichtlich betroffen. Noch am gleichen Abend reiste der Erzherzog nach Graz ab. Mit Endlicher hatte ich einige Unterredungen, er wollte die Grenzen der Wirksamkeit des Präsidenten weiter gezogen wissen und wünschte, daß dieser in beiden Klassen den Vorsitz führe, dagegen protestierte ich, dies setzte einen in den Wissenszweigen beider Klassen gleich gebildeten Mann voraus, außer ihm selbst kannte ich keinen solchen. Die Zumutung, daß er damit auf sich selbst anspiele, lehnte er energisch ab. Sonst hatte ich über die Wahl selbst mit niemandem und über nichts gesprochen, um so mehr freute mich ihr Ausgang. Sobald ich meine Bestätigung als Präsident durch die ›Wiener Zeitung‹ erfahren hatte, meldete ich mich beim Fürsten Metternich, um mit ihm über die nun zu entwerfende Geschäftsordnung zu sprechen. Die Audienz dauerte über eine Stunde, denn er sprach von allem Möglichen und ich mußte Pausen erhaschen, um ein Wort anzubringen. Das Wesentlichste, worüber ich eine Erklärung haben wollte, war die Zensur. Ich hatte den gedruckten Auszug aus den bestätigten allgemeinen Statuten der russischen Universitäten bei mir und wies ihm die[372] Stelle: ›Die Universitäten haben ihre eigene Zensur für die von ihnen und ihren Professoren herausgegebenen Dissertationen und anderen Schriften gelehrten Inhaltes. Diese Zensur hält sich an die Regeln des allgemeinen Zensurstatutes.‹

Er gestand das Erfordernis, daß auch die Akademie nicht der Zensur unterstehe, zu und wies mich an, diese Stelle dem zu erstattenden Vortrage beizulegen und um die Allerhöchste Befreiung der Akademie von den bestehenden Zensurgesetzen zu bitten.

Fürst Dietrichstein hatte meine ihm angebotene Zueignung der ›Lebensgeschichte des Kardinals Khlesl‹ abgelehnt. Nach dieser Ablehnung hatte ich beschlossen, bei der Zensur die Zueignung mit folgendem Wortlaute einzugeben: ›Der künftigen Akademie der Wissenschaften zugeeignet.‹ Daß diese Widmung nicht erledigt werden würde, wußte ich, mein Zweck war bloß, daß Graf Sedlnitzky deshalb bei Fürst Metternich anfrage und diesem so die damals noch nicht zu erwartende Kundmachung der Statuten und die Ernennungen ins Gedächtnis bringe. Jetzt konnte ich das Werk der wirklichen Akademie zueignen, was ich auch tat. Nun lautete die Widmung dem Text der Statuten gemäß ›An die K.K. Akademie der Wissenschaften‹. In einer Unterredung mit Fürst Metternich erklärte dieser dies als unrichtig. Dem Geiste der Stiftung gemäß dürfe es bloß ›Kaiserliche Akademie‹ heißen. Ich hatte in der Folge große Mühe, meinen Kollegen im Vorstand, nämlich Baumgartner, Ettingshausen und selbst meinen Freunden wie Auer begreiflich zu machen, die fest auf dem K.K. hielten und trotz der positiven Erklärung des Fürsten Metternich von einer Kaiserlichen Akademie nichts hören wollten. Ebenso schwer war es mir mich mit meinen Kollegen über die Zensurfreiheit zu verständigen, obwohl ich ihnen die beruhigende Äußerung des Fürsten mitteilte. Wolf hielt es für unmöglich, daß die Akademie nicht der Zensur der Polizeihofstelle unterworfen sei, Ettingshausen schwankte zwischen meinem im Sinne der Weisung des Fürsten eingereichten Vorschlag, um eine Allerhöchste Entschließung mit Berufung auf die Zensurfreiheit anderer Akademien und der russischen Universitäten zu bitten und dem seines Schwagers Baumgartner,[373] sich um die Polizei gar nicht zu kümmern, sondern ohne sie zu fragen zu drucken, was um so leichter sei, als die Staatsdruckerei in allem, was aus ihren Pressen hervorging, der Zensur nicht unterworfen sei. Dies schien ausführbar, aber der Präsident konnte unmöglich zugeben, daß die bestehenden Gesetze auf diese Art umgangen würden. Ich hatte an den Erzherzog die Äußerung des Fürsten berichtet, zugleich, wie sehr es den Geschäftsgang hemmen würde, wenn die Akademie, wie es in den Statuten gesagt war, nur im Umwege über den Kurator mit den Amtsstellen verkehren dürfte. Dies war eines der wichtigsten Versehen der von Graf Münch ausgearbeiteten Statuten. Der Erzherzog antwortete mir aus Vordernberg und Aussee über das Ergebnis der ersten über die Geschäftsordnung am 14. Juli abgehaltenen Sitzung, in welcher Endlicher die Bearbeitung des Entwurfes der Geschäftsordnung durch die gesamten Mitglieder zur Sprache gebracht hatte. Ich stimmte für die Mitteilung des von den Wiener Mitgliedern gemachten Entwurfes zur Begutachtung an die Abwesenden und in diesem Sinne lauten auch die Weisungen des Erzherzogs an den Vorstand.

Mit der Zeit entwickelte sich in der Akademie ein Triumvirat, das sich gegen alles wendete, was vom Präsidenten kam und von ihm vorgeschlagen wurde, es bestand aus den drei Schwägern: Baumgartner, Ettingshausen und Schrötter. Sie verfolgten von allem Anfang an den Plan, eines Tages die Akademie als Präsident, Vizepräsident und Generalsekretär zu beherrschen. Alle drei gehörten der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse an und in dieser war nicht ein einziges Mitglied, das Mut und Charakter genug gehabt hätte, sich ihnen zu widersetzen. Endlicher freilich setzte ihnen seine Ansichten standhaft entgegen, aber er gehörte zur philologisch-historischen Klasse.

Nach einem Dutzend Sitzungen, welche vom 14. bis zum 28. Juli stattfanden, war der erste Entwurf der Geschäftsordnung endlich am 28. August gedruckt und den sechsunddreißig Mitgliedern, die nicht in Wien waren, zugeschickt, und es wurden ihre Bemerkungen dazu bis zum 1. Oktober erbeten.[374]

In der ersten Sitzung nach den Ferien, am 2. Oktober, wurden vom Generalsekretär die von den Mitgliedern eingelangten Bemerkungen über den Entwurf der Geschäftsordnung verlesen und die verschiedenen Punkte besprochen. Nicht alle sechsunddreißig hatten geantwortet, kein einziges ungarisches und nur wenige italienische Mitglieder. Auch über die Zulassung von Fremden zu den Sitzungen wurde debattiert, wofür sich Baumgartner, Schrötter, Haidinger und ich aussprachen, Grillparzer und Münch sich entschiedenst dagegen erklärten.

Von nun an fanden die Sitzungen der Akademie jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag in einem von der Hofkammer auf Kosten des Ärars recht anständig hergerichteten Lokale des Polytechnischen Institutes statt. In den folgenden Sitzungen des Oktober stellten sich bei der Debatte über die Zensur dreierlei Meinungen heraus. Die, daß die Schriften der Akademie der bestehenden Zensur unterliegen müßten, wurde vom Zensor Wolf, Regierungsrat Prechtl, einem eingefleischten Beamten, und merkwürdigerweise auch von Grillparzer verfochten, von diesem aus dem sonderbaren Grunde, weil die Selbstzensur der Akademie strenger sein könnte als die der Polizeihofstelle. Baumgartner und Ettingshausen behaupteten, man könne drucken, ohne sich um die Zensur zu kümmern, während ich der Weisung des Fürsten Metternich genügen wollte und die Notwendigkeit eines Berichtes an den Kurator vertrat. Sogar Freiherr von Hügel sprach sich gegen die Weisung des Fürsten aus. ›Meine Herren,‹ sagte ich, ›bei einer solchen Zerspaltung der Meinungen bleibt mir als Präsident nichts übrig als die meine, daß die Akademie nicht der Zensur der Polizeihofstelle, sondern nur der eigenen unterstehen könne. Es muß daher, der Weisung des Fürsten Metternich gemäß, um die Allerhöchste Ausnahme gebeten und diese Ansicht in einem Separatvortrag vorgelegt werden.‹ Man bestritt dem Präsidenten das Recht, einen Separatvortrag zu erstatten. Auf die Statuten des Lombardischen Institutes gestützt, worin von der Verantwortung des Präsidenten ausdrücklich die Rede ist, sagte ich, daß ich mir dieses Recht nicht nehmen lasse und an den Erzherzog berichten werde. Ettingshausen kam zu mir und[375] erklärte mir auf die unverständlichste Art, daß es um das Ansehen des Präsidenten geschehen sei, wenn er eine von der Akademie abweichende Meinung habe und vertrete, er werde mich bald höchsten und hohen Ortes, bei den Erzherzogen Johann und Ludwig und den Ministern Metternich und Kolowrat um allen Kredit bringen. Ich entgegnete ganz ruhig, ›Drohungen sind nicht geeignet, meine Handlungsweise zu ändern‹. Am folgenden Tage kam er wieder: ›Wenn Sie Ihre Meinung nicht ändern, muß ich wohl, um weitere Spaltungen zu verhindern, meinen Einfluß auf die Mitglieder ausüben und sie zum Umsatteln bewegen.‹

Die teilweisen Änderungen, welche der Erzherzog auf meinen Vorschlag hin in dem Entwurfe der Geschäftsordnung vorgenommen, machten neue Beratungen über die Textierung notwendig.

Eigentlich hätte die wirkliche Tätigkeit der Akademie nicht vor der feierlichen Eröffnung beginnen sollen. Manche Mitglieder meinten, eine feierliche Sitzung sei ganz überflüssig, die Mehrzahl war dafür, die Tätigkeit zu beginnen, ohne diese abzuwarten. In dem zurückgekommenen Entwurfe der Geschäftsordnung war der Paragraph, welcher die Zulassung von Fremden gestattete, von Fürst Metternich (wie mir Pratobevera sagte) eigenhändig gestrichen worden. Ich fragte daher in einem Berichte an den Kurator, ob die Akademie ihre Tätigkeit aufnehmen könne und ob die Weglassung dieses Paragraphen nicht so auszulegen sei, daß bloß ein allzu großer Andrang von Fremden vermieden werden solle. Der Erlaß des Erzherzogs bestätigt beides.

In den ersten Monaten des Jahres, solange ich mich in der Stadt aufhielt, diktierte ich morgens die langen und mühevollen Auszüge aus Rückerts Hamasa und Amrikais. Da ich mich selbst früher viel mit Hamasa beschäftigt hatte, sah ich mich gezwungen, der Übersetzerwillkür Rückerts, der oft den Sinn dem Reime opfert und die Araber rückertisiert, in den Jahrbüchern der Literatur entgegenzutreten und seinen Versen die meinen entgegenzustellen. Noch gewissenloser ist er mit dem Makamat Hariris umgegangen, Geist und Form sind in der Nachbildung trefflich wiedergegeben, aber eine treue Übersetzung ist es nicht, er hat[376] nicht nur die Reihenfolge geändert, hat ein Makamat in die andere übertragen, einige ausgelassen und statt der arabischen Rätsel und Wortspiele von ihm selbst erfundene unterschoben, sondern auch viele Stellen ganz übergangen und immer dem Reime die Treue des Sinnes geopfert. Ich habe mir die Mühe genommen, die Übersetzung mit dem Originale zu vergleichen und habe die Überwindung der Sprachschwierigkeiten ebenso bewundert, wie mich über die Übersetzung geärgert.

Dann trat an Stelle der Hamasa das Lesen Jelimes, der großen Blumenallee Scalabis. Aus ihr und aus anderen arabischen Dichtern, die ich von der Leydener Bibliothek geliehen bekam, machte ich Auszüge für mein Werk. Aber auch zu meiner letzten historischen Arbeit, Khlesls Lebensgeschichte, mußte ich noch vieles nachtragen, da sich mir bisher unbekannte Quellen öffneten, die eine das Graf Collaltosche Archiv zu Pyrnitz, in welchem Khlesls Briefwechsel mit dem Hofkriegsratspräsidenten Freiherrn von Molart gefunden wurde. Grillparzer gab mir die frohe Kunde, daß er einige hundert, meist autographische Schreiben zufälligerweise im Hofkammerarchiv, das ich schon für erschöpft hielt, gefunden habe.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 370-377.
Lizenz:

Buchempfehlung

Raabe, Wilhelm

Der Hungerpastor

Der Hungerpastor

In der Nachfolge Jean Pauls schreibt Wilhelm Raabe 1862 seinen bildungskritisch moralisierenden Roman »Der Hungerpastor«. »Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag.«

340 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon