XXXVI. Vorgänge in der Akademie und Abdankung als Präsident.

[390] Ich fahre nun mit meinem Bericht über die Vorgänge in der Akademie fort. Seit Erzherzog Johann in Frankfurt war, war er mit der Akademie in keiner Verbindung mehr, nachdem ich ihm in mehreren Briefen dringend vorgeschlagen hatte, die Kuratorschaft zurückzulegen, tat er dies endlich und an seine Stelle trat Graf Stadion als Minister des Inneren. Die Unterordnung der Akademie unter dieses Ministerium war von mir veranlaßt worden. Als Freiherr von Pillersdorf zum Minister des Inneren ernannt wurde, suchte ich ihn auf, um ihm Glück zu wünschen. Ich traf ihn auf dem Wege von der vereinigten Hofkanzlei zum Ministerrat in die Burg und begleitete ihn. Ich bedauerte, daß er nun die Kuratorschaft der Akademie, die allerdings damals der Erzherzog noch nicht zurückgelegt hatte, wohl nicht übernehmen werde, da sie dem Minister für Unterricht zufallen dürfte. Er sagte mir, daß darüber noch nichts entschieden sei, es könne aber sein, daß der Minister des Inneren zum Kurator bestimmt werde. Ich freute mich darüber und bestärkte ihn darin, daß er sie, wenn irgend möglich, übernehmen möge. Ich war damals noch wie auch noch durch weitere zwei Jahre der irrigen Ansicht, daß auch in Frankreich das Institut dem Minister des Inneren untersteht. Ich war zu dieser Ansicht durch ein Dekret, das ich im ›Journal de débats‹ gelesen hatte, gekommen, in welchem der Academie française die Aufstellung einer Büste Chateaubriands durch das Ministerium des Inneren aufgetragen[390] wurde. In diesem Sinne hatte ich auch später, als Erzherzog Johann nicht mehr Kurator war, den Fürsten Schwarzenberg und den Grafen Stadion informiert. Außer dem Beispiel der Academie française machte ich auch noch andere Gründe gegen eine Unterstellung der Akademie unter das Unterrichtsministerium geltend, indem ich sagte, eine Akademie müsse soviel als möglich ein unabhängiges Königreich sein, ihr Zweck diene der Erweiterung der Wissenschaften und nicht dem Unterricht in diesen, daher dürfe sie nicht mit den Unterrichtsanstalten vermengt werden, und dazu sei die Möglichkeit allzu groß, wenn der Unterrichtsminister der Kurator wird.

Endlicher frohlockte mit vielen anderen beim Ausbruche der Revolution über den Sturz der Regierung, was ihn aber nicht hinderte, als Anführer einer Abteilung der Nationalgarde die auf dem Rennweg seiner Wohnung gegenübergelegene Villa des Fürsten Metternich zu besetzen und ihre Einrichtung vor dem wütenden Pöbelhaufen, der sie zerstören wollte, zu schützen. Vierzehn Tage später erklärte er sich für einen warmen Verteidiger des Anschlusses an Deutschland. Die schwarz-rot-goldene Fahne in der Hand, drang er mit einem Haufen Studenten beim Kaiser ein und zwang diesen, mit dieser Fahne in der Hand sich auf dem Balkon, der gegen das Burgtor schaut, zu zeigen. Darauf setzte er sich an die Spitze der von Wien an das Parlament von Frankfurt Abgeordneten, die sich vor ihrer Abreise unterfingen, vom Grafen Ficquelmont die Auslieferung der Krönungskleinodien Kaiser Karls des Großen zu verlangen, um diese dem Frankfurter Parlament als Unterpfand der deutschen Gesinnung Österreichs zu überbringen. Graf Ficquelmont erzählte mir selbst von der unbesonnenen Hitze, mit der Endlicher dieses Verlangen stellte. Als Endlicher von Frankfurt zurückkam, erschrak er selbst über die Herrschaft der Aula und trat auf die Seite der vernünftigen Partei, welche die Aula schließen wollte.

Graf Ferdinand Colloredo, Endlicher und Hye wollten die beschlossene Schließung der Aula durchführen, die sicher ohne weiteres gelungen wäre, wenn der Stadtkommandant Graf Auersperg zweckmäßigere Anordnungen getroffen und[391] Pillersdorf das Unternehmen unterstützt hätte. Statt dieser Schließung wurde der 28. Mai der Tag der Barrikaden. Montecuccoli, Colloredo, Endlicher und Hye wurden in Anklagezustand versetzt. Mit großer Gefahr entrannen Montecuccoli und Colloredo den Proletariern, die sie mit Strick und Beil in der Hand suchten. Hye versteckte sich, Endlicher floh nach Innsbruck und kam erst, nachdem nichts mehr zu fürchten war, nach Wien zurück.

Obwohl die Akademie die Absendung einer Deputation zum jetzigen und zum vorigen Kaiser beschlossen hatte, kam es nicht dazu. Kaiser Ferdinand lehnte alle Deputationen ab und der junge Kaiser wollte uns erst nach seiner Rückkehr nach Wien empfangen. Es schien mir schicklich, daß die Akademie bei ihrer Begrüßung dem neuen Herrn einen besonderen Beweis wissenschaftlicher Tätigkeit unterbreite. Es mußte ein Werk sein, das die Tätigkeit beider Klassen aussprach, es mußte dem Kaiser genehm sein und einen größeren Leserkreis ansprechen. Endlich meinte ich, das Richtige gefunden zu haben, und zwar durch die Herausgabe der literarischen Denkmale Kaiser Maximilians I., und zwar der noch nicht herausgegebenen, wie das Turnierbuch und die zwei Bände über Geschützwesen im Ambraser Kabinett, seiner Briefe, die in der Hofbibliothek und im Archiv bewahrt sind, als auch des Theuerdank und des Weißkunig. Ich verfaßte als Begründung meines Antrages einen kurzen Aufsatz, den ich in der ersten Gesamtsitzung nach der Ankunft des Kaisers in Wien vortrug. Ettingshausen sprach sogleich dagegen, seine Anhänger schlossen sich ihm an, auch die der Hofbibliothek angehörenden Herren Münch, Karajan und Diemer lehnten meinen Vorschlag ab. Nur Arneth, Bergmann und Chmel sprachen für ihn.

Endlich wurde beschlossen, daß die an den Kaiser zu sendende Deputation zwar von der Huldigung eines ihm noch darzubringenden Werkes sprechen solle, zur Beratung des Werkes selbst wurde eine Kommission eingesetzt. Freiherr von Münch schlug die Ernennung dieser Kommission vor, was genehmigt wurde.

In der nächsten Sitzung der philologischen Klasse ernannte ich die Herren Karajan,[392] Auer und Arneth; von den anderen Klassen die Herren Koller, Redtenbacher und einen der Klasse Beliebigen. Am Donnerstag war die Sitzung der mathematischen Klasse, und ich erwartete Freitag die Benachrichtigung, wer als dritter bestimmt worden sei. Als sie nicht kam, ließ ich nach der Ursache der Verspätung fragen und erhielt die Auskunft, der Vizepräsident und der Generalsekretär hätten beschlossen, diesen Gegenstand erst in der nächsten Sitzung zur Sprache zu bringen.

In der nächsten Sitzung schlug Palacky vor, die Akademie solle die Akten des Baseler Konzils herausgeben. In seiner Befürwortung sagte er wörtlich: ›Die Akademie muß sich durch ein Werk verewigen, das ihr einen außereuropäischen Ruhm begründet.‹ Ich möchte wohl wissen, welchen Anteil Asien, Afrika und Amerika an den Akten des Baseler Konzils nehmen, dachte ich mir. Chmel hatte den viel nützlicheren Vorschlag gemacht, die Akademie möge die Herausgabe aller Akten des Hausarchivs vom Ende des fünfzehnten bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts übernehmen, er bot hierzu seine eigenen und die Kräfte des Hausarchivs bereitwilligst an. Nun eröffnete ich die Debatte und sagte: ›Meine Herren, die beiden Vorschläge sind großartig, der des Herrn Chmel liegt uns Österreichern bei weitem näher als der des Herrn Palacky, ich glaube auch, daß seiner Ausführung geringere Schwierigkeiten entgegenstehen als der des zweiten.‹ Die Mittel und Wege der Ausführung, die nötigen Summen, die Arbeitskräfte, die Handschriften und Abschreiber wurden besprochen, als Stellvertreter Palackys, der nicht in Wien lebte, wurde zur Leitung der nötigen Auszüge und der ganzen Arbeit der Skriptor der Hofbibliothek, Birk, vorgeschlagen. Freiherr von Münch, der Vorstand der Bibliothek, meinte, Birk würde dies bereitwilligst übernehmen, er selbst habe nichts dagegen einzuwenden. Die Kommission zur Prüfung meines Vorschlages der Herausgabe der Denkmale Kaiser Maximilians tagte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Am wärmsten verteidigten Auer und ich den Vorschlag, der entscheidendste Gegner war Karajan. Nach langen Debatten blieb er endlich allein und gab zu Protokoll, daß er sich den anderen Stimmen,[393] die für den Vorschlag waren, anschließe. Trotz dieses protokollierten einstimmigen Beschlusses fürchtete ich, daß er in der Gesamtsitzung gestürzt werden könnte. Vor dieser, die am 20. Juni stattfand, muß ich noch die Audienz sowohl beim Minister-Kurator, Herrn von Bach, als bei des Kaisers Majestät erzählen. Nach der Sitzung zu Ende Mai hatte ich an den Kurator geschrieben und ihn gebeten, uns zu empfangen. Der Minister bestimmte schon einen der nächsten Tage. Dies teilte ich den anderen Herren sofort mit. Ich setzte die Rede, die ich zum Kaiser sprechen wollte, auf und steckte sie zu mir. Im Vorzimmer des Ministers fand ich die Herren Baumgartner und Ettingshausen, Wolf hatte sich entschuldigt. Der Minister begrüßte die beiden Herren als alte Bekannte und fragte dann sogleich nach der Rede. Ich las sie vor und ließ den Aufsatz in seinen Händen. Er war damit einverstanden, die beiden sprachen weder dafür noch dagegen. Als wir uns verabschiedeten, bat ich, noch einen Augenblick bleiben zu dürfen. Ich sagte dem Minister, ich halte es für meine Pflicht, ihn von der Verhandlung über das Werk, welches die Akademie dem Kaiser überreichen sollte, zu unterrichten. Da ein fester Beschluß noch nicht gefaßt sei, könne ich es auch in meiner Rede nicht näher bezeichnen, daher habe ich nur von einem historischen Werk im allgemeinen gesprochen. Vielleicht sei es möglich, Seine Majestät darauf aufmerksam zu machen und er würde vielleicht selbst der Deputation die Herausgabe der noch nicht veröffentlichten Werke seines Ahnherrn als geeignete Gabe bezeichnen. Durch solch eine Äußerung würde die Sache in der Akademie entschieden sein. Der Minister erwiderte nichts.

Einige Tage später bekam ich die Bestellung des Kurators zur Audienz beim Kaiser für den nächsten Tag um zehn Uhr in Schönbrunn. Nachdem ich dies den Kollegen mitgeteilt, schrieb ich an den Kurator, daß ich ihn unbedingt noch vor der Audienz sprechen müsse, um jedes mögliche Ärgernis zu vermeiden. Ettingshausen hatte mir in mehreren Billetten seine Abneigung gegen meinen Vorschlag der Grabe an den Kaiser mitgeteilt. Herr von Bach beschied mich zwischen sieben und acht Uhr früh am Tage der Audienz beim Kaiser in seine Wohnung in der Singerstraße. Ich sagte[394] ihm, daß ich mich bei der Meinungsverschiedenheit mit Ettingshausen und Baumgartner der Gefahr einer Szene in Gegenwart des Kaisers nicht aussetzen dürfe, ich bat ihn um Entscheidung, der ich mich gehorsam fügen wolle. Er schlug vor, die Audienz zu verschieben, bis ich mich mit meinen Kollegen über die Anrede geeinigt habe. Ich sagte, dies sei unmöglich, da ich die Herren nicht mehr zu verständigen vermöge. Ich bat, er möge von meiner Anrede streichen, was ihm gut dünke, und Herr von Bach strich nun die ganze Stelle, welche von einer dem Kaiser von der Akademie darzubringenden Gabe handelte. Ich ließ alles, ohne eine Einwendung geschehen.

Als ich um zehn Uhr in das Vorzimmer in Schönbrunn eintrat, waren meine drei Kollegen schon da. Ettingshausen fragte mich, ob ich in meiner Rede etwas von der dem Kaiser zu widmenden Arbeit der Akademie sagen würde, worauf ich nur mit ›Nein‹ erwiderte. ›Dann ist es Zeit hineinzugehen, denn der ansagende Fourier hat nur noch auf Sie gewartet.‹ ›Wir müssen‹, sagte ich, ›noch auf den Kurator warten, der mir gesagt hat, daß er um zehn Uhr hier sein werde.‹ ›Er wird schon beim Kaiser sein‹, sagte Ettingshausen. Da öffnete der Fourier die Türe zum Audienzsaal.

Der Minister war noch nicht anwesend und kam erst, als der Kaiser seine Antwort auf meine Anrede las. Da diese nicht geändert worden war, beantwortete er auch die Stelle, die von der dem Kaiser zu widmenden Arbeit der Akademie sprach. Mit jedem von uns sprach der junge Herr einige freundliche Worte, dann entließ er uns. Am nächsten Mittwoch, wenige Stunden vor der Sitzung, kam Aktuar Schmidl mit dem Protokoll der letzten Gesamtsitzung, in welcher die Frage der dem Kaiser darzubringenden Huldigung erörtert worden war, um meine Unterschrift einzuholen. Da ich gerade einen Gast hatte, sagte ich, ich komme vor der Sitzung, um das Protokoll mit dem Generalsekretär zu besprechen, denn ich hatte auf den ersten Blick seine Unrichtigkeit und seine Mängel gesehen und einige Stellen mit Bleistiftstrichen angemerkt.

Als ich in die Akademie kam, saß Ettingshausen an seinem Pulte am Ende des Saales. Er trat auf mich zu mit[395] dem Protokoll in der Hand und sagte: ›Wie können Sie sich unterstehen, ein ins reine geschriebenes Protokoll mit Bleistift anzustreichen?‹ Ich hatte schon so manche Insolenz geschluckt, aber diese ging denn doch zu weit, und ich antwortete: ›Seien Sie nicht so grob gegen Ihren Vorgesetzten.‹ ›Das sind Sie nicht‹, sagte er, und ich darauf: ›Dann ist wohl der Generalsekretär der Vorgesetzte des Präsidenten?‹ Darauf verließ Ettingshausen den Saal. Von diesem Augenblick an war ich fest entschlossen, um meine Entlassung einzureichen. Wenn auf mein Bleiben Wert gelegt würde, würde der Kurator die Angelegenheit untersuchen, und mir die gebührende Genugtuung verschaffen. Dieser Meinung gaben meine beiden Freunde Fürst Dietrichstein und Auer recht, sie fanden, es bleibe mir nichts anderes zu tun übrig.

Am 28. Juni fand eine Gesamtsitzung statt; ich hatte Nachricht davon erhalten, daß Ettingshausens Partei den Beschluß der Kommission, die Denkmale Kaiser Maximilians I. herauszugeben, stürzen wolle. Arneth verlas die Protokolle der Kommission und den einhelligen Beschluß auf Herausgabe. Da sich nun Ettingshausen, Schrötter, Münch und andere dagegen erklärten, trat auch Karajan ihnen bei und nahm sein der Kommission gegebenes Wort zurück. Bei der Abstimmung fiel der Antrag der Kommission durch, obwohl die Akademie selbst diese einstimmig beschlossen hatte.

Darauf wurde der Antrag Arneths, das Werk über die geschnittenen Steine des Antiken-Kabinetts dem Kaiser zu widmen, angenommen. Nach der Verhandlung der übrigen Gegenstände und unmittelbar vor Aufhebung der Sitzung las ich meine gleichzeitig an den Kurator gesandte Eingabe um Entlassung vor und entfernte mich sogleich. Es wäre des Vizepräsidenten Sache gewesen, den von mir getanen Schritt zu besprechen und die Zurücknahme der Eingabe bei mir selbst oder beim Kurator zu betreiben, aber mein Austritt kam den Wünschen der drei Schwäger Ettingshausen, Baumgartner und Schrötter entgegen, nun war ihnen der Weg zum Präsidenten, Vizepräsidenten und Generalsekretär offen. Die Akademie beschloß, in der nächsten Sitzung keine Neuwahl vorzunehmen, sondern damit bis zum nächsten Mai zu warten. (Vgl. dazu Huber a.a.O. 105 ff.)[396]

Die Gewährung meiner Entlassung war vom 14. Juli 1849 datiert und schon am nächsten Tage teilte mir Ettingshausen die Einstellung meines Gehaltes von diesem Tage an mit.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 390-397.
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