VIII. Aufenthalt in Kairo und Reise nach England (1801).

[109] Während meines Aufenthaltes in Kairo hatte der Nil am Mikjas die nötige Höhe zur Bewässerung der Ebene erreicht, und damit war der Tag gekommen, an welchem der[109] Damm des Kanals durchstochen und die Lehmmasse in die Fluten gestürzt wurde.

Das Kündigungschreiben von der genügenden Fülle des Nils erregte mehr allgemeine Freude als irgendein Siegesbericht. Kein Triumph kann so segensreich, kein Sieg so schön sein als der, welchen alljährlich der befruchtende Schlamm des segensreichen Flusses gegen den Wüstensand erkämpft. Schon am Vorabend des Festes des Dammdurchstiches durchhallte die Straßen von Kairo das antiphonierende Singen ›aufallah – whefallah‹, und Jungfrauen durchzogen, Litaneien singend, die Stadt. Am Tag des Durchstiches selbst (es war der 9. August) waren schon seit frühem Morgen Arbeiter beschäftigt, den Damm durch Abgraben der Erde zu schwächen. Von Zeit zu Zeit gaben Raketen das Zeichen zu Kanonenschüssen; sie stiegen aus einer mit roten und gelben Fahnen geschmückten Dscherme auf, die bei dieser Gelegenheit den Namen ›Anthallah‹ (›Gabe Gottes‹) führt. Eine kleinere Dscherme stand näher am Ufer, aus ihr wurden neue Silberstücke ausgeworfen und von schlammfarbigen Schwimmern und Tauchern in der Luft, im Untersinken oder vom Grunde des Wassers gefangen und geholt. Ich befand mich im Zelte Tahir Paschas, eines jungen Mannes, der, einer der vornehmsten Paschas im Heere des Großveziers, an dessen Stelle der Feierlichkeit beiwohnte. Auf ein gegebenes Zeichen wurde die letzte dünne Wand des Dammes durchstoßen, und die Lehmmasse stürzte unter dem Donner der Kanonen und dem Getöse türkischer Musik in den Kanal. Ein kleines Boot mit dem Mahtesis, dem Polizeidirektor von Kairo, passierte die Öffnung als erstes, ihm folgte eine ganze Flotille großer und kleiner Boote und Kähne, die unter Flintenschüssen, Trommelwirbel, Pfeifengetön und Jubelgeschrei einander vorzurudern sich bemühten und von dem schrillenden ›Lili‹ und ›Lulu‹ der Weiber von allen Dächern und Altanen der Häuser am Kanal begleitet wurden. Mit mir im Zelte Tahir-Paschas befand sich der zweite im Range der Beys der Mameluken, Osman Bardisi, welcher erst am Tage vorher aus Oberägypten zurückgekehrt war.

Am 14. August erhielt ich die Nachricht von der Ankunft[110] der beiden englischen Reisenden Clarke und Cripps, die ich schon während meines Aufenthaltes in Rosette kennengelernt hatte. Cripps war ein unbedeutender, sehr reicher junger Mensch, mit dem Clarke als eine Art Tutor reiste. Clarke zeichnete sich durch Geist und Kenntnisse aller Art, aber auch durch große Originalität und Liebe zum Paradoxen aus. Er suchte, wie die Franzosen sagen midi a quatorze heurs, außerdem wie ich eine Handschrift von Tausendundeiner Nacht. Seine erste Frage bei unserem Wiedersehen war, ob es mir schon gelungen sei, diese Handschrift zu finden. Ich mußte es mit Bedauern verneinen, war aber so glücklich, ein vollständiges Exemplar des Ritterromanes ›Antar‹, der bisher in Europa ganz unbekannt war, in 43 dünnen Foliobänden zu kaufen. Er fragte mich um den Titel von Tausendundeiner Nacht auf Arabisch, schrieb sich die Worte ›Elf leila, we leila‹ auf, sagte zu seinem Reisegefährten: ›Komm Cripps, wir wollen das gleich finden.‹ Ich lachte ihn aus. Alle meine Nachforschungen auf den Büchermärkten, meine Aufträge an Buchhändler hatten zu nichts geführt. Er aber war zuversichtlich. ›Wollen Sie mich in ein paar Stunden hier erwarten, so komme ich mit Tausendundeiner Nacht zurück.‹ Die beiden Engländer ließen sich von der Mittagshitze nicht abhalten, sie setzten sich mit Sonnenschirmen auf Esel und trabten durch die Straßen, wobei Clarke unaufhörlich schrie: ›Elf leila, we leila.‹ Nach kaum zwei Stunden kamen sie mit der Versicherung zurück, sie hätten ein vollständiges Exemplar gefunden und den Besitzer, mit dem sie den Handel bereits abgeschlossen, mitgebracht, um ihn, wenn ich bestätigen könnte, daß das angebotene Werk wirklich ein vollständiges Exemplar sei, die verlangte hohe Summe gleich auszuzahlen. Meine Neugier war aufs höchste gespannt; wenn schon nicht Tausendundeine Nacht, hoffte ich doch ein anderes arabisches Werk von Interesse zu Gesicht zu bekommen. Ein ansehnlicher Scheich legte das Paket, das er unterm Arm trug, auf den Tisch, schlug das grüne Tuch auseinander und legte zwei dicke Bände in Quart vor. Es war wirklich ein vollständiges Exemplar der Märchensammlung. Der Handel wurde abgeschlossen. Es ist das Exemplar,[111] welches mit dem von Lord Elgin in Athen geraubten Kompendien griechischer Schriften nach England gebracht werden sollte. Das Schiff erlitt vor Korfu Schiffbruch, und wiewohl die Bücher gerettet wurden, waren sie doch durch das Seewasser unleserlich geworden.

Trotz aller Mühe gelang es mir nicht, während meines Aufenthaltes in Kairo ein zweites Exemplar zu finden. Ich empfahl die Bemühungen, ein solches vollständiges Exemplar zu beschaffen, als einen Auftrag der Staatskanzlei meinem gastfreundlichen Hausherrn Rosetti, und nach Jahr und Tag gelang es ihm, eine andere, vollständige Handschrift in vier Bänden zu erstehen, die er mir nach Konstantinopel sandte. Sie begleitete mich nach Jassy und nach Wien, mein Freund Graf Wenzeslaus Rzewuski entführte sie mir nach Polen.

Wenn ich also auch nicht der erste Reisende war, der ein vollständiges Exemplar nach Europa brachte, denn Herr Varsy besaß schon früher als Clarke eine solche, Handschrift und nahm sie mit sich nach Frankreich, so war ich doch der erste Europäer, der das bis dahin unbekannte seltsame Ende der Tausendundeine Nacht aufstöberte und das erste vollständige Exemplar des Ritterromanes Antar fand. Später fand ich aus den Biographien des Ebi Ossaitina den ersten Verfasser des Antar in einem ägyptischen Arzt und in der ältesten arabischen Literaturgeschichte die erste Verfasserin von Teilen aus Tausendundeiner Nacht in einer alten persischen Königin.

Das lange erwartete, von General Baird befehligte englische Hilfskorps war endlich angekommen und lagerte zu Chandra. Der Besuch des Generals mit seinem Stabe beim Großvezier und bei Rosetti brachte Abwechslung in den gesellschaftlichen Verkehr. Als die aus Indien mitgebrachten Kisten mit den Geschenken für die türkischen Minister und die Mameluken Beys geöffnet wurden, ergab sich eine höchst peinliche Überraschung. Die von den Agenten der ostindischen Compagnie angekauften Shawls und Stoffe waren, wie es allgemein hieß, durch einen Betrug der mit dem Ankaufe Betrauten von leichtester und billigster Gattung. General Baird würde sich geschämt haben, den Inhalt der Kisten der[112] Bestimmung gemäß zu verwenden, und um den ungerechten Verdacht einer Sparsamkeit zu vermeiden, ließ er die Sachen öffentlich um Spottpreise verkaufen. Die glänzende Gastfreundschaft des Generals und seine stattliche Dienerschaft waren dazu angetan, Türken und Arabern einen Begriff von indischem Reichtum und britischer Freigebigkeit zu geben. Mir war es sehr erwünscht, daß sich mir nun in Ägypten eine Probe, wenn auch nicht der Prachtentfaltung indischer Nabobs und Radschahs, doch des Luxus britisch-indischer Truppen und ihrer seltsamen halb indischen, halb englischen Uniformierung vor Augen stellte. Denn meinen Jugendtraum, von Persien nach Indien zu reisen, konnte ich nicht hoffen, erfüllt zu sehen.

Eines Tages wanderte ich mit Clarke und Cripps zu der Sphinx, die die Araber ›Abulhaul‹, den ›Vater des Schreckens‹ nennen, und zu den Pyramiden. Wir fuhren drei Stunden auf dem Wasser und ritten dann durch tiefen Sand eine halbe Stunde bis an den Fuß der Pyramiden. Je näher man kommt, desto mehr verliert sich die Bewunderung der Größe, die den Reisenden, wenn er sie das erstemal sechs Stunden ober Kairo erblickt, ergreift. Von dort wirkt die Idee der Entfernung, und wenn man sich Kairo nähert, der Vergleich mit den Gebäuden und Minaretten. Wenn man sich aber nähert, verschwinden alle Vergleichsobjekte, und erst, wenn der Wanderer an ihrem Fuß steht, ergreift die ganze Wucht der Steinmassen ihn von neuem. Wir bestiegen die große Pyramide, indem Clarke und ich in der Behendigkeit, die halbmannshohen Stufen emporzuklimmen, wetteiferten. Als erster erreichte ich die Plattform. Einige Tage später besuchte ich mit den beiden die Gräberebene von Saccara zum zweitenmal. Wir fuhren abends in einem Kahn von Kairo ab, legten nachts beim Dorfe des Scheichs Aatmon an, wo goldene Datteltrauben in voller Reife und die Tänze von Almen uns ländliches Abendmahl gewährten und den Schlaf verscheuchten. Den nächsten Tag brachten wir in der Ebene von Saccara zu. Dort verlor ich meine Lorgnette, die mir in einen offenen Mumienbrunnen fiel, als ich das Gestein, die Mumienfetzen und Sargstücke, womit der Grund bedeckt war, besah. Obwohl ich dem Araber, der hinabstieg,[113] sie zu suchen, die Stelle genau angab, konnte er sie nicht finden. Wir konnten nicht länger warten, ich war auch überzeugt, daß der Araber das Glas gefunden und behalten haben mußte. Ich versprach ihm zwei spanische Taler, wenn er mir die Lorgnette nach Kairo brächte. Nach acht Tagen erschien er mit ihr. Ich versprach ihm noch einen Bakschisch, wenn er mir gestehe, daß er das Glas sogleich gefunden habe und weshalb er es so lange behalten habe. ›Wir wissen,‹ sagte er, ›daß ihr Fremden euch dieser Gläser bedient, um damit die unter der Erde verborgenen Schätze zu sehen. Acht Tage habe ich damit die ganze Ebene von Saccara und alle Mumiengrüfte durchwandert, ohne das geringste zu finden, bis ich endlich erkannte, daß sie mir unnütz, weil mir die Salbe fehlt, mit der man sich zugleich die Augen bestreichen muß, und ich habe sie zurückgebracht, weil mir die zwei Taler sicherer waren als die Schätze, die ich doch nicht entdecken kann, wenn ich die Salbe nicht habe.‹ In Saccara kaufte ich den Hieroglyphenstein, der sich jetzt in der ägyptischen Sammlung des kaiserlichen Antikenkabinetts in Wien befindet.

Die Zeit meiner Abreise rückte heran. Ich war mit Sir Sidney dahin übereingekommen, daß ich, wenn er die Nachricht vom Falle Alexandriens nach England zu bringen bestimmt würde, ihn dahin begleiten sollte. Vergeblich suchte, ich eine Dscherme, die mich nach Rosette brächte, alle waren für den Dienst des Lagers mit Beschlag belegt. Aus meiner Verlegenheit befreite mich die Gefälligkeit von Clarke und Cripps, die mir einen Platz auf der ihren anboten. Ich war darüber sehr erfreut und versprach, ihnen die Ruinen von Sais zu zeigen. Noch am selben Abend fand die Abreise statt. Mein Gastfreund Rosetti bedauerte, daß er die wenigen arabischen Manuskripte, die er besessen, den Franzosen überlassen hatte und gab mir zum Abschied das einzige, welches sie ihm nicht abgelockt hatten, weil er es für das kostbarste hielt und nicht daran zweifelte, daß in ihm der Schlüssel zum Lesen der Hieroglyphen enthalten sei. Es war das Buch Bin Washihs über unbekannte Alphabete, das ich auf der Seefahrt nach England übersetzte und welches später der Orientalist Wilkins herausgab.[114]

Die Kisten mit dem Hieroglyphenstein und den Ibismumien übernahm der Generalkonsul zur Beförderung nach Triest. Eine Kiste mit 33 Bänden des Ritterromanes Antar und anderen Handschriften und eine Kiste mit 12 sehr schönen Fajenceinschriften, weiß auf cyanblauem Grund, aus einer von den Franzosen zerschossenen Madrasse, nahm ich mit.

Als ich in Malta einlangte und die möglichen Wechselfälle des langen Umweges über England nach Wien erwog, fand ich es für besser, die beiden Kisten in der Quarantäne zur Beförderung nach Triest unter der Adresse der kaiserlichen Hofbibliothek zu lassen. Die Kiste mit den Fajenceinschriften langte nie an, von den 33 Bänden Antar sind die drei letzten, die obenauf lagen, verlorengegangen. Trotz verschiedener Anfragen in Malta und Triest kamen sie nie mehr zum Vorschein. Zum Glück befand sich unter den von mir in Rosette erstandenen Handschriften auch das fehlende Ende ›Antars‹, so daß diese große Handschrift ergänzt werden konnte.

Am zweiten Tage nach der Abreise von Kairo landeten wir in Sil Hadscha, der Ruine des alten Sais, wovon nur das große Viereck, welches wahrscheinlich das Heiligtum der Neith umschloß, in Hügeln ungebrannter Lehmziegeln und glasierter Scherben, erkennbar ist. Clarke machte die höchst sonderbare Erklärung, daß alles, was hier von uns an Münzen oder anderen Altertümern gefunden werden sollte, ausschließlich ihm gehöre, und ich fragte ihn lachend, ob er nicht die britische Flagge aufpflanzen und von Sil Hadscha als von einem unentdeckten Kontinent Besitz ergreifen wolle. Er wollte den Scherz aber nicht verstehen, und so erklärte ich ihm, er möge sich ohne Dolmetsch behelfen und ich werde auf eigene Faust etwas zu finden trachten. Er und Cripps nahmen jeder einen Dukaten in die Hand und gingen, eine Schar von Arabern nach sich ziehend, durch die Hütten des Dorfes ›Hadscha, Hadscha‹ rufend, denn sie hatten von mir gehört, daß Sil Hadscha die ›Steinbesetzte‹ heißt.

Ich sah ihnen eine Weile verwundert nach, dann erst sah ich mich um und entdeckte die schwarze. Stufe der[115] Moschee. Mir fiel die geschichtliche Tatsache ein, daß Sultane der Abbasiden und Seldschucken Götzenbilder als Stufen und Türschwellen verwendeten. Ich ließ den Stein durch einige Araber umkehren und fand in ihm einen Cippus aus Basalt, dessen oberer Teil die Statue einer Isis.

Ich bot an, den Stein zu kaufen, und wurde mit dem Imam der Moschee um sechs spanische Taler einig. Zugleich hatte ich den Trägerlohn nach dem Schiffe ausgedingt, und ich wurde nach langem Hin und Her mit den herzugeeilten Bewohnern der elenden Hütte einig, daß sie mir den Stein um vier spanische Taler in die Dscherme schafften.

Über dreißig Mann stellten sich nun an den Traghölzern in Reihen an und brachten die Last unter den kadenzierten Gesang ›Jalla, Jalla‹ vorwärts. Durch das Geschrei wurden Clarke und Cripps vom äußersten Ende des Dorfes herbeigezogen. Kaum sah Clarke, worum es sich handelte, als er sich auf seine Erklärung, daß jeder Fund hier ihm gehöre, berief und erklärte, daß er den Stein hier zurücklassen und sogleich abfahren werde, wenn ich ihn nicht ihm überließ.

Alle Vorstellungen waren vergeblich, ich mußte nachgeben, wollte ich nicht selbst auch hier zurückbleiben. Die Statue wurde eingeschifft und steht jetzt in der Bibliothek in Cambridge.

Am nächsten Tage kamen wir gegen Mittag in Rosette an, ich mietete ein Kamel für mein Gepäck und ein Pferd für mich und trat den kürzesten Weg durch die Wüste nach Abukir an. Nach sechsstündigem Ritt kam ich spät abends am Blockhaus an.

Ich fragte sofort nach Sir Sidney und erfuhr, daß er im Hauptquartier von Alexandria sei, noch diese Nacht am Blockhaus vorbeikomme und mit Sonnenaufgang nach England segle. Ich bat, sogleich geweckt zu werden, wenn Sir Sidney eintraf. Um vier Uhr morgens erwachte ich und erfuhr, daß er vor zwei Stunden durchgekommen und nach dem Admiralschiffe gefahren sei. Nun mußte ich mir schleunigst ein Boot verschaffen, um wenn möglich das Admiralschiff, noch bevor Sir Sidney es verließ, zu erreichen.[116] Nach zwei Stunden erhielt ich eines von einem Marineoffizier. Die Fahrt dauerte qualvolle drei Stunden. Endlich sah ich die Flotte, das Admiralschiff und in seiner Nähe die das Abfahrtsignal erwartende Fregatte, meine Qual erreichte den Höhepunkt. Ich entschloß mich, wenn ich wirklich zur Fahrt nach England zu spät käme, in der Oase Jupiter Amons zu reisen. Endlich war das Admiralschiff erreicht, mit klopfenden Herzen kletterte ich an Deck, traf dort Lord Keith und stieß nur die Worte ›Sir Sidney?‹ heraus. Lord Keith wies auf die eben absegelnde Fregatte und sagte: ›There he goes.‹ Ich eilte ins Boot zurück und suchte durch Zeichen die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Zum Glück wurde ich von Sir Sidney bemerkt; die Fregatte hielt und wartete, bis sie mich an Bord genommen hatten. Mit Sir Sidney war der Oberst Abercromby, der Sohn des gefallenen Oberbefehlshabers an Bord, beide als Überbringer der Nachricht des Falles von Alexandrien. Das Schiff war die ehemals spanische Fregatte ›La Madonna del Carmen‹, nach einem berühmten Wallfahrtsorte so genannt.

Nachdem ich mich in den ersten Tagen von den Anstrengungen der Reise erholt hatte, dachte ich an die Einteilung meiner Stunden und an die Beschäftigung, die sie ausfüllen sollte. An Stoff fehlte es mir nicht, weder an politischem noch an literarischem. Das Ordnen des Portefeuilles Sir Sidneys und seines morgenländischen Briefwechsels, welches auch den besten und stichhaltigsten Grund zur Rechtfertigung meiner Reise nach England gab, lieferte genügend politische Arbeit. Baron Herbert hatte mich zu dieser Reise wohl durch Privatbriefe, aber nicht durch eine amtliche Weisung als Internuntius ermächtigt. Die Übersetzung des arabischen Werkes Bin Washishs war meine Hauptbeschäftigung während der Seefahrt. Die langen Herbstabende verkürzten interessante Gespräche mit Sir Sidney und den Offizieren des Landheeres. Die Einförmigkeit der zweimonatigen Seereise wurde durch zwei interessante Landungen in Malta und Gibraltar unterbrochen. In Malta liefen wir zwar in den Hafen ein, gingen aber wegen des strengen Quarantängesetzes nicht an Land. Ochsen, Früchte und andere Erfrischungen wurden an Bord genommen, und sobald sie eingeschifft[117] waren, wurden schon nach wenigen Stunden die Anker gelichtet. Ich konnte nur von Deck aus die aus den Felsen sich erhebenden Wälle und türmende Bollwerke bestaunen, die, weit erhabener und mächtiger als die von Rhodos, mir, als ich in der Geschichte der Osmanen die vergebliche türkische Belagerung von Malta schrieb, lebhaft vor Augen standen. In Malta konnte ich nur das Äußere der Befestigung bestaunen; ein mehrtägiger Aufenthalt in Gibraltar, welcher zur Ausbesserung des Schiffes nötig war, gab mir Gelegenheit, die Erhabenheit des Felsens, die in den Felsen eingesprengten Batterien und die Stärke dieser durch die Natur und Kunst zu einer unüberwindlich gemachten Festung zu bewundern.

Der durch die letzte Verteidigung Gibraltars berühmte Befehlshaber General O'Kara zeigte uns selbst die ganze Festung. Unter anderen Anekdoten erzählte er uns, daß bei der Belagerung, durch welche Gibraltar in die Hände der Engländer fiel, der Befehlshaber von der Unüberwindlichkeit so überzeugt war, daß er am Tage, an welchem die Festung erobert wurde, noch in das Tagebuch des Belagerungsberichtes die Worte ›Nichts Neues‹ geschrieben hatte. Von der Höhe des Felsens sahen wir das Gefecht einer englischen Kanonenschaluppe, die auf ein spanisches oder französisches Schiff Jagd machte. Dies war für mich das letzte Nachspiel auf dem großen Schauplatz des französisch-englischen Krieges.

Während unseres Aufenthaltes traf die Nachricht von den Friedensverhandlungen in Amiens ein. Manchmal kletterte ich auf dem Felsen herum, um die Affen zu sehen, die, den Flinten unerreichbar, possierliche Sprünge machten. Mehr als sie unterhielten mich unten im Orte der Fandango und Bolero, die ich hier zum erstenmal sah.

Nach achttägigem Aufenthalt schifften wir ins Atlantische Meer. Von den schweren Stürmen, besonders von der in der Bai von Biskaya meist hochgehenden See, hatte ich schon oft gehört. Die ersten drei Tage des November kämpfte das Schiff mit hochgehenden Wogen. Am 4. November kam ein so heftiger Sturm, wie sich die Leute an Bord keines erinnern konnten. Binnen der 24 Stunden, die[118] er währte, verunglückten 117 kleine Fahrzeuge und größere Schiffe im britischen Kanal.

Mehr als einmal durchbrachen überstürzende Wogen die mit Holzladen verrammelten Fenster der großen Kajüte, in der ich lag, und rauschten unter der schwingenden Hängematte. Diese stürmische nordische See unter meinem Lager abrollen zu sehen, war ein fürchterlich erhabenes Schauspiel. Mit vieler Mühe klomm ich auf das Deck des der Segel entblößten Schiffes und ließ mich anbinden, um nicht von den Wogen über Bord geworfen zu werden. Hier genoß ich das erhabene Schauspiel in seiner ganzen Wucht und Größe. Sogar die Segelstangen hatte man abnehmen müssen, und das Schiff trieb auf den Wogen.

Am folgenden Tage hatte sich der Sturm gelegt. Wir sahen ein Schiff, das mit zwei umgekehrten Flaggen Notsignale gab. Seine Pumpen waren verstopft. Man gewährte ihm Hilfe. Drei Tage segelten wir mit wechselndem Winde im Kanal hin und her. Endlich warfen wir am 9. November nachmittags Anker vor Portsmouth, zwei Monate nach unserer Abreise von Abukir.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Josef von: Erinnerungen aus meinem Leben. 1774–1852. Wien und Leipzig 1940, S. 109-119.
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