Drittes Buch

Intermezzo
Klagenfurt 1850–1852

[102] Es war ein trauriger, naßkalter, nebliger Februarmorgen, als ich in Klagenfurt, meinem amtlichen Bestimmungsort, eintraf. Zwei Tage lang währte die Reise, denn von Wien reichte die Eisenbahn nur bis Marburg in Steiermark, von da ging's mit der Postkutsche, meist der Drau entlang, nach Kärnten. Klagenfurt, jetzt so häufig besucht und gepriesen, hatte damals, aus Mangel einer Eisenbahn, fast keinen Zusammenhang mit der übrigen Welt. Es war in allem, was Komfort, Bildungsmittel, künstlerische Anregung betrifft, eine zurückgebliebene Provinzialstadt. Sie kam mir manchmal vor wie eine Insel inmitten des bewegten Meeres der Zivilisation. Dazu die leblose Stille, die nur an den Sonntagabenden von dem Gesang italienischer Arbeiter auf den Straßen oder dem Lärm zechender Bauern aus den Wirtshäusern unterbrochen wurde. Schlechtes Pflaster in der Stadt, gar keines in den Vorstädten. Die Straßenbeleuchtung so kümmerlich, daß während der Frühjahrsnebel ein Gang in die Vorstadt lebensgefährlich wurde. Auch die Treppen der meisten Privathäuser waren nicht beleuchtet, so daß man zu Abendbesuchen stets Wachslichtchen mitnahm, um heil hinauf zu gelangen. Kein Orchester, keine Konzerte, ich darf wohl auch sagen: kein Theater, denn die klägliche Wandertruppe, die drei Wintermonde hindurch in einem kleinen, verwahrlosten Gebäude spielte, verdiente kaum diesen Namen. Die Mängel und Übelstände der kleinen Stadt hatte ich in vierundzwanzig Stunden weg; ihre Schönheit, die herrliche Alpengegend, die mir später zu Freude und Trost gedieh, verdeckte der Nebel und Regen dieses unholden Wintermonats. Ja, mein Eintritt in Klagenfurt war traurig und trauriger noch als die Außenwelt mein Inneres!

Ich meldete mich in meiner Eigenschaft als neuer »Aushülfsreferent« bei dem Vorstande des Fiskalamtes, einem bissigen, alten Finanzrat, vor dem ich jetzt noch erschrecke, wenn er mir im Traum erscheint. Ein untersetzter Sechziger mit glühend rotem Gesicht, in welchem zwei stechende grüne Äuglein lauerten; auf[103] dem Kopf eine schlecht sitzende braune Perücke. Über gelben Nankingbeinkleidern trug der Unhold eine grasgrüne Weste mit Metallknöpfen! Nun wußte ich alles, was mir bevorstand. Es war ein Slave, ein Krainer, wie ich gleich aus seinem Akzent entnahm, also kein Freund der Deutschen. Zwischen Kärnten und Krain herrscht, wie zwischen Spanien und Portugal, eine gewisse Antipathie der Nachbarschaft; die Deutschen, der überwiegende Volksstamm in Kärnten, mögen die »Windischen« nicht und umgekehrt. Mein »Amtsvorstand« war ein eingefleischter Bürokrat alten Schlages und dem »Staatshämorrhoidarius« in den Fliegenden Blättern aus dem Gesicht geschnitten. Er hatte nur Gefühl und Interesse für die alten Hofdekrete, das Alpha und Omega seiner Jurisprudenz. Mit Ungeduld wartete er auf das Eintreffen des neuen Aushülfsreferenten, da sein bester Konzipient zur Staatsanwaltschaft übergegangen war. Eine Menge der schwierigsten Arbeiten hatte er schon für mich aufgestapelt. Unter anderem sollte ich gleich die Einrede auf eine umfangreiche Erbschaftsklage verfassen, die den Nachlaß eines längst verstorbenen Fürstbischofs betraf. Dieser überaus verwickelte Prozeß reichte in die Zeiten der französischen Okkupation zurück und war aufgrund des Code Napoleon zu bearbeiten. Mein in Fiskalprozessen ergrauter Chef hatte diese Arbeit als unappetitlich Jahre lang liegenlassen; nun wurde sie mir, dem unerfahrenen Neuling zugemutet. Ich erwähne dieses bürokratische Detail, um zu beweisen, daß meine Verzweiflung nicht unbegründet war. Andererseits konnte ich es dem Mann mit der grasgrünen Weste nicht verdenken, wenn er sich höchst unzufrieden gebärdete über die neue Akquisition. Nur der Wiener Hofkammer mußten wir beide grollen, daß sie einem »blutigen Anfänger«, wie es im Theaterjargon heißt, Lasten auflud, welche einen erprobten, starken Rücken erheischten. Gewiß war das nicht angenehm für den Amtsvorstand. Aber ein humaner und einsichtsvoller Chef hätte meine noch weit unangenehmere Stellung gewiß dadurch erleichtert, daß er mir für den Anfang ein wenig helfend und ratend an die Hand ging. War ich doch jederzeit für Belehrung empfänglich und dankbar, auch nicht ungeschickt. Allein mein Höllenrichter empfand offenbar eine Wonne, mich, sooft ich ihn um Rat und Aufklärung ersuchte, mit den Worten abzuschütteln: »Das müssen Sie wissen, Herr Doktor, Sie sind ja Aushülfsreferent.« Eines Tages schiebt er mir ein Bündel Akten zu: »Gehen Sie zur Tagsatzung[104] auf das Landesgericht!« Nun wußte ich wohl aus der Gerichtsordnung, was eine Tagsatzung ist, hatte aber nie im Leben eine gesehen, nie bei Gericht interveniert. Es war nicht meine Schuld. Er aber wollte meine offene Erklärung nicht hören; ich mußte zur Tagsatzung, wo ein wildfremder Advokat mich schnell in die nötigen Förmlichkeiten einweihte. Einmal wollte der edle Krainer mich zu einer Verhandlung mit slovenischen Bauern entsenden; es war nämlich durch die Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph ein lehensrechtlicher »Herrenfall« eingetreten, und die Vasallen wurden zur Erfüllung ihrer, meistens in Naturalien bestehenden Lehenspflicht aufgerufen. Die slovenischen Bauern in Kärnten hatten natürlich keinen Begriff davon, und ich war der letzte, sie in ihrer Sprache darüber aufzuklären. Diesmal mußte also doch mein Peiniger selbst gehen. So denke ich denn an meine erste Klagenfurter Zeit als an eine der trübseligsten meines Lebens. Nicht bloß, weil ich hier weit von allem, was mich liebte, freute und erhob, rettungslos festgenagelt war, sondern obendrein just an eine Stelle, die ich mit bestem Willen nicht auszufüllen vermochte.

Das Fiskalamt war mit verschiedenen anderen Ämtern in der »alten Burg« untergebracht, einem massiven, düsteren Gebäude mit dicken Mauern und ausgetretenen steinernen Treppen. Die Fenster meines Büros gingen auf einen ziemlich geräumigen, mit Bäumen bepflanzten Hof. Da pflegten sich nachmittags die Kinder aus der angrenzenden Volksschule spielend zu tummeln. Wie oft trat ich für einen Augenblick ans Fenster und schaute auf den fröhlichen Übermut dieser kleinen Welt, von dem ich so gern etwas für meinen Arbeitstisch aufgefangen hätte! Nach dem Büro pilgerte ich dann in das sogenannte Kasino, einen dumpfigen Lesesaal, wo die Wiener Zeitungen auflagen; das heißt, jene wenigen, die sich nicht zwischen den Fäusten, Armen oder Knien lesewütiger pensionierter Offiziere eingeklemmt befanden. Klagenfurt war damals das Eldorado invalider Heldengreise vom Feldmarschallieutenant abwärts, sowie Graz das »Pensionopolis« der Generalität.

Meine fiskalamtlichen Leiden sollten nicht die einzigen bleiben. Ich erkrankte und lag an die drei Wochen zu Bett, ohne eine befreundete Seele, die sich um mich gekümmert hätte, – bloß mit den Akten, die man mir zur Bearbeitung ins Haus zu schicken so gütig war. Der Arzt, der mich behandelte – ein in der Stadt sehr[105] angesehener, tüchtiger Homöopath –, war ein sonderbarer Kauz. Wie so manche dicke Riesen hatte auch Dr. H. ein überaus weiches, sentimentales Gemüt. Wenn er sich an meinem Bett von mir verabschiedete, sah er mich lange wehmütig an, tat einen schrecklichen tiefen Seufzer und sprach: »Gott gebe Glück und Segen!« Diese Abschiedsworte sagte er langsam, bedeutungsvoll, in einem so trostlos schmerzlichen Ton, daß ich überzeugt war, mit »Glück und Segen« sei es für immer vorbei. Ich habe in meinem von Krankheiten nicht verschonten Leben Ärzte kennengelernt, die schon durch ihr bloßes Erscheinen dem Kranken Mut einflößten; ihre Miene, der Ton ihrer Stimme wirkte wie halbe Genesung. Diese sind die größten Wohltäter der Menschen. Auf meinem Klagenfurter Krankenlager mußte ich jetzt auch die gegenteilige Erfahrung machen: wie sehr ein mutloser, weichherziger Arzt bei aller Geschicklichkeit die Genesung seines Patienten auf psychologischem Wege verzögern könne.

Noch während meiner Krankheit traf mich ein neuer, unerwarteter Schlag. Der Vater meiner Braut, der nur sehr widerwillig meiner Werbung zugestimmt hatte, schrieb mir aus Wien, er habe in Erfahrung gebracht, daß ich nicht so bald auf ein ausreichendes Avancement hoffen könne, weshalb er unser Bündnis unwiderruflich löse. Offenbar hatte er, mir von Anfang an abgeneigt, nur auf meine Abreise gewartet, um den Schlag zu führen. Ich war davon in tiefster Seele verwundet, und meinen Schmerz erreichte an Heftigkeit nur der Haß gegen den tyrannischen Vater. Jetzt weiß ich freilich, daß der Mann ganz recht gehabt. Es dauerte tatsächlich zehn Jahre, bevor ich zu einer Stellung gelangte, die, zusammengenommen mit der bescheidenen Mitgift meiner Braut, einen halbwegs anständigen Haushalt ermöglicht hätte. Also zehn Jahre trübseligster Arbeit, unausgesetzter Seelenqual, aufreibenden Kampfes gegen eigene und fremde Vorwürfe! – Und dann am ersehnten Ziele angelangt? Eine ärmliche Existenz, wachsende Familiensorgen und die stumme Klage einer Frau, die, mit mir in gleichem Alter, sich um ihre schönsten Jahre getäuscht sieht. Ich war diese Verlobung mit größter Unbesonnenheit eingegangen, unter dem Zauber goldener Jugendeindrücke. In Prag hatten wir als Kinder miteinander gespielt, »Mann und Frau« gespielt. Als ich das Mädchen zwölf Jahre später in Wien wiedersah, erwachten plötzlich jene Kindheitsspiele in meinem Herzen. Auf einem Hausball bei meiner Tante schlug ich ihr vor,wir möchten uns für die Dauer des Kotillons wieder »Du« nennen, wie einstens. Der romantische alte Adam war aus mir niemals auszutreiben. Als Prager Jugendfreund kam ich sehr häufig in das Haus; das heimliche »Du« wurde fortgesetzt; wir hatten uns sehr lieb und fanden es, als meine Abreise nahte, ganz ausgemacht, daß wir ohne einander nicht leben könnten. Der Brief ihres Vaters, der mir auch unbarmherzig alle die kleinen Andenken, die ich ihr geschenkt, zurückschickte, hat diesen Wahn zerstört. Was ich als höchstes Glück ersehnte, es wäre bei der weichen Empfindlichkeit meines Charakters das Unglück meines Lebens geworden.

Wie oft hängen wir uns leidenschaftlich an einen Wunsch, für dessen Nichterfüllung wir später Gott danken müssen! Auf einer kleinen Insel im Veldeser See (Krain) steht ein Wallfahrtskirchlein, von dessen Turme der Glockenstrang in das Innere der Kirche herabhängt. Es herrscht der fromme Glaube, daß, wer diese Glocke läutet, auf die Erfüllung des Wunsches hoffen darf, den er dabei im Stillen ausspricht. Bei einem Ausflug nach Veldes mit Klagenfurter Freunden habe ich ein paar Jahre später auch einmal dieses Wunschglöcklein gezogen. Es wäre mein Verderben geworden, hätte ich das vermeintliche Glück wirklich auf mein Haupt herabgeläutet. Das mußte ich mir bald nachher selbst gestehen. Was ich mir damals, den Glockenstrang in Händen, vom Himmel erbeten habe, weiß ich jetzt nicht mehr genau. Jedenfalls etwas sehr Dummes.

Als ich ein Jahr nach meiner Vertreibung aus dem Paradies in Wien meinem Ex-Schwiegerpapa auf der Straße begegnete, meinte Freund Schön: was ich dem Tyrannen wohl hätte mit Lust antun mögen? »Ich hätte ihm gern dankend die Hand gedrückt,« antwortete ich wahrheitsgetreu. Aber die klare Einsicht, daß das Schicksal es besser mit uns gemeint als wir selbst, die haben wir nicht augenblicklich. Ein Stich ins Herz tut lange weh, wenn auch die Zeit ihn allmählich heilt. Es kamen Monate der düstersten Stimmung über mich; menschenscheu und leidensmüde suchte ich weder, noch fand ich Ansprache oder Aufheiterung. Die Stunden, welche der gräßliche Bürodienst mir gönnte, teilte ich zwischen der Musik und dem Studium von Vischers Ästhetik, deren zwei erste Bände mein guter Vater mir zum Trost in mein Exil geschickt hatte. Ich verbrachte die Abende am Klavier und spielte mit unersättlichem Eifer Schumann, der so trefflich[108] zu meiner Stimmung paßte. Oder legte, statt der Noten, das Porträt meiner Geliebten aufs Pult und phantasierte dazu.

Da kam endlich der Frühling, der göttliche Tröster. Nach allen Seiten durchstreifte ich die so reizvolle nächste Umgebung der Stadt. »Im Tale grünet Hoffnungsglück.« Mit diesem Wunder von vier Worten hat mir Goethe Balsam aufs Herz gelegt. Das Leid bröckelte allmählich von mir ab. O wunderbare Heilkraft der Jugend! Goethe erzählt in einem Brief an Frau von Stein, man habe ihm, der bereits schlafend im Bett gelegen, die Nachricht gebracht, seine Lili sei Braut. »Kehre mich um, und schlafe fort.« Ähnlich ist es mir, etwa ein Jahr nach jener gewaltsamen Trennung, ergangen. Auf einem Ausflug nach Tirol fuhr ich an einem herrlichen Sommermorgen in leichtem Wägelchen über den Paß Finstermünz. »Frei wie ein Gott und aller Not entladen« fühlte ich mich so glücklich, daß ich laut vor mich hin sang. Da fiel mir plötzlich ein, daß heute in Wien die Vermählung meiner einstigen Verlobten mit einem Generalstabs-Offizier stattfinde. Ich wünschte ihr im stillen Glück dazu und mir auch und sang mein Liedchen fröhlich weiter.

An dem Punkte, wo ich meine Erzählung verlassen, war ich aber noch lange nicht so weit. Es ging mir recht miserabel. Da kam mir von außen eine unverhoffte Überraschung, ein Gruß aus der Heimat, der mich dem Leben wieder näher brachte. Hofrat Vesque von Püttlingen (als Komponist J. Hoven genannt) besuchte mich auf dem Wege nach Gastein und blieb zwei Tage in Klagenfurt. Es war mein erster angenehmer Augenblick im Büro, als der liebenswürdige, geistreiche Mann, der mir stets besonders wohlwollte, unvermutet da eintrat. Ein Hofrat aus dem Ministerium des Auswärtigen und Ritter so vieler hoher Orden! – Das kupferige Gesicht meines Amtstyrannen nahm einen ganz neuen, weichen und süßschmunzelnden Ausdruck an. Es sollte noch besser kommen. Ich brachte mit Vesque den Abend beim Statthalter, Baron Schloißnigg, zu, seinem intimen Freunde und Schulkollegen. Da äußerte Vesque den Wunsch, ich möchte ihn auf der Fußwanderung über den Mallnitzer Tauern nach Gastein begleiten. Ich wendete die sichere Opposition meines Amtschefs ein; der Statthalter versprach aber zu helfen. Am anderen Morgen kam Vesque in mein Büro und erbat mir einen dreitägigen Urlaub. Als der Cerberus die erdenklichsten Schwierigkeiten machte, überreichte ich ihm ein Briefchen des Statthalters, welcher das[109] gleiche Verlangen stellte. Da war keine Weigerung mehr möglich. Nun war es köstlich anzusehen, wie in dem Mann der schwer verhaltene Zorn, mich nicht zurückhalten zu dürfen, mit den Regungen einer sklavischen Unterwürfigkeit kämpfte. Es schien ihm politisch, recht gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Eine mütterliche Zärtlichkeit für mich überkam ihn plötzlich: »Geben Sie nur acht, Herr Doktor, daß Sie sich nicht erkälten! Herr Doktor, vergessen Sie ja nicht einen warmen Plaid mitzunehmen!« Die ganze Natur eines slowenischen Amtsdrachen kam da zum Vorschein. Mir aber blühten drei köstliche Tage.

Wir fuhren eine Strecke mit dem Statthalter in dessen Wagen, dann mit der Post bis an den Fuß des Mallnitzer Tauern. Vesque bestieg ein Maultier, ich ging fröhlich neben ihm her. An einem schroffen Abhang wurde dem Reiter angst. »Fürchten's Ihnen nit,« rief ihm der Führer zu, »der Muli ist gescheiter als ein Mensch.« In ununterbrochen fließendem, anregendem Gespräch über Kunst, Literatur, Politik, einem Gespräch, wie ich es seit Wien nicht genossen, gelangten wir den Berg hinab, durch das herrliche Naßtal, nach Wildbad Gastein. Hier ward mir noch die Freude, den Dichter Julius Mosen kennenzulernen. Er bewohnte ein Parterrezimmer in ein und demselben Hause mit Vesque. Ich faßte Mut und klopfte an seine Türe. Da bot sich mir ein trauriger Anblick. Der unglückliche Dichter lag vollständig gelähmt in einem Krankenstuhl, an welchem ein kleines Tischchen befestigt war. Vor ihm stand seine Frau, eine sanfte Dame, mit einer großen Kaffeetasse in der Hand, aus welcher sie den Kranken wie ein kleines Kind fütterte. Der Arme, damals kaum fünfzig Jahre alt, war seit mehreren Jahren gelähmt und hatte die weite beschwerliche Reise von Oldenburg unternommen, in der Hoffnung auf die Heilkraft Gasteins. Es freute ihn, von mir zu hören, daß wir schon als Prager Gymnasiasten seine Gedichte rezitierten, von denen insbesondere zwei: »Die letzten Zehn vom vierten Regiment« und »Andreas Hofer« (»Zu Mantua in Banden«) in ganz Österreich populär waren. Seine breiten, nicht schönen Züge verklärte ein wundervoller Ausdruck von Geist und Wohlwollen. Mosen sprach lebhaft und fragte voll Anteil nach den politischen Zuständen in Österreich. Davon war freilich wenig Gutes zu melden; die Reaktion entfaltete eben unter dem Einfluß Alexander Bachs und der Jesuiten ihre volle Blüte. »Lesen Sie Macaulays Geschichte der englischen Revolution!« rief mir Mosen zu, »daraus[110] werden Sie und die österreichische Jugend lernen, wie lange und ausdauernd ein Volk um seine Freiheit kämpfen muß!« Ich empfahl mich nach einem fruchtbaren Gespräche von dem Dichter und seinem guten Engel, der ihn zärtlich pflegenden Gattin. Sein Hoffen auf Genesung erwies sich leider als trügerisch; noch zehn Jahre lang lag auch er »in Banden«, kaum leichter drückenden als jene des Andreas Hofer. Erst der Tod hat den edlen Mann im Jahre 1863 daraus befreit.

Am nächsten Morgen nahm ich dankbaren Herzens Abschied von meinem lieben Reisegefährten und trat – wieder zu Fuß über den Tauern – den Rückweg nach Klagenfurt an. Das freundliche Lächeln war aus dem Antlitz des roten Tyrannen verschwunden – für immer verschwunden. Hingegen erwies sich durch Vesque mein Verhältnis zum kaiserlichen Statthalter auf die angenehmste Weise gefestigt. Baron Schloißnigg, ein liebenswürdiger und liberaler Mann, war ein großer Musikfreund und liebte es, mit mir vierhändig zu spielen. Freilich büßte er dieses Vergnügen mit Strömen von Schweiß, da ich ihm durchaus nicht gestatten konnte, die Ouvertüre zu »Zampa« oder zur »Stummen von Portici« in dem ihm bequemen tempo giusto zu spielen. Aber nicht bloß im Hause des Statthalters, sondern in der gesamten guten Gesellschaft von Klagenfurt verhalf mir die Musik bald zu einer angenehmen, bevorzugten Stellung. Ich war der Liszt von Klagenfurt. Darauf brauchte ich mir nicht viel einzubilden, tat es auch nicht. Es freute mich aber, mit meinem bißchen Musik eine Lücke ausfüllen und anderen Vergnügen machen zu können. Mehrere junge Damen aus den besten Familien sangen recht hübsch und ließen sich gern von mir akkompagnieren. Überhaupt herrschte eine lebhafte Vorliebe für Musik in diesen Kreisen. Baron Edmund Herbert ließ nach meiner Angabe eine schwere Menge vierhändiger Musik aus Wien kommen; er kam ungefähr dem Statthalter gleich im guten Willen und – Transpirieren. Im Viktringer Schloß, einem ehemaligen weitläufigen Kloster, wohnte die liebenswürdige, fein gebildete Familie von Moro; bei ihr und der ihr verschwägerten Familie von Rainer wurde lebhaft musiziert. Die jungen Herren dieser beiden, unter den Patriziern von Klagenfurt obenan stehenden Familien sangen im Quartett sehr hübsch kärnterische Volkslieder. Eine Auswahl dieser ungemein charakteristischen, naiv anmutigen Volkslieder hat Herbert unter meiner Mitwirkung herausgegeben.[111]

Eine der interessantesten musikalischen Persönlichkeiten war Graf Ferdinand Egger, Besitzer der Herrschaft Lipitzbach, ein alter Herr mit weißen Haaren, stets sehr elegant gekleidet und von den feinsten aristokratischen Manieren des ancien régime. Mit seiner stark verwitterten Baritonstimme, welche durch ihre meisterhafte Schulung noch immer Freude machte, wußte er Loewesche Balladen geistvoll und wirksam zu interpretieren. Ebenso anziehend war sein Vortrag italienischer Buffoarien und französischer Romanzen. Er pflegte sich nur kurze Zeit in Klagenfurt aufzuhalten, war viel auf Reisen und im Sommer auf seiner Herrschaft Lipitzbach. Dort besuchte ich ihn einmal mit Edmund Herbert; wir beide natürlich in bequemem Sommeranzug. Wir waren die einzigen Gäste – als man aber zu Tische ging, erschien der alte Graf in Frack, weißer Kravatte und ausgeschnittenen Schuhen, seine Gemahlin Nothburga – ein winziges, hageres Frauchen – dekolletiert, mit Handschuhen bis an den Ellenbogen. Auch auf dem Dorfe hielt er fest an seinen Kavalierstraditionen. »Cavalleria rusticana«. Hingegen nahm er nicht den mindesten Anstand, in den Konzerten, die man zeitweilig zu wohltätigen Zwecken in Klagenfurt zustande brachte, öffentlich aufzutreten. Graf und Gräfin Egger waren vortreffliche Menschen und bleiben unvergessene Wohltäter der ganzen Gegend.

In einer Stadt, die kein Orchester, keine Virtuosen, keine Sänger von Fach besitzt, darf sich eben niemand ausschließen, alles muß mittun und tut gern mit. Der musikalische Dilettantismus, in großen Residenzen meist ein unnötiges Übel, ist auf dem Lande eine notwendige Wohltat. Einstens hat er auch in den Hauptstädten unserer Kultur Erfreuliches, ja Großes geschaffen; man denke nur an Wien, das zu Haydns und Mozarts Zeiten keine Orchester- und Chorkonzerte gehabt hätte ohne die überwiegende, ja entscheidende Mitwirkung der Dilettanten. Ich selbst habe noch kurz vor dem Jahre 48 »Spirituel-Konzerte« und Konzerte der »Gesellschaft der Musikfreunde« in Wien gehört, die von Dilettanten geleitet und größtenteils von Dilettanten ausgeführt wurden. Indem die Liebhaber durch ihre eifrige Tätigkeit den Geschmack an guter Musik und das Bedürfnis danach popularisierten, in immer weitere Kreise leiteten, haben sie das Anwachsen und den Zusammenhalt von Fachmusikern gefördert und so – mehr oder minder unwillkürlich – dahin gewirkt, sich selbst überflüssig zu machen. Welche Langeweile, wenn uns heute[112] in einem Wiener Salon Dilettanten ein Trio oder Klavierquartett mangelhaft vorspielen, das wir tags zuvor von Künstlern vortrefflich gehört! Anders in der kleinen Stadt. Da gäbe es gar keine Musik, wollten nicht die Liebhaber, ihre Scheu überwindend, damit hervortreten. Ob da etwelche Passagen etwas holperig und ungleich herauskommen – daran liegt gar nichts. Zu meiner Zeit besaß Klagenfurt keinen Singverein, nicht einmal eine Liedertafel. Da brachte denn, wenn ein Konzert in Sicht war, der wackere Kaspar Harm, ein längst invalider Sänger und einziger Musiklehrer in Klagenfurt, aus den Töchtern und Söhnen der besten Familien einen kleinen Chor zusammen, exerzierte ihn ein, und die ganze Stadt freute sich über diese vielstimmige neue Ausschmückung des Programms. Wie erwähnt, wurden auch die Solonummern durchweg von Dilettanten ausgeführt. Daß ich selber darunter war und mein Scherflein zu einem Armenkonzert mit einer selbstkomponierten Phantasie über kärntnerische Volkslieder beisteuerte, brachte mich um den letzten Rest von Achtung, den ich vielleicht bei meinem Amtschef noch genoß. In seinen Augen war ich fortan ein verlorener Mensch, ein räudiges Schaf in der bürokratischen Herde.

Es gab noch ein zweites der Art, zum Glück unter einem minder grausamen Hirten. Der Landgerichtsadjunkt Franz Ruckgaber glänzte in unserem Dilettantenkreis als Violinspieler; er war gleich mir ohne jedweden Rivalen, also der Vieuxtemps von Klagenfurt. Wir beide wurden den musikalischen Familien und bald auch einander unentbehrlich. Aus Ruckgabers technisch ungepflegtem Spiel sprach eine eminent musikalische Natur. Was er vortrug, war erwärmt von echter Empfindung, angeglüht von der ewigen Lampe der Begeisterung. Mit aufrichtiger Bescheidenheit wehrte er sich gegen jedes technisch schwierigere Stück, aber die meisten Duos von Beethoven und Schubert, auch die F-moll-Sonate von Mendelssohn (unser Lieblingsstück) spielten wir recht gut. Wie er beim Spielen seinen schönen dunklen Kopf so zurücklehnte und seine großen braunen Augen vor Wonne glänzten, da erinnerte er mich an Robert Heckmann, den begeisterten Primgeiger des »Kölner Quartetts«. Offenbar war Ruckgaber für ein Orchester oder ein Quartett geboren, durch eine schadenfrohe Fee aber heimlich ins Landgericht verschleppt worden. Er hat es dort auch nicht weit gebracht. Verstimmt und nervös am Aktenstück, blühte er förmlich auf, wenn es ans Musizieren ging. Im[113] Sommer hatten wir fast für jeden Sonntag einen Ausflug für den ganzen Tag vorbereitet. Da hielt Ruckgaber früh mit einem Wägelchen, worin schon sein Geigenkasten und die Notenmappe lag, vor meiner Wohnung, und wir fuhren seelenvergnügt in die schöne Landschaft hinaus nach Völkermarkt, St. Veit oder sonst wohin, wo man uns freundlich aufnahm und bewirtete. War doch der »Geigenfranzi« wie Papageno bekannt im ganzen Land. Auch im Winter unternahmen wir manchmal solche Fahrten. Wie herrlich glitt der Schlitten über den silbernen sonnbeglänzten Schnee, wie glitzerten die Bäume im Reinfrost! Die Schönheit des Winters habe ich erst in Kärnten kennengelernt. In großen Städten hat man keine Ahnung davon. Wo wir hinkamen, erwartete uns ein bequemes Fremdenzimmer; wir brauchten uns die Freude am Musizieren nicht durch den Gedanken an eine nächtliche Heimfahrt stören zu lassen. Erst am anderen Morgen fuhr unser offenes Wägelchen wieder vor. Es brachte uns leider direkt ans Tor unseres Zwing-Uri. Immerhin – den Sonntag wenigstens hat man uns nicht nehmen können.

Es konnte nicht ausbleiben, daß ich immer mehr in die Strömung der Geselligkeit geriet; bildeten doch alle besseren Häuser der Stadt gleichsam eine Familie. Ungefähr denselben Gästen, die man in einem Salon fand, begegnete man auch in den andern. Das gab dem Verkehr etwas Unbefangenes, Gemütliches, das wohltuend von dem steifen, kalten Luxus großstädtischer Soiréen abstach. Zweier interessanter Erscheinungen, die ich bei den befreundeten Familien häufig traf, muß ich da gedenken. Die eine war eine historische Berühmtheit: der ungarische Insurgentengeneral Arthur von Görgei. Er war nach der Waffenstreckung bei Világos nach Klagenfurt interniert worden. Ich erinnere mich noch aus meiner Prager Studentenzeit, Görgei als jungen Mann gesehen zu haben, als er bei Professor Redtenbacher Chemie studierte. Man erzählte sich in Prag von seiner Heirat folgende Geschichte, deren Wahrheit ich freilich nicht verbürgen kann. Görgei hielt in einem vornehmen Bürgerhause um die Hand der einzigen Tochter an. Er bekommt von ihr einen Korb. Ohne ein Wort zu verlieren, geht er in das anstoßende Zimmer zu der Gouvernante, macht ihr einen Antrag und heiratet sie. Er war ein Mann der raschen, kaltblütigen Entschlüsse. Diese Heirat »par dépit« scheint übrigens besser ausgefallen zu sein, als sie es verdiente; ich habe Görgei in Klagenfurt stets im besten Einvernehmen[114] mit seiner Frau und seinem anmutigen Töchterlein Bertha gesehen. Der politische Sturm des Jahres 48 führte Görgei, den ehemaligen Leutenant, rasch von Prag hinweg in seine ungarische Heimat, wo er sich bekanntlich als General nicht bloß durch beispiellosen persönlichen Mut, sondern auch durch eminentes, strategisches Talent ausgezeichnet hat. Weshalb er vor den Russen bei Világos die Waffen gestreckt? »Weil ich,« antwortete er mir, »mit mathematischer Gewißheit erkannte, daß wir in regelrechtem Kampf uns nicht länger hätten halten können. Als Guerillabanden durchs Land streifen, – das wollte ich nicht! Den Russen aber, nicht den nach unserem Blut lechzenden Österreichern, ergab ich mich, weil ich von jenen mit Sicherheit eine mildere Behandlung der Insurrektionsarmee erwarten durfte.« Daß er allein begnadigt, die übrigen Führer hingegen in Arad durch Henkershand sterben würden, das habe er nicht geahnt, und das allein brannte als nimmer heilende Wunde auf seiner Seele.

Görgei ging nicht müßig, er suchte praktische Tätigkeit und fand sie. Der Soldat war untergegangen, nun tauchte wieder der Chemiker an die Oberfläche. Wo es ein Fabriketablissement einzurichten oder zu verbessern gab, suchte man Görgeis Rat und Mitwirkung. In der berühmten Moroschen Tuchfabrik zu Viktring wirkte er unermüdlich; er galt fast für einen Beamten dieser Firma. Die ganze Haltung Görgeis in Klagenfurt erregte meine aufrichtige Bewunderung, verstand ich doch die Größe seines resignierten Wesens besser als seine militärischen Heldentaten. Vom Gipfel des Ruhmes und der Tätigkeit sich plötzlich herabgestürzt zu sehen in das Dunkel ewiger Vergessenheit, ein Dunkel, das nur zeitweilig die Blitze der Verleumdung erhellten, – das ist ein Schicksal, welches doch nur eine große Seele mit Würde zu tragen vermag. Unbefangen, ruhig, ohne Klage oder leidenschaftlichen Vorwurf, fern von jeder weltschmerzlichen Miene oder Märtyrerpose benahm sich Görgei, wie wenn er nie etwas anderes gewesen wäre als Chemiker in einer Fabrik. Energischer Wille und unbestechlicher kalter Verstand schienen mir die vorherrschenden Elemente seines Charakters. Der Adel ritterlicher Haltung war ihm verblieben bei aller Bemühung, ein Philister unter Philistern zu scheinen. Zeitweilig verriet immerhin ein sarkastisches Wort, eine ironische Anspielung, daß er kein frommes Lämmchen sei und scharfe Zähne habe. Es war keine sentimentale Ader in ihm. In allen gebildeten, politisch unabhängigen Familien[115] der Stadt hieß man Görgei willkommen; der Salon des Statthalters war vielleicht der einzige, der selbstverständlich ihm verschlossen blieb. Ich begegnete Görgei zuerst in dem trauten »Stöckel« (– so heißt hier jedes einstöckige Wohnhaus –) des Barons Theophil von Ankershofen, mit dessen liebenswürdiger Familie ich gern und häufig verkehrte. Dort habe ich die authentische Vortragsweise des Rakoczymarsches von Görgei gelernt. Er ließ sich das Stück von mir vorspielen, das ich in ziemlich raschem Marschtempo, aber streng im Takt vortrug; Görgei zeigte mir, halb singend, halb pfeifend, wie die Zigeuner den Rakoczymarsch spielen, rhapsodisch, leidenschaftlich, wechselnd im Takt und Tempo. Wenn er nicht praktisch beschäftigt war, las er unermüdlich, arbeitete rastlos an seiner geistigen Fortbildung. Je weniger er aus sich machte, desto sicherer war ich, einen bedeutenden Mann vor mir zu haben. Görgeis Waffentaten kann irgendein beherztes Glückskind ihm vielleicht nachtun; sein bürgerliches Heldentum im Unglück schwerlich.

Ein Ordensgeistlicher ist in der »guten Gesellschaft« beinahe ebenso auffallend wie ein Insurgentenchef. Pater Vincenz Rizzi, ein aufgeweckter Kopf und lebhafter poetischer Geist, war eine solche Erscheinung. Im Priesterstande fand er ebensowenig Befriedigung wie Ruckgaber im Landesgericht oder ich im Fiskalamt. Es war ihm gelungen, einen mit seinem Stande verträglichen Seitenweg aufzufinden: er redigierte das belletristische Beiblatt der Klagenfurter Zeitung »Carinthia«, das er mit manchen hübschen kleinen Erzählungen und lyrischen Gedichten schmückte. Ästhetische Studien und eigene literarische Tätigkeit halfen ihm über den Zwiespalt in seinem Innern hinweg. Ein anregender, warmherziger Mensch, mit dem ich mich recht innig befreundete. Trotz seines lebhaften Temperaments und liebebedürftigen Herzens hat Rizzi niemals ein zärtliches Verhältnis gehabt: »Ich war stets in die Geliebten meiner Freunde verliebt,« schrieb er mir einmal, »mich könnte kein Mädchen, keine Frau begeistern, die nicht ernstlich liebt.« Eines seiner kleinen Gedichte lautete:


Ließe mir einst Gott zum Sterben

Stunde ganz nach Willkür frei,

Wünscht' ich, daß es eben Frühling

Und ein schöner Morgen sei.

Und die Vöglein müßten singen[116]

In dem frühen Morgenschein,

Und da nickt' ich still und friedlich

In den ew'gen Schlummer ein.


Sein Wunsch ging – nur zu früh! – in Erfüllung. An einem schönen Frühlingsmorgen 1856 tat Rizzi in noch jugendlichem Mannesalter den letzten Atemzug.

Neben diesem bescheidenen geistlichen Poeten besaß Klagenfurt noch einen eigentlichen Schriftsteller und Dichter von Fach, einen einzigen: Adolf Ritter von Tschabuschnigg. Unter den vormärzlichen Poeten und Novellisten Österreichs zählte er zu den bekanntesten und begabtesten. Ich kannte Gedichte und Novellen von ihm, die er, nach damaliger Sitte, meistens in Almanachen veröffentlicht hatte. Seine Bekanntschaft zu machen war mir in dieser kleinen, ganz unliterarischen Stadt natürlich sehr erwünscht, wenn mir Tschabuschnigg auch Unrecht tat mit der Behauptung, mir fange der Mensch eigentlich erst beim Schriftsteller an. Das Gegenteil zeigte sich nur zu bald, denn mit niemandem pflog ich geringeren Verkehr als gerade mit ihm, dessen eitles und sarkastisches Wesen mich bald unsympathisch berührte. Daß mein instinktives Mißtrauen in seine Aufrichtigkeit begründet war, erfuhr ich gelegentlich meiner Abreise nach Wien auf komische Weise. Er hatte mir eine Empfehlung an seinen Schwager, einen belletristischen Hofsekretär im Unterrichtsministerium, mitgegeben. Ich öffnete den Brief und las folgende Zeilen: »Herr Dr. Hanslick, Aushülfsreferent im Fiskalamt, wünscht Deine Bekanntschaft zu machen. Eh bien, le voilà. Besondere Liebenswürdigkeit nicht nötig.« Punktum. Ich habe es vorgezogen, mir den Brief zum Andenken aufzuheben, anstatt ihn abzugeben. Der geistreiche Verfasser der »Ironie des Lebens« wird aber schwerlich vermutet haben, daß die »Ironie« sich auch einmal gegen ihn selbst wenden und ein unbedeutender »Aushülfsreferent« klüger sein könne als er.

Ein willkommenes, schmuckes Element der Klagenfurter Gesellschaftskreise bildeten die Offiziere des kärntnischen Landesregiments Prochaska. Junge, hübsche Leute, die den italienischen Feldzug unter Radetzky mitgemacht, also auch ein Stück Welt und den Ernst ihres Berufes kennengelernt hatten. Das verlieh ihnen ein männliches und zugleich bescheidenes Auftreten, im Gegensatz zu so vielen jungen Offizieren der vormärzlichen langen[117] Friedenszeit, die ja in der Armee weniger Helden als eitle Salonjünglinge ausbrüten konnte. Ich war wenig mit Militärs umgegangen, fühlte auch – genau wie mein Vater – geringe Sympathie für den Stand, als dessen Typus mir stets der prahlerische »miles gloriosus« des römischen Satirikers vorschwebte. Diese Empfindung konnte sich nach der Einnahme Wiens im Oktober 1848 nur verstärken; damals standen fast alle jungen Männer vom Zivil grollend den Offizieren gegenüber, die auch im Salon und Ballsaal ein übermütiges Siegerbewußtsein zur Schau trugen. Mit den Offizieren in Klagenfurt war das etwas ganz anderes; sie benahmen sich durchaus bescheiden und liebenswürdig. Die Musikliebe des einen und andern, welcher die lebhafteste Freude an meinem Klavierspiel verriet, machte mich bald mit allen bekannt und befreundet. Wir trafen uns bei den bekannten Familien, auch häufig nachmittags in demselben Kaffeegarten oder auf der Schwimmschule am Wörthersee, welcher damals noch nicht durch Eisenbahn oder Dampfschiff mit der Stadt verbunden war. Ich stand fast mit allen auf Du und Du. Mittags am Offizierstisch im »Kaiser von Österreich« war ich regelmäßig der einzige Schwarzrock unter den weißen Waffenröcken. Eines Tages kam der Banus von Kroatien, Jellacic, auf der Durchreise in den Speisesaal des Hotels; es freue ihn, äußerte er, auf mich deutend, daß hier das Militär so gut mit dem Zivil harmoniere. »Ja, Exzellenz,« lautete einstimmig die Antwort, »das ist aber auch der Einzige!« Der Verkehr mit den jungen Offizieren wirkte erfrischend auf mich. Was mich an ihnen anzog, möchte ich – im weitesten Sinne – das ästhetische Element nennen. Die frische Jugend, das sichere Auftreten, die anmutigen gesellschaftlichen Manieren, der hoffnungsfreudige leichte Sinn. Welcher Gegensatz zu meinen Kollegen! Man fühlte sich bedrückt und sorgenschwer, wenn man eine Stunde unter diesen verweilt hatte. Die Herren von der Justiz oder Verwaltung, sie waren gewiß sämtlich tüchtige Beamte, aber – mit Ausnahme Ruckgabers – nichts als Beamte; Beamte bis in den letzten Winkel ihrer Seele. Es stimmte doch zu trostlos, auch nach den Bürostunden nur von Akten und Verordnungen, von gehofften oder vereitelten Avancements reden zu hören. Etwas Unfrohes, Gedrücktes lastet meistens auf diesen sitzenden Wesen: die Sorge, Weib und Kind zu ernähren oder die Sorge, ja recht bald Weib und Kind zu bekommen. Unter meinen Offizieren wußte ich mich sicher vor all dieser Misere; von ihrem heiteren[118] Mut überströmte etwas in mein eigenes Gemüt. So floß nach dem ersten trüben und einsamen Jahr meines Klagenfurter Exils das zweite rascher und fröhlicher vorüber. Kleine Sonntagsausflüge in die herrliche Umgebung, Besuche bei Baron Herbert im Lavanttal, auf Schloß Freienthurn bei Rainer, in Victring bei Moros, im Rosental – Resi Rauscher hieß nicht umsonst die Rose des Rosentals – und anderen anmutigen Sommersitzen belebten die schöne Jahreszeit. Der Winter hatte seine gemütlichen und geselligen Abende mit Musik und Lektüre, auch Weihnachtsfreuden und Faschingsunterhaltungen.

Von letzteren muß ich eine der reizendsten und seltsamsten erwähnen, die ich erlebt habe. Ihr Schauplatz war – ein Nonnenkloster. Die Elisabethinerinnen in Klagenfurt, ein hochgeachteter, der Krankenpflege gewidmeter Orden, brachten ihre sonntäglichen Kirchenmusiken hauptsächlich durch die gefällige Mitwirkung von Dilettanten zustande; Freund Ruckgaber als Primgeiger an der Spitze. Eine musikalische Nonne des Klosters, Schwester Franziska, spielte die Orgel und war für diese Kirchenmusik, ihre einzige Freude, rastlos tätig. Sie bewog die Oberin, jenen Herren, welche regelmäßig aus Gefälligkeit ihr Kirchenorchester versahen, eine Art Revanche zu bieten und sie einmal im Jahr zu einem bescheidenen Souper zu laden. Dabei wurde auch ein bißchen musiziert und schließlich tanzten die Schwestern miteinander. Das sollte sich während meiner Anwesenheit im Fasching 1851 wiederholen. Ich hatte stets eine poetische Leidenschaft für Klosterromantik und war als siebenjähriger Knabe in Prag in eine Ursuliner-Nonne Hedwig, die wir mit unserer Lehrerin besuchten, verliebt. Der Name Hedwig hat zeitlebens einen verklärenden Weihrauchduft für mich behalten. »Du mußt mich mitnehmen, Ruckgaber, um jeden Preis!« Das Mittel war bald gefunden. Ruckgaber meldete im Kloster, daß für den Abend eigentlich ein Klavierspieler nötig sei, den er mitbringen werde. Schwester Franziska ließ ihr kleines Klavier aus ihrer Zelle hinabbringen ins Refektorium. Ein Nachtmahl wurde dort aufgetragen. Nur die Oberin, eine würdige alte Dame, saß an dem Tisch mit uns vier bis fünf Musikern und dem Beichtvater des Klosters; die Nonnen an einer größeren Tafel für sich. Die Laienschwestern bedienten geräuschlos. Es ging ziemlich stockend und feierlich her. Dann ließ ich einen Straußschen Walzer ertönen, zu welchem einige Nonnen allmählich zu tanzen begannen, eine auch mit dem langen[119] hageren Beichtvater. Das kann ich auch, dachte ich mir, und besser. Ich nötigte Ruckgaber ans Klavier und engagierte die jüngeren Nonnen, eine nach der anderen, zum Tanz. Zwei der hübschesten hatten goldene Krönchen auf dem Kopf als »heilige Bräute«, die nächstens Profeß ablegen sollten. Diese durften nicht tanzen. Die anderen aber taten es mit desto innigerer Freude. Ich hielt mich bald an einige Lieblingstänzerinnen, deren Gesicht sich erhellte, wenn ich sie mit »Fräulein« ansprach. Fräulein Philomela, Fräulein Angelika – die Nonnen haben alle so hübsche Namen! – tanzten mit niedergeschlagenen Augen, aber sichtlich gehoben von dem langentbehrten, unschuldigen Vergnügen. Außer dem langen Beichtvater, der sich einigemale gravitätisch herumdrehte, war ich der einzige Tänzer. Ich arbeitete seelenvergnügt im Schweiße meines Angesichts, denn meine guten Nonnen waren in ihren schweren Schuhen, ihrem groben Tuchhabit und ihrer geistlichen Schüchternheit nicht eben flink im Tanzen. Am andern Morgen, beim Aufstehen, wie taten mir da alle Glieder so himmlisch weh! Eines war mir doch sehr merkwürdig und erfreulich: die ernste Sittsamkeit, der tadellos gute Anstand, welchen die Nonnen, trotz der ganz ungewohnten vergnügten Aufregung, durchaus bewahrten. Nicht eine Miene, nicht eine Bewegung, welche die feinste Dame sich hätte vorwerfen können. Und doch sind alle diese Klosterfrauen aus niederem Stande, Töchter armer Bauern oder Handwerker, ohne jegliche Bildung! Was bewirkt wohl diese wunderbare Haltung, welche ihnen so natürlich saß und doch nicht angeboren war noch anerzogen? Ich glaube, es ist die Macht des Kleides.

So schweigsam wir Eingeladenen uns aus Dankbarkeit auch verhielten, die Kunde von dem improvisierten Klosterball verbreitete sich doch – wahrscheinlich mit etlichen Ausschmückungen – in der Stadt. Der Statthalter, neugierig gemacht, fragte mich darnach. »Ich will's Ihnen erzählen,« erwiderte ich, »aber Sie dürfen es dem Statthalter nicht weitersagen!« Er hat auch wirklich die Sache treulich ignoriert. Leider glaubte der Fürstbischof, dem Gott weiß was berichtet wurde, strenger sein zu müssen, und es ist seit jenem Faschingsabend kein Walzer mehr getanzt worden im Refektorium der ehrwürdigen Elisabethinerinnen. –

So gab's denn auch schöne Tage, heitere, durch Kunst und Freundschaft anregende Abende für mich in Klagenfurt. Unter dieser anmutigen Oberfläche arbeitete freilich rastlos die nagende[120] Unzufriedenheit mit meinem Beruf, das Verbannungsgefühl, der hoffnungslose Drang nach fruchtbarer Tätigkeit, die Sehnsucht nach Wien! Es nimmt aber alles sein Ende. Meine Freunde in Wien hatten es doch endlich durchgesetzt, daß ich zum Finanzministerium einberufen wurde. Die Osterwoche 1852 war die letzte, die ich in Klagenfurt verbrachte. Wenn man für immer einen Ort verlassen muß, in dem man, sei es auch wider Willen, heimisch geworden – da sieht man doch erst mit klaren Augen und fühlt es mit dankbarem Herzen, was man Gutes da genossen hat und anderswo nicht mehr wiederfinden wird. Die wohltätige Ruhe, die tägliche Erholung in freier Natur, der ungebundene herzliche Verkehr mit liebenswerten Familien, – lauter Dinge, auf die man in der Großstadt meistens verzichten muß! So fiel mir der Abschied doch schwerer, als ich gedacht. Aber sobald die ersten Meilensteine vorüber waren, regte sich doch wieder in mir das Gefühl frohen Daseins, der Triumph, einer unwürdigen Amtstyrannei entronnen und meinen geistigen Bestrebungen halb und halb zurückgegeben zu sein.

Quelle:
Hanslick, Eduard: Aus meinem Leben. Kassel, Basel 1987, S. 102-121.
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