Der Maler Moritz Oppenheim.

[119] »Auch der bekannte Maler Moritz Oppenheim, aus Italien als Jünger Overbeck's und dessen Schule zurückgekehrt, kam nach Weimar, um Goethe Compositionen über Hermann und Dorothea vorzulegen, welche dieser sehr freundlich aufnahm und dem Künstler den Professortitel verleihen ließ. Der herzensgute, geistreiche, heitere Mann nahm mich schnell für sich ein und wir verlebten trauliche Stunden zusammen. Er ist der einzige meiner Freunde aus jener Zeit, der noch heute als beweglicher jugendlicher Siebenziger mit Glück und Geschick seiner Kunst lebt, und die begeisterungsvollen Anfänge unserer Verbindung haben nicht wenig dazu beigetragen, derselben durch die langen Jahre eine heitere Innigkeit zu bewahren.«

So schrieb ich vor einigen Jahren in einer Darstellung meiner Weimarer Lehrzeit. Jetzt ist auch er dahin. Nach vollendetem 82. Lebensjahre ereilte ihn plötzlich der Tod. Er war in heiterster Laune von einem Spazirgange heimgekehrt, nicht ahnend, daß er so bald dort einkehren sollte, von wo keine Heimkehr gestattet ist.

Eine gewisse Ahnungslosigkeit war einer der Grundzüge seines[120] Charakters. Und da, seltsam genug, die von außen an uns herantretenden Ereignisse in einem verwandtschaftlichen Zusammenhang stehen mit unserem innersten Wesen, haben sich die zahlreichen Glücks- und Unglücksfälle seines Lebens sehr oft, so viel mir bekannt, in unerwartetster Weise eingestellt. Er nahm sie hin in gleich starker Empfänglichkeit – dabei aber bescheiden und entsagungsvoll.

Herzensgüte, ja, Herzensweichheit beherrschten sein Wesen; sie verliehen ihm die milde Duldsamkeit des Weisen. Ich erinnere mich nicht, scharfe oder gar bittere Worte über das Thun Anderer von ihm vernommen zu haben, und auch wenn er Anklagen vorbrachte, lag ein Ton der Theilnahme in seinen Ergüssen. Er hielt sich selbst für keinen starken Charakter und schien, wohl nicht mit Unrecht, unser ganzes Geschlecht nicht gerade für ein heroisches anzusehen. So nahm seine Rede leicht eine ironische Färbung an, was ihr sehr wohl anstand, um so mehr, als er weder des Einfalls noch des Ausdrucks ermangelte. Trotzdem wurde ihm Lob, überzeugungsvolles Lob auszusprechen sehr leicht, und selten wird man einen Künstler finden, der mit gleicher Wärme den Leistungen seiner Genossen Anerkennung zu zollen bereit wäre. Mit einer Art religiöser Pietät sprach er von solchen, die er bewunderte – und es waren nicht nur todte Meister, die er hochhielt.

Und er war heiter, so unverfälscht heiter, daß man ihm nicht begegnen konnte, ohne von seiner guten Laune ergriffen zu werden. Der Hauptsache nach verkehrte ich in demselben Tone mit ihm von meinem fünfzehnten Lebensjahre an bis zu meinem siebenzigsten, wo ich ihn zuletzt sah. Nicht als ob wir nicht gar manches Ernste, ja, Traurige zu besprechen gehabt hätten – aber auch dies erschien durch seine Weise leise abgedämpft, wo hingegen die kleinen Dinge des gewöhnlichen Lebens ein fast festliches Aussehen gewannen, wie grüne Laubzweige, wenn man sie zu Kränzen flicht. Mutatis mutandis – erinnert er mich, wenn ich sein Bild zusammenfasse, fast an Lessing's Nathan, um so mehr, als sein Judenthum eine große Rolle in seiner Existenz spielte. In einem eigenthümlichen Verhältniß stand er zu diesem – es war ihm weniger ein Glaube, eine Religion,[121] als eine Heimat. In strenger jüdischer Frömmigkeit, wie man das zu nennen pflegt, war er in seiner Vaterstadt Hanau aufgewachsen – aber er hatte doch schon an der dortigen Akademie unter Dr. Westermayer seine künstlerischen Studien begonnen, kam sehr jung nach München, Paris und – Rom, wo er in dem hohen Kreise, der sich dort durch Männer wie Niebuhr, Thorwaldsen, Overbeck, Schnorr v. Carolsfeld und Gleichgesinnte gebildet hatte, die freundlichste, ermunterndste Aufnahme fand. Was konnte solchen Persönlichkeiten gegenüber sein Judenthum bedeuten? Durch sein ganzes Leben gedachte er derselben und ihrer Güte gegen ihn mit rührender Dankbarkeit und Verehrung – für Overbeck schwärmte er und Thorwaldsen, der sich bekanntlich in edelmüthiger Weise seiner angenommen, wendete er seine volle Liebe zu. Doch den Bekehrungsversuchen, die Einer oder der Andere, namentlich Christian Brentano, mit ihm anstellten, widerstand er um so leichter, als es sein Herz, nicht sein Verstand war, das ihm die Waffe zum Kampfe lieh. Inmitten der Herrlichkeiten Roms zog es ihn oft nach dem Ghetto, um dort ein einfaches jüdisches Mahl einzunehmen – und ich glaube, daß ihm die Heilighaltung des Versöhnungstages durch's ganze Leben ein Bedürfniß blieb. Ruht doch die größte Stärke einer Confession darin, daß ihre Wurzeln dem kindlichen Gemüthe eingepflanzt werden – wo auch kein schattengebender Baum daraus erwächst, die Wurzeln verdorren nicht und leicht entsprießt ihnen etwas Buschwerk.

So waren es denn auch Bilder aus dem Judenthum, die den Grund zu seinem Rufe legten und die im Alter seinem Namen eine weit verbreitete Popularität verliehen. Lebhaft steht mir das große Gemälde vor Augen, welches er nach seiner Rückkehr aus Italien in seinem Atelier in Frankfurt ausgestellt hatte – es stellte David, vor Saul die Harfe spielend, dar und zog durch längere Zeit Scharen von bewundernden Beschauern aus den verschiedenartigsten Welten heran. Wohl war es die gemüthliche Enge des Frankfurter Familienlebens, die zur Folge hatte, daß er in seinen spätern Arbeiten das römische Format aufgab und kleine Dimensionen vorzog. Wenn die Compositionen dann weniger hoch und breit wurden, ihre tiefe Gemüthlichkeit[122] verlieh ihnen einen ganz besondern Reiz. Man gedenke nach Allem und vor Allem der zahlreichen, durch die Photographie vervielfachten Darstellungen aus dem religiösen Familienleben seiner Glaubensgenossen. Wahrlich, sie könnten fast eine Parallele bilden zu Auerbach's Dorfgeschichten – gleich jenen sind sie Früchte frühester sich poetisirender Jugendeindrücke. Und sie werden in nicht weiter Ferne einen eigenthümlichen historischen Werth erlangen – für den bei Weitem größten Theil des Publicums haben sie einen solchen schon jetzt.

Auch inmitten der zahlreichen, den verschiedenartigsten Gebieten des Lebens und der Dichtung zu entnehmenden Stoffe wußte er solche zu finden, deren Gestalten den Neigungen seines Herzens nahe standen. So malte er den Philosophen Mendelssohn in Audienz bei Friedrich dem Großen und später dessen glücklichen Enkel, Goethe vorspielend. Und daß ihm bei der Anfertigung der Kaiserbilder für den Römer dasjenige Joseph's des Zweiten zufiel, war sicherlich kein Zufall. Schwerlich stand irgend einer der andern Maler irgend einem der andern Kaiser mit so warmer Verehrung gegenüber, als Oppenheim diesem, zwar nicht größten, aber humansten der langen Reihe.

Er mochte noch so schöne Erfolge haben, seine Bescheidenheit blieb sich stets gleich. Nicht um sich zu glorificiren, nein, fast um sein andauerndes Arbeiten zu entschuldigen, sprach er hin und wieder von der freundlichen Aufnahme seiner Werke. Ohne falsches Pathos gedachte er bewundernd des Großen, was Große geleistet, und seine künstlerische Demuth zu beschwichtigen, meinte er, es müsse halt Jeder in seiner Weise versuchen, wie weit er es bringen könne – eine Anschauung, die, so natürlich und verständig sie ist, doch sehr selten zu Tage tritt.

Eine meiner heitersten Jugenderinnerungen knüpft sich an eine Zeit, während welcher ich andauernd mit ihm verkehrte. Es war im Sommer 1828 vor meiner Abreise nach Paris. Im Herbst sollte er die Geliebte seiner Jugend als Gattin heimführen und hatte schon die künftige Familienwohnung (auf der Hanauer Chaussee) gemiethet und bezogen. Auf seinen Wunsch erlaubten mir die Eltern, zu ihm hinauszuziehen, und wir wirthschafteten ein paar Monate[123] gemeinschaftlich. In zwei neben einander liegenden Zimmern wurde nun componirt – häufige gegenseitige Besuche belebten die Nachbarschaft und erfrischten uns in unserer recht ernsten Arbeit. Eine befreundete Familie mit wunderschönen liebenswürdigen Töchtern bewohnte einen andern Theil der Wohnung, zu welcher auch ein kleiner Garten gehörte. Oppenheim arbeitete an seinen Illustrationen zu »Hermann und Dorothea« – ich schwärmte, sechszehnjährig, im Jean Paul und suchte in einem Clavierquartett den Eindrücken, die ich im »Titan« empfing, musicalische Gestalt zu geben. Wir führten eigene Haushaltung, d.h. wir brauten unsern Morgenkaffee eigenhändig. Der Himmel weiß, welch ein Getränk wir zu Stande brachten. Ehe wir jedoch an diese Manipulation gingen, wiederholten wir mit jenem Eigensinn, welcher der fortgesetzten Wiederholung einer Albernheit zuletzt einen Schein von Humor verleiht, folgende That. Einer von uns sagte: »vor Allem müssen wir uns der dem Volk zeigen« – der Andere schloß das Fenster weit auf. Wir stellten uns neben einander hin, sahen hinaus und wurden selbstverständlich auch nicht von der geringsten Milchfrau beachtet – mit stolzem Gange zogen wir dann an den Frühstückstisch. Das herrlichste Wetter begünstigte auch mehrere Wochen diese Arbeitseintheilung, bis dann der nie ausbleibende kühle Regen uns den Geschmack daran gründlich verdarb. Lächeln muß ich heute noch, wenn ich daran denke. Indeß – wir haben uns seitdem oftmals dem Volke gezeigt und sind glücklicherweise nicht immer so gänzlich unbeachtet geblieben wie damals.

Was Oppenheim den Seinigen gewesen, mag man aus diesen Zeilen ermessen, wenn es auch meine Aufgabe nicht sein darf, hier davon zu sprechen. Und doch gelten sie vor Allem den Hinterbliebenen. Möchten sie dieselben freundlich aufnehmen als ein Zeichen treuer Freundschaft für den, dessen Liebe ihr Glück, dessen Wirken ihr Stolz war und – bleiben wird.

Quelle:
Hiller, Ferdinand: Erinnerungsblätter. Köln 1884, S. 119-124.
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