Als Zugang.

[19] Nachdem wir im Landgerichtshofe dem Wagen entstiegen und die Stufen hinauf durch ein zweites Tor in eine weite, geräumige Halle gekommen waren, wurden wir Frauen von dem einen Polizisten bedeutet, ihm zu folgen, während der andere mit den Männern nach der entgegengesetzten Richtung abzog.

Unser Führer geleitete uns die Halle entlang, wo rechts im Hintergrunde eine große eisenbeschlagene Türe durch den mitanwesenden Gefängnisbeamten, der ein großes Schlüsselbund trug, vor uns geöffnet wurde. Darauf ging es weiter durch einen langen Gang, auf dessen Steinfliesen die Schritte der beiden begleitenden Männer dröhnend nachhallten, bis wir abermals vor einer wohl verwahrten Türe anhielten. Die Schlüssel rasselten. Die Türe tat sich auf.

»Zugang!« schrie der Gefängnisbeamte mit Stentorstimme in den Gang hinein.[19]

Darauf ließ er zuerst die Gefangenen eintreten. Der Polizeibeamte folgte, und hinter ihm verschloß jener die Tür. Seine Mission war mit der Meldung beendet.

Der Gendarm ging mit uns den Gang entlang, dessen Steinfußboden mit Läufern bedeckt war, die die Schritte dämpften. In der Mitte des Ganges führte eine eiserne Treppe in die oberen Stockwerke. Auf den untersten Stufen dieser Treppe erschienen soeben zwei Frauengestalten, die jedenfalls durch den Anruf des Schließers aufmerksam geworden waren und nun an einen Tisch traten, der an dem einen Fenster des Ganges stand, und dem uns der Polizeibeamte jetzt zuführte.

Die beiden Frauen, von denen die eine schon älter, die andere in mittleren Jahren war, hätte man ihrer Kleidung nach eher für Krankenwärterinnen halten können. Über einfacher dunkler Gewandung trugen sie große, breite, weiße Schürzen, was unwillkürlich den Eindruck des Aufwartenden hervorrufen muß, so daß es tatsächlich vorgekommen ist, daß unerfahrene Untersuchungsgefangene diese ihre Vorgegesetzten für eine Art Bedienung ansehen konnten. Mir kennzeichneten sie sich natürlich sofort als Gefängnisbeamtinnen, wenn nicht schon durch das Schlüsselbund am Gürtel, so durch die Art und Weise, wie der Polizeibeamte mit ihnen verkehrte.[20]

Der älteren Beamtin, wie ich später erfuhr, war es die Oberaufseherin, überreichte der Wachtmeister nun unsere Personalakten. Er fügte noch ein paar kurz erklärende Worte hinzu und entfernte sich dann, vor den Aufseherinnen militärisch salutierend.

Nach seinem Weggange begann die Aufnahme. Da meine beiden Gefährtinnen vor mir an die Reihe kamen, so blieb mir hinreichend Zeit und Muße, alles zu beobachten. Zunächst die Persönlichkeiten meiner Mitgefangenen, die ungefähr im gleichen Alter, anfangs der Dreißig stehen konnten. Beide machten durchaus keinen ungünstigen Eindruck. Man hätte ihnen nichts Schlimmes zutrauen können. Die Tränenreiche, die sich inzwischen leidlich beruhigt zu haben schien, wurde zuerst vorgenommen. In kurzem, strengem Gebietertone stellte die Oberaufseherin ihre Frage nach Alter, Herkunft und Eigentumsgegenständen. Sie notierte alles in ein Buch und ließ die Gefangene unterschreiben, worauf diese sogleich von der Aufseherin nach dem Hintergrunde des Ganges abgeführt wurde. Ich habe sie weder wiedergesehen, noch irgend etwas über ihr Schicksal erfahren. Der anderen dagegen bin ich in den letzten Monaten meiner Untersuchungshaft mehrfach begegnet. Sie hatte ein kleines Eigentumsvergehen zu sühnen und verbüßte die wenigen Monate ihrer Strafzeit im Untersuchungsgefängnis. Da sie in häuslichen Arbeiten[21] tüchtig war und sich gut führte, war ihr später der Posten einer sogenannten »Ältesten« übertragen worden.

Als auch diese Leidensgenossin von der inzwischen zurückgekehrten Aufseherin abgeführt worden war, wendete sich die Oberaufseherin mir zu. Wenn ich im stillen, ohne es mir selbst einzugestehen, gehofft hatte, man würde mich als ältere gebildete Person etwas rücksichtsvoller behandeln, so sah ich mich gründlich getäuscht. Im Gegenteil verfuhr die Oberaufseherin mit mir womöglich noch strenger und barscher als mit meinen Vorgängerinnen. Sie schien mir sogar eine förmliche Abneigung entgegenzubringen, für die ich noch heute vergeblich nach einer Erklärung suche. Vielleicht beruhte diese Abneigung auf einem mir allerdings ebensowenig erklärlichen Irrtum. Die Beamtin behauptete – und merkwürdigerweise nicht nur bei der Aufnahme, sondern auch später wiederholt, ich müsse schon einmal hier gewesen sein.

So begannen auch die Schikanen gleich damit, daß meine Brille, die ich vor dem Transport zurückerhalten hatte, mir wieder abgenommen wurde, obgleich ich nur mit ihrer Hilfe zu unterschreiben vermochte. Wahrscheinlich schenkte die Oberaufseherin meinen Versicherungen, daß ich ohne Brille weder schreiben, noch sonst irgend etwas arbeiten könne, keinen Glauben.[22]

Die Aufseherin führte nun auch mich nach dem hinteren Teil des Ganges, wo die Gefangenenzellen lagen, deren Türen mit Nummerbezeichnungen versehen waren.

Bevor sie mich aber einer Kollegin übergab, fragte die humane Beamtin, ob ich etwas Brot haben wolle. Vielleicht hatte der Polizeibeamte etwas darüber gesagt, daß ich während der Tage, die ich im Polizeigewahrsam verbrachte, nicht die geringste Nahrung zu mir genommen. Trotzdem wollte ich auch jetzt nichts genießen.

»Ich danke sehr, verehrte Dame!« entgegnete ich höflich ablehnend. »Wenn ich aber um etwas Wasser bitten dürfte?«

Ich wußte nicht, wie ich die Beamtin anreden sollte. War die vor mir stehende Aufseherin unverheiratet, so hätte ich geglaubt, sie zu beleidigen, wenn ich sie mit »Frau« ansprach. Später erst sollte ich die Erfahrung machen, daß auch die jüngste unverheiratete Beamtin ihren Stolz darein setzt, mit dem obligaten Titel »Frau Aufseherin« angesprochen zu werden.

»Geben Sie mal der Frau etwas Wasser!«

Mit diesem Befehl wandte sich die mich begleitende Vorgesetzte an eine jüngere weibliche Person, die soeben, ein Wischtuch in den Händen, vorüberging. Sie trug das Haar wie ich glatt gescheitelt[23] und war mit hellblau gestreiftem Leinenkittel nebst ebensolcher Jacke bekleidet, über die sie eine blauleinene Schürze gebunden hatte. Es war eine der »Ältesten«, wie ich in der Folgezeit erfuhr. Sie brachte mir das erbetene Wasser in einem weißen Steinguttopf, wie sie als Trinkbecher hier üblich waren.

Ich wurde nun einer anderen Aufseherin überantwortet, einer großen kräftigen Person, ebenfalls in mittleren Jahren, die ein ziemlich ernstes und strenges Aussehen zur Schau trug. Trotzdem empfing sie mich nicht unfreundlich, ist mir auch während der langen Zeit meiner Untersuchungshaft nie übelwollend begegnet. Überhaupt war sie in ihrem Wesen zwar ein wenig derb, jedoch keineswegs hart und teilnahmlos, oder auch nur so unnachsichtlich streng, wie man nach ihrem Äußeren annehmen konnte.

Sie schritt nun zur Visitation und rief zu diesem Zwecke jene junge Gefangene herbei, die mir vorhin das Wasser gereicht hatte und die, wie ich später erfuhr, den Posten einer »Badeältesten« einnahm. Ich mußte mich hierauf völlig entkleiden, und meine Sachen wurden einzeln, wie ich sie ablegte, von der Ältesten in Gegenwart der Aufseherin einer genauen Durchsicht unterzogen. Nachdem das geschehen war, und ich mich wieder angekleidet hatte, mußte ich mein[24] Haar auflösen. Nicht wissend, zu welchem Zwecke, folgte ich ein wenig verwundert dem erhaltenen Befehl, war aber äußerst betroffen, als sich nun die Älteste anschickte, meinen Kopf auf etwa vorhandene kleine Lebewesen zu untersuchen.

Im ersten Augenblick wußte ich nicht recht, ob ich diese, von der Altesten offensichtlich mit brutaler Genugtuung vorgenommene Prozedur lächerlich finden, oder mich darüber entrüsten sollte. Bald aber wurde ich durch das rohe Wesen dieser höchst unsympathischen Person zum Zorn gereizt.

»Was ist denn das?« fragte sie mit impertinentem Lächeln auf die Kopfschuppen deutend, deren Neubildung ich trotz peinlichster Sauberkeit nie völlig verhindern konnte.

»Läuse sind es entschieden nicht!« rief ich aufs tiefste empört, mehr noch durch die unverschämt herausfordernden Blicke, die das gemeine Geschöpf nach der Aufseherin richtete, als erwarte sie, daß mir von dieser eine noch härtere Demütigung zuteil werden solle.

Aber sie hatte sich getäuscht. Der mir im Zorn entschlüpfte Ausruf schien die Beamtin aus der stumpfen Gleichgültigkeit zu erwecken, mit der jahrelange Gewöhnung sie dem widerlichen Akt zuschauen ließ.

»Machen Sie, daß Sie fertig werden!« fuhr[25] sie die unausstehliche Person an. »Die wird kein Ungeziefer haben,« setzte sie in ihrer derben Weise hinzu.

Das wirkte.

Die Aelteste ließ sofort von mir ab. Ich durfte mein Haar wieder ordnen und wurde nun von der Aufseherin in der leeren Zelle, in welcher die Visitation stattgefunden hatte, einstweilen eingeschlossen.

Obgleich ich zum ersten Male in meinem Leben das Innere einer Gefängniszelle zu sehen bekam, so waren doch meine Gedanken augenblicklich noch viel zu sehr benommen von all den Schrecknissen, die in so kurzer Zeit auf mich einstürmten, mich aus dem ruhigen Gleichmaß der früheren Tage herausreißend, als daß ich zunächst meiner Umgebung und dem Orte, an dem ich mich befand, besondere Aufmerksamkeit schenken konnte. Man ließ mir auch dazu garnicht Zeit, denn ich hörte alsbald wieder den Schlüssel im Schlosse rasseln, ein Geräusch, das mir binnen kurzem etwas ganz alltägliches werden sollte, jetzt aber noch immer unwillkürlich ein Gefühl des Erschreckens bei mir hervorrief.

Die Türe öffnete sich, und in ihr erschien eine Aufseherin, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Im Gegensatz zu der vorigen war sie ein kleines zierliches Figürchen, und so verschieden wie ihre Gestalt war auch ihr Wesen. Sie schien kurzsichtig zu[26] sein, denn sie trug stets eine goldene Brille, durch die sie den neuen Ankömmling – »Zugang« heißt die reglementmäßige Bezeichnung – jetzt mit prüfenden Blicken betrachtete.

»Kommen Sie einmal mit!« forderte sie mich mit einer ganz seinen Stimme auf, deren Tonfall so wie ihr Benehmen die gebildete Frau verriet.

Trotzdem sollte mir gerade durch sie alsbald eine sehr unangenehme Szene bereitet werden.

Ich wurde nun eine Treppe hinab in das Kellergeschoß geführt. Durch einen langen, etwas düsteren Gang ging es in einen abgegrenzten Baderaum, deren mehrere sich nebeneinander befanden. Jeder dieser Baderäume, die durch hohe Rollschutzwände getrennt und in einzelne Badezellen abgeteilt waren, enthielt ein ziemlich geräumiges Steinbassin, zu dem ein paar Stufen hinabführten. Hier hantierte wieder die Badeälteste, die mich ietzt anwies, was mir zu tun obliege.

»Hier is Seefe,« erklärte sie, auf einen Topf mit Schmierseife zeigend. »Hier den Waschlappen nehmen Se, und dort is en Handtuch. – Die Haare müssen se offmachen,« belehrte sie mich weiter und konnte sich nicht versagen. bevor sie wegging, impertinent hinzuzufügen: »Waschen Se sich aber den Kopf recht tüchtig mit Seefe!«

Ich würdigte die unverschämte Person, von der[27] ich damals noch nicht wußte, ob und aus welchem Grunde sie zu solch brutalem Betragen gegen eine ältere, bisher vollkommen unbescholtene Frau berechtigt sei, keines Wortes, sondern wandte mich von ihr ab meiner augenblicklichen Beschäftigung zu.

Während aber die Aufseherin dezent hinter der Rollwand verharrte, schaute die Aelteste immer wieder herein, um sich zu überzeugen, ob ich fertig sei. Als ich dem Bade entstiegen war und mich abgetrocknet hatte, sah ich mich vergebens nach meinen Sachen um, die die Aelteste soeben zusammenpackte und hinwegtrug. Ganz verdutzt sah ich ihr nach, unschlüssig was nun werden sollte. Aber im selben Augenblick erschien sie wieder, ein Bündel Sachen im Arm, die sie vor mich hinlegte.

»Hier das Hemde ziehen Se an und die Strümpe,« sagte sie, mir ein grobleinenes Hemd mit der Bezeichnung G. A. D. (Gefangenanstalt zu D.) und ein paar Strümpfe aus grober grauer Wolle überreichend.

Mechanisch, wie halb im Traum streifte ich das Hemd über, weil ich doch füglich nicht so stehen bleiben konnte. – Was blieb mir also anders übrig? – Aber was sollte das alles bedeuten? –

»Und meine Hosen?« fragte ich unsicher, starr vor Staunen und Schrecken.[28]

»Die könn'n se jetzt nich kriegen,« war die Antwort. »Wenn's bunte wären, die könnten Se behalten. Aber weil's weiße sind, die müssen gewaschen werden.«

»Sonderbare Logik!« dachte ich im stillen. »Als ob nur weiße Wäsche gewaschen zu werden brauchte!« –

Zu der Aeltesten sagte ich jedoch nichts, sondern beschloß, eine der Aufseherinnen zu befragen. Aber die unangenehmen Ueberraschungen sollten damit nicht zu Ende sein. Noch stand ich unschlüssig, den blaugestreiften Leinenkittel betrachtend, den mir nebst gleicher Jacke die Aelteste gebracht hatte, als die Aufseherin wieder hereinkam. Sie sah aber jetzt garnicht so sein und vornehm aus, schien vielmehr sehr übler Laune zu sein.

»Sind Sie denn noch nicht fertig?« fuhr sie mich an. »Rasch! ziehen Sie die Sachen an, damit wir fertig werden! Es ist noch mehr zu tun.«

Ganz erstarrt ob all des ungeahnten Neuen, das ich nicht zu fassen vermochte, stand ich und wollte eben den Mund öffnen, um zu fragen, warum ich diese Sachen anziehen solle. Aber ich verstummte vor dem rätselhaft unruhigen Wesen der erst so vornehm erscheinenden Beamtin.

»Helfen Sie ihr!« befahl sie der Aeltesten. »Sonst werden wir ja nie fertig.«[29]

Endlich war ich mit Hilfe der Aeltesten in Jacke und Kittel geschlüpft. Es könne ja doch nur vorübergehend sein, tröstete ich mich. Man könne mich doch unmöglich als Untersuchungsgefangene einkleiden, in Sträflingssachen stecken wollen, so meinte ich. Dabei war ich mir in meiner gänzlichen Unerfahrenheit noch nicht einmal klar darüber, ob ich augenblicklich wirklich Sträflingskleider trug, ob die um mich beschäftigte Frauensperson, die ebenso gekleidet ging, gleichfalls eine Gefangene sei. Später erst sollte ich darüber aufgeklärt werden.

Vorläufig ließ man mir keine Zeit zu irgendwelcher Orientierung, denn die Aufseherin trat sofort wieder herzu. Ich mußte mich auf die Bank im Baderaum setzen, worauf die Vorgesetzte eigenhändig meinen Kopf nochmals genau zu untersuchen begann.

»Sie werden doch nichts finden,« konnte ich mich nicht enthalten zu äußern, weil sie gar so pedantisch verfuhr.

»Das kann ich noch nicht wissen. Wir wollen es hoffen,« entgegnete sie abweisend.

Hatte sie mein Einwand geärgert, oder wollte sie die unnütz verlorene Zeit nun um so rascher wieder einbringen, ich konnte mich, nachdem sie fertig war, nicht genug beeilen, mein Haar wieder in Ordnung zu bringen. Fortwährend trieb sie mich unwillig an, und ihr Eifer wuchs ins unheimliche,[30] als plötzlich die andere Aufseherin am Eingange des Baderaumes erschien, ihr geschäftig etwas zuflüsternd. Nun geriet die ohnehin Erregte vollends außer sich.

»Sie soll vorgeführt werden? – gleich jetzt? –« wiederholte sie in ängstlich fragendem Tone. »Sie ist noch nicht fertig.«

»Nun da wartet er eben ein bißchen,« meinte die andere phlegmatisch.

Als sie aber bemerkte, wie ihre Kollegin immer ängstlicher wurde und dabei immer heftiger gegen mich auftrat, da ging sie nach der Treppe zu und rief noch eine zweite Aelteste zur Hilfe herbei.

Diese, eine schon etwas ältere Person, griff mit geschickteren, wohl auch mit willigeren Händen zu, jedoch die gänzlich verwirrten Haare ließen sich nicht so rasch bändigen. Die Aufseherin schien wie auf Kohlen zu stehen.

»So halten Sie sich doch dazu! Sie könnten längst fertig sein!« herrschte sie mich an.

»Ich beeile mich soviel ich kann. Es geht nicht schneller,« versicherte ich.

»Es muß gehen! Man wird es Ihnen schon beibringen!« brauste sie zornig auf. Sie hatte ihre vornehme Ruhe völlig verloren.

»Da kann man mir garnichts mehr beibringen,« gab ich ruhig, aber fest zurück.[31]

Das schien die Aufseherin aber noch mehr zu erzürnen.

»Sie werden schon sehen, wie er Sie anschnauzen wird!« rief sie, nach der Ausgangstüre zeigend.

Dabei blieb es für mich unentschieden, von welchem der wartenden Beamten mir ihrer Meinung nach solch unliebenswürdiger Empfang drohen sollte.

Endlich war es erreicht, die widerspenstige Haarflut gebändigt. Fast willenlos ließ ich mir eine unförmig große und dicke schwarze Tuchjacke überziehen, in der ich fast verschwand. Zur Vervollständigung dieser eigenartigen Toilette wurde mir noch eine vielfach mit Flickflecken dekorierte blauleinene Schürze vorgebunden. Dann war ich reisefertig.

Obwohl ich nie viel auf mein Äußeres gegeben habe, so war es doch gut für mich, daß in solchen Räumen kein Spiegel vorhanden ist. Ich würde jedenfalls erschreckt sein vor dem Bilde, das er von meiner Persönlichkeit zurückwarf. Schon wenn ich an mir niedersah, überfiel mich ein Grauen. Nur eine gewisse Apathie, die mich nach all den schrecklichen Erlebnissen der letzten Zeit überkommen, dazu die immer noch aufrecht erhaltene Hoffnung, daß diese abscheuliche Metamorphose nicht von Dauer sein, und ich heute Abend wohl nicht mehr viel bemerkt werden würde, konnte mich gegen solch gedankenlose Eigenmächtigkeiten der Beamtenwillkür gefügig machen.[32]

So folgte ich der Aufseherin, die wieder in der Tür erschienen war, durch den Gang, die Treppe hinauf ins Erdgeschoß, wo mich zwar nicht der wartende Gerichtsdiener, wohl aber die Oberaufseherin scheltend empfing.

»Na, vorwärts! vorwärts! Wie lange dauert denn das?!« fuhr sie mich barsch an.

Dann führte mich der Beamte durch dieselbe Tür hinaus, wo ich am Mittag hereingekommen war.

Quelle:
Hoff, Marie: Neun Monate in Untersuchungshaft. Erlebnisse und Erfahrungen, Dresden, Leipzig 1909, S. 19-33.
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