Beschäftigung der Untersuchungsgefangenen.

[100] »Ist es Ihnen nicht langweilig so den ganzen Tag? Möchten Sie nicht etwas arbeiten? Vielleicht ein bißchen ausbessern?«

So fragte mich eines Tages Frau R., die jetzt öfters die Aufseherin K. vertrat und später überhaupt ihre Stelle einnahm, nachdem diese zu den Gefangenen der Haus- und Wirtschaftsabteilung versetzt worden war.

Frau R., eine Witwe und sowohl an Jahren wie an Dienstzeit die älteste der Aufseherinnen versah nach dem Tode der Oberaufseherin deren Posten[100] in Stellvertretung bis zur Neubesetzung durch eine auswärtige Aufseherin.

Ich hatte in meiner Benommenheit noch nie daran gedacht, ob und womit die Untersuchungsgefangenen beschäftigt würden. Durch den Pfarrer immer mit guter Lektüre versehen und dankbar, meinen schweren und grübelnden Gedanken wenigstens zeitweise entrückt zu sein, mochte ich, in keiner Weise auf solche Frage vorbereitet, die Aufseherin wohl ziemlich verblüfft und verständnislos angeschaut haben.

»Es geht wohl nicht gut?« fragte sie, worauf ich mich beeilte, ihr zu versichern, daß ich gern bereit wäre, zu arbeiten.

»In Näharbeiten bin ich freilich sehr ungeübt, werde mir indessen redlich Mühe geben,« entgegnete ich und fügte hinzu: »Schriftliche Arbeiten könnte ich freilich am besten leisten. Die bekommt man wohl hier nicht?«

Nachdem die Aufseherin das verneint hatte, war die Sache für diesmal erledigt. Aus meinen Gedanken kam sie jedoch nicht, und nachdem ich vom Pfarrer erfahren hatte, daß die Untersuchungsgefangenen, soweit sie ihren Unterhalt nicht zu bezahlen imstande seien, auf die verschiedenste Weise beschäftigt und auch dafür entlohnt würden, regte ich selbst die Frage von neuem an. Aber entweder zweifelte man an meiner Befähigung zu Ausbessereien, oder es gab[101] tatsächlich augenblicklich nichts passendes – ich erhielt lange nichts. Einmal aufmerksam gemacht, sah ich jedoch nunmehr mitunter mehr oder minder kunstvolle Stickereien vorbeitragen und hörte auf Befragen, daß sie von Untersuchungsgefangenen angefertigt würden.

Eines Tages brachte mir die Aufseherin zwei paar Kinderstrümpfe zum Anstricken und fragte mich, ob ich gut stricken könne. Erfreut bejahte ich und machte mich sofort eifrig an die mir stets angenehme Arbeit, die denn auch durchaus zur Zufriedenheit ausfiel. Von da an bekam ich meist alle besseren Strickarbeiten für die Beamten der Anstalt und für ihre Familien zugewiesen. Auch habe ich einige Dutzend Paar neue Strümpfe für die Anstalt selbst gestrickt. Leider war auf diesem Felde die Arbeitsgelegenheit bald erschöpft, und so mangelte es abermals an Beschäftigung für mich.

»Hier, Sie bekommen Arbeit! Schiffstau zupfen.«

So mich anrufend trat eines Morgens die neuangestellte Hilfsaufseherin, eine jüngere Witwe, in meine Zelle in Begleitung der Aeltesten, die einen großen Packen nach Teer duftendes Schiffstau herbeischleppte.

»Zeigen Sie es ihr!« befiehlt die Aufseherin kurz und herrisch mit einer entsprechenden Kopf- und Handbewegung.[102]

Sehr verwundert schaue ich auf. Wohl wußte ich bereits von einer der Aufseherinnen, daß die jungen Untersuchungsgefangenen, denen man feinere Arbeiten nicht anvertrauen konnte, mit Tauzupfen beschäftigt zu werden pflegten, wie die älteren mit Federschleißen. Von mir aber hatte noch niemand eine solche Arbeit gefordert.

»Das kann ich doch nicht machen,« sagte ich, als die Älteste auf Geheiß der Vorgesetzten hinzutrat und sich anschickte, vor meinen Augen die breiten Tauenden auseinander zu teilen und die Wergstückchen herauszuzupfen.

»Das müssen Sie!« erwiderte die Aufseherin kategorisch auf meinen Einwand.

»Ich zeig' Sie's ja,« sekundierte die Älteste, indem sie sich bemühte, mich so eingehend als möglich über die mir gewordene Aufgabe zu instruieren.

Mit innerem Widerstreben zwar, aber doch willig begann ich die Arbeit, mochte mich aber wohl so ungeschickt angestellt haben, daß man an meinem guten Willen zweifelte. Die Älteste nahm mir mit einer sehr ungeduldigen Gebärde die Tauenden wieder aus der Hand, um es mir nochmals zu zeigen, wobei sie die anzügliche Bemerkung nicht unterdrücken konnte:

»Das ist doch weiter nischt! Das bringt jedes kleene Kind!«[103]

Die Aufseherin aber sagte in unwilligem Tone: »Geben Sie sich nur Mühe, dann geht alles!«

Damit ließen sie mich allein. Ich versuchte natürlich auch, der unwillkommenen Aufgabe nach Möglichkeit gerecht zu werden und hatte bereits ein ansehnliches Häuschen sauber gezupften Schiffstaues vor mir liegen, als eine andere Aufseherin erschien, um mich zur Vorführung abzuholen. Höchst erstaunt betrachtete diese, wie es mir scheinen wollte, die vor mir liegende Arbeit, sowie meine von brauner Teerkruste überzogenen Hände, sagte aber nichts.

Als ich von der Vorführung zurückkam, war meine Arbeit inzwischen weggeräumt worden. Die Hilfsaufseherin mochte aber wohl einen leichten Verweis bekommen haben, daß sie einer Untersuchungsgefangenen, die noch sehr häufig vorgeführt werden mußte, eigenmächtig solch häßlich schmutzige Tätigkeit zugewiesen hatte. Sie sowohl als die Älteste begegneten mir von da ab wochenlang sehr kühl und mit einem gewissen Mißtrauen. Vielleicht glaubten sie, daß ich eine Beschwerde vorgebracht hätte, was natürlich keineswegs der Fall war.

Ich blieb nun wieder längere Zeit ohne Beschäftigung. Es mangelte ersichtlich an einer fest geregelten Arbeitsgelegenheit für die Untersuchungsgefangenen, was wohl darin seinen Grund haben mag, daß die Häftlinge häufigem Wechsel unterworfen[104] sind und infolgedessen die angefangenen Arbeiten oft durch mehrere Hände gehen. Trotzdem sind gerade die Stickerinnen für mehrere Geschäfte tätig und werden auch den Verhältnissen entsprechend nicht allzuschlecht entlohnt. Ich habe in den letzten Monaten meiner Untersuchungshaft selbst Stickereien angefertigt, bekam mein Arbeitsbuch, in dem die Firma des betreffenden Arbeitgebers stets bei jedem einzelnen Posten eingestempelt war und hatte bei meiner Einlieferung nach dem Zuchthause zu X. immerhin einige Mark Arbeitsverdienst aufzuweisen. Dieser Arbeitsverdienst aus der Untersuchungshaft setzt sich nach Einheiten-Berechnung aus den kleinen Anteilen zusammen, die den Häftlingen an dem Gesamteinkommen für ihre Tätigkeit nach Abzug der für sie aufgewendeten Kosten gewährt werden. Den Einzuliefernden wird das Geld allerdings nicht in die Hände gegeben, sondern im Buche verrechnet und durch den mit der Einlieferung Betrauten, den sogenannten »Transporteur« nach dem Orte ihrer demnächstigen Bestimmung befördert. Dieser Arbeitsverdienst kann sich bei Häftlingen, denen die Arbeit rasch von der Hand geht, während einer langen Dauer der Untersuchungshaft mitunter zu einem nicht ganz unwesentlichen Posten steigern.

In der Gefangenanstalt zu D. machte sich jedoch leider, wie gesagt, der Mangel an festgeregelten Arbeitsgelegenheiten[105] in dieser Hinsicht zuungunsten der Untersuchungsgefangenen fühlbar. Denn außer den erwähnten Tätigkeiten gab es nichts, womit man sie beschäftigen konnte. Auch diese aber waren nur lohnend, insoweit sie für Geschäfte angefertigt wurden, was lediglich bei Stickereien der Fall war.

Quelle:
Hoff, Marie: Neun Monate in Untersuchungshaft. Erlebnisse und Erfahrungen, Dresden, Leipzig 1909, S. 100-106.
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