Nächtliche Szenen.

[151] Die Nächte sind in der Untersuchungshaft zumeist das Furchtbarste. Denn nicht nur, daß von einer eigentlichen Nacht-ruhe sehr selten die Rede sein kann, sondern die öfteren nächtlichen Schreckensszenen erregen ein fühlendes Gemüt in so hohem Grade, daß an ein Wiedereinschlafen nicht zu denken ist. –

Gehört doch an und für sich schon eine absolute Furchtlosigkeit dazu, sich im öden, kahlen Raum, in einer kleinen engen Zelle ruhig auf den Strohsack des eisernen Feldbettes niederzulegen, wo durch das kleine vergitterte Fenster da oben mit den blinden Scheiben weder Mond noch Sternenschein dringt, während draußen der Wachhund des kontrollierenden Wächters bellt, oder dieser selbst vorbeimarschiert, die knarrende Außentür hinter sich zuwerfend. Um wieviel[151] schauerlicher noch klingt es als am Tage, wenn plötzlich lautes Geschrei, wüstes Lärmen und Toben, oder bitterliches Weinen und Schluchzen, mitunter auch flehentliches Beten aus einer der Zellen erschallt.

»Oh, Mutter! liebe Mutter, hilf mir! bitte Du für mich! Ich bin unschuldig! Gott weiß es!«

So klingt es in herzzerreißenden Jammertönen durch die stille Nacht.

»Hilf mir! hilf mir! Ich muß sterben! – Ich kann ja so nicht weiter leben!« stöhnt und schluchzt die Unglückliche weiter, und man hört deutlich, wie sie sich verzweifelnd auf den Fußboden wirst.

»Sie glauben mir ja Alle nicht, – Du weißt es – Du weißt es! –« tönt es weiter, wobei es zweifelhaft bleibt, ob die Jammernde den Geist einer verstorbenen Mutter beschwört, oder ihr heißes Flehen an die Gottheit richtet.

Solche nächtliche Szenen sind keineswegs Ausnahmen. Bedenkt man, wie Neulinge oft ganz plötzlich und ungeahnt den Schrecken einer Verhaftung anheimfallen, bevor sie sich noch eines Unrechts bewußt geworden sind, wie sie all ihren Lieben, ihrer gewohnten Umgebung, ihren Pflichten entrissen, hier ohne dies alles in aufreibender, quälender Sorge einem ungewissen, vielleicht harten Geschick entgegenharren, wie sie überall dem Übelwollen, dem steten Mißtrauen begegnen und dem allen allein und verlassen[152] gegenübergestellt sind – dann darf man sich nicht wundern, wenn diese Ärmsten beinahe den Verstand verlieren.

Mitunter ist auch schon ihre Einlieferung mit geheimnisvollen Schrecken verbunden, die doppelt erschütternd wirken.

»Zugang!« hatte man wieder einmal durch die Stille der Nacht rufen hören.

Diesmal schien es eine sogenannte »Feine« zu sein, die an diesem traurigen Orte zu so später Stunde ihren Einzug hielt. Bald darauf hörte man auch schon im Gange ein lautes Jammern und Wehklagen, ein Bitten und Flehen.

»Jesus! – Jesus! – Was soll nur mit mir werden! Liebe Frau, erbarmen Sie sich! Ich bitt' Sie um tausend Gotteswillen, lassen Sie mich hinaus! Hier muß ich doch sterben!«

Dazwischen erscholl die beruhigende Stimme der Aufseherin, die die Jammernde ermahnte, still zu sein und sich ins unvermeidliche zu fügen.

»Nein, ich kann hier nicht bleiben!« klang es schon mehr aus dem Hintergrund. Und an der Zelle angekommen schrie sie wieder auf: »Hier soll ich hinein? Nein! – nein! – ich kann nicht – ich kann nicht! –«

»Seien Sie doch nur vernünftig!« mahnte die Aufseherin. »Das geht doch nicht. Wenn das nun[153] Alle so machen wollten. Da müssen wir Gewalt brauchen.«

Endlich schien die Unglückliche die Schwelle überschritten zu haben. Aber sofort begann sie wieder:

»Ach Gott! ach Gott! – Hier kann ich nicht bleiben. – Nein, gehen Sie noch nicht fort! Lassen Sie mich nicht hier allein! Ich fürchte mich hier im Finstern. Um Gotteswillen! Sie werden mich doch nicht hier einschließen?! –« schrie sie angstvoll.

Doch die Beamtin hatte wohl die Geduld verloren. Ohne noch ein Wort zu sagen, schloß sie ab und wollte gehen. Aber kaum war sie ein paar Schritte gegangen, als man einen lauten Aufschrei und gleich darauf einen dumpfen Fall vernahm.

Da die männlichen Beamten sich bereits entfernt haben mochten, so weckte die Nachtaufseherin die Älteste, denn allein darf sie vorschriftsmäßig zur Nachtzeit keine Zelle betreten.

Als die Zelle aufgeschlossen wurde, mußte sich die jedenfalls von einem hysterischen Krampfanfalle heimgesuchte Insassin rasch wieder erholt haben. Denn sofort begann sie wieder flehentlich zu bitten.

»Liebe gute Frau! Wer Sie auch sein mögen – erbarmen Sie sich! Gott wird es lohnen! – Sie tun wahrhaftig ein gutes Werk! Erbarmen Sie sich doch! Lassen Sie mich wenigstens noch einmal mit dem Herrn reden, der mit mir hergefahren ist! Der[154] Wagen wird noch nicht fort sein. Ich bitt' Sie um tausend Gotteswillen!«

»Was denken Sie denn? Jetzt in der Nacht können wir doch keinen solchen Aufstand machen. Der ist auch längst wieder fortgefahren.«

»Nein, nein! der ist noch nicht fort. Der wartet schon. Ich muß mit ihm reden – nur einen Augenblick. Ich bitte Sie kniefällig, liebe Frau! Lassen Sie mich mit ihm reden!«

Aber all ihr Bitten und Flehen konnte ihr nichts helfen.

»Wenn ich Ihnen sage, daß es nicht geht, dann haben Sie sich zu fügen,« lautete der energische Bescheid. »Und jetzt halten Sie endlich Ruhe, oder wir müssen andere Maßregeln ergreifen. Sie sind nicht allein hier. Andere wollen schlafen.«

Damit wurde die Tür wieder geschlossen. Aber die arme, offenbar seelisch schwer Leidende kam darum noch lange nicht zur Ruhe. Stundenlang drangen ihre Jammertöne schauerlich durch die Stille der Nacht, und erst im Morgengrauen schien sie endlich eingeschlafen zu sein.

Diese nächtlichen Schreckensszenen, deren unfreiwillige Zeugen die Untersuchungsgefangenen jederzeit werden müssen, dienen wahrlich nicht zur Erleichterung der Einkerkerung. Zugegeben, das manches Übertreibung und Verstellung, manches Angst und[155] Unruhe eines schlechten Gewissens ist, so glaubt man doch oftmals unwillkürlich, daß man sich in einem Irrenhause befinde. Sind doch auch hier alle Umstände darnach angetan, die Leute um den Verstand zu bringen. Denn nicht nur wirkt die meist ganz plötzliche und ungeahnte Verhaftung und Einsperrung, wie wir gesehen haben nervenerschütternd, auch die gerichtlichen Verhöre, die sich mitunter in stundenlanger Qual hinziehen, rufen häufig bei sensitiven Naturen schlimme Nervenzufälle hervor, die sich dann Nachts nicht selten bis zur Tobsucht steigern.

Darum gibt es außer den geschilderten auch noch andere nächtliche Störungen, die die Untersuchungshäftlinge um die ihnen so nötige Nachtruhe bringen.

Klingeln, rufen und klopfen, mitunter sogar Trampeln läßt sich häufig vernehmen. Und wie die Kundgebungen bitteren Schmerzes das Mitgefühl, so erregen diese unwillkürlich Aerger und Widerwillen.

Quelle:
Hoff, Marie: Neun Monate in Untersuchungshaft. Erlebnisse und Erfahrungen, Dresden, Leipzig 1909, S. 151-156.
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