Neue Zugänge.

[141] An Zuzug fehlt es nie im Untersuchungsgefängnis. Fortwährend werden Neulinge, die sogenannten »Zugänge« eingeliefert. Sogar Nachts wurde die wachthabende Aufseherin nicht selten aus kurzem Schlummer aufgestört. Besonders in den Nächten vor Sonn- und Festtagen, oder auch während gelegentlicher Volksfeste konnte man die Polizeiorgane oft mehrere Male in einer Nacht ihre Meldungen rufen hören.

»Zugang!« klang es schauerlich durch die Stille der Nacht.

»Zugang!« rief noch einmal der Wächter, nachdem er dem Gendarm die Pforte geöffnet hatte.

Mitunter ertönte es sogar noch ein drittes Mal mit lauter Stimme, wenn die diensttuende Aufseherin gar so fest im Schlafe lag.

Diese Zugänge, von der Polizei meist bei nächtlichen Streifereien aufgegriffen, verhalten sich[141] fast immer ruhig. Sind sie doch selten Neulinge in Haftsachen, wissen mithin sehr genau, daß sie sich ihre Position durch unruhiges oder aufsässiges Wesen nur erschweren würden.

Dagegen sind die erstmalig Inhaftierten stets mehr oder weniger aufgeregt und je nach ihrem Temperament zu den verschiedensten Exzessen geneigt. Auf furchtsame Charaktere wirkt die plötzliche Einschließung förmlich vernichtend ein. Sie geraten derartig in Angst und Schrecken, daß sie nicht selten der Verstandeskräfte beraubt, sich mit Wahnvorstellungen quälen und dadurch natürlich ihrer Umgebung eine furchtbare Last werden. Manche zeigen sich verstockt und mürrisch; andere tief melancholisch und totunglücklich; fast alle aber sind maßlos erregt, was dann öfter zu lauten, tumultuarischen Szenen, nicht selten sogar zur Bestrafung der Exzedenten führt.

Es gibt natürlich auch unter den Frauen rohe Subjekte und solche, die zu simulieren, sich ausgezeichnet zu verstellen und allerhand körperliche oder geistige Gebrechen vorzutäuschen verstehen, in der Hoffnung, sich und ihrer Sache dadurch nützen zu können. Im allgemeinen jedoch überwiegen bei den männlichen Untersuchungsgefangenen die Simulationen und Roheitsdelikte, bei den weiblichen dagegen Gefühlserregungen, die sich nicht selten zu hochgradig hysterischen Zufällen steigern.[142]

Eines Tages ertönt aus einer der neubesetzten Zellen des zweiten Stockes ein schreckenerregendes Geschrei. Entsetzt springt alles empor und läuft nach den Türen, um die Ursache der gräßlichen Jammertöne zu erkunden. Glaubt man doch, es müsse etwas passiert sein.

Eine Weile hört man nichts, als die fortgesetzten langgezogenen Klagetöne aus der Zelle erschallen. Endlich geht eine Aufseherin an die Tür, um nachzusehen.

»Was schreien Sie denn so? Verhalten Sie sich ruhig!« hört man ihre befehlende Stimme.

Sofort verstummt das eintönige Schreien. Die Klagende beginnt, sich in lauten, gellenden Worten zu äußern:

»Ich will zum Herrn Inspektor! Führen Sie mich zum Herrn Inspektor! Ich muß den Herrn Inspektor sprechen!« ruft sie erregt.

»Was wollen Sie denn beim Herrn Inspektor? Mit dem haben Sie doch gar nichts zu tun,« erwidert die Aufseherin.

Der Inspektor ist in den Justizgefängnissen ebenso wie der Direktor, dessen Hilfe und zeitweilige Ergänzung er darstellt, in der Hauptsache nur für die Strafgefangenen da, während die Untersuchungshäftlinge als direkte vorgesetzte Behörde lediglich die Justizbeamten haben.[143]

Trotz der Zurechtweisung schrie jedoch die aufgeregte Person immer weiter:

»Ich will zum Herrn Inspektor! Ich muß zum Herrn Inspektor!«

»Was wollen Sie denn nur bei dem? Lassen Sie sich doch zum Gericht vormelden,« wurde ihr zur Antwort.

»Nein! – nein! – Ich will zum Herrn Inspektor!« Ich muß zum Herrn Inspektor!« beharrte die Tobende.

»Der ist jetzt gar nicht hier. Wenn Sie durchaus bei ihm gemeldet sein wollen, dann müssen Sie warten,« suchte die Aufseherin zu beruhigen.

Es gelang ihr aber nicht. Immer lauter schreiend verlangte die Unglückliche nach dem Inspektor.

»Nun gut!« erklärte die Aufseherin, jedenfalls immer in dem Bestreben, zu besänftigen und zu vertrösten. »Sobald der Herr Inspektor kommt, werde ich es ihm sagen. Vielleicht läßt er Sie vorführen.«

Aber auch damit erreichte sie ihren Zweck nicht. Im Gegenteil begann die halb Sinnlose noch toller zu schreien.

»Nein, nein! – Ich kann nicht warten. Er soll zu mir kommen! – gleich!« –

»Sie sind wohl nicht recht gescheit!« schalt die Aufseherin, jetzt wirklich böse werdend. »Verhalten Sie sich ruhig, sonst zeige ich Sie an. Dann kommen Sie in die Gummizelle. Dort können Sie sich austoben.«[144]

Damit schlug sie die Türe zu und ließ die Lärmerin allein.

Noch eine Weile hörte man ihre gellenden Rufe, dann ein weinerliches Klagen und Jammern, das endlich in bitterlichem Schluchzen erstarb. Allmählich schienen sich aber ihre aufgeregten Nerven zu beruhigen. Es wurde wieder still in der Zelle.

Mir tat das arme Weib leid. Wer weiß, welch harte, schwere Seelenkämpfe die Ärmste in diese Lage gebracht, sie zu dem gemacht hatten, was sie jetzt büßen mußte. –

Aber nicht lange kann man im Untersuchungsgefängnis sich mit dem Einzelnen beschäftigen. Der Wechsel herrscht hier vor sowohl in Bezug auf Personen wie Situationen.

Von der fürchterlichen Unruhe, die vor allem die Neulinge ergreift, wenn sie sich zum erstenmal zwischen vier kahlen Wänden eingeschlossen allein mit sich selbst und ihren sorgen- und kummervollen Gedanken befinden, gibt das viele Klingeln Zeugnis, das fortwährend aus den verschiedensten Zellen erschallt. Niemals habe ich später in der Strafanstalt auch nur annähernd einen derartigen oft geradezu ohrenbetäubenden Lärm gehört. Freilich bestehen im Strafhaus strenge Vorschriften für Benutzung der elektrischen Klingeleinrichtung, die ihren Gebrauch nur in nötigsten Fällen gestatten. Fast möchte ich aber[145] glauben, daß auch ohne ein solches Verbot kaum das Bedürfnis zum Mißbrauch vorliegen würde. Die Gefangenen haben sich zumeist mehr oder minder geduldig und resigniert in ihr Schicksal ergeben. Sie sehen und hören kaum mehr etwas von der Außenwelt, müssen dafür aber ihr Augenmerk darauf richten, wie sie vorschriftsmäßig sich betragen und ihr Arbeitspensum verrichten. Anders im Untersuchungsgefängnis. Hier sind sie erst kürzlich getrennt von den Ihren, vielleicht aus beglückenden Familienbanden herausgerissen. Die Bangigkeit bringt sie fast um. Das Alleinsein bedrückt viele dieser Unglücklichen, die ganz und gar nicht daran gewöhnt sind, bis zur Verzweiflung. Dazu die quälenden Sorgen um ihr Schicksal, die steten Gedanken, die durchaus nicht rosig sind. So beherrscht sie eine fieberhafte Unrast, deren Wirkungen natürlich den Aufseherinnen keineswegs angenehm sind.

In der Tat wäre man manchmal versucht, zu glauben, daß man sich in einem Gasthof befinde, wenn man nicht durch die Umgebung eines anderen belehrt würde.

Die Erregung einer Gefangenen scheint oft ansteckend zu wirken. Sie teilt sich anderen mit, die sich plötzlich ebenfalls auf ihr Schicksal, auf ihre Sorgen und Wünsche besinnen. Binnen kurzem er tönt ein förmliches Klingelkonzert von allen Seiten,[146] von oben und unten. Die Aufseherinnen aber, zu beschäftigt, mitunter wohl auch zu verärgert, lassen zuweilen lange Zeit vergehen, ehe sie dem Klingelzeichen nachgehen.

»Das ist ja gerade wie in einem Gasthof. Hören Sie nur!« sagte einmal eine Beamtin im Mittelkorridor zu einer Kollegin, als wieder solch heftiges Läuten von allen Seiten erscholl.

»Lassen Sie die Leute doch klingeln, wenn's ihnen Spaß macht,« erwiderte diese phlegmatisch.

Zuweilen ist es aber auch nur eine von besonderer Unruhe Gequälte, die durch beharrliches Klingeln die Wärterin herbeizwingen will. Statt der ersehnten Beruhigung werden sie jedoch fast immer von den unmutigen Aufseherinnen barsch angefahren.

»Was haben Sie denn immer zu klingeln? Können Sie denn nicht warten? Ich werde Sie anzeigen, wenn Sie sich das noch einmal unterstehen. Sie müssen doch nicht denken, daß Sie in einem Gasthause sind.«

Mit diesen strengen Scheltworten öffnete eines Abends die Aufseherin die Zelle einer unermüdlich Klingelnden. Zu der angedrohten Anzeige kam es indessen nicht, obgleich die Gescholtene schon am andern Tage wiederholt wie rasend klingelte und bald dieses, bald jenes Anliegen vorbrachte.

Ein einziges Mal war aus diesem Grunde eine[147] Gefangene angezeigt worden. Sie hatte so lange und so heftig auf den Knopf gedrückt, daß die Leitung ruiniert wurde. Es klingelte dann ununterbrochen weiter trotz aller Bemühungen der Beamtinnen, die dann den Schlosser herzuholen mußten. Bestraft wurde die Schuldige jedoch nicht. Sie mußte nur den Schaden ersetzen.

Die verschiedensten Wünsche und Bedürfnisse sind es, die die Gefangenen veranlassen, die Aufseherinnen durch ihr Klingeln herbeizurufen.

Unter anderen war da eine Böhmin, die aber des Deutschen sehr gut mächtig war, gern mit allen Schicksalsgenossinnen anbändelte und auch den Vorgesetzten oft viel zu schaffen machte.

Aus vermögendem Stande und augenscheinlich ziemlich verwöhnt, konnte sie sich durchaus nicht in ihre Inhaftierung und in die strenge Ordnung gewöhnen. Völlig uneingeweiht schien sie die Beamtinnen in der Tat für eine Art Dienstboten zu halten und hatte alle Augenblicke etwas anderes vorzubringen.

»Es ist wieder die M., die läutet Was mag sie nur schon wieder wollen?«

Mit diesen Worten näherte sich die Aufseherin der betreffenden Zellentür.

»Ach, gute Frau, ich muß den Herrn Untersuchungsrichter sprechen. Sagen Sie es ihm doch,« bat die Inhaftierte dringend.[148]

»So geht das doch nicht. Das könnten Sie doch nun auch wissen. Da müssen Sie sich morgen früh zur vorgeschriebenen Zeit melden,« wurde sie beschieden.

»So lange kann ich nicht warten. Der Herr Untersuchungsrichter hat ausdrücklich gesagt, ich soll mich jederzeit an ihn wenden,« drängte die Ungeduldige. »Sie brauchen es ihm doch nur zu sagen.«

»Müßte mir einfallen. Ich kenne meine Instruktionen. So eilig wird es nicht sein,« erklärte die Aufseherin und schlug die Türe zu.

Bald aber ertönte die Klingel von neuem. Jetzt mußte sie länger warten. Erst als sie anhaltend hintereinander immer heftiger zu läuten begann, erschien die Aufseherin wieder, diesmal voll merkbarer Ungeduld.

Zum Unglück stand die M. schon an der Tür und rief der Öffnenden entgegen:

»Gute Frau, ich muß den Herrn Untersuchungsrichter unbedingt noch heute sprechen.«

Da schnitt ihr die Vorgesetzte alle weiteren Worte ab mit der schroffen Entgegnung:

»Ich bin nicht Ihre gute Frau! Und zum Herrn Untersuchungsrichter kommen Sie heute nicht mehr. Jetzt verhalten Sie sich ruhig, sonst gibt's was!«[149] Hörbar schloß sie die Tür, und an diesem Tage hielt die Aufgeregte nun wirklich Ruhe.

An einem anderen Tage verlangte sie von der öffnenden Aufseherin zwei Flaschen Bier.

»Das können Sie jetzt nicht bekommen. Da müssen Sie den nächsten Bestelltag abwarten,« hieß es. »Sie haben doch erst zehn Flaschen bekommen.«

»Die sind eben alle geworden,« klagte die Durstige. »Was soll man machen? Man muß doch was haben!«

Trotzdem bekam sie an dem Tage kein Bier mehr, sondern mußte sich mit dem Kaffee begnügen, der auch ihr auf ihre Kosten täglich früh und nachmittags gereicht wurde.

Einmal habe auch ich ungefähr dreizehnmal hintereinander geklingelt. Die Älteste hatte vergessen, meinen Wasserkrug zu füllen, ihn vielmehr leer vor der Tür stehen lassen. Weil mich nun ein unerträglicher Durst quälte, setzte ich das Läutewerk in Bewegung. Ich erreichte zwar endlich nach langem Warten meinen Zweck, wurde aber von der neueingetretenen Hilfsaufseherin, einer jungen Witwe, sehr unwirsch angefahren.

»Sie haben zu warten, bis jemand kommt. Wir haben mehr zu tun, als Sie zu bedienen, das merken Sie sich!«

Und als ich ruhig und bescheiden, aber bestimmt[150] mein quälendes Durstgefühl geltend machte, da meinte sie: »Sie werden nicht gleich verdursten.«

Zur Ältesten hatte sie sich dann noch mißbilligend über die Störung geäußert. Man hörte das alles deutlich, weil die Windungen der durchbrochenen eisernen Wendeltreppen den Schall durch sämtliche Stockwerke leiteten.

Quelle:
Hoff, Marie: Neun Monate in Untersuchungshaft. Erlebnisse und Erfahrungen, Dresden, Leipzig 1909, S. 141-151.
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