Drittes Kapitel

Wieder in der Heimat (1796-1797)

Mein Vater war sehr bald von der Bewegung, die das Wiedersehen bei ihm hervorgerufen hatte, zu seinem gewöhnlichen Ernst zurückgekehrt und stimmte dadurch meine erste freudige Aufwallung herab. Meine Stiefmama war ohnehin eine erkältende Erscheinung; ihr Einfluß hatte meinen Vater aus seiner poetischen Natur heraus in eine Sphäre gezwungen, in der er sich mit seinen Erinnerungen und seiner früheren Weltanschauung höchst gedrückt fühlen mußte. Meine Schwester war ein kleines, lebhaftes Mädchen von zwölf Jahren, die mich schon auf der Reise von Gotha in den Kreis ihrer Freundinnen eingeführt und über die Auswahl der Lieder und Arien au fait gesetzt hatte, die der Hofkantor ihr einstudierte. Ihre Stimme war von Jugend auf ausgezeichnet schön; wenn sie in ihrem sechsten Jahre die Arien des Belmonte sang und die tadellose Reinheit und das vollkommenste Portamento mit Aktionen begleitete, bei denen nie ein weißes Schnupftuch fehlen durfte, so erregte sie das allgemeine Erstaunen ihrer Zuhörer. Mein Bruder, der nun ungefähr fünfzehn Jahre alt war, genoß in Cassel Tischbeins Unterricht, um sein ausgezeichnetes Malertalent auszubilden.

In der ersten halben Stunde eilte ich zu meiner Mutter; das Wiedersehen war sehr bewegt, gemischt aus Freude über ihr körperliches Wohlbefinden und Schmerz beim Anblick der armseligen Einrichtung, die mir die früher mit ihr getragene Last in die Seele zurückrief. Zugleich empfand ich mit Bitterkeit, daß nach sechs Jahren voll Mühen und Entbehrung, glänzender Erfolge und Aussichten nicht soviel Geld in meiner Hand war, um eine erfreuliche Veränderung der Umstände zu gestatten, die mein schönster Traum gewesen war. Da ich in Mannheim meine Gage auf einige Zeit vorausgezahlt bekommen hatte, nahm ich mir vor, wenigstens die notwendigste Hilfe zu leisten, und wurde durch diesen Gedanken soweit beruhigt, daß ich die Hände, die man mir zum Willkommen reichte, herzlich drücken, die Grüße, die[77] man mir entgegenbrachte, mit heiterem Blicke erwidern konnte. Es hatten sich nämlich Mädchen, die mit mir konfirmiert worden waren, Frauen, die mich von der Wiege auf kannten, alle aus den sogenannten niederen Ständen, bei meiner Mutter versammelt und diesen Ort dem Bereiche der Stiefmama vorgezogen, deren Geistes- und Gefühlsarmut ebenso bekannt war wie meiner Mutter gütiges Herz. Aus Taktgefühl nahm ich meine Wohnung trotzdem unter dem Dache meines Vaters, um so williger, als ich mich selbständig genug fühlte, mir durch keinerlei Rücksicht den Verkehr mit meiner Mutter wehren zu lassen. Daß ich ihr mit jener Wahl wehe tat, war freilich eine starke Sordine auf meine kaum erhobene Stimmung, aber ein anderer Entschluß wäre eine Kriegserklärung gegen meinen Vater gewesen.

In unserem Hause, in dem, nebenbei gesagt, Luther gewohnt hatte, gab es beim Eintritt von der Straße eine Stube, die von jeher von großem Interesse für mich gewesen ist. Der Plafond war mit altertümlicher Stukkaturarbeit reich verziert, auf den Wänden prangten Tempel, Ruinen, Hirtinnen mit ihren Lieblingsschäfchen, zu ihren Füßen Schäfer, die der Quelle flötend ihr Liebesleid klagten, mit ihren Hunden, und das alles in dunkelroter Farbe auf weißem Grund, mit Gipsschnörkeln und Blumengewinden von Stukkatur umgeben. Dieses Zimmer war stets im alten Zustand erhalten worden, fremden Besuch aufzunehmen, der für Kinder ein aufregendes erfreuliches Ereignis bedeutet. Die Zurüstungen zum Empfange, vom Scheuern der Böden bis zum letzten Räucherkerzchen, betrachtete ich mit Spannung, und wenn die weißmusselinenen Vorhänge zugezogen waren, damit kein greller Sonnenstrahl die Gäste berühren möchte, meine Mutter mit sorgsamem Blicke noch einmal Revue über das Ganze gehalten, endlich die Türen geschlossen hatte, damit kein unberufener Fuß seine Spuren auf dem polierten Boden zurücklassen möge, dann trat ich ehrfurchtsvoll zurück und wandte meinen Blick auf die Straße, auf der die Glücklichen ankommen sollten, denen diese Stube bereitet war. Solcher Besuch hatte überdies viel gute Dinge im Gefolge. Manche Delikatessen erschienen auf dem Tische, die sonst nicht an[78] der Tagesordnung waren, es wurden Spazierfahrten nach Tiefurt und Belvedere gemacht, und wir durften unsere Sonntagskleider in der Woche anziehen. Diese Erinnerungen hatten eine solche Schwärmerei für jenes Zimmer erzeugt, daß ich entzückt war, als es mir zur Wohnung angewiesen ward. Aber welcher Dämon hatte hier gehaust! Das geräumige Gemach war in zwei Teile geteilt, die Wand mit schmutzig gelber Farbe gestrichen, die Hirten und Hirtinnen aus ihrer Landschaft vertrieben, alles unter die Gewöhnlichkeit herabgesunken! Mir war beinahe zumute wie damals, wo ich beim Eintritt in das Zimmer bei der Frau Kriegsrätin aus allen Himmeln gerissen wurde; hauptsächlich betrübte mich der Verfall des geistigen Lebens in unserem Hause, der sich in dieser Veränderung zeigte, aber ich nahm meine vielgeübte Resignation zu Hilfe und zog geduldig in mein entzaubertes gelbes Zimmer ein.

Anderen Morgens fuhr ich mit meinem Vater nach Tiefurt, mich der Frau Herzogin vorzustellen. Wie schön war der wohlbekannte Weg! Die Sonne schien prächtig, die Tautropfen glänzten auf dem zarten Moos und üppigen Grase des duftenden Waldes, die Vögel sangen ihre frohen Weisen – welcher Unterschied zu Mannheim, wo ich nur Kanonenkugeln schwirren hörte! Das Dörfchen suchte sich durch Reinlichkeit der Ehre würdig zu machen, die Fürstin in seiner Mitte zu beherbergen, sonst hatte sich in den sechs Jahren, die so stürmisch an mir vorübergeeilt waren, in diesem Musen- und Freudensitz keine Veränderung zugetragen. Die wohlbekannten Bedienten gingen in alter Weise ihren Geschäften nach, der kleine gipserne Bube auf der einen Seite der Treppe reichte wie immer den Gästen seinen Apfel, die Niobe auf der andern Seite hob noch immer den tränenschweren Blick zu den Göttern. Die Tür des Salons öffnete sich, und ich stand der Fürstin gegenüber, die mich inmitten ihres kleinen Hofstaats erwartete. Das Äußere der hohen Frau besaß widersprechende Einzelheiten, die sich jedoch zu einer fürstlichen Erscheinung vereinten, an ihrem geistigen Ausdruck, vor allem an der frappanten Ähnlichkeit mit Friedrich dem Großen erkennbar. Sie war klein, und ein gebogener[79] Rücken störte die majestätische Haltung, die das Gesicht aufwies, tat aber der Anmut, die über ihr ganzes Wesen ausgegossen war, keinen Eintrag. Nach einem huldvollen Empfang, wie ich ihn nach der letzten Entrevue in Belvedere kaum erhofft hatte, und vielen Fragen nach Herrn v. Dalberg, meiner Lehrerin, dem Grafen Veterani machte mich die Fürstin mit zwei jungen Damen bekannt, um die sich ihr Gefolge inzwischen vermehrt hatte, Fräulein v. Wolfskeel, die zweite Hofdame neben Fräulein v. Göchhausen, die ich von Jugend auf kannte, und Demoiselle Rudorf, die Kammersängerin dieses Hofes. Erstere war eine zarte, graziöse Gestalt, die, ohne schön zu sein, mit ihrem weißen Morgenanzug und rundem Strohhut etwas Idyllisches aufwies und einen sehr angenehmen Eindruck machte. Demoiselle Rudorf, bei der Fürstin in hoher Gunst, schlank und biegsam wie eine Birke im Winde, wiegte auf einem langen, beweglichen Halse einen rotbeturbanten Kopf, dem man eine gewisse Schönheit und ansprechenden Ausdruck nicht absprechen konnte. Dunkelbraune Locken fielen in der Ungezwungenheit der damaligen Mode bis auf die stark gezeichneten, obgleich nicht regelmäßig gezogenen dunklen Brauen und beschatteten zwei schön geformte Augen, die in ungewissem Blau, aber doch vorteilhaft gegen die langen dunklen Wimpern abstachen. Während ich bei Fräulein von Wolfskeel an die Galathee denken mußte, fiel mir bei Demoiselle Rudorf die Sibylle ein; so einfach das Wesen jener war, so kompliziert letztere in der unaufhörlichen Geziertheit, dem Drehen und Wiegen des Kopfes und den Schlangenwindungen des Oberkörpers. Der gute, freundliche, wohlwollende Herr v. Einsiedel ist als Schriftsteller weithin bekannt; seine Charakteristik liegt in diesen drei Adjektiven beschlossen, er wurde deshalb von beiden Höfen der Ami genannt und um seines ehrenwerten Charakters willen von der ganzen Stadt hochgeachtet, indes er den glänzenden Geistern, die am Hofe der Fürstin die Unterhaltung leiteten, mit Originalität und Liebenswürdigkeit zur Seite stand. Nachdem die Frau Herzogin mich mit der Zusicherung ihrer Gnade entlassen hatte, ging sie an ihre Toilette, und wir begaben uns auf den Heimweg; am folgenden Tag aber traf ein Billett an meinen Vater ein, in dem sie erklärte, daß[80] sie mit Erstaunen die glückliche Veränderung meines Wesens wahrgenommen habe und sich darauf freue, mich in ihrem Kreise öfter zu sehen.

Meine Ankunftsbesuche hatten sich auf wenige Familien beschränkt, von denen die des Hofkammerrat Kirms aus nachbarlichen Rücksichten nach meines Vaters Ansicht besondere Beachtung erforderte. Seinen älteren fünfzigjährigen Bruder habe ich schon als den Mann mit dem drohenden Finger erwähnt, er selbst stand in den vierziger Jahren, und seine Mutter, damals noch voll Kraft und Umsicht, war eine siebenundsiebzigjährige Greisin. Er war ein vermöge seiner Dienstverhältnisse mächtiger und einflußreicher Mann, dirigierte die Ökonomie des Hofes und eigentlich alles, was zum Hofmarschallamt gehörte, inklusive Hofstall-, Kutscher- und Bedientenwesen, war auch neben Goethe Direktor des Theaters in allem, was das ästhetische Fach nicht direkt berührte, und von ferne war auch dieses nicht ganz vor ihm sicher. Er besaß die große Kunst, seine soi-disant Vorgesetzten in der Täuschung zu erhalten, als wären es ihre Anordnungen und Gedanken, nach denen er handle, während er seine stillen Pläne ausführte, war, nur auf den Vorteil seines Fürsten bedacht, nicht allzu skrupulös in den Mitteln und konnte selbst den lobenswertesten Zweck nicht auf offenem Wege verfolgen, machte sich keinen der ihm zu Gebote stehenden Vorteile zunutze und begnügte sich damit, im stillen zu herrschen. Eine kluge alte Schwester und eine Nichte von achtzehn Jahren, der Augapfel der Familie, vollendeten das Bild, dem ich noch hinzufügen muß, daß auch die Einrichtung und alle häuslichen Umstände von einer patriarchalischen Einfachheit und altmodischen Gediegenheit waren. Sie hatten die fleißigsten, anhänglichsten Dienstmädchen, die gescheitesten Hunde, eine beispiellos große, wohlerzogene Katze, die sich mit dem Ausdruck der höchsten Befriedigung mit dem Kissen am Ofen begnügte, ohne einen der weichen Fauteuils in Beschlag nehmen zu wollen, die mit der altertümlichen Einrichtung des gemütlichen Zimmers harmonierten. In dem kleinen Garten, der durch eine Mauer von dem unsrigen getrennt war, wurden die Rosen größer und voller, der[81] Lack dunkler, stärker und würziger, alle Früchte saftiger und wohlschmeckender als bei anderen Leuten; in dem reinlichen Hofe ergingen sich getigerte, hochtoupierte Hühner in stolzem Bewußtsein und ruhiger Haltung, ohne Fremden auszuweichen, und die seltensten Tauben wohnten über dem Stall eines schönen Rappen, der täglich den Herrn Hofkammerrat in den Stunden seiner Erholung nach Belvedere zu einer Kegelgesellschaft trug, aber im Schritte. Seine Nichte Amelie war eines jener Mädchen, die mich in meiner trüben Zeit verlassen hatten; ich trug ihr nichts nach und nahm die mir entgegengebrachte passionierte Freundschaft dankbar an, wenn ich sie auch nicht voll erwidern konnte, verband mir dadurch ihre Angehörigen und wurde bald wie ein Familienglied von ihnen betrachtet.

Meine Anwesenheit veranlaßte den Herrn Hofkammerrat, kleine Feten zu geben, durch die mir die verschiedenen Teile der Gesellschaft bekannt wurden. Es herrschte jetzt ein anderer Ton wie in meiner Kindheit, und andere Menschen führten das Wort; die nahe Universität Jena entsandte interessante Gelehrte und lernbegierige junge Studenten, und man traf damals in Weimar häufig mit Leuten zusammen, die später mit Auszeichnung im Gebiete der Wissenschaft genannt wurden. Auch sah ich bei Kirms viele der jungen Mädchen wieder, die mich in der Kinderzeit verleugnet hatten; sie näherten sich mir, als hätte keine Entfernung stattgefunden, und baten um Erneuerung des Bundes, den sie selbst zerrissen hatten. So gewann ich in den Gespielinnen meiner Kindheit liebenswürdige Gefährtinnen meiner Jugend, über deren Treue oder Unbeständigkeit freilich erst die Zukunft entscheiden konnte. Zwischen dem Adel und dem übrigen Teil der Gesellschaft bestand damals eine große Kluft, und ich hatte es nur der guten Aufnahme bei der Herzogin sowie meiner bevorstehenden Verbindung mit dem Grafen Veterani zuzuschreiben, der überall einen vorteilhaften Eindruck hinterlassen hatte, daß man mich auch in den vornehmen Zirkeln empfing. Hier fand ich Lotte v. Seebach wieder, die streitbare Kaiserin aus der Kinderzeit, kam mit ihrer Schwester Amalie, einem prächtigen Mädchen, in ein freundschaftliches Verhältnis und erhielt so meinen[82] liebsten, nie unterbrochenen Umgang. Den von allen Seiten ergehenden Einladungen Folge zu leisten, war ich kaum imstande, da kein Tag verging, daß ich nicht im Wittumpalais erscheinen mußte. Dort sah ich auch die Prinzessin Karoline, zu der ich mich sofort hingezogen fühlte, und sie gab ihr Wohlwollen für mich so warm und unverhohlen zu erkennen, daß ich bei keiner Fete fehlen durfte, die ihr von der Gesellschaft gegeben wurde. Der regierende Hof bewies mir seine Achtung dadurch, daß ich mit den jungen Mädchen der höheren Stände zur Prinzessin eingeladen wurde, die ich bald mit ganzer Seele liebte. Obgleich sie einige Jahre jünger wie ich war, gab doch die sorgfältige Erziehung ihr einen Vorsprung vor ihresgleichen, und ich hatte mir eine ungekünstelte Natürlichkeit erhalten, die mich jünger erscheinen ließ als ich war, es störte also nichts die Übereinstimmung unserer Neigungen. Erst als ich Schillers Thekla kennen lernte, wußte ich, mit wem ich ihren gefestigten Charakter vergleichen sollte, ihre äußere Erscheinung aber entsprach dem Ideale eines edlen Fürstenkindes. Die Gestalt schlank und graziös, der Blick des dunkelblauen Auges voll Gefühl, Verstand und Melancholie; dunkelbraunes, schlicht gescheiteltes Haar umgab das bleiche Gesicht, das, ohne regelmäßig schön zu sein, einen unnennbaren Zauber ausübte. Sie war der Liebling ihres Vaters und hing an ihm mit schwärmerischer Zärtlichkeit, während ihre Mutter, sonderbar bei ihren außerordentlichen Vorzügen, eine Art Abneigung gegen sie empfand.

Nach einiger Zeit kam Schiller nach Weimar und schlug seinen Wohnsitz dort auf; ich ward in seinem Hause erst freundlich, dann freundschaftlich aufgenommen. Seine Gattin war der Inbegriff von Gutmütigkeit und Wohlwollen, mehr anspruchslos als geistreich, deren Schwester, Frau v. Wolzogen, reicher begabt und weltkundig, mir nicht minder gewogen. Schon bei meiner Ankunft in Weimar hätte ich aber von einer Einwohnerin meines väterlichen Hauses sprechen sollen, von Christiane Neumann, die bereits als Kind mein Interesse erregt hatte und mir jetzt als Gattin des jungen, talentvollen Schauspielers Becker entgegentrat. Wir schlossen uns bald aneinander an, und wenn ich des Abends aus meinen Zirkeln nach[83] Hause kam, erwartete mich noch das Vergnügen, ein Stündchen bei diesen angenehmen Menschen zuzubringen, die trotz ihrer beschränkten Verhältnisse an Fröhlichkeit und guter Laune unerschöpflich waren. Die Kosten der frugalen Soupers trugen wir gemeinschaftlich, denn auch ich litt, trotz alles äußeren Glanzes, an Geldmangel; aber das störte das Vergnügen des Augenblicks in keiner Weise. Madame Becker war eine liebliche Erscheinung, mehr mager als schlank, denn sie trug bereits den Kern der Krankheit in sich, die ihrem Leben ein so frühes Ende bereitete, und ihr schönes Köpfchen mit blondem, leicht gelocktem Haar, das feine freundliche Gesicht hätte man für ein Phantasiebild halten können. Sie war die Tochter eines außerordentlichen tragischen Schauspielers, Schülerin von Korona Schröter und besaß ein schönes, noch nicht ganz ausgebildetes Talent. Kaum zweiundzwanzig Jahre alt, starb sie an der Auszehrung; ihre letzte Rolle war die Euphrosyne in einem verschollenen Zauberstücke »Das Petermännchen«, weshalb Goethe ihr diesen Namen in seinem Nachruf gegeben hat. Seine Teilnahme kann übrigens erst nach ihrem Tode so lebendig geworden sein, denn während ihres Lebens habe ich nicht die geringste Auszeichnung, am allerwenigsten eine Vermehrung der Gage bemerkt, über deren Geringfügigkeit sie sich mir gegenüber oft genug beklagte.

Mein damaliges Leben wäre glücklich gewesen, wenn mich die Sorge um meine gute Mutter nicht wieder in das alte Elend gestürzt hätte. Ihre Wohltätigkeit ging weit über ihre Kräfte, und meist wurde sie so mißbraucht, daß sie das, was ich mir jetzt entzog, anderen gab und so niemals im ganzen Leben in Ordnung kam. Mein Vater, der von meiner glänzenden Stellung weder erfreut noch geblendet war, suchte meinen Geist zu der Betrachtung anzuleiten, daß die Gunst der Fürsten veränderlich sei und ein kleiner Umstand das ganze Glück über den Haufen werfen könne. Solche Besorgnisse hielt ich für übertrieben, es verletzte mich sogar, daß mir das Gegenstück der Freuden entgegengehalten wurde, die mir nach Kummer und Sorgen endlich zu lächeln begannen. Das Leben im Hause der Herzogin Anna Amalia war von einer so reizenden Originalität, daß man seine edle Einfachheit und[84] vielseitige Vorzüglichkeit nie vergessen kann. Im Sommer bewohnte sie ein bescheidenes Gutshaus im Dorfe Tiefurt, das nur die Ehrfurcht vor der Bewohnerin Schloß nennen konnte, am Eingang eines kleinen Parks mit herrlichen Bäumen, den die Ilm, sonst verdrießlich und träge, wie ein rauschender Waldstrom durcheilte. Außer ihrem Hofstaat war sie täglich von allem umgeben, was Weimar Vorzügliches besaß, und dessen war damals viel, denn Wieland, Herder, Goethe in der Blüte ihrer Jahre, voll Heiterkeit, ich möchte sagen fröhlichen Übermuts, überboten sich in geistreichen Betrachtungen, Scherzen und Satiren über moralische und psychologische Themen, Erlebnisse, Zeitereignisse und Gedichte, und dazu gesellten sich abwechselnd andere, die mit Witz und Gelehrsamkeit Heiterkeit und Anmut verbreiteten. Der Herzog war die Seele der Unterhaltung, zu der sein lebendiger Geist und seine frohe Laune immer neuen Stoff lieferten, und seine Mutter fühlte sich glücklich, wenn sie den geliebten Sohn in ihrer Nähe wußte. Was vom Ausland an Künstlern und Gelehrten, interessanten Frauen und merkwürdigen Persönlichkeiten nach Weimar kam, fühlte sich von diesem Treiben angezogen wie Tasso am Hofe von Este und verweilte gern in seiner Atmosphäre. Ein kleines, angenehm eingerichtetes Logis in einem reinlichen Bauernhause nahm die Fremden auf, welche die Fürstin länger in ihrer Nähe zu haben wünschte, auch ich brachte dort zuweilen eine geruhsame Nacht zu, wenn der Abend zu schnell eingebrochen war. Das Wittumpalais bezog die Herzogin, wenn die Blätter in Tiefurt gelb wurden und die feuchten Herbstnebel den Aufenthalt im Freien nicht mehr gestatteten. Hier versammelte der Abend die Gesellschaft, in die damals einige französische Emigranten und eine englische Familie Gore eingeführt wurden, ein Vater mit zwei Töchtern, von denen die jüngere eine liebenswürdige Erscheinung war, wie sie nur noch in Romanen existieren, am seltensten unter den Engländerinnen der neuesten Zeit, die den Kontinent besuchen. Emilie Gore hatte einen tiefen Eindruck auf den Herzog gemacht, und außer dem Hause seiner Mutter war der Zirkel dieser Familie der einzige, den er besuchte. Nur das Theater und die Kurtage[85] machten eine Unterbrechung in den Abendgesellschaften Anna Amalias, in denen zuweilen, wenn auch nur auf kurze Zeit, die regierende Herzogin erschien.

Das Glück, in diesem Zauberkreise zu verweilen, empfand ich in seinem vollen Werte, während die Gunst der beiden Höfe, der Umgang mit der Prinzeß, vielleicht auch mein Verhältnis zu dem Grafen großen Einfluß auf meine Stellung in der weimarischen Welt äußerten. Ich nahm meinerseits all das Gute unbefangen hin, ließ mich von der Sonne bescheinen, die für mich in allen vier Himmelsgegenden aufging, von den Wellen treiben, wohin sie wollten, da mir an jedem Gestade Blumen blühten, genoß die glückliche Gegenwart, die mich zuweilen meine traurigen Familienverhältnisse vergessen ließ, bis sie mir wieder mit doppelter Schwere aufs Herz fielen. Mein Bruder kam zu meiner größten Freude von Cassel zurück, ein blondgelockter fröhlicher, genialer Junge, aus dessen großen blauen Augen Freundlichkeit und Liebe herausblickten. Er brachte gute Studien mit, und der Herzog, der so gern dem Talente die Hand bot, fand ihn der Unterstützung wert; nach kurzem Aufenthalt sandte er ihn nach Wien, um unter Füger seine Anlagen weiter zu entwickeln, und später nach Paris und Italien. Das Andenken an den Grafen war seit geraumer Zeit in den Hintergrund getreten, denn meine Lage war zu angenehm, um an eine Veränderung zu denken; desto mehr interessierte ich mich fürs Theater, dessen freien Zutritt mir der alles vermögende Hofkammerrat gestattet hatte. Es stand unter Goethes Oberdirektion, die der Hof ihm ohne alle Einmischung überlassen hatte, und nicht nur waren von Bellomo brave Künstler zurückgeblieben, sondern auch andere hinzugekommen, denen ich mein Wohlgefallen nicht versagen konnte, obschon ich durch das musterhafte Mannheimer Theater verwöhnt war. Da war Vohs, ein erster jugendlicher Liebhaber von einnehmendem Wesen und hübscher Gestalt, seine Frau eine allerliebste Soubrette mit etwas Gesangstalent, Becker, ein origineller Komiker, und seine Frau eine liebliche erste Liebhaberin. Malcolmi zeichnete sich in launigen Alten und Bauern aus, und Madame Beck, die Schwägerin meiner Gesangslehrerin, war die beste komische Mutterdieser und der folgenden Zeiten; Graff gab würdige Alte wie den Abbé de l'Epée und Nathan sehr gut, ließ aber in Charakterrollen wie König Philipp im Don Carlos zu wünschen, während Leißring, ein junger Mensch mit außerordentlichem Theatergeschick, das Fach der Naturburschen vertrat. Herr Haide stand als zweiter Liebhaber und wo er sonst hingestellt wurde, im Wege, denn er pflegte auf eine Zeile zwei bis drei Gesten zu verwenden, nahm oft die erste im Entstehen zurück, um sie gegen eine andere zu vertauschen, und gelangte so zu einem wilden Herumfechten, zuweilen zu dem Gestus, mit dem man Hörner bezeichnet. Die Harmonie, welche die genannten Talente sehr lobenswert in den Lustspieldarstellungen erreichten, wurde regelmäßig durch diesen Darsteller durchbrochen. Weniger vorteilhaft war das Trauerspiel ausgestattet, so daß Goethes und Schillers ältere Werke recht unvollkommen zur Erscheinung kamen. Hin und wieder leisteten Vohs, Becker und Frau auch in diesem Genre Ausgezeichnetes, doch fielen unverzeihliche Mißgriffe vor, die heute nicht mehr mit der Nachsicht der damaligen Zeit hingenommen werden würden. Madame Malcolmi sprach die Königin im Don Carlos in estländischem Dialekt, kam betrunken auf die Bühne und improvisierte Dinge, die sich nicht niederschreiben lassen; Macbeth erhielt in der Darstellung des Herrn Malcolmi einen komischen Anstrich, da er ihn im Stile seiner Lustspielfiguren gab und außerdem durch ein barokkes Kostüm die Lachmuskeln reizte. Derlei Störungen fielen im Trauerspiel unzählige vor.

Mit der Oper sah es nicht viel besser aus. Außer Herrn Benda, der wirklich eine Tenorstimme und eine gewisse Methode hatte, und Madame Weyrauch, die ohne musikalische Kenntnisse und Vortrag das Verdienst besaß, mit einem dünnen Organ über das dreigestrichene F hinauszusingen, gab es niemanden, der sich Sänger hätte nennen können. Eine Demoiselle Matiegzeck bellte die Donna Anna, Don Juan und Leporello bedeuteten gar nichts; Herr Weyrauch, der den Mangel an Stimme durch ein angenehmes Spiel ersetzte, rettete als Masetto und Madame Vohs durch ihre interessante Erscheinung als Zerline die Vorstellung. Mit solchen unzureichenden Mitteln[89] gab man Figaro, die Zauberflöte und alle damals gangbaren Opern, gut wurden nur die Operetten, besonders die Dittersdorfschen, aufgeführt. Nebenrollen und Ausstattung fanden eine geradezu jammervolle Berücksichtigung; während die drei Genien in der Zauberflöte in Mannheim (wie auf allen Theatern) von hübschen Mädchen in hübschen Kostümen gegeben wurden, fanden hier drei Seminaristen Verwendung, unbeholfene Bauernjungen, denen man ziegelrote Trikots anzog, so weit, daß die Arme wie Hautwülste ausschauten, nicht gerade rein gewaschene Tuniken überwarf, nicht kurz genug, die griechische Form anzudeuten, nicht lang genug, die schmutzigen Stiefel zu bedecken, die struppigen Köpfe mit plumpen, einfarbigen Rosenkränzen zierte und die Backen purpurn schminkte wie Ostereier. Doch das Spiel kann keine Feder schildern; die Hauptsache war, daß sie die Palmzweige wie Zepter von sich weghielten und gelegentlich damit den Takt schlugen. In anderer Art unbegreiflich war es, daß die schwangere Königin der Nacht ihre Arie in der Kulisse sang und eine stumme Stellvertreterin auf der Bühne die Bewegungen machte, daß Papageno in der Szene, wo die Löwen des Herrn Sarastro erscheinen, die Melodie des Liedes »Mag der Sultan Saladin« aus Richard Löwenherz anstimmte, die zu Mozart paßt wie die Faust aufs Auge. Solche von Goethe ausgehende Ideen belachte das harmlos gutmütige Publikum, es lachte auch, wenn Goethe von seinem Stuhl inmitten des Parterre sich erhob und mit donnernder Stimme rief: »Man lache nicht!« Und der Hof mit dem Herzog an der Spitze, die Besseres kannten, sahen in dieser Zeit der Anspruchslosigkeit über die Mängel hinweg, indem sie sich an das besser Gelungene hielten und allmählich auf einen allgemeinen Fortschritt hoffen zu dürfen glaubten. Einen merkwürdigen Grundsatz hatte Goethe auch damit aufgestellt, daß kein weimarischer Schauspieler Gastrollen geben und kein fremder auf der hiesigen Bühne erscheinen dürfe. Der Grund lag in der Besorgnis, die guten Mitglieder möchten durch größere Anerbieten zum Abgang verlockt werden und die mittelmäßigen durch das Auftreten bedeutender Talente dem Publikum in ihrem wahren Lichte erscheinen. Dadurch wurden den einheimischen[90] Künstlern aber Selbsterkenntnis und Fortschritt erschwert, und sie fühlten sich um so unglücklicher, als sie ein karges Auskommen besaßen, durch Vorschüsse an die Scholle gebunden waren und keinen Nebenverdienst sich zu erwerben vermochten. Diese Vorschüsse waren ein Hauptmanöver meines Freundes Kirms, sich seiner Leute fest zu versichern, der Mann tat alles aus Interesse für seinen Herrn, Goethe ließ es geschehen, und der Herzog wußte es nicht.

Die Herzogin Amalia war diejenige von den Fürstlichkeiten, die am wenigsten von dem damaligen Stande des Theaters befriedigt wurde. Von der Erinnerung an die glänzende Oper in Italien erfüllt, nahm sie ungern mit der hiesigen Mittelmäßigkeit vorlieb, und wenn sie vom Schauspiel sprach, geschah es nur, um den kleinen, aber vortrefflichen Truppen Kochs und Seilers, die während ihrer Regierung auf dem Schloßtheater gespielt hatten, den Vorzug zu geben. Ein besonderer Umstand war es, welcher der geistvollen, aber leicht erregten Fürstin einen entschiedenen Widerwillen gegen die weimarische Neuschöpfung beigebracht hatte. Demoiselle Rudorf hatte eine sehr schöne Stimme, aber nicht eine Idee von musikalischem Talent, kein Taktgefühl und ein schlechtes Gehör. Da die Frau Herzogin ihr Engagement beim Theater wünschte, wurden Versuche gemacht, die sämtlich mißlangen; sie warf regelmäßig um, verdarb den anderen Sängern das Konzept und beschuldigte den Kapellmeister und das Orchester der Kabale. Ihre Tränenströme und Krämpfe erregten das Mitleid der Fürstin in solchem Maße, daß jene in Ungnade fielen und die kleinen Konzerte, ihre Lieblingsunterhaltung, eine Weile unterbrochen wurden. Am allerschlimmsten aber kam der Hofkammerrat weg, dem Goethe überlassen hatte, das Resultat der Prüfung höchsten Ortes mitzuteilen, und Demoiselle Rudorf sein »Unbrauchbar« dadurch vergalt, daß sie ihn unlauterer Absichten auf ihre Person beschuldigte. Von da ab sah die Herzogin in ihr die verfolgte Unschuld, während Hof und Stadt, der Herzog und Goethe an der Spitze, vom Gegenteil innig überzeugt waren. In der Pause nach dem Mittagsmahle teilte mir die Herzogin oft mit, wie schändlich wieder dieser und jener sich gegen[91] die arme Rudorf benommen hätte, und ich stand nicht an, sie von der Grundlosigkeit dieser Anklagen zu überzeugen. Das war mehr nach Art der Tauben als der Schlangen gehandelt, doch zürnte mir die Herzogin nicht, klopfte mir die Wangen und nannte mich ein gutes Mädchen; auch hatten mir manche der Ungnade Verfallene zu danken, daß sie erlöst wurden, vor allem der Kapellmeister, der über seine unverdiente Verbannung vom Hofe beinahe melancholisch geworden war.

Wenn auch der Frieden in Deutschland wieder eingezogen war, rüstete doch Österreich neuerdings gegen Italien, und Graf Veterani, der den Abschied hatte nehmen wollen, war wahrscheinlich durch seine Familie so lange daran verhindert worden, bis sein Regiment Marschordre erhielt und er nicht zurückbleiben konnte. Er beschwor mich, seine Rückkehr abzuwarten und in der Zwischenzeit die Bühne nicht zu betreten, doch leuchtete aus seinem Briefe deutlich eine gewisse Entsagung hervor, und ich brauchte mir keinen Vorwurf zu machen, daß ich das abermalige Hindernis der Verbindung ohne Aufregung ertrug. Sein Bild war in meiner Seele verblaßt, ich würde nur mit Bedauern aus meiner gegenwärtigen Lage geschieden sein, und da mein Vater mich nicht einer weiteren ungewissen Zukunft überlassen wollte, wurde mein Verhältnis zu dem Grafen gelöst. Als diese Veränderung am verwitweten Hofe bekannt wurde, nahmen die Verhältnisse eine andere Gestalt an. Demoiselle Rudorf, im Bunde mit Fräulein v. Göchhausen und einer alten bösen Kammerfrau, der ich unklugerweise nicht den Hof gemacht hatte, wünschte meine Entfernung, und durch kleine Mißgriffe, Verstöße und Unvorsichtigkeiten habe ich zweifelsohne selbst zur Erreichung ihres Zweckes beigetragen. Die Einladungen wurden seltener und verloren sich endlich ganz; zuweilen ließ die Frau Herzogin mich rufen, um mir Verweise über Dinge zu geben, von denen ich nicht ein Sterbenswort wußte, und bei solcher Gelegenheit sagte sie mir auch, daß sie mich nicht auf dem weimarischen Theater zu sehen hoffe. Das geschah aus Erbitterung gegen Kirms, die sie niemals hat verwinden können; ich hatte über meine Zukunft keine Pläne und konnte deshalb weder Ja noch Nein sagen. Jedenfalls war die Prophezeiung[92] meines Vaters in Erfüllung gegangen, die Fürstengunst hatte sich geändert; doch kannte alle Welt die Quelle meines Mißgeschicks, und sowohl der regierende Hof wie meine Bekannten und Freunde verdoppelten die Zeichen ihres Wohlwollens. Der Hofkammerrat aber, der mit der Unbeständigkeit des menschlichen Herzens und dem Wechsel aller irdischen Dinge rechnete, fand den Augenblick gekommen, als mein schwacher Tränenstrom über den Verlust des guten Veterani versiegt war, mit seinem Anstellungsprojekt herauszurücken. Mein Vater zog ein Engagement mit bescheidenem lebenslänglichen Gehalt in der Vaterstadt einem glänzenden im Auslande vor, ich glaubte dem Herzog, der sich tätig für meinen Bruder interessierte, Dankbarkeit schuldig zu sein und hielt es in meiner übertriebenen Großmut und meiner praktischen Unkenntnis für eine Schlechtigkeit, um des Geldes willen das Fürstenhaus zu verlassen, das mir Treue gehalten hatte, als die Herzogin mich fallen ließ. Meine Liebe zur Prinzeß und zu meinen Eltern, die angenehmen Beziehungen zu bekannten Familien und meinen Freundinnen würden mir den Abschied schwer gemacht haben, so daß ich beschloß, dem allgemeinen Wunsch und der Ansicht der Meinigen Folge zu leisten und in Weimar zu bleiben. Ich ward nach den damaligen bescheidenen Verhältnissen mit 600 Taler Gehalt inklusive Garderobegeld und 300 Taler Pension als Hofsängerin engagiert, während meine Verbindlichkeit darin bestand, aller acht Tage im Konzert am Hofe zu singen und als erste Sängerin in der Oper aufzutreten. Im Schauspiel war ich nicht verbunden zu spielen, doch rechnete man auf meine Gefälligkeit, auch bezüglich einiger Gastrollen in Lauchstädt, wo die Gesellschaft die Sommermonate zubrachte.

Die Konzerte am Hofe vermehrten die Annehmlichkeiten meiner Stellung. Die Prinzessin Karoline, der liebenswürdige Erbprinz und viele meiner Freunde aus der Hofgesellschaft besuchten mich im Orchester, wohin die Etikette mich verbannt hatte; nie waren meine Wünsche darüber hinausgegangen, nur glaubte ich diesen Platz am Hofe meiner früheren Beschützerin erlangen zu können. Denen, die nicht am Spieltisch beschäftigt waren, und den fürstlichen Kindern[93] wurde es zur Gewohnheit, den Teil des Orchesters, an dem mir mein Platz angewiesen war, als Versammlungsort zu Betrachten, und schließlich saß ich mitten in der Gesellschaft, angenehm unterhalten und mit Güte und Freundlichkeit überhäuft. Die Prinzeß und ihre Erzieherin, Fräulein v. Knebel, liebten es, wenn ich vor dem Konzert eine halbe Stunde zu ihr kam; wir gingen dann zusammen hinunter und traten aus verschiedenen Türen in den Saal, eine Kleinigkeit, der die Folge Wichtigkeit verleihen wird. Die beiden Fürstinnen beobachteten im Saale mir gegenüber eine Haltung, die den Unterschied ihrer Denkungsart auffallend bezeichnete. Beide waren edel und großmütig, aber die Herzoginmutter ließ sich von einer gewissen Leidenschaftlichkeit und von Eindrücken beherrschen und zu Übereilungen verleiten, die ihr selbst leid taten; die regierende Herzogin war kalt und stolz, stand daher einer Menge Relationen fern, die jene in folge ihres vielseitigen Interesses und Gemüts, wie man heute sagt, beherrschten. Diese Wesensverschiedenheit hatte eine Entfernung beider herbeigeführt, und es geschah nicht selten, daß die eine das protegierte, was die andere fallen ließ; ich würde sagen, daß auch ich den Schutz der regierenden Frau diesem Umstande zu verdanken hatte, wenn ich nicht Ursache hätte, ihn ihrer Gerechtigkeitsliebe zuzuschreiben. Stolz fand man sie, weil sie an der höfischen Etikette der früheren Zeit festhielt, ihrer hohen Gestalt stets eine wahrhaft majestätische Haltung gab und nur dem Adel den Zutritt zu ihren Cercles gestattete, obwohl sie alle Stände nach ihren Verdiensten achtete. Aus diesen Gründen wurde sie eine Zeitlang im Lande nicht geliebt, indes die Herzoginmutter vergöttert wurde, und die scharfe Trennung der Stände samt einer gewissen gegenseitigen Animosität hat sich in Weimar noch lange fortgesetzt und in der früheren Zeit die gesellschaftlichen Verhältnisse der kleinen Stadt gestört. Sobald nun beide Fürstinnen die Runde unter den im Kursaal versammelten Damen gemacht hatten, setzte die Musik ein, und die Bewegung ging in Stille über; Herzogin Luise näherte sich dem Orchester und erwiderte meine tiefe Verbeugung mit huldvollem, doch ernstem Neigen des Hauptes, während sich Herzogin Amalia an den Spieltisch begab,[94] um mir durch das die Musik unterbrechende Geklapper der Marken die Fortdauer ihrer Ungnade kundzutun. Es waren aber auch bei meinem Engagement Dinge vorgefallen, die ihre Unbefangenheit stören mußten. Wenn die Königin Elisabeth von England dem Grafen Essex mit ihrem Handschuh einen Backenstreich versetzte, so bediente sich unsere Herzogin der wirklichen Hand, um meinem Vater, als er ihr die Nachricht meiner Anstellung brachte, eine veritable Ohrfeige zu geben. Derselbe kam vor der gewöhnlichen Zeit zornig nach Hause und ging mehrere Tage nicht ins Palais, bis ein Billett der Fürstin das gute Einvernehmen wiederherstellte.

Meine theatralische Laufbahn wurde am 18. Februar 1797 mit Oberon eröffnet, und die Direktion hegte eine so hohe Meinung von meinen Talenten, daß sie die Eintrittspreise erhöhte. Das Haus war zum Erdrücken voll, Wieland saß in der ersten Reihe des Parterres und war entzückt, die Figuren seiner Imagination mit seinem physischen Auge zu sehen; ein über das andere Mal rief er aus: »Das ist mein Oberon, so habe ich ihn mir gedacht!« Ich war aber auch in meinem damaligen Alter kein unwürdiger Repräsentant des kleinen Gottes, mein Erscheinen brachte eine allgemeine Erregung hervor, vielleicht deshalb, weil das Publikum so sehr mit der Mittelmäßigkeit hatte vorlieb nehmen müssen; auch meine beiden anderen Debüts, als Prosper in der »Wilden« (1. März) und als Konstanze in der »Entführung« (11. März) erregten enthusiastischen Beifall; die Herzogin ließ mich zu sich kommen, um mich mit dem Ausdruck ihres Beifalls und dem Geschenke eines Kolliers und eines wunderschönen Kleides zu erfreuen. Diesem glänzenden künstlerischen Etablissement entsprechend, suchte ich nun auch meine häuslichen Verhältnisse umzugestalten und erhob meine Blicke aus der Unterstube zu dem größeren Logis, das von dem Beckerschen Ehepaar verlassen worden war, um mein Ideal von einer eleganten Wohnung auszuführen. Freilich wurde vieles zu Kattun und Musselin, was als Seide in meiner Phantasie geglänzt hatte, aber die Pracht wurde durch Geschmack ersetzt, das Malergenie meines Bruders verzierte die kleinen Räume mit Blumenbordüren und Stoffdraperien, und auf den niedlichen Geschenken meiner Freundinnen[95] verweilte das Auge um so lieber, als sie an die freundliche Absicht der Geber erinnerten. Mit Erlaubnis meines Vaters wohnte meine Schwester Marianne bei mir, und nun strebte ich bei ihr das hervorzurufen, was ich selber in Mannheim nicht besessen hatte, nämlich eine Ordnungsliebe, die jetzt plötzlich in mir erwachte, als ich mein eigener Herr war. So sehr mich die Außenwelt in Anspruch nahm, habe ich für meine Schwester eine mütterliche Sorgfalt entfaltet.

Zu Goethe trat ich nach dem Abschlusse meines Engagements in dieselbe Stellung, die ich in Mannheim dem Intendanten gegenüber eingenommen hatte. Die Unterhandlungen waren zwischen dem Hofkammerrat und meinem Vater geführt worden, wobei sich Goethe so steif und gerade verhalten hatte, wie er sich in seiner äußeren Erscheinung zeigte. Ich glaube auch nicht, daß ihm meine Akquisition besonders angenehm war, denn meine Stellung, mein Talent und meine Neigung entzogen mich der sklavischen Unterwürfigkeit, in der er die Theaterdamen sich gegenüber zu sehen wünschte, doch war sein Empfang, als ich ihn als engagiertes Mitglied zum erstenmal besuchte, überaus freundlich und verbindlich. In seinem Wesen lag eine gewisse Pedanterie, in seiner Haltung eine Steifheit, die in früheren Jahren die Jugendlichkeit trotz seines klassisch schönen Gesichts nicht zu voller Erscheinung kommen ließ; der schön geformte Mund, der an den Apoll von Belvedere erinnerte, konnte lachen, ohne freundlich zu sein, das große dunkle, scharf geschnittene Auge blieb immer ernst, selbst wenn der Mund lächelte, und störte die Harmonie, die bei weniger schönen Zügen so angenehm berührt, das Ganze imponierte, sprach aber nicht zum Herzen. Ich gestehe mit Beschämung, daß damals nur gemütliche Eindrücke über meine Handlungen entschieden und daß ich den nächsten Schritt nicht überlegte, auch will ich nicht verhehlen, daß ich von Goethes besten Werken damals noch nichts kannte, was mich hätte veranlassen können, ihm die gewohnte Huldigung darzubringen, und lediglich früher aus der Bibliothek der Herzogin den Götz gelesen hatte. Jetzt fiel es mir nicht ein, mich wie das übrige Theaterpersonal bei Goethe dadurch zu insinuieren, daß ich der Vulpius den Hof machte, so gut ich ihr[96] auch war. In meiner Kindheit wohnte sie neben uns und war ein sehr hübsches, freundliches, fleißiges Mädchen; aus ihrem apfelrunden, frischen Gesicht blickten ein paar brennend schwarze Augen, ihr etwas aufgeworfener kirschroter Mund zeigte, da sie gern lachte, eine Reihe schöner weißer Zähne, und dunkelbraune volle Locken fielen ihr um Stirn und Nacken. Sie ernährte ihren pensionierten Vater und eine alte Tante durch ihre Geschicklichkeit im Verfertigen künstlicher Blumen, und Goethe lernte sie in dieser Dürftigkeit kennen; in den Überfluß versetzt und zu neuen Lebensgenüssen ermuntert, holte sie nicht nur das Vermißte nach, sondern aß und trank dermaßen, daß ihre kindlich naiven Züge den Ausdruck einer Bacchantin annahmen und ihre Gestalt zur Überfülle drängte. Sie war stets umgeben von dem obskuren Teil der weiblichen Talente, aus denen auch Goethe vorzugsweise seine Lieblinge wählte, Schauspieler schlossen sich ihr an, um gut zu leben und dankbare Rollen zu bekommen, und die Zusammenkünfte waren meist lärmender Natur. Der Mann, den sie so tief verehrte, sanktionierte diese Lebensweise, hatte ein Wohlgefallen daran, wenn sie sich rücksichtslos ihren Vergnügungen überließ, und erlaubte ihr, selbst als sie schon seine Gattin war, nach Lauchstädt und Jena zu fahren, um dort zu tanzen und sich von den jungen Herren verspotten zu lassen, wenn sie dem Punschglas so eifrig zugesprochen hatte, daß ihre Zunge lallte und ihr Angesicht wie Feuer glühte. Goethe dachte nicht daran, ein Wesen, das er sich so nahe gestellt hatte, als es noch bildungsfähig war, zum Hohen zu erheben, sondern überließ es seinen niederen Neigungen.

Als ich von Mannheim kam, war das Verhältnis öffentlich etabliert, und daß die Vulpius bei Goethe wohnte, für die kleine Stadt etwas Unerhörtes. Er war der erste und einzige, der es wagte, die öffentliche Meinung ohne Scheu zu verachten, und man fand das um so verletzender, als man darin einen Mißbrauch des Vorrechts erkannte, das ihm die fürstliche Freundschaft in mancherlei Hinsicht gewährte. Der Totaleindruck, den ich von dem großen Manne erhielt, war kein ganz vorteilhafter, und wenn man sich meiner selbstgeschaffenen Grundsätze erinnert, wird man diese Wendung begreiflich finden.[97] Als ich ihm durch das Theater näherkam, fanden sich neue Gründe zur Unzufriedenheit, wenn auch nur künstlerische, die sich gleich bei meinem ersten Auftreten offenbarten. In Mannheim war alles einfach, aber anmutig arrangiert, die Versöhnungsszene Oberons und Titanias malerisch geordnet; hier legte Goethe der Wiedervereinigung Schwierigkeiten in den Weg, indem er hinter dem Wolkenwagen, in dem sich Oberon der Erde nähert, um mit der Gattin in die Lüfte zu entschweben, eine durch eine Wolke schlecht versteckte Leiter anbringen ließ, auf der zwei Genien – wieder jene hausbackenen Seminaristen – über den Häuptern der neu Versöhnten einen Kranz halten mußten. Durch die Leiter blieben aber die Gatten getrennt, konnten nur die Arme sehnsüchtig ausstrecken und sich einander zuneigen, während das Verschweben in den Wolken ganz wegfallen mußte. Daß meine Titania ein gestreiftes Musselinkleid anhatte, hoch frisiert war und statt fleischfarbener Sandalen schwarze rauhlederne Schuhe mit Schnallen trug, indignierte mich ebenfalls, und die kleinen steifen Röschen, die hie und da auf Kleid und Frisur angebracht waren, konnten mich mit dem lächerlichen Ganzen nicht versöhnen. Ich kam von einer Bühne, die nach Regeln geleitet wurde und auch darin zum Muster dienen konnte, daß der Ton, der unter den Künstlern herrschte, anständig und fein war, während hier Willkür und Despotismus regierten. Das Personal war mit geringer Ausnahme von unglaublicher Roheit, der allgemeine Ton nicht viel von einer herumziehenden Truppe unterschieden. Wie ich früher schon sagte, gehörte es zu den Grundsätzen des Hofkammerrats, die Schauspieler durch Vorschüsse zu fesseln; die Abzüge versetzten dieselben in die drückendste Lage, und so mußte ich mit armen unzufriedenen Leuten und wenig bedeutenden Talenten – ich spreche nicht von der Oper allein – meine Aufgaben ausführen, daß mir alle Freude zu neuen Rollen verging. Diese Mängel schrieb ich dem Lenker des Theaters zu und war böse, daß er geschehen ließ, was so leicht besser gemacht werden konnte, auch, daß er für alle Nebendinge kein Interesse hatte, die dem Schauspieler gleichwohl wichtig sind, weil er bei der ersten Auffassung der Rolle sein Spiel daran anknüpft. Wenn zum Beispielin einem Stücke eine Grotte vorgeschrieben war, die mit Kränzen geschmückt werden, eine Laube, in der man lauschen, ein Wasserfall, an dessen Rande man einschlummern sollte, so wurde in der Probe nichts von diesen Requisiten vorgeführt oder auch nur angedeutet, vielmehr rief Goethe aus dem Parterre, wo er zuweilen, aber nicht oft, den Proben beiwohnte: »das supponiere man!« Wenn man sich aber wirkungsvollere Aktionen bis zur Vorstellung supponieren soll, so ist das ein sehr großes Hindernis für die Darstellung und verdirbt dem Künstler die Freude an der Arbeit. Diese Einzelheiten von Goethes Persönlichkeit und Theaterpraxis werden es begreiflich machen, daß ich mich damals, wo Eindrücke allein über mich entschieden, von ihm mehr abgestoßen als angezogen fühlte.

Quelle:
Jagemann, Karoline: Die Erinnerungen der Karoline Jagemann nebst zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten aus der Goethezeit. Dresden 1926, S. 74-75,77-87,89-99,101.
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