Zweites Kapitel

Mannheim (1792–1796)

[52] Ausser der Beachtung Ihrer Künstlerischen Leistungen erwächst der angehenden Priesterin der Thalia noch der andere mehr oder weniger zweifelhafte Gewinn, daß ihr die jungen Männer ihre Verehrung zu Füßen legen. Der erste, der mich mit Auszeichnung behandelte, war George Heydel, der älteste Sohn der Kriegsrätin, ein ernster, hübscher siebzehnjähriger Mensch, der eben das Münchener Kadettenhaus verlassen hatte. Ernst und schweigsam war er auch in seinen Huldigungen, die aber weder für meine Eitelkeit noch mein Herz gefährlich waren, vielmehr mir ärgerlich wurden, als seine Mutter auf sie wohlgefällig anspielte. Ich richtete mein Betragen sorgfältig darauf ein, daß er an keine Aufmunterung glauben durfte, verlor darüber die Unbefangenheit und wurde ihm erst gut, als er aufhörte, mir den Hof zu machen. Der zweite hieß Peter Friedrich, ein gleichfalls hübscher Junge ähnlichen Alters, der mir aber schon deshalb nicht gefiel, weil sein Taufname allzu wenig romantisch klang, und junge Mädchen geben etwas auf derlei äußere Dinge. Der Regisseur Iffland stand mit seinem Vater, dem Hofkellermeister, in freundschaftlichen Beziehungen, und so durfte er in die Proben kommen, wo er mir nach meinen ersten glücklichen Debüts Weihrauch streute, der mich verschnupfte. Als er gar in meine engen Kreise eindrang, eine Scheibe der Jesuitenkirche von ihrem ehrwürdigen Schmutze reinigte, um in mein Zimmer zu sehen, und in einer alten Halbchaise aufrechtstehend wie Phoebus oder Hippolyt die Rosse durch unsere stille Straße lenkte, um mir durchs offene Fenster Blumen zuzuwerfen, ergrimmte ich ernstlich, um ihn für immer zu vergessen. Um diese Zeit (Herbst 1795) sollte Fritz Eisendecher, ein Göttinger Student, nach Mannheim kommen, seinen Onkel Iffland zu besuchen. Derselbe hatte nach den ersten Glanzmomenten meines öffentlichen Auftretens seine Freundlichkeit wieder aufgesteckt; aber der Nimbus, in dem ich den sonderbaren[53] Mann und herrlichen Künstler trotzdem erblickte, färbte auf seinen Neffen ab, der in Wahrheit nicht schön war, aber einen angenehmen Eindruck machte. Herr v. Dalberg hatte gegen Herrn Beck geäußert, ich möchte mich verlieben, damit mein Spiel wärmer und lebendiger würde; wenn das Wort »verlieben« mir nicht zu unangenehm wäre, würde ich sagen, sein Wunsch sei mit Fritzens Erscheinen in Erfüllung gegangen. Man suchte ihm angenehme Tage zu machen, arrangierte Bälle, zu denen ich geladen wurde, und als er nach sechswöchiger Herrlichkeit Abschied von mir nahm, flossen unsere Tränen unaufhaltsam. Auf der ersten Station wollte er umkehren, um in Mannheim Schauspieler zu werden, besann sich aber eines Besseren. Ich hielt mich an die Worte, die er mir in das Stammbuch geschrieben hatte, das er mir nebst einem Ring mit seinen Haaren schenkte, und war bei seinem ersten Briefe glücklich. Der zweite war kürzer, der dritte inhaltlos, und ein vierter kam überhaupt nicht; der Schmerz darüber hat ein ganzes Jahr bei mir nachgeklungen. Auch verletzte es mich, daß Iffland meine Liebe als Zerstreuung für seinen Neffen und Beck sie als künstlerisches Hilfsmittel betrachtete; wenn das Feuer sich wirklich eingestellt hat, war es mit einem Jahre voll Schmerz teuer erkauft.

Meine Bühnenleistungen hatten mir mittlerweile einen Namen gemacht, und ich bekam Anträge von Berlin und Frankfurt am Main, die dreimal soviel Gehalt wie Mannheim boten; aber mein Kontrakt fesselte mich an meine bescheidenen Verhältnisse, und mein Vater wollte von keiner Veränderung wissen, da das Mannheimer Theater mit Recht in dem Rufe ausgezeichneter Sittlichkeit stand. So sah ich meine schöne Jugend vergehen, ohne der Erfüllung von Hoffnungen näher zu kommen, auf die ich die Entschädigung für eine freudenleere Vergangenheit gebaut hatte. Ich konnte meiner Mutter nichts geben, weil ich mir selbst alles versagen mußte, was über das Allernotwendigste hinausging, und mit jedem Tage stieg der Druck, den man in meiner Erziehung zur Regel gemacht hatte. Ich hatte mit unzähligen jungen Schauspielerinnen dasselbe Geschick, dem männlichen Teile des Publikums besonders zu gefallen, aber das seltene Mißgeschick, eine scharfe Aufsicht[54] über alle meine Schritte, beinahe alle meine Gedanken, erdulden zu müssen. Herr Beck verlangte Rechenschaft über jeden Gruß auf der Straße und die Art meiner Erwiderung; die Verhöre nahmen kein Ende und waren um so peinlicher, als man beständig Mißtrauen in meine Antworten setzte. Oft ereignete es sich, daß Madame Beck mir morgens in ihrer stolzen Art ankündigte, sie wolle mich abends auf den Ball mitnehmen, und wenn ich mich der mangelhaften Toilette wegen mühsam darauf eingerichtet hatte, kam die Botschaft, daß ein Hindernis eingetreten sei. Wenn Beck oder Iffland, der von seiner Höhe herab sich auch zuweilen um mich kümmerte, erfahren hatten, daß dieser oder jener Anbeter auf dem Ball sein würde, wurde mir gesagt, man traue mir Zartgefühl genug zu, um zu Hause zu bleiben. Dieses Vertrauen verdiente ich nicht, fühlte mich im Gegenteil verletzt, daß ich nicht mit jenen jungen Männern sprechen und tanzen durfte. Diese Erziehungsmethode verdarb mir nicht nur jeden heiteren Genuß, sondern setzte mich auch Demütigungen und Kränkungen aus, so daß mir schließlich meine Lage unerträglich wurde. Ich wollte fort von Mannheim und sah mich doch wie ein Vogel im Käfig eingeschlossen; das traurigste aller Wehen, das Heimweh, durchzog meine Seele, lebenssatt beneidete ich die Toten und fand einen Genuß darin, Leichen zu besuchen, um den Ausdruck der Ruhe zu bewundern, auf Gräbern zu weilen, um mich auszuweinen.

Einst sah ich in solch schwermütiger Stimmung, die sorgenvolle Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, in unsere düstere, feuchte Straße hinab. Da schlug Pferdegetrappel an mein Ohr, und wie eine Geistererscheinung erblickte ich unseren Herzog; ich stürmte an der staunenden Frau Kriegsrätin vorüber die Treppe hinab, an der Pforte des pfalzgräflichen Palais standen zwei Pferde, ein mir wohlbekannter Reitknecht hielt die Zügel. Ich ging zu dem guten Schöning, so hieß er, und hätte ihn am liebsten ans Herz gedrückt; seine Worte in der lange nicht gehörten Mundart schmeichelten sich mir ins Herz. Iphigenie spricht ein wahres Wort: »Der letzte Knecht, der an den Herd der Vatergötter streifte, ist uns in fremden Landen hoch willkommen.« Und nun erschien mir gar unerwartet[55] der geliebte Landesherr, den ich als Kind oft gesehen und gesprochen hatte! Wir kleinen Leute in Weimar standen unserem Fürsten nicht so fern wie die großen in prächtigen Residenzen, der herrliche Park, den er geschaffen hatte, wimmelte von Kindern, mit denen er sich gelegentlich freundlich unterhielt; sie sahen ihn oft und liebten ihn mit der Ehrfurcht, die sie von den Eltern überkommen hatten. Unvergeßlich ist mir aus meinen Kinderjahren der Moment, als ich an einem schönen Morgen, wie man zu sagen pflegt, an den Ufern der Ilm spazierenging, Blumen pflückte und sie in den Kahn trug, den man mittels Tauen und Rollen an das gegenseitige Ufer beförderte. Ich konnte nicht mehr vorwärts noch zurück, als der Herzog auf die Stufe herabtrat, um sich augenscheinlich dieses Fahrzeuges zu bedienen. Als er die Stränge faßte, um den Kahn an sich zu ziehen, wollte ich mit einem tiefen Knix die terra firma gewinnen, aber ein alter häßlicher Husarenoffizier hob mich zu sich herauf und gab mir einen abscheulichen Kuß, den ich auf der Stelle abwischte. Der Herzog klopfte mir sanft die Wange und fragte nach meinem Namen, worauf ich mich als die kleine Jagemann vorstellte, eine Szene, von der nichts mehr vorhanden ist als die Erinnerung und der Pfahl, an dem die Taue befestigt waren. Goethe gab damals zuweilen Kindern aus bekannten Familien Feste im Freien, an denen der Herzog stundenlang teilnahm; seine Scherze gewannen ihm die Liebe und Anbetung der Kleinen, während tausend Züge von Milde und Gerechtigkeit, die sein einfaches und fürstliches Wesen offenbarten, die treue Anhänglichkeit der Untertanen beförderten. Als ein Teil der Vorstadt von einem Wolkenbruch unter Wasser gesetzt war und Menschen wie Tiere in Lebensgefahr schwebten, ritt er in die Flut und brachte durch zweckmäßige Anordnungen den Geängsteten Hilfe; bei jeder Feuersgefahr übernahm er das Kommando, hörte jeden Notleidenden an und sandte den Würdigen zur rechten Zeit Trost und Erquickung. Solche Erinnerungen tauchten in meinen Gedanken auf, als der gute Schöning mir von der Vaterstadt und den Meinigen erzählte; ich hätte den Herzog gar zu gern erwartet, doch mußte ich mein bewegtes Herz auf eine spätere Gelegenheit vertrösten.[56]

Die Genesung der Frau Kurfürstin von einer schweren Krankheit wurde mit einer Beleuchtung der Stadt und einer Abendmusik unter den Fenstern ihres Schlafzimmers gefeiert. Der Glanz von tausend Glaskugeln zitterte durch das dunkle Grün der Kastanienbäume, die den Platz umgaben, auf dem sich das hell erleuchtete Orchester erhob. Ich hatte eine Gesangspartie auszuführen und konnte von meinem erhöhten Standpunkt die Menge überblicken, so daß ich in der vordersten Reihe unseren Herzog bemerkte, den Graf Wartenberg auf mich aufmerksam zu machen schien; in der nächsten Pause traten beide zu mir und sagten mir viel Freundliches. Der Herzog lud mich ein, nach Weimar zu kommen, sobald es die Zeitumstände erlaubten, damit sich auch die Landsleute meiner Fortschritte erfreuen könnten; aber bei den bewegten Zeiten war daran vorläufig nicht zu denken. Wir hatten schon lange in nächster Nähe des Krieges gelebt, und in der Festung wechselten beständig die Besatzungen; der Prinz Louis von Preußen lag in Mannheim an einer Blessur danieder, die er vor Mainz empfangen hatte, und unser Herzog besuchte ihn öfter. Das in der Umgegend verteilte Militär besuchte das Theater häufig, doch bald traten so ernste Umstände ein, daß die Truppen feste Stellungen innehielten, auch unser Herzog war nicht mehr zu sehen, man sprach von einer Annäherung des Feindes. Man sah nur gespannte Gesichter und hörte nichts als politische Gespräche; dabei standen sich die Meinungen schroff gegenüber, Aristokraten und Demokraten haßten sich bis aufs Blut, nur in der Angst, daß die Festung eingeschlossen werden würde und eine Belagerung aushalten müßte, fanden sie sich zusammen. Trotzdem war der gesellige Sinn noch lebendig, der durch die Kanonaden und jenseits des Rheins aufsteigenden Feuersäulen wohl gestört wurde, aber infolge der beständigen Aufregung, des reichen Unterhaltungsstoffes und des Gedankens an plötzliche Veränderungen die Bekannten immer wieder vereinigte. Namentlich wurde der schöne Garten von Schwetzingen viel besucht, und zu einer solchen Partie erhielt ich von Herrn Beck die Erlaubnis, da er die Teilnahme des Herrn v. Verger, Hauptmanns im Regiment Zweibrücken, unbedenklich fand. Dieser solide,[59] gutmütige und sanfte Dreißiger war aber auch ein Verehrer von mir und benutzte die Gelegenheit, mir tags vorher Herz und Hand anzubieten, so daß ich Herrn Beck mitteilte, nicht an dem Ausflug teilnehmen zu können. Ich wurde wegen meines Zartgefühls gelobt und Herr v. Verger von meiner Unpäßlichkeit benachrichtigt; da er sich nicht aufzudrängen liebte und ich außerhalb der Bühne selten zu treffen war, sah ich ihn erst später als rettenden Engel wieder.

Ich hätte längst einer Freundin gedenken sollen, die mir der Himmel in der Zeit meiner ersten Herzenstäuschung zuführte, Betty Koch, die mit ihrem Vater vom Mainzer zum Mannheimer Theater gekommen war. Sie war ein liebliches, talentvolles Mädchen, in meinem Alter und meinem Rollenfach, und weil sie in jeder Hinsicht über der Unbedeutendheit stand, die Herrn Beck an den jungen Mannheimerinnen so zuwider war, und von ihren Eltern ebenso kurz gehalten wurde wie ich von meinen Erziehern, ward mir der Umgang mit ihr gestattet. Wir sahen uns täglich im Hause, im Freien und auf dem Theater, so daß man uns die Unzertrennlichen nannte; die Gräfin Oynhausen war meine freundliche Beschützerin und herzliche Gönnerin, aber Betty durch die Gleichheit der Verhältnisse die Vertraute meiner Empfindungen und meiner Schwärmerei. So sah ich die Lücke, die mir der Tod von Luise v. Koppenfels gerissen hatte, zum ersten Male ausgefüllt; auch wurde ich in der Kochschen Familie wie ein Kind des Hauses behandelt. Ich verkannte die gute Absicht nicht, die meiner Erziehung zugrunde lag, aber die mißtrauischen Verhöre stachen doch gar zu grell von der liebevollen Milde ab, die Vater Koch bei aller Strenge seiner Tochter angedeihen ließ. Indes sollte bald genug in meinem Verhältnis zu Herrn Beck eine Wendung eintreten. Seit kurzem war ein Münchener Offizier hierher versetzt worden, ein großer Theaterfreund, der meinen Rückweg vom Theater nach Hause oft genug kreuzte. Seine Frau war nachgekommen und schlenderte eines Abends neben der Militärmusik, die man damals in Mannheim die türkische nannte, an seinem Arm durch die Straßen; klein und blond, hatte man sie mit mir verwechselt und Herrn Beck von der[60] entsetzlichen Begebenheit unterrichtet. Ein sehr scharfes Verhör setzte meiner Geduld und Unterwürfigkeit ein Ziel, und mit einer Entrüstung, die ich mir selbst nicht zugetraut hatte, verwies ich Herrn Beck seinen Unglauben an die Wahrheitsliebe, die ich mir von jeher zum strengen Gesetz gemacht hatte. Wie erstaunte ich, als er meine Hand ergriff, sie küßte und mit den Worten: »Sie sind ein edles Wesen«, schnell das Zimmer verließ! In unbeschreiblicher Bewegung genoß ich zuerst den Triumph, daß der stolze Mann, der wie ein Gebieter und Richter über mir gestanden war, mich anerkannte; aber die Eitelkeit hatte einen bedenklichen Anteil an diesem Gefühle, bis mein besseres Ich mit dem Vorsatz erwachte, mich jener Meinung wert zu machen. Wie ein Blitz schlug dieser Gedanke in meine Seele ein, und ich darf mich rühmen, immer wahr geblieben zu sein, wenn auch darüber manche Jugendfreuden verloren gingen, die spätere Jahre nicht ersetzten. Das veränderte Betragen des Herrn Beck, der wie ein Fürst unter dem Theaterpersonal auftrat und ganz besondere Ehrerbietung genoß, setzte alle in Erstaunen, die mich wegen des auf mir lastenden Druckes bedauert hatten; nicht das Wesen, aber die Form hatte sich geändert, in vollem Kontrast zu der Nichtachtung der Madame Beck, die zwar unermüdet fortfuhr, meinen Gesang auszubilden, aber sonst abstoßend und lieblos blieb. Ich muß deshalb glauben, daß sie mir ihre Sorgfalt mehr aus Ehrgeiz als Teilnahme widmete; in jedem Falle bin ich ihr unendlichen Dank schuldig, obgleich sie Mut und Zuversicht erstickte, die sich in Mannheim bei musikalischen Vorträgen nie wieder einfinden wollten. Unterdessen machte der Kriegsgott immer stärkere Fortschritte. Bei Iffland, einem leidenschaftlichen Politiker und enragierten Franzosenhasser, hatte sich ein Bureau gebildet, wohin selbst hochgestellte Militärs der nahen Standquartiere ihre geheimen Nachrichten brachten, die sodann dem Herzoglichen Hause mitgeteilt wurden. Iffland stand dort als Künstler und Mensch in hohem Ansehen und war Hausfreund im Zirkel der Kammerfrauen, von denen Luise Greuhm, seine spätere Frau, die erste war in Hinsicht auf Verstand und Bildung, in dienstlicher Stellung und in der Gunst der Fürstin.[61]

Man hörte von allen Seiten Kriegsnachrichten, das Geschütz auf den Wällen wurde verstärkt, das Promenieren untersagt, endlich war das französische Heer nur durch den Rhein und die Festungswerke von uns geschieden. Jeden Abend sah man von den Observatorien brennende Dörfer und hatte alle Ursache, einen Angriff auf die Festung zu befürchten; für diesen Fall hatte Herr Beck am Heidelberger Tore, wohin die Kugeln von der Rheinseite nicht reichten, für sich, Iffland und mich eine Wohnung in Beschlag genommen. Das Logis in der oft erwähnten feuchten Gasse hatten wir längst mit einem anderen vertauscht, das aber, mit der Vorderfront gegenüber dem herzoglichen Palais, mit der Hinterseite nahe dem Walle nach dem Rhein zu gelegen, der höchsten Gefahr ausgesetzt war. Eines Abends – es war der 23. Dezember 1794, und ich hatte mich schon zur Ruhe gelegt – weckte mich der Donner der Kanonen, während Leuchtkugeln, die wie die Bälle der Jongleure in der Luft herumflogen, die Nacht in Tag verwandelten. Die Trommeln wirbelten, die Truppen rückten aus; Franz, der jüngste Sohn der Kriegsrätin, Kadett bei den pfälzischen Regimentern, eilte aus der tränenreichen Umarmung seiner Mutter in das Getümmel, Herr Backhaus (brav als Mensch, schlecht als Schauspieler) suchte die Kriegsrätin in Sicherheit zu bringen, und ich eilte nach dem Orte meiner Bestimmung. An der Ecke jener ominösen Gasse – sie hieß Jesuiten-, auch Kalte- und Windgasse, ein Beweis, daß ich ihr nicht zuviel getan habe – schlug eine Leuchtkugel in das Haus zündend ein, und ich mußte hindurch, um den freien Platz zu erreichen, auf den die Geschosse in dichtem Hagel niedersausten. In diesem Augenblicke ergriff eine männliche Gestalt meinen Arm und führte mich bis an die Tür des Beckschen Hauses; es war der Hauptmann v. Verger, der mit kurzen Abschiedsworten ebenso rasch wieder verschwand. In Becks Wohnung wurden die Kinder hastig aus den Betten gerissen, und zitternd vor Angst und Kälte traten wir den Weg nach unserem Zufluchtsort an, um in einem frisch gescheuerten Zimmer zu kampieren. Iffland und Beck eilten wieder fort, um sich an den Rettungswerken zu beteiligen, die Frauen und Kinder schliefen ein, nur ich fand auf meinem hölzernen[62] Stuhle keine Ruhe und wurde vom Gefühl gänzlicher Verlassenheit dermaßen erfaßt, daß ich besinnungslos in den Kugelregen zurückeilte, dem ich eben glücklich entflohen war. Unser Haus war verschlossen, es regnete Bomben, daß die Stücke über mich wegsprangen, und so irrte ich von Ort zu Ort, bis ich auf dem Theaterplatze ratlos haltmachte. Da stand auf einmal, von einem Feuerstreifen grell beleuchtet, Herr Beck wie ein zürnender Cherub vor mir, um mich nach dem Heidelberger Tore mitzureißen; als er mich dort vermißt hatte, war er nochmals ausgezogen, seinen Pflegling zu suchen. Den nächsten Mittag fuhren wir auf einem hochbepackten Leiterwagen nach Schwetzingen; am 25. Dezember war alles vorbei, die Rheinschanze und die davorliegenden Fleschen wurden den Franzosen übergeben, Österreicher, »Kaiserliche« genannt, besetzten die Festung, um mit den pfälzischen Truppen Dienst zu tun, und wir zogen auf unserem Leiterwagen wieder in Mannheim ein.

Unter dem kaiserlichen Militär befand sich ein ungarischer Husarenoffizier, Graf Almasi, dessen jugendlich schlanke Gestalt, anmutige, regelmäßige Züge, orientalisch langgeschlitzte, brennendschwarze Augen, wie mit dem Pinsel gezogene Brauen und keckes Schnurrbärtchen über den feinen Lippen (damals das spezifisch kriegerische Emblem) die seltene Erscheinung einer vollkommenen Schönheit bildeten. Niemand würde mir glauben, daß die Entdeckung seiner Zuneigung mir gleichgültig gewesen wäre, aber ich war von den letzten Erlebnissen so eingeschüchtert und hatte von meiner Persönlichkeit eine so geringe Meinung, daß ich an dieses Wunder nicht glauben wollte. Er erwartete mich beständig am Ausgange des Theaters mit ehrerbietigem Gruße, folgte mir bis an meine Türe und nahm im Theater, wenn ich beschäftigt war, seinen Platz im Parterre, wo nach stillschweigender Verabredung sich alle für mich gestimmten Seelen versammelten. Mit unerschütterlicher Ausdauer ließ er mir diese Zeichen seiner Anerkennung zukommen, und ich tat beharrlich zwei Monate lang, als bemerkte ich sie nicht. Da drang in einer von herrlichem Mondschein erhellten Sommernacht die Musik des mir wohlbekannten Säbelklirrens an mein Ohr oder vielmehr an mein[63] Herz. Meine Jalousien waren geschlossen, ich konnte daher ungesehen die Straße beobachten und sah den schönen Nachtwandler, in melancholisch-malerischer Stellung an das gegenüberstehende Haus geschmiegt, mit übereinander geschlagenen Armen meine Fenster betrachten, bis er mit einer angenehmen Tenorstimme mir durch das Lied »nel cor più non mi sento« die Hoffnung ausdrückte, endlich ein Lebens-, vielleicht auch ein Liebeszeichen zu erhalten. Entweder mußte ich mit einem einzigen Worte das Gebäude meiner Wahrheitsliebe, Zuverlässigkeit und Resignation über den Haufen werfen oder mich damit begnügen, das schöne Bild mit traurigem Wohlgefallen zu betrachten, ein paar heiße Tränen aus den Augen zu wischen und mich sachte auf mein Lager zurückzubegeben. Ich erkämpfte einen schweren Sieg, aber vergnügt fühlte ich mich nicht dabei. Im September 1795 wurde Mannheim, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden, ohne Schuß und Schwertstreich an die Franzosen übergeben, die Kaiserlichen verließen die Festung, und die pfälzische Besatzung mußte die Waffen strecken. Almasi war mit seinem Regimente fortgezogen; die Stadt schien mir ausgestorben, obgleich sie vom Lärm und Geschrei der neuen Machthaber ertönte, denen man nur mit Widerstreben gehorchte. Sie befahlen die Wiedereröffnung des Theaters, die am 27. September 1795 mit Mozarts »Entführung aus dem Serail« erfolgte, und in der Loge, in der man die herzogliche Familie zu sehen gewohnt war, brüsteten sich die Repräsentanten der großen Nation. Es verging ziemliche Zeit, bis der Besitz von Mannheim ihr streitig gemacht wurde, aber schon nach dem Abzug der deutschen Truppen gab es alle Augenblicke Alarm und Beunruhigung wegen baldiger Belagerung der Stadt durch die Kaiserlichen, so daß sich viele Familien auf die umliegenden Dörfer begaben. Familie Beck und ich logierten uns in dem jenseits des Neckar liegenden Dorfe Käferthal ein, wo sich eine ganze Mannheimer Kolonie gebildet hatte, die sich in den Bauernhöfen und Grasgärten gegenseitig Besuche abstattete. Eines Tages war Madame Beck zu einer Kaffeegesellschaft und Herr Beck in die Stadt gegangen, ich war bei den Kindern geblieben und stand im Haustor, die lange breite Straße hinabblickend,[64] als der leibhaftige Almasi mit seinen Husaren auf unseren Gasthof zusprengte. Der Schrecken fuhr mir in die Knie, und ich hatte kaum Kraft, mich in die untere Stube zurückzuziehen, von wo ich sah, wie er vom Pferde sprang und das Haus von oben bis unten betrachtete, wie Belmonte in der »Entführung«. Endlich entdeckte er mich und benutzte den Augenblick, mich seiner großen Liebe und unwandelbaren Treue zu versichern, indem er unter innigem Handkuß hinzufügte, daß er, sobald Frieden sein würde, nach Weimar kommen wolle. Alles das ward in Hast und Eile vollbracht, als ob keine zweite Gelegenheit wiederkehre, so daß ich, zudem durch seine Nähe und Stimme verwirrt, zu keiner Antwort kam und auch heute noch nicht weiß, was ich ihm gesagt haben würde. Da kehrte Herr Beck zurück, wurde von Almasi, einem Hauptmonstre in seinen Augen, begrüßt und trat mit ihm beiseite, worauf er mir mit größter Freundlichkeit erklärte, er habe den Grafen zum Souper an table d'hôte eingeladen. Ich wählte meinen Platz weit von dem Gaste; das volle Herz erlaubte dem Magen keine Ansprüche, ich dachte nur auf einen unbewachten Augenblick, einen Abschiedsgruß zu entsenden, den ein trauriger Blick Almasis erwiderte, als ich mich anschickte, die Kinder zu Bette zu bringen. Die Nacht hindurch hörte man heftige Kanonaden, infolge des Angriffs der Franzosen auf das Kaiserliche Lager, wie ein Husar Almasis uns am Morgen erklärte. Ich glaubte mir das Recht erkauft zu haben, mich nicht zu verstellen, und überließ mich meiner Niedergeschlagenheit, die aber alsbald durch Herrn Becks Nachricht, der Graf würde nachmittags zum Kaffee kommen, in volle Fröhlichkeit umgewandelt wurde. Nun wollte ich ihm meine Teilnahme bezeigen, ihm sagen, wie meine besten Wünsche ihn auf seinen gefährlichen Wegen begleiteten und wer weiß was alles Gute noch. Sonntägliches Glockengeläute weihte diesen Vorsatz; wir gingen alle zur Kirche, wurden aber rasch verscheucht, da sich die Nachricht verbreitete, in Mannheim würden nachmittags die Tore geschlossen, und wer hinwolle, müsse eilen. Weshalb alle das wünschten, die vorher das Gegenteil für richtig gehalten hatten, ist mir entfallen; genug, wir schlossen uns an, und Herr[65] Beck bemerkte scherzend, der Graf würde über die veränderte Szene große Augen machen. Er sandte mir ein Briefchen, in dem er seine Schwüre wiederholte; der Bote bat, wie Figaro die Rosine, um eine freundliche Antwort, und wenn ich dieselbe auch nicht fertig in der Schürzentasche herumtrug, händigte ich ihm doch schleunigst meine Dankesworte ein, denen ich liebevolle Wünsche vorsichtig hinzufügte. Mit bösen Bemerkungen über meinen Mangel an Zartgefühl stellte mir Herr Beck diesen Brief später zurück, den der Bote ihm übergeben hatte. Almasi, der wahrscheinlich ein Opfer des Krieges wurde, habe ich nicht wieder gesehen, wohl aber nach sieben Jahren das niedere Fenster im Käferthaler Gasthof und den kleinen Hausgarten, und will nicht leugnen, daß mir dabei die Augen feucht geworden sind.

In der Zwischenzeit war ich von der Frau Kriegsrätin zu Kirchhöfers und von da zur Familie Marconi gezogen; der Vater war Kontrabassist am Orchester, ein geschickter Musiker und origineller Mensch, wie aus der alten italienischen Komödie herausgestohlen, intrigant, schlau und egoistisch, die ältere Tochter, Seppel genannt, wurde eine bedeutende Lustspielactrice, die jüngste, Nanny, unter dem Namen ihres Gatten, des Landschaftsmalers Schönberger, eine berühmte Sängerin. Damals waren beide ungeschliffene Diamanten, Seppel eine etwas triviale Naive, der jeder neue Verehrer einen Ring opfern mußte; wie man sich etwa von jedem guten Freund einen Vers ins Stammbuch schreiben läßt, trug sie die Zeichen ihrer Eroberungen der Reihe nach an den Fingern, und da sie aus der Natur ihrer Beziehungen kein Geheimnis machte, blieb ihr Ruf nicht unbescholten, wie man aus ihrem Beinamen »Schnippschnapp« entnehmen kann. Die kleine gute Nanny hatte das Prinzip, alles, was sie wünschte, mit Heulen und Schreien erreichen zu wollen, und da sie vieles wünschte, ertönte das Haus den ganzen Tag von ihrem Gebrüll. Die Küche war nicht besser bestellt wie bei der Frau Kriegsrätin, ich mußte viel aus meinen Privatmitteln anschaffen, wiewohl ich dasselbe aber vorsichtig verschloß, war es stets wie durch Hexerei verschwunden, und ich mußte mäuschenstille sein, wenn ich nicht ein Tutti von Seppels geläufiger Zunge, Herrn[66] Marconis deutschverderberischen Grobheiten und der im pfälzischen Dialekt vorgetragenen Empfindlichkeit einer in Gestalt und Wesen viereckigen Magd über mich ergehen lassen wollte. Unterdessen waren die Österreicher so nahe gekommen, daß ihre Kugeln die Festung von einem Ende zum andern durchsausten; sonderbar, daß die Menschen, die offenbar vor einer Katastrophe standen, keine Vorkehrungen trafen. Man gab (am 29. Oktober 1795) im Theater d'Allayracs »beide Savoyarden«, ich sang eben als der eine mit dem Gutsherrn ein Duett, als eine fürchterliche Kanonade das Haus erschütterte, als ob sie von der Straße aus erfolgte. Das Orchester verstummte, die Rufe der französischen Offiziere, daß nichts zu befürchten sei, verhallten wirkungslos, und als wir abgehen wollten, befand sich das ganze Bühnenvölkchen bereits in aufgelöster Disziplin. Acteurs und Statisten in ihren Kostümen, Schneider, Friseure, Zimmerleute und Mägde schleppten Körbe und drängten nach dem Ausgang; unter niederfallenden Kanonenkugeln und prasselndem kleinen Gewehrfeuer traten wir, Seppel als junge Bäuerin mit Strohhütchen und flatternden Bändern, ich als Savoyarde, unseren Heimweg an und dankten dem Himmel, als wir uns unter Dach befanden, das freilich auch keinen sicheren Schutz mehr gewährte. Es brannte in der Nacht in mehreren Stadtteilen, indes ein unerschrockener Priester mit lauttönender Stimme zum Löschen und Retten aufforderte; alle Schrecken des Krieges traten in Erscheinung und erfüllten die Gemüter mit Angst, Schmerz und Trauer. Betty Koch mit ihren Eltern und Iffland hatten sich nach Heidelberg gerettet, warum Herr Beck und wir nicht Gleiches taten, weiß ich nicht mehr oder habe es vielleicht nie gewußt. Diese Abhängigkeit wurde mir immer drückender, je mehr sich Kälte und Unmut meiner Lehrerin bei jeder Fürsorge ihres Mannes für mich steigerten; doch war ihre schließliche Eifersucht nicht ganz grundlos, indem seine Herablassung in eine Neigung übergegangen war, die sich zwar innerhalb des edlen Rollenfaches hielt, das er auf der Bühne spielte, aber für mich die Unannehmlichkeit einer doppelt scharfen Bewachung mit sich brachte. Er verbarg seine Stimmung keineswegs, verlangte von seiner Frau, daß sie sich in seinen Willen fügen und blindlings[67] an seine Rechtlichkeit glauben sollte, und zog in seinem Egoismus meine schiefe Stellung nicht in Erwägung, aus der ich mich je eher, desto lieber heraussehnte.

Nach einer fürchterlichen Nacht brach den 30. Oktober 1795 ein grauenvoller Morgen an. Nach ungewöhnlich starker Kanonade trug der Wind Jammergeschrei aus der Ferne herüber, man hörte deutlich das Pardonflehen, die Kommandos der Offiziere, Zurufe wie »courage, mes enfants«, während die Franzosen der Besatzung händeringend und verzweifelt auf den Straßen umherirrten. Als sich mit Tagesanbruch der Nebel teilte, kam eine Karawane blutender, verstümmelter, sterbender Menschen auf Leiterwagen, Tragen und Pferden die Straße herab; unter unbeschreiblichen Szenen hielt der Vorbeimarsch mehrere Stunden an, eine Bahn von Blut auf ihrem Schmerzenspfade zurücklassend. Die Österreicher hatten unter dem Schutze der Nacht das französische Lager überfallen und ihm eine schreckliche Niederlage beigebracht, aber aus Irrtum auch unter den eigenen Truppen mörderisch gewütet. Von diesem Augenblicke an waren wir den Schrecknissen einer Belagerung preisgegeben, denn die Österreicher standen dicht vor den Wällen. Jedermann floh in die Keller, ich aber folgte aus begreiflichen Ursachen lieber der Familie Marconi als Herrn Beck und seiner Gattin; der Zufluchtsort lag unserer Wohnung gegenüber im Hause des verstorbenen Herzogs von Zweibrücken, neuerdings dadurch merkwürdig, daß Kotzebue darin ermordet wurde. Die sämtliche Einwohnerschaft dieses Kellers hatte ihre Betten und übrigen Habseligkeiten schon in den Vertiefungen des Gewölbes aufgetürmt und in den Ecken auf- und übereinandergehäuft. Mehrere Lampen in den Abteilungen der aneinanderstehenden Keller beleuchteten mit ungewissem Schein die düstere Umgebung. Für einige Bequemlichkeit hatte man gesorgt, Stühle, Tische und Bänke waren vorhanden, und unter anderem Gerät lagen in einer Ecke auch einige Bücher. Während ich, die erste im Keller, mich ein wenig zu orientieren suchte, indem ich meinen Blick bald dahin, bald dorthin wendete, bereitete sich vor demselben eine wahrhaft komische Szene vor, als Kontrast zu dem Trauerspiele, das uns bevorstand. Ein hoch aufgetürmter Ballen wogte eine Weile hin und her; endlich[68] reckte sich ein langes dürres Bein aus der Masse empor. Durch diesen Umstand, wahrscheinlich das Gleichgewicht verlierend, rollte der ganze Ballen mit seinem sonderbaren Inhalte von der bedeutenden Höhe auf den Boden nieder, und aus ihm entwickelte sich mühsam der Eigentümer dieses einen Beines, zu dem sich bald ein zweites gesellte, um mit dem Oberkörper zusammen eine getreue Kopie des weltberühmten Aesop darzustellen. Er war über das zu frühzeitige Heraustreten aus seinem Inkognito so bestürzt, daß er mir nur unter Zittern und Zagen den Bericht erstatten konnte, er sei ein armer Schneiderlehrling, dessen sich niemand annehme, und habe sich oben in die Sachen versteckt, um unten ein Unterkommen zu finden. Mit einem Worte, er hatte seine spindelbeinige Person eingeschmuggelt und wünschte während der Schreckenszeit die Kellerluft mit uns zu teilen. Ich versprach ihm Schutz und Duldung im Namen sämtlicher Einwohner des unterirdischen Reiches.

Da ich die Ankömmlinge nicht kannte, unterblieb in den ersten Stunden jede Unterhaltung, und ich suchte in den Büchern nach Zeitvertreib. Da fand ich in Lavaters Physiognomik die Köpfe wieder, deren Anblick mich zu Hause oft ergötzt hatte; eine unbeschreibliche Sehnsucht nach den Meinigen erfaßte mich, und zum erstenmal entlockte mir die Angst vor der Gefahr die bittersten Tränen. Nachdem sich der Keller gefüllt hatte, begann ein methodisches Bombardement, das heißt ein unaufhörliches, das sich in den nächsten Tagen verstärkte, da Mannheim von drei Seiten beschossen wurde. Die Erde schien von der Gewalt des Geschützdonners zu zittern, die Mauern über uns bebten, und doch wurde man auch mit diesen unerhörten Erscheinungen vertraut. Ich und noch ein paar junge Mädchen wagten uns zuweilen in die unteren Zimmer des Hauses, um das Tageslicht wieder einmal zu sehen und etwas von den Neuigkeiten aufzuschnappen, die sich die Männer, die da oben abwechselnd Wache hielten, einander mitteilten. Eines Tages war ich aber so sehr von dem Verlangen ergriffen, die Anstalten und einige Bekannte im Theaterkeller zu sehen, der etwa hundert Schritte entfernt war, daß ich mich auf den Weg machte, das Abenteuer zu bestehen. Daß es mit großer Gefahr verbunden war, brauche ich nicht zu bemerken, indes führte mich[69] der Himmel glücklich zu meinem Ziele. Die Szenen, die sich dort dem Auge boten, sind schwer zu beschreiben, manche ließen sich in ihrer merkwürdigen Beleuchtung Rembrandt vergleichen, andere schienen lebendig gewordene Murillos. Im Bauche großer Fässer hatten ganze Familien ihre Häuslichkeit aufgeschlagen, aber am allerinteressantesten hatte sich Herr von Dalberg eingerichtet. Eine ländliche Theaterdekoration schloß ihn von dem übrigen Publikum ab; das Innere war mit allen Bequemlichkeiten und heller Beleuchtung versehen, und der Ausgang aus diesem kleinen Etablissement geschah durch eine ebenfalls dem Bühneninventar angehörige Tür. Lange hielt ich mich jedoch auf diesem merkwürdigen Schauplatz nicht auf, eingedenk der bedenklichen Reise, die ich wieder heimwärts zu machen hatte. Durch Übung kann man den Kugeln auch etwas von ihrer Pfiffigkeit ablernen, und so kam ich unter dem Schutz des Himmels mitten durch den Kugelregen glücklich zurück; ich hätte übrigens das Wagstück um keinen Preis wiederholen mögen, zumal die Heftigkeit des Schießens beständig zunahm. Der Vorrat der Lebensmittel wurde immer geringer, daß man sich nach zwölf Tagen und Nächten voll Angst und Entbehrung zum Tode verurteilt fühlte – da versetzte ein Knall wie aus hundert Feuerschlünden, das Aufspringen der Türen, das Geklirre der Fenster über unseren Häuptern, die sämtlichen Kellerbewohner in eine Betäubung, die erst nach und nach Worte fand. Noch waren wir in der äußersten Spannung auf die Lösung des schrecklichen Rätsels begriffen, als sich die obere Kellertüre auftat, die Sonne des Tages in die düsteren Räume hereinstrahlte, in denen das künstliche Licht bereits verloschen war, und Herr Beck wie ein Engel mit dem Palmenzweig erschien, uns zur Auferstehung ins Leben zu rufen. Er brachte die Nachricht, daß durch das Sprengen einer mit Pulver gefüllten Kasematte eine Bresche entstanden sei und die Franzosen dadurch zur Kapitulation genötigt wären. Tausende strömten aus ihren Verliesen in die frische Luft, in die Kirchen; Freunde und Bekannte reichten sich entzückt die Hände, viele eilten den deutschen Siegern entgegen, die nun Herren der Stadt waren, während die französische Besatzung kriegsgefangen abzog.[70]

Den folgenden Tag ertönte aus denselben Schlünden, die noch vor kurzem Tod und Verderben verbreitet hatten, unter dem reinen blauen Himmel ein freudiges Victoria, und die ganze Einwohnerschaft, die sich auf den Wällen drängte, ließ ihre Dankgebete für die glückliche Errettung zum Himmel emporsteigen. Bei dieser Feierlichkeit lernte ich den Herzog Georg von Meiningen kennen, der mich während seines mehrwöchigen Aufenthalts fast täglich besuchte und mir beim Abschied versicherte, daß ich auf ihn in allen Fällen rechnen könne. In diesen freundschaftlichen Gesinnungen blieb er sich gleich bis zu seinem Tode (1803), der von seinen Untertanen und allen, die ihn kannten, tief betrauert ward. Nach den überstandenen Schrecknissen begann nun eine schöne Zeit für Mannheim; das österreichische Militär mit seinem Frohsinn brachte wieder Leben ins Theater und hatte auch einen angenehmen Einfluß auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen ich freilich wiederum ausgeschlossen blieb. Ich war viel mit Betty zusammen, im übrigen auf meine Gedanken angewiesen, und als nunmehr Achtzehnjährige zu einer noch strengeren Zurückgezogenheit verurteilt. Indessen war das Marconische Haus dafür ziemlich ungeeignet, denn es war der Sammelplatz aller militärischen Chargen vom General bis zum Fähnrich, und für Seppels Ringsammlung blühte die schönste Ernte. Weil der Ehrgeiz immer die erste Rolle unter meinen Trieben spielte, beschloß ich, mich nie in die fröhlichen Gesellschaften zu mischen, die dicht vor meinem Zimmer versammelt waren. So mußte ich zuweilen ausharren, bis abends um zehn Uhr die Herrschaften ihrem fröhlichen Punsch Valet sagten, hatte dafür aber auch den Genuß, wenn ich meinen Stubenarrest verlassen mußte und aus Höflichkeit einen Augenblick im Gesellschaftszimmer verweilte, mich mit schmeichelhaftem Empressement behandelt zu sehen. Noch einen bedeutenderen Vorteil wußte ich aus diesen Umständen zu ziehen, daß ich nämlich die vornehmen und reichen Leute, die sich bei Marconis eingefunden hatten, wie die Grafen Kolowrat, Clary, Thun, Fürst Liechtenstein und Lobkowitz, um Hilfe für Notleidende ansprach und ihnen stets reichliche Gaben zuführen konnte. In dem Marconischen Zirkel verkehrte auch der Offizier, der uns[71] beim ersten Ausflug aus dem Keller die Besichtigung der Bresche barsch verboten hatte, ein hübscher Mann und Freund von Iffland und Beck. Graf Veterani war ein natürlicher, guter Mensch, liebte die Musik leidenschaftlich und wurde von seinen Kameraden und Vorgesetzten hoch geschätzt; seine äußeren Verhältnisse waren nicht glänzend, aber ausreichend, gestatteten ihm jedenfalls eine freie Wahl. Als er mir Herz und Hand anbot, kannte ich ihn erst kurze Zeit, war aber nicht wenig für ihn eingenommen, obgleich ich das nicht empfand, was, wie ich glaube, nur einmal im Leben das Herz im tiefsten bewegt. Da er meinen Vater und Herrn Beck von allen Verhältnissen unterrichtet hatte, hätte einer Verbindung nichts im Wege gestanden, wenn seine Familie ihr nicht abgeneigt gewesen wäre. Sein Vorgesetzter, Oberstleutnant Kotulinsky, ersann alle möglichen Schikanen und beantragte, als sie nicht zum Ziele führten, Versetzung, so daß er nur hin und wieder im strengsten Inkognito mit Lebensgefahr auf eine Stunde nach Mannheim kommen konnte. Trotz alledem setzte er nach Friedensschluß unsere förmliche Verlobung durch; liebe Freunde, Fürst Reuß, Generalleutnant Graf Figuelemant, Oberst von Stutterheim sowie Herr Beck unterschrieben den Kontrakt, und letzterer erklärte mich sozusagen für mündig, wenn ich auch von meiner Selbständigkeit keinen Gebrauch machte und alles beim alten blieb.

Der Graf ging nach Weimar, um sich meinen Eltern und der Herzogin Anna Amalia vorzustellen, ich sollte unterdessen meine Beziehungen zum Theater aufgeben, was durch die Umstände sehr erleichtert wurde. Der Friede war von kurzer Dauer, und man hegte in Mannheim die Befürchtung, daß sich die kriegerischen Vorgänge wiederholen könnten; die meisten Mitglieder des Theaters wurden deshalb auf unbestimmte Zeit entlassen, mußten sich aber reversieren, auf Anruf zu ihrer Dienstpflicht zurückzukehren. Manche benutzten diese Gelegenheit, anderwärtige Engagements einzugehen, wie Iffland, der mit Berlin abschloß; Betty Koch wurde mit ihrem Vater in Wien engagiert, wo sie sich später als Madame Roose einen bedeutenden Künstlerruf erwarb. Ich reiste mit der Familie Beck, die in Gotha, der Heimat meines Vormunds, die Wendung[72] der Dinge abwarten wollte, meiner Heimat zu. Nach innigem Abschied von Betty verließ ich Mannheim leichten Herzens, denn alle meine Lieben waren entschwunden; und wenn ich auch in keiner privaten Beziehung zu Iffland stand, würde das Verlöschen dieses Sternes meine innere Leere noch vermehrt haben. In einer schwer bepackten Kutsche reisten wir ab, Herr und Madame Beck, Madame Schäffer, ihre Mutter, ich und die zwei Kinder sowie die Köchin neben dem Kutscher. Waren die Landstraßen damals derart, daß man vier Stunden für eine Meile brauchte, so die Nebenwege geradezu halsbrecherisch, und solcher mußten wir uns bedienen, um nicht den Franzosen zu begegnen, die im Hessischen in einzelnen Horden herumzogen. Man lernt sich schließlich in alles finden, und ich würde Schlaf gefunden haben, wenn nicht die kleine Auguste alle Augenblicke von meinem Schoße herabgeglitten wäre und mich in wachem Zustand durch ihre Lebhaftigkeit in Atem gehalten hätte. Dazu hatte Herr Beck ein eigenes Talent in Auswahl der Nachtquartiere, falls der Kutscher uns nicht in Fuhrmannsherbergen absetzte, und so kam ich matt und zerschlagen in Gotha an, wo mir ein dumpfes Zimmer im »Mohren«, ein hochfahrender Kellner – denn solche hat es gegeben, ehe die Gasthöfe zu Hotels avancierten – ein nebenan tagender Herrenklub, neue Annehmlichkeiten bereiteten. Am anderen Morgen flog ich meinem Vater in die Arme, der mit meiner Schwester gekommen war, mich abzuholen, trennte mich mit einem kurzen Abschied von der langen Freundschaft, um mit Talbot zu sprechen, von Herrn Beck und seiner Frau, und bestieg den Wagen, der mich nach sechsjähriger Abwesenheit in die Vaterstadt zurückführte. Der Gewinn, den mir Mannheim brachte, bestand in der sorgfältigen Ausbildung meines Talents, während ich mir meinen Charakter selbst formen mußte und den früheren Eindrücken manche gute, aber auch manche überspannte Ideen anschloß. Wenn ich in meinen Erlebnissen fehlerlos und leidend erscheine wie die Heldin eines sentimentalen Romans, so muß ich diesen süßlichen Eindruck durch die nachträgliche Bemerkung zerstören, daß ich leidend war, weil in so früher Jugend ohne alle Freude dahinleben leiden heißt. Fehlerlos[73] aber war ich nicht, denn ich muß mich mancher Nachlässigkeit in meinen kleinen häuslichen Angelegenheiten zeihen, und im übrigen hätte ich fleißiger sein sollen. Die Unklugheit und Unbesonnenheit kommen nicht ganz auf meine Rechnung, ebensowenig das mangelnde gesellschaftliche Benehmen; rühmen kann ich nur meine Gutmütigkeit und die Lebhaftigkeit meines Geistes. Mit solchen Eigenschaften trat ich nun ein neues Leben an, in dem mir vor allem Besonnenheit nötig gewesen wäre, die ich unglücklicherweise nicht besaß.

Quelle:
Jagemann, Karoline: Die Erinnerungen der Karoline Jagemann nebst zahlreichen unveröffentlichten Dokumenten aus der Goethezeit. Dresden 1926, S. 52-57,59-74.
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